Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 19

Kapitel 16

Auf der kahlen, von dichtem Urwald umschlossenen Kuppe des Totenmannes loderte in der stillen Nacht das helle Thingfeuer. Die Flammen beleuchteten eine alte, dürre Eiche, zwischen deren Wurzeln ein behauener, von Moos und verkümmerndem Efeu umwucherter Stein sich erhob. Mit zuckender Helle fiel der Schein des Feuers über die grasige Lichtung, auf welcher einzeln und in Gruppen die zum Thing erschienenen Männer standen oder lagerten, die einen schweigend, die anderen in halblautem Gespräch. Immer noch tauchten, von allen Seiten kommend, neue Gestalten aus dem finsteren Wald hervor und machten mit leisem Gruß oder wortlosem Händedruck die Runde bei den andern.

Neben dem Feuer stand Eigel, der Thingbot, und von dem dürren Holz, welches andere mit vollen Armen herbei trugen, legte er Ast um Ast in die fressenden Flammen. vor dem Stein, auf welchem das Messer des Richtmanns und ein Wedel aus Wachholderzweigen lag, saßen die beiden Thingschöffen, Kaganhart und der Köppelecker; zwischen ihnen lag ein Bündel dünner Buchenruten, welche sie in kurze Stäbchen zerschnitten; immer eines ließen sie in der dunklen Rinde und das andere schälten sie weiß. Nicht weit von ihnen lag ein an den Füßen gebundener schwarzzottiger Bock im Gras und daneben ein Hahn, an Füßen und Flügeln gefesselt.

Während sich mit dem Schein des Thingfeuers schon das Licht des steigenden Vollmondes mischte, kam einer der letzten, der Schönauer. Sein Gesicht war ernst, und schwer ging sein Atem. Eigel und die Schöffen traten ihm entgegen und reichten ihm die Hand; dann kamen auch die anderen, um den Richtmann zu begrüßen. "Viel' seh' ich, aber einen miss' ich!", sagte er. "Wo ist Sigenot der Fischer?"

"Er war der erst', der gekommen ist," erwiderte Eigel und deutete gegen den Waldsaum. Dort saß der Fischer im Schatten einer tiefästigen Fichte, das Schwert über dem Schoß, das Gesicht in die Hände gedrückt. Der Richtmann wollte auf ihn zutreten, aber Eigel hielt ihn am Arm zurück und flüsterte: "Die Ramsauer fehlen! Es hat mir gleich geschwant." Er hatte kaum ausgesprochen, da kam aus dem Wald ein Zug stiller Männer hervor, wohl dreißig an der Zahl, geführt von einem weißhaarigen Greis. Der alte Runot war's, welcher auf dem Lindtaler Zinsgut saß, der Gaumann der Ramsauer.

"Da sind sie!", sagte der Richtmann aufatmend und schritt den Kommenden entgegen. "Ihr säumt lang, Männer! Schon will der Vollmond einstehen zur Mitternacht. Lugt hin: Der Eichschatten schneidet den Blutstein!"

Beim Hirscheck haben wir uns gesammelt," erwiderte der Greis, "und haben geharrt auf einen, der nicht hat kommen wollen. Und er ist doch der Best' von uns!"

"Wen meinst?"

"Unseren guten Bruder Hiltischalk."

"Es kann nicht kommen, wer nicht geladen ist!", sagte der Richtmann.

Erschrocken legte Runot die Hand auf des Schönauers Arm, während aus der Schar der Ramsauer unmutige Worte sich hören ließen. "Richtmann, das war übel getan!"

"Nein, Runot, das war getan nach Recht und Brauch! Wenn das Thing gerufen wird wider einen im Gadem, so laden wir seinen Vater nicht und nicht seinen Bruder, keinen von seinem Blut und Haus. Heut aber hab' ich das Thing gerufen wider die Klosterleut', die in unser Tal gekommen sind." Eine murmelnde Unruhe ging durch den Kreis der Männer, denn mancher von ihnen hörte mit diesem Wort die erste Botschaft von der Ankunft der Mönche. "Ich hab' den Hiltischalk nicht geladen, denn er ist ein Gottesmann und der Gottesmänner Bruder; so hab' ich getan nach Recht und Brauch." Der Widerspruch der Ramsauer wollte nicht verstummen. Unwillig hob der Schönauer den grauen Kopf. "Wenn ihr meint, ich hätt' gefehlt an meinem Amt ... über vier Mond' ist Neujahr! Wählt dann einen anderen Richtmann! Heut aber halt' ich das heilige Messer noch, und wer murren will gegen mich, wider den ruf' ich das Thinggericht." Er schritt zum Stein, über dessen Platte der Mondschatten der Eiche fiel, und fasste das Messer. "Vollmond steht ein! Das Thing ist aufgetan! Gauleut', tut Euch zueinander!"

Während Eigel das lodernde Feuer schürte, sammelten sich die Männer zu getrennten Gruppen. Um den Köppelecker standen die von der Schönau und von Unterstein, um Runot die von der Ramsau, vom Hintersee, vom Schwarzeck und von der Taubenlack, um den Schmied Ilsanker die Männer aus dem Engedein und der Strub, um den Hochgarter die aus der Aschau und dem Loipl, um den Greinwalder die Hochbauern vom Göhl und Untersberg. Sigenot der Fischer stand allein.

"Thingbot!", rief der Richtmann. "Geh um und zähl die Stimmen!" Von einer Gruppe schritt Eigel zur anderen. Als er zum Richtmann zurückkehrte, sagte er: "Hundertundvier hab' ich geladen ... hundertunddrei hab' ich gezählt. Einer fehlt!"

Der Richtmann spie auf die Erde. Wie er auch Namen hat, und wär' er mein eigen Blut, keiner soll ihm Freund sein, jeder soll ihm Feind sein! Fallt er in Not, so löst ihn keiner, liegt er in Weh, so tröst' ihn keiner! Unehr über ihn!"

"Unehr über ihn!", klangen hundert Stimmen im Ring.

"Thingbot, tu seinen Namen kund!"

Eigel zögerte. "Der alte Gobl!"

Ein Gemurmel ging durch die Gruppen der Männer. Im Gauring der Schönau aber sagte der Schapbacher: "Hätt' ich gewusst, dass es der Gobl ist, ich hätt' nicht geflucht wider ihn. Über seinen Weißkopf ist so viel Leid gefallen, dass die Unehr daneben kein Platzl nimmer hat."

Eigel hatte den Hahn von der Erde gehoben und ihm die Füße und Flügel entfesselt. Der Vogel flatterte und krähte, als ihn der Richtmann ergriff. "Was ein Gockel ist, muss gackern!", sagte der Schönauer. "Wer aber das Thingfeuer hat brennen sehen, muss schweigen können, wenn der Morgen kommt." Er hob mit der Linken den flatternden und krächzenden Hahn. "Schau das Feuer an und tu keinen Laut mehr!" Mit jähem Messerhieb schlug er dem Vogel den Kopf vom Rumpf und warf ihn zu Boden. Ein Brünnlein spritzte aus dem Hals des Hahns, welcher kopflos, mit schlagenden Flügeln, noch einige Sprünge tat. Als er tot zur Erde fiel, hob ihn der Köppelecker auf, riss ihm eine Feder aus, reichte den Hahn weiter und steckte die Feder auf seine Kappe. So wie er, tat jeder andere. Eigel, welcher den Hahn zuletzt empfing, warf den gerupften Vogel ins Feuer.

"Wer geredet in der Thingnacht, soll schweigen am Tag," rief der Richtmann, "oder eh' der Mond wieder voll wird, soll er heißen, wie der Boden heißt, auf dem wir stehen! Mannerleut', hebt die Hand zum Schwur!"

Alle Schwurhände erhoben sich, nur eine nicht. Eigel war, als er den Hahn ins Feuer warf, der Flamme zu nahe gekommen, und sie hatte einen Zipfel seiner grauen Kotze erfasst. Nun musste er den Brand des Tuches mit beiden Händen ersticken.

"Thingschöffen," fragte der Richtmann, "ist kein unberufen Ohr im Ring?"

Kaganhart und der Köppelecker traten vor und sprachen, einer mit dem anderen wechselnd: "Die Nacht ist einödig, und unbegangen der Wald. Wir haben gelugt in jeden Gipfel und geschlagen auf jeden Busch. Der Ring ist gezogen auf dreimal hundert Gäng' in der Weit', die Wächter stehen und lassen nicht ein, was nicht gerufen ist, sei's Mensch oder Tier, Haar oder Feder!"

"So wollen wir unter uns Mannerleut' raiten um unser Wohl, mit Mannswort und Mannsverstand. Zwei Weg' gehen aus, der eine ist recht und der ander' ist schlecht. Wir wollen meiden den schlechten und suchen den rechten, dass wir hüten vor Schad' und Nöten unser Haus, Weib und Kind, Stall, Vieh und Gesind! Mannerleut', her zur Heilstätt'!" Während ein enger Ring um Feuer und Eiche sich bildete, hoben die Schöffen den Bock auf den Blutstein. Da gewahrte der Richtmann, dass die Ramsauer zur Seite stehen blieben in getrennter Gruppe. "Ramsauerleut', her zur Heilstätt'!"

Aber der alte Runot streckte das Grießbeil vor seine Gauleute und schüttelte den Kopf. "Tu Du mit den Deinen, wie Du meinst, dass es gut und recht ist und Brauch seit alter Zeit. Das soll Euch keiner wehren. Es soll aber auch uns nicht verwehrt sein, dass wir tun nach unserem Brauch, wenn's gilt, zu hüten vor Schad' und Nöten unser Haus, Weib und Kind, Stall, Vieh und Gesind!" Der Alte stieß das Grießbeil in die Erde, ließ sich auf die Knie nieder und faltete die Hände. Rings um ihn her knieten die Männer der Ramsau, und der helle Feuerschein zuckte auf ihren Gesichtern und glänzte in ihren Augen, welche empor gerichtet waren zum mondlichten Himmel.

Bewegung und Murren ging durch die Reihen der anderen, und die Erregung steigerte sich noch, als Sigenot der Fischer auf die Ramsauer zuging und neben dem alten Runot die Knie beugte. "Fischer!", stammelte der Richtmann, und es zitterte seine Hand, welche das Messer schon an den Hals des Bockes gelegt.

Der Greinwalder schien dem Fischer folgen zu wollen; auf halben Weg aber blieb er stehen, kraute sich hinter dem Ohr, schielte zu den Knienden hinüber und drehte die Augen wieder dem Blutstein zu. Eigel, dessen Hände den Bock gefesselt hielten, stieß den Köppelecker mit dem Ellbogen an und sagte mit heiserer Stimme: "Greif zu, Schöff, dass ich die Händ' ledig krieg' ... ich hab' einen Weg sell hinüber!"

"Thingbot," rief ihn der Richtmann an, "halt' fest!" Und er führte durch den Hals des Tieres mit rascher Hand den tötenden Schnitt, während die Ramsauer mit halblauten Stimmen ihr frommes Lied begannen:

"Mein guter Herr, Du mein Gott,
Dein Schild ist wider alle Not,
Du hürdest fest und hagest gut,
Herr, nimm uns auf in Deine Hut!"

Gleich einem sprudelnden Quell rann das Bocksblut über den Stein. Der Richtmann tauchte den Wachholderwedel in das dampfende Bächlein und sprengte die Tropfen gegen den Eichbaum. "Das Blut soll rinnen, dass uns die Holden Gutes sinnen!" Wieder netzte er den Wedel. "Das Blut soll rinnen, dass uns die Unholden kein Übel spinnen!"

Während der Richtmann zum Feuer trat, klang mit wachsenden Stimmen das Lied der Ramsauer:

"Mein guter Herr, Du mein Gott,
tu speisen uns mit Himmelsbrot
Und heb' uns aus dem Leidental
Hinauf in Deinen Freudensaal!"

Das Lied verklang, und die Stimme des Richtmanns hallte: "Das Feuer scheint, das Feuer reint!" Er warf den bluttriefenden Wedel in die Glut. Es prasselte, eine schwarz aufsteigende Rauchwolke trübte den Schein der Flammen - aber rasch hatte das Feuer die nassen, qualmenden Zweige verzehrt und loderte wieder in reiner Helle.

"Jetzt, Mannerleut', lasst uns raiten um unser Wohl!" vor dem Blutstein ließ sich der Richtmann auf eine Wurzel der Eiche nieder, und um ihn her im Halbkreis lagerten sich die hundert Männer, während die Schöffen dem verbluteten Bock das Fell abzogen, und Eigel neben dem Feuer über einem Haufen glühender Kohlen den Bratspieß rüstete. Die Metkannen gingen um, ihre hölzernen Deckel klapperten, und murmelnder Zuspruch und Dank ließ sich vernehmen.

Mit lauter Stimme begann der Richtmann zu sprechen, langsam, als wöge er jedes Wort. Noch hielt er seine eigene Meinung zurück und schwieg von der Zwiesprach, welche Herr Waze mit ihm gehalten. Er redete von der Stiftung, welche Frau Adelheid auf ihrem Sterbebett getan, von der Ankunft der Klosterleute, von ihrem Klausenbau beim Lokistein. "Sie sind nach Brief und Siegel wohl die Herren im Gadem, Herr Waze aber sitzt auf seinem festen Haus und hat die Macht. Er will nicht weichen von seinem Sitz und will den Gadem nicht lassen aus seiner Hand. Für ihn und seine Buben ist Zins und Steuer, was für die Kuh das freie Futter ist. Und so müssen sie stehen wider die Klosterleut', wie der Senn wider die Wölf'. Sie haben auch schon den Ring gezogen um den Lok'stein und den Wald um die Klaus her in schweren Bann gelegt."

Der Greinwalder sprang auf. "Meine arme Dirn', weil sie Albengab' getragen hat zur Klaus, haben sie blutig geschlagen, dass sie schier sterben hätt' müssen."

Auch andere Stimmen wurden laut, und alle redeten, die vor den Wazemannsbuben wieder umgekehrt waren in Scheu und Furcht. Jeden Ruf, der sich vernehmen ließ, schien der Schönauer gerne zu hören, denn er nickte zu jeder Stimme.

"Ihr seht, Mannerleut', es wird ein schieches Raufen anheben zwischen denen beim Lok'stein und denen in Wazemanns Haus. Und wir Gademer Leut' liegen dazwischen, wie das Korn zwischen Mahlstein und Reiber. Zu wem sollen wir halten? Stehen wir zu keinem, so haben wir alle beid' wieder uns. Stehen wir zum einen, so ist wider uns der ander'. Jetzt raitet, Mannerleut', wie wir uns hüten mögen vor Not und Schaden! Runot, Du bist der Ältest' unter uns, tu Du die erste Red'!"

Der Greis erhob sich. "Ich weiß keine! Und um was denn sollen wir Ramsauer raiten? Wir haben's gut und wollen's nicht besser. Solang Herr Waze der Spisar ist, tragen wir ihm Zins und Steuer hin. Wenn er mehr will, soll er nur kommen! Unser Herr ist ein anderer, und sein guter Knecht ist Bruder Hiltischalk. Weiter weiß ich keine Red' und keinen Rat. Ich red' nicht wider Wazemann, den es könnt' für Euch im Gadem zu Not und Schaden sein. Ich red' nicht wider die Klosterleut', weil's unseren Bruder Hiltischalk verzürnen könnt'. So raitet halt selber, ihr Gademer Leut', es geht ja um Euch her! Ich mein' wohl, unser Bruder Hiltischalk hätt' das richtige Wörtl gefunden und den guten Weg gewiesen. Aber Du hast ihn nicht geladen, Richtmann. So haben wir ausgeredet, wir Ramsauer, denn mit ihm ist unsere Stimm' daheim geblieben."

Wirr schrieen im Kreis, als Runot zurücktrat, alle Stimmen durcheinander. Der Schönauer hob das Messer, doch eh' er noch sprechen konnte, war Eigel mit geballten Fäusten in den Ring gesprungen. "Leut', Leut'," schrie er mit zornigem Gelächter, "ich hätt' gemeint, die Frag', zu wem wir halten sollen, wär' ausgeraitet beim ersten Wort. Wenn ich die Wahl tun muss zwischen Trunk und Durst, zwischen Tag und Nacht, zwischen Lieb' und Hass ... muss ich mich da denn noch besinnen und raiten? Ist denn einer unter Euch, der den Waze nicht kennt und seine Buben? Einer, der ihm nicht doppelt steuern hat müssen Jahr um Jahr? Einer, dem er nicht gerissen von seinem Gut und Vieh? Einer, der seine Buß' nicht geschmeckt hat und nicht weiß, wie seine Ruten brennen? Einer, der vor ihm und seinen Buben nicht gebangt hat um Weib und Tochter? Und da raitet ihr noch?" Die Glut seiner Worte fasste die Männer und weckte zornigen Beifall auf allen Seiten. "Not und Unrecht hat er ausgeworfen über uns, so dick wie die Körner fallen aufs Traidfeld, Lieb' hat er gerissen von Lieb' und hat uns geschlagen mit Weh und Jammer! Jetzt aber, jetzt kommt für ihn die zahlende Stund' ... und für Euch die gute Zeit!"

Der Schönauer war aufgesprungen. "Kohlmann!", über klang seine Stimme den wachsenden Lärm. "Kohlmann! Du hast sie wohl schon in der Hand, die gute Zeit? Gelt? So schau doch einmal drauf hin beim Lichtschein, ob's auch die gute ist oder am End' gar die schlechter' noch!"

Stimmen, die zur Ruhe mahnten, mischten sich in den Lärm, der sich mühsam dämpfte. Eigel und der Richtmann standen voreinander, sich messend mit funkelnden Augen.

"Kohlmann, Dein Gesicht brennt! Aus Dir redet die heiße Nach' wider Waze, der Dir die Salmued genommen!"

"Und Dein Gesicht ist weiß! In Dir zittert die Angst um Deinen Buben! Und doch ist die Zeit, die uns die Klosterleut' bringen, die beste, die uns blühen kann! Dir wie Deinem Buben! Ich hab' von den Klosterleuten einen geführt ... das ist der Öberst' von ihnen, derselb', dem der Gadem gelegt ist in die Herrenhand! Er hat geredet zu mir, und seine Red' ist mir ins Herz gegangen. Ich hab' ihm ins Aug' geschaut, tief hinein, und lichtscheinig hat's mich angeleuchtet, wie da droben der Vollmond in der Finsternis! Mit dem ist ein gutes Hausen, Leut'! Und eh' ich mein Hölzl noch in die Bockshaut leg', mag von Euch ein jeder wissen, wie ich los': Weiß für die Klosterleut'!"

"Ich auch!", fiel Kaganhart ein mit hastigem Wort. Während im Ring die Stimmen laut durcheinander schwirrten, fasste Eigel den Kaganhart am Arm. "Ich auch'? Mehr ist Dir nimmer eingefallen? Um die zwei Bettelwort' wär's nicht der Müh' wert gewesen, dass ich Dich geladen hab'. Dein Weib hätt' das Maul wohl anders aufgetan!"

"Aber so wart doch, lass mir doch Zeit," brummte der Bauer. "Ich red' schon noch und stell' meinen Mann."

Inzwischen klang über den wachsenden Lärm hinaus die Stimme des Gernroders: "Ich bin den Klosterleuten auch nicht Feind! Einer von ihnen ist zu meinem Haus gekommen und hat meinen Kindern Lieb's erwiesen."

"Ohne die Klosterleut' hätt' meine arme Dirn' verbluten müssen," rief der Greinwalder, "ich steh' zu ihnen!" Er ballte die Faust. "Der Fichtengipfel in meiner Kammer wartet auf seinen guten Tag." Und der Marderecker schrie: "Ob für oder wider die Klosterleut', das ist mir alles eins, wenn's nur wider den Waze geht!"

Immer mächtiger wuchs das Gewirr der Stimmen. Der Schönauer hob das blitzende Messer, aber niemand achtete des Zeichens, mit dem er Schweigen forderte. Da sprang der Schmied von Ilsank auf einen Stein, und mit hallender Stimme, die sich Gehör erzwang, schrie er über die Köpfe hinweg: "Mannerleut', was wir fürchten und leiden müssen von Waze und seinen Buben, das wissen wir all'! Wer aber sagt uns denn, was wir hoffen und genießen sollen von denen beim Lok'stein?" Tiefe Stille trat ein. "Das muss uns doch einer sagen, wenn wir raiten sollen!", rief der Ilsanker. "Wer weiß denn das? Wer sagt es uns?"

"Ich, Leut'!" Sigenot war in den Ring getreten. Laute Rufe begrüßten den Fischer, und alle Augen hingen an ihm. Der Spannung, die in allen Gesichtern zuckte, war es anzumerken, wie schwer das Wort dieses Einen wog, wie viel er galt in der Meinung aller. Langsam trat wieder Stille ein, und enger zog sich der Ring um Sigenot, der, die Hände über den Knauf des Schwertes gelegt, hoch aufgerichtet stand, das bleiche, tiefernste Gesicht überstrahlt vom Schein des lodernden Feuers. "Mannerleut'," sprach er mit klingender Stimme, "ich weiß vom Thingfeuer Weg für mich und Euch alle nur eine Straß', die geht zum Lok'stein und zu dem, der jetzt der Herr ist über dem Gadem!" Eine stumme Bewegung ging über die Köpfe, und alles drängte noch näher heran. Nur der Schönauer stand regungslos und hing mit bangen Augen an den Lippen des Fischers. "Der Öberste der Klosterleut' heißt Eberwein. Nach Brief und Recht, durch eidfeste Schenkung hat er im Gadem Herrenmacht über Land und Leut'. Dawider kann nimmer Streit sich heben, und auf der Seit', auf der das Recht ist, müssen wir alle stehen, Schulter bei Schulter und Faust bei Faust."

Unruhiges Gemurmel erhob sich im Ring, und der Ilsanker schrie: "Hut ab vor dem Recht! Aber wissen möcht' ich halt doch, was ich hab' davon?"

"Und wär's auch mehr nicht, Ilsanker: Die Ruh' in Deiner Brust! Aber hört mich an! Ich bin beim Lok'stein gewesen und hab' geredet mit dem Herrn und hab' geraitet mit ihm um Leutwohl und Landrecht, und da hab' ich gespürt, dass er eine Hand hat, lind und gut, und dass in seinem Herzen die Lieb' ist, wie das Feuer auf dem Winterherd. Und wie er es halten will als Herr im Gadem, das lasst er Euch sagen durch mich: Recht soll hausen bei jedem Hag, und Schirm soll haben jeder Blutstropfen an Mensch und Vieh, jeder Span an Tür und Tor, jeder Halm auf Acker und Wiesgrund. Wer unrecht tut, soll stehen nach altem Brauch unter dem Spruch der Gauleut'. Nimmer in heimlicher Nacht soll das Thing gerufen sein, sondern frei am Tag, in heller Sonn'. Ein jeder soll die Felder hagen dürfen wider Hirsch und Reh, und die Jagd soll frei sein auf alles Raubzeug, das von Schaden ist für Mensch und Tier. Keiner soll rühren an den Bergwald, der gegen die Lahnen steht und gegen die Wildbäch'. Im Tal aber soll jedes Haus seinen Heimwald haben, indem der Bauer schlagen mag, was er braucht für Herd und Bau. Was überbleibt im Tal an Waldgrund, soll gerodet werden, und die Gauleut' sollen das neue Feld aufteilen unter die Häuser nach gleichem Maß. Über den Bergwald droben soll keiner das Feuer in die Latschen werfen und die steilen Häng' kahl brennen zum Weidgrund für Geißen und Schaf', denn wo in der Höh' der Bergwald schwindet um einen Baum, wachst im Tal der Winter um eine Not. Aber es sollen auch dem Wild zulieb keine Alben mehr in der Öd' liegen. Wo ein Kaser gestanden in alter Zeit, soll wieder einer stehen, und jeder Bauer soll an freier Albweid' haben, was er braucht für doppelt Vieh. Denn wie die Felder sich mehren sollen, soll der Viehstand wachsen, dass bessere Zeiten einkehren für jeden Bauer im Gadem. Und weil der gute Herr gemeint hat, es läg' an Zins und Steuer zu viel auf jedem Kopf, so lasst er Euch sagen: Was Zins und Steuer heißt, soll gemindert sein um das halbe Maß."

Sigenot konnte nicht weiter sprechen. Ein jubelndes Geschrei erhob sich, alle drängten auf ihn zu, alle Hände streckten sich nach ihm, und die ihm zunächst standen, fassten sein Gewand, seine Arme, als wäre er nicht der Bote eines anderen, sondern selbst der gute Herr, der die neue, bessere Zeit zu verkünden gekommen.

"Richtmann," überschrie der Ilsanker allen Jubel der anderen, "Richtmann, lass die Stäb' austeilen! Wir wollen losen ... weiß für die Klosterleut'!"

Der Schönauer hob das flimmernde Messer mit der vom Opfer noch blutigen Hand. Die Schöffen warfen sich in den schreienden Haufen und drängten die Männer auseinander. "Haltet Ruh', Leut', haltet Ruh'! Das Messer weist auf Still'!" Allmählich erweiterte sich der Ring, und Schweigen trat ein. Da sagte der Richtmann mit heiser klingender Stimme: "Thingbot, trag' die Los' um, ein schwarzes und ein weißes für jeden Mann! Schöffen, tut Met in die Kannen und reicht vom Bockfleisch jedem Mann sein Teil! Ihr aber, Leut', trinkt und esst und haltet Ruh' ein' Weil' und hört, was ich zu reden hab' mit dem Fischer!" Langsamen Schrittes trat er vor Sigenot hin. "Du hast mit denen beim Lok'stein geraitet um unser Wohl und Landrecht, wie ein rechtschaffender Mann und guter Nachbar, und Deine Botschaft ist lichtscheinig wie der Sonnenglanz, der die Bergwänd' anfallt vor gutem Tag. Aber ich mein' schier, sie blinkt gar zu hell, und das wär' ein Zeichen auf schiech Wetter. Ich will nicht sagen: 'Viel versprechen und lützel halten, ist neuer Herren Art und Walten'; ich will alles glauben! Aber eine Frag' noch hätt' ich."

"So frag'!", erwiderte Sigenot, während im Ring die Männer auflauschten mit Unruh und Spannung.

"Viel Gutes hast verkündet. Verschwiegen aber hast, was ich gehört hätt' am allerliebsten. Werden die Klosterleut' dem Gadem einen neuen Spisar setzen, oder soll Herr Waze bleiben, was er ist?"

"Das weiß ich nicht."

"Warum denn hast nicht gefragt?"

Sigenots Brauen furchten sich, und eine dunkle Röte floss über seine Stirne. "Das hat seinen Grund, Richtmann, und der gehört nicht vor das Thing!"

"So?" Der Schönauer nickte vor sich hin. "Meinetwegen, verschweig den Grund halt! Ich weiß: Du hast beim Lok'stein keine Frag' tun wollen wider die Wazemannsleut ... und weiß genug!" Die Augen des Richtmanns glitten im Kreis über die verblüfft und erschrocken blickenden Gesichter.

Sigenot schien die Worte des Schönauers nicht gehört zu haben. Schwer atmend streifte er mit der Hand über die Stirn und starrte vor sich nieder. Da fragte der Richtmann wieder: "Noch eins, Fischer! Wenn die Klosterleut' halten wollen, was sie versprochen haben, und Herr Watze stemmt sich dagegen und wütet gegen sie und uns mit seinen Buben und Knechten, mit Feuer und Eisen, wer hilft ihnen wider ihn? Wer denn, Fischer, wer?"

Sigenot blickte auf. "Einer, Richtmann," sagte er und hob das Schwertkreuz gegen den Himmel, "Einer, der Arm' hat, stärker als tausend Männer in Wehr und Eisen."

Ein dumpfes Gemurmel ging durch die Reihen der Gademleute, und mancher von ihnen kraute sich hinter dem Ohr und blickte mit scheuen Augen zum mondlichten Himmel auf. Doch die Ramsauer winkten dem Fischer Beifall zu; und der alten Runot, als er das müde Lächeln sah, das dem Schönauer um die bleichen Lippen zuckte, hob das Grießbeil und rief: "Gib acht, Richtmann, dass Dir das Lachen nicht vergeht!"

Eigel war in den Ring gesprungen. Er hatte das blutige Bocksfell um die Lenden gebunden und zum Sack geschürzt, in welchem noch die unverteilten Lose lagen. "Wer ihnen helfen soll wider die Wazemannsleut'? Ja wer denn sonst als wir? Wir alle miteinand', Schulter an Schulter und Faust bei Faust!"

"Wohl wohl! Recht hat er, der Kohlmann!", schrie Kaganhart und schwang den gespitzten Stecken, an dem er ein dampfendes Stück Bockfleisch umgetragen. "Wir sind hundert gegen die zwanzig in Wazemanns Haus! Auf, Mannerleut', auf! Gleich vom Thingfeuer weg ziehen wir hinaus zum Falkenstein und werfen die Bränd' über Haus und Ställ' und brennen das Blutnest nieder mit dem alten Gauch und seiner Brut, mit seinen Schandbuben und seiner rothaarigen Wetterhex'!"

Lautes Geschrei erhob sich, gemischt aus zornigem Beifall und erschrockenem Widerspruch, während sich Kaganhart zu Eigel wandte. "Das wid wohl eine Red' gewesen sein, eine richtige Mannsred'!"

Da packte eine Faust ihn an der Brust. "Mordbrenner!" Der Bauer starrte den Fischer an, welcher vor ihm stand mit funkelnden Augen und fahlem Gesicht.

"Thingfrieden!", rief der Schönauer und streckte den Arm mit dem Messer zwischen die beiden. "Was einer auch raten mag, jedes Wort ist frei!" Und als der Fischer schweigend zurücktat, sich mühsam zur Ruhe zwingend, rief der Richtmann, mit hallender Stimme den Lärm übertäubend: "Ich mein' wohl, der Kaganhart hat heißer gekocht, als er essen möcht'. Aber sag', Fischer ... wenn wir täten, was der da geraten hat, und wir kämen morgen zum Lok'stein und möchten sagen: 'Herr Waze liegt erschlagen mit Buben, Dirn' und Knecht', und sein Haus ist Feuer und Rauch geworden ... was meinst wohl, dass er sagen möcht', Dein Herr?"

Mit zuckenden Lippen erwiderte Sigenot: "Was er sagen muss nach heiligem Recht: Wer Feuer wirft, soll die Händ' verlieren, wer Blut vergießt, soll stehen unter Strick und Messer!"

Der Schönauer nickte und lächelte, während der Schmid von Ilsank mit seiner Bärenstimme den wilden Lärm überschrie: "Ja hört doch, Manner, so hört doch! Wenn wir den Wazemannsleuten ein Härlein sengen und einen Finger brechen, so müssen wir gar noch Gericht beim Lok'stein fürchten!"

Unter dem wirren Geschrei, das diesen Worten folgte, sprang der Richtmann zum Blutstein und hob das Messer. "Hört, nur eins noch hört, was ich sagen muss! Und Du, Nachbar Kaganhart, Du dank allen guten Mächten, dass Deine Stimm' nicht hinaus hallt über den eidfesten Ring! Sonst möcht' Herr Waze von Dir noch träumen in der heutigen Nacht!" Das seltsame Wort, das mit hallendem Klang an alle Ohren schlug, machte die Schreier verstummen und lauschen. "Hört, Mannerleut'! Der Fischer hat Euch Botschaft getragen vom Lok'stein ... so muss ich Euch Botschaft bringen von der anderen Seit'. Der Fischer hat es gut gemeint und ist zum Lok'stein gegangen. Herr Waze aber ist zu mir gekommen und hat mir das Messer an den Hals gelegt und hat das Eisen gehoben über meines Buben Kopf. Mannerleut' ...", wie drängende Wellen über das Gebälk der engen Schleuse, so stürzten in treibendem Schwall die Worte von den Lippen des Richtmanns, "Mannerleut', ich scheu' mich nicht, vor Euch allen sag' ich's grad heraus: In mir zittert die Angst um meinen Buben, der mein alles ist, meine ganze Lieb' und meine einzige Freud'!" Lautlose Stille herrschte im Ring, während der Schönauer von Wazes Besuch in seinem Hof erzählte. Jedes Wort, das Herr Waze gesprochen, hatte die Angst und der Kummer in ihm festgehalten. Und er brauchte den lauschenden Männern Wazemanns "Träume" nicht zu deuten, ein jeder verstand, wie sie gemeint waren. Wie der trübe Schlamm, den der Wildbach nach einem Unwetter aus seinem zerrissenen Bett hinauswälzt in den klaren See, von einer Welle in die andere quillt, so floss die dunkle Angst, welche aus den bebenden Worten des Richtmanns redete, in die Herzen der Lauschenden über, und jeder dachte der eigenen Kinder und sah sie fallen unter dem ersten Schlag, den Herr Waze zu führen drohte. Die Hoffnung der besseren Zukunft, welche Sigenots Botschaft geweckt, ging ihnen unter in der Furcht der Gegenwart, in der Angst vor der Not des kommenden Tages.

"So hat Herr Waze geredet," rief der Schönauer, "und was er mir und meinem Buben vermeint hat, das gilt Euch allen! Und schier ein jeder von Euch hat einen Buben oder Kinder, an denen er hängt mit Leib und Seel'. Und ich mein' doch, es wär' einem jeden sein Kind, was dem Baum sein Mark ist, das er hagt mit Holz und Rind', mit Äst' und Blättern. Lasst den Waze doch tun, wie er mag, soll er doch reißen von unserem Hab und Gut! Wenn er mit keiner Hand nur rührt an unsere Kinder! Oder sagt, Mannerleut', sagt, will einer von Euch morgen heimkehren in seinen Hag ... und will er seinen Buben oder sein Kindl im Blut und im letzten Schnaufer finden, und wenn sein Liebl, sein armes, ihn anschaut und seufzt: 'Vater, Vater, was hast Du gerufen über mich!' ... wer will dann sagen von Euch: 'Meintwegen, sei hin, aber ich muss von Neujahr an nur halbe Steuer legen!'"

Da kam es von allen Lippen wie ein einziger Schrei. Sie streckten die Hände aus, als möchten sie den Mund verschließen, der solche Worte sprach; und der Marderecker sprang auf den Schönauer zu und rüttelte seinen Arm. "Drei Kinder hab' ich, Richtmann! Drei! Eins lieber wie 's ander'! Ja sag' doch, sag', was tu' ich denn, dass ich meine Kinder hüt'?"

Der alte Eigel stand mit dem blutigen Bocksfell um die Lenden und schüttelte den Kopf, während Sigenots Augen mit verlorenem Blick über die erregten, vom zuckenden Feuerschein erhellten Gesichter hinschweiften, als könnte er nicht fassen, was hier geschah. Da hob sich die Stimme des Schönauers über den Lärm. "Mannerleut', weil ihr mich fragt, was ich rat', so hört! Wir all' müssen den Weg gehen, den die Not uns weist. Wir all' müssen stehen zu Wazemann, so lang er Spisar ist im Land. Ihm tragen wir Zins und Steuer hin, ihm bieten wir die Fron, und außer ihm geht uns kein anderer 'was an. Keiner von uns soll sich einlassen mit den Klosterleuten, keiner von uns soll Albengab' tragen zur Klaus!"

"Richtmann," rief Sigenot erschrocken und fasste die Hand des Schönauers, "Du hast übeln Rat!"

Aber im Ring schrieen die Männer: "Red' weiter, Richtmann! Weiter!"

"Mein Rat ist, wie die harte Stund' ihn fordert. Noch allweil ist Wazemann unser Herr. Blüht einmal andere Zeit, und kommen die Klosterleut' obenauf ... Du selber, Fischer, hast ja gesagt, wie gut ihr Herz ist, und wie stark ihre Lieb' ... wenn sie gar so gut und liebreich sind, so müssen sie auch einsehen, dass wir heut nicht anders können, und sie dürfen uns auch in einer kommenden Zeit nimmer harb drum sein, weil heut der einzige Weg, auf dem wir unsere Kinder hüten, um den Lok'stein herumgeht und dem Wazemann zu!"

"Richtmann, Richtmann!", mahnte Sigenot mit bebender Stimme. "Dein Rat hat krummen Weg, Du gehst dem Unrecht zu! Richtmann, tu die Augen auf, Du hast die Wahl zwischen Tag und Nacht ... an Deinen Buben denk und reiß ihn nicht hinaus auf den Nachtweg! Lass ihn stehen bei Licht und Recht!"

Doch Sigenots Worte erstickten unter dem wirren Geschrei, mit welchem der Rat des Richtmanns aufgenommen wurde. Und alle anderen überschrie der Schmied von Ilsank. "Wir wissen genug! Das Raiten hat ein End'! Richtmann, lass die Los' werfen ... schwarz wider die Klosterleut'!"

Der Thingbot brauchte nicht im Ring zu gehen, um die Stäbe zu sammeln. Haufenweise drängten sich die Männer um ihn her und warfen die dunklen Lose in das Bocksfell. Da schrie der Marderecker mit kreischender Stimme: "Richtmann, die Ramsauer losen nicht!" Tumult erhob sich, und laute Rufe schwirrten durcheinander. "Das ist wider Brauch und Recht! Sie müssen losen!"

"Wer will uns zwingen?", fragte der alte Runot und streckte das Grießbeil vor sich und die Seinen hin. "Wir losen nicht! Wir haben all' nur eine Stimm', und die ist daheim geblieben."

"Das ist eine Ausred'", klang's aus dem Haufen. "Sie wollen sich lösen aus dem Schwurbann und wollen ihrem Kuttenbruder zutragen, was wir geraitet haben in der Thingnacht!"

Die Ramsauer hoben die Fäuste gegen den Schmäher, aber der alte Gaumann hielt das Grießbeil fest. "Gebt Ruh', Leut'! Was die Lügenzung' geredet hat, das fallt auf unser' Ehr' und Treu wie ein Stäubl ins Wasser. Nach einer solchen Red' aber, mein' ich, haben wir Ramsauer auf der Thingstätt' nichts weiter mehr zu schaffen! Kommt, Leut', wir gehen heim!" Ohne Gruß ging der Alte dem Wald zu, und die Ramsauer folgten ihm.

Mit zornigem Geschrei drängte der Haufen ihnen nach. Aber da stand der Fischer vor den Schreiern und hob die geballten Fäuste. "Die Ramsauer haben freien Weg! Wer ihnen nach will, muss weg über mich! Wollt ihr raufen im Thing, wie die Buben in der Hofreut? Nur her auf mich! Ich mein', ich steh' noch wider Euch alle!" Vor seinen eisernen Armen und seinen blitzenden Augen wandelte sich die Streitlust in den erhitzten Köpfen zu raschem Frieden.

Inzwischen war Eigel auf den Schönauer zugetreten und hatte das Bocksfell mit den Stäben auf die Erde geworfen. Zwei weiße Lose hielt er in der Hand. "Da brauchst nimmer zählen, Richtmann!", sagte er mit zornigem Lachen. "All' sind schwarz ... bis auf die zwei in meiner Hand! Das erst' hat der Fischer geworfen und das ander' ich!" Da gewahrte er den Kaganhart. "Du! Wo ist denn das Deinig'?"

"Such' nur, es muss schon dabei sein!", brummte der Bauer und drängte sich zwischen die anderen.

Der Schönauer blickte auf die dunklen Lose nieder und atmete auf, als wäre ein drückender Stein von seiner Brust gefallen. Er fasste die Hand des Mardereckers, der an seiner Seite stand, und flüsterte: "Nachbar, wenn du zur Alben kommst, so sag' meinem Liebli: Ich wart' auf ihn ... er kann wieder heim!" Dann hob er das Messer und sprach mit hallender Stimme: "Mannerleut'! Das Thing hat den Spruch getan: Für Wazemann und wider die Klosterleut'! Wir stehen unter Schwur, das ist ein Weiser für alle!"

"Nicht für alle! Einen nimm aus!" Mit bleichem Gesicht trat Sigenot vor den Blutstein.

"Fischer!", stammelte der Schönauer, während die anderen sich erschrocken und lärmend herbeidrängten.

"Was ich sag', das braucht in keinem die Angst erwecken. Den Schweigschwur halt' ich und geh' von der Thingstätt' unter der Hahnfeder. Aber ich kann nicht stehen, wo ich Unrecht seh' und krumme Furcht. Und weil ich gehen müsst' mit Euch, solang ich zur Gemein' gehör'," er riss ein brennendes Scheit aus dem Feuerstoß, löschte mit einem Schlag auf den Blutstein die rauchende Flamme und schleuderte das glimmende Holz hinaus über den Ring der Männer, "so reiß' ich mich los von Euch und Eurer Gemein' und will von Stund' an nimmer teilen mit Euch weder Rat noch Tat, weder Gut noch Blut, weder Leid noch Freud', und will als Einschichtiger den Weg gehen, den ich für den rechten halt'!"

Ehe der Schönauer, der bis an die Lippen erblasst war, ein Wort erwidern konnte, hatte Sigenot sich abgewendet und war den Bäumen zugeschritten. Totenstille war hinter ihm, nur das versinkende Thingfeuer rauschte und knisterte. Doch als er den Wald betrat, erhob sich beim Blutstein ein wüster Lärm...

Mit raschen Schritten folgte Sigenot dem schmalen Waldpfad, auf welchen die sinkende Mondhelle nur mit spärlichen Lichtern nieder blickte. Er war nicht weit gekommen, da hörte er klappernde Sprünge hinter sich. "Fischer! Fischer!" Eigel war es, der Kohlmann.

"Was willst? Keiner wird wenden, was ich getan hab'! Auch Du nicht!"

"Wenden?", lachte der Alte. "Ich hab' Dir's nachgetan und bin Thingbot gewesen zum letzten Mal. Die Narrensupp', die man da droben gekocht hat, schmeckt mir nicht. Jetzt merk' ich's: Der einzig' Gescheide von uns allen ist der gewesen, der nicht gekommen ist, der alte Gobl. Aber Verstand muss Unehr heißen. Hätt' ich mir nur den Apfel mitgenommen!" Wieder lachte der Kohlmann. "Aber wie schon alles geworden ist ... da steh' ich lieber zu Dir als zu den andern. So nimm mich halt mit in die Einschicht und lass mich hausen in Deinem Hag!"

Sigenot zögerte mit der Antwort. "Ich könnt' dich brauchen, Kohlmann, aber ich muss Dir sagen: Meine Hofreut hat einen heißen Boden."

"Warum?"

"Mein Weg geht unter Eisen, ich steh' in Fehd' wider Wazemanns Haus!"

"Wider Wazemann? Ich könnt' ein besseres Wort nicht hören! Da hast meine Hand ... so lieber geb' ich mich!"

"So komm!"

Sie tauschten einen Händedruck, dann stiegen sie talwärts durch die Nacht. Als sie auf vorspringender Bergrippe eine kleine Blöße erreichten, blieben sie erschrocken und lauschend stehen.

Ein dumpfes Rollen wie Donner in der Tiefe, ging unter ihren Füßen hin, und noch eh' es verstummte, lief ein Stoßen und Zittern über den festen Grund. Die Bäume ächzten im Wald, für einen Augenblick erlosch im Tal das Rauschen der Ache, und überall auf dem Berghang kollerte das lose Gestein. "Fischer!", schrie der Kohlmann und fasste den Arm des Gefährten. "Es rührt sich im Berg! Ob die da droben beim Feuer wollen oder nicht ... die gute Zeit steht ein!" Die beiden Fäuste streckte er gegen den Untersberg, der fern in der Nacht sich schwarz emporhob aus dem Tal, die Zinnen umflimmert vom letzten Duft des erlöschenden Mondlichts. "Rühr Dich, Herr Wute, rühr Dich! Die hundert Jahrt' sind um, und der Birnbaum harrt!"

Es rollte in der Erde, und wieder bebte der Grund. "Mein guter Herr, Du mein Gott!", stammelte Sigenot. "Meine Mutter! Mein Haus!" Und mit jagendem Sprüngen stürmte er den steilen Berghang niederwärts, dass ihm der Kohlmann nicht mehr zu folgen vermochte.

Droben auf der Thingstätte waren die Männer, die sich mit den Metkannen um das Feuer gelagert hatten, erschrocken aufgesprungen, als jählings im Beben der Erde der glühende Holzstoß zusammenfiel. Bleich und lallend standen sie und starrten einander an, und als zum zweiten Mal der Grund erzitterte, fassten sie schreiend, was ein jeder zu greifen fand in seiner Nähe, der eine sein Grießbeil, der andere eine rollende Metkanne, der dritte ein halbverkohltes Scheit, der vierte die Kappe, die seinem Nachbar entfallen, der fünfte einen hüpfenden Stein; keiner sah, wonach seine Hände griffen - ein jeder wollte in sinnloser Angst nur bergen und retten, ein jeder fasste, was ihm vor die Füße kollerte, und so stürzten sie vom Feuer weg und rannten schreiend davon nach allen Seiten.

Öd und schweigend lag die Thingstätte. Da raschelte es im Stamm eines vor Alter morschen Baumes, als wäre rührsames Leben in seinem hohlen Holz; dann knackten die Zweige, und eine Gestalt glitt an der Rinde nieder. Sie huschte über die Thingstätte, rannte talwärts und verschwand im Wald. Nach einer Weile klangen auf dem tieferen Hang die flüchtigen Hufschläge eines Pferdes.

Überall im Tal ertönte Geschrei der Menschen. Wer geschlummert hatte unter Dach, war aufgesprungen und aus der Hütte gerannt. Die einen standen, geschüttelt von Angst, und starrten hinaus in die Nacht, die anderen liefen um die hölzernen Mauern, ob sie noch festhielten in ihren Fugen. Von den Almen tönte, halb erstickt durch die Ferne, das Gebrüll der scheu gewordenen Kühe, und hoch in den Felsen dröhnten und knatterten die Steinlawinen, welche niedergingen über die steilen Wände. Im Gadem zündeten sie auf dem bedrohten Herd die Feuer an und warfen die dürren Heilbuschen in die Flammen - in der Ramsau sanken sie auf die Knie und beteten, oder sie rannten zum Kirchlein, dessen Glocke sich gerührt hatte, ohne dass eine Hand den Strang gezogen. Und manch einer, der die Händ ein christlichem Gebet gefaltet hielt, schielte nach den Alraunen und Feuermännlein im rußigen Winkel der Herdstatt, und manch einem, der die Heilbuschen in die Flammen legen wollte, zögerte die Hand, und seine Augen suchten mit zweifelndem Blick die Höhe.

In der Schönau war der alte Gobl unter dem Apfelbaum erwacht, im nassen, zerlegenen Gras, zwischen Schutt und faulenden Äpfeln, umgeben vom Aasgeruch der verwesenden Ziege. Halb hob er sich auf und lachte müd: "Schau! Jetzt rührt sich richtig der Berg! Gute Zeit? Komm oder komm nicht ... mir ist alles eins!" Er legte sich wieder und schloss die Augen. Als der zweite Erdstoß den Grund durchzitterte, klatschten ein paar Äpfel durch die Zweige herunter ins Gras. Am brüchigen Haus ächzten die Balken, dann rührte sich das Dach, die morschen Mauern wichen auseinander, und langsam fiel die Hütte in sich zusammen. Das machte keinen großen Lärm. Ein müdes kurzes Gepolter, und alles war wieder still. Der Alte hob nur ein wenig den Kopf. "Hätt ich drin geschlafen heut Nacht ... nicht einmal erschlagen hätt's mich!" Er seufzte und drehte sich auf die Seite.

Von den Nachbarhöfen klangen die kreischenden Stimmen der Weiber. Vor den Hagtoren standen sie, in bebender Furcht und schrieen die Namen ihrer Männer, welche noch immer nicht heimkehren wollten, in die Nacht hinaus. Von all diesen Stimmen am lautesten klang eine: Die Stimme der Hilmtrud. Und während sie schrie und schrie, spähten ihre Augen immer wieder in scheuer Angst über den schwarzen Wald hinauf gegen den Falkenstein...

Dort oben zitterte ein trüber Lichtschein: Er kam aus Reckas Kammer, in welcher neben dem Spiegel die Leuchte brannte. Schlummerlos lag Recka auf ihrem Lager, ihre nackten Arme schimmerten, und in wirren Strähnen hing das gelöste Rothaar über das Bärenfell auf die Diele nieder. Als der Stoß durch das feste Haus gegangen war, hatte sie die Arme zur Decke gehoben und gestöhnt: "Fall' doch! Fall'! Dann hab' ich Ruh!" Und schluchzend war sie hingesunken über das Lager.

Ihren Vater und ihre Brüder hatte das Rollen in der Tiefe und der Erdstoß nicht geweckt. Sie lagen im Metrausch und in dumpfem Schlaf. Aber die Knechte und Mägde waren schreiend aus dem Steingeschoss des Hauses und aus den Ställen geflüchtet. Und die alte Ulla hatte, als sie vom Heubett gesprungen, mit gellender Stimme geschrieen: "Mein Star! Mein Star!" In der Finsternis hatte sie den kleinen Käfig, zwischen dessen Holzstäben der erschreckte Vogel umherflatterte, an sich gerissen, während unter ihren Füßen im Erdkeller das laute Gewimmer des gebüßten Knaben klang.

Lärm erfüllte den Burghof, und unter den Mauern schwankte der in seinen Tiefen erregte See mit rauschenden Wellen, welche klatschend durch das Röhricht an die Lände schlugen und über den Sand hinausspülten bis an den Fuß des Kreuzes. Matt schimmerten die beiden frisch behauenen Balken in der Nacht, während am Fischerhaus roter Feuerschein aus der offenen Tür und aus allen Fenstern leuchtete.

Mutter Mahtilt und Edelrot hatten die Nacht beim flackernden Herdfeuer zugebracht, während Wicho und die Sennen auf der Hausbank die Wache hielten. Als die Erde dröhnte, und die Felsen zitterten, waren die Männer erschrocken in die Halle gesprungen, um Mutter Mahtilt mit dem Lehnstuhl unter freien Himmel zu tragen; aber sie hatte die Knechte von sich gewiesen, und die stummen Lippen bewegend, hatte sie Salz auf die glühenden Kohlen geworfen und die Heilbuschen in das Feuer gelegt. Mit Wicho war Rötli vor das Hagtor geeilt, und ihre bebende Stimme klang in der Nacht: "Sigenot! Sigenot!"

Als das Echo des Rufes von der Falkenwand zurückfiel, rann zum andern Mal das Beben durch die Erde. Schluchzend vor Angst klammerte sich Rötli an Wichos Arm. Hochüber dem See musste sich ein mächtiger Felsblock gelöst haben. Mit Dröhnen und Gepolter ging sein Sturz über die steilen Wände nieder, und der schwere Fall ins Wasser klang in der Nacht aus dem Weitsee heraus bis an die Lände. "Der Bid! Der Bid!", stammelte Rötli und umschlang mit beiden Armen den Stamm des Kreuzes. Auch Wicho griff mit hastiger Hand nach dem heiligen Holz.

Nun war wieder Stille: Nur der See rauschte und klatschte im Röhricht und warf im Dunkel seinen Schaum über die Lände. "Ich hab' mir gleich gedacht, dass 'was geschehen muss," flüsterte der Knecht, tief atmend. "Der Bid hat das Heilholz gesehen, und das hat ihm nicht getaugt. Und vor Wut ist er herunter gesprungen in den See aus aller Höh'."

"Er wird doch nicht auf der Alben gewesen sein!", stotterte Rötli in bebender Angst. "Sell ist der Ruedlieb droben!"

Noch schlummerte die Liebe in diesem jungen Mädchenherzen. Doch ihre Sorge wurde wach und lebendig in der Stunde der Gefahr und flog auf den Schwingen zärtlicher Angst empor durch die Nacht, den fernen Knaben suchend. Und in der gleichen Stunde geschah es, dass Ruedlieb auf der Reginalm aus der Hütte stürzte. Das Geschrei der Sennen und Almerinnen umgab ihn, das Gebrüll der rasenden Kühe, das Dröhnen der fallenden Steinlawinen - und er presste die Hände an die Schläfe, starrte in die finstere Tiefe und lallte: "All' ihr guten Mächt'! Es wird doch dem Rötli nichts geschehen!"

In stundenweiter Ferne von der Reginalm, unter den Waldgehängen des Göhl, saß ein junges Dirnlein, mit weißem, blutfleckigem Bund um die Stirn, zitternd auf ihrem Heubett und lauschte mit verhaltenem Atem den leisen, halbverwehten Klängen, welche vom Lokiwald emporschwebten durch die Nacht...

Wie in der Ramsau, so hatte auch in der Martinsklause die Glocke geläutet, ohne dass eine Hand ihren Strang gezogen hätte. Eberwein und die Brüder waren vom Lager gesprungen, und während Schweiker das Feuer anzündete, lag Wampo auf den Knien und betete mit lallender Stimme. Eberwein wollte in Waldrams Zelle eilen; doch auf der Schwelle trat ihm Waldram entgegen, mit bleichem Gesicht, das kleine Holzkreuz in der erhobenen Hand. "Die Zeichen mehren sich! Und Gottes Stimme mahnt in der Nacht wie Donner! Will Dein Auge noch immer nicht sehen, Dein Ohr noch immer nicht hören?"

"Ich höre, wie die Mächte der Finsternis sich sammeln zum Streit gegen zitternde Menschen, und werde sehen, wie Gottes Macht die Geister der Vernichtung bändigt, wie Gottes Liebe sich erweist an seinen Kindern!" Eberwein legte die Stola um die Schultern und trat hinaus in die Nacht. Schweiker folgte ihm mit der Kienleuchte, und Bruder Wampo, dem die Knie schlotterten und die Zähne klapperten, trug die Kanne mit geweihtem Wasser. Sie umschritten die Klause, und Eberwein besprengte die Erde und sprach mit lauter Stimme des Exorzismus wider die Dämonen der Tiefe. Da machte unter dumpfem Rollen der zweite Stoß den Grund erzittern, und die Glocke wimmerte. Auf dem Berghang über dem Teich löste sich eine Schuttlawine. Die Finsternis deckte ihren Fall, aber ihr Rauschen und Gepolter hallte in der Nacht, und hüpfende Steine sprangen über die Rodung, kollerten um die Füße der Mönche und schlugen an die hölzerne Mauer der Klause. Bruder Wampos Knie brachen vor Angst, und bleich stand Schweiker, die lodernde Fackel erhebend. Seine Augen starrten in Angst und Sorge hinweg über die schwarzen Wipfel der Bäume, einer fernen Höhe zu, und leise stammelten seine Lippen einen Namen.

Eberwein hatte die Arme erhoben, und zu den Sternen aufblickend, deren Glanz in der weichenden Mondhelle wuchs, sprach er mit fester, hallender Stimme die Worte des Psalmisten: "Gott ist unsere Zuflucht, unsere Stärke, als Hilfe mächtig erfunden in allen Nöten; darum wandelt keine Furcht uns an, ob auch die Erde wechselt, und die Berge wanken; denn du, o Herr, weilst in unserer Mitte und wankest nicht, und Deine Hilfe wird sein, wie Anbruch des Morgens!" Da fühle er seinen Arm erfasst mit heftigem Griff. Waldram stand vor ihm. "Was willst Du?"

"Folge mir und sieh mit eigenen Augen, was geschehen ist!" Er zog ihn am Arm hinter sich her in das Kirchlein. Die zinnerne Schale, in welcher das ewige Licht brannte, schaukelte an ihren dünnen Ketten. "Blick' auf zu ihm!", rief Waldram und deutete nach dem Kreuzbild. Aus den Händen des Bildes hatten sich die Nägel gelöst, und vorgeneigt, nur mit den Füßen noch haftend, hing es am Kreuz, als wollt' es mit jedem Augenblick zur Erde stürzen. "Verstehst Du die Sprache dieses Zeichens?"

"Ja, Waldram!", erwiderte Eberwein mit ruhigem Wort. "Sie sagt mir, dass ich morsches Holz für die Nägel wählte." Er löste seinen Arm und ging in die Klause, um den Hammer zu holen. Nach einer Weile halten die Schläge. Weithin klangen sie in der Nacht...

Der Reiter, welcher auf keuchendem Pferd über die Felder der Strub jagte, hob lauschend den Kopf. "Die haben es aber nötig! In solch einer Nacht noch schaffen sie!" Er duckte sich wieder und schlug dem Ross die Gerte über den Schenkel. Durch die Schönau ging sein Weg, zum Falkenstein. Die Weiber, welche den Hufschlag hörten, stammelten zitternd: "Die Untersberger reiten."

Fackelschein leuchtete in Wazemanns Burghof. Der Reiter fand das Tor geöffnet und die Brücke gesenkt. In Gruppen standen die Knechte und Mägde umher, während droben in der Halle Herr Waze saß, nur vom Hausrock umhüllt, mit nackten Beinen. Seine Leute hatten ihn aus Bett und Stube herausgezerrt in die Halle. Hier war er wieder eingeschlafen im Rausch und schnarchte mit offenem Mund. Der Knecht, der aus dem Sattel gesprungen war, stolperte über die Treppe hinauf und weckte den Schläfer. "Auf, Herr, auf, auf!"

Herr Waze hob den Kopf, glotzte in das Gesicht des Knechtes und erkannte ihn. Er wollte sich aufrichten, doch seine Füße trugen ihn nicht, und fluchend fiel er wieder zurück auf die Holzbank.

"Auf, Herr, auf! Wer kann den schlafen in einer solchen Nacht! Habt Ihr denn nicht gehört ... es hat die Erd' gerumpelt!"

"Lass rumpeln," lallte der Berauschte, "und erzähl! Wie war's beim Thing?"

"Das Thing hat für Euch gesprochen, wider die Klosterleut'!"

Mit gröhlendem Lachen schlug Herr Waze die Fäuste über den Tisch. "Der König, den ich ihnen gebaut hab', hat gute Stangen! Jetzt sollen sie springen, die Kutten! Erzähl, Bub, erzähl ... wer hat wider mich geredet?"

"Der Fischer."

"Den Tod an seinen Hals!"

"Und Eigel, der Kohlmann."

"Wart, Rußiger, ich such' Dich heim an Deiner Kohlstatt! Ich weiß Dir ein heißes Bett in Deinem Meiler! Wer noch? Wer noch?"

"Der Kaganhart! Der hat geraten, den Pechbrand in Euer Haus zu werfen."

Herr Waze sprang taumelnd auf. "Zacho! Heripot!", schrie er mit kreischender Stimme. Zwei Knechte kamen gesprungen. "Hinunter! Hinunter, sag' ich, hinunter zu der Hilmtrud Haus! Den roten Hahn aufs Dach! ich will das Aug' nicht wieder schließen, eh' ich die Keuch' nicht brennen seh'. Weiter! Weiter! Soll ich Euch Füß' machen?" Herr Waze hob die Fäuste zum Schlag, doch er taumelte und fiel mit halbem Leib über den Tisch hin.

Die Knechte eilten davon, und der zuckende Schein der Fackeln, welche sie trugen, glitt niederwärts durch den Bergwald. Als sie der Achenbrücke sich näherten, hörten sie den hellen Schrei einer Mädchenstimme. Es war der Freundesschrei, den Edelrot ausgestoßen bei ihres Bruders Heimkehr. Am Waldsaum vor der Schönau mussten die Knechte hinter Gebüsch sich bergen. In allen Höfen war es lebendig. Überall klangen in der Nacht die schrillen Stimmen der Weiber, die heiseren Rufe der heimkehrenden Männer. Einer rannte über die Halden, keuchend und stolpernd. Kaum trugen ihn seine Füße noch. Sein Weib, das im Dunkel harrte, hatte ihn schon gewahrt und schrie: "Bauer, Bauer!"

"Hilmtrud!", klang die halb erstickte Antwort.

Sie lief ihm entgegen, umfasste mit ihren derben Armen den Wankenden und schleppte ihn zum Hagtor. "Dank allen Gutholden! Weil Du nur wieder daheim bist!"

"Steht unser Haus noch?", keuchte er mit erlöschendem Atem. "Steht's noch?"

"Wohl wohl! Schau hin: Noch allweil steht's!"

Er taumelte in der Finsternis auf die hölzerne Mauer zu und griff nach ihr mit zitternden Händen, lachend und schluchzend. Da fasste das Weib seinen Arm, und bebende Angst klang aus der heiseren Stimme. "Sag', Bauer, sag' ... gelt, du hast im Thing nicht geredet wider Wazemann?"

Kaganhart zögerte mit der Antwort, dann stotterte er, nach Atem ringend: "Was Dir aber einfallt! Kein Wörtl hab' ich geredet, kein einzigs Wörtl!" Und mit scheuen Augen schielte er im Dunkel nach dem Gesicht seines Weibes.

Tief atmete Hilmtrud auf. "So ist alles gut!"

"Was ist gut? Ich versteh' Dich nicht!"

Das Weib schüttelte den Kopf und stieß mit dem Ellbogen die Haustür auf.

"Aber so red' doch!"

"Lass mich in Ruh! Wenn Du schon merkst, dass ich nicht reden will, was fragst denn noch?"

"Ja muss denn da schon wieder gescholten sein, weil ich auch einmal das Maul auftu' zu einer Frag'!"

"Wirst nicht Ruh geben?", klang die drohende Stimme des Weibes aus der Türe. "Wirst nicht herein kommen?"

"Grad nicht, jetzt grad nicht! So 'was! Das könnt' mir taugen! Ich lauf' heim in Sorg' und Ängsten, dass mich kaum die Füß' mehr tragen, dass ich schier keinen Schnaufer nimmer hab'..."

"Hättst Dir halt Zeit gelassen! Meinetwegen hättst noch ausbleiben können, bis der Kuhmist Butter wird!"

"So? So?", schrie der Bauer. "Ja ist denn keiner da? Ja hört denn das keiner, was das für ein Weib ist? So ein Weib! Die Erd' rumpelt und bidmet, dass die Berg' schier einfallen ... und noch allweil gibt das Weib keine Ruh!"

"Jetzt wirst aber still sein, gelt?" Bei diesen Worten griff Hilmtruds Hand aus der Tür und fasste den Mann am Kragen.

"Wirst auslassen oder nicht? Auslassen!", zeterte Kaganhart. Doch eh' er mit diesem Machtwort noch zu Ende war, stand er schon, von der Faust seines Weibes geschwungen, in der Stube und stolperte wider den Herd, dass die Geschirre durcheinander klapperten. Die Tür wurde zugeschlagen, und mit kreischendem Schelten mischten sich im Haus die beiden Stimmen.

Beim Hagtor klang ein leises Kichern: "Wirf! Tust ihnen einen Gefallen damit ... die zwei, die haben gern heiß!"

In hohem Bogen, zischend, wirbelte ein Feuerbrand über den Hag, grell leuchtend in der Nacht, und klatschte auf das Moosdach. Flink, wie die kleinen Wellen bei jähem Windstoß über das Wasser, liefen die gelben Flammenzungen nach allen Seiten über das dürre Moos und Stroh. Lachend rannten die beiden Knechte dem Wald entgegen; als sie die Ache erreichten und rückwärts blickten, sahen sie schon die Funken sprühende Lohe in die Lüfte schlagen. Ein rötlicher Schein fiel über die Waldberge und an die Falkenwand, die sich mit blutigem Schimmer im Seeweiher spiegelte. Sigenot, welcher mit Wicho in flüsterndem Gespräch auf dem finsteren Lugaus saß, gewahrte den Schimmer, und als er aufblickte, sah er die Röte am Himmel und sah in der Ferne die Funken stieben. "Feuerjo! Das muss in der Schönau sein! O die armen Leut', die armen!", rief er, und ehe Wicho ihn halten konnte, war er vom Lugaus über den Hag hinunter gesprungen auf den Sand.

"Lass brennen, was brennt!", schrie Wicho. "Wahr' Dein eigen Haus!"

"Leut' in Not, und ich sollt' nicht helfen?", klang die Stimme des Enteilenden. Er rannte und rannte. Als er die freien Halden der Schönau erreichte, meinte er zu träumen. Wohl sah er die Flammen lodern, aber Stille war rings umher in der grell erleuchteten Nacht, keine Stimme klang, kein Schrei, kein Feuerruf. Nur die Hunde kläfften in den zerstreuten Höfen. Von den Nachbarn des brennenden Hauses war keiner zur Hilfe herbeigeeilt. Die Furcht dieser Nacht, das zitternde Bangen vor dem Ungewissen hatte sie festgehalten im eigenen Hag, unter dem eigenen Dach.

Die Zähren traten in Sigenots Augen, als er nach keuchendem Lauf vor der Brandstätte den Fuß verhielt. Er sah: Hier war nicht mehr zu helfen noch zu retten. Bis auf den Grund schon brannten die Mauern des Hauses und der Scheune, und von den rauschenden Flammen und dem glostenden Gebälk ging eine schwelende Hitze aus, welche das Nähertreten wehrte.

Mitten in der Hofreut, vom Feuer rot beleuchtet, stand Hilmtrud regungslos wie ein steinernes Bild; der Bauer hockte neben ihr auf der Erde, klagend und schluchzend, mit den Armen eine rußige Pfanne umklammernd; sie war von all seinem Hab und Gut das einzige Stücklein, das er gerettet hatte in der wirren Angst. Wie der Mann, so hatte auch das Weib gejammert und geweint und in Verzweiflung die Hände gerungen. Doch als der Bauer in seinem Jammer geschrieen: "Jetzt hab' ich selber, was ich dem Wazemann beim Thing gewunschen, sein Haus hab' ich brennen wollen, jetzt brennt das meinig'!" - Da hatte Hilmtrud ihren Mann mit glasigen Augen angestiert, und kein Laut mehr war über ihre Lippen gekommen.

Als Sigenot - zu sprechen vermochte er nicht - die zitternde Hand auf ihre Schulter legte, blickte sie langsam auf, starrte ihn an wie einen Fremden und wandte die verstörten Augen wieder dem Feuer zu. Der Bauer aber ließ die Pfanne sinken und warf sich schluchzend vor Sigenots Füße. "Mein Häusl, Fischer, mein liebes, einzigs Häusl, in dem ich gelacht hab' als Büebli, bei Mutter und Vater, in dem ich gehaust hab' in Glück und Fried!" Alle Zwietracht und alle üblen Stunden waren vergessen in seinem Jammer, und nur der guten Stunden noch dachte er, die er genossen unter dem in Glut und Asche sinkenden Dach.

Sigenot hob den Schluchzenden auf. "Ich weiß Dir keinen Trost, Nachbar, als nur den einzigen: Da ist Dein Haus gestanden, und schau, da wird's auch wieder stehen, neu und fest! Bist doch ein Mann! Schau, streck Dich! Und wenn die Glut erkaltet ist, so heb' das Bauen an! Mich und meine Leut' kannst haben zur Hilf' in jeder Stund'. Und bis Dein eigen Dach wieder hast, bis selbhin sollst mit Deinem Weib ein gutes Hausen haben an meinem Herd."

Krachend stürzten die brennenden Balken in einem rauchenden Gluthaufen zusammen. Ein zitternder Schrei löste sich von Hilmtruds Lippen, und schluchzend streckte Kaganhart die Arme wie ein hungerndes Kind, dem eine grausame Hand das Brot entrissen. Siegenot suchte die beiden mit sich fortzuziehen, denn er sah, dass jeder Blick in die Glut ihren Jammer erneuerte und mehrte; aber es dauerte lange bis Hilmtrud auf die Worte des Fischers hörte. Endlich nickte sie und drückte wortlos Sigenots Hand; dann schlang sie den Arm um ihres Mannes Hals und sagte mit tonloser Stimme: "Tu nicht weinen, Hartli ... ich hab' Dein Haus verbronnen, ich bau's wieder auf!"

Er achtete dieser Worte nicht, er schluchzte nur, raffte die brüchige Pfanne von der Erde und ließ sich willenlos zum Hagtor führen. Hier blickte Hilmtrud ein letztes Mal zurück auf den glühenden Trümmerhaufen. Ihr Gesicht verzerrte sich, mit geballter Faust erhob sie den nackten Arm und schrie in die erbleichende Nacht hinaus: "Wazemann! Wazemann!"

Der Bauer blickte mit nassen Augen zu ihr auf, doch er fand keine Frage.

So verließen sie die Stätte, die ihr Haus getragen. Bis weit hinunter ins Tal verfolgte sie der Brandgeruch. Als sie den See erreichten, und Sigenot mit herzlichem Zuspruch seinen Hag vor ihnen öffnete, graute der Morgen schon, und über die Schneekuppe des König Eismann fiel die erste Röte des nahenden Tages.

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