Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 2

In der Morgenstille zog Recka durch den Untersteiner Forst. Wohl führte sie die Zügel, doch ihr Rappe suchte die Pfade, wie er wollte. Mit verlorenen Blicken starrte sie vor sich nieder. Zuweilen unter einem stockenden Atemzug, hob sie die Augen und sah umher, als fände sie sich in fremder, nie gesehener Gegen. Dann wieder versank sie in ihr Brüten und Sinnen. Ein Rehbock, den der Hufschlag aufgescheucht, flüchtete vor dem Pferd vorüber. Da erinnerte sich Recka, dass sie zum Waidwerk ausgezogen wäre, und griff nach dem Bogen; doch sie merkte, dass sie einen leeren Köcher an den Sattel gehängt hatte. Seufzend ließ sie die Hände sinken, und ein müdes Lächeln ging über ihre Lippen.

Im Weiterreiten gewahrte sie nicht, dass der Rappe den Heimweg suchte. Sie blickte erst auf, als das Pferd unter den Bäumen hinaustrat auf die Seelände. Beim Anblick des Fischerhauses flog eine dunkle Röte über ihr Gesicht, und sie zog mit so heftigem Ruck den Zügel an, dass der Rappe sich bäumte. Sei wollte wenden, aber da ließ sie die Zügel wieder sinken und raunte mit zuckenden Lippen: "Fürcht' ich mich schon vor ihm?" Zornig auflachend, stieß sie dem Pferd den Stachel in die Flanke, dass es mit tollen Sprüngen hinwegjagte über den Sand.

Edelrot, welche mit Hilmtrud auf der Hausbank saß, gewahrte die Wazemannstochter. "Recka! Recka!" rief sie und eitle zum Hagtor. Doch als sie auf die Lände trat, war die Reiterin schon im Uferwald verschwunden. "Recka! Recka!" Und mit flatterndem Röcklein lief Edelrot der Ache zu. Vor der Brücke holte sie die Wazemannstochter ein. "Recka, so hör' mich doch, oder kennst Du die Stimm' Deiner Gesellin nimmer?"

Langsam wandte Recka das Gesicht und blickte mit halbgeschlossenen Augen auf das Mädchen nieder. "Wer bist du?"

Erschrocken und sprachlos starrte Edelrot zu der Reiterin auf. Als aber Recka sich abkehrte und den Rappen auf die Brücke lenkte, lief ihr das Mädchen nach und klammerte sich mit beiden Händen an ihr Kleid. "Ja was hast Du denn? So schau mich doch an! Ich bin's ja, ich, Deine Treugesellin!"

"Lass Deine Hände von mir!", rief die Wazemannstochter in aufwallendem Zorn. "Du bist Deines Bruders Schwester, mehr weiß ich nicht von Dir!"

Erblassend trat Edelrot zurück, und ihre Augen wurden nass, während sie den Goldring, den sie von Recka empfangen, von ihrem Finger streifte. "Wenn Du um meines Bruders willen mich nimmer kennen magst," sagte sie mit schwankender Stimme, "so nimm auch den Reif wieder, den Du mir gegeben hast auf Lieb' und Treu!" Sie legte den Ring in Reckas Hand. "Tu, wie Du magst, lös' Deine Lieb' von mir ... die meine soll Dir bleiben, solang ich leb'!"

Recka starrte auf das Ringlein in ihrer Hand, dann hob sie tief atmend die Augen. Der Ausdruck ihrer Züge wandelte sich, und in tiefer Bewegung stammelte sie: "Rötli, Rötli!"

Hastige Schritte erklangen im Wald, und Sigenot kam unter den Bäumen hervorgestürzt. Als sähe er die Tochter Wazes nicht, so stellte er sich mit dem Rücken gegen sie, fasste die Hand der Schwester und sagte, halb atemlos: "Wie hast Du vergessen können, was ich Dich geheißen hab'? Du sollst nicht weilen außer Tor! Winter liegt her um unseren Hag, und die Wölf' gehen um!"

"Aber so schau doch," flüsterte Edelrot, "ich bin ja nicht allein!"

"Ich seh' nur Dich!"

Da lachte Recka. Sie senkte die Hand, das Ringlein kollerte über ihren Schoß, fiel nieder auf einen Stein, sprang klingend in die Höhe und verschwand im schießenden Wasser der Ache. Schluchzend hatte Rötli das Kleinod noch haschen wollen; aber Siegenot hielt die Schwester fest und führte sie mit sich fort. Recka sprengte über die Brücke und den Reitweg empor, dass ihr Rappe zu schnauben und zu schäumen begann. Wie versteinert waren ihre Züge ihres Gesichtes, doch ihre Augen schimmerten feucht. Als sie das Tor erreichte, hörte sie aus dem Burghof lautes Johlen und schallendes Gelächter. Mit jähem Ruck verheilt sie das Pferd. "Sie lachen, und ich möchte schreien vor Schmerz und Zorn!" Ungestüm wandte sie den Rappen und nahm den Weg wieder talwärts. Hinter ihr schallte das Geschrei und das johlende Gelächter, über welches eine kreischende Stimme sich hinaushob.

Mitten unter Wazemanns Knechten und Mägden stand Bruder Wampo, welcher gekommen war, um Eberweins Weisung zu erfüllen und Waze mit seinem Sohn Henning vor den Herrensitz im Lokiwald zu laden. Gedrückten Mutes, hungrig und müde, hatte der Bruder Wazemanns Haus erreicht. Mehrmals auf dem Weg war er gar übel in die Irre geraten, und hatte er einen Hag gefunden, so war trotz all seines Rufens das Tor geschlossen geblieben. Das hatte ihn mit böser Ahnung erfüllt. "Geschieht mir so von den Knechten, wie werden sie mit mir umspringen im Herrenhaus!" Klopfenden Herzens und den Blick der Sorge in den kleinen Äuglein, hatte er, endlich an seinem Ziel angelangt, den Burghof betreten. Als die Knechte und Mägde zusammenliefen und ihn unter lachenden Reden beguckten wie ein drolliges Wundertier, lehnte er schweigend den Stab an die Mauer, wickelte den Rosenkranz um die Linke, als wäre die geweihte Perlenschnur sein Schild, und zog gleich einem Schwert das hölzerne Kreuzlein aus dem Gürtel. "So, jetzt kommt nur an, jetzt bin ich gewappnet!" Er trat den Lachenden entgegen, doch seine Stimme schwankte ein wenig, als er nach dem Herrn des Hauses fragte. Kaum aber hörte er, dass Herr Waze mit seinen Söhnen ins Gejaid gezogen wäre, da richtete er das runde Köpflein auf, und es wuchs ihm der Mut wie dem Hasen im Kleefeld, das der Bauer mit der Sense verlässt. Mit hohen Worten verkündete er die Wichtigkeit seiner Sendung. "Und ich rat' euch, erweist mir alle Freundlichkeit und Ehrfurcht, auf dass ihr Eurem Herrn einen guten Fürsprech an mir gewinnt!" Denn ich sag' Euch: Er kann ihn brauchen. Sonst möcht' ihn wohl das Grausen ankommen vor dem Gericht, das ihn erwartet!" Die Mägde nahmen diese Rede mit Verblüffung auf, die Knechte mit Schreien und Gelächter. "Was lacht ihr und sperrt die Mäuler auf?", rief Bruder Wampo mit aller Würde, die er sich zu geben vermochte. "Führt mich in das Haus, dass ich Euren Herrn in Ruh' erwarte! Und ich sag' Euch: In die beste Stub', darin das Tischlein gedeckt ist und der Krug gefüllt, wie es einem fürnehmen Gast zukommt ..."

Unter dem Gelächter der anderen warf sich eine Magd auf die Knie. "So fürnehmen Herrn muss man grüßen mit Fingerkuss!"

Freundlich blickte der Bruder auf sie nieder und reichte ihr die Hand. "Deine Demut soll Dir vergolten werden mit reichem Lohn!" Als aber die Magd nicht seine Hand, sondern die eigene küsste und lachend aufsprang, wurde seine Stirne dunkelrot, und zornig rief er: "Wartet nur, hinter mir wird einer kommen, der wird es Euch verleiden, Gespött zu treiben mit einem frommen Mann! Ich sag' Euch zum letzten Mal: Jetzt führt mich ins Haus! Ich bin nur ein bescheidener Gottesknecht und für mich selber möcht' ich keinen Tropfen und kein Bröselein begehren. Aber ich bin gekommen an meines Herren statt, und seinetwegen will ich kein Härlein von der Ehr' vermissen, die ihm zukommt! Gebt Gott, was Gottes ist, oder es könnt' geschehen, dass der Teufel an Euch sein Recht begehrt!"

Die Mägde lachten, die Knechte wurden grob, und einer schrie: "Aber so führt ihn doch zum Mahl, es ist ja schon aufgetragen, schnell, schnell, sonst fressen ihm die anderen alles weg!" Er fasste Wampos Arm, zerrte den Verblüfften zu einem Schuppen und öffnete vor ihm das Türlein des Schweinestalls. "Da, fang nur gleich an! Und tummel Dich, dass Du nicht zu kurz kommst."

Es fehlte nicht viel, so hätte Bruder Wampo in seinem Zorn dem Knecht das Kreuz auf den Kopf geschlagen, doch ehe sein Arm noch fiel, besann er sich. Unter dem dröhnenden Gelächter, das ihn umgab, küsste er das Kreuz und verbarg es mit dem Rosenkranz unter seiner Kutte, an der Stelle des Herzens. Zwei dicke Zähren rollten über seien zitternden Backen, während er die Augen zum Himmel hob: "Tu mir nicht zürnen, Du Allgütiger, weil ich Deine heiligen Zeichen an einen solchen Ort getragen hab'!" Dann ballte er die Fäuste, und kreischen hob sich seine Stimme: "Nur her auf mich! Meint ihr, dass ich Furcht hab' vor Euch? Ihr Unfläter, ihr Stallbrüder von denen da drinnen! Und ob ihr mich auch zerreißt, ich will keinen Schrei wider Euch zum Himmel tun. Denn Gottes Hand ist mir viel zu gut und heilig, als dass ich sie anrufen möcht' zur Hilf' gegen Euch! Ihr Teufelsbraten übereinander! Grausen tut mir vor Euch! Und möchtet ihr mich gleich zu einem Mahl führen, wie es der Kaiser hat, nicht hinrühren tät' ich mit einem Finger! Euch aber, wartet nur, Euch wird eine Schüssel aufgetragen werden mit einer brenzligen Supp', von der ein übler Geruch ausgeht und ein heißer Dampf!"

Diese Prophezeiung trug dem Bruder einen Puff ein, der ihn wanken machte. Aber nicht schweigen! Wie ein mutiger Jagdhund inmitten der Wolfsmeute, so stand er und biss um sich mit den scharfen Worten seines Grimmes. Die Adern schwollen ihm an Hals und Schläfen, in dunkler Röte brannte sein Gesicht, und der Schweiß rann ihm in hellen Bächlein über den Kahlkopf und die Backen. Jedes saftige Schmähwort, das sie ihm zuschrieen, jeder Stoß, der ihm an die Rippen fuhr, mehrte noch seine Tapferkeit. "Schimpft nur und schlagt mich, es kommt schon die zahlende Stund'! Wie der Sturmwind über das Traidfeld, wird der Teufel herfahren über Eure Köpf'! Es hat schon gerumpelt heut Nacht ... da hat er sein Schürhakl aus dem Feuer gerissen! Aber wartet nur, wenn er ausfahrt aus dem Berg, mit glühenden Hörnern und feuriger Zung' ... da wird es heißen von Euch, wie beim Propheten Ezechiel: Nicht viele werden entkommen, in den Schlupfen der Berge werden sie sich verkriechen, Furcht wird sie umhüllen, Angst wird auf ihren Gesichtern sein, und Glatze auf ihren Köpfen!"

Die Stelle war unvorsichtig gewählt - Bruder Wampo hatte der eigenen Glatze vergessen. Da gab es nun böse Scherze zur Antwort, und das kahle Köpflein des Bruders hatte bitter zu leiden. Seien Stimme, ob sie auch schmetterte wie eine Trompete, ging unter in dem Geschrei und Gelächter, in dem Höllenlärm, der ihn umringte - denn das Geschrei im Hof hatte auch alle Stimmen in den Ställen geweckt, die Hunde im Zwinger kläfften wie toll, im Käfig brummte der Bär, und der Wolf saß auf den Hinterbeinen und heulte gradauf in die Luft.

Sie spielten dem Bruder so übel mit, dass in einer der Mägde das Erbarmen erwachte. Sie riss ihn aus dem Knäuel und lachte. "Jetzt lasst ihn aber endlich in Ruh! Schaut ihn nur an, er schwitzt ja schon!"

"Jawohl, ich schwitz', jawohl!", schrie Bruder Wampo atemlos. "Und jedes Tröpflein, das ich vergieß', ist eine Ehr' für mich. Denn ich gleich' dem schwitzenden Philosophen, dem eines Tages ein Freund begegnet ist. 'Warum schwitzt Du?', hat ihn der Freund gefragt. Und der Philosoph hat erwidert: 'Weil ich mich herumgeschlagen habe mit Unflätern und Dummköpfen!'"

Ein Dutzend Hände griffen nach ihm, und da der Bruder merkte, dass die Reise vor die Mauer begänne, rief er mit kreischender Stimme: "Nur zu, nur zu! Und ich bitt' Euch, gebt mir nur einen festen Schwung. Denn mein Wohltäter ist ein jeder, der mich hinauswirft aus einem solchen Haus. Eurem schiechen Hauswirt aber sagt, dass er geladen ist vor Gericht, zwischen heut und dem dritten Tag! Stehen soll er vor meinem Herrn wie das Wölflein vor dem Löwen! Merken soll er, dass von meinem Herrn das Wort des Jesaias gilt: Gott hat ihn gerufen zur Gerechtigkeit, er führt ihn an der Hand und setzt ihn zum Licht ..."

Bruder Wampo fand nicht Zeit, die Worte des Propheten zu vollenden. Seine Bitte, ihm einen "festen" Schwung zu geben, wurde flink und redlich erfüllt. Aber nicht das Falltor hatten sie für ihn geöffnet, sondern das schmale Pförtlein über dem Felsenstieg, und da war es ein Glück, dass Bruder Wampos Bäuchlein in dem Türloch einen harten Durchlass fand, dessen Reibung die Kraft des Schwunges linderte. Sonst wär' es ihm wohl kaum gelungen, mit den Händen noch das Seil zu haschen, das an der steilen Felswand befestigt war. Ein Schwindel befiel ihn fast, als er von der knappen Stufe nieder blickte in die Seetiefe, und doch verließ ihn der Mut nicht. "Bin ich denen da drin entronnen, so komm' ich wohl auch noch heil da hinunter ." Unter einem Stoßgebetlein begann er den Abstieg. Das war für ihn ein doppelt bedenklicher Weg, denn die Stufen waren schmäler als die Breite seines Leibes, und er musste sich krampfhaft an die Felswand drücken, um das Übergewicht seines irdischen Teils nach Möglichkeit zu mindern. Während er sich mit zitterndem Fuß von Stufe zu Stufe tastete, klang über ihm das Geschrei der Wazemannsleute, deren Köpfe auf der Mauer erschienen waren. Es regnete üble Scherzworte auf ihn nieder und auch sonst noch mancherlei Dinge, für deren nähere Betrachtung dem Bruder auf seinem bösen Weg keine Zeit verblieb.

Als er glücklich den ebenen Waldgrund erreichte, tat er einen brunnentiefen Atemzug und schüttelte den Unrat von sich ab, den sie von der Mauer auf ihn niedergeworfen. "So ein Teufelsnest!", schalt er und hob die geballten Fäuste gegen Wazemanns Haus. "Aber gelt, hingesagt hab' ich's Euch! Aber schon gehörig! Wartet nur, wenn wir wieder einmal zusammenkommen, dann sollt ihr noch schärfere Wörtlein hören!" Wieder schüttelte er die Kutte, und als er, langsam dem Pfad folgend, zum Ufer gelangte, blickte ihn der klare See so kühl und verlockend an, dass der nach Erfrischung Lechzende nicht zu widerstehen vermochte. "Kalt wird's sein, aber gut!" Ein Busch, in welchem er sich zum Bad entkleiden konnte, war bald gefunden. Als er mit Armen und Schultern aus der Kutte schlüpfte, machte er sorgenvolle Augen zu seinem eigenen Anblick. "Fein haben sie mich zugerichtet, das muss ich sagen! Ausschauen tu' ich wie ein Ferch: Blau und grün schillerig, mit roten Tupfen!"

Er sprang ins Wasser, vor Kälte prustend und mit den Zähnen schnatternd. Aber wie ein Fisch, der an der Angel zappelt, schlug er um sich, und dabei wurde ihm warm, so dass ihm das Bad gar wohl behagte. Nicht weit vom Ufer sah er die stille Insel - sie lockte ihn. Auf dem Rücken liegend, schwamm er dem Röhricht entgegen, und wenn ihm Wasser in den Mund geriet, blies er die Backen auf und spritzte aus den Lippen ein dünnes Brünnlein in die Höhe. Als er die Insel erreichte und zwischen dem Schilf umherwatete im weichen, warmen Schlamm, hörte er auf dem jenseitigen Waldhang die frische, helle Stimme eines Burschen klingen.

Fröhlich hallte das Albenlieb im Wald, und die jauchzenden Jodelrufe weckten das Echo an der Falkenwand.

Edelrot erschien in der offenen Tür des Fischerhauses. Sie lauschte, und eine zarte Röte huschte über ihre schmalen Wangen. "Der Ruedlieb!" Mit leuchtenden Augen spähte sie gegen den Wald; aber noch konnte sie den heimkehrenden nicht gewahren, sie hörte nur sein klingendes Lied. Und obgleich sie die Worte nicht verstehen konnte, so wusste sie doch, was das Liedlein sagen wollte: "Rötli, hab' acht, ich komm'!"

Es zog sie zum Tor, aber sie dachte der Mahnung ihres Bruders. Nach allen Seiten blickte sie, doch die Hofreut war leer - Hilmtrud saß bei Mutter Mahtilt in der Herdstube, und Sigenot war mit den Knechten, mit Eigel und Kaganhart hinter dem Haus, wo sie an den Pfählen zimmerten, mit denen Sigenot den Hag zu höhen und das Tor zu festigen gedachte. Edelrot wollte den Bruder suchen. Schon lief sie am Haus entlang, da hörte sie, wie das Lied des Burschen jählings verstummte mit heiserem Schreckenslaut.

"Was hat er denn?", stammelte sie, von banger Sorge befallen. Ihr Röcklein flatterte, so hastig lief sie über den Hügel hinunter zum Tor. Kaum gelang es ihren schwachen Kräften, den schweren Sperrbalken aus der eisernen Öse zu heben. Als sie den Torflügel aufstieß, hörte sie den Buben schon über die Lände einher springen, mit keuchendem Atem.

Nun stand er vor ihr, und bei seinem Anblick fasste sie ein Schreck, der ihr die Sprache nahm. Er war ohne Hut und Grießbeil, Leichenblässe deckte seine Züge, die Augen starrten in Angst, und kaum trugen ihn noch die zitternden Knie. Edelrot wusste: Er war ein mutiger Bub, der nicht Wolf und Bären fürchtete, nicht Feuer und Wasser - es musste ihm Entsetzliches widerfahren sein. Sprechen konnte sie nicht, nur die Hände streckte sie ihm entgegen, und da fiel er auf die Knie vor ihr, umschlang sie mit den Armen und drückte das Gesicht in ihren Schoß. Mit zitternden Händen versuchte sie ihn aufzuheben. Sie wollte nach Hilfe schreien, aber der Laut erstickte auf ihren Lippen. Seine starren Augen blickten zu ihr auf. "Sag', Rötli, sag', ist das wahr, dass einer sterben muss, der den Bid gesehen hat?"

"All ihr guten Mächt'! Ruedlieb!", lallte sie und klammerte die Arme um seinen Hals. Tränen stürzten über ihre Wangen. "Sigenot! Sigenot!", wollte sie schreien. Aber der Bub sprang auf und drückte die Hand auf ihre Lippen. "Tu nicht rufen, Rötli! Wer's ausredet, der macht's noch ärger!"

Zitternd hielten sie sich umfangen, und als sie langsam hinaufstiegen zum Lugaus, suchte eines das andere zu stützen und zu führen. Nun saßen sie auf der Bank, aneinandergelehnt, mit verschlungenen Händen. Zitternde Sonnenlichter spielten um sie her, und im Laub der Eichen rannte der sachte Wind. In saftigem Grün stand Edelrots Bäumchen. Es war an ihm kein Blatt noch welk geworden, während an Sigenots krankendem Jahrbaum alle Blätter müd und lechzend hingen wie nach langer Dürre.

Schwer atmend hob Edelrot das Köpfchen und blickte mit angstvollen Augen hinaus über den stillen, schimmernden See, in welchem die kleine Insel lag, umgeben von blaugrünem unbewegtem Röhricht. Diese Ruhe berührte ihre bangende Seele wie Trost. "Gelt, nein?", lispelte sie. "Gelt, Du hast ihn nicht gesehen?"

Scheu blickte Ruedlieb um sich und begann zu flüstern. "Durch den Seewald bin ich hergestiegen und hab' gesungen in meiner Freud', weil ich nur Dich wieder sehen soll. Denn weißt, in der letzten Nacht ... oder hat man's am End' bei Euch herunten gar nicht gespürt, wie die Erd' gebidmet hat?"

Sie nickte nur und deckte die Hände vor die Augen. Grauen befiel sie bei der Erinnerung dessen, was sie gehört und erfahren in der verwichenen Nacht.

"Wie es gerumpelt hat, und die Steinlahnen sind niedergegangen über alle Wänd' ... schau, Rötli, da hab' ich in meiner Angst nur allweil an Dich denken müssen, und drum ist mir so leicht und freudig ums Herz 'worden, wie nach der schiechen Nacht ein so stiller und schöner Tag aufgestanden ist, und der Vater mir hat sagen lassen, dass ich heim darf. Wie ich vom Seewald aus Eurer Dach gesehen hab', da hab' ich singen müssen und meine Freud' hinausschreien. Aber wie ich herkomm' ans Ufer und schau' zum Bidlieger hinaus ..." Die Worte stockten ihm.

Lautlos die Lippen rührend, umklammerte Rötli seinen Arm.

"Ich hab' gemeint vor Schreck, ich müsst' tot umfallen auf der Stell'!"

"Gesehen hast ihn? Gesehen!"

"Aus dem Schilf ist er aufgestiegen, ein grauslicher Unhold, keinen Hals hat er und keinen Leib, nur einen endsgroßen, runden Kopf, schier zehnmal größer als ein richtiger Mannskopf ... und gleich am Kopf hängen die schwarzen Füß', und wo die Menschenleut' die Ohren haben, hat er die Arm', und keine Nas' hat er im roten Gesicht, und Haar' hat er auch nicht ... er muss geschuppt sein wie ein Fisch! Rötli, ich hab' den Bid gesehen! Jetzt muss ich sterben!"

"All ihr guten Mächt'! O all ihr guten Mächt'!", jammerte das Mädchen und rang die Hände.

Er blickte sie an, während die Zähren über seine Lippen kollerten. "Ich tät' mich vor dem Sterben nicht fürchten! Aber schau, ich hab' Dich lieb!"

"Und ich Dich auch!"

Schluchzend umschlang sie ihn, schmiegte ihre Wange an die seine, und so saßen sie wortlos, und ihre Tränen flossen ineinander.

Als Ruedlieb einmal aufblickte und scheu hinausspähte über den See, fasste ihn neuer Schreck. "Rötli, tu nicht aufschauen!", stammelte er und wollte die Hände über ihre Augen drücken. "Ich seh' ihn wieder!"

Edelrot sprang auf und riss die Hände des Buben von ihrem Gesicht. "Hast Du ihn sehen müssen, so fürcht' ich mich auch nimmer und schau' ihn an!"

"Rötli! Rötli!", jammerte Ruedlieb und suchte sie vom Lugaus hinweg zu reißen. Aber Edelrots Blicke waren schon hinaus geglitten über den Seeweiher. Zwischen der Insel und dem waldigen Ufer unter der Falkenwand trieb eine große, runde, rot schillernde Kugel über die Flut, vergleichbar einem riesigen, halb in das Wasser versunkenen Kürbis ... es war der "Kopf" des Bid. Weiße Wellen umschwankten ihn, manchmal tauchte etwas auf wie eine rote Flosse, und dann spritzte ein Wasserstrahl in die Höhe, der in glitzernde Tropfen zerfiel. Im Röhricht des Ufers verschwand der Unhold.

Schwer atmend stand das Mädchen und strich mit den zitternden Fingern über das blasse Gesicht.

"Rötli, was hast getan!", klagte der Bub in ratlosem Kummer. "Wär's nicht an mir genug gewesen? Jetzt hab' ich Dich auch noch in den Tod gerissen!"

Da fasste Edelrot sein Gesicht mit beiden Händen und flüsterte in selig verlorenem Lächeln: "Ich hab's ja so wollen! Tu Dich trösten, mein Liebgesell ...jetzt sterben wir miteinander!" Mit verschlungenen Armen sanken sie auf die Bank, im ersten Kuss hingen ihre Lippen an einander, und ihre Sinne gingen unter im süßen Vergessen junger Liebe.

Still und schimmernd lag der See, auf dem Dach gurrten die Tauben, hinter dem Haus klang der Schlag der Beile, und aus dem Wald herüber tönte wie eine Rätselstimme der Natur das Rauschen der Ache. Rötli und Ruedlieb hörten nicht.

Hinter dem Haus kam Wicho hervor. Er sah das Hagtor offen, schüttelte befremdend den Kopf und ging, das Tor zu schließen. Als er den Sperrbalken eingelegt hatte und wieder emporsteigen wollte über den Hügel, gewahrte er das Pärchen auf dem Lugaus. "Schau nur," sagte er lächelnd, "da ist heimlich ein Blümel aufgeblüht in aller Not!" Ein dumpfes Dröhnen, das wie der Widerhall fernen Donners klang, machte ihn lauschen und aufblicken. "Ist denn noch allweil keine Ruh? Die ganzen Berg' sind roglig!", murmelte er und spähte mit sorgenvollen Augen zur Höhe. Unter den höchsten Felswänden des Jennar sah er, winzig klein in der Ferne, eine Staubwolke aufsteigen. Eine Schuttlawine war niedergegangen, und wie ein tiefer, stöhnender Seufzer der Natur lief das Echo über die Berge hin. War es ein verspäteter Nachklang der vergangenen Nacht? War es eine Mahnung an kommende Schrecken?

Das Echo rollte - Rötli und Ruedlieb hörten nicht.

Sie hatten in der Not nicht gesucht nach Trost und Hilfe, und dennoch hätten sie sagen können: Wir haben gefunden, was wider alles hilft und alles überdauert!

Freilich, der alte Gobl hätte gelächelt zu solcher Rede: "Meint ihr die Lieb'? Ist die Lied' nicht auch gewesen in meinem Herzen, in meinem Haus? Mein Herz ist leer geworden ... und wo steht mein Haus? Aber ich hab' gefunden, was wider alles hilft. Mich geht kein Schrecken mehr an und keine Furcht ... denn mir ist alles eins. Mein Lachen, das bleibt hinter allem!"

Und in stundenweiter Ferne, im Kirchlein der Ramsau, saßen Hiltischalk und Hiltidu Seite an Seite in einem Betstuhl. "Tu nimmer weinen, Hilti!", flüsterte der Greis. "Schau hinauf zu ihm, der die Hilf ist wider alle Not! Er hat mich gehoben aus der Windach und wird uns nimmer sinken lassen. Nur recht aus tiefstem Herzen müssen wir schreien: Mein guter Herr, Du mein Gott! Und Vertrauen müssen wir haben! Nachher wird er schon alles richten und schlichten, wie's gut und recht ist!" Hiltidiu trocknete die Zähren und nickte lächelnd.

Mit verschlungenen Händen saßen die zwei greisen Menschen im Betstuhl - so still in sich und ihren Trost versunken, wie auf dem Lugaus des Fischerhauses das junge, blühende Paar ...

Rötli und Ruedlieb hörten nicht, dass am Hagtor gerüttelt wurde, und eine fremde Stimm reif: "In lieben Himmels Namen: Gebt Einlass einem frommen Gottesmann!" Sie blickten erst auf und lösten die Arme, als es lebendig wurde in der Hofreut. Sigenot kam mit den Sennen, mit Eigel und Kaganhart hinter dem Haus hervor, und Hilmtrud erschien in der offenen Tür.

Als der Hag geöffnet wurde, und Bruder Wampo den Fischer erkannte, breitete er in heller Freude die Arme. "Ich hab' mir aber gleich gedacht, dass mir das liebe Kreuz da draußen ein guter Weiser sein wird!" Sigenot musste sich die mit einer Schwierigkeit sich vollziehende Umarmung des Bruders und zwei schnalzende Küsse gefallen lassen. Dann setzte sich Wampos Zünglein in Bewegung. Das erste, was er zu berichten hatte, war das traurige Schicksal, welches die Ferchen und Hechte im Lokiteich gefunden.

"Wär' das die einzige Not, die aus der heutigen Nacht gewachsen," meinte Sigenot, "wider die wär' bald geholfen!" Er führte den Bruder zum Haus und wollte schon hinter ihm die Tür treten, da sah er den Sohn des Richtmanns stehen, Hand in Hand mit Rötli. In Freude und zugleich mit Kummer betrachtete er das Paar, denn er merkte wohl, wie es stand um diese jungen Herzen, und es währte lange, bis er fragen konnte: "Ruedlieb, weiß Dein Vater, dass Du in meinem Hag weilst?" Der Bub schüttelte den Kopf. Sprechen konnte er nicht. "So muss ich Dich weisen aus meiner Hofreut," sagte der Fischer mit gepresster Stimme. "Ich tue' es ungern, denn ich hab' Dich lieb, aber Dein Vater könnt' mit Sorg' und Unmut hören, wo Du gewesen bist."

