Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 1

Das war ein seltsamer Morgen, still und ohne Lufthauch; sogar die Bäche schienen leiser zu rauschen, und kaum eine Vogelstimme ließ sich vernehmen. Es war in der Nacht kein Tau gefallen und dennoch deckte ein zarter grauer Duft alle Gräser, alles Grün der Bäume - Staub war es, dünner, fein zerteilter Staub. Aber es waren doch alle Wege und Pfade im Gadem steinig oder grün bewachsen - woher nur war dieser Staub gekommen? Kein Wölklein schwebte am Himmel, aus den Wäldern flatterte kein Nebelstreif, die Luft war schwül und trocken, und dennoch füllte ein grauer Dunst das Tal und alle Höhen, so dass die Berge verschleiert erschienen wie vor einem anziehenden Ungewitter. Und zuweilen sah man in der Luft ein Flimmern und Glitzern wie von feinem Sand, auf den die Sonne scheint. Und überall war ein Geruch zu spüren - es war nicht der Brandgeruch des in Asche gefallenen Hauses, es war wie jener Geruch, welcher auftritt, wenn sich die Mahlsteine ohne Korn aneinander reiben.

Und der Laubwald sah sich an, als wäre jählings in dieser Nacht das Welken über ihn gekommen. Zahllos schimmerten die gelben und rötlichen Blätter aus dem müden Grün der Buchen und Ahornbäume, und lautlos ging ihr Fall aus dem Gezweig hernieder, als sänke Feuer mit gaukelnden Zungen auf die Erde.

Es war ein seltsamer Morgen, ein Morgen wie ein Geheimnis, wie das Schweigen auf eine leidenschaftliche Frage.

Still lag die Martinsklause inmitten des stummen Waldes. Im Morgengrau war Eberwein ausgezogen, und Waldram, den nach der Erregung der vergangenen Nacht die Schwäche wieder befallen hatte, hütete das Lager. Heute, am Tage des Herrn, durfte Schweiker das Beil nicht schwingen; aber es litt ihn nicht in der Ruhe, obwohl ihm eine dumpfe Müdigkeit wie Blei in allen Gliedern lag. Langsam ging er auf der Lichtung umher und sammelte die Steine und Felsbrocken, welche die vom Berghang niedergefahrene Schuttlawine über die Rodung und bis vor die Mauern der Klause geworfen hatte. Bei jedem Stein, den Schweiker in die geschürzte Kutte legte, seufzte er tief; und immer wieder glitten seine verlorenen Blicke über das Tal der Ache hinweg und empor über den jenseitigen Berghang.

Am Rand der Lichtung vor dem grauen Schuttkegel, der die jungen Bäume auf dem Hang erdrückt, den Lauf der Quelle verändert und den Teich verschüttet hatte, stand Bruder Wampo; schlaff hingen seine Arme, und dicke Zähren rollten aus seinen Augen, welche traurig nieder starrten auf den wüsten Schutt, unter dem die schönen Ferchen und Hechte begraben lagen. "Und ich hab' mich heut schon gefreut auf den ersten!" Trübselig schüttelte er das runde, kahle Köpflein, schlug die Hände ineinander und blickte mit scheuen Augen zum Himmel auf. "Herr, Herr! Schau, das ist aber doch nicht gut und recht: Deinen armen Knechten die Fastenspeis verderben!"

Schweiker war zum Waldrand gegangen und hatte die Steine aus seiner Kutte geschüttet. Als er zur Klause zurückging und wieder hinüberspähte nach dem Berghang, sah er Eberwein über die Halde niedersteigen, auf welcher Hinzula ihre Ziegen zu hüten pflegte. Eine zitternde Erregung befiel ihn, und er verwandte kein Auge mehr von der Stelle, an welcher Eberwein bei der Heimkehr aus dem Wald treten musste. Doch er wartete umsonst.

Eberwein war im Tal dem Lauf der Ache gefolgt, hatte den Lokiwald umgangen und suchte einen Pfad, der ihn zur Ramsau führen möchte. Zwischen wirren Büschen fand er einen betretenen Steig und überließ sich ihm. Schatten lagen um seine Augen, und sein Antlitz hatte einen kummervollen Zug. Die Ereignisse der vergangenen Nacht hatten ihn mit banger Sorge erfüllt, und was er vor den Brüdern nicht hatte zeigen wollen, nagte in ihm mit doppelter Schärfe, jetzt, da er einsam war. Bei solcher Stimmung hatte auch die befremdende Erfahrung, die er soeben gemacht, tiefer auf ihn gewirkt, als es sonst wohl geschehen wäre: Beim Hag des Greinwalders, zu dem die Sorge um die arme misshandelte Hirtin ihn geführt, hatte er stehen müssen vor geschlossenem Tor. Er hatte gepocht und gerufen, aber niemand war gekommen, ihm zu öffnen, und er hatte doch in der Hofreut Schritte gehört. Man wollte nicht öffnen, ihm nicht öffnen! Weshalb nicht? Welche Ursach' konnten sie haben in jenem Haus, das Tor vor der Hilfe zu sperren, vor dem Freund? Diese Frage wühlte in ihm, und er fand keine Antwort.

Aus den Büschen führte ihn der Pfad in dichten Wald und unter den Bäumen hervor auf eine weite Lichtung. Es waren die Halden der Strub, welche vor ihm aufstiegen in welligem Hügelland. Gemähte Wiesen wechselten mit geräumten Feldern, und dazwischen, weit zerstreut, standen einzelne Gehöfte, niedere Hütten und Scheunen, von hohem Hag umzogen. Bei ihrem Anblick wich die Schwermut aus Eberweins Augen. Ihm schwoll vor Freude das Herz bei dem Gedanken, wie viel es hier für ihn zu schaffen gab, zu raten und zu nützen. Er sah: Hier lebte und wirtschaftete das Volk noch, wie es draußen vor den Bergen die Leute getrieben hatten vor hundert Jahren. Das sollte anders werden! Er wollte sie lehren, den Lein zu bauen an Stelle des rauen Hanfes. Und wie übel die Felder anzusehen waren! Da galt es, besseren Pflug zu führen. Und sie sollten lernen, die Steine aus den Furchen zu sammeln und rings um den Acker aufzuschichten zur Schutzmauer, auf welcher sich die Dornenhecke wider das Hochwild flechten ließ. Und diese armseligen Hütten! Das sollte sich wandeln! Er wollte sie lehren, mit steinernem Sockel zu bauen, mit Fachwerk in der Mauer und mit geschindeltem Dach. Und so übel wie von außen, waren die Hütten wohl auch anzusehen in ihrem Innern. Da sollten trauliche Stuben entstehen und wohnsame Kammern. Und wenn der lange Winter käme, sollten die Männer und Buben das hohle Eisen und das kurze Messer führen lernen, um handliches Holzgerät zu fertigen und freundliches Schnitzwerk.

Eberweins Wangen brannten, und leuchtend blickten seine träumenden Augen in die kommende Zeit. Raschen Ganges folgte er dem Pfad, der einem Hag entgegenführte. Blauer Rauch wirbelte aus dem Hüttendach, Stimmen klangen in der Hofreut, und das Tor stand offen. Auf der Schwelle der Haustür saß ein Weib, den Hanfrocken unter dem Arm, in der Hand die tanzende Spindel. Zwei nackte Kinder tummelten sich lachend im Hof, und der junge Bauer hielt ein drittes auf dem Arm. Als Eberwein vor dem Tor erschien, fuhr ein zottiger Hund auf ihn los und kläffte. Der Bauer wandte das Gesicht, und den Mönch gewahrend, stand er einen Augenblick erschrocken und unschlüssig; dann setzte er hastig das Kind auf die Erde, sprang zum Hag, schleuderte mit dem Fuß den Hund zurück, schlug das Tor zu und legte den Balken ein.

Mit trübem Lächeln wandte Eberweins ich ab und folgte einem schmalen Felsweg, hügelab und hügelauf. Nach einer Weile kam er zu einem zweiten Gehöft. Im offenen Hagtor stand ein alter Bauer, welcher verschwand, als er den Mönch des Weges kommen sah. Und wieder fand Eberwein das Tor geschlossen. Eine dunkle Röte stieg ihm in die Stirn, und es zuckte seine Faust, als möchte sie den Eingang erzwingen; doch er fand die Ruhe wieder und rief: "Mann, tu mir auf! Gottes Gruß Deinem Haus!"

"Wer will ein zu mir?"

"Dein bester Freund!"

"Der bin ich selber und brauch' keinen andern."

In aufflammendem Zorn schlug Eberwein den Stab an das Tor. "So öffne Deinem Herrn!"

"Was Herr? Wer Herr?", klang die raue Stimme zurück. "Meines Herren Stimm' kenn' ich ... die Deinig' ist mir fremd! Ich tu' nicht auf!" Und klappernde Schritte entfernten sich.

Eberwein stand ratlos und streifte mit zitternder Hand über die Stirn. "Was ich erlebe, ist wie ein Rätsel! Bruder Hiltischalk in der Ramsau soll es mir lösen!"

Er wanderte in drängender Eile über die Halden, ohne Wahl jedem Pfad folgend, den seine Füße fanden. Bald hier, bald dort sah er Leute laufen und in den Gehöften verschwinden. Einmal blieb er stehen und rief mit bebender Stimme: "Bin ich denn noch, der ich gewesen? Oder bin ich ein reißendes Tier geworden, dass die Menschen vor meinem Anblick fliehen wie die Schafe vor dem Wolf!" Als er an einen Bach gelangte, dessen Lauf zu einem stillen Tümpel sich ausbuchtete, beugte er sich über das Wasser und starrte auf seinen Spiegelbild. Aufatmend wandte er sich ab und übersprang den Bach. In Gedanken versunken, achtete er des Weges nicht und geriet in dicht verwachsenen Wald. Bald aufwärts steigend, bald wieder niederwärts, folgte er den schmalen, häufig sich kreuzenden Wildpfaden. Bald hörte er das Rauschen eines Wassers, bald wieder war tiefe Stille um ihn her. Über niedere Felswände musste er klimmen, durch wirres Gebüsch sich kämpfen, über Schluchten sich schwingen, unter gestürzten Bäumen hindurchschlüpfen und mannshohe Hecken von verflochtenen Wurzeln überwinden. Stunde um Stunde verging ihm auf so mühsamer Wanderung, und noch immer wollte der Wald kein Ende nehmen. Schon war ihm in beginnender Erschöpfung zu Mut, als sollte er niemals wieder dieser Wildnis entrinnen, da klang ihm, freundlich und hell, der Schall eines Glöckleins durch den Wald entgegen. Seine Augen wurden nass, in jäher Freude streckte er die Arme und rief: "Klinge, Du holde Stimme, Du führst den Irrenden auf guten Weg!" Und mit erneuten Kräften kämpfte er sich durch die Wirrnis des Urwaldes, der Richtung zu, aus welcher die Glocke tönte. Er kam in lichteren Wald, in welchem die Spuren der Axt zu erkennen waren, und fand einen Pfad, der ins Freie führte.

Ihm zu Füßen, zwischen grasigen Halden und steilem Bergwald, lag ein enges, lang gestrecktes Tal, in dessen Tiefe ein reißender Bach durch grauen Schutt seine Straße grub. Überall an seinen Ufern sah man die Zeichen der Zerstörung, die er angerichtet in wilden Tagen. In weiter Ferne, wo die Berge sich schlossen, schimmerte ein kleiner grüner See. Friedliche Sonntagsstile lag über dem Tal; nur die Ache rauschte, und das Glöcklein tönte. Zwischen den mächtigen Kronen alter Ulmen und Linden sah Eberwein das plumpe, hölzerne Türmlein ragen, in dessen Lucken die Glocke sich schwang. Das Turmdach zeigte die Spuren eines Brandes, und ein neues, weißes Holzkreuz schimmerte auf der Zinne.

"Hier wohnt Gott und mein Bruder, hier will ich frohe Einkehr finden!" Gerden Wegs stieg Eberwein über die steilen Halden hinunter. Aus einem nahen Gehöft liefen ihm zwei Kinder entgegen, ein Bub und ein Dirnlein, in hanfene Kittelchen gekleidet, gestrählt und sauber gewaschen. Als sie näher kamen, blieben sie stehen und schauten einander an. "Das ist er ja nicht!", lispelte das Dirnlein. "Das ist ein junger!"

"Aber schwarz häset ist er auch!", meinte das Bübchen und lugte mit schiefem Köpflein zu Eberwein auf, der den Stab in die Erde stieß und mit gestreckten Händen sich den Kindern näherte.

"Gott grüß Euch, ihr lieben Kinder!"

Zutraulich fassten sie seine Hände, und ihre hellen Stimmlein klangen: "Gott grüß Dich auch!"

Da warf sich Eberwein auf die Knie, umschlang die Kinder und drückte ihre linden, warmen Körperchen an seine Brust. "Die ersten, die ich halte! Die ersten, die mir freundlich sind!" Zähren erstickten seine Worte.

Mit scheuen Augen beugte sich das Dirnlein zurück und rührte mit dem Händchen an Eberweins Wange. "Mann, warum weinst denn? Tut Dich hungern oder dursten?"

Er musste unter Tränen lächeln. "Ach ja, mein Dirnlein! Wie mich hungert und dürstet nach Eurer Liebe! Aber sag', mein kleines Schätzel, wie heißt Du denn?"

"Moidi1!", erwiderte das Dirnlein stolz. "Wie die liebe Gottesmutter!"

"Und Du, mein kleiner Mann?"

Das Bürschlein nahm das ganze Mäulchen voll. "Ich heiß', wie Gott Vater heißt: Seppeli!"

