Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 14

Als in der Schwüle des Nachmittags der Schlaf über Mutter Mahtilts Lider gesunken war, hatte sich Edelrot der Botschaft erinnert, die ihr Henning von seiner Schwester Recka gebracht hatte. Wohl klang in ihrem Ohr die Mahnung, welche Sigenot schon mehr als einmal zu ihr gesprochen: "Tu keinen Schritt in Wazemanns Haus!" Wohl erwachte in ihr, wenn sie der Begegnung mit Henning sich erinnerte, ein dunkles Gefühl der Angst und eine heimlich warnende Stimme. Aber wie hätte sie das Wort der Herrentochter missachten dürfen und Recka erzürnen, die immer gut und freundlich zu ihr gewesen? Und hatte sie denn der Tochter Wazes nicht noch mehr zu danken als gute Worte und herzliche Blicke? War es nicht Reckas Hand gewesen, die in jener bösen Sturmnacht der Sinkenden die Rettung brachte, als das Wasser schon den letzten Hilfeschrei auf ihren Lippen erstickte? Und jetzt, da Recka nach ihr rief, sollte sie nicht folgen - und wär' es auch nur ein Ruf zur Kurzweil und heiterem Spiel?

"Ich muss zu ihr! Ich muss!" Edelrot hauchte einen Kuss auf das Haar der schlummernden Mutter und schlüpfte lautlos aus der Halle. Der sonnige Wald umfing sie, und leichten Fußes betrat sie den Steg, der die rauschende Ache überspannte. Hellen Auges blickte sie auf das zitternde Spiel der goldenen Lichter, mit welchen die leuchtenden Strahlen, durch alle Lücken des Gezweiges nieder gleitend, den Pfad überwoben. Sie sah nur das Licht und nicht die Schatten ihres Weges. Ihre kindlich reine Seele hatte keinen Blick für den Abgrund, welcher gähnte vor ihren Füßen.

Bald erreichte sie den breiten Reitweg, der in weitem Bogen über den Berghang empor führte zu Wazemanns Haus. Saftig wucherte das Gras am Saum des Pfades, überall schimmerten aus dem grünen Rasen die bunten Sterne und Glocken der Waldblumen, und aus den Buchenkronen tönte der Finkenschlag. Ein Liedlein summend, unter gemächlichem Bergwärtsschreiten, pflückte Edelrot eine Blüte um die andere und wand sie mit dünnem Halm für Recka zum Strauß. Schon war sie auf steiler werdendem Hang bis zur Wende des Pfades emporgestiegen, da klang aus dem Tal herauf der Hall einer rufenden Stimme. Edelrot bleib stehen und lauschte. Wohl meinte sie die Stimme Wichos zu erkennen, aber die gellenden Rufe des Knechtes verschwammen mit dem Echo, das sie weckten, und klangen durch die Ferne gedämpft wie helles Jauchzen. "Was hat er denn," lächelte Rötli, "dass er gar so lustig tut und juchzt wie ein Hüterbub?"

Lauschend stand sie, immer wieder klang die hallende, mit dem Echo sich vermischende Stimme, und da schickte sie zur Antwort einen klingenden Jauchzer hinunter ins Tal. Die Rufe des Knechtes verstummten, und leise singend, Blüte um Blüte brechend, wanderte Rötli weiter. Bald tauchte zwischen den Bäumen die graue Burgmauer auf. Die Fallbrücke war niedergelassen, und ein Knecht saß unter dem offenen Tor. Als er das Mädchen kommen sah, eilte er in den Hof zurück. Hier stand, von einem Stallburschen am Zügel gehalten, der gesattelte Falbe, und Herr Waze, welchem Henning den Bügel hielt, wollte sich just in den Sattel schwingen.

Henning sah das Zeichen, welches der Knecht ihm machte. Er biss sich auf die Lippe, stampfte mit dem Fuß und fragte hastig: "Vater? Bist Du heut schon in der Falkenkammer gewesen?"

"Nein. Warum?"

"Der Weißfalk, den Du im Frühjahr dem Haunsperger abgehandelt hast, will mir seit gestern nimmer gefallen."

"Was soll ihm denn fehlen?", fragte Herr Waze erschrocken, denn er hatte den kostbaren Beizvogel mit schwerem Gold bezahlt. Drei Jahre hatten die Bauern Blut schwitzen und zwiefach steuern müssen, bis der rote Haufen beisammen war. "Meinst Du, dass er gichtig wird?"

Henning zuckte die Schultern. "Schau ihn halt selber einmal an!" Herr Waze löste den Fuß aus dem Bügel und während er im Unterbau des Hauses verschwand, zischelte Henning dem Knecht zu: "Führ sie ins Haus und bleib bei ihr, bis der Alte draußen ist!" Er folgte dem Vater.

Als der Knecht das Tor erreichte, kam Edelrot ihm entgegen. "Deine Herrin hat mich gerufen," sagte sie, den Knecht mit freundlichem Lächeln grüßend.

"Wohl wohl, ich weiß, komm nur herein, ich führ' Dich!"

Schon setzte sie den Fuß auf die Brücke, da hörte sie hinter sich mit heller Stimme ihren Namen rufen. Sie blickte sich um und machte erstaunte Augen, als sie Recka auf ihrem Rappen den Reitweg einher sprengen sah.

"Mach' weiter, Dirn', komm herein!", brummte der Knecht und fasste ihren arm. Aber sie riss sich los. "Recka! Recka!", rief sie und eitle der Wazemannstochter entgegen. Als diese mit festem Zügelruck das Pferd verhielt, reichte ihr Edelrot die Blumen. "Da bin ich! Und schau, das hab' ich Dir gebracht!"

Die Blumen schienen bei Recka nicht sonderlichen Wert zu finden. Mit lässiger Hand steckte sie das Sträußlein hinter den Gürtel. Unwilligen Blickes ruhten ihre Augen auf Edelrot, und mit rauer Stimme fragte sie: "Was suchst Du im Haus meiner Brüder?"

"Aber wie fragst mich denn?", stotterte Rötli. "Ich komm' doch, weil Du mich gerufen hast."

"Ich? Dich gerufen?"

"Freilich! So besinn' Dich doch! Hast mir ja Botschaft geschickt!"

Reckas Brauen furchten sich. "Botschaft? Durch wen?"

"Durch Deinen Bruder Henning."

"Eine dunkle Röte floss über Reckas Gesicht, und hastig glitt sie aus dem Sattel. "Ja, Rötli, ich besinne mich!", sagte sie mit bebender Stimme. "Und ich danke Dir, dass Du gekommen bist. Gib mir Deine Hand, ich will Dich führen!"

"Recka!", stammelte das Mädchen. "Was ist Dir denn? Deine Hand ist heiß und zittert."

"Der Zügel hat sie müd gemacht! Frag' nicht weiter! Wär' ich minder scharf geritten, es wäre Dir leid gewesen." Und das Mädchen an der einen Hand, and er anderen den Rappen führend, überschritt sie die Fallbrücke.

Scheu und verlegen drückte sich der Knecht an die Mauer. Da sah er auf dem Reitweg einen Menschen dem Tor entgegen rennen, mit so wilder Hast, als wäre der Tod hinter ihm. Mit leisem Fluch packte der Knecht den Hebel der Kettenwinde und zog die Brücke auf. Kaum war das Tor geschlossen, da erreichte Wicho den gähnenden Graben, keuchend vor Erschöpfung, mit fahlem Gesicht und aufgequollenen Augen. Einen röchelnden Laut noch stieß er aus und streckte die Arme, dann brachen ihm die Knie, und nach Atem ringend, wälzte er sich auf der Erde.

Als hinter Recka und Edelrot das Tor sich schloss, trat Herr Waze mit Henning gerade aus der Falkenkammer. Beim Anblick der Schwester blitzten Hennings Augen zornig auf, und ein starres Lächeln verzerrte seine Lippen.

"Ich weiß nicht, was Du an dem Vogel findest," brummte Herr Waze, welcher dem Burgtor den Rücken kehrte, "er hat einen frischen Blick und kröpft, als hätt' er ein Jahr lang gehungert." Er hörte den Hufschlag des Rappen, drehte das Gesicht und riss die Augen auf. "Du, Recka? Was führt Dich denn heut schon heim? Und was soll die Dirn an Deiner Hand?"

Recka warf dem Knecht die Zügel des Pferdes zu, und ohne den Vater zu grüßen, schritt sie an ihm vorüber und blieb vor ihrem Bruder stehen, welcher, die Augen einkneifend und den Schnurrbart zwirbelnd, langsam zurücktrat.

"Henning!" Reckas Stimme klang hart, und drohend funkelten ihre schönen Augen. "Ich danke Dir, dass Du meine Botschaft so treulich ausgerichtet! Sieh her, das Kind ist gekommen ... ich halt' es an meiner Hand, ich führ' es in meine Kammer! Und Dir sag' ich: Was eingeht unter Dach, ist heilig!" Tief atmend schlang sie den Arm um Edelrots Schulter und flüsterte: "Komm, Rötli, komm zu mir!" Mit scheuen Augen blickte Edelrot zu Recka empor und wieder im Hof umher, auf Herrn Waze und auf Henning. Sie wusste kaum, dass Recka sie zur Treppe führte und hinauf zur Halle. Alles, was mit ihr geschah, war ihr wie ein beängstigender, unbegreiflicher Traum.

Mit verblüfftem Gesicht Sah Herr Waze den beiden Mädchen nach, dann wandte er langsam die Augen auf Henning. "He, Du! Mir scheint, jetzt weiß ich, weshalb ich hätt' reiten sollen!" Henning zuckte die Achseln und wollte gehen. "Bleib, sag' ich!", schrie Herr Waze, und seine Stirn wurde dunkelrot vor Ärger. "Du bist mir ein Feiner, das muss ich sagen! Du bist ja einer, vor dem mir selber bald grausen könn'!"

"Ich bin halt, wie Du mich gezogen hast!"

"So redst Du mit mir?" Herr Waze trat mit geballter Faust vor seinen Buben hin, welcher lächelnd stand und keinen Schritt zurückwich. "Ich sag' Dir's noch einmal: Mir graust vor Dir. Am Morgen den Bruder und am Abend die Schwester ... das ist ein lützel viel für einen Tag!"

"Ich will halt nicht zu kurz kommen!" erwiderte Henning mit rohem Lachen. "Gelt, das hat Dir getaugt, dass ich Dir den andern vom Hals geschafft hab'. Der Bruder ist für Dich gewesen ... jetzt lass mir die Schwester!"

"Außerhalb der Mauer tu, was Du willst!", murrte Herr Waze. "Aber das Haus sollst Du mir rein halten! Was eingeht unter Dach, ist heilig."

"Hast recht! Die Fischerdirn soll mir so heilig sein, wie Dir in Deiner jungen Zeit die Salmued gewesen ist. Ich mein' doch, die wär' bei Dir auch eingegangen unter Dach ... wie das Täubl in den Marderkobel!" Henning lachte. "Und ich bin doch ein Lediger noch. Du aber hast Weib und Kind gehabt! Gegen Dich bin ich ja ein Heiliger!"

Herr Waze war bleich geworden bis in die Lippen. "Du, du," keuchte er und fasste den Sohn mit beiden Fäusten an der Brust. "Wer hat Dir das gesagt? Wer? Wer?"

"Wahrscheinlich eine, die's weiß!", brummte Henning, schüttelte den Vater von sich ab und trat in die Falkenkammer.

Wie ein angeschossener Eber stürmte Herr Waze über die Freitreppe hinauf und in die Stube. Eine der Türen riss er auf und brüllte: "Ulla! Ulla!" Die greise Magd erschien, blass und zitternd. Sie wagte kaum näher zu treten. "Her zu mir, Du Sudelhex', Du alte!", schrie Herr Waze und schlug mit der Faust und den Tisch, dass der Hall an den Wänden dröhnte. "Gelt, Zähn' hast Du keine mehr im Maul, aber beißen möchtest noch allweil? Beißen?"

Die Magd rührte die bleichen Lippen, aber sie brachte kein Wort hervor. Herr Waze schüttelte den Arm. "Red', sag' ich ... wie kommt es, dass Henning von der Salmued weiß?"

Es währte lang, bis Ulla die Sprache fand. "Wann es war, weiß ich nimmer," stotterte sie, "da bin ich mit dem Zeugknecht hinter der Mauer gesessen, und wir haben so geredet von den alten Zeiten ... und ... und von Frau Friderun, wie schön und gut sie gewesen ist, und von der Schwermut, die sie getragen hat durch lange Jahr' ..."

"Und von der Ursach', gelt, von der Ursach'!", schrie Herr Waze in schäumendem Zorn.

"Wie man halt redet, Herr!", stöhnte die Magd, "und da ist Euer Junker Henning dazugekommen ... er muss ein paar Wörtlein aufgefangen haben, denn er hat mich gepackt und hat geschrieen: Da hör' ich eine feine Mär', heraus damit, die muss ich wissen!"

"Und da hast Du ihm alles gesagt! Dem Buben! Von seinem Vater!"

"Er hat mich ja gezwungen, dass ich red', hat mich geschlagen und am Haar gerissen."

"Du Schandmaul, Du!", schrie Herr Waze und schlug der greisen Magd die Faust ins Gesicht. "Ein andermal schweig! Und hinaus mit Dir, hinaus!" Ulla humpelte zur Tür. Sie schien noch froh zu sein, dass sie so glimpflich davongekommen war.

Herr Waze ging eine Weile mit grimmigen Schritten in der Stube auf und nieder, dann warf er sich beim Fenster in einen Stuhl. "Alles, alles kommt über mich, das Alte und das Neue! Feind' im Haus und Feind' da draußen!" Er stützte mit der Faust das Kinn und starrte finsteren Blickes in die Ferne.

Inzwischen saßen die beiden Mädchen in Reckas Kammer. Das war ein kleiner traulicher Raum, welcher durch die unverwahrten Fenster eines Erkers das goldene Licht der sinkenden Sonne empfing. Nur ein hoher Schrein, ein von zwei hölzernen Säulchen getragener Zinnspiegel und einzelne hier und dort umher liegende Gewandstücke verrieten, dass diese Raum die Wohnstätte eines Weibes war. Sonst aber sah es wohl aus wie in einer Junkerstube. Reckas Jagdgeräte, Bogen, Köcher, Wildfänger und kurze Speere, Falknertaschen, Federspiele und Falkenhauben, Zaumzeug und Vogelnetze lagen in allen Ecken und hingen an den Holzmauern, welche bis zur Decke von Geweihen starrten. Und dem Lager eines Mannes glich das niedere plump gezimmerte Bett, über welches eine schwarze Bärenhaut gebreitet war. Statt seiner Leinwand mit bunten Säumen und Stickereien diente zur Stütze des Hauptes eine mit Rehfell überzogene Rolle, zum Schutz wider die Kälte eine Lodenkotze und eine in grobes Hanftuch genähte Hirschdecke mit grauem Winterhaar. Im Erker, von welchem aus der Blick über das weite Waldtal hinausschweifte, saßen Recka und Edelrot an schmalem Tischlein einander gegenüber. Neugierig hatte Rötli das hölzerne, mit Eisen beschlagene Kästlein geöffnet, welches vor ihr auf dem Tisch stand. Ein leiser Ruf des Staunens glitt von ihren Lippen, als sie es gefüllt sah mit Ringen, silbernen Kettlein und Spangen, mit funkelnden Gürtelschließen und gold schimmernden Mantelhaken. Es war Geschmeide von roher Arbeit und geringem Wert - aber die Sonne machte das matte Gold und Silber leuchten und weckte farbigen Glanz in den ungeschliffenen Steinen, so dass Rötli den Schatz einer Königin vor sich ausgebreitet wähnte. Freundlich lächelnd, wie eine Mutter auf ihr spielendes Kind, blickte Recka auf das Mädchen, das sich vor Schauen nicht zu fassen wusste und all ihr Staunen in sprudelndem Geplauder ergoss.

"Schau nur, schau, wie das gleißt und glitzert! Alles Gold und Silber, und ein blitzender Farbstein um den andern! Du! Das muss ja soviel wert sein wie der ganze Gadem mit Wald und Häusern, mit Vieh und Leut'! Nein, nein, was das für schöne Sachen sind! Ja sag' nur, sag', warum tragst denn nie 'was von Deinem Geschmeid? Warum tust Dich denn gar nie schmücken damit?"

"Schmücken? Für wen? Für die Sauen und Hirschen in meinem Wald?", lachte Recka. "Wenn ich ihnen den Fänger zwischen die Rippen stoß', meinst Du, das Verenden möcht' ihnen besser schmecken, wenn sie einen Ring blitzen sehen an meiner Hand oder eine Kett' schimmern an meinem Hals?"

"Aber geh!", schmollte Rötli. "Es gibt doch auch noch Leut', die Dich gern anschauen. Und wenn Du diemal 'was umlegen möchtest von Deinem Geschmuck, schau, das müsst' Dich ja noch schöner machen!"

"Noch schöner?", klang die lachende Antwort." Ich, und schön? Wer sagt Dir, dass ich schön bin?"

Mit großen Augen blickte Rötli auf. "Muss mir das einer erst noch sagen? Ich darf Dich doch nur anschauen!" Sie legte die Hand auf Reckas sonnverbrannten arm und hing an ihr mit glänzendem Blick. "So schön wie Du ist keine mehr! Du bist die Allerschönst' im Gadem! Glaub's nur ... mein Bruder Sigenot hat's auch gesagt."

Reckas Züge wurden finster, und mit rauer Stimme sagte sie: "Red' mir von Deinem Bruder nicht!"

"Ja warum denn?", stammelte Rötli. "Lass Dir doch sagen ... schau, das ist so gar lang nicht her, da bist Du vorbei geritten bei unserm Hag, und ich und Sigenot, wir haben Dir nachgeschaut. 'Gelt', hab' ich gesagt, 'gelt, wie sie droben sitzt auf ihrem Ross, recht wie ein Herrenkind so stolz und schön!' Da hat er vor sich hingenickt und hat gesagt, mit einer so linden Stimm', wie er nur zur Mutter redet: 'Stolz wie eine Eich' da droben auf der Wand, über die kein Fuß hinaufsteigt, und schön wie die rote Sonn' in der Höh', zu der keine Hand hinauflangt.' So hat er gesagt und ... aber was hast denn?" Recka war aufgesprungen, mit zornigem Lachen. "Was hast denn?", fragte Edelrot noch einmal und streckte die Hand aus, als möchte sie die Ungestüme besänftigen. "Ich hab' ja doch kein Wörtl gesagt, das Dich erzürnen könnt'."

"Schweig! Ich will nicht hören von ihm!" Und mit der Faust stieß Recka nach dem Kästlein, dass die Ringe, Spangen und Ketten durcheinander klirrten.

"Ja was hat Dir mein Bruder denn getan?", stotterte Rötli erschrocken. "Denk nur selber, Recka ... ich mein' doch, es war keine ungute Hand, die er in der Sturmnacht auf dem Weitsee nach Dir gestreckt hat, zuerst nach Dir!"

"Mahne mich nicht an jene Nacht!", stieß Recka mit bleichen Lippen hervor und verließ den Erker. Doch schon nach wenigen Schritten kehrte sie zurück, blieb vor Edelrot stehen und sagte mit bebender Stimme: "Dass Du nicht meinen sollst, ich wär' zu stolz gewesen, um Deinem Bruder den Dank zu bieten, den er um mich verdiente in jener Nacht, so sag' ich Dir: Diese Hand, Rötli, diese Hand hab' ich ihm geboten mit freundlichem Dankwort! Und er! Wie von einer Bauernmagd hat er sich gewendet von mir!"

"Das hätt' mein Bruder getan?"

"Ja, ja! Dein Bruder! So hat er an mir getan! Der Knecht an seines Herrn Tochter!"

Edelrot erblasste. Doch ruhig klang ihre Stimme, als sie sagte: "Dein Zorn redet harte Wort'. Ich bin Dir gut von Herzen, aber meinen Bruder lass' ich nicht schmähen. Mein Bruder ist nie und nimmer ein Knecht, er sitzt auf einem Freigut als ein freier Mann und hat keinen Herrn über sich. Das weißt Du selber so gut wie ich. Was redest Du so böse Wort' und tust mir weh?"

Zornig wollte Recka erwidern, aber sie sah eine schimmernde Zähre über Rötlis Wange rollen, und da bleiben ihre Lippen stumm. Sie wandte sich ab, ihre Blicke fielen auf einen Wildfänger an der Wand, und als möchte sie prüfen, ob das Eisen nicht roste, zog sie die Klinge halb aus der Scheide und stieß sie wieder zurück. Im Erker war der letzte Sonnenschein erloschen, und die dunklen Schatten des Abends schlichen in die Stube. Rötli hatte sich erhoben, und während sie unbewusst mit der Hand in dem Geschmeide kramte, sprach sie leise mit zitterndem Stimmlein vor sich hin: "Wenn mein Bruder so an Dir getan hat, wie Du sagst ... so tu' ich Dich bitten, Recka, sei ihm nicht harb darum! Er weiß wohl selber nicht, dass er Dir ein Wort zu Leid geredet. Er ist nimmer, wie er gewesen. Es muss 'was über ihn gekommen sein, das hat ihn gewandelt wie der Winter den grünen Baum. Sein Aug' hat nimmer Sonn', und sein Gesicht hat nimmer Farb'. Ich tu' mich sorgen um ihn, und die Mutter schaut ihn an mit Angst. Und denk nur Recka ... wie er vor zwei Tagen den Jahrbaum hätt' kerben sollen, da hat er nicht das Messer genommen, sondern die Axt, hat hinein gehauen in den Baum bis tief ins Mark und hat gesagt: 'Wenn's der Baum verwindet, verwind' ich's auch.' Es muss ihm 'was ins Herz gegangen sein wie ein Beilhieb ... und ich sinn' und sinn', wer ihm 'was getan haben könnt', und komm' nicht drauf. Er hat doch keinen Feind im Gadem, er ist doch so gut und treu ... einen Besseren gibt's ja nimmer!" Während Träne um Träne über ihre Wangen fiel, sah sie mit verlorenem Blick auf das absonderliche Geschmeide nieder, das ihr in die Hand geraten. Es war die Hälfte eines entzwei gesprungenen Beinreifs, plump geschnitten und gelb vor Alter, mit halbverwischten Runenzeichen auf der Innenfläche

Recka war, so lange Rötli gesprochen hatte, mit abgewendetem Gesicht gestanden, Blässe auf den Wangen, die Augen weit offen wie in starrem Lauschen. Nun, als es still war in der Kammer, amtete sie auf und drückte den nackten Arm über die Augen. Und langsam, als zöge sie eine Gewalt, der sie widerstrebte, ging sie auf Edelrot zu und streckte die Hände. Da öffnete sich eine Tür und die alte Ulla stand auf der Schwelle. Man sah durch die offene Türe hinaus in einen mit Jagdnetzen und Federlappen angefüllten Raum, von welchem eine schmale Treppe in den Unterstock des Hauses führte.

"Ulla, Du? Was willst Du?", fragte Recka, als sie auf die Magd zuging, gewahrte sie, dass Ullas Augen gerötet waren. "Warum hast Du geweint?"

"Das Leben wird mir sauer in Deines Vaters Haus!", brummte die Alte. "Der eine schlagt mich, dass ich red', der ander' schlagt mich, dass ich schweig'. Da ist schwer auskommen, Reckli, schwer!"

Reckas Brauen furchten sich. "Klag' mir, wer Dich gekränkt hat, und ich will Dir Sühn' schaffen!"

Ulla schüttelte den weißen Kopf. "Lass gut sein! Ich will's nicht besser. Solang ich meinen Matz noch hab', ist mir alles recht!" Sie meinte den gezähmten Staren, der die einzige Freude ihres armen Lebens war.

Freundlich strich Recka mit der Hand über den weißen Scheitel der Magd. "Warum bist Du gekommen?"

Ulla warf einen scheuen Blick auf Edelrot und sagte flüsternd: "Draußen vor dem Tor steht Wicho, der Fischerknecht ... Felsbrocken wirft er wider das Tor und tut wie ein Unsinniger und schreit nach seines Herren Schwester."

"Geh hinunter, Ulla!", erwiderte Recka leise. "Sag' ihm: Seines Herrn Schwester weilt bei mir und steht in meinem Schutz!"

Ulla nickte und wollte gehen. Da gewahrte sie das seltsame Geschmeide in Rötlis Hand, stürzte auf das Mädchen zu und entriss ihm das beinerne Reifstück. "Dirn', wie kommt das unselig' Bein in Deine Hand?" Edelrot blickte erschrocken auf und wusste keine Antwort. Recka war näher getreten und sagte betroffen: "Ulla, was ist Dir? Weshalb erschreckt Dich dieser wertlose Tand?" Sie nahm das Bein aus Ullas Händen.

"Lass Deine Hand davon1", stammelte die Greisin. "Der halbe Reif ist ein gesprungen' Glück! Unheil haftet an dem Bein! Wirf's hinunter, Reckli, wirf's hinunter, wo der See am tiefsten ist!"

Recka schüttelte den Kopf. "Es kommt von meiner Mutter Friderun."

"So verwahr' es hinter Holz und Eisen! Wenn es Deinem Vater vor die Augen kommt, ist Unwetter im Haus!"

Auf Reckas Lippen schien eine Frage zu liegen, aber sie blickte auf Rötli und schob die Magd zur Türe. "Geh zum Tor," flüsterte sie ihr zu, "und tu, wie ich Dir gesagt hab'."

Zögernd verließ Ulla die Stube. Ihr letzter, scheuer Blick war noch auf das gelbe Bein in Reckas Hand gerichtet. Langsam kehrte Recka zum Erker zurück. Ihre ernsten Augen hafteten an dem seltsamen Geschmeid, das sie zwischen den Fingern drehte, als sollt' es ihr Antwort geben auf die Frage, welche sie vor Rötlis Ohr vermieden hatte.

"Recka! Leg' das Unding aus der Hand!", mahnte Edelrot ängstlich. "Siehst nicht die Hel-Zeichen in dem Bein? Leg' es weg, es ist ein Fluchzahn aus eines wütigen Wolfs Gebiss!"

"Ein Wolfzahn? Nein, Rötli, es ist die Hälfte eines Armrings, wie ihn vor Zeiten die Frauen im Gadem trugen. Aber Weh und Unheil mag wohl haften an diesem Bein. Da ich noch ein Kind war, sah ich es oft in meiner Mutter Hand ... und dann waren ihre Züge bleich und kummervoll, ihre schönen Augen nass von Zähren." Reckas Stimme schwankte, ein Zittern befiel ihren Leib, aus gestreckter Hand ließ sie den zersprungenen Reif auf das Geschmeide fallen, und wie ein Schrei aus tiefer Qual klang es von ihren zuckenden Lippen: "O meine Mutter Friderun! Wo bist Du, Mutter? Wo hast Du mich gelassen?" Die Hände vor das Antlitz schlagend, sank sie nieder auf die Erkerstufe und brach in dumpfes Schluchzen aus.

Erschrocken, unter Tränen stammelnd, warf sich Edelrot vor Recka auf die Knie, zog ihr die Hände nieder und suchte sie zu trösten mit zärtlichen Worten. Da versiegten Reckas Zähren, und mit einem Laut, wie er aus der Brust des Dürstenden quillt, der sich nach labendem Trank sehnt, schlang sie die Arme um Edelrot und überströmte ihr die Augen und den holden Mund und heißen Küssen, als könnte das brennende Verlangen nach Liebe, einmal erwacht in ihrem herzen, sich nimmer stillen. Lippe an Lippe, mit verschlungenen Armen, saßen die beiden, während draußen der Abend dämmerte mit grauem Zwielicht.

Da klang im Unterbau des Hauses ein klagender Vogelschrei. Dicht unter Reckas Stube lag die Falkenkammer, ein niederes Mauergelass mit vergitterten Fenstern. An der kahlen Wand, mit einem Drahtgeflecht verwahrt, brannte eine Talglampe mit rußender Flamme. Rings an der Mauer hin zog sich ein hölzernes Gestell, auf dessen oberster Stange, in speerlangen Zwischenräumen voneinander, fünf Sperber und vier Wanderfalken saßen, an den "Händen" mit der aus Hirschleder geschnittenen Kurzsessel gebunden. Herr Wazes Weißfalk saß getrennt von den übrigen Beizvögeln. Von der Decke hingen an Schnüren zwei große Reifen nieder. In jedem saß ein Habicht mit verhaubtem Kopf und gefesselten Schwingen. Ein Bub, der auf einem Schemel hockte, erhielt die Reifen stetig in schwingender Bewegung. Neben ihm stand Henning und ließ sich berichten, wie weit die Zähmung der beiden, vor kurzer Zeit erst eingefangenen Vögel vorgeschritten wäre. Dann ging er an der Stange entlang und blieb vor einem Blaufalk stehen. Das war von allen Falken der schönste, ein stolzer Vogel von seidenem Gefieder und scharfem Blick. "Edilo" war es, der Liebling Reckas.

Henning wollte den Vogel greifen; der Falk aber sträubte das Gefieder und schlug mit der scharfen Hand. Über Hennings Lippen glitt ein hämisches Lächeln. "Bist Du auch wider mich wie dieselbig', der Du gehörst?" Seine Augen hoben sich zur Decke - dort oben lag Reckas Kammer. "Wart nur, Du! Heut hast Du mir eine Freud' verdorben ... das zahl' ich Dir heim!" Er griff in den hölzernen Napf, der das Trinkwasser des Falken enthielt, und schrie den Wärter zornig an: "Du Schuft! Die Vögel haben laues Wasser!"

Der Bub sprang erschrocken auf. "Nein, Herr! Grad erst, vor einer Weil', hab' ich frisches Wasser aufgegossen."

"Das lügst Du! Hinaus zum Brunnen und frisches Wasser her! Oder ich mach' Dir Füß'!"

Der Bub antwortete nicht mehr, sondern nahm den Krug und verließ die Kammer. Rasch trat Henning zum Tisch und fasste eine der langen dünnen Nadeln, welche, wenn ein Falk auf der Beizjagd oder in der Kammer eine Schwungfeder gebrochen hatte, in den geknickten Kiel eingeschoben wurden, um der verletzten Feder wieder halt zu geben. Langsam ging er auf Reckas Liebling zu, drückte flink, ehe der Falk sich wehren konnte, dem Vogel die eine Hand auf den Rücken und stieß ihm mit der anderen die Nadel in das Eingeweide. "Da hast Du Deinen Teil!", lachte er und ließ den Falken ledig. "Eh' Du hin bist, will ich die Freud' genossen haben, um die mich Deine Herrin heut gebracht hat!" Der Falk schüttelte das Gefieder, zog den Kopf zwischen die Schultern und rückte unruhig auf der Stange hin und her. Henning warf die Nadel auf den Tisch, und da er den Buben kommen hörte, trat er zu den Reifen und schaukelte die Habichte.

Als der Bub das frische Wasser in die Holznäpfe goss und zu Edilo kam, rückte der Vogel scheu auf die Seite. Doch die Bewegung schien ihn zu schmerzen, er zog den Rücken auf und stieß einen klagenden Schrei aus. Der Schrei klang hinauf in Reckas Kammer, in welche durch die Fenster nur noch ein trüber Schein des entschlummernden Tages schimmerte.

"Hörst Du ihn?", flüsterte Recka, die Arme von Rötlis Nacken lösend. "Das ist mein Edilo, mein Liebgesell. Er sehnt sich nach mir und klagt, dass ich ihn seit Tagen nicht geschwungen auf meiner Hand, dass er sitzen muss zwischen übler Mauer, derweil ihn hinaus verlangt in Luft und Sonne, zu hohem Flug." Ihre Stimme bebte, und wieder umschlangen ihre Arme das Mädchen. "Ach, Rötli! Wie meinem Edilo, so ist auch einem andern edlen Falk zu Mut. Er möcht' hinaus in lichte Freiheit und den Flug hochauf nehmen ins Gewölk, der warmen Sonne zu ... und er muss doch sitzen zwischen übeln Mauern, in einer Rabenkammer, darin die unholde Brut um Aas sich rauft!" Mit einem Laut des Ekels sprang sie auf, schüttelte das Haar in den Nacken und streckte die Arme. "Hinaus! Hinaus!"

"Recka?", stammelte Edelrot und erhob sich.

Die Wazemannstochter atmete tief und strich mit der Hand über die Augen. "Schau, wie dunkel es worden ist! Komm Rötli, ich führ' Dich heim!" Sie nahm von dem Geschmeide, welches in der Dämmerung nur matt noch funkelte, einen Goldring und fasste Rötlis Hand. So traten sie hinaus in die Herrenstube, in welcher auf dem Lichtreif schon die Kerzen brannten. Herr Waze saß noch immer am Fenster, die alte Ulla deckte den Tisch, und Henning trat aus der Halle herein in die Stube.

"Rötli," sagte Recka mit lauter Stimme und streifte dem überraschten Mädchen den Ring an den Goldfinger der linken Hand, "wir haben Kuss und Lieb' getauscht, und ich will Dich halten und umschließen mit meiner Treu, wie mein Reif Deinen Finger!"

Die Tränen traten in Edelrots Augen. Sie wollte sprechen, doch Recka schloss ihr mit der Hand die Lippen und sagte lächelnd: "Red' nicht! Komm, ich führ' Dich heim ... es ist spät geworden!"

An Henning vorüber führte Recka das Mädchen in die Halle hinaus. Auf der Freitreppe kam Eilbert ihnen entgegen. Er war mit seinem Bruder Hartwig, der im Hof mit den Knechten schrie, von erfolgloser Jagd zurückgekehrt. Als Eilbert das Mädchen an seiner Schwester Seite erkannte, flammten seine Augen. Doch eh' er noch Sprache fand, war Recka mit Edelrot an ihm vorüber geschritten. Da hörte er aus der Stube die Stimme seines Vaters und Hennings zornige Gegenrede. Jedes Wort, welches da drinnen gesprochen wurde, konnte er verstehen. Nach einer Weile trat Henning auf die Schwelle. "Und ob sie eingegangen ist unter Dach, ob meine Schwester Lieb' und Treu getauscht hat mit ihr oder nicht," rief er in die Stube zurück, "die Dirn' ist mein! Das sollst mir Du nicht wehren! Du nicht! Und die Schwester auch nicht!"

"Aber ich!", klang Eilberts Stimme hinter ihm.

Henning wandte sich um, maß mit funkelnden Augen die von der Dämmerung umflossene Gestalt seines Bruders und stieg lachend die Treppe hinunter. Als er den Hof erreichte, murmelte er: "Es ist Zeit, dass ich greif' nach meinem Gut." Er rief den Knecht, der ihm zu Mittag als Späher gedient hatte, und trat mit ihm in den finsteren Schatten der Mauer. "Ich mein', ich kann mich verlassen auf Dich."

Der Knecht nickte.

"Leg' scharfe Wehr um und halt' Dich fertig, wenn meine Schwester wieder heimkehrt!"

"Wohin geht der Nachtweg?"

"Zu einem Nest, aus dem ich mir einen schmucken Vogel heben will."

Der Knecht verstand. "Da mein' ich aber schier, dass wir zwei zu wenig sind. Der Fischer hat Fäust' wie Hämmer."

"Der Fischer?", lachte Henning. "Um den sorg' Dich nicht! Der hat heut Nacht ein stilles Geschäft im Weitsee draußen. Schlag' nur Du den Wicho nieder ... den Vogel hol' ich mir schon selber aus dem Nest."

Während die beiden leise miteinander sprachen, ging am Tor die Fallbrücke nieder, und Recka trat mit Edelrot hinaus in die sinkende Nacht. Sei hatten die Brücke noch nicht verlassen, da kam ihnen Wicho schon entgegengestürzt und streckte die Arme.

"Wicho, Du?", lachte Edelrot. "Ja wer hat Dich denn geschickt?"

Recka schob den Stammelnden mit dem Arm beiseite und sagte: "Hörst Du nicht, wie sie lacht? War Dir Wazes Tochter nicht Schutz genug für Deine Herrin?"

Schweigend trat Wicho zurück und folgte den beiden Mädchen, welche Arm in Arm, unter halblautem Geplauder auf dem dunklen Reitweg talwärts wanderten. Als sie die rauschende Ache erreichten, drückte Recka einen Kuss auf Rötlis Mund.

"Ich bitt' Dich, nimm den Wicho mit auf den Heimweg," sagte Edelrot, "es ist dunkle Nacht geworden."

"Ich find meinen Weg und bedarf des Knechtes nicht. Geh heim, meine liebe Gesellin, und eines merk' Dir: Betritt nie wieder meines Vaters Haus, es wäre denn, dass ich selbst Dich hole und führe an meiner Hand!" Zärtlich streifte Recka mit beiden Händen über Rötlis Scheitel, küsste sie auf die Stirn und schritt, zwischen den finsteren Bäumen verschwindend, dem Seeufer und dem steilen Felsenpfad der Falkenwand entgegen.

Edelrot blickte ihr nach. "Wicho," fragte sie den Knecht, "ich hab' es doch heut so lieb und gut bei ihr gehabt, weshalb denn warnt sie mich jetzt?"

"Sie wird wohl wissen, warum," murrte Wicho und fasste die Hand des Mädchens. "Komm, lass uns heimgehen!"

Sie überschreiten die Brücke und gingen den Hag entlang. Als sie die Hofreut betraten, gab Wicho die Hand des Mädchens frei und sperrte das Tor. Leichten Fußes eilte Rötli über den Hügel hinauf. Auf halbem Weg aber hielt sie inne, sie hörte aus der Halle, deren offene Tür im roten Schein des Herdfeuers leuchtete, jene Worte Sigenots: "Derweil ich gebetet hab' und gekniet vor ihm, wo war denn seine Treu, wo war denn seine Hilf'?" Dann hörte sie ihn schreien: "Mein Eisen!" - und schwarz erschien seine Gestalt in der roten Tür.

"Sigenot?", stammelte sie.

Beim Klang ihrer Stimme stand er einen Augenblick wie erstarrt; dann stürzte er auf die Schwester zu, fasste ihre Hände und zog sie in den hellen Schein der Türe. "Deine Augen haben reines Licht!" Er atmete auf, als fiele ein Stein von seiner Brust. "Rötli! Rötli!" Und seine Arme umschlangen sie. Mit großen Augen blickte sie zu ihm auf, in der bangen Ahnung einer Gefahr, scheu erschreckend wie ein lachendes Kind, welches jählings über einen Abgrund nieder blickt in tiefes, finsteres Wasser.

Sigenot gab die Schwester frei. "Geh zur Mutter, Rötli, sie sorgt sich um Dich!"

Schweigend betrat Edelrot die Halle, und Sigenot hörte den schluchzenden Freudenlaut, mit welchem Mutter Mahtilt ihr Kind empfing. Wicho war über den Hügel emporgestiegen. "Weißt Du, wo sie gewesen ist? In Wazemanns Haus! Und bei aller Treu, die ich Dir in die Hand geschworen, hätt' ich Deiner Schwester nimmer geholfen, wenn nicht..."

"Wenn nicht einer geholfen hätt'," fiel Sigenot mit bebender Stimme ein, "einer, dessen Arm noch stärker ist als tausend Männer in Wehr und Eisen!"

"Einer?", fragte Wicho und schüttelte den Kopf. "Nein, Herr, es war eine Weiberhand, die so stark gewesen. Besser als ich hat Wazemanns Tochter Deine Schwester gehütet und hat sie heimgeleitet durch die Nacht bis herunter zum Achensteg."

Mit jähem Griff hatte Sigenot den Arm des Knechtes gefasst und starrte ihm in das von der Türhelle erleuchtete Gesicht; dann wandte er's ich schweigend ab und ließ sich niedersinken auf die Hausbank. In der Halle klang Rötlis Stimme. Sie erzählte der Mutter von jener Botschaft, die ihr Henning gebracht, und von allem, was sie erlebt in Wazemanns Haus. Sigenot saß und lauschte mit verhaltenem Atem. Seine Blicke waren hinausgerichtet in die Nacht und hingen an der finsteren Höhe der Falkenwand. Da blitzte über den steilen Felsen, im schwarzen Mauerstreif, ein Lichtschein auf. Über dem Felsensteig hatte sich das Pförtlein geöffnet, und ein Knecht heilt die lodernde Kienfackel über das Gewänd hinaus, um Reckas Weg zu erhellen.

Sigenot erhob sich und trat ins Haus. Der Tisch war gedeckt, doch niemand aß. Als eine Stunde später Mutter Mahtilt und Edelrot zur Ruhe gegangen waren, blieb Siegenot einsam hinter dem Steintisch sitzen. Wicho kam und fragte: "Herr, schaffst Du noch 'was?"

Sigenot erhob sich. "Lösch das Feuer auf dem Herd!" Während Wicho die Flammen erstickte und den letzten Funken mit Asche verschüttete, nahm Sigenot die Eisenhaube und den Schild seines Vaters von der Wand und verließ die Halle. Als der Knecht nach einer Weile folgte, sah er seinen Herrn im Dunkel auf der Hausbank sitzen, den blanken, matt schimmernden Stahl über den Schoß gelegt.

"Wicho! Ich muss Dich um Deine Nachtruh' bringen."

"Macht nichts! Ich hab' die letzte Nacht geschlafen bis in den sonnscheinigen Tag."

"Sind Fisch' im Kalter?"

Verwundert hörte Wicho diese Frage. "Wohl wohl, Ferchen und Hecht'."

"So nimm das größte Lägel und tu hinein, was Platz hat!"

"Aber Herr," fuhr es dem Knecht heraus, "Du wirst mich doch in der heutigen Nacht nicht ausschicken wollen zum Fischtragen? Was Du fürchtest, merk' ich doch an Deiner Wehr! Und ich mein', da wär' mein Platz an Deiner Seit'."

"Hier bin ich allein genug! Und hilft mir nicht derselbig', der meiner Schwester den Falk zu Hilf' geschickt wider die Aasraben, so möchten mir Deine zwei Arm' wohl auch nur lützel helfen. Drum geh und tu den Weg, den ich Dir ansag'!"

Schweigend ging Wicho davon. Sigenot hörte vom Brunnen her das Lägel poltern und das Wasser plätschern. Nach einer Weile kam der Knecht zurück, das triefende Fässlein auf dem Rücken.

"Wohin also?"

"Geh hinaus zum Lok'wald..."

"Wo die Klosterleut' sitzen?", fragte Wicho mit raschem Wort.

"Dort fließt zwischen dem Lok'stein und dem Kälberstein ein Bächl über den Hang herunter und füllt einen Weiher. Dort leer' das Lägel aus und geh wieder still davon! Zeit lassen!"

"Zeit lassen auch!", erwiderte der Knecht und schritt den Hügel hinunter zum Hagtor. Als er den Sperrbalken zurückgeschoben hatte, rief er mit halblauter Stimme zum Haus hinauf. "Komm, Herr, und leg' hinter mir den Balken ein!"

Sigenot rührte sich nicht. "Geh nur! Wenn's Not tut, schieb' ich mein Eisen vor ... das hat besseren Halt als Holz."

Wicho ging, und lautlos schloss sich hinter ihm das Tor. Tiefe Nachtstille lag um das Fischerhaus gebreitet. Nur gedämpft klang durch die Bäume einher das Rauschen der Ache. Zuweilen auch ließ sich vom See herauf ein sanftes Plätschern hören, wenn aus dem Weitsee eine Wildente gestrichen kam und zur Äsung einfiel in das Schilf. Droben in Wazemanns Haus leuchteten noch die Fenster der Herrenstube. Man sah in der Finsternis weder Dach noch Mauer, und so hing der Lichtschein eines jeden Fensters im Dunkel, wie ein großer, strahlender Stern. Allmählich wurde der Himmel heller, über die Berge fiel ein falber Schein, und langsam schlich das Mondlicht über die stielen Wälder nieder in das finstere Tal. In weiter Ferne bellte ein Wolf, und ein anderer gab ihm Antwort. "Die Schneespringer melden sich," murmelte Sigenot, "es wird bald Winter werden."

Ein kühler Hauch kam aus dem See gezogen und milderte die Schwüle der Sommernacht. Das Schilf begann zu rascheln, und sanfter Wellenschlag erwachte, leise anrauschend wider das Ufer. Hinter dem Grat des Jennar stieg der Mond empor, wie ein rundes, brennendes Gesicht. Silberne Helle floss über das Dach des Fischerhauses und über den stillen Wächter.

Lauschend hob Sigenot den Kopf. Von der Ache her war ein Geräusch an sein scharfes Ohr gedrungen. "Er kommt!" Sich aufrichtend, fasste Sigenot mit der Rechten das Schwert, hob mit der Linken den Schild vor die Brust und stieg über den Hügel hinunter zum Tor.

Draußen vor dem Hag trat Henning mit dem Knecht unter den schwarzen Bäumen hervor in den hellen Mondschein. Er trug einen Mantel über dem Arm, und die Faust ruhte am Griff des Wildfängers. "Es ist kein Lichtschein mehr im Haus," flüsterte der Knecht, der mit Dolch und Saufeder bewaffnet war.

Am Hag entlang schleichend erreichten sie das Tor. "Herr, sie haben den Balken nicht eingelegt, das Tor gibt nach!"

"Stoß auf!"

Die Torflügel öffneten sich, Henning zog den Fänge rund wollte in die Hofreut stürzen; doch wie versteinert hielt er inne beim ersten Schritt. Vor ihm stand Sigenot, das blitzende Schwert zum Schlag erhoben, umschimmert, vom bleichen Mondlicht, gleich einer gespenstigen Hünengestalt. Mit gläsernen Augen starrte Henning, befallen von abergläubischem Schreck, die unerwartete Erscheinung an. Der Knecht hatte die Saufeder im Anlauf gefällt, doch ein Schwertstreich Sigenots zersplitterte den Schaft.

"Die Toten stehen auf!", lallte Henning und fasste, zur Flucht sich wendend, den Arm des Knechtes.

"Herr, so steh doch!", keuchte der Knecht, aber Henning war nicht mehr zu halten. Eine Strecke riss er den Knecht mit sich fort, und als er den Schutz der Bäume erreichte, ließ er den Arm des Gesellen fahren und sprang hinein in die Finsternis des Waldes, rannte wider die Stämme, stürzte, raffte sich wieder auf und stürmte bergwärts in sinnloser Flucht.

Sigenot trat vor das Tor und schleuderte mit dem Fuß die Speerstücke hinaus in den Sand der Lände. Mit verächtlichem Lächeln blickte er den Fliehenden nach. "So feig wie schlecht!"

Im Wald klang die schreiende Stimme des Knechtes: "Herr! Herr!" Doch Henning hörte nicht mehr. Keuchend, ohne Atem und totenbleich, erreichte er den Burghof. Kaum trugen ihn seine Knie noch hinauf über die Freitreppe, auf welcher ihm das helle Licht der Herrenstube entgegenstrahlte. Als er über die Schwelle taumelte, erhob sich Herr Waze vom Tisch, um welchen Sindel, Rimiger, Gerold und Otloh saßen, die vor kurzem erst heimgekehrt waren aus dem Lokiwald. Eilbert saß in der dunklen Ecke hinter dem Ofen, und Hartwig lag auf einer Bank.

Henning sah die Brüder nicht, er sah nur den Vater, und in seiner Erschöpfung fast nieder brechend vor ihm, keuchte er: "Vater ... hinter mir ist die Höll'! Der Fischer ... den ich erschlagen am Morgen ... ist ein Sträggel1 geworden und waizet2 in seinem Hag."

Zornig stieß Herr Waze den Sohn mit der Faust zurück, und am Tisch erhob sich schallendes Gelächter. Rimiger sprang auf und schrie: "Ein Sträggel! Hörst Du, Otloh, der Fischer, der Dich heut in der hellen Sonn' vom Ross geworfen, ist gar nicht Fleisch und Blut gewesen, sondern ein Butzemännlein, das im Mondschein Mücken fangt und die Kinder schreckt, dass ihnen das Herz in die Hosen fallt!" Seine Stimme erstickte fast unter Lachen. "Armer Otloh, jetzt kommst Du gar um die Sühn', die der Fischer Dir schuldig ist! Heut am Abend hat er Dich ins Moos gesetzt, aber heut am Morgen hat ihn der gute Henning schon erschlagen!" Alle lachten, nur Otloh wurde rot vor Zorn, und Henning starrte umher, als wäre er von Sinnen.

"Dummkopf! Verstehst Du noch allweil nicht?", schnauzte der Vater ihn an. "Wie Dein Pfeil, so ist auch der Stein fehlgegangen, den Du gelöst hast über seinem Kopf. Eins aber möcht' ich wissen ... was hast denn jetzt beim Fischerhag zu schaffen gehabt?"

Eilbert war aufgesprungen und näher getreten. "Die Dirn' hat er sich holen wollen," rief er höhnend, "aber wie der Fuchs hat er in den Immstock gegriffen und flink die Pfot' wieder eingezogen!"

Mit einem Fluch stürzte Henning zum Tisch, packte ein Messer und schwang es gegen den Bruder. Aber Herr Waze und Rimiger fassten den Arm des Wütenden, entwanden ihm die Klinge und stießen ihn hinaus in die Kammer. Wirres Geschrei erhob sich um den Tisch, doch alle übrigen Stimmen übertöten die Stimme Otlohs. "Soll der freche Übermut da drunten noch lange den Streit und Hader unter uns Brüder werfen? Hinunter zu ihm! Ich hab' keine Ruh', eh' nicht die Schand' gelöscht ist, die er mir angetan!"

"Halt' Dein Maul, Du Grasaff'!", rief Herr Waze. "Wärst Du besser im Sattel gesessen, so hätt' er Dich nicht gehoben!" Den Lärm überschreiend, der diesen Worten folgte, schlug er mit den Fäusten auf den Tisch. "Wird Ruh' werden oder nicht? Ich will doch sehen, wer in meinem Haus noch zu reden hat, ihr oder ich!" Mit funkelnden Augen maß er die Söhne, welche widerwillig verstummten. "Von Stund' an geschieht, was ich will, ich allein! Dass mir keiner wieder dreitappt mit einer Hand, wie sie der Unschick da draußen hat ... es müsst' denn sein, dass ihr heut über ein paar Wochen dastehen wollt ohne Haus und Fraß´, ein Gespött für jeden Bauernknecht im Gadem!" Herr Waze schritt durch die Stube und trat wieder zum Tisch. "Der Fischer soll Euch gehören! Die Stund' aber, die ihn wirft, sag' ich selber an. Heut ist er beim Lok'stein gewesen und hat gesponnen mit den Schwarzen. Tät' er ihnen morgen schon fehlen, sie möchten wohl dran denken, dass er der erste gewesen ist, der zu ihnen gehalten hat, und möchten anrücken wider mich mit Fahn' und Kreuz ... und das hab' ich erfahren: Wider ihre Sipp' und ihre Heiligen ist ein schieches Raufen. Ich will Fried' haben mit ihnen, freilich auf meine Art. Eh' ich einen streich tu', muss ich wissen, für welche Nacht der Richtmann das Thing geladen hat, muss wissen, was sie beschließen im Thing ... und muss noch so manches andere wissen. Drum genug für heut! Rimiger!"

"Ja, Vater!"

"Du reitest morgen wieder hinaus zum Lok'wald. Nimm den Henning, Eilbert und Otloh mit ... und will einer von ihnen Streit anheben, so hau' ihm eins übers Dach in meinem Namen! Jetzt weiter und auf die Häut' mit Euch!"

Herr Waze trat in die vom Mond umglänzte Halle hinaus, um kühle Luft zu schöpfen, denn in dicken Perlen rann ihm der Schweiß von den Schläfen. Er lehnte sich an die Treppensäule, spähte über das Tal hinweg in die Ferne der schimmernden Mondnacht und schüttelte die Fäuste. "Könnt' ich nur einen Berg fassen im Gedärm und ihn umkehren, dass er hinfallt über sie und ihr hölzernes Nest!" Hinter ihm in der Stube war es still geworden. Als Herr Waze nun zurückkehren wollte, bleib er betroffen auf der Schwelle stehen. Vor ihm, inmitten der Stube, stand seien Tochter Recka, in weißem Schlafgewand, das bleiche Gesicht umringelt vom gelösten Rothaar, die finsteren Blicke auf den Vater geheftet.

"Dirn'? Was willst Du?"

"Antwort auf eine Frag'!, sagte sie mit bebender Stimme. "Was Henning wider den Fischer tat, ist es geschehen mit Deinem Willen, auf Dein Geheiß?"

"Du hast gelauscht!", fuhr Herr Waze zornig auf.

"Muss man lauschen bei dem Geschrei, das durch alle Wände geht? Gib Antwort! Mich kümmert nicht, was Henning tut .. zwischen ihm und mir liegen Berg und Tal. Du aber bist mein Vater! Gib mir Antwort: Hat Henning wie ein Meuchler den Pfeil geworfen und den Stein gelöst auf Dein Geheiß?"

Reckas brennender Blick schien ein unbehagliches Empfinden in Herrn Waze zu erwecken. "Ich könnt' nein sagen," brummte er, "was der Lapp getan hat, muss mir ja eher schaden als nützen, und wie könnt' ich meinen eigenen Nachteil wollen?" Mit halb geschlossenen Augen spähte er in Reckas Gesicht und suchte zu lesen in ihren steinernen Zügen. "Bevor ich aber weiter antwort'" sagte er langsam, "hätt' ich selber eine Frag'. Was kümmert denn Dich der Fischer?"

"Er? Nichts!", erwiderte Recka mit heftigem Wort und wandte sich ab. "Ich sorge mich um seiner Schwester Los, die mir ins Herz gewachsen ist!"

"So? Die Schwester also?" Herr Waze fing mit der Zunge den Schnurrbart zwischen die Zähne und nagte an den grauen Haaren. "Warum hast Du sie denn gar so lieb, die Schwester?"

"Weil sie gut und hold ist und meine Lieb' verdient."

"So? Gut und hold? Die Schwester? Und drum verdient sei Deine Lieb'? Und sonst ... sonst hast Du keinen Grund?"

Recka blickte den Vater an. "Einen Grund? Welchen?" Kalt und ruhig klang ihre Stimme, doch in ihre bleichen Wangen schlich sich eine dünne Röte.

Herr Waze lächelte. "Komm, mein schönes Notfüchsl, tu nicht so finster! Komm, setz' Dich her zu mir und lass uns miteinander reden in Ruh'! Schau, ich wüsst' schon einen Weg, auf dem der Fischer ein gutes Leben und Weilen hätt' ... da wär' dann auch seiner Schwester geholfen, die Du so lieb hast!"

Zögernd ließ sich Recka auf den Sessel nieder, zu welchem der Vater sie gezogen hatte. Ihr gegenüber setzte sich Herr Waze an den Tisch und legte die Arme über die Platte. Langsam, als wöge er jedes Wort, begann er von den Sorgen zu sprechen, welche ihm die Klosterleute bereiteten, und er wählte die Worte glücklich; denn Recka lauschte gespannt, und zornig blitzten ihre Augen, als sie jener ersten Begegnung mit Waldram und Eberwein gedachte.

"Mein Haus und Land wollen sie mir nehmen und Dir den Wildbann, Dein Ross, die Falken und die freie Luft! Ich hätt' ihnen wohl einen Hag geflochten wider solch Gelüst', aber dieser Fischer, dieser Sigenot..."

"Lass den Fischer aus Deiner Rede!", fuhr Recka in brennendem Unmut auf.

"Ich brauch' ihn aber! Wär' der Fischer für mich, so hätt' ich leichteren Stand. Er geht für hundert, ihm laufen die anderen nach ... ich muss ihn haben!"

"Und meinst Du, wie Henning um ihn wirbt, das wär' die beste Art, ihn zu gewinnen?"

"Ich hab' ja zuvor auch im guten mit ihm geredet."

"Zuvor?" Reckas Augen blickten starr auf den Vater. Dieses eine Wort hatte ihr viel gesagt.

"Ja, ja, ja!", schrie Herr Waze in entfesselter Ungeduld. "Aber dieser Stock hat einen Sinn wie Eisen. Ich hab' ihn nicht halten können, und ich bin doch ein Mann mit Fäust'! Aber ich muss ihn haben, ich muss! Und schau, Dirn', schau, was ein Mann nicht fertig bringt, das wird oft einem Weib so leicht wie Spiel! Runde Arm' und lange Haar' machen feste Schlingen und Netz'."

Recka war aufgesprungen, dass ihr Sessel zu Boden fiel. Mit flammenden Augen maß sie den Vater, und wortlos schritt sie der Türe zu. "Was rennst Du denn davon auf einmal?", rief der Alte in Verblüffung und Zorn; und als sie keine Antwort gab, sprang er auf und vertrat ihr den Weg. "Bleib, Dirn'!"

"Gib mir die Türe frei! Wir haben ausgeredet. Du bist zu Scherzen aufgelegt, wie sie Deinen Buben gefallen mögen, aber mir nicht!"

"Scherz! Scherz! Meinethalben mag aus der Sach' auch Ernst werden! Ich muss den Fischer haben, so oder so! Fass ihn mir, Füchsl, fas ihn! Ich mein', es kostet Dich nur ein Blick und ein Wörtl..." Von Reckas Lippen klang ein zorniges Lachen. "Und Du selber machst ja auch keinen schlechten Tausch. Vergleich ihn nur mit dem Pfleger von Hall, der sonst der einzig' ist, den ich weiß für Dich. Steht der Fischer nicht da wie ein Baum in seiner jungen Kraft? Ein freier Mann, ein Herr auf seinem Eigen! Hat Haus und Hof, Sennen und Vieh ... und seine Fischenz wiegt wie ein rechtes Herrengut. Was meinst?"

"Ich meine," erwiderte Recka mit halb erstickter Stimme, "ich meine, wenn Dir ein andermal wieder die Laune kommt, mit mir zu reden, so tu es vor dem Mahl, nicht hinter dem Becker. Ich höre den Met aus Dir."

"Dirn'!", schrie Herr Waze gereizt und hob den Arm. "Dass ich Dir für solche Red' die Faust ins Gesicht schlag', wer hindert mich?"

Das Mädchen richtete sich auf. "Mein Arm! Und eine, die zwischen Dir und mir steht ... meine Mutter Friderun!" Am Vater vorüber schritt Recka in ihre Kammer und schlug hinter sich die Türe zu. Mit erblassten Lippen und funkelndem Blick, das Gesicht von Wut verzerrt, starrte Herr Waze seiner Tochter nach. "Deine Hand hätt' ihn noch halten können, für Dich und für mich ... jetzt muss er fallen!"

In der Kammer, welche Recka betreten hatte, brannte eine Leuchte neben dem Zinnspiegel. Als sie an ihm vorüber schritt, zeigte ihr das blanke Metall in grellem Licht das von Zorn und Scham gerötete Antlitz. Und als könnte sie den eigenen Anblick nicht mehr ertragen, so stieß sie mit der Faust die Leuchte um. Langsam erlosch das qualmende Flämmlein auf der Diele, während Recka sich im Erker niederwarf, durch dessen Fenster das Mondlicht mit bleichen Strahlen in die Kammer fiel. Schwer atmend, das Gesicht in den Armen vergraben, saß sie über den Tisch gebeugt. Das Mondlicht umwebte ihr Haupt mit Schimmer und machte das Geschmeide funkeln, welches noch immer neben dem offenen Kästlein verstreut umher lag. Zwischen dem glitzernden Gold und den farbig glimmenden Edelsteinen leuchtete mit fahlem Weiß der zersprungene Beinreif, wie ein aus dem Grab geworfener Totenknochen, wie der letzte Überrest eines vermoderten Lebens, eines versunkenen Glücks.

Draußen in der Mondnacht schrie ein Uhu, der mit lautlosem Flügelschlag von den Seewänden hinaus strich in das waldige Tal, um seinen Raub zu suchen. Über dem Fischerhaus klang sein hässlicher Schrei und tönte an Sigenots Ohr, der unter seinem krankenden Jahrbaum saß, das Haus bewachend und der Heimkehr seines Knechtes harrend. "Es ruft der Totenvogel!", flüsterte er, spähte durch das Gezweig empor in den bleichen Himmel und sah einen Schatten huschen.

Weiter und weiter ging des Nachtvogels Flug, über den Untersteiner Forst und gegen die Schönau hin. Da hörte ihn der Richtmann, der in schlummerloser Sorge lag und seines Buben dachte. Beklommen lauschte er. "Gilt's mir oder gilt's meinem Liebli?" Immer weiter strich der Schreier in der Nacht, über Felder und Halden hinweg, vorbei an Gehöften und nah' vorüber bei einer Brandstätte und einem zerfallenen Haus. Der alte Gobl erwachte unter dem Apfelbaum. Er hörte den Ruf und lächelte: "Schrei nur! Schrei nur! Wie öfter, so lieber hör' ich Dich! Vergelt's der Botschaft, die Du mir anschreist!" Über die Ramsauer Ache ging der Flug des Vogels, über die Gehänge der Strub hinauf zum Lokiwald und dem Untersberg entgegen.

Hell lag der Mond über der weiten Lichtung, auf den Zelten der Klosterleute und über dem wachsenden Bau. Wicho, mit dem geleerten Lägel auf dem Rücken, stand vor dem Zelt der dienenden Brüder. Die Neugier hatte ihn näher gezogen. Doch als er den Schrei des Nachtvogels hörte, schüttelte ihn eine Grauen, und hastigen Laufes suchte er den Heimweg.

Drinnen im Zelt, durch dessen Ritzen nur ein matter Dämmerschein der Mondnacht quoll, richtete sich Bruder Wampo von seinem harten Mooslager auf. "Schweiker! Schweiker!" Der Schlummernde hörte nicht. Er schlief, von der Arbeit müde, den Schlaf des Gerechten. "Schweiker! Schweiker!" Da rührte sich der Bruder, und die Stangen seines Lagers ächzten. "Was ist denn schon wieder?", fragte er mit verschlafener Stimme.

"Es hat sich 'was gerührt, draußen, ich hab' schon gemeint, es kommt herein!"

Schweiker erhob sich und trat ins Freie. Tiefe Stille herrschte ringsumher, und öde lag die mondhelle Lichtung. "Hast Wohl wieder geträumt!", sagte er, in das Zelt zurückkehrend. "Lass mich doch einmal in Fried' mit Deiner unsinnigen Angst! Dien Fürchten wird schon bald eine Sünd'. Wir stehen doch in Gottes Schutz!"

"Angst? Was Angst? Ich hab' mich ja gar nicht geforchten!", schmollte Wampo. "Gehört hab' ich halt 'was! Und das hätt' doch 'was Gutes auch sein können! Dein Bartele ist ja selbiges Mal mit dem Himmelsbrot auch in der Nacht gekommen!"

Schweiker brummte ein unverständliches Wort und warf sich auf sein Lager.

"Lang bleibt Dein Bartele aus, das muss ich sagen!", seufzte Bruder Wampo, die beiden arme um die Knie schlingend. "Die Milch ist gar, und das Schmalz ist verkocht ... jetzt dürft' Dein Bartele schon bald wieder kommen!"

"So red' mir doch nicht allweil von dem Kind!", fuhr Schweiker in hellem Unmut auf.

"Warum kommt sie denn nimmer! Sie hört doch alle Tag' das Glöckl! Und der Fischer? In dem hab' ich mich auch getäuscht! Und sonst lasst sich gleich gar keiner anschauen! Die Leut' haben doch gar keinen Glauben und keine Gotteslieb'!"

"So gib doch Fried', Bruder!", mahnte Schweiker. "Schau, es ist ja Schlafenszeit, und müd' bin ich auch, dass mir die Knochen wie Stein im Fleisch liegen!"

Aber Bruder Wampos Zünglein, einmal munter geworden, kam sobald nicht wieder zur Ruhe. "Eine schieche Gegend," jammerte er, "eine schieche Gegend! Wie können nur verstandsame Gottesleut' auf eine solche Wildnis und unchristliche Einöd verfallen! Nein, nein, wie die Zeiten sich gewandelt haben! Früher einmal, da ist der Klosterdienst eine Freud' und Lust gewesen ... ich hab' die gute Zeit noch mitgemacht als Küchenbub zu Tegrinsee! Jetzt aber ist er eine Müh' und schieche Plag'! Früher einmal, da hat man den guten Himmelsherrn mit Lachen und Freud' geliebt! Jetzt aber dient man ihm in Weh und Buß', mit Geißel und Fasten! Schau nur den Pater Waldram an ... und denk an meinen Froumund mit dem Liederherzen, der sich lustig hinauf gesungen hat in den Himmel! Früher einmal, da ist den Leuten wohl gewesen in Klosternäh' ... jetzt aber ziehen die Christenmenschen und die Rittersleut' über Berg und Meer ins heidnische Muselland und meinen, der liebe Herr Jesus Christ wär' ihnen auf dem Boden, auf dem er hat sterben müssen, näher und gnadenreicher als daheim in den Gotteshäusern, in denen er aufersteht an jedem Ostertag und liebreich wohnt das ganze Jahr!"

"Bruder! Bruder!", fiel Schweiker erschrocken ein. "Wie kannst nur so 'was reden! Wer das Kreuz nimmt und einen Schwertstreich tut fürs heilige Land, der haut sich ins Himmelstor ein Loch, so groß, dass er aufrecht eingehen kann in die Seligkeit, derweil sich unsereiner bucken und zwängen muss."

"So? Meinst? Jetzt sag' mir aber eins: Glaubst nicht, dass der Himmelsherr die Heiden aus dem heiligen Land verjagen könnt' mit einem einzigen Blaser, dass sie fliegen täten, wie die Mucken?"

"Wohl wohl."

"Warum tut er's denn nachher nicht?"

Schweiker fand keine Antwort.

"Gelt? Jetzt geht Dir die Red' aus! Ich aber sag': Das ist ein Zeichen! Es wird schon seinen guten Grund haben, dass die Heiden sein müssen, wo sie sind! Ich deut' mir halt, der leibe Herr Jesus Christ hat gesagt: Auf dem Grund und Boden, wo sie mich gemartert haben und gekreuzigt, soll meiner Lebtag' kein Kirchl stehen und keine Glock' läuten ... grad zur Straf'!"

"Da kannst schon recht haben!", sagte Schweiker zögernd. "Freilich, die das Kreuzfahren predigen, sagen ..."

"Die das Kreuzfahren predigen, haben mir nie gefallen!", fiel Bruder Wampo hitzig ein. "Denn die sind's gewesen, die uns die guten Zeiten so schiech gewandelt haben! Die sind's gewesen, die den Menschen die lachende Gotteslieb' genommen und die Furcht und Angst dafür gegeben haben! Die sind dran schuld, dass wir da sitzen müssen in der Wildnis und Einöd! Früher einmal, wenn man ein Kloster hat bauen wollen, hat man die schönste Gegend sich ausgesucht, mit lieblicher Umschau und fruchtbarem Grund, in blumigen Tal und an fischreichem Wasser, zwischen festen Burgen und großen Dörfern mit freundlichen Leuten! Jetzt aber ist keine Gegend mehr wild und öd genug! Mitten im wüsten Wald und unter reißendem Getier! Ach, Bruder, mir wird die Zung' lang und das Herz weit, wenn ich heimdenk' an mein liebes Tegirnsee! Das schöne Tal! Der grüne See mit so viel Fisch' ... Renanken, Salmen, Ferchen und Hecht'! Die runden grünen Berglein und der Wald voll Reh und Hirsch! Die vielen Bauernhöf', aus denen Milch und Honig tropft! Das wunderschöne Gotteshaus, der Klostergarten und der Keller ... o Du meine Güt'! Und jede Zell' wie eine Herrenstub'! Das Refektorium wie eines Fürsten Tafelzimmer! Und erst den Büchersaal hättest Du sehen sollen! Da sind die schönsten Bücher gestanden, hundert um hundert, christlich und heidnisch ..."

"Heidnische? Mit denen lass mich aus!", brummte Schweiker.

"Warum? Die sind gar nicht so übel!" Bruder Wampo kicherte vergnügt. "Besonders eins ist drunter gewesen ... das ist von vielen Lesen völlig schwarz geworden an den Ecken! Du! Was da für Geschichten drin gestanden sind! Die muss ich Dir einmal erzählen! Von allen die liebste war mir immer die von der holdseligen Daphne, der schönen nympha. Du! Die hat anders ausgesehen, wie Dein Bartele."

Auf Schweikers Lager krachten die Stangen.

"Wenn die das Kleidlein hat fallen lassen, um ins Bad zu steigen, dann ist sie dagestanden ... ich sag' Dir: unus nitor in illa, alles an ihr ein einziger Glanz, schlohweiß und rosig, von den Füßlein bis..."

"Hör' auf!", rief Schweiker zornig. "Solche Sachen mag ich nicht leiden!" Und ungestüm drehte er sich auf die Seite.

"Freilich, bei Dir fehlt's halt an der richtigen Schul'!", meinte Bruder Wampo mitleidig. "Der Ovidius will verstanden sein! Das geht halt nicht ohne Gottesgelahrtheit! Und mit der hapert' bei Dir noch! Aber," fügte er tröstend bei, "Bist ja noch jung! Mit der Zeit wird man Dir schon noch 'was eintrichtern!"

"Jetzt gib aber endlich Ruh' und schlaf!"

Seufzend ließ sich Bruder Wampo auf das Lager zurücksinken, und um den Schlummer leichter zu finden, begann er eine Litanei zu beten.

Draußen vor dem Zelt rauschte im Nachtwind leise der Wald. Der Mond war gesunken, Finsternis deckte die Lichtung, in tiefer Schwärze ragten die Berge, und am stahlblauen Himmel funkelten die Sterne in reinem Glanz.

Stille Stunden verrannen, und allmählich wandelte sich die Nacht zum Morgen. Im ersten Grau kam ein Fuchs über den Berghang herunter geschlichen. Langsam schob er sich durch das tauige Heidegras, vorsichtig nach allen Seiten windend. Plötzlich verhoffte er, hob spähend den Kopf und flüchtete mit langen Sprüngen den Felsen zu.

Hinzula war aus dem Wald getreten, mit einem Weidenkorb auf den Rücken und dem Hirtenstecken in der Hand. Zögernd näherte sie sich dem Zelt der Brüder, stellte den Korb zur Erde und begann, seinen Inhalt auszukramen: Milch und Honig, Butter und Eier, Käse und Roggenbrot. "Der wird schauen, wenn er aufwacht!", flüsterte sie lächelnd, während sie sich erhob und den Korb wieder über die Schulter schwang. Schon wollte sie gehen, da hörte sie ein Geräusch aus dem Zelt. Es klang wie eine große Säge im hohlen Baum - Bruder Schweiker schnarchte. Hinzula kicherte und versuchte die Schlummerstimme des Bruders nachzuahmen. Doch was sie fertig brachte, klang im Vergleich mit dem Urlaut da drinnen wie das Zirpen einer Grille gegen eines Bären Gebrumm. Endlich gab sie die vergebliche Mühe auf. "Schnarkel' nur zu! Wer fest schnarkelt, der schlaft gut, und der Schnarkler scheucht die Truden und Maren!" Lachend sprang sie dem Waldsaum entgegen, während das wachsende Licht über dem taubenässten Gras den Morgennebel steigen machte.

Bruder Schweiker erhob sich vom Lager. "Jetzt mein' ich aber selber, ich hätt' 'was gehört," murmelte er und lauschte. Da merkte er, dass es Tag wurde. "Freilich, die Arbeit hat nach mir geschrieen!" Und mit gleichen Füßen sprang er auf die Erde. "Auf mit Gott, beim Teufel ist kein Trost!" Sein Anzug war bald in Ordnung gebracht. Er hatte in der Wollhose und im Arbeitskittel geschlafen und brauchte nur in die Schuhe zu schlüpfen. Den aus Holzperlen gereihten Rosenkranz, der am Haupt seines Lagers gehangen, steckte er hinter den Gürtel, denn nach dem Morgenläuten sollte das gemeinsame Gebet gesprochen werden. Als er nun vor das Zelt trat, sah er die freundliche Bescherung auf der Erde. Eine dunkle Röte floss über sein Gesicht, und mit breitem Lachen nickte er vor sich hin. "Schau, schau, das Bartele!"

Ein helles Kichern klang vom Waldsaum herüber. Schweiker blickte auf. "Hinzula?", rief er und eitle mit langen Schritten den Bäumen zu. Aber flink wie ein Reh sprang die Hirtin aus ihrem Versteck und eilte talwärts durch den Wald, der Ache entgegen. Doch war sei gar weit noch nicht gekommen, da rief ihr eine zornige Stimme zu: "Steh, Dirn'!" Und Henning kam zwischen den Bäumen hervor geritten, dicht vor dem erschrockenen Mädchen das Pferd verhaltend. "Treff' ich Dich schon wieder auf meinem Weg? Hab' ich Dir nicht gesagt, Du Schmierfink, dass hier Bannwald ist?"

Hinzula ließ den Stecken sinken, und während sie mit beiden Händen die Tragbänder des Korbes fasste, blickte sie in Scheu und Angst zu dem bleichen, übernächtigen Gesicht des Reiters auf, in dessen Augen alle Wut funkelte, welche an ihm gezehrt hatte in schlafloser Nacht. Henning sah den leeren Korb auf der Schulter des Mädchens. "Wo kommst Du her?", schrie er und riss die mit schwerem Hirschhorngriff versehene Reitpeitsche aus der Satteltasche. "Wo kommst Du her?"

"Von dort, Herr," stotterte das Mädchen, "wo die frommen Brüder bauen."

"Was hattest Du zu schaffen dort?"

"Albengab' hab' ich hingetragen, Milch und Honig, Eier und Butter."

"Das soll der Teufel Dir gesegnen!", fluchte Henning und schwang mit zorniger Wucht den Knauf der Peitsche.

"Herr! Was tust mir denn?", stammelte die Hirtin und wollte fliehen. Doch ehe sie sich zu wenden vermochte, fiel der Schlag und traf die Stirn des Mädchens. Ein bebender Schmerzenslaut rang sich von Hinzulas Lippen. Eine Strecke noch, während das rote Blut über ihre Augen und Wangen rann, taumelte sie dahin zwischen den Bäumen, von ihrem Rücken fiel der Korb und rollte über das Moos; dann wankte sie. Mit zuckenden Händen griff sie in die Luft und stürzte zu Boden.

"Hinzula! Hinzula!", klang Schweikers Stimme im Wald. Er hatte den zitternden Weheschrei des Mädchens gehört und kam über die Wurzeln und bemoosten Steine einher gesprungen, mit hohen Sätzen und wehendem Bart, einen Knüppel in der Faust, als gält' es, die Hirtin zu retten vor einem reißenden Tier. "Hinzula! Hinzula!" Der Ruf erstickte auf seinen Lippen; zwischen den Bäumen sah er die Hirtin liegen, regungslos, mit geschlossenen Augen, besudelt von Blut. Der Knüppel fiel aus seiner Hand, er hörte nicht das Brechen der Äste, hörte nicht den Hufschlag des enteilenden Reiters - in Schreck und Jammer schlug er die Hände zusammen und warf sich auf die Knie. "Kindl! Kindl! O mein lieber Himmelsherr, was ist denn da geschehen?" Er hob das von Blut überströmte Köpflein der Hirtin auf seine Arme. Ein mattest Stöhnen kam von den Lippen der Ohnmächtigen, und reichlicher blutete die klaffende Wunde an der Stirn. Mit nassen Augen blickte Schweiker umher, als müsste die ersehnte Hilfe aus den Bäumen treten, aus den Lüften kommen wie ein Wunder. "O ihr guten Heiligen! Ja was tu' ich denn?" Er drückte die zitternde Hand auf die Wunde, um das Blut zu stillen, doch der rote Quell rann ihm heiß durch die Finger. Von namenloser Angst befallen, schrie er mit gellender Stimme: "Mordio! Mordio!" Mit beiden Armen umschlang er das Mädchen, richtete sich auf und begann mit seiner Last zu laufen. Keuchend erreichte er die von bleicher Morgenhelle übergossene Lichtung, von welcher dünne Nebel aufdampften gegen den Berghang. Wie ein Schleier lag's über den Zelten und über den Klausenbau.

"Mordio!", hallte Schweikers Stimme.

Da tauchte eine Gestalt im Nebel auf. Eberwein war es. "Schweiker! Was rufst Du Mord? Wer ist in Not?" Er eilte herbei und sah auf des Bruders Armen das blutende Mädchen liegen, mit hängendem Haupt und schlaffen Gliedern, einer Toten gleich.

"Schau, Herr, schau!", jammerte Schweiker, die Stimme halb erstickt von Tränen. "Jetzt haben sie uns das Kindl erschlagen! Unser einzig's, unser einzig's!"

"Spute Dich, Schweiker!", rief Eberwein. "Trage das Mädchen zum Teich, kühle die Wunde! Ich hole, was ich brauche!" Er sprang davon, im Nebel verschwindend.

Schweiker stand zitternd, dem Enteilenden nachstarrend mit ratlosem Blick. Da fühlte er, wie ihm das Blut der Hirtin über die Arme rann, wie es an der Brust durch den Kittel quoll und warm an seinen Körper rieselte. Wie ein Schwindel befiel es ihn. "Sie verblutet, sie verblutet ja!", lallte er und rannte dem Teich entgegen. Am Ufer ließ er sich niedersinken, bettete den Kopf des Mädchens in seinen Schoß, schöpfte Wasser mit der hohlen Hand und goss das kalte Nass über die wunde Stirn. Mit dem über Hinzlas Haar und Antlitz strömenden Wasser vermischte sich das Blut und wurde dünner, Schweiker schöpfte und schöpfte - und zwischen den grau sich färbenden Wasserfäden und dem rinnenden Blut erschien mit weiser Haut ein Gesichtlein von kindlichem Liebreiz. Immer weiter öffneten sich Schweikers Augen, immer flinker schöpfte seine zitternde Hand das Wasser und goss und wusch...

Da streckte sich Hinzula, und ein stockender Atemzug erschütterte ihre Brust. "Kindl, Kindl ... liebes Kindl!", stammelte Schweiker und hob mit beiden Armen das Köpflein der Hirtin.

Langsam schlug sie die Augen auf und hing mit starrem Blick an seinem Gesicht. Nun schien sie ihren Retter zu erkennen, denn während ein mattes Lächeln ihren Mund umspielte, hob sie müde die Hand und griff mit gespreizten Fingern in den Flachsbart des Mönches, wie es ein krankes Kind wohl tun mag, wenn es, aus bösem Fieber erwachend, das kummervolle Gesicht des Vaters über sich gebeugt sieht.

Dicke Zähren rollten dem Bruder über die bärtigen Wangen. "Sag' doch, Kindl, sag', wie ist Dir denn?"

"Gut!", lispelte Hinzula und lächelte; doch in neu beginnender Schwäche verschamm ihr schon wieder der Blick unter sinkenden Lidern.

Es wurde lebendig bei den Zelten, man hörte die Stimme Bruder Wampos, und Eberwein kam. "Sie lebt, Herr, sie lebt," rief ihm Schweiker entgegen, "aber sie hat vor Schwäch' schon wieder die Sinn' verloren!"

Neben dem Bruder kniete Eberwein nieder. Mit einem Tuch trocknete er die Stirne der Hirtin und begann mit dem Skalpell die Wunde zu untersuchen. Da musste Schweiker auf die Seite blicken, er konnte nicht sehen, wie das blinkende Eisen in die Wunde tauchte. Während nun auch Wampo und die Knechte herbeigelaufen kamen, betätigte Eberwein schweigend seine hilfreiche Kunst. Als er mit dem Messer einen Knochensplitter aus der Wunde löste, streckte sich Hinzula stöhnend und schlug mit den Händen gegen den Arm des Arztes. "Halte sie fester!", flüsterte Eberwein.

Schweiker fesselte mit raschem Griff die Hände des Mädchens, aber er wurde bleich bis in die Lippen, und nach einer Weile blickte er mit umflorten Augen zu Wampo auf: "Gib mir einen Trunk Wasser, Bruder, mir ist übel!"

Wampo riss einem der Knechte die lederne Kappe vom Kopf und schöpfte Wasser, welches Schweiker in langen Zügen trank. Als Wampo. Um die Kappe von neuem zu füllen, sich wieder zum Wasser bückte, wurden seine Augen starr. Er ließ die Kappe fallen, warf die Arme in die Höhe und schrie: "Herr Du Allmächtiger, ein Wunder! Der Teich, der gestern noch leer gewesen, hat Fisch'! Hat Fisch'!" Lachend und schreiend sprang er in die siechte Flut und tappte mit beiden Händen nach den scheu durcheinander schießenden Hechten und Ferchen.

Da richtete sich Eberwein auf. "Bruder!", rief er zornig. "Hier liegt ein armes Geschöpf in der Not und Blut! Und Du...?" Ein zürnender Blick ergänzte, was seine Lippen verschwiegen. Bruder Wampo machte eine scheue Meine und stapfte aus dem Wasser.

"Geh und bring einen Becher von unserem Messwein!"

Wortlos schlich Wampo davon. Auf halbem Weg schielte er über die Schulter zurück. "Sie kommen mir ja nimmer aus!", murmelte er, rang das Wasser aus dem triefenden Saum der Kutte und begann zu laufen.

Pater Eberwein legte den Verband um Hinzulas Stirn. Dabei erwachte die Hirtin aus ihrer Ohnmacht, und als sie den Pater und die fremden Gesichter der Knechte sah, wollte sie sich erheben. Schweiker aber hielt sie fest in seinen Armen. "Geh, Kindl, schau, tu Dich still halten! Es ist Dir ja zum guten, was geschieht." Sie blickte zu ihm auf, atmete tief und rührte sich nicht mehr. Ein sanfter Wind erwachte, in bläulichen Wölklein kräuselte sich der Nebel über den Berghang empor, die Sonne stieg, und ihre Strahlen fielen mit hellem Glanz auf Schweiker und Hinzula. Bruder Wampo brachte den mit Wein gefüllten Becher. Eberwein setzte ihn an die Lippen der Hirtin und flößte ihr den stärkenden Trank bis auf den letzten Tropfen ein. Der Wein erquickte sie, ihre Augen bekamen Glanz, ihre Glieder Kraft, und von Schweiker gestützt, vermochte sie sich zu erheben. Zitternd stand sie, ihr Köpflein ruhte an Schweikers Brust, und der Anblick, den es bot, musste Rührung erwecken. Die weiße, blutfleckige Binde umzog die Stirne und das Haar, welches zur Hälfte noch starrte von Staub und Ruß, zur Hälfte in Nässe und blondem Schimmer glänzte. Wie eine Farbentafel, die der Maler mitten in der Arbeit aus der Hand gelegt, war das schmale Gesichtchen anzusehen, weiß und rot und grau ... dazu der unter Schmerzen lächelnde Mund und die großen, scheu blickenden Kinderaugen in ihrem reinen Blau.

"Wer bist Du, Mädchen?", fragte Eberwein mit bewegter Stimme.

Sie starrte ihn an und wusste kein Wort zu finden. "Hinzula heißt sie," sagte Schweiker, "und ihr Vater ist der Greinwalder, der sell drüben über der Ache haust."

"Und sie ist die erste gewesen, die auf das Glöckl gehört hat," fiel Bruder Wampo eifrig ein, "die erste, die zu uns gekommen ist mit frommer Gab'. Aber sag' nur, Bartele, sag'," wandte er sich an das Mädchen, "wie ist Dir denn das Unglück zugestoßen? Bist auf einen Stein gefallen?"

Auch Eberwein fragte; Doch Hinzula stand schweigend, als hätte sie die Sprache verloren. Ihre scheuen Blicke glitten über die fremden Gesichter und blieben mit stummer Bitte an Schweiker haften.

"So red' doch Kindl! Sag', was willst denn?"

"Heim!", lispelte sie.

"So komm nur, komm, ich führ' Dich schon, wohl wohl!"

"Weißt Du den Hag ihres Vaters?", fragte Eberwein den Bruder. "Ich hoffe nur, erliegt nicht weit ... es ist noch schwach bestellt um ihre Kräfte."

"Und läg' das Haus einen Tag weit, ich bring' das Kindl heim ... so lang ich selber noch Füß' hab', kommt sie schon weiter, da brauchst Dich nicht zu sorgen, Herr! Komm nur, Hinzula, komm!" Fester schlang er den Arm um die Hirtin und führte sie den Bäumen zu. Bis zum Waldsaum ging Eberwein mit ihnen, dem Bruder Auftrag gebend, welche Pflege Hinzula empfangen sollte. Zum Abschied drückte er die Hand der Hirtin und streichelte ihr Haar. "Gott mit Dir, mein Kind! Ich komme morgen und sehe nach Deiner Wunde."

Als Eberwein die beiden nun verließ, flüsterte Schweiker dem Mädchen zu: "So sag' ihm doch ein freundliches Wort!"

"Vergelt's, guter Herr!", rief Hinzula mit matten Stimmlein. Eberwein blickte sich um und nickte ihr lächelnd zu.

Während Schweiker mit dem Mädchen im Wald verschwand, und Eberwein zu den Zelten ging, sprang Bruder Wampo, als hätte er mit Sehnsucht diesen Augenblick erwartet, in flinker Eile zum Teich. Die Sonne lag über dem klaren Wasser, und regungslos standen die Hechte und Ferchen auf dem seichten Grund. Die Äuglein des Bruders glänzten, während er mit deutendem Finger die Fische zählte. Sorglich umschritt er den Teich, doch er fand keine Stelle, die den Fischen einen Fluchtweg geboten hätte. "Ich brauch' keine Angst zu haben, sie können nimmer aus!" Nun stand er und blinzelte vergnügt den größten und fettesten der Hechte an. "Du kommst morgen an die Reih', zur heiligen Sonntagsfeier!" Er legte die Hände hinter den Rücken, blickte mit hellen Augen hinaus in den leuchtenden Morgen und schmunzelte. "Heut gefallt mir die Gegend ein lützel besser! Ich mein' doch, sie wär' nicht gar so schiech!" Eine Weile noch stand er und ließ sich die Sonne auf das Bäuchlein scheinen; dann eilte er, vergnügt die Hände reibend, zur Feuerstätte, um die Morgensuppe zu kochen. Bei der Klause erklangen schon die Rufe und Beilschläge der Knechte, welche über der hölzernen Mauer die Balken zum Dach schränkten.

Inzwischen hatte Schweiker mit Hinzula das Tal erreicht. Langsam und mühselig war die Wanderung durch den Wald gegangen; aber nun, da die Hirtin mit Schweiker allein war, hatte sie die Sprach gefunden und in stockenden Worten erzählt, dass es Henning gewesen, Wazemanns Ältester, der sie blutig geschlagen im Zorn.

"Ja warum denn?"

"Ich weiß nicht. Er hat gesagt, weil Bannwald ist, wo ich geh'!"

Schweiker hob die geballte Faust. "Käm' er mir nur in den Weg, ich wollt' einen Bann legen um ihn her, dass er den Arm nimmer heben möcht' zu einem Schlag!"

Scheu blickte Hinzula zu ihm auf und stammelte: "Lass Dich mit dem nicht ein, das ist ein Arger!"

"Ich fürcht' ihn nicht! Und wenn er gleich hundertmal stärker wär' und Macht hätt' wie der Teufel! Ich weiß schon einen, der mir hilft!"

"Wen meinst denn?"

"Schau hinauf, Kindl! Den mein' ich, der sell droben haust in der Himmelsburg, der für alle Guten die Hilf' ist und für die Argen ein Schrecken!"

Hinzula hob das scheckige Gesichtlein und blickte mit großen Augen zum blauen Himmel auf; dabei übersah sie den Wurzelknorren, der den Pfad übersah die Wurzelknorren, der den Pfad überquerte. Sie strauchelte und wäre gestürzt, hätte nicht Schweiker sie aufgefangen in seinen Armen.

"Aber Kindl! Warum schaust denn nicht auf den Weg?"

"Hast ja gesagt, ich soll hinaufschauen zur Himmelsburg."

"Freilich, freilich, aber man muss doch auch einen Blick auf die Erd' hin haben."

Sie erreichten das Ufer der Ache, und bedenklich schüttelte der Bruder den Kopf. "Kindl, da hinüber tragen Dich Deine Füßlein nicht. Aber wart, da wird gleich geholfen sein." Er bückte sich und hob die Hirtin auf seine Arme. Sie lächelte, umschlang seinen Hals und lehnte das Köpflein an seine Schulter. Schweiker stieg in das Wasser, und während die schießenden Wellen ihn umrauschten bis über die Knie, blickte er lachend zu dem Mädchen auf. "Jetzt mein' ich aber schier, ich bin der Christophorus!"

"Wer ist denn das?", fragte sie.

Da wurde er rot, bis über die Ohren, denn er meinte nun doch im stillen, dass es nicht anginge, das Bartele mit dem Christuskind zu vergleichen, welches Christophorus über den Strom getragen; und er selber war wohl auch noch weit davon entfernt, ein Heiliger zu sein. Als aber Hinzula ihre Frage wiederholte, musste er Antwort geben, ob er wollte oder nicht. "Der Christophorus, weißt, das ist ein Heiliger ... wohl wohl. Aber wie er noch ein Heid' gewesen ist, da hat er einmal ein Kindl übers Wasser getragen und hat nicht gewusst, wen er auf seinen Armen hält! Auf die Letzt aber hat er doch gemerkt, dass er sein Heil getragen und sein Himmelsbrot verdient hat." Mit sinnenden Augen blickte Hinzula auf Schweikers Lippen. Die knapp gefasste und dunkle Geschichte schien ihr nicht völlig einzuleuchten.

Das Ufer war gewonnen, und mit triefenden Füßen schritt Schweiker über die grasige Mulde hinweg, in welcher die Brüder gelagert hatten in jener ersten Sturmnacht. Es war wohl die Erinnerung an jene Nacht, welche ihn vergessen machte, die Hirtin wieder von seinen Armen zu lassen. Und auch Hinzula vergaß, ihn an ihre eigenen Füße zu mahnen. Sie erreichten den schattigen Wald, und Schweiker stieg mit seiner Last über den Hang empor, als wöge sie auf seinen eisernen Armen wie eine Feder. Seitwärts schimmerte eine Lichtung, und da hörten sie Getrippel hinter sich. Hinzula blickte über Schweikers Schulter.

"Schau, doch, schau, da kommt mein Zottli daher!" Mit mattem Stimmlein lockte sie das Tier, und der Bock, dem die vier Geißen folgten, kam mit spielenden Sprüngen zwischen den Bäumen hervor. Meckernd blieben die Tiere stehen und lugten zur Hirtin auf. Langsam trippelten sie hinter Schweiker her, blieben abermals stehen und folgten aufs neue.

Der Wald wurde eben, die Bäume gingen zu Ende, und Schweiker erreichte eine weite Wiese, in deren Mitte ein hoher Hag sich erhob, das Haus verdeckend; gegen den Berghang zog sich ein Roggenfeld hin, auf welchem ein Mann und ein Weib mit der Sichel die mageren Ähren schnitten. "Schau, dort," flüsterte Hinzula, "der Vater und die Mutter! Mein Bruder ist nicht daheim, der sennt auf der Alben."

Schweiker stand und schöpfte Atem. Seine Stirn zog sich in Falten, denn es erwachte in ihm die gruselige Frage: Wie muss wohl die Mutter aussehen, die ein Kind hat, das sich vier Jahr' lang nicht gewaschen?

Der Greinwalder und sein Weib hatten den Fremden, der ihren Grund und Boden betreten, schon gewahrt. Sie blickten über den sonnigen Hang herunter, die Hände über die Augen gedeckt, und redeten miteinander. Was sie sahen, musste freilich ihr Staunen wecken. Dieser Fremde in der seltsamen Tracht, ein Mensch wie ein Riese, mit dem wallenden Flachsbart und dem geschorenen Kopf eine Dirn' auf seinen nackten, braunen Armen, und hinter ihm die meckernden Ziegen! Da erkannte die Greinwalderin ihr Kind. Mit einem Schreckensruf warf sie die Sichel weg und kam herbeigelaufen, während der Mann ihr zögernd folgte.

Bruder Schweiker riss die blauen Augen auf, als er das freundlich anzusehende Weiblein erblickte: Bei aller Ärmlichkeit doch sauber gewandet und an Gesicht und Händen tadellos gewaschen. Vor Staunen sanken ihm die Arme, dass Hinzula zur Erde glitt - vor Staunen fand er keine Antwort auf die erschrockenen Fragen der beiden Leute. Hinzula selbst musste der Mutter und dem Vater berichten, was ihr geschehen, und wie sie Hilfe gefunden.

Als der Greinwalder hörte, dass Schweiker einer von den Gottesmännern wäre, die ins Tal gekommen, musterte er den Bruder vom Kopf bis zu den Füßen und sagte: "So einen Senn möcht' ich haben! Da hätt' mein Vieh wohl Ruh' vor den Wölf' und Bären, und mein Haus vor den Wazemannsbuben auch!"

Schweiker hatte kein Ohr für dieses Lob. Denn er musste der Greinwalderin, welche unter Seufzen und Zähren ihr Kind in den Hag führte, die Aufträge hersagen, die ihm Pater Eberwein in Hinzulas Pflege erteilt hatte, dabei wäre, wie er betonte, Wasser und Reinlichkeit nicht zu vergessen.

"Aber hör'," stotterte das Weiblein, "ich mein' doch, das versteht sich von selber!"

Diese Antwort brachte den Bruder Schweiker wieder um alle Fassung. Seit vier Jahren hatte die Greinwalderin nicht an Wasser und Seife gedacht, und jetzt auf einmal waren ihr diese beiden Ding eine selbstverständliche Notwendigkeit! Kopfschüttelnd betrat Schweiker das sauber gehaltene Gehöft, darin das kleine Balkenhaus sich erhob, dem man die Liebe ansah, mit welcher es in gutem Stand erhalten wurde. In jeder Fensterlucke stand ein hölzernes Tröglein mit blühenden Nelken, zwei weiße kraushaarige Lämmer trippelten im Hof umher, die Hühner scharrten in der Sonne, und zu Hunderten schossen die aus- und einziehenden Immen durch die Luft.

Als Hinzula, von der Mutter geführt, das Haus betreten wollte, wandte sie auf der Schwelle das Gesicht, blickte zu Schweiker auf und fragte mit beklommenem Stimmlein: "Gelt, Du bleibst schon noch da?"

"Freilich, Kindl, freilich!", sagte er und nickte ihr lachend zu. Dann ließ er sich auf die Hausbank niedersinken, tat einen lauten, tiefen Atemzug, streckte die Beine und wischte sich mit beiden Händen den in Bächlein rinnenden Schweiß vom Gesicht. Der Greinwalder trat vor den Bruder hin und bot ihm die Hand. "Vergelt's, Gottesmann, Vergelt's für alles, was Du getan hast für mein Kind!"

"Da braucht's keinen Dank! Ist gern geschehen, wohl wohl!" Schweiker wischte die Hand am Kittel ab und reichte sie dem Bauer.

"Und lohnen will ich's auch, weißt! All' Woch' zweimal, wenn mein Bub abtragt von der Alben, schick' ich Euch ein Körbl voll Zeug hinunter. Jetzt weiß ich doch, wem's zukommt!"

"Das muss nicht sein1", sagte Schweiker, aber da fiel ihm Bruder Wampo ein, und er fügte zögernd bei: "Wenn Du 'was g'raten kannst, und Du gibst es gern ... meinethalben. Aber sein muss es nicht."

Die Greinwalderin kam aus dem Haus gelaufen, füllte an einem sprudelnden Quell eine hölzerne Kanne und verschwand wieder in der Tür. Schmunzelnd blickte Schweiker ihr nach, und als sich der Greinwalder an seine Seite setzte, sagte er zu ihm: "Wo ich hinschau', alles gefallt mir da. Bist ein rechtschaffener Bauer. Auch Dein Weibel schaut sich gut an und tragt sich sauber im Häs. Aber sag' mir nur, wie kann denn die Mutter ihr Kindl so umlaufen lassen ... vier Jahr' lang kein Tröpfl Wasser im Gesicht, vier Jahr' lang nimmer gewaschen!"

"Vier Jahr' lang, wohl wohl," nickte der Greinwalder, "weißt, seit wir halt gemerkt haben, dass die Dirn' sich lieb und sauber auswachst."

Schweiker machte große Augen, diese seltsame Logik wollte ihm nicht einleuchten. "Weil sie lieb und sauber ist, darum muss man sie schiech machen, dass einem hätt' grausen können vor ihr?"

"Grausen! Freilich! Wie mehr, so besser! Wenn die Wazemannsbuben meine Dirn' gesehen haben, so haben sie geschrieen: 'Der Schmierfink!' und sind davongelaufen." Die Augen des Bauern funkelten. "Hätten sie gemerkt, was dahinter versteckt ist, ich hätt' sie wohl nimmer so gefunden, wie sie von mir gegangen!"

Nun verstand der Bruder. Eine dunkle Röte floss über sein Gesicht, er ballte die Fäuste und blickte über den Bergwald hinunter nach dem Lokistein. "Ja, Bruder Wampo," brach es mit Zorn bebender Stimme von seinen Lippen, "eine schieche Gegend das, wo der Dreck die einzig' Hilf' ist, die der Unschuld bleibt!" Er legte die zitternde Hand auf den Arm des Bauern. "Lass gut sein, Greinwalder, das Blattl soll sich wenden, und müsst' ich selber drein schlagen mit allen zwei Fäusten! Den Wazemannsbuben soll ein Riegel gelegt werden!"

"Es wär' an der Zeit!" Und um dieses Wort zu bekräftigen, erzählte der Greinwalder, was er und die Seinen von den Wazemannsleuten erduldet hatten seit langen Jahren. "Bei meinem Vater haben sie angefangen," so schloss die böse Litanei, "und jetzt kommen sie über mein Kind. Schau sell hinüber, Gottesmann!" Er deutete nach einer einsam stehenden Fichte, welche ohne Gipfel war. "Dort steht noch die Ficht', an deren Gipfel die Wazemannsknecht' meinen Vater gebunden haben, weil er sich als Freibauer gewehrt hat wieder die Fron'. Den Gipfel hat mein Vater abgeschnitten, und der dürre Stecken harrt in meiner Kammer auf den Tag, an dem heimgezahlt wird!"

Die Greinwalderin kam aus der Tür und blickte, als sie die zwei roten Köpfe sah, besorgt von dem einen zum anderen. Dann sagte sie zu Schweiker: "Geh, komm ein lützel herein, meine Dirn' lasst mir keine Ruh' nimmer, allweil verlangt sie nach Dir!"

Mit einem Sprung war Schweiker im Haus. Als der Greinwalder ihm folgen wollte, hielt ihn das Weib am Kittel fest und fragte scheu: "Hast doch nicht gescholten wider die Wazemannsleut'?"

"Und gehörig auch noch!"

"Aber Bauer, Bauer!", stotterte die Greinwalderin erschrocken. "Wenn's der Fremde jetzt weiter tragt!"

"Der? Da hab' ich keine Sorg'!"

Während die beiden so redeten, hatte Schweiker die Herdstube betreten. Der niedere Raum zeigte nur armseligen Hausrat, aber ein warmer Hauch von Wohnlichkeit strömte aus den gebräunten Holzmauern. An den Fenstern waren die Läden vorgeschoben, und nur einzelne Sonnenstrahlen, welche durch die Ritzen fielen, durchspannen wie leuchtende Fäden das in der Stube herrschende Zwielicht. Mit suchenden Augen blickte Schweiker umher. Da klang das lispelnde Stimmlein der Hirtin: "Siehst mich nicht?"

Neben dem Herd zeigte sich in der Holzmauer eine Vertiefung, welche einem länglichen Kasten ohne Türe glich. In dieser Vertiefung lag Hinzula auf dem Heubett, den Schoß bedeckt von einer grauen Kotze, auf welcher die Hände ruhten. Zögernd näherte sich Schweiker. Er wollte sprechen, aber nur wortlos bewegten sich seine Lippen. Verwundert, fast erschrocken hingen seine blauen Augen an der Hirtin, die ihm, sauber gewaschen und gestrählt, verwandelt schien wie die verwunschene Jungrau am guten Ende des Märleins. Sie trug ein ärmelloses Kittelchen aus gelblichem Hanftuch, unter dessen groben Falten der junge Busen atmete. Weiß schimmerte das schmale Geschichtlein unter dem Blondhaar und der blutfleckigen Stirnbinde, und nicht minder weiß die nackten Arme, die der Sonnenbrand unter der grauen Hülle, welche sie getragen, nicht hatte bräunen können. Mit schüchternem Lächeln blickte sie an Schweiker auf. "Gelt, jetzt bleibst noch ein lützel da? Musst ja doch rasten!"

"Freilich," stotterte er, "freilich!"

"So geh, tu Dich doch niederlassen!", sagte sie und rückte an die Mauer, damit er Platz hätte auf dem Rand des schmalen Lagers. Er streckte schon die Hand nach der Kante und wollte sich setzen, da klang es leise in den Lüften und quoll durch Tür und Wände mit verschwommenem Hall, kaum hörbar noch, wie ein Ruf aus weiter Ferne.

Schweiker richtete sich auf, und seine Stimme zitterte: "Ich kann nimmer bleiben, Kindl ... das Glöckl ruft!"

Erschrocken hob sich Hinzula aus dem Heu und griff mit der Hand nach ihm. Aber er schüttelte den Kopf, dass der lange Flachsbart wie eine Welle floss. Der Atem schien ihr zu versagen, und es währte eine Weile, bis sie fragen konnte: "Aber gelt, Du kommst bald wieder und suchst mich heim?"

Er starrte vor sich nieder und murmelte: "Ich weiß nicht!"

Hinzulas Augen füllten sich mit Zähren. Scheu blickte er auf, und als er an ihren Lidern die Perlen schimmern sah, zog es ihm den Kopf gegen die Schulter, als hätte er einen Krampf im Nacken bekommen. Langsam streckte er die Hand aus, machte das Kreuzzeichen über Hinzulas wunde Stirn und flüsterte: "Pax tibi dom'ni!" Und als wäre ihm der gewohnte Spruch zu kurz und nicht kräftig genug, so fügte er noch bei: "Der liebe Gott soll Dich hüten und schützen, Kindl!" Dann wandte er sich ab und schritt der Tür zu. Der Bauer und die Bäuerin traten ihm entgegen. "Ja was ist denn, Gottesmann?", fragte der Greinwalder, "willst denn schon wieder fort?" Wortlos schritt der Bruder an ihm vorüber, mit beiden Händen den Rosenkranz umklammernd, der hinter seinem Gürtel steckte. "Ja, was hat er denn?", fragte das Weiblein verwundert und starrte ihm nach.

Als Schweiker die freie Wiese erreichte, zog ein schwüler Windhauch über den sonnigen Wald herauf, und heller tönte die Glocke. Immer rascher wurde Schweikers Gang, und als er den Wald betrat, kam er auf dem steilen Hang ins Laufen. Am Ufer der Ache hielt er tief atmend inne. Eine Weile hingen seine Augen mit verlorenem Blick an den schießenden Wellen, dann hob er die Hände und starrte die leeren Arme an. Da gewahrte er die eingetrockneten Blutflecken. Er bückte sich, schöpfte Wasser mit der Hand und begann zu waschen, bis die letzte Spur des Blutes getilgt war. Als wäre er müde geworden von diesem Werk, so ließ er sich am Ufer niedersinken auf einen Stein, stützte die Arme auf und drückte das Gesicht in die nassen Hände.

Vor seinen Füßen ließ sich im Wasser ein leises Plätschern hören. Ohne dass Schweiker es merkte, war der Rosenkranz hinter seinem Gürtel hervor geglitten und in den Bach gerollt.

Die hölzernen Perlen schwammen, ein Wirbel ergriff und drehte sie. Hier stießen sie wieder einen Stein, dort hafteten sie an einem nieder hängenden Stäudlein, aber eine leuchtende Welle fasste die Perlen und trug sie gaukelnd davon.

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1 Nachtgespenst. ^
2 geistern, umgehen.
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