Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 19

Kapitel 12

Fleißig hatte seit dem frühen Morgen im Wald beim Lokistein der Schlag der Beile geklungen. Neue Bäume lagen gefällt, und über dem Grundriss, welchen Eberwein gezogen, erhoben sich schon, vier Stämme hoch mit doppelt gelegten Balken, die Mauern der Klause und des Kirchleins. Vor dem einen der Zelte lag, mit dem weißen Holz in der Sonne schimmernd, das seiner Vollendung näher gerückte Kreuzbild. Die grobe Arbeit des Meißels war getan, und das sachtere Werk des Messers hatte begonnen.

Nun ruhten alle Hände, denn die Mittagsglocke hatte geläutet. Die Knechte hatten sich beim Feuer gelagert, und um den aus Stangen gefügten Tisch saßen Eberwein, Waldram und Schweiker. Das Gebet war gesprochen, und Bruder Wampo kam mit der dampfenden Schüssel. Eberwein furchte die Brauen, als er die Speise sah. "Bruder! Du bist meinem Wort entgegen nach Milch gegangen?"

"Nein, lieber Herr, die Milch ist zu mir gekommen!", schmunzelte Wampo. "Heut vor Tag, wie ich aufgestanden bin, um Feuer zu schüren, bin ich vor dem Zelt schier darüber gestolpert ... und neben dem Kännlein ist ein Roggenbrod gelegen mit süßen Käslein und ein Butterwecken, gar säuberlich eingewickelt in grüne Blätter.

"Weißt Du, wer die Gabe gespendet hat?"

"Ich mein' wohl, ich kann mir's denken! Aber wer weiß, vielleicht irr' ich mich..." Wampo zwinkerte mit den Augen und blickte auf Schweiker, welcher rot wurde bis unter die Haarwurzeln. "Vielleicht war es gar kein Menschenkind, sondern ein Engelein mit Himmelsbrod und mit köstlicher Milch aus dem gelobten Land, in welchem ja auch noch Honig fließt. Der war aber nicht dabei!

"Widerlicher Schwätzer!", schalt Pater Waldram mit finsterem Blick. "Halte Deine Lippe geschlossen, wenn Du sie nicht öffnen kannst, ohne Heiliges zu verletzen mit sündhafter Rede!"

"Ich hab' ja nur gescherzt, Herr!", stotterte der erschrockene Bruder.

"Scherze beim Feuer mit den Knechten, aber nicht vor meinem Ohr, dem Deine Rede ein Gräuel ist!"

Wampo wollte erwidern, doch Eberwein winkte ihm mit den Augen, zu schweigen.

Als das Mahl genommen und das Gebet gesprochen war, ging Schweiker mit der Axt zum Wald, und Bruder Wampo räumte den Tisch ab. Auf dem Arm die hölzernen Geschirre tragend, schlich er davon, mit verdrossenem Gesicht und hängender Lippe. Waldram wollte sich erheben, da sagte Eberwein: "Ich habe vor dem Ohr der Brüder Deiner zürnenden Rede nicht widersprochen. Jetzt aber, da wir allein sind, höre meine Mahnung: sei duldsamer, Waldram!"

Dunkle Röte färbte die Stirn des Paters. "Willst Du mir wehren, dass ich Worte schweigen mache, die mein Ohr beleidigen und mein heiligstes Empfinden?"

"Ich meine nur, Du solltest die Rede der dienenden Brüder nicht messen an Deinem eigenen Gefühl. Irdische Sorge füllt ihren Tag, sie haben schwer zu schaffen vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht. Hüte Dich, durch Überstrenge die Unlust in ihren Gemütern zu wecken! Du kannst ihren Mut zu Boden drücken mit einem einzigen unbedachten Wort ... doch kannst Du ihren verzagenden Herzen nicht auch die Schwingen des Geistes leihen, welche Dich, wenn Dir die Knie brechen, empor tragen über den Staub, in den Du niedersinkst."

"Die Schwingen des Geistes!" Waldram richtete sich auf. "Von allen Worten, die Du sprachst, hat dieses eine nur den Weg zu meinem Ohr gefunden. Elend und gebrechlich ist mein Leib, zitternd nur umschließen meine Finger den Griff der Axt, doch Kraft und Gewalt hat Gottes Wort auf meiner Zunge, und wie ein Adler mit rauschenden Flügeln hebt sich mein Geist hinaus über allen Staub der Erde und strebt den Höhen des Himmels zu, seine Heimat suchend vor Gottes Thron und zu der Heiligen Füßen." Waldrams Lippen bebten, und mit zorniger Schärfe klang seine Stimme. "Wahr und ganz erkennst Du wohl meine Art, nicht verborgen ist Dir meine Kraft, mein Eifer im Dienste Gottes. Und so sage ich Dir: Übel dienst du unserer heiligen Sache, da Du mich zwingst, das Beil zu schwingen und das niedere Werk der Knechte zu teilen."

Eberwein erhob sich und sagte ruhigen Wortes: "Ich zwinge Dich nicht zur Arbeit am bau der Klause. Bist Du müde, so raste!"

"Ich will nicht rasten. Nur weiß ich mir bessere Arbeit als jene, zu welcher Du Dich berufen fühlst. Forme Du das tote Holz zu dem Bild, dessen Du bedarfst für Deine Sinne! Baue Du, schichte die Mauer, wähle die Blaken und prüfe ihren Halt ... Du scheinst ja kaum die Stunde erwarten zu können, welche Dir die Ruhe bringt unter sicherem Dach. Ich aber will nicht rasten Bei Tag, nicht schlummern bei Nacht ... hinaus will ich ziehen in die Wildnis dieser Täler, den Weg will ich suchen zu jeder Hütte und mit dem Kreuz in der Hand will ich schlagen an jede Tür, will in heiligem Zorn die Säumigen und Verstockten rufen, welche die Glocke nicht hören und nicht kommen wollen und knien vor ihrem Gott! Ihre Herzen sollen zittern, und ich will sie lehren..."

"Zu fürchten, wo sie lieben sollen?" Tiefer Ernst lag auf Eberweins Zügen, als er raschen Schrittes auf Waldram zutrat. "Deine schmähenden Worte wider mich ... ich habe sie nicht gehört, sie sind vergeben. Aber nicht stören sollst Du mir das Werk der Liebe, zu welchem Gott mich ausgesendet. Siehe, dorthin führt der Weg ins Tal, und vor diesen Weg strecke ich meine wehrende Hand, dieselbe Hand, in welche Du bei der Ausfahrt aus dem Kloster die Deine legtest zum Zeichen des Gehorsams!"

Waldram erbleichte, neigte das Haupt und wandte sich wortlos ab. Doch Eberwein fasste seine Hand. "Ich musste Dich mahnen an Dein Gelöbnis, Du selbst hast mich gezwungen. Ich tat es ungern, Waldram. Und nun bitte ich Dich, höre mich an in Ruhe! Ich selbst hab' es mit Kummer gewahrt, dass unsere Glocke nicht einen rief, dass ihr freundlicher Ton verklang, ohne Widerhall zu finden auch nur in einem Herzen. Aber ich will geduldig sein und warten, um so geduldiger, da ich erfahren muss, dass Misstrauen, Furcht und Widerstand uns begegnen auf allen Wegen. Darin suche die Ursache der Hast, mit der ich den Bau unseres heiligen Hauses betreibe! Ich kenne das Volk der Berge ... bin ich doch selbst aus ihm hervor gewachsen ... und ich rechne mit dem Fühlen und Denken dieser Menschen. Der Fremde erweckt ihre Scheu, unansehnlich ist ihren Augen der Obdachlose. Bevor ich ihre Herdstätten suche, will ich heimisch werden auf ihrer Scholle. Unser Kirchlein will ich ihnen zeigen können, damit ich ihnen sage: Seht, ich hause in Eurer Mitte, Euch allen ein Bruder, und das Dach, unter dem ich herberge, ist Gottes Dach und ruft Euch alle in seinen Schutz! Nicht für meine Sinne, Waldram, forme ich jenes heilige Bild, ich sehe Gott, wohin ich blicke. Aber das Auge dieser Menschen hat irdischen Blick. Ihnen will ich dieses heilige Bildnis zeigen können, damit ich ihnen sage: Schaut auf zu ihm, den dieses Bildnis meint, schauet auf zu ihm, der aus Liebe zu den Menschen starb in Marter und Schmerz ... seht die Wunden, aus denen sein Blut geflossen, jeder Tropfen wie befruchtender Tau auf das Lebens dürre Not! Meinst Du nicht, Waldram, diese Menschen, die unter harter Faust geschmachtet, unter Gräueln und herzlosem Druck ... diese Menschen, welche in zähem Kampf ringen wider eine feindliche Natur ... meinst Du nicht, sie werden das Wort der Liebe williger hören als einen Ruf, der sie zittern und zagen macht? Meinst Du nicht auch?"

Ein kaltes Lächeln glitt über Waldrams bleiche Lippen. "Ich gehorche ... und meine, was Du meinst!"

Eberweins Brauen furchten sich. Aber rasch, wie ein gleitender Wolkenschatten, schwand dieses Zeichen des Unmuts von seiner Stirn, und herzlich klang seine Stimme: "Blick um Dich her, Waldram! Sieh nur, still und freundlich grünt der Wald, sanft tönt aus dem Tal herauf das Rauschen der Gewässer, und sonnig blicken die Berge auf uns nieder. Mahnt nicht der Wille des Himmels aus diesem friedlichen Bild? Sturm und zerstörende Wetter tobten über diesem Tal bei unserem Eintritt ... nun aber, da wir bauen an Gottes Haus, ist Frieden eingekehrt, und sonnige Ruhe lächelt."

"Sehr zur Unzeit gedenkst Du jener Nacht, in welcher uns Gottes Zorn mit fallendem Feuer den Weg gewiesen. Zeichen geschehen ... Du aber stehst blinden Auges und tauben Ohrs. Denke an gestern! Grünte nicht still der Wald? Blickten nicht sonnig die Berge? Und dennoch ging es wie rollender Donner durch die Lüfte. Gib acht, dass nicht der Tag Dich überrascht, an welchem Gott mit einem Zucken seiner Lider die Schleusen des Himmels löst, dass die Bäche zu Strömen schwellen und die Verstockten nieder schlingen - an welchem Gottes Augenwink die Lawinen stürzt, damit sie jeden Feuerherd begraben, an dem sich der Aberglaube und die Sünde wärmt..."

"Waldram! Erschrickst Du nicht selbst vor den furchtbaren Bildern, die Du beschwörst! Sage mir doch, wie verträgt sich die ewige Vernichtung, die Du predigst, mit Deinem Glauben an Gott? Ist Gott nicht auch der Schöpfer, der Allerhalter, der Unendliche in seiner Liebe? Ja, Waldram, auch ich hörte jene dunkle Stimme, die Du ein Zeichen nennst. Ich aber deute sie anders, denn nicht aus den Lüften kam sie! Aus der Erde! Und ich sollte zittern, weil sich Staub bewegt? Auf offener Straße treibt ihn jeder leichte Wind ... tief unter der Scholle, über welche der Menschen Fuß dahin schreitet, bewegen ihn die finsteren Mächte, die dem Leben feindlich sind. Gottes Weisheit hat ihnen Gewalt gegeben über alles Irdische, denn seinem Willen nur sollten sie dienen, wenn sie Zerstörung säen und Furcht jagen in die Herzen schwacher Menschen. Aus aller Furcht der Tiefe geht ein Schrei der Seelen zur Höhe, mit dürstender Sehnsucht müssen sie suchen nach Hilfe in aller Not, suchen nach einem ewig Festen über allem Stürzenden, nach einem ewig Bleibenden über allem Wandel. Diese Sehnsucht der Hilflosen hat die falschen Götter geboren und ihnen Altäre erbaut. Doch Gott in seiner Milde erbarmte sich der Irrenden und sandte seinen göttlichen Sohn auf die Erde. Ein Werk der Liebe war es, welches der gute Hirte in Schmerzen vollbrachte. Und wir, die wir seine Jünger sind, sollten den Zorn und die Rache predigen?"

"Wie Honig fließt Dir die Rede von den Lippen, und mit Blumen möchtest Du den Weg bestreuen, den Du gehst. Siehe zu, wohin er Dich führen wird!"

"Zum Guten! Schwer und schmerzend fallen die Schläge des Lebens auf die gebeugten Rücken der Menschen. Und härter noch, als draußen auf ebenem Land, dessen gesegnete Scholle der Bauer pflügt, trägt sich das Leben in den Bergen. Da führt ein jeder Schritt vorüber an Gefahr und Verderben, und tiefer noch, als anderwärts, gräbt sich die Angst vor dem Ungewissen in die Seelen dieser Menschen; umso zäher klammern sie sich an die starren Bilder, von denen ihre Urväter die Hilfe in der Not erhofften, und hängen noch mit halben Herzen am Aberglauben, ob auch die Taufe schon ihre Stirnen netzte. Doch nicht die Liebe knüpft sie an den alten Wahn, nur die Furcht, jene dunklen Mächte zu erzürnen, welche morden und vernichten, wenn ihr Atem weht. Und da willst Du ihnen Furcht bieten wider Furcht? Nein, Waldram! Wandle ihre Furcht zu hoffender Liebe! Aber das mag Dir nicht gelingen mit einem hallenden Wort, mit einem Schlag an ihre Türen. Wir wollen geduldig warten, bis sie kommen und nach Hilfe rufen in ihres Lebens Not! Dann wollen wir die Hände rühren, rastlos und in Gottestreue, und wollen ihre Mühsal lindern, indem wir sie teilen! Und wenn sie fragen: Wer hat Euch das gelehrt? ... dann, Waldram, ist die Zeit des Wortes gekommen, und wir wollen sagen: Das lehrte uns der Eine über den Wolken, der die Liebe ist!"

Waldrams Augen funkelten, und seine Stimme bebte. "Schweigend habe ich Dich angehört und widerspreche nicht. Doch hättest Du so geredet vor der Ausfahrt im Konvent der Brüder ... nie und nimmer hätten sie das heilige Werk in Deine Hand gelegt!"

"Waldram!"

"Sie hätten einen Streiter berufen, dessen flammender Eifer Gottes Werk gefördert hätte in stürmischen Schritt. Der nicht gerechnet hätte, nicht gewogen und bedacht, nur gekämpft wider Gottes Feinde, mit flammender Freude und in der heißen Sehnsucht, dass ihm der Wille des Himmels das Los der Heiligen bescheiden möchte, die rote Palme der Märtyrer!" Waldram hob die hageren Arme, und wie in Fieberröte brannten seien Wangen. "Lass kommen, o Herr, den seligen Tag, an dem ich meines Glaubens Treue besiegeln darf mit meinem Blut!"

Eberwein atmete tief, und seine Augen suchten den Himmel. "Und mich, o Herr, lass leben, dass ich Deinem Werk diene!" Er wandte sich ab; vor dem halb vollendeten Kreuzbild ließ er sich nieder und hob das Messer von der Erde. Kaum hatte er in das weiße Holz den ersten Schnitt getan, da fühlte er Waldrams ungestüme Hand an seiner Schulter. Er blickte auf.

"Du siehst, ich beginne die Arbeit!"

"Ich aber habe noch zu rechten mit Dir. Den Mönch und Priester hast Du gemahnt an seinen Gehorsam, und wider meine bessere Einsicht muss ich schweigen und Dich die Straße gehen lassen, die Du gewählt. Nun aber höre den Bruder Deines Ordens, der gleiche Stimme mit Dir hat im weltlichen Rat!"

Eberwein legte die Hand mit dem Messer in den Schoß. "Sprich!"

"So säumig wie dem Himmel, so säumig dienst Du auch der Macht unseres Heiligen. Nicht als Knechte sind wir gekommen in dieses Land, als die Herren! Zwei Tage und zwei Nächte weilen wir in unserem Land, wo aber bleibt der Richtmann, wo bleiben die Schöffen? Weshalb erscheinen sie nicht vor uns in Ehrfurcht und zu schuldigem Gruß? Als ein Knecht unseres Heiligen sitzt ein Spisar im Gadem. Weshalb säumt er, vor uns zu treten, um seines Amtes Bestallung zu empfangen?"

Eberwein zögerte mit der Antwort, und fragend ruhte sein Blick auf Waldrams Antlitz, als verstünde er die bebende Erregung nicht, welche zitterte und zuckte in diesen bleichen Zügen. "Richtmann und Schöffen? Nach ihnen verlang' ich nicht. Sie werden wohl kommen zu ihrer Zeit, und es mag wohl sein, dass sie noch nicht wissen um unsere Ankunft." Eberweins Stirne furchte sich. "Dem Spisar dieses Landes aber hatte ich den ersten meiner Wege zugedacht. Und dennoch, wider mein eigenes Gefühlt, besann ich mich anders. Ich musste mir sagen, dass ich hier stünde an unseres Heiligen Statt, als Herr ... Herr gegenüber diesem einzigen Mann meines Landes. Vor der Schwelle unserer Klause soll Herr Waze erscheinen, er vor uns. Und kommen wird er, denn er weiß, dass wir im Land sind. Ich habe ihm Botschaft sagen lassen durch den Mund seiner übermütigen Tochter."

"Seine Tochter!" Wie heiseres Lachen klangen die beiden Worte von Waldrams Lippen. "Seien Tochter! Sie! Sie! Und andere Rede weißt Du nicht? Und keinen anderen Boten sandest Du als sie? Und nun hoffst Du wