Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 19

Kapitel 13

Um die Mittagsstunde des folgenden Tages stand Edelrot auf dem Lugaus und spähte, die Augen mit der Hand beschattend, über den See hinaus. Früh am Morgen war Sigenot mit dem Einbaum ausgefahren, um von den Legangeln, welche im Weitsee lagen, die Beute der Nacht zu lösen. Er pflegte sonst von solcher Fahrt lange vor Mittag heimzukehren. Nun aber warteten sie im Fischerhaus schon seit einer Stunde mit dem Mahl auf ihn. Er wollte nicht kommen, und Mutter Mahtilt war unruhig geworden.

In der bangen Sehnsucht, mit welcher Edelrot auslugte über den See, hörte sie nicht, dass im Uferwald der Aufschlag eines Grießbeils klirrte. Sie blickte erst auf, als das Klirren schon nah' am Waldsaum klang. Und da huschte eine Röte über ihre Wangen. "Ruedlieb kommt von der Alben," dachte sie, "er muss auf dem Heimweg her gestiegen sein über die Seewänd' und muss den Einbaum gewahrt haben."

Hastig verließ sie den Lugaus, sprang über den Hügel hinunter und eilte vor das Hagtor. Doch erschrocken verhielt sie den Fuß. Nicht Ruedlieb stand vor ihr, sondern Henning, Wazemanns Ältester, mit dem Grießbeil in der Hand und dem Eibenbogen über der Schulter. An der Lippe nagend, stand er und musterte die Gestalt des Mädchens mit frechem Blick.

"Bist Du über die Seewänd' her gestiegen?", fragte Rötli stotternd.

Er hob das Gesicht, und seien Züge wurden starr. "Warum fragst Du?"

"Mein Bruder ist ausgefahren am Morgen und sollt' schon lang daheim sein. Hast Du nicht draußen auf dem Weitsee den Einbaum schwimmen sehen?"

Henning lachte. "Ich mein' wohl, dass ich ihn gesehen hab'. Er ist weit vom Land gewesen, und es kann eine lange Weil' noch dauern, bis er heimkehrt." Wieder lachte er. "Wer weiß, vielleicht hat er gefunden, was er nicht gesucht hat ... und das dürft' ihn länger halten, als ihm lieb ist."

"Ich versteh' Dich nicht! Was soll er denn gefunden haben?", Rötlis Stimme zitterte.

"Schau nur, wie die Angst aus Deinen Süßaugen reden kann!" Henning neigte das Gesicht und verschlang mit brennendem Blick die holden Züge des Mädchens. "Sorgst Dich denn gar so sehr um Deinen Bruder?" Edelrote nickte wortlos. Sie wollte sprechen, doch Hennings Blick erstickte ihr den Laut auf der Zunge. "Hast ihn denn gar so lieb? Wenn Du dem Bruder schon so gut bist ... wie fest und warm erst müsst' Dein rundes Ärmlein drücken können am Hals eines Liebgesellen!" Er streckte die Hand, um ihren Arm zu fassen.

Erschrocken wich Rötli zurück.

"Schau, wie das Vöglein sich duckt!", lachte Henning. "Gib acht, wir werden noch gute Freund', wir beide!" Wieder streckte er die Hand aus, da sah er Wicho unter dem Hagtor stehen, und zurücktretend sagte er mit verstrecktem Lächeln und freundlich klingendem Ton: "Warum erschrickst Du vor mir? Ich hab' Dir doch die Hand nur bieten wollen zum Gruß ... und eine Botschaft meiner Schwester hab' ich Dir bringen wollen. Was sie will von Dir, das weiß ich nicht, aber sie lässt Dir sagen, dass Du heut noch zu ihr hinaufkommen sollst in unser Haus. Heut noch, hörst Du! Und bald! Meine Schwester wartet nicht gerne."

"Aber ich hab' doch heut schon mit ihr geredet," stammelte Rötli.

Betroffen blickte Henning auf. "Ich mein', Du irrst Dich."

"Nein, nein! Früh am Morgen ist Recka vorbei geritten bei unserem Hag, sie selber hat mich angerufen und hat geredet mit mir. Und da hätt' sie mir doch selber sagen können..."

Henning zuckte lachend die Schultern. "Was weiß denn ich, was meine Schwester spinnt in ihrem krausen Kopf! Ich kann Dir nur eines sagen: Droben im Bergwald bin ich ihr begegnet, und da hat sie mir diese Botschaft aufgetragen für Dich. Jetzt wird sie wohl lang schon daheim sein. Also red' ... was soll ich ihr sagen? Kommst Du oder nicht?" Seine Lippen wurden schmal, und lauernd blickten seine Augen.

Rötli zögerte mit der Antwort, dann lispelte sie: "Wenn es Deine Schwester begehrt, so muss ich wohl kommen. Ich bin ihr gut und möcht' sie nicht gern erzürnen."

Hennings Augen blitzten. "Das will ich ihr sagen!" Und lachend ging er davon, dem Weg der Ache folgend. Unter den ersten Bäumen blickte er über die Schulter zurück und murmelte: "Komm nur, Du feines Finklein, ich will den Herd stellen! Lang genug hab' ich zugewartet."

Als er nach einer Weile, über den Felsensteig empor klimmend, seines Vaters Haus erreichte, fragte er den Knecht, der ihm das Pförtlein öffnete: "Ist meine Schwester daheim?"

"Nein, Herr."

"Wann kommt sie heimgeritten?"

"Nicht vor Abend."

"Gut! Jetzt tu die Ohren auf und merk', was ich sage!"

Der Knecht lauschte den Worten, welche Henning ihm zuflüsterte, und nickte schmunzelnd. "An mir soll's nimmer fehlen. Ich stell' mich auf die Mauer und verwend' keinen Blick vom Fischerhaus, und wenn sie kommt..."

Henning drückte dem Knecht die Hand auf den Mund, denn er sah vor dem Bärenzwinger seinen Vater sitzen.

Herr Waze war allein zu Hause. Hartwig und Eilbert waren auf die Jagd gezogen, Sindel, Rimiger, Gerold und Otloh hielten die Wache im Lokiwald. Um die Langeweile der Einsamkeit zu verscheuchen, hatte Herr Waze ein seltsames Spiel gewählt. Auf einem Steinblock saß er vor dem Raubtierkäfig, einen langen Stecken in der Hand, und reizte mit derben Stößen die eingesperrten Tiere. Brummend hob sich der Bär auf die Hinterfüße, knurrend fuhr der Wolf von einem Winkel in den anderen, und fauchend sprang der Luchs an den hölzernen Stäben empor und klammerte sich an die Decke des Käfigs. Herr Waze stieß und bohrte mit dem Stecken, bis der scheue Zorn der Tiere zur Wut sich steigerte, so dass sie, um ihren Grimm zu entladen, übereinander herfielen und beißend und schlagend im Knäuel sich balgten. Dann ließ Herr Waze den Stecken sinken, legte die Hände auf den Bauch und lachte, dass ihm die Tränen kamen. Der heulende Lärm im Käfig brachte alles Geflügel des Hofes in Bewegung. Die Hühner stoben gackernd auseinander, scheu umflatterten die Tauben das Dach, auf der Mauer schrie ein Pfau, und im Zwinger kläfften die Hunde. Nur langsam trat die Ruhe wieder ein, als die Kämpfer im Käfig endlich von einander gelassen hatten: In einer Ecke lag der Bär und leckte die Tatze, welche der Wolf ihm blutig gebissen, in der anderen Ecke saß die rote Bergkatze an die Stäbe gedrückt und ächzte, während der Wolf, dem das Blut von der Schulter tropfte, mit glühenden Augen auf und nieder trabte und die Schnauze in jede Lücke der Stangen stieß, als möchte er den Ausweg erzwingen.

Herr Watze hatte sich müd gelacht. Er hob den Stecken und begann das rohe Spiel aufs neue. Dumpf brummend richtete der Bär sich auf. Mit gesträubtem Fell und krumm gezogenem Rücken stand er und hielt die funkelnden Lichter auf seinen Peiniger gerichtet. "Rühr Dich, Meister Waldhauser! Munter! Munter!", rief Herr Waze und bohrte mit dem Stecken.

Da tat der Bär, laut aufbrüllend, einen mächtigen Sprung gegen die Wand seines Kerkers, dass die Stangen sich bogen, und der Käfig erzitterte in allen Fugen. Herr Waze erbleichte und fuhr erschrocken zurück, doch als er gewahrte, dass die Stangen hielten und der Bär im Rückprall zu Boden kollerte, schlug er mit dem Stecken und lachte. "Gelt, Waldhauserlein, gelt? So wie Du, so möcht' wohl mancher anspringen wider mich! Nur gut, dass der Käfig, den ich ihnen gebaut hab', so feste Stangen hat!" Er blickte auf, denn er hatte Hennings Schritt gehört. "Du?", fragte er verwundert. "Warum kommst Du allein?"

"Weil ich mich gesondert hab' von den Brüdern."

"Weshalb?"

"Weil ich gejagt hab' auf eigene Faust!"

Herr Waze maß den Sohn mit forschendem Blick. Er hörte aus Hennings Worten einen Ton, der ihn stutzig machte. "Red'! Wo warst Du?"

"Drüben auf dem Seewandlahner, über dem Moospalfen, der hinaushängt übers Wasser."

"Hast Du den guten Hirsch gespürt?"

"Nein, Vater!" Ein dünnes Lächeln zuckte um Hennings Lippen. "Aber der Fischgeier ist mir zugestrichen, auf den ich wart' seit lang!"

Herr Waze machte die Augen klein und zog die gekrümmten Finger durch den Bart. "Und?"

"Über dem Palfen bin ich gelegen und hab' ein Trumm Stein gehalten. Da ist der Fischgreifer her gestrichen über den See, auf den Palfen zu, und wie er schnurgrad unter mir war und die Legangel hat heben wollen ... da hab' ich fallen lassen."

Herr Waze sprang auf. "Er liegt?"

Henning nickte. "Schau hinaus über den See ... kannst Du den leeren Einbaum treiben sehen!"

Mit langen Schritten eilte Herr Waze zur Mauer und spähte funkelnden Blickes in die Tiefe. Sonnenduft umflimmerte den See, auf dessen glatten, weißgrau schillerndem Spiegel, in Pfeilschussweite vom jenseitigen Ufer, der leere Nachen schwamm wie ein braunes Scheit.

"So hast Du's haben wollen!", murmelte Herr Waze. "Ich hab' gemeint, es wär' genug an Deinem Vater, und ich hätt' Dich gehalten! Jetzt lieg, wo Du liegst!" Er wandte sich von der Mauer und ging der Freitreppe zu. Da trat ihm Henning in den Weg. "Ich will meinen Dank, Vater!"

"Verlang! Nur nicht mein Ross und meinen Stächlinbogen oder den Weißfalk ... die drei Ding' halt' ich, so lang ich leb'."

"Da wär' ein jedes zu viel begehrt!", sagte Henning mit seinem dünnen Lächeln. "Was ich will, kannst Du leichter geben: Lass Dir den Falben satteln, und reit hinaus übers Tal, der Ritt wird Dir wohl tun! Ich mein', Du kannst den Kopf heben und leichter schnaufen ... jetzt, wo der eine weg ist, der denen da draußen beim Lokistein für hundert gewogen hätt'!"

Herr Waze schlug die Hand auf Hennings Schulter. "Ja, Bub, ich will reiten," lachte er, "und aufschnaufen! Der eine hat mir Sorgen gemacht ... die anderen halt' ich wie die Mäus' im Sack!" Und einem Knecht, der aus den Ställen trat, rief er zu: "Den Falben!" Dann ging er ins Haus, um sich für den Ritt zu kleiden.

Henning gab dem Knecht, der das Pförtlein geöffnet hatte, einen Wink; dann folgte er dem Vater. Der Knecht stieg auf die Mauer, und durch die Pfeilscharte einer Eckzinne spähte er hinunter nach dem Fischerwesen. Den Lugaus, die Hofreut und den freien Platz vor dem Hagtor sah er leer. Den Ufersaum der Lände verdeckten ihm die Bäume.

Hier am Ufer stand Wicho und löste den Waldschragen: Er wollte auf Mutter Mahtilts Geheiß hinausfahren in den Weitsee und Umschau nach Sigenot halten. Schon setzte er den Fuß auf den Schragen, da klang aus dem Fichtenwald der Lockruf eines Sperbers. Betroffen lauschte Wicho - noch zwei Mal klang der Ruf, und da lief der Knecht den Bäumen zu; denn er wusste, wer sich mit diesem Ruf zu melden pflegte, wenn es Ursache gab, den Laut der Stimme zu meiden. Als Wicho den Schatten des Waldes erreichte, bleib er stehen und spähte umher, doch er gewahrte niemand. Leise ahmte er den Ruf des Sperbers nach, und aus dem tieferen Wald kam die Antwort. Wicho sprang über das Fallholz und die moosigen Steinblöcke. Da sah er im tiefsten Schatten seinen Herrn an einen Baum gelehnt, schwer atmend, wie erschöpft von raschem Lauf.

"Aber Herr! Wie kommst Du nur daher in den Wald? Bist doch ausgefahren auf dem Einbaum? Und warum..." Da stockte dem Knecht die Sprache. Er hatte Sigenot erreicht und stand erschrocken bei seinem Anblick. Nass hing das Haar über Sigenots Schläfe, seine Augen lagen tief und brannten, seine Lippen zuckten, und fahle Blässe bedeckte seine Wangen. Sein ganzes Gewand, von den Schuhen bis zum Hals, war schwer von Nässe. Auf der linken Schulter war das Wams zerfetzt, und dünnes Blut rann in Fäden über den nackten Arm, an welchem die Haut zerschunden war.

"Herr! Herr!", jammerte der Knecht und schlug die Hände ineinander. "Was ist denn geschehen..."

Sigenot streckte die Hand gegen Wichos Mund, und da verstummte der Knecht. Der Fischer richtete sich auf, und leise, mit bebender Stimme sagte er: "Wicho! Ich bin Dein Herr!"

Flüsternd klang die Antwort: "Und ich Dein Knecht, Dir eigen auf Tod und Leben."

"Mein ist Dein Leib, Dein Gebein und Haar, mein ist Dein Aug' und Ohr ... aber ich lass' Dir alles und will nur Deine Treu. Leg' den Schweigschwur in meine Hand!" Wicho berührte mit den Fingern die Lippe und legte die Hand in Sigenots Rechte. "Unsere Händ' liegen ineinander, Wicho, wie Stein in Stein. Steh Du für mich, wie ich stehen will für Dich!"

"Herr!", stammelte der Knecht. "Wenn ich Dich anschau', wird mir kalt ums Herz. Was ist denn geschehen?"

Sigenot löste die Hand. "Das sollst Du hören. Jetzt geh hinein ins Haus! Heut in der Nacht hab' ich das Schwert meines Vaters von der Wand genommen und in meiner Kammer hab' ich's geborgen unter der Wolfshaut auf dem Lager. Geh hinein ... und dass es Mutter und Schwester nicht merken, schieb das Schwert zum Fenster hinaus und bring mir's her!"

Wicho wollte davoneilen, aber er wandte sich wieder um und fragte: "Was soll ich denn sagen im Haus? Sie haben sich gesorgt um Dich!"

"Sag', ich wär' gekommen und hätt' einen Weg zum Richtmann in die Schönau."

Während der Knecht dem Hagtor zusprang, ließ sich der Fische rauf einen Steinblock nieder, löste einen Ballen Moos vom Grund, fasste eine Handvoll der schwarzen kühlen Erde und drückte sie auf die brennenden Schürfwunden seines Armes. Er wusste kaum, dass er es tat. Seien Blicke gingen ins Leere, seine Lippen waren herb geschlossen, und zwischen seinen Brauen lag eine Furche, scharf wie ein Messerschnitt.

Als Wicho über die Hofreut emporstieg, eilte ihm Edelrot entgegen. "Kommt er? Kommt er?"

Der Knecht meldete, was Sigenot ihm aufgetragen, und bei dem Jubel, mit welchem Edlerot diese Botschaft ihrer Mutter zutrug, konnte Wicho unbemerkt in die Kammer schlüpfen. Er brachte das Schwert in den Wald. Siegenot zog die breite Klinge, prüfte ihre Schärfe, stieß sie wieder zurück ins Leder und legte das Schwert über den Schoß. "Von Stund' an geht mein Weg unter Eisen!" Er blickte auf. "Wicho! Sie wollen mir ans Leben!"

Der Knecht erbleichte.

"Komm, setz' Dich zu mir und hör' an! Vor zwei Tagen ist Hennings Pfeil vorbei geflogen an meinem Hals, und heut auf dem Weitsee hat der Steinblock mich gestreift, den seine Händ' gelöst haben. Ich bin mit dem Einbaum zugefahren unter den Moospalfen, um die Legangel zu heben. Wie ich die Hand streck', hör' ich ein Rollen über mir ... ich schau' noch auf und seh' den Block schon niedersausen. Aber da ist einer zu mir gestanden, den ich gerufen hab' in der Not, und der hat mir Kraft gegeben! Wie ein Wolf unter der Baumfall', so hab' ich einen Sprung zur Seit' getan. Schulter und Arm hat mir der Stein gestreift, und derweil ich hinaus flieg' ins Wasser, saust der Fels gegen den Spiegel des Einbaums, dass der Hohlbalken hingesurrt ist über den See wie ein Pfeil. Mich hat der Wasserschwall unter die überhängende Wand geschwemmt ... schier hätt' mich das Ringhemd, das ich trag' unter dem Wams, hinuntergezogen. Aber zur rechten Zeit noch hab' ich die Angelschnur gefasst, die am Fuß des Palfens eingeklemmt war in eine Steinritz. Und der Faden hat ausgehalten! Es war eine feste Schnur, die mein Rötli geflochten! Um zu merken, dass nicht der Zufall den Stein gelöst, hätt' ich nicht erst noch von der Höh' des Palfens herunter Hennings Gelächter hören brauchen. Nur das Gesicht und die Hand noch über dem Wasser, so bin ich gehangen im See und hab' mich still gehalten und gewartet, bis ich von Henning, der hinausgestiegen ist über die Seewand, keinen Tritt und Laut mehr gehört hab'. Dann hab' ich versucht, dass ich zwischen dem steil ins Wasser fallenden Gewänd' ein Flecklein erreich', wo ich aussteigen könnt'. Es ist mir hart geworden, Wicho, gezogen hat's an meinen Füßen, als hätt' mich schon der Bid gefasst und möcht' mich hinunterreißen, dorthin, wo mein Vater liegt." Tief atmend verstummte Sigenot.

Wicho sprang auf und hob die Fäuste gegen den Himmel. "Haust denn keiner mehr im Gewölk, der den Hammer wirft und die Donnerkeil'? Fahrt denn nicht bald ein Blitz herunter über Wazemanns Haus? Tut nicht die Erd' sich auf und verschlingt die Mordbrut?"

"Lass gut sein, Wicho, und schilt nicht!"

"Ich soll nicht schreien in der Not? Wer hilft uns denn, wenn's die nicht tun, die über uns sind und unter uns? Stehen wir nicht gegen die Wazemannsleut', wie die Geißen gegen die Wölf'? Meinst, sie werden ablassen von Dir? Wer soll Dir denn helfen? Wie willst Dich wehren?"

Sigenots Augen blitzten, und seine Faust umklammerte den Schwertgriff. "Wenn es herging' um mich allein, ich wüsst' schon, was ich tät'. Aber an mir hängen Mutter und Schwester, die mich brauchen." Seine Stimme verlor sich in Murmeln. "Ein einzig Mal hab' ich vergessen, dass ich meiner Schwester Bruder bin ... und zur Straf', das spür' ich, soll ich keine frohe Stund' mehr haben im Leben."

"Herr?", stammelte Wicho.