Eberwein hörte in tiefer Bewegung die christlichen Namen und hatte seine helle Freude an dem kleinen Kirchengelehrten, der in seiner fünfjährigen Weisheit Gott Vater mit dem braven Zimmermann von Nazareth verwechselte. Da rief hinter dem Hag des nahen Gehöftes eine Frauenstimme die Namen der Kinder, mit dem winkungsvollen Zusatz: "Kommt zum Mus!" - und nun konnte Eberwein das Pärchen nicht mehr halten. Er griff an den Gürtel und fand seine Tasche nicht, er wollte schenken, und seine Hände waren leer. "Ich will den Trost vergelten, den ich von Euch gewonnen!", sagte er und küsste die Kinder auf die roten Wangen

Dann stieg er die Halde hinunter, erquickt in seinem Herzen und wie neu belebt. Noch eh' er das Tal erreichte, sperrte zwischen Bäumen und welkenden Büschen eine hohe Hecke seinen Weg. Das Glöcklein war verstummt, doch aus dem Kirchhof, von welchem die Hecke ihn schied, hörte er Stimmen. Durch eine Lücke sah er zur Rechten die Holzmauern des Kirchleins, welches von Grabhügeln umgeben war, und zur Linken ein niederes Balkenhaus, der Hütte eines Bauern gleichend. Neben der Tür erhob sich eine alte Linde, welche mit ihren Ästen das Moosdach überspannte. Ihren mächtigen Stamm umzog eine Steinbank, auf welcher Hiltischalk saß, der Ramsauer Leutpriester. Er hatte wohl achtzig Winter schon gesehen, denn schneeweiß fielen ihm die dünnen Haarsträhne auf die Schultern. Eine lange, schwarze Lodenkutte, an der Hüfte mit einem Stricklein festgebunden, umhüllte den hageren gebeugten Leib. Der Bart war geschoren, und die weißen Stoppeln deckten das halbe Gesicht. Freundliche Augen lugten unter den weißen Dächlein der Brauen hervor, und herzlich klang seine sanfte, langsame Stimme. "Jetzt geht heim zu Weib und Kind," sagte er zu einigen Männern, welche vor ihm standen mit sorgenvollen Gesichtern, die Kappen in der Hand, "geht heim und sorgt Euch nimmer! Ich weiß Euch besseren Trost nicht als allweil den einen: Baut auf den Himmel, vertraut auf Gott! So kann Euch kein Unheil ankommen, und keine Not kann fallen über Euch!"

"Wohl, wohl!", sagte einer der Männer kleinlaut und strich die Hand über das struppige Haar. "Aber der alte Runot ist doch auch ein guter Christ, und der best' schier von uns allen ... und heut in der Nacht, derweil er fern gewesen ist, hat doch der Bidem2 sein Haus geworfen!"

"Wohl, wohl," fiel der Pfarrherr ein und hob die zitternde Hand, "das hast Du aber gut gesagt: Derweil er fern gewesen ist! Freilich, freilich, das Häusl ist gefallen! Aber es ist ein altes Häusl gewesen .... und schaut, Mannerleut', was alt ist, geht seinem letzten Stündl zu, Mensch oder Haus, Vieh oder Baum, Berg oder Tal. Das Häusl ist alt gewesen und hat fallen müssen. Und jetzt schaut, Mannerleut': Was Gott getan hat, weil der Runot sich allezeit gehalten hat als guter Christ ... Gott hat das alte Häusl fallen lassen, derweil der Runot fern gewesen ist! Freilich, freilich, das Häusl liegt, aber der Runot steht gesund und lebig und kann seien Buben rufen von der Alben und kann ein neues Häusl bauen. Und wir all', Mannerleut', gelt, wir all' helfen dazu um Gottes Lieb'?"

Da nickten die Männer.

"Ja, ja, ich sag's halt allweil: Nur auf den Himmel bauen, nur auf den lieben Gott vertrauen! Haltet nur Ihr fest ... der liebe Gott lasst nicht aus! Schaut nur, wie er an mir getan hat! Das ist schon lang her! Da bin ich einmal hinaufgestiegen über den Windacher See, eine Alberin besuchen, weil sie krank gelegen ist..."

Zu hundert Malen hatten die Männer schon gehört, wie ein Wunder Gottes den Hiltischalk in der Windachklamm gerettet hatte aus Not und Tod. Aber geduldig und gläubig lauschten sie der Erzählung des Greises bis zum frohen Ende.

"Und schaut, Mannerleut', seit derselbigen Zeit ist in mir der rechte Glauben gewesen. Ist eine Not über mich gefallen oder über Euch ... gleich hab' ich zu meinem lieben Herrn gerufen, so recht aus tiefstem Herzen. Und das hat noch allweil geholfen. Viel Unglück, Mannerleut', viel, viel hab' ich verhütet mit meinem Rufen! Und hat halt das ein' und ander' doch kommen müssen ... denn wisst: Der schieche Feind hat Macht ... so hab' ich es mit meinem Rufen doch allweil linder gemacht und hab' die ärgste Härt' davon weggebetet. Drum geht jetzt nur heim, Mannerleut' und sorgt Euch nimmer! Sie soll nur bidmen, die Erd', sie soll nur bidmen! Ich weiß schon einen, der festhält! Da hab' ich keine Sorg', gar keine!" Er faltete die Hände im Schoß und suchte mit langsamen Augen den Himmel. "Eine einzige Sorg' noch hab' ich gehabt in meinem Leben, und die hat mein guter Herr jetzt auch von mir genommen."

Fragend blickten ihn die Männer an, und einer sagte: "Eine Sorg'? Was wär' denn das für eine?"

"Schaut mich doch an, Mannerleut'! Bin ich nicht alt, wie dem Runot sein Häusl gewesen ist? Und was alt ist, geht seinem jüngsten Stündl zu. Aber wenn ich einmal nimmer bin, wer wird denn sein an meiner Stell', wer wird Euch denn halten beim Guten und Rechten? Wer wird denn rufen für Euch in Not und Fahr? So hab' ich allweil denken müssen in Tag und Nacht. Aber derzeit ich gehört hab' gestern, dass die frommen Brüder gekommen sind ins Gademer Land, derzeit ist auch die letzte Sorg' von mir gefallen!"

Eine Bewegung der Unruh ging über die Männer, und sie blickten einander an mit stumm redenden Augen.

"So eine Freud'! Was sagt ihr, Mannerleut' ... so eine Freud' hat mein guter Herr mich noch genießen lassen auf meinen Abend! Über die vierzig Jahr' lang hab' ich keinen mehr gesehen, der das heilige Häs getragen hat. Vierzig Jahr', Mannerleut'! Aber heut noch muss ich hinaus, heut noch! Freilich, der Weg ist schiech und weit für meine müden Füß'..."

"Ich will ihn Dir sparen, mein guter Bruder!", klang die bewegte Stimme Eberweins. Er hatte die Hecke geteilt und war über den brüchigen Erdwall in den Kirchhof nieder gestiegen. Scheu traten die Männer auseinander, und der greise Pfarrherr starrte auf Eberwein wie auf ein frohes Wunder. Stammelnd richtete er sich auf, und wie ein Vater, der den ersehnten Sohn begrüßt, eilte er mit offenen Armen auf Eberwein zu und warf sich an seine Brust. "Sei gegrüßt, sei gegrüßt viel tausendmal, Du mein lieber Bruder in Jesu Christ!" Und als wäre für ihn die Freude zu groß, um sie allein zu tragen, so rief er: "Mannerleut', so kommt doch her..." Betroffen verstummte er und riss die Augen auf - die Männer waren verschwunden. "Schau, jetzt sind sie heimgegangen, jetzt, derweil sie doch hätten bleiben sollen! Freilich, freilich, ich hab' ja gesagt zu ihnen: Geht heim!" Und wieder schlang er die Arme um Eberwein. "Gelt, mein lieber Bruder, gelt, jetzt weilst Du ein lützel bei mir und tust Dich setzen an meinen Tisch ... und ..." Er riss sich los und humpelte in geschäftiger Eile, mit fuchtelnden Händen dem Haus zu. In der Tür verschwand er, und seien zitternde Stimme klang: "Hilti, Hilti! Jetzt tu Dich aber tummeln, schaff nur, schaff ... wir haben einen Gast!"

Mit glücklichem Lächeln hatte Eberwein dem Greis nachgeblickt und hob die Augen zum Himmel: "Ja, Herr, hier wohnst Du!" Langsam ging er zur Steinbank unter der Linde. "Wie mir wohl ist!" Da hörte er hinter sich ein Rascheln, und als er sich umblickte, gewahrte er einen kleinen Holzbau, der sich an die Mauer des Kirchleins lehnte - das Beinhaus. Fast zur Mannshöhe waren unter dem niederen Dächlein weiße Totenschädel und gebleichte, menschliche Gebeine sorgsam übereinander geschichtet, wie man Brennholz zu klastern pflegt. Eine große, lang geschwänzte Ratte kletterte schnuppernd an der Knochenwand hinauf. Von Grauen und Eckel befallen, machte Eberweine ein scheuchende Bewegung. Mit jähem Sprung verschwand die Ratte hinter den klappernden Gebeinen, ein kahler Schädel kollerte auf die Erde, rollte unter dem Dach hervor und blieb im welkenden Gras liegen, zu Eberwein aufgrinsend mit halb zerstörtem Gebiss und schwarzen Augenhöhlen.

Ein kalter Schauer rann durch Eberweins Glieder. Die Furcht vor dem Tod war ihm fremd - doch mitten in der reinen Gottesfreude, welche an dieser Stätte über ihn gekommen, war beim Anblick des widerlichen Tieres und beim Klappern des fallenden Gebeins ein Etwas in seine Seele geklungen, wie ein böses, prophetisches Wort, dessen Sprache jede Fiber seines Wesens beben und zittern machte. Ein Gesicht stieg auf vor seinen Augen: Überall auf dem Grund sah er offene Gräber, der Leichen harrend, die sie empfangen sollten. In den Tiefen der Erde hörte er ein Rollen, gleich dem dumpfen Gebrüll eines hungernden Ungetüms. Er sah die Berge wanken und stürzen, und über einem Chaos der Vernichtung schwebte in grauer Luft ein riesenhafter Geist, mit schwarz gebreiteten Flügeln, mit grinsendem Gebiss und leeren Höhlen an Stelle der Augen.

Eberweins schlug die Hände vor das Antlitz. "Gott der Liebe, wo bist Du?"

"Da bin ich, so, mein lieber Bruder in Jesu Christ," klang die Stimme Hiltischalks, "da bin ich wieder!"

Mit verlorenem Blick sah Eberwein auf, er sah den Glanz des herbstlichen Tages, er sah den blauen wolkenlosen Himmel, sah das glücklich strahlende Faltengesicht des frommen Greises - und atmete tief und lächelte.

Sie gingen zur Steinbank unter der Linde. Hier saßen sie wohl eine Stunde und plauderten.

Kopfschütteln hörte Hiltischalk, was ihm Eberwein von seinen Erlebnissen am Morgen erzählte.

"Die Gademer sind raue Leut'," sagte der Alte, "und der Unglauben haust noch in ihren herzen wie die Mäus in der leeren Stub'. Wie ich noch jung gewesen bin, da war's noch ein lützel besser, da bin ich all' Woch' ein paar Mal hinaus zu ihnen. Aber meine alten Füß' vermögen den Weg nimmer, und zu mir kommen sie halt nicht ... freilich, der Weg ist weit, und sie haben viel zu schaffen! Ja, ja, mein lieber Bruder in Jesu Christ, die Leut' bei uns, die haben ein hartes Leben. Der Winter ist lang und der Sommer kurz, die Not ist allweil fett, und das Brot ist mager! Und wie die Hand den Käs macht, schau, so macht das Leben die Leut'. Die Gademer haben ein raues Wesen ... aber das muss ich sagen: Geschlossene Tor hab' ich bei ihnen nie gefunden. Da muss 'was dahinter stecken!"

"Meinst Du nicht, Bruder, es könnte die böse Nacht die Leute so sehr geängstet haben, dass sie in blinder Furcht ihr Haus verschließen ... vor mir, wie vor jedem anderen?"

Der Greis schüttelte den Kopf. "In der Not schreien die Leut' und jede Hand sucht einen Halt und Stecken. Wär' die Angst in ihnen gewesen, Du hättest offene Häuser gefunden. Aber glaub mir: Eh' der Tag noch gekommen ist, haben die meisten ihren Nachtschrecken schon wieder vergessen gehabt! Und schau, wenn's anders wär', wenn sie nicht ein so kurzes Gemerk hätten ... sie könnten ja nimmer leben! Schau die Berg' an: Da steckt in jedem Steinl ein Tod und eine Not in jedem Wässerlein. Da muss man schnell vergessen können, oder der eine Schmerz fallt auf den andern hin, wie Schnee auf Schnee im langen Winter. Nein, nein, mein lieber Bruder, aus Angst haben sie ihre Türen nicht zugemacht vor Dir! Das muss 'was anderes sein! Aber wart nur, wir kommen schon dahinter, wir zwei! Und derweil musst halt Geduld haben! Und wenn Du Honig begehrst von ihnen, und sie bieten Dir Salz, da musst halt schlucken! Schau nur mich an! An die sechzig Jährlein sitz' ich auf meinem Widum! Wie ich gekommen bin, o Du lieber Herr, wie hat's da ausgeschaut! Aber ich hab's in meinem Kirchlein drin gemacht, wie drunten in meinem Gartl. Weißt, da rinnt der Bach vorbei, und all' Jahr' hat er mir ein Trumm guten Boden weggerissen. Pfähl' hab' ich geschlagen und eine Mauer hab' ich gebaut, und die Mauer hat er geworfen und die Pfähl' gerissen. Aber ich hab' nicht nachgelassen, allweil wieder hab' ich gepfählt und gebaut und hab' ihm seien Bosheiten abgelugt. Und jetzt, Bruder, jetzt lasst er mein Gartl wohl in Ruh ... der schieche Feind!" Vergnügt die welken Hände reibend, erhob sich Hiltischalk. "Aber gelt, mein guter Bruder in Jesu Christ, gelt, jetzt tust mir doch die Lieb' und schaust mein Kirchl an?"

Eberwein stand auf. "Führe mich!", sagte er, mit herzlichem Blick an dem Anlitz des Greises hängend. Sie traten in die kühle Halle des Kirchleins. Plumpe Betstühle füllten den schmucklosen Rau, und armselige Geräte zierten den steinernen Altar. Aber jedes Stücklein streichelte der Greis mit zärtlicher Hand, von jedem Stücklein wusste er eine lange Geschichte erzählen. Die Betstühle hatte er selbst gezimmert, das steinerne Taufbecken mit eigener Hand gemeißelt. Kummervoll aber blickten seine Augen, als er aus einer Wandnische einen hölzernen Buchdeckl mit eisernen Schließen hervor nahm - nur einige Fetzen beschriebenen Pergaments umschloss der Deckel noch.

"Schau nur, Bruder, schau, das ist einmal mein heilig Messbuch gewesen, aber die Mäus sind mir drüber gekommen. Ja, ja, die Mäus, wenn die nur nagen können! Die haben nicht einmal Scheu vor dem Heiligsten! Über mein Evangelienbuch, drüben im Haus, sind sie mir auch schon gekommen, die bösen Mäus!"

"Aber wie kannst Du ohne Buch die Messe lesen?", fragte Eberwein erschrocken.

"Hab' sie doch vierzig Jahr' lang mit dem Buch gelesen!", lächelte Hiltischalk. "Weißt, da ist schon 'was hängen geblieben in meinem Gemerk, wohl, wohl. Und wenn's einmal auslasst, in Gottesnamen, so red' ich halt mit meinem lieben Herrn, wie's das Herz mir eingibt." Er blickte in Eberweins Augen und fragte zögernd: "Das wird doch wohl kein Unrecht sein, gelt?"

"Nein, Bruder Hiltischalk!" Tiefe Rührung sprach aus Eberweins Worten. "Doch wenn der lange Winter kommt, dann will ich Dir ein neues Messbuch schreiben."

Der Greis nahm dieses Versprechen auf, wie die Verheißung reicher Schätze.

Diesem ersten Schreck, den Eberwein überstanden, folgte rasch ein zweiter: Seit Jahren las Hiltischalk die Messe nicht nur ohne Buch, auch ohne Wein. In früheren Zeiten hatte wohl jahraus und ein das gefüllte Fässlein in der Kellergrube gelegen. Eines Tages aber waren Wazemanns Knechte im Pfarrhof eingekehrt, durstig von der Jagd. Sie hatten den Wein gesucht und hatten ihn gefunden. Die Bauern steuerten dem Kirchlein Honig, Butter und Käse, trugen die frommen Gaben nach Hall und tauschten dafür ein neues Fässlein ein, und bald ein drittes und viertes. Doch wo der Wein auch immer verborgen wurde - Wazemanns Knechte fanden ihn wie die Mäuse das Messbuch.

"Und schau, mein lieber Bruder, da hab' ich mir sagen müssen: Wie darf ich denn allweil den Schweiß meiner armen Leut' in die schiechen Gurgeln rinnen lassen? Die Mess' aber hab' ich doch lesen müssen. So hab' ich halt gemeint, es geht mit Wasser auch. Und schau: Der zu Kanan das Wasser in Wein verwandelt hat, der hat sich das Wasser gern gefallen lassen, wohl wohl, und hat's gewandelt. Wenn ich den Kelch gehoben hab' und hab' gebetet und hab' getrunken, da hat's mir nie wie Wasser geschmeckt, allweil wie der rechte, heilige Himmelstrank!" Lächelnd blickte der Greis zum Altarkreuz auf und nickte dem Bild zu wie einem guten Freund, der sich bewährt in aller Not.

"Selig, die festen Glaubens sind!", flüsterte Eberwein. Er legte die Hand auf die Schulter des Greises. "Aber Du sollst nicht weiter Gottes Allmacht auf die Probe stellen. Ich werde Dir Messwein senden und will dafür sorgen, dass böse Hände nicht wieder rühren an das Gut Deiner Kirche."

Da rief eine schwerfällige Stimme den Namen des Priesters. "Das ist unsere Mätzel," sagte Hiltischalk, "ich mein', sie ruft zum Tisch." Im tor erschien eine Magd von abschreckender Hässlichkeit, mit dem Ausdruck des Blödsinns in den rotgeränderten Augen. "Geh nur, meine gute Mätzel," rief der Greis zu ihr, "wir kommen schon!" Und als die Magd verschwunden war, sagte er: Tu Dich an ihr nicht scheuen, lieber Bruder ... weißt, einwendig ist sie sauber und lieblich! Ist eine fromme, treue Magd, wohl wohl! Ihre Mutter ist tot ... die hat gesennt, und wer ihr Vater ist, weiß niemand. Keiner im Tal hat sie nehmen mögen, so haben halt wir sie genommen und haben's nie bereut! Wohl wohl, die Mätzel ist eine gute, brave Magd." Sie waren aus der Kirche getreten und schritten am Beinhaus vorüber; Hiltischalk sah im Gras den Schädel liegen und hob ihn auf. "Schau, schau," kicherte er, "jetzt möcht' mir der Loipli gar davonlaufen."

Erstaunt wiederholte Eberwein den Namen. "An dem kahlen Gebein erkennst Du noch das einstige Leben?"

"Freilich, Freilich," lächelte der Greis, und den Schädel in der einen Hand, streichelte er mit der anderen den Knochenhaufen, "die kenn' ich all'. Die hab' ich all' hinuntergelegt und hab' sie wieder herauf gehoben, wenn ich Platz hab' machen müssen für andere. Wenn unser guter Herr da droben am jüngsten Tag sich ein lützel irren tät' ... er tut's nicht ... aber wenn er's tät': Ich könnt' ihm schon aushelfen, dass wir meine Ramsauer wieder sauber zusammenklauben! Und der da, schau, mit dem Loch im Kopf ..." Er streckte die Hand mit dem Totenschädel, welchen Eberwein mit ernsten Augen betrachtete, "das ist der Loipli gewesen, ein junger, schmucker Bub, rechtschaffen und fromm. Am heiligen Ostertag, wie er heim ist aus der Kirch', hat ihn unter der Felswand ein Stein erschlagen. Ein halbes Stündelein früher hat er gebeichtet und das Himmelsbrot genommen. So ein Glück, wie der gehabt hat! Gelt? Wie ein weißes Täublein ist seine Seel' hinauf geflogen zu ihrem guten Herrn!" Er legte den Schädel auf den Knochenhaufen. "So, Loipli, so, mein braves Büeble, jetzt bleib schön liegen da! Weißt, Ordnung muss sein!"

Eberwein wandte sich ab und fuhr mit der Hand über die Stirn, als möchte er einen Gedanken verjagen, für den er nicht Worte fand.

Langsam gingen sie dem Haus zu. Eberwein hatte keinen Blick für den Weg und strauchelte auf der Schwelle. Mit beiden Armen stützte ihn der Greis und meinte lächelnd: "Ach, Du mein lieber Bruder, Du wist mir doch kein Unheil tragen in meine Stub'!"

Da schüttelte Eberwein den Kopf. "Welches Haus noch wäre sicher, wenn nicht das Deine?"

Sie traten in die Herdstube. Das war ein kleiner Raum, nicht besser ausgestattet als die Stube eines Bauern, aber die Armut, welche hier wohnte, hatte ein lächelndes Antlitz, und der mit gebleichtem Hanftuch überdeckte Holztisch schien dem Gast sagen zu wollen: "Komm, ich gebe, was ich habe." Das Feuer brannte noch auf dem Herd, dessen angerußte Wand mit roh geschnitzten Figürchen behangen war. Man hätte sie wohl für Alraunen und Feuermännlein halten können, wenn nicht die gelb bemalten Strahlen, die in ihren Köpfen staken, sie als Heilige bezeichnet hätten. Über dem Tisch im Winkel hing ein großes Holzkreuz, geschmückt mit den letzten Blumen des herbstes. Auf einem Wandgesims stand der zinnerne Kelch zwischen anderem Altargerät. Ein frisch gewaschenes Chorhemd hing an hölzernem Nagel und rührte sich im leisen Windzug, der durch die unverwahrten Fensterlucken in die Stube strich.

Mätzel kniete neben dem Herd und überwachte eine Pfanne, während eine greise Frau die dampfende Milchsuppe in hölzerner Schüssel zum Tisch trug. Sie war, wie Hiltischalk, in eine lange, schwarze Lodenkutte gekleidet, deren weite Ärmel die welken arme zeigten. Zwei dünne, weiße Zöpfe hingen über die Brust der Greisin, und tief in Stirn und Wangen des freundlichen Faltengesichtes reichte das aus Garn geklöppelte Häubchen, welches den Scheitel bedeckte. "Schau, mein lieber Bruder," sagte Hiltischalk zu Eberwein, "schau, das ist meine gute, brave Hiltidin." Er humpelte auf die Greisin zu und fasste sie am Ärmel. "Komm, Hilti, komm, tu unseren Gast begrüßen und dank' der Freud', die er gebracht hat in unser Haus!"

Eine dünne Röte glitt über die Wangen der alten Frau, als sie dem Mönch ihre Hand zum Gruß bot. "Gesegnet sei Dein Eingang, Herr, in unserem Haus!" Ihre Stimme klang weich und leise wie das Plaudern einer Quelle.

Hiltischalks Antlitz leuchtete vor Freude, als er sah, wie das Auge seines Gastes mit herzlichem Blick auf Hiltidin ruhte. "Ich danke Deinem Gruß!", sagte Eberwein zu der Greisin. Und zu Hiltischalk gewendet, fragte er: "Deine Schwester, Bruder? Ich sehe, sie gleicht Dir."

Mit fröhlichem Kichern rieb der Greis die Hände. "Freilich, freilich gleichen wir uns. Sind wir doch ein Herz und eine Seel' seit zweiundfünfzig Jährlein! Nimm zwei Felsen, Bruder, und lass sie herunterrollen über den ganzen Berg, von der höchsten Höh' bis tief ins Tal ... wenn sie drunten sind und das letzte Hupferlein machen, schaut einer wie der ander' aus, da hat ein jeder die Ecken abgestoßen. Freilich, freilich gleichen wir uns, aber meine Schwester ist die Hilti nicht!"

"Deine Magd?", klang Eberwein erstaunte Frage.

Lächelnd schüttelte die Greisin den weißen Kopf, während die frohe Laune Hiltischalks zu hellem Lachen wuchs. "Freilich, freilich eine Magd, eine gute, fromme Gottesmagd. Aber meine Magd? Der liebe Herr soll mich bewahren, dass ich sie je gehalten hätt' wie eine Magd. Nein, nein, mein lieber Bruder in Jesu Christ, die Hilti ist mein gutes Weib!"

Erschrocken trat Eberwein zurück, und jähe Blässe rann ihm über das Antlitz. Der Greis gewahrte die Wirkung seiner Worte nicht. Er hatte Hiltidius Hand erfasst und streichelte zärtlich ihre dürren Finger. "Zweiundfünfzig Jährlein! Und allweil harren wir noch auf den ersten Streit, den wir haben sollen. Recht und treu haben wir zusammengehalten im Krieg des Lebens, grad so wie unsere Namen zu einanderklingen, Hiltischalk und Hiltidiu, der brave Kriegsknecht und die brave Kriegsmagd! Hätt' ich nicht auf tausend Wegen den lieben Gott gefunden ... ich hätt' ihn finden müssen auf dem einzigen, auf dem er mir mein Hilti zugeführt hat!"

"Aber geh, was schwatzest denn!", schmollte die errötende Greisin.

"Ja sag' ich denn 'was Unwahres? Haben wir nicht gehaust miteinander wie zwei rechte Christenleut' in gottesfürchtiger Eh'. Und hat es uns der gute Herr im Himmel nicht gelohnt? Hat er uns nicht alle Lieb' und Freud' genießen lassen, bis auf eine? Und die hat er uns versagt in seiner Weisheit! Wir haben ja hundert Kinder gehabt um unser Haus her ..." Er wandte sich zu Eberwein. "Und das kannst mir glauben, mein lieber Bruder, die Hilti ist ihnen eine gute Mutter gewesen, und so manches harte Köpfl, das ich nicht hab' ducken können in Güt' oder Streng', das hat meine Hilti vor dem Kreuz gebeugt mit ihrer Mutterhand. Aber schau nur, schau, das Süppl will ja schon nimmer dampfen. Komm, jetzt wollen wir uns niedersetzen! Aber beten müssen wir auch noch! Freilich, freilich, das muss allweil das erste sein!"

Er trat zum Tisch und faltete die Hände. In frommer Inbrunst hingen seine Augen am Kreuz, und mit seinen betenden Worten mischte sich die sanfte, leise Stimme der Greisin. "Amen!", sprach Hiltischalk und rieb die Hände. "Komm, lieber Bruder, setz' Dich auf den Ehrenplatz!" Da gewahrte er die Verwandlung in Eberweins Zügen und stammelte erschrocken: "Ja lieber Bruder, ja was ist Dir denn?"

Eberwein trat auf ihn zu, mit nassen Augen und bebender Stimme. "Hiltischalk, ich darf nicht zehren an Deinem Tisch!"

Zitternd stand der Greis. "Ja warum denn nicht?" Hiltidiu war an seine Seite getreten, als fühlte sie, dass eine Gefahr ihn bedrohe.

Eberwein drückte die beiden Hände auf Brust und Stirn, dann atmete er tief und richtete sich auf. "Hiltischalk! Weise die Frauen aus der Stube, ich habe mit Dir zu sprechen!"

Der Priester starrte auf den Mönch, als hätte er seine Worte nicht verstanden. Hiltidiu aber ging lautlos zum Herd, fasste Mätzel bei der Hand und zog sie zur Tür. "Ihr könnt laut reden," sagte sie, "wir gehen weit vom Haus."

Hiltischalk blickte ihr nach, während sie die Stube verließ, dann sah er wieder auf den Mönch, rührte die Lippen und fand kein Wort. Eberwein schlug die Hände zusammen, und wie der Aufschrei eines Verzweifelnden klang seine Stimme: "Hiltischalk, Hiltischalk! Was hast Du mir angetan!"

"Ich, lieber Bruder? Was denn?", stotterte der Greis.

"Ich bin getreten in Dein Haus, als wär's in eine Kirche. Gottes Nähe meinte ich zu fühlen an Deiner Seite. Nun wirst Du Feuer über mich und weckst Zwietracht zwischen meinem Herzen und heiliger Pflicht."

Der Greis zitterte, dass ihn die alten Knie kaum mehr trugen. "So 'was hätt' ich getan? Ich? Ja wieso denn?"

"Du kannst noch fragen?" Helles Entsetzen klang aus Eberweins Stimme. "Hast Du denn nicht ein Weib?"

"Wohl wohl, lieber Bruder!"

"Ein Weib! Du! Ein Priester!"

"Wohl wohl! Aber lass das jetzt ... komm doch drauf: Was hab' ich denn getan? So red' doch einmal, was hab' ich denn getan?"

Eberwein griff an seinen Kopf, als wüsste er sich nimmer Rat noch Hilfe. "Ja Mensch, wie redest Du? Mitten in Flammen stehst Du, Deine Kleider und Haare lodern, und Du fragst: Wo brennt es, wo denn, wo? Ja weißt Du denn nicht, dass es Dir als Priester verwehrt ist, ein Weib zu nehmen, dass Du in schwerer Sünde lebst wider der Kirche heiligstes Gebot?"

Mit beiden Händen tastete Hiltischalk nach der Tischkante und sank auf die Holzbank nieder. Zitternd saß er und strich die Arme über das Gesicht, als müsste er einen bösen Traum verscheuchen. Dann schüttelte er Kopf und Hände und beinahe heftig stammelte er: "Mein lieber Bruder, jetzt muss ich Dir aber doch sagen: Du tust Dich irren! Wenn ich kein Weib haben dürft', wie hätt' es denn nachher sein können, dass vor zweiundfünfzig Jährlein der hochwürdigste Herr Bischof in der Salzaburg meine Hilti und mich zusammengegeben hat? Vierzig Denar' hab' ich gezahlt zur Sportel ... mit Müh' hab' ich sie aufgebracht, wohl wohl ... und hab' gezahlt für das heilige Sakrament. Wie schwer ich das Geld hab' sparen müssen, das hab' ich nie vergessen, nie ..."

Eberwein wollte sprechen, aber die Worte versagten ihm.

"Das hab' ich nie vergessen und hab' mir's gemerkt meiner Lebtag ... und in meinem Kirchl, Bruder, in meinem Kirchl hat keiner zahlen müssen, keiner! Wenn sie gekommen sind, der gute Bräutigam und die leibe Braut, wohl wohl ... da hab' ich ihre zittrigen Händ' ineinander gelegt und hab' gesagt: Nur festhalten, hab' ich gesagt, nur festhalten in Lieb' und Treu, in Ehr und Gottesfurcht ... hab ich gesagt! Und wenn sie den anderen Tag mich heimgesucht haben ... und haben mir Käs gebracht und Schmalz und Honig und Eier, da bin ich völlig zornig worden und hab' gescholten und ... und ..." Mit zuckenden Händen fuhr sich der Greis in das weiße Haar, und unter rinnenden Zähren stotterte er: "Ja was red' ich denn da in einander! Das gehört ja gar nicht da her! Von mir ist ja die Red' ... von mir ... von mir und meiner Hilti ..." Atem und Worte gingen ihm aus.

"Hier ist doch Gott!", stammelte Eberwein, während seien Augen in heißen Erbarmen an dem Greis hingen, und helle Tränen ihm nieder tropften auf den Bart. "Hier ist doch Gott! Das sagt mein Herz! Das Gesetz der Kirche aber ruft: Hier wohnt die Sünde! ... Und mein Herz darf keine Stimme haben!"

In ratlosem Jammer hatte Hiltischalk sich von der Bank erhoben. Seine Blicke fielen auf das Kreuz, er streckte die zitternden Hände aus, und da schien es über ihn zu kommen wie Trost und Ruhe. "Nein, Bruder, nein, Du musst Dich irren! Ich sollt' meine Hilti nicht haben dürfen? Ja warum denn nicht? Ich bin ja kein Ordensbruder wie du! Dich bindet ein heilig' Gelübd'! Und auch ein Bischof soll sich enthalten, wenn er kann ... das steht in der heiligen Schrift ... die kenn' ich gut, wohl wohl! Aber ich, Bruder, ich bin ja doch ein niedriger Leutpriester wie tausend andere. Wie ich noch ein junger Klerikus gewesen und umgezogen bin da draußen im tiefen Land, da hab' ich doch überall den Pfarrherren sitzen sehen mit seine r guten Pfarrin ... und wie sie mich dahergeschickt haben in die Einöd' ... alles hat mir fehlgeschlagen bei den harten Köpfen, ich hab' schon gemeint, ich muss verzweifeln ... aber da hat mich der liebe Himmelsherr die Hilti finden lassen, und sie ist mein Trost geworden und meine Hilf' zu allem Guten. Und wenn ich sei genommen hab', so hab' ich ja nur getan, was draußen im Land viel tausend andere tun!"

"Was jene taten, es war ein Gräuel, sagt die Kirche!"

Der Greis schüttelte den Kopf. "Nein, lieber Bruder, nein, wie könnt' eine fromme Eh' vor Gott ein Gräuel sein! Nein, das kann die Kirch' nicht sagen! Ich weiß schon, wohl wohl ... wie ich noch ein junger Klerikus gewesen bin, da hab' ich oft gehört, dass über den Bergen sell drüben im welschen Land ein paar hitzige Köpf' so reden, als wär' die fromme Priestereh' ein Gräuel..."

"Nein, Hiltischalk, nein! So hat der Papst entschieden, der Papst!", rief Eberwein, wie in Qual und Marter. "Auf heiligem Konzil, umgeben von allen Bischöfen der christlichen Welt!"

"Ach Du mein lieber Herr im Himmel droben!", lallte der Greis, bis in die Lippen erbleichend. Schweigend und schwer atmend standen sie voreinander, als wäre der eine, gleiche Jammer in ihnen beiden.

In die dumpfe Stille klang von einer nahen Halde her der fröhliche Gesang zweier Stimmen. Dort oben wandelte ein Bursch mit seinem Mädchen in der Sonne, und die beiden Herzen, die sich gefunden, jubelten ihr Glück dem Himmel zu.

"Ja sag' nur, Bruder, sag' ... davon hör' ich ja heut das erste Wörtlein!", sagte Hiltischalk mit tonloser Stimme. "Wann wär' denn das gewesen?"

"Vor vierzig Jahren!"

"Aber schau doch, wie hätt' ich denn das wissen sollen! Über die vierzig Jahr' lang bin ich nimmer hinausgekommen aus meinem einödigen Sitz, über die vierzig Jahr' lang hab' ich keinen mehr gesehen, der das heilige Häs getragen hat. Wer hätt' mir's denn sagen sollen? Und schau doch, schau ... was wär' denn anders geworden, wenn ich's gewusst hätt'?" Ein Gedanke des Trostes fiel in sein Herz wie Sternschein in die Nacht. "ich und die Hilti, wir sind ja schon über die fünfzig Jahr' lang Mann und Weib! So kann's ja doch für uns nicht gelten!"

"Das Wort des Papstes hat gelöst, was gebunden war," stammelte Eberwein. "Wer Priester bleiben wollte, musste lassen von seinem Weib. Das ist gegangen durch alle Lande wie ein Sturm, und nur an Deinen Herd hat keine Welle geschlagen? Land auf und nieder sitzt kein beweibter Priester mehr! Nur Du noch, Du!"

"Ich, der einzig'!" Hiltischalks Hände griffen in die Luft, und wie ein Schwindel überkam es den Geris. Mit beiden Armen umfing ihn Eberwein, ließ ihn auf die Holzbank niedersinken, setzte sich an seine Seite und hielt ihn umschlungen an seiner Brust. "Wär' ich doch nie gekommen, hätt' ich diese stille, reine Haus doch nie betreten!", rang es sich in tiefer Qual von seinen Lippen. "Glück will ich säen und muss doch Unheil streuen, wohin ich schreite!"

Hiltischalk richtete sich auf und löste sich aus Eberweins Armen. "Du musst Dich irren, Bruder ... es kann nicht sein, ich kann's nicht glauben ... oder schau, ich müsst' versterben dran! Wie meine Hilti und ich gehaust haben miteinander ... vor einer Stund' noch hab' ich gemeint, es müsst' der leibe Herr im Himmel seine Freud' dran haben! Und jetzt auf einmal soll ..." Das Wort erstickte ihm, als würde sein Hals gewürgt. "Nein, Bruder, nein! Das Wort des heiligen Vaters in Ehren ... aber wie könnt' er denn sprechen wider das heilige Buch!" Mit beiden Händen fasste er Eberweins Arm und keuchte: "Steht nicht im heiligen Buch: Es haben die Apostel Weib und Kind gehabt ... der heilige Petrus selber! ... Heißt es nicht bei Paulus an die Korinther: 'Haben wir nicht, so wie wir essen und trinken, auch das Recht, von einer christlichen Frau uns begleiten zu lassen, wie die Apostel, wie die Brüder des Herrn und Kephas?' Und eins noch Bruder, eins noch ... heißt es nicht bei Paulus an Thimotheus: 'Darum muss ein Priester unbescholten sein, eines Weibes Mann, der seinem Haus gut vorsteht, denn wie könnt' er sonst in allem eine gutes Beispiel geben seiner Gemein?' Wart nur, Bruder, wart ... die Stell', die muss ich Dir zeigen ..." Er humpelte davon und stolperte über die Schwelle einer Kammer.

Die schlaffen Hände im Schoß, starrte Eberwein ihm nach mit nassen Augen.

Unter den gleichen Worten, mit denen Hiltischalk die Stube verlassen, kehrte er wieder zurück, einen plumpen Pergamentband auf den Armen schleppend. "Wart nur, wart ... die Stell', die muss ich Dir zeigen!" Er legte das Buch auf den Tisch, die Schüssel zurückstoßend, dass die erkaltete Suppe hinausschwankte über den Rand. Rote Flecken erschienen auf seinen bleichen, zuckenden Backen, immer wieder fuhr er mit dem Ärmel über die Augen, um die Zähren fortzuwischen, und bei dem zitternden Eifer, mit welchem er im Buch den Brief an Timotheus suchte, fielen einzelne Blätter aus dem Band, vergilbt und brüchig, mit halb erloschener Schrift, an Kanten und Ecken übel zugerichtet von den Zähnen der Mäuse und Zeit. "Wart nur, wart ..." Er warf die Blätter um und suchte, "an die Philipper ... an die Kolosser ... gleich muss es kommen ... an die Christen zu Thessalonich ... jetzt hab' ich es: An Timotheus! Drittes Kapitel, zweiter Vers ... da schau her, da muss es stehen ..."

Er wollte mit dem Finger deuten, doch jählings verstummte er, stand wie entgeistert und starrte auf das Pergament, das bis über die Mitte zu Fasern und Fetzen zerbissen war.

"Jetzt haben mir die Mäus das heilige Wort gefressen!"

Lallend sank er in die Knie, fiel mit Gesicht und Armen über das Buch und brach in bitterliches Schluchzen aus.

Eberwein erhob sich, mühsam, als hätte er nicht mehr die Kraft, zu stehen. In seinen Zügen spiegelte sich der Kampf, der ihm das Herz erfüllte: Sein reines, menschliches Empfinden und Erbarmen auf der einen Seite, auf der anderen die beschworene Pflicht seines kirchlichen Amtes. Er legte die Hand auf die Schulter des schluchzenden Greises, doch er fand sein Wort des Trostes, kein Wort des Rates, weder für Hiltischalks Jammer noch für die eigene Pein. "Ich kann ihn nicht weinen sehen," stammelte er, "ich ertrag' es nicht!" Und die Hände vor die Augen schlagend, taumelte er aus dem Haus.

Hiltischalk richtete sich wankend auf, und seine nassen, verstörten Augen irrten in der leeren Stube umher. "Fort ist er! Fort! Hat mich geworfen in Not, und in der Not verlasst er mich!" Mit ausgestreckten Händen lief er zur Tür. "Bruder, mein lieber Bruder in Jesu Christ!" Als er den Hof erreichte, sah er Eberwein unter dem Kirchhof, am Ufer der reißenden Ache, auf schmalen Karrenweg dahineilen, mit flatterndem Gewand und vorgebeugtem Haupt wie einer, der in tobendem Sturm schreitet.

Hiltidiu kam mit Mätzel vom Kirchlein gelaufen. "Warum ist er denn fort? Was hat er?" Die Sprache versagte ihr, als sie das verstörte Gesicht des Greises und seine nassen Augen sah.

"Ja wo lauft er denn hin?", jammerte Hiltischalk, als wäre die vergangene Stunde jählings vergessen und nur der Weg noch, welchen Eberwein genommen, seine einzige Sorge. "Er will ja doch zum Lokiwald und lauft der Windach zu! Er muss sich ja verirren! Es kann ihm ja was geschehen! Mätzel, komm doch, komm und lauf und zeig ihm den rechten Weg!"

Aber Mätzel stand und rührte sich nicht. Ihre Augen hingen an ihrem Herrn, und am ganzen Körper begann sie zu zittern, als fiele ihr jede Zähre, die sie über seine weißen Bartstoppeln nieder tropfen sah, wie ein heißer Schmerz in die treue Seele.

"So lauf doch, Mätzel, lauf ... oder ich lauf' halt selber und führ' ihn!" Hiltischalk wollte zum Hagtor eilen. Aber da hielt ihn Mätzel kreischend zurück und schoss zum Hof hinaus, mit langen Sprüngen dem Weg folgend, auf welchem Eberwein verschwunden war.

"Was sagst, Hilti, was sagst! Der wär' jetzt hineingelaufen in die Windachklamm!" Mit diesen Worten wandte sich Hiltischalk zu seinem Weib, das bleich und schweigend stand, von dunkler Angst bedrückt. "In die Windachklamm...", wiederholte er noch, dann ging ihm die Sprache aus. Seien verstörten Blicke glitten über die Greisin, ein schluchzender Wehlaut erschütterte seien Brust, und in ratlosem Jammer wankte er der Steinbank unter der Linde zu. Erschrocken eilte ihm Hiltidiu nach. "Ja lieber Herr im Himmel, was ist denn? So red' doch!" Sie wollte ihn stützen, doch er wich zurück und stammelte: "Tu nicht rühren an mich!" Im nächsten Augenblick aber streckte er selbst die Hände aus, warf sich an die Brust der Greisin, umschlang sie, drückte sie an sich mit all der müden Kraft seiner alten Arme und weinte wie ein Kind. Sie sprach kein Wort, nur ihre Blicke suchten den Himmel. Den Wankenden zärtlich stützend, ließ sie ihn auf die Steinbank sinken, hielt sein Haupt an ihrer Brust, streichelte mit linder Hand sein weißes Haar und harrte geduldig, bis er sprechen würde.

Als Hiltischalk in seinen Tränen endlich Worte fand, flüsterte er scheu und leise: "Weißt, was er gesagt hat, Hilti? Er hat gesagt: Wir zwei, wir wären nicht Mann und Weib!"

Hiltidiu schüttelte den Kopf - sie verstand nicht. "Wir zwei nicht Mann und Weib? Ja was denn sonst?"

"Ich weiß nicht!", schluchzte der Greis und griff mit zuckenden Händen an seine Brust. Taumelnd erhob er sich. "Komm, Hilti, komm!" Er umklammerte ihren arm. "Das reden wir zwei nicht aus, wir zwei allen ... da muss noch ein anderer dabei sein, ein anderer!" Und schluchzend zog er die Sprachlose hinter sich her zum Tor des Kirchleins. Sie traten ein.

In der leeren Stube erlosch der Schein des vergessenen Herdfeuers, und der matte Wind, der durch die Fenster stich, bewegte auf dem Tisch die vergilbten, halbzerstörten Blätter.

Stille lag um die hölzernen Mauern und über den Gräbern. Nur manchmal raschelte es leise im Beinhaus, und von der Linde fiel das welke Laub.

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1 Marie ^
2 Das Erdbeben.
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