Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 15

In der Mittagssonne ritt Herr Waze über die Schönauer Felder. Auf einzelnen Äckern schnitten die Leute das Korn, auf anderen lagen schon die gebundenen Garben und harrten des Erntekarrens. Wo Herr Waze ritt, eilten die Knechte und Mägde auf ihn zu und küssten unter scheuem Gruß den Steigbügel. Ritt er weiter und blickte sich um, so sah er, wie sie beieinander standen und die Köpfe zusammensteckten.

Am Gehöft des Kaganhart führte sein Weg vorüber. Das Tor war geschlossen, und lautlose Stille lag über dem Hag. Doch als Herr Waze durch einen Hohlweg niederwärts ritt gegen den Talwald, begegnete ihm die Hausfrau des Kaganhart mit beladener Kraxe. Scheu blickte sie zu dem Reiter auf und trat seitwärts in die Dornbüsche. Herr Waze musterte das Weib, und ein dünnes Lächeln glitt über seine Lippen. "Woher, Hilmtrud?", fragte er, das Pferd verhaltend.

"Von der Alben, Herr!"

"Wo ist Dein Hauswirt?"

"Der kehrt morgen heim."

"So? Nächtet er auf den Alben oder ...", wie zwei Dolche blitzen die Augen des Reiters auf Hilmtrud, "oder hat er vielleicht einen Weg in der heutigen Nacht?"

"Einen Weg, Herr?", stotterte das Weib. "Ich weiß nicht, was Ihr meint."

Eine Weile schwieg Herr Waze, dann sagte er lächelnd: "Da hast Du aber eine schwere Krax' voll Zeug. Wenn Du abladest daheim, so vergiss nur nicht, dass mir Dein Hauswirt von Sonnwend her noch die halbe Steuer schuldet!" Hilmtrud erblasste und schlang die beiden Arme rückwärts um die Kraxe. "Schau doch," lachte Herr Waze, "meine Mahnung treibt Dir ja alles Blut aus dem Gesicht! Ihr braucht Euer Sach' wohl selber, gelt? Freilich, das ist ein schlechter Sommer heuer. Und ich möcht' Deinem Hauswirt die Steuer wohl gern erlassen. Aber ein Dienst, mein' ich, wär' des anderen Wert."

"Was müsst' er denn schaffen dafür?", fragte die Bäuerin hastig.

"Nicht viel. Nur heimlich müsst' er mich wissen lassen, für wann er zum Thing auf den Totenmann geladen ist."

Eine dunkle Röte schoss über Hilmtruds Gesicht. "Aber Herr," stammelte sie, "wie kann er das? Der Thingbot ruft doch unter Schwur!"

"Freilich! Da wirst du halt die Steuer zahlen müssen! Und heut noch, oder ich müsst' Dich morgen mahnen lassen durch meine Knecht'!" Freundlich grüßte Herr Waze und ritt davon. Er hatte den Wald noch nicht erreicht, da kam die Bäuerin ihm nachgelaufen, ohne Kraxe. Mit beiden Händen fasste sie den Bügel, und Herr Waze verhielt das Ross. "Was willst du noch?"

"Euch sagen, was ich weiß ... ich hab's erlauscht!", raunte das Weib mit bleichen Lippen. "Er ist geladen in der heutigen Nacht, wenn Vollmond einsteht!"

"Heut schon?", lachte Herr Waze. "Da hab' ich Eil'!" Und er gab dem Pferd die Hacken.

"Herr, Herr!", keuchte Hilmtrud, klammerte sich an den Bügel und ließ sich vom Ross schleifen. "Euer Wort, Herr, Euer Wort, dass es heimlich bleibt, und dass die Steuer ... die Steuer ..." Weiter kam sie nicht; um nicht unter die Hufe des sich bäumenden Pferdes zu geraten, musste sie den Bügel fahren lassen und taumelte rücklings in die Dornbüsche.

In jagender Eile sprengte Herr Waze davon, vor dem nieder hängenden Gezweig des Waldes auf den Hals des Pferdes sich bückend. Bald erreichte er die Ache und den breiteren Reitweg, welcher empor führte zu einem Haus. Bei einer Wendung des Pfades konnte er über die Bäume nieder blicken auf das Fischerwesen, von welchem helle Beilschläge zu ihm herauf klangen. Herr Waze verhielt das Pferd und deckte spähend die Hand über die Augen. In Sigenots Hofreut sah er vier Männer bei der Arbeit.

"Er hat seine Sennen gerufen und festet wohl den Hag." Lachend trieb er das Pferd wieder an. "Schlag' nur die Pfähl' und leg' die Balken! Sie sollen mir den Weg nicht sperren, wenn Deine Stund' gekommen ist!"

Als Herr Waze sich dem Burgtor näherte, kam seine Tochter Recka ihm entgegen geritten. Bleich wie ein steinernes Bild saß sie auf ihrem Rappen, die beiden weiß gefleckten Bracken sprangen ihr voraus, und während sie mit der Linken die Zügel hielt, trug sie auf der Rechten ihren Liebling Edilo, welcher unsicher, mit gesträubtem Gefieder auf dem ledernen Handschuh saß. Finster blickte Herr Waze auf seine Tochter, welche zum Gruß kaum merklich nickte und schweigend vorüber reiten wollte. Dunkle Röte färbte seine Stirn, er riss das Pferd herum und sperrte Reckas Weg. "Betrag' Dich wider mich, wie Dir die Laun' steht, das ist mir alles eins! Aber Narrheit im Waidwerk leid' ich nicht! Unter der heißen Tagsonn', das ist keine Zeit zum hohen Flug."

"Ich reite nicht zu meiner Lust," erwiderte Recka in mühsam bewahrter Ruhe, "ich reit' um des Falken willen. Er krankt seit der heutigen Nacht, Flug und Freiheit werden ihm wohl tun." Sie hob die Hand mit dem Falken. "Blick' ihn an, wie er trauert!"

"Was sollt' ihm fehlen? Er steht in reichem Futter und in guter Pfleg' und war noch gestern frisch und wohlauf. Nichts fehlt ihm, aber ich kenn' den Vogel: Stützig ist er, so wie Du!" Ein müdes Lächeln zuckte um Reckas Lippen; schweigend, mit großen Augen sah sie den Vater an und setzte das Pferd in Gang. Herr Waze starrte ihr nach. "Wie ihre Mutter war! Das gleiche Lächeln und der gleiche Blick!" Zornig stieß er dem Ross die Stachel in die Flanken und sprengte dem offenen Tor entgegen.

Eine Stunde später zogen zwei berittene Knechte aus Wazemanns Haus. Als hinter ihnen die Fallbrücke sich wieder gehoben hatte, fragte der eine mit leisem Wort: "Wohin, Gesell?"

"Ich hol' den Rimiger im Lok'wald. Wir reiten nach der Salzaburg zum Haunsperger. Und du?"

"Zum Fuchsloch auf dem Totenmann. Ich hab' stille Arbeit heut Nacht." Sie lachten und setzten die Pferde in Trab. Als sie zur Achenbrücke kamen, hörten sie vom Fischerhaus die Beilschläge herüber klingen.

"Was die wohl schaffen mögen?", fragte der eine, und der andere sagte: "Wie du, so neugierig ist unser Herr auch. Ich muss vorbeireiten und Umschau halten."

Sie trennten sich. Während der eine dem Lauf der Ache folgte, ritt der andere über die Brücke und der Lände entgegen. Als er unter den Bäumen hervor ritt, sah er seitlich neben dem offenen Hagtor eine Grube ausgeworfen. Und Sigenot kam aus der Hofreut, auf seiner Schulter zwei schwere, zum Kreuz gefügte Balken schleifend. Wicho mit einer Schaufel und die beiden Sennen mit Beilen und kurzen Pfählen folgten ihm. Sigenot ließ den Kreuzstamm in die Grube gleiten und richtete ihn auf. Wicho schaufelte, und die beiden Sennen trieben rings um das Kreuz die Pfähle in den lockeren Grund. Mit verblüfften Augen sah Wazemanns Knecht den Schaffenden zu. "He, Fischer! Bist denn Du ein Ramsauer worden?", rief er. "Was machst denn da?"

Sigenot blickte auf. "Ich leg' einen Riegel vor mein Tor und stell' vor meine Hofreut einen Wächter."