Da fasste Sigenot die Hände seines Knechtes, und in heißer Qual lösten sich die Worte von seinen Lippen: "Wicho! Wicho! Ich bin wie ein Ferch, der ans Land gesprungen nach einer roten Blum'. Jetzt liegt er im Sand und muss verschmachten und verdursten und kann den Heimweg nimmer finden ins Wasser, dem er zugehört."

"Ich versteh' Dich nicht. Deine Red' ist wie eine Nuss, die meine Zähn' nicht beißen können. Schlag' sie auf und zeig' mir den Kern!"

Sigenot schüttelte den Kopf und streifte mit der zitternden Hand über die Stirne. Nach einer Weile sagte er: "Weißt Du, warum sie mir ans Leben wollen?"

"Ich denk' mir's."

"Sie fürchten, ich halt' zu den Klosterleuten, die gekommen sind und Herrenrecht haben an unser Tat."

"So? Wohl wohl, das kann schon sein! Aber der Grund, den ich mir gedacht hab', liegt noch ein lützel näher. Denk an Deine Schwester, wie süß und lieb ihr Gesichtl ist ... und nachher denk an die Wazemanns Buben! Sie wollen das Lamm reißen, da ist ihnen der Hüter im Weg."

"Wicho!" Mit zornigem Schrei war Sigenot aufgesprungen.

Hastig erzählte der Knecht, was er gehört und gesehen, als Henning vor dem Hagtor stand.

Sigenots Gesicht war fahl, jeder Zug in seinem Antlitz hart wie Stein. Durch das dunkle Gewirr der Zweige spähten seine Augen hinauf gegen Wazemanns Haus, und mit zuckender Hand griff er an seine Brust, als könnte er gewaltsam von sich abreißen, was ihm das Herz bedrückte. "Ein Wasser soll sein zwischen mir und ihnen, ein Wasser, so breit, dass kein Baum gewachsen ist für einen Steg. Nichts anderes will ich mehr, als meiner Schwester Bruder sein und meiner Mutter Sohn!" Er wandte sich zu dem Knecht. "Wicho! Dein Wort hat Feuer in mich geworfen, aber ich dank' Dir! Jetzt hat der Ferch wieder heimgefunden ins Wasser!" Tief atmend schlang er das Gehäng des Schwertes um seine Hüfte. "Geh hinein ins Haus! Schick' die Heilwig zur Alben ... sie soll das Vieh betreuen und meine Sennen heimschicken. Wir brauchen Männer im Hof. Eh' die Dirn' zur Alben steigt, soll sie auf dem Schragen in den Weitsee fahren und den Einbaum holen! Lass ihn nicht liegen an der Länd', sondern schleif' ihn hinter den Hag! Dann schließ das Tor und leg' die Sperrbalken ein! Und meine Schwester lass keinen Schritt aus der Hofreut tun, hörst Du, keinen Schritt!"

"Keinen Schritt, oder sie müsst' weggehen über mich!"

"Solang es sein kann, lass die Mutter nichts merken! Ich selber will reden mit hr, wenn ich Heim komm' zur Nacht! Jetzt geh!"

"Und Du, Herr? Oder soll ich nicht wissen, wohin Du gehst?"

"Ich geh', wohin ich muss! Wohin das Recht mich ruft, wohin die eigene Not mich treibt, zum Lok'stein! Wahr' mein Haus, Wicho, bis ich wieder komm'!"

"Verlass Dich auf mich!"

Ihre Hände fassten sich, dann nickte der Fischer und eilte waldeinwärts, dem Tal der Ache entgegen. Wicho sprang hinaus auf die offene Lände. Hier spähte er nach allen Seiten, doch alles war ruhig. Nur von Wazemanns Haus herab tönte das Gekläff der Hunde. Als Wicho die Hofreut erreichte, kam Heilwig gerade von den Ställen her. Kopfschüttelnd hörte sie den Auftrag, den der Knecht ihr überbrachte. Sie hätte wohl gerne die Neugier gestillt, die in ihr lebend wurde, aber Wicho machte sie schweigen mit einem zornigen Wort. Er schob sie vor den Hag hinaus und schloss hinter ihr das Tor.

Da nahm es ihn Wunder, dass Edelrot nicht zu sehen war. "Sie wird im Haus bei der Mutter sein!" Er eilte über den Hügel empor und trat unter die Tür der Halle. Neben dem Herd saß Mutter Mahtilt im Lehnstuhl und schlummerte. Die Nachricht, dass Sigenot zurückgekommen, hatte ihre Sorge beschwichtigt, und nach der schlaflosen Nacht, in der dumpfen Schwüle des Nachmittags, war in der ersten ruhigen Stunde der Schlummer auf ihren Müden Lider gesunken.

"Rötli!", rief Wicho mit leiser Stimme. Nichts rührte sich in der Halle. Leise schlich der Knecht zur Frauenkammer und öffnete die Türe. Die Kammer war leer. Erschrocken eilte er ins Freie und rief den Namen des Mädchens über die Hofreut. Keine Antwort ließ sich hören. Wicho verfärbte sich und griff mit den Händen an die Schläfe. "Ich muss sie finden! Ich muss! Ich muss!"

Er rannte über den Hügel hinunter und riss das Hagtor auf. Gegen das Ufer lief er, gegen den Wald zur Linken, gegen die Ache zur Rechten und schrie mit hallender Stimme: "Rötli! Rötli" Doch keine Antwort klang. Nur die Falkenwand schickte den Ruf zurück mit hohlem Echo...

Sigenot hörte den Klang dieser Stimme nicht mehr. Er hatte schon die Sümpfe im Untersteiner Wald erreicht und eilte, die gebahnten Wege vermeidend, über die Hügel empor. Keuchend gewann er den Hag des Richtmanns und schlug mit der Faust an das geschlossene Tor. "Tut auf!"

Ein Knecht, der in der Nähe schaffte, lief, um das Tor zu öffnen. Er machte verwunderte Augen, als er den Fischer erkannte und ihn gewappnet sah mit langem Schwert, in dem nassen verwüsteten Gewand, mit dem bleichen Gesicht und dem blutbefleckten Arm.

"Wo ist Dein Herr, der Richtmann?", frage Sigenot.

"Da drüben unter den Eichen liegt er und schlaft."

"Schlaft?", wiederholte der Fischer, als hätte er falsch gehört.

"Er ist außer Haus gewesen die heutige Nacht und die gestrig' auch."

Sigenot schritt den eichen zu. Lang ausgestreckt lag der Schönauer im Schatten der Bäume und hielt im Schlummer das Gesicht auf die Arme gedrückt. Als er geweckt wurde, blickte er mit müden Augen auf. "Du Fischer?"

"Heb' Dich auf, Schönauer, jetzt ist nimmer Schlafenszeit!"

Diese Worte waren wohl anders gemeint, als der Schönauer sie verstand. "Ich hab' zwei Nächt' nicht geschlafen. Wir haben den Huze gesucht, den armen Buben, der dem Schapbacher die Geißen hütet. Er ist eingestiegen in Wazemanns Bannberg und nimmer heimgekommen. Erst haben wir gemeint, der Bub hätt' sich verstiegen, und haben ihn gesucht zwei Nächt'! Aber heut am Morgen, wie wir heimgekommen sind, haben wir hören müssen, was geschehen ist mit ihm. Einer von Wazemanns Knechten hat es ausgeredet. Der Bub ist gefangen worden und liegt unter Wazemanns Haus im Bußloch. Die Flachsen haben sie ihm abgestochen..."

Sigenot lachte zornig auf. "Einen besseren Anfang hätt'st nimmer finden können für die Zwiesprach, zu der ich gekommen bin. Herr Waze hat fleißige Händ'. Der Bub ist abgetan ... jetzt hat er mich in der Arbeit. Und wart noch einen Tag, Richtmann, so kommt die Reih' an Dich!"

Erschrocken starrte der Schönauer den Fischer an. "Sigenot," stammelte er, "was soll Deine Red'? Und alle guten Mächt', wie siehst Du aus! Red' doch, red', was hat's denn gegeben?"

"Komm ins Haus!", sagte Sigenot und schritt dem Schönauer voran, der ihm zögernd folgte, mit scheuem Blick und verstörten Zügen.

In goldenem Glanz lag die Nachmittagssonne über Hof und Haus, die Wiesenblumen dufteten, und bunte Schmetterlinge gaukelten über den Hag. Eifrig flogen die Schwalben ab und zu, auf dem Dach girrten die weißen Tauben, und manchmal setzte sich eine der Schwalben zu kurzer Rast und zwitscherte ein leises Lied. Blau und leuchtend wölbte sich die Himmelsglocke über die schimmernden Zinnen der Berge, und der sachte Windzug, der die warmen Lüfte rührte, war wie ein Hauch des traulichen Friedens, den die Erde atmete. In diese Stille der Natur klang zuweilen aus dem Haus der Laut einer heftigen Stimme. Es schien erregte Zwiesprach zu sein, welche die beiden Männer hielten. Immer lauter wurden ihre Worte. Der Knecht im Hof ließ die Arbeit ruhen und lauschte, doch nicht lange, denn Sigenot erschien unter der Tür mit finsterem Gesicht. Der Schönauer kam ihm nachgeeilt und suchte ihn am Arm zurückzuhalten. "Bleib, Fischer, bleib," stammelte er, "und bei allem, was Dir lieb und heilig ist ... ich bitt' Dich, tu's nicht! Geh nicht hinaus zum Lok'stein!"

"Ich tu', was ich muss!", erwiderte Sigenot mit bebender Stimme. "Ich hätt's getan, auch wenn mir nicht, wie jetzt, die eigene Not bis an den Hals gestiegen wär'."

"Tu's nicht, Fischer! Es wird nichts besser damit, nur alles schlimmer!"

"Ob besser oder schlimmer, das frag' ich nicht. Ich weiß nur eins: Herr Waze will mir den Weg zum Lok'stein verwehren ... so muss es ein Weg sein, der zum Guten führt."

"Er wirft seinen Zorn auf Dich und Dein Haus, wie er's mir gedroht hat und meinem Buben. Fischer, Fischer, wie willst Du denn stehen gegen ihn und seine Knecht'?"

"Das lass meine Sorg' sein! Und ob ich steh' oder fall', ich will nicht ducken und Umweg' suchen wie Du! Wie lang mein Weg im Licht noch dauert, das weiß wohl keiner ... aber grad soll er sein bis zum letzten Schritt. Ich rat' Dir nicht! Tu Du nach Deinem Willen und sorg nur, dass keine Reu' Dich ankommt! Mir aber lass meinen Weg! Der Geht hinaus zum Lok'stein!"

"Sigenot! Sigenot!", jammerte der Schönauer und umklammerte den Arm des Fischers.

"Lass mich! Ich geh' hinaus! Von ihnen selber muss ich hören, ob sie mit Recht die Herren im Gadem sind. Und sind sie's, so steh' ich zu ihnen mit Leib und Leben. Ob's mir hilft, das frag' ich nicht ... ich hab' für mich wohl selber noch eine Hilf' ...", er schüttelte die starken Arme, "aber eins weiß ich: Den andern wird's zum Guten sein. Merken sie, dass mein Weg der rechte ist, so gehen mir zwanzig nach, einer zeiht den andern, hundert stehen zu den Klosterleuten ... und dann, Herr Waze," er hob die Faust, und seine blitzenden Augen suchten in der Ferne den Falkenstein, "dann wollen wir sehen, wer Du noch bist mit Deinen Buben!"

"Ich bitt' Dich, red' nicht so laut!", stammelte der Schönauer und blickte mit scheuen Augen nach dem Knecht, der in der Nähe arbeitete. "Die Lüft' haben Ohren im Gadem und tragen jedes Wort hinauf in Wazemanns Haus."

"Fürchtest Du Deinen eigenen Knecht? Richtmann, es ist weit gekommen! Und derselbig' mag wohl recht haben, der den Spruch gefunden: 'Lützel Treu ist allenthalben, tief im Tal und hoch auf Alben.' Aber einen, Richtmann, einen muss es doch noch geben, bei dem die Treu ist und eine starke Hand wider alle Not. Und den einen muss ich suchen. Ob ich ihn find' beim Lok'stein ... ich weiß nicht. Aber suchen muss ich, denn wär' nicht die Hoffnung in mir, dass ich ihn find' ... ich müsst' ja mit eigener Faust die Mutter erschlagen und mein lieb Geschwister, dass ich ihnen die Schand' und den Jammer spar', und müsst' hinunter springen in den See, damit alles ein End' hat. Wären Not und Neid, Untreu' und Unehr' die einzigen, die über uns Macht haben, und gäb's über ihnen keinen Stärkern mehr, so gäb's auch für uns keinen Tag nimmer, der den Schnaufer wert ist."

Der Schönauer starrte den Fischer an und fand kein Wort.

"Warum schaust mich an wie einen Fremden?", fragte Sigenot. "Weil Du mich so noch nie hast reden hören? Ich will Dir sagen, wie solche Red' in mich gekommen ist. Schau, Richtmann, an die hundertmal bin ich mit der Angel schon hinaufgestiegen zur Ramsauer Ache. Und da hab' ich wohl diemal zugesprochen beim alten Hiltischalk, und er hat zu mir geredet von seinem guten Himmelsherrn, derweil wir auf der Hausbank in der Sonn' gesessen. Und einmal da hat er mir erzählt, wie sein guter Gottesherr ihn gehoben hätt' aus arger Not. Droben über dem Windacher See hat er eine kranke Alberin heimgesucht, und wie er niedergestiegen ist an der Windach, hat sich der Grund gelöst unter seinen Füßen. Hinunter in die tiefe Klamm ist sein Fall gegangen, das wilde Wasser hat ihn gefasst, und da war für ihn kein Retten nimmer und keine Hilf'. Das wisst wohl selber, Richtmann ... die Nachtalfen der Windach haben feste Händ', wenn sie greifen."