Rötli und Ruedlieb standen wie versteinert. Sigenot legte den Arm um die Schwester und reichte dem Knaben die Hand. "Ich mein', das spürt ihr alle beid', dass ich Eurem Glück ein Haus bauen möcht', lieber heut als morgen. Aber zwiespältige Zeit ist eingefallen, die dem Glück Feind ist wie der Winter den Blumen. Fehd' liegt über dem Gadem. Ich steh', wo ich stehen muss, und Dein Vater, Bub, steht auf der anderen Seit'." Ruedlieb wollte sprechen, doch Sigenot streifte ihm die Lippen mit der Hand. "Tu keine Frag' ... ich hab' schon geredet bis zu dem Fleckl, auf dem das Schweigen anfangt. Und sei gescheid, Liebli, geh heim! Denn schau: Der Bub muss stehen, wo der Vater steht ... von aller Treu und Lieb' die erst', das muss die Treu für Haus und Blut sein!" Sigenot atmete tief, und mit verlorenem Blick schweiften seine Augen über den See hinweg zur Höhe der Falkenwand. "Geh heim, Liebli! Und kommt wieder gute Zeit ... Dir, mein' ich, bleibt sie nicht aus ... nachher wird wohl der Weg, der Deinem Herzen lieb ist, auch Deinem Vater taugen. Eine weiß ich, die wartet auf Dich! Gelt, Rötli?" Zärtlich strich er mit der Hand über das Haar der Schwester, welche schluchzend das Gesicht an seiner Brust verbarg.

Unter stammelnden Lauten streckte der Bub die Hände. Doch als der Fischer den wehrenden Arm zwischen ihn und die Schwester legte, wandte sich Ruedlieb und taumelte über den Hügel hinunter. Am Pfosten des Hagtors musste er eine Stütze suchen. Und schluchzend schrie er: "Ich komm' wieder, Rötli! Ich komm', ich komm'!"

Da riss sich Edelrot aus ihres Bruders Armen, und die beiden bleichen Wangen von Zähren überronnen, rief sie in heißem Schmerz: "Und kommst auch nimmer und nimmer, wir zwei, wir müssen uns finden, so bald der Mond wieder voll wird!" Sie meinte die Nacht, in welcher Ruedliebs Leben und das ihre dem Bid verfallen war.

Hilmtrud, die auf der Hausbank saß und Ruedlieb scheiden sah, verschlang die Hände im Schoß und murmelte: "Not über Not! Schau einer hin, wo er mag ... überall brennt ein Haus, überall schreien die Leut'!" Da setzte sich Kaganhart an ihre Seite. Scheu und Unruhe sprachen aus seinen Augen. "Was willst?", fragte Hilmtrud.

"Lass Dir im Guten raten," flüsterte er, "und bleib dem Schwarzkittel aus der Näh'. Herr Waze ist wider die Klosterleut' ... und wenn wir bauen wollen, müssen wir allweil wieder hinauf zu ihm und um Schlagrecht für das Bauholz bitten."

Das Weib sprang auf, wilden Hass in lodernden Augen. "Mann, das sag' ich Dir: Nicht eher wird der erste Baum zu unserem Haus geschlagen, eh' der da droben nicht den letzten Schnaufer tut. Sie trat ins Haus.

Der Bauer folgte ihr: "Ist das ein Weib!", murmelte er und strich mit der Hand über das Haar. "Will mit dem da droben auch noch zanken und raufen!"

Nach einer Weile saßen sie alle in der Herdstube um den gedeckten Tisch. Nur Mutter Mahtilt wollte das Mal nicht teilen, und Rötli blieb bei der Mutter am Herd. Bruder Wampo hatte den Ehrenplatz eingenommen. Jeden Bissen würzte er mit Späßen, so dass sich manchmal helles Gelächter um den Tisch erhob, und zuweilen sogar über Sigenots Lippen ein Lächeln huschte. Es schien, als hätte sich der drohende Schatten, der über den Köpfen dieser Menschen hing, für ein Stündlein in freundliche Helle verwandelt. Am lautesten unter allen lachte Kaganhart, und um gedoppelten Trost zu haben, griff er so mutig in die Schüssel, dass Bruder Wampo, den Entsetzten spielend, die Arme wie zum Schutz vor die andere streckte und mit dem alten Sprichwort rief: "Habt acht! Ein Bayer frisst, da werden wir all mit gefressen!"

Als das Mahl zu Ende war, und die Männer die Herdstube verlassen wollten, stellte sich Bruder Wampo vor die Türe. "Holla! Jetzt wird noch geblieben ein' Weil'! Vor dem Mahl haben wir all im Hunger das Beten vergessen, das wird aber jetzt fein säuberlich nachgeholt! Wartet nur, ihr Heidenschüppel, ich will Euch schon Christentum predigen. Draußen vor dem Hag wird der Herr aufgestellt, und Euer Haus soll er hüten ... gelt, das tät' Euch schmecken? Aber beten und danken will keiner! Her da zum Tisch und nachgebetet, was ich vorsag'!"

Bruder Wampo faltete die Hände und sprach mit tönender Stimme das Gebet, Zeile um Zeile. Sigenot fiel als der erste ein, und da wurden auch die Stimmen der anderen laut. Nur Mutter Mahtilts stumme Lippen rührten sich nicht. Den betenden Mönch mit finsterem Blick streifend, legte sie ein dürres Kraut ins Feuer, und die verbrennende Staude füllte die Stube mit schwerem Duft.

Nach dem Gebet verließen die Männer wortlos die Stube. Bruder Wampo wollte auf der sonnigen Hausbank die Mittagsruhe halten, doch Edelrot fasste ihn beim Kuttenärmel und zog ihn unter die Eichen. "Ich muss Dich 'was fragen, Gottesmann!" Er sah den tiefen Kummer in ihrem lieblichen Gesicht und ließ sich erschrocken führen, wohin sie wollte. Im Schatten der Bäume hielt Rötli tief atmend inne und sagte mit bebendem Stimmlein: "Es geht die Red', ihr wisst viel, ihr Gottesleut'."

"Freilich, Dirnlein, ein guter Gottesmann weiß alles."

"So sag' mir ... ist das wahr mit dem Bid?"

Bruder Wampo machte ein verdutztes Gesicht. "Mit wem? Mit was?"

"Mit dem Bid!"

"Bid, Bid? Den kenn' ich nicht! Wer soll denn das sein?"

Scheu, mit stockenden Worten, erklärte Rötli dem Bruder, wer der Bid wäre, wo er hause, und welches Schicksal aus seinem Anblick erwachse. Da schüttelte Wampo lachend den Kopf. Dirnlein, das ist Narretei und schiecher Aberglauben! Einen solchen Kerl gibt's nicht. Außer Menschen und Getier und außer den leblosen Dingen der Welt gibt's nur zwei Sachen noch: Das ist der liebe Gott mit seinen Engelein und Heiligen, die im Himmel wohnen, und das ist der Teufel mit seinen schwefligen Heerscharen, die in der Höll' hausen. So schau ... da bleibt ja fürs Wasser nichts übrig als nur die liebe Gottes Gab' der Fisch' und Krebsen. Nein, Dirnlein, einen solchen Kerl gibt's nicht! Sag' nur: Ich hab's gesagt!"

"Wenn ihn aber doch einer schon gesehen hat, den Bid?", kam es zitternd von den Lippen des Mädchens, in dessen Augen schon ein Fünklein von Hoffnung glomm.

"Gesehen? Ja wie soll er denn ausschauen?"

"Grauslich! Einen weltsgroßen, roten Kopf hat er, mit glitzrigen Schuppen wie ein Ferch, keine Nas' und keine Augen im Gesicht ... und wo die Leut' die Ohren haben, da hat er lange Flossen!"

"Pfui Teufel, der schaut aber gut aus!", lachte Bruder Wampo, dann aber stockte er und schien sich zu besinnen. "Freilich, freilich ... er weiß gar mancherlei Künst', der schieche Feind, und diemal schreckt er die Menschen in grauslicher Gestalt! Da können die lieben Heiligen davon erzählen! Aber da muss man sich noch lang nicht fürchten, Dirnlein. Sei nur gut und fromm, so hat er keine Macht über Dich. Und wenn er Dir einmal erscheinen sollt' ... ich wünsch' Dir's nicht ... aber nachher schlag' nur gleich das Kreuzzeichen, tu Dein Stoßgebetlein, und wirst sehen: Weg ist er! Weg, wie fort geblasen! Aber ein Geruch bleibt hinter ihm ... Du, da gehört eine gute Nas' dazu!"

Mit beiden Händen umklammerte Rötli die Hand des Mönches: "Ach Du guter Gottesmann, schau, ich tu' Dich bitten, zeig mir's, wie ich's machen muss!"

"Ja, Dirnlein, komm nur und setz Dich her zu mir!"

Sie saßen auf dem Lugaus in warmer Sonne, umgeben vom leisen Fall der welkenden Blätter. Als Bruder Wampo nach einem Stündlein Abschied nahm vom Fischerhaus, geleitet von Wicho, der das schwere Lägel trug, da war aus Edelrot eine gute Christin geworden, freilich eine "gute Christin" nach der Meinung Bruder Wampos. Sie hatte gezittert in Angst und Not, und da war ihr der Glaube gar leicht geworden, der den lieben Gott im Himmel walten und daneben den Teufel bestehen ließ, bei starker Hilfe wider seine üblen Künste. Ein Stündlein hatte Bruder Wampo reden müssen, um die Angst aus diesem zitternden Kind zu lösen. Vielleicht wäre ihm diese Liebesmühe rascher und leichter gelungen, wenn es ihm in den Sinn gekommen wäre, zu erzählen: "Ich habe gebadet im See ..." Da hätte wohl Rötli hellauf gelacht, und vielleicht hätte sie für kommende Zeiten die Lehre gewonnen, dass es um so manche Furcht des Lebens bestellt ist wie um den Bid des Ruedlieb: Blick hin mit verwirrten Sinnen, und Schreck und Grauen erfasst Dich - blick hin mit klarem, sehendem Aug', und die Posse macht Dich lachen!

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