"Hui, Du," lachte der Knecht, "vor dem werden die Wölf' aber laufen im Schnee!"

Die Sennen blickten dem Knecht nach, welcher lachend davon ritt. Der eine, dem der Bart schon grau war, kratzte sich hinter dem Ohr, lugte an dem Kreuz hinauf und fragte leise: "Wicho, was meinst denn?"

"Ich mein', was mein Herr meint!", erwiderte Wicho und stampfte mit den Füßen um das Kreuz her die Erde fest. Was der gered hat, ist noch allweil Eisen gewesen. Wenn er sagt: Das Holz hilft, so hilft's auch!"

Sigenot war über den Hügel emporgestiegen und hatte die Halle betreten. Mutter Mahtilt saß im Lehnstuhl, Edelrot vor ihr auf dem Herdrand, neben dem flackernden Feuer. Ihre Gesichter waren bleich und ernst - seit dem Morgen kannten sie die Gefahr, die über ihren Häuptern schwebte und über dem Dach ihres Hauses. "Mutter, schau hinaus durchs Fenster," sagte Sigenot, "schau nur, es steht schon!"

Mutter Mahtilt schüttelte den Kopf und wandte die Augen zur Herdflamme. Sie griff nach einem Bündel dürrer Kräuter, welches neben dem Herd in einer Ecke lag, zog eine Himmelbrandstaude hervor und warf sie in das Feuer, zu stummen Worten die Lippen rührend. Sigenot atmete tief, und Kummer sprach aus seinen Zügen. "Was rufst Du noch die guten Holden, Mutter? Schau hinaus, von allen Guten der Best' hat seine Kreuzarm' wehrend ausgestreckt vor meiner Hofreut! Und sein einschichtiger Arm ist stärker als tausend Männer in Wehr und Eisen. Das hat mir einer gesagt, der die Treu ist und der nicht Lügen redet."

Stumm saß Mutter Mahtilt und legte eine neue Staud ein die Flammen, während Sigenot zum Steintisch ging, die Eisenhaube über den Scheitel drückte und mit dem Schwertgurt die Hüften umschloss. Zum Herd zurückkehrend, streifte er mit der Hand über das graue Haar der Mutter und küsste ihre Stirn. "Komm, Rötli!" Er fasste die Hand der Schwester und verließ mit ihr die Halle. Schweigend, Hand in Hand, stiegen sie über den Hügel hinunter und traten vor das Hagtor.

"Schau, da steht es!", sagte Sigenot, die Schwester zum Kreuz führend. Jetzt leg' Deine Hand an das Heilholz!" Edelrot tat es, und über die Hand der Schwester drückte Sigenot die seine. "Jetzt schau hinauf und sag': 'Mein guter Herr, Du mein Gott!'"

Edelrots Lippen zitterten, und ihre Augen wurden feucht. "Mein guter Herr, Du mein Gott!"

Aufatmend legte Sigenot den Arm um Rötlis Schulter. "So, Schwesterlieb, jetzt hast einen festen Hüter! Geh hinein zur Mutter und bleib bei ihr! Jetzt tu' ich ohne Sorg' den Weg, auf den der Schwur mich ruft!" Er führte die Schwester zum Hagtor, küsste ihr Haar und schritt der Ache zu.

"Wohin geht er?", fragte der jüngere der Sennen. Und der ältere murmelte: "Ich mein' wohl, dass ich es rat'." Aber Wicho fiel ihm ins Wort. "Wenn Du's weißt, so schweig!" Der Alte nickte, und seine grauen Augen spähten hinaus in die Ferne, in welcher eine dunkle Waldkuppe aus dem Tal emporstieg, der Totenmann.

Sigenot folgte dem Pfad am Ufer der Ache und erreichte den Untersteiner Forst. Da hörte er das Geläut zweier Hunde. Es waren Reckas Bracken, welche die auf weiter Lichtung gelegenen Achensümpfe durchstöberten. Am Rand des Röhrichts hielt die Wazemannstochter auf ihrem Rappen und spähte mit scharfen Augen über das Schilf, auf erhobener Hand den stillen, trauernden Falken. Die Hunde jagten. Einzelne Stücke Rotwild, die im Sumpf Kühlung gesucht, flüchteten dem Wald zu, behängt mit Schlamm und triefend von Wasser. Eine Weile war Stille, dann wieder läuteten die Hunde. Es rauschte im Schilf, und eine Kette Rohrhühner stob nach allen Seiten auseinander. Recka enthaubte den Falken und schwang ihn unter lautem Ruf: "Holiiih! Holiiih!" Edilo schlug wohl mit den Schwingen, aber nur, um den Halt nicht zu verlieren, und seine Fänge klammerten sich auf dem Handschuh fest. Erschrocken blickte Recka auf ihren Liebling. Er schüttelte das Gefieder, zog den Kopf zwischen die Schwingen, und während er lechzend den Schnabel öffnete, folgte sein unruhiger Blick den entschwindenden Hühnern.

"Edilo! mein Trautgesell! Was ist Dir?", stammelte Recka, und ihre Augen wurden nass. Sie ließ die Zügel sinken, drückte den Falken an ihre Brust und streichelte ihm Kopf und Schwingen, aber so sacht ihre Hand auch glitt, sie schien den Falken zu drücken, denn er sträubte sich wider die Zärtlichkeit seiner Herrin. Die Hunde jagten, und mit ängstlichem Kreischen hoben sich zwei Wildenten über das Röhricht. "Holiiih! Holiiih!" Mit kräftigen Schwung warf Recka den Falken in die Luft. Edilo taumelte, doch er breitete die Schwingen und begann zu schlagen, flatternd hielt er sich einen Augenblick auf der gleichen Stelle, dann klang sein gellender Schrei, und pfeilschnell flog er den kreischenden Enten nach, welche sich über die Baumwipfel erhoben hatten und dem Schönsee entgegenstrebten. "Er gesundet!", jauchzte Recka, und auf jagendem Ross, durch aufspritzendes Wasser und brechendes Röhricht folgte sie ihrem Trautgesellen.

Im Schatten des Hochwaldes wanderte Sigenot. Er hatte den Pfad verlassen, um die Lichtung zu vermeiden, auf welcher er die Bracken läuten hörte. Da klang über ihm in den Lüften des klagende Geschrei einer Wildente. Er blickte auf - es rauschte in den Wipfeln - und wenige Schritte vor ihm stürzten zwei zum Klumpen geballte Vögel mit dumpfem Fall auf den Moosgrund. Die Flügel gespreizt, den Hals mit offenem Schnabel auf die Erde gestreckt, so lag die Ente im Verenden unter dem Falken, der die eine "Hand" in ihren Rücken, die andere in ihren Hals geschlagen hatte. Er hielt die Schwingen steil erhoben und hackte langsam und matt mit dem Schnabel nach dem Kopf der Ente. Festgebissen hing er an seiner toten Beute, sein Gefieder blähte sich auf, seine zitternden Schwingen fielen, und lautlos sank er in das Moos, mit den scharfen "Händen" noch verkrampft im Fleisch seines Opfers.

"Ihr Liebling!" Sigenot eilte auf den Falken zu. Aber da sprengte Recka zwischen den Bäumen einher, mit dem zornigen Ruf: "Lass Deine Hand von meinem Falken!"

Die Stirn von dunkler Röte übergossen, trat Sigenot zurück, während Recka aus dem Sattel sprang. Nun sah sie den Falken liegen, leblos. "Edilo!", jammerte sie und warf sich auf die Knie. Mit zitternden Händen löste sie die Fänge des Falken und rüttelte ihn, als könnte sie ihn gewaltsam wieder zum Leben erwecken. "Edilo!" Aber die Schwingen des Vogels hingen schlaff, sein Kopf baumelte, und über die erloschenen Augen waren halb die dünnen, gelben Lider gefallen. Recka ließ den toten Falken sinken und starrte ihn an. "Mein Einziges, mein Letztes und Liebstes!" Zähren perlten über ihre Wangen.

Ein Zittern befiel den Fischer, als er diese Tränen sah. "Geh, tu nicht weinen!", sagte er mit schwankender Stimme. Schau, wenn ich den Falken wieder lebig machen könnt', ich weiß nicht, was ich gäb'!"

Recka hörte nicht, was er sagte. Nur der Klang seiner Stimme schlug an ihr Ohr. Sie hob die funkelnden Augen, ihr Gesicht verzerrte sich im Zorn, und mit geballten Fäusten sprang sie auf. "Fischer, was hast du meinem Falken getan?"

"Nichts, Recka!", stammelte Sigenot. "Ich hab' ihn nicht angerührt."

"So hat ihn wohl die Ente zu Tod gstochen mit ihrem stumpfen Schnabel? Oder hat sie ihn erwürgt, da sie schon verendet lag? Er flog und lebte ... und Deine Hände haben gegriffen nach ihm!" Sie trat vor den Fischer hin, bebend vor Zorn und Erregung. "Was hast du meinem Falken getan?"

"Nichts, Recka! Ich hab' es schon einmal gesagt, und meine Red' ist Treu und Wahrheit."

"So treu und wahr, wie dass mein Falk noch lebt!", fiel Recka dem Fischer mit schriller Stimme ins Wort. "Wenn du ihn schon erschlagen hast, so hab' doch den Mut und sag' mir's ins Gesicht! So sag' es doch frei heraus: Das ist die Vergeltung für Hennings Pfeil und Stein!"

"Recka!" Erbleichend war Sigenot zurückgetreten.

"So nimm sie, Deine Buß'!" Mit zuckender Hand hob sie den Falken von der Erde und schleuderte ihn vor die Füße des Fischers. "Hennigs Pfeil hat dich gefehlt, mich aber hast Du getroffen in meinem Einzigsten und Liebsten. Und üble Buß' hast Du genommen ... Henning hat geschlagen wider einen, der in Wehr und Eisen geht, Du aber hast geschlagen wider mein wehrloses Tier ... noch schlechter, als er, bist Du!" Zorn und Zähren erstickten ihre Stimme, sie wandte sich ab und ging ihrem Ross zu, welches mit schleifendem Zügel zwischen den Bäumen graste.

Da vertrat ihr Sigenot den Weg. Fahle Blässe bedeckte seine Züge, seine Augen brannten, und seine Stimme klang, als läge eine würgende Hand an seiner Kehle. "Du hast mir gesagt, was keiner, der Mannesnamen hat, mir sagen hätt' dürfen, ohne dass ich ihn niedergeschlagen hätt' mit meiner Faust." Mit heiserem Lachen richtete sich Recka auf, und ihre Hand griff nach dem Messer am Gürtel. "Lass die Hand von Deiner Wehr! Ich brauch' nicht denken, dass Du ein Weib bist, ich denk' nur, was Du gestern getan hast für meine Schwester ... und der Schimpf, den Du mir angetan, ist wett gemacht. Noch einmal sag' ich Dir: Ich hab' Deinen Vogel an keine Feder gerührt! Ich hab' gesehen, wie er fallt, und wie ihm das Leben ausgeht ... und mir ist leid gewesen um ihn, denn ich hab' gewusst, dass der Vogel Dir lieb ist. Hätt' ich Buß' gesucht für Hennings Pfeil und Stein, ich hätt' wohl anderen Weg genommen als zu Dir und Deinem Vogel!"

Recka wollte sprechen, doch wie ein glühender Storm floss Sigenots Rede. "Ich hab' gar wohl geschieden zwischen Deinem Bruder und Dir! Und hab' ich ihn gehasst, wie der Tag die Nacht ... Dir bin ich gut gewesen, wie der Baum dem Licht. Was schaust mich an? Das Wort ist heraus ... und weil wir schon raiten miteinander, soll geraitet sein bis auf das letzte Wörtl! Dir bin ich gut gewesen, seit ich denk' ... und hab' zu Dir aufgeschaut, wie die Morgenerd' zur lieben Sonn'. Ich mein', Du hättst es merken können auf dem Weitsee in derselbigen Sturmnacht, in der ich untreu mein eigen Blut hab' sinken lassen, weil ich greifen hab' müssen nach Dir!"

Reckas Gesicht verfärbte sich, und mit tastender Hand griff sie nach einem Baum, als bedürfte sie einer Stütze.

"Und seit ich dich in derselbigen Nacht gehalten hab' an meinem Herzen, derzeit hab' ich hangen müssen an Dir in Weh und Lieb', derzeit hab' ich denken müssen an Dich in Licht und Finsternis, öfter in jeder Stund', als der streifende Wolf in der Schneenacht die eigene Fährt' überläuft!" Schwer atmend verstummte Sigenot und drückte die Fäuste auf seine Brust, als könnte er gewaltsam den Sturm bezwingen, der in seinem Herzen entfesselt war.

"So sprich doch weiter!", stieß Recka mit versagender Stimme hervor. "Red' es doch zu End', was mein Vater begonnen hat in der heutigen Nacht ... es klingt ja Deine Red' zu der seinigen, wie das Echo zum Hall." Sie lachte zornig. "So sag' es doch, dass Du mit ihm eins geworden, sag' es doch, dass Du geschachert hast und den Preis bestimmt, für den Du mit ihm gehen willst auf gleichem Weg und zu ihm halten wider die Klosterleut'! eins aber merk' Dir: Eh' Du mit Deiner heiß gewordenen Fischhand rühren sollst an mich, eh' mögen die da draußen beim Lok'stein meines Vaters Dach über mich und meine Brüder werfen!"

Siegenots Arme sanken, und seine Augen richteten sich mit festem Blick auf Recka. "Ich weiß nicht, was Du meinst! Doch dass ich zu Deinem Vater und zu Deinen Brüdern halt', das ich einen Weg geh', auf dem ich Treu und Recht nicht find', dafür gibt's keinen Preis in der Welt, und möcht' er so schwer auch wiegen, wie Du mir gewogen hast! Ich kann mein Herz nicht umwerfen, wie der Bauer die Erd' mit seinem Pflug ... aber sterben kann ich an meiner Treu, die meinem Haus und Blut gehört, und dem, was recht und gut ist! Schau her!" Er raffte einen dürren Ast von der Erde. "Schau den Stecken an! In aller Not, die Deine Brüder sinnen wider mein Haus, nach allem Schimpf noch, den Du mir angetan, hängt meine Lieb' an Dir wie Holz an Holz! Aber so ...", mit jähem Ruck zerbrach er den Ast und schleuderte das eine Stück zur Linken, das andere zur Rechten, "so gehen unsere Weg' auseinander! Ich bin, was ich sein muss ... und Du bist Blut von Wazes Blut! Zwischen Dir und mir ist ein Wasser, das nimmer ausrinnt, zwischen Dir und mir ein Berg, der nimmer fallt und eben wird!"

Mit bleichen Lippen wandte Sigenot sich ab und schritt durch den Wald der Ache zu. Recka stand zitternd, mit fahlem Gesicht, und ballte die Faust. "Triff ihn, Henning!", keuchte sie. "Triff ihn ... und ich will den Streich nicht schelten!" Stöhnend schlug sie die Hände vor das Gesicht und so stand sie lange, an den Baum gelehnt. Endlich ließ sie ihre Arme sinken. Wie versteinert waren ihre Züge. Sie ging auf den Falken zu, hob ihn von der Erde und bestieg das Ross. Langsam ritt sie durch den Wald, keinen Zügel führend, dem Pferd die Sorge um den Weg überlassend. Im Schoß hielt sie ihren toten Liebling, und während sie mit starrem Auge auf ihn nieder blickte, suchte ihre zitternde Hand das wirre Gefieder zu glätten.

Um die Wildente, welche vergessen im Moos lag, begannen die Fliegen zu summen...

Der Abend kam, still und mit goldigem Schimmer. Ein leiser Wind erwachte, und von den grünen Buchen flatterte zuweilen ein gelbes Blatt zur Erde. Im Sommerleben der Natur erwachte schon die Ahnung des nahenden Winters. Über den Feldern der Schönau, hoch in den Lüften, kreiste eine Schwalbenschar, die sich sammelte zur Reise in die Ferne.

Im roten Schein der sinkenden Sonne wanderte Sigenot, einem Pfad am Ufer der Ramsauer Ache folgend, über die Halden der Strub, vorüber an kleinen Hag umschlossenen Hütten. Von der Höhe des Lokiwaldes klang der Hall der Glocke. Sigenot verhielt die Schritte, und seine Augen schweiften mit kummervollem Blick hinauf über das schattige Waldgehänge. "Für alles kann er halt doch nicht helfen!", murmelte er, streifte mit der Hand über die Stirn und wanderte weiter.

Die Glocke klang. Sie läutete den letzten Feierabend der Woche ein und grüßte mit ihrem Hall die vollendete Klause, auf deren mit Reisig, Moos und Rinden gedecktem Dach neben dem hölzernen Kreuzlein ein grünes Tannenbäumchen ragte.

Bruder Wampo kochte am flackernden Feuer das Abschiedsmahl für die Knechte, welche in der Mondnacht mit den Saumtieren heimziehen sollten nach der Salzaburg. Waldram lag im Zelt, gepeinigt vom Schmerz der schwer heilenden Geißelwunden. Eberwein schaffte noch im Zwielicht des Kirchleins, an der hölzernen Platte schnitzend, die er für den steinernen Altar gefertigt hatte. Vom ragenden Kreuz blickte das farbige Bildnis des Erlösers auf ihn nieder. Durch eine der schmalen Fensterlucken fiel noch ein roter Strahl der sinkenden Sonne und umschimmerte die blutende Herzwunde des stillen Bildes.

Vom Strang der Glock hinweg war Bruder Schweiker wieder in die Klause getreten, um die kleinen Kammern zur Not für diese erste Nacht noch wohnlich einzurichten. Sein Gesicht war bleich, seine Augen hatten einen verlorenen Blick, und alle Arbeit tat er wie ein Träumender.

Die Knechte hatten ihr Mahl genommen und standen zur Heimfahrt bereit, jeder ein Saumtier führend, jeder ausgerüstet mit einer Kienfackel, deren Flammen in der Nacht die Raubtiere verscheuchen und den Weg erleuchten sollten, bis das Licht des Vollmondes niederfielen in das enge Tal. Mit herzlichen Worten gab Eberwein den Knechten Abschied. Schweiker drückte wortlos ihre schwieligen Hände und klopfte die Saumtiere auf den Hals zum Gesellendank für die Arbeit, welche sie redlich mit ihm geteilt hatten in dieser fleißig durchschafften Woche. Seufzend, mit traurigen Augen blicke Bruder Wampo den abziehenden Knechten nach.

Als sie im Dämmerschein des Abends zwischen den Bäumen verschwanden, sagte Eberwein: "So stehen wir allein und wollen vertrauen auf den Schutz des Himmels. Bruder Schweiker, reiche mir die Stola und das heilige Wasser, dass ich unsere Klause weihe, ehe wir zur ersten Nacht unter ihrem jungen Dach die Häupter bergen!"

Schweiker ging zu den Zelten. Als er zurückkehrte, küsste er das weiße, goldbestickte Band, bevor er dasselbe um die Schultern Eberweins legte. In sinkender Nacht, umgeben von lautloser Stille, schritten sie um das Kirchlein und die Klause. Mit bewegter Stimme sprach Eberwein die Worte der Weihe und taufte die Klause auf den Namen des heiligen Martin. "So wie Du, Martine, der Du nun wohnst in Gottes Nähe," sprach er, aufblickend zum Himmel, an welchem die ersten Sterne blitzten, "so haben auch wir unser frommes Haus errichtet in Wald und Einöd, zwischen irrenden Menschen und streifendem Getier. Sei diesem Haus, das Deinen heiligen Namen trägt, ein Schirm und Schutz!" Die Brüder sprachen das Amen.

Im Kirchlein wurde das ewige Licht entzündet und in der Herdstube das erste flackernde Feuer. Waldram, welcher kaum eines sicheren Schrittes mächtig war, wurde von Eberwein in die Klause geführt. Schweiker brach die Zelte ab und verwahrte das heilige Gerät und die Werkzeuge. Bruder Wampo schleppte das kleine Gebinde mit dem Messwein und die schmal gewordenen Vorräte in eine der Kammern. Dann saßen Eberwein, Wampo und Schweiker auf niederen Holzklötzen um das flackernde Feuer, dessen Flamme den ersten Ruß an die hölzerne Mauer hauchte. Rot leuchtete der Herdschein in die stille Nacht hinaus, denn Tür und Fenster waren noch unverwahrt. Sie besprachen den kommenden Tag.

"Ich will im Morgengrauen die Messe lesen," sagte Eberwein, "dann will ich den Stab zur Hand nehmen und hinauswandern über den weiten, steinigen Acker, auf dem wir pflügen sollen und Gottes Samen streuen. Unseren Bruder Hiltischalk in der Ramsau will ich grüßen, und von all' meinen Wegen der erste soll der armen Hirtin gelten, damit ich nach ihrer Wunde sehe."

Schweiker rückte auf dem Holzpflock und starrte ins Feuer, während Bruder Wampo seufzte: "Jetzt wird das Bartele sobald wohl nimmer kommen! Das ist doch ein schiecher Mensch, der das getan hat!"

"Er soll es mir sühnen an dem Kinde, so wahr ich Herr dieses Landes bin!" Eberwein sprang auf. "Herr Waze will nicht kommen, so muss ich ihn rufen zum andern Mal!"

"Schicke mich, Herr!", fuhr es über Schweikers Lippen. "Ich will denselbigen, der Henning heißt, wohl finden in Wazemanns Haus."

Eberwein schüttelte den Kopf. "Nein, Bruder! Du hast mir zu schnelle Fäuste für solche Botschaft. Ich brauche nur eine Zunge!"

"Da muss halt die meinige herhalten!", meinte Wampo. "Schickt nur mich, Herr! ich will reden mit diesem Waze und seinen Buben, jedes Wörtlein ein Pfeilschuss! ich fürcht' mich nicht! Ich will mich schon rüsten mit Kreuz und Rosenkranz, dann sollen sie nur anrücken wider mich!"

Ein freundliches Lächeln ging über Eberweins ernste Züge. "So ziehe morgen hinaus zum Schönsee! Und kommst Du in Wazes Haus..." Eberweins Augen blitzten, "so lad' ihn im Namen unseres Heiligen, seines Herren, binnen drei Tagen mit seinem Sohn Henning zu erscheinen vor meinem Aug'. Es ist Gericht, das ihn erwartet!"

"In unseres Heiligen Namen, ich lad' ihn, Herr!"

"Nun wollen wir den Tag beschließen!" Sie löschten in der Stube das Feuer und gingen zur Ruhe. Eberwein und Waldram schliefen in getrennten Zellen, Schweiker und Wampo gemeinsam in einer Kammer, welche an die Wand des Kirchleins stieß.

Um die still gewordene Klause lag die Nacht. Sanft rauschte die Ache im Tal, der kühle Nachtwind machte die Wipfel der Bäume raunen, und zahllose Sterne funkelten am Himmel, den der nahende Vollmond über den östlichen Berg schon zu lichten begann.

Aus dem schwarzen Schatten des Waldes trat ein Mann auf die Rodung. Der Anblick des Balkenhauses und der geheimnisvolle Lichtschein, welcher aus den Fensterlucken des Kirchleins schimmerte, bannte seinen Fuß. Lange stand er, auf das vorgestreckte Grießbeil gelehnt. Dann wanderte er lautlos über die Lichtung hinweg, im Wald verschwindend. Unter den Bäumen rief ihn eine gedämpfte Stimme an: "Zeitlassen, Nachbar!"

"Zeitlassen auch!", klang die leise Antwort. "Wohin zur Nacht?"

"Ich mein', wir haben den gleichen Weg."

"Wohl wohl, komm nur! Wir müssen gut ausschreiten, wollen wir droben sein, bis Vollmond einsteht." Schweigend schritten sie weiter auf dem dunkeln Pfad.

Und dieser Pfad war nicht der einzige, der sich belebte in der stillen Nacht. Überall in weiter Runde, auf offener Flur und in dichtem Wald klangen Schritte, auf jedem Weg und Steg. Zuweilen tauchte der Schein einer Fackel auf und ging wieder unter in Finsternis. Dunkle Gestalten wanderten bald einzeln, bald zu dreien und vieren gesellt, und sie alle suchten das gleiche Ziel.

Von der Höhe des Totenmannes reckte sich eine Feuerzunge über die schwarzen Wipfel empor. Zu der Stätte, an der sie brannte, war das Thing gerufen, welches entscheiden sollte über Wazemanns Haus und das Geschick der Klause, über die kommende Zeit im Gadem. Jeder Schritt auf rauem Stein, der klirrende Aufschlag eines jeden Grießbeils klang in der stillen Thingnacht wie das Rollen eines eisernen Würfels.

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