Der Schönauer nickte und murmelte: "Wen die Windacher Alfen fassen, den lassen sie nimmer aus!"

"Der Hiltischalk aber, wie ihn die Alfen schon haben schlingen wollen, hat noch aufgeschrieen im letzten Schnaufer: 'Mein guter Herr, Du mein Gott!' Da hat ihn das Wasser auf einen Stein geworfen, zu dem eine turmhohe Ficht' heruntergefallen war aus der Höh'. Wie mit Armen haben die Äst' ihn aufgefangen, und über den Baum ist der Hiltischalk hinausgestiegen aus der Klamm wie auf einer Leiter. Ich hab' weinen müssen, Richtmann, so hat ich das gepackt in meiner Seel'! Und heut, wie ich den Stein über mir hab' rollen hören, wie ich gesehen hab': Jetzt ist kein Ausweg mehr, der Stein erschlagt mich und mit mir die Mutter und mein Geschwister, mein Haus und Heim und alles ... schau, Richtmann, ich weiß nicht, wie's gekommen ist, aber da hat meine Seel' geschrieen wie der Hiltischalk: 'Mein guter Herr, Du mein Gott!' Und mich hat der Stein nicht erschlagen, mich hat das Wasser nicht verschlungen."

Über die Lippen des Schönauers ging ein müdes Lächeln. "Wider den Stein hat Dein Sprung geholfen, wider das Wasser die feste Schnur und Dein starker Arm."

Sigenot schüttelte den Kopf. "Ich hab' geschrieen in der Not, und wohin meine Red' geht, dahin gehen auch meine Füß'. Ich muss zum Lok'stein!"

"Ich merk', da ist kein Halten nimmer! So geh halt!" Der Richtmann atmete schwer. "Zeit lassen, Fischer!"

"Ich hab' keine Zeit mehr! Jetzt hab' ich Eil'." Sigenot reichte dem Schönauer die Hand und schritt dem Hagtor zu, während der andere ihm nachblickte mit kummervollen Augen.

Der Glanz der Nachmittagssonne hatte schön rötlichen Schein, als Sigenot den Wald beim Lokistein erreichte. Die hallenden Axtschläge wiesen ihm den Weg. Während er dahin schritt zwischen den Bäumen, hörte er seinen Namen schreien, und durch brechendes Gezweig kam ein Reiter auf ihn zugesprengt. Otloh war es, Wazemanns Jüngster. Er verhielt das schnaubende Ross. "Wohin, Fischer?"

Sigenot sah mit finsterem Aug zu dem Knaben auf. "Was kümmert's Dich? Gib meinen Weg frei!"

"Kehr um, hier ist kein Weg!"

"Weg ist, wo ich mir einen such'."

"In meines Vaters Namen: Kehr um, hier ist Bannwald!"

"Davon weiß ich nichts. Und Dein Vater mag bannen für seine Knecht' ... ich bin ein Freier und steh' nicht unter Deines Vaters Faust."

Dunkle Zornesröte färbte Otlohs Gesicht. "Hüt' Deine Zung', Fischer! Oder meinst Du, Deine Keckheit an mir üben zu können, weil ich der Jüngste bin? Irr' Dich nicht in mir!"

An Sigenots Schläfen schwollen die Adern. "Noch einmal: Gib meinen Weg frei!"

"Noch einmal: Hier ist kein Weg für Dich!", schrie Otloh. "Und ich will Dir weisen, dass mein Wort so viel gilt, als hätt' mein Vater gesprochen!" Er sah, dass ich die Hand des Fischers an den Schwertgriff legte, und mit kreischender Stimme höhnte er: "Lass doch ein andermal die Wehr' daheim! Das tut dem Bauer nicht gut, wenn er geht wie ein Ritter! Die Wehr' schlagt Dir blaue Fleck' an die Waden. Oder willst Du Ferchen stechen damit? Oder die Würm' graben für Deine Angel? Sonst wüsst' ich nicht, wozu Du das Eisen brauchst!"

"Frag' Deinen Bruder Henning, wenn Dich die Neugier plagt! Wir zwei haben ausgeredet. Weich', sag' ich, oder ich schaff' mir freien Weg!" Sigenot schritt voran und scheuchte mit erhobenem Arm das Pferd, dass es schnaubend aufbäumte.

Unter zornigem Fluch stieß Otloh dem weichenden Ross den Stachel in die Flanke und riss den Wildfänger aus der Scheide. "Wart, Fischer, Dir verleg' ich den Weg!" Doch er fand nicht Zeit, um Streiche auszuholen. Blitzschnell hatte Sigenot mit der einen Faust den Reiter an der Brust gefasst und mit der anderen das Gelenk der bewaffneten Hand umklammert. Otloh stöhnte unter diesem Griff, und da hob ihn auch schon die Faust des Fischers aus dem Sattel. Während das ledige Pferd davon stob durch den Wald, setzte Sigenot den Knaben ins Moos, wand ihm den Fänger aus der Hand und trieb die Klinge mit wuchtigem Stoß in einen Baum.

"Jetzt lauf Deinem Ross nach, Otloh, dass Du wieder reiten kannst! Bis heim zu Deines Vaters Haus, das wär' ein langer Weg für Deine kurzen Füß'." Mit diesen Worten wandte Sigenot sich ab und schritt durch den Wald davon, dem Lokistein entgegen. In bebender Wut sprang Otloh auf und suchte den Fänger zu lösen, aber die Klinge haftete im Baum wie festgewachsen. Fluchend riss er und zerrte, da brach der Stahl, und Otloh taumelte zurück, mit dem Stumpf der Waffe in der Hand.

"Fischer, das sollst Du mir büßen!"

Sigenot hörte die drohenden Worte noch. Ohne die Augen zu wenden, verfolgte er seinen Weg. Näher und näher klang ihm der Hall der Äxte, das dumpfe Gepolter der rollenden Bäume, das Krachen der brechenden Äste und der laute Ruf, mit dem die Knechte die Balken hoben. Unter den Bäumen trat er hervor auf die von rötlichem Sonnenglanz übergossene Lichtung. Er sah die Rastplätze der Saumtiere, die Reisighütten der Knechte und die Feuerstätte, von welcher Bruder Wampo mit einer Kanne hinwegeilte, um Wasser bei der Quelle zu holen. Er sah die beiden Zelte und das wachsende Balkenhaus. Übermannshoch erhoben sich schon die Holzmauern der Klause und des Kirchleins, dessen steigende Wände den Heidenstein umschlossen, so dass über den Saum der Mauer das aus der halbverbrannten Eiche gehauene Kreuz nur mit dem Querholz noch hervorragte.

Sigenot betrachtete mit erstaunten Augen das freundliche Bild, und der sonnige Frieden dieser Stätte redete ihm warm ins Herz. Er atmete auf, als wäre ihm leichter um die Seele geworden, und raschen Schrittes ging er den Zelten zu. Den Eingang suchend, umschritt er das eine derselben, doch plötzlich verheilt er den Fuß, gebannt von einem unerwarteten Anblick. Aufrecht, in menschlicher Lebensgröße, stand das vollendete Kreuzbild vor ihm, mit dem Holzpflock, an welchem die Füße noch hafteten, in der Erde befestigt. Die Sonne schimmerte auf den trocknenden Farben des mit schlichter Kunst geschaffenen und rührend wirkenden Bildes. Die strenge Nacktheit des bleichen Leibes mit seinen roten Malen redete die stumme Sprache der Schmerzen, doch sanft und freundlich blickte das zur Schulter geneigte Antlitz. Mit ausgebreiteten Armen stand das stille Bild vor Sigenot, als mächt' es ihn grüßend umfangen und sprechen zu ihm: "Bei Dir ist Not, bei mir ist Hilfe! Komm an meine Brust!" Ein Zittern hatte den Fischer befallen, und seine Lippen rührten sich unter stummen Worten. Langsam hoben sich seine Arme, und während er mit der einen Hand das Haupt entblößte, bekreuzte er mit der anderen die Stirne und den Mund, wie es Hiltischalk, der alte Pfarrherr in der Ramsau, den fünfzehnjährigen Täufling einst gelehrt. Da bewegte sich der Vorhang des Zeltes, und Eberwein trat ins Freie. Als er den Fischer gewahrte, verwandelte sich der müde Ausdruck, der auf seinen Zügen lag, in jähe Freude, und in stummer Bewegung streckte er zum Gruß die beiden Hände. "Oft in diesen Tagen dachte ich, wann und wo ich Dich wieder finden würde. Nun bist Du gekommen aus freiem Willen ... und ich grüße Dich!"

Sigenot fasste die Hände des Mönches und nickte einen stummen Gruß. Langsam wandte er den Blick über die Schulter und suchte wieder das heilige Bild. "Wie gut er mich anschaut, und er muss doch leiden!", sprach er leise vor sich hin. "Ich glaub' schon selber, das muss ein Gott sein!"

Es leuchtete in Eberweins Augen. "Weshalb glaubst Du das?"

"Leiden müssen und gut sein ... Herr, das ist eine schwere Sach', das bringt wohl nimmer ein Mensch zuweg."

"Meinst Du nicht, Sigenot, dass Du es lernen könntest von ihm, der auch für Dich gestorben? Sieh seine Wunden an, sieh, wie die Dornen seine Stirne drücken, und dennoch segnete er im letzten Atemzug seine Peiniger und bat seinen himmlischen Vater: 'Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!' Solltest Du diesem Beispiel nicht folgen können?"

"Das wird sich hart machen, Herr! Ich bin doch nur ein Mensch!" Mit langsamer Hand strich Sigenot das Haar in die Stirn.

Da gewahrte Eberwein das Blut und die Wunden am Arm des Fischers und fragte erschrocken: "Du bist verletzt? Was ist Dir geschehen?" Und ohne die Antwort abzuwarten, eilte er in das Zelt.

Verwundert blickte Sigenot ihm nach. "Was hat er denn?"

Mit Balsam und Linnen kehrte Eberwein zurück. "Komm, setz' Dich auf diesen Block und reich' mir Deinen Arm, dass ich ihn verbinde!"

"Aber Herr!" Sigenot wurde rot wie ein Mädchen. "Die paar Kratzer und riss', die spür' ich ja nicht!"

"Ich bitte Dich, dulde meine Hilfe!"

Da ließ sich der Fischer nieder, streckte den Arm hin und lächelte. Nach einer Weile sagte er: "Du hast eine linde Hand ... die müsst' auch gut sein und gar arg nicht drücken als Herrenhand."

Eberwein blickte auf. "Wie meinst Du diese Worte?"

"Grad herausgesagt ... ich bin gekommen, weil ich Dich hab' fragen müssen: Mit welchem Recht seid ihr in unser Tal gekommen? Seid ihr die Herren im Gadem oder nicht?"

"Zuerst Deine Wunde und dann Deine Frage!", erwiderte Eberwein ruhig und wand das weiße Linnen um Sigenots Arm.

Da kam Bruder Wampo von der Quelle, die gefüllte Kanne schleppend. Schon von weitem gewahrte er den Gast, und als er näher kam und den Fischer erkannte, schoss eine helle Freudenröte in sein rundes Gesicht. In der Vorahnung all des Guten, das dieser Besuch ihm zu verheißen schien, schnalzte er mit der Zunge und spitzte die Lippen. Gern wäre er geraden Wegs auf den Fischer zugeeilt, doch er sah, dass Pater Eberwein sich an Sigenots Seite niederließ und zu reden begann. Da wagte er die Zwiesprach nicht zu stören. Er ging zur Feuerstätte, um sein heißes Werk zu beginnen. Doch immer wieder schielte er hinüber zu den beiden und spähte nach allen Seiten, ob er die Angelrute nicht zu entdecken vermöchte: Denn wo die Angel war, da konnte das Lägel nicht weit sein. Eine geraume Weile verstrich, und immer noch redeten die beiden. Über der Lichtung erlosch der Sonnenglanz, und die Schatten des Abends webten ihren dunklen Teppich auf allem Grund. Nur die Zinnen der Berge leuchteten noch in rotem Gold. Endlich erhob sich der Fischer. Sein Antlitz brannte in Erregung, und seine Augen glänzten.

"Und das alles, Herr, das alles darf ich den Gademleuten sagen im Thing, auf Treu und Glauben?"

"Ja, Sigenot! Und was ich versprach, das will ich halten. Ich gelob' es mit Herrenwort in Deine freie Hand."

Ihre Hände fassten sich, und der Fischer sagte: "Dir glaub' ich ohne Zeugen und Siegel. Deine Augen sind wie das lichte Wasser ... ich schau' hinunter und seh': Dein Wort ist Eisen. Wenn bei Dir die Treu nicht ist, dann ist sie bei keinem mehr. Ich bin der Deinig' auf biegen und brechen. Wenn Thing gehaltne ist, so komm' ich."

"Eines noch sage mir! Du hast für die Leute im Tal geredet wie ein rechter Mann. Ich habe gehört, was sie hoffen und wünschen ... warum verschwiegst Du, was sie leiden und fürchten? Man hat mir Übles berichtet von Wazemann und seinem Haus."

Ein Schatten legte sich über Sigenots Gesicht, und leise, mit bebender Stimme, sagte er: "Ich bin zu einer Frag' gekommen, zu keinem Gericht und will nicht Kläger sein. Auch steht mir das Reden nicht zu, eh' nicht das Thing gesprochen hat."

"Ich sehe, Du willst nicht Antwort geben, und ich frage nicht weiter. Doch ein Zweites noch! Für all die andern hast Du Worte gefunden, nur nicht für Dich. Hast Du allein nichts zu begehren für Dein Haus und Recht?"

Der Fischer schüttelte den Kopf. "Davon ein andermal, Herr! Es muss nicht alles auf einmal sein."

Eberwein legte die Hand auf Sigenots Arm. "Sei nicht verschlossen! Als Du kamst, sah ich Kummer in Deinen Augen und Gram auf Deinen Zügen. Ich bin Dir Freund geworden in dieser Stunde ... willst Du mir Dein Herz nicht öffnen?"

Schwer atmend starrte Sigenot vor sich nieder und schwieg. Da klang am Waldsaum das Krachen eines stürzenden Baumes und ein Jauchzer, dann die hallende Stimme Schweikers: "Feierabend, ihr guten Gottesknecht'!"

Mit verlorenem Blick schaute der Fische rauf und strich mit der Hand über die Stirn.

"Sprich, Sigenot! Zeige mir Deinen Kummer! Vielleicht kann ich Dir helfen!"

"Helfen? Ich mein', es hilft mir wohl der eigene Arm noch. Wenn der zu schwach ist, Herr, dann wirst auch Du mir nimmer helfen ... oder es müssten zu Dir schon morgen hundert stehen."

"Zu mir steht einer nur! Doch dieser eine, Siegenot ist stärker als tausend Männer in Wehr und Eisen. Blick auf zu ihm!" Und den Arm um die Schultern des Fischers legend, deutete Eberwein auf das heilige Bild.

"Der?", glitt es scheu und leise von Sigenots Lippen.

Mit schwebenden Klängen tönte die Glocke, welche Schweiker zog. Aus dem Wald und von den Bergen kam der Widerhall, als fände die rufende Stimme freudige Antwort auf allen Seiten. In sanften Klang verwandelt war alle Stille des Abends, die Lüfte tönten, die Felsen hallten, jeder Baum des Waldes schien zu klingen, und die Vögel, deren Lied schon geschwiegen, erhoben wieder ihren Schlag und ihr Gezwitscher. Eberwein beugte zum ersten Mal das Knie vor dem Bild, das seine eigenen Hände geschaffen, und betete mit lauter Stimme: "Wieder schwindet ein Tag, o Herr, den Du gegeben. Lass mich danken für alles Gute, das Deine Liebe mir bietet in jeder fließen den Stunde. Ob auch die Nacht sich senkt über mich, ich fürchte nichts Böses, denn Du bist bei mir, und Deine Hände decken den Bedrängten, der redlichen Herzens ist. Gegen den Guten bist Du gut, gegen den Treuen bist Du treu, er findet Hilfe bei Dir in aller Not, und gleich einem Schild umgibt ihn Dein Wohlgefallen."

An Eberweins Seite war Sigenot niedergesunken, in feuchtem Schimmer hingen seine Augen an dem stillen Bild, und die zitternden Hände auf die Brust gedrückt, stammelte er das einzige Gebet, das seine Lippen kannten: "Mein guter Herr, Du mein Gott!" Als die Glocke schwieg, erhob er sich und ging wie ein Träumender davon. Bruder Wampo, der neben dem Feuer kniend sein Gebet gesprochen, bekreuzte sich, sprang hurtig auf und winkte dem Fischer mit beiden Armen. Doch Sigenot hatte kein Auge für ihn. "Fischer, he, Fischer! Guter Freund!", rief der Bruder halblaut durch die gehöhlten Hände. Doch Sigenot hörte nicht. Bekümmert schüttelte Bruder Wampo das runde Köpflein, stemmte die Arme auf, und während er dem Fischer nachblickte, der im dunkelnden Wald verschwand, murmelte er trübselig vor sich hin: "Eine schieche Gegend! Und schieche Leut'! Auf den Fischer hätt' ich noch ein Zutrauen gehabt ... jetzt will der auch nichts von uns wissen!"

Im Wald, durch dessen Gezweig nur noch ein spärlicher Schein des erlöschenden Tages schimmerte, folgte Sigenot dem gleichen Pfad, auf dem er gekommen war. Lautlos schritt er dahin, der weiche Moosgrund dämpfte seine Schritte. Da hörte er Eisen klirren, und hinter dichten Büschen klang eine halblaute Stimme: "Wir harren umsonst, er kommt nicht."

"Hab' ich's nicht gleich gesagt?", erwiderte eine andere Stimme. "Er wird im Tal den Heimweg suchen."

"Den wollen wir ihm verlegen."

Sigenot hörte das Brechen von Ästen und dumpfen Hufschlag. Dann war wieder Stille im Wald. Nur in der Ferne klang der wimmernde Schrei eines Nachtvogels.

"Es rufen die Unholden," murmelte Sigenot, "und zählen meine Tag'." Tief atmend blickte er zurück nach der Lichtung, die er verlassen hatte. Dann zog er das Schwert, und den blanken Stahl in der Faust, folgte er seinem dunkeln Weg. Immer rascher wurde sein Schritt. Als er seinem Heimwesen sich näherte, sank schon die Nacht über See und Lände. Jähe Sorge befiel ihn, da er das Hagtor offen sah. "Wicho!", stammelte er. Doch still und friedlich blickte ihm das Haus entgegen, und freundlicher Herdschein leuchtete aus Tür und Fenstern. Da schüttelte er die Sorgen von sich ab und stieg über den Hügel empor. Das Haupt entblößend, trat er in die Halle. "Mutter, ich bring' die gute Zeit!"

Ein schrilles Lachen war Mutter Mahtilts Antwort. Aus dem Lehnstuhl streckte sie die Arme nach ihrem Sohn, und der flackernde Schein des Herdfeuers erleuchtete ihre bleichen, von Angst und Jammer verzerrten Züge.

"Mutter!", schrie Sigenot erblassend, und seine verstörten Blicke irrten durch die Halle. "Wo ist die Schwester?"

Mutter Mahtilt deutete mit den Armen. Sigenot stand wie erstarrt. "Den ich suchen gegangen ... wo ist er denn?", stöhnte er mit erstickten Worten. "Derweil ich gebetet hab' und gekniet vor ihm ... wo war denn seien Treu, wo war denn seine Hilf'?" Mit zuckender Hand griff er nach seiner Waffe. "Mein Eisen!", schrie er in die Nacht hinaus.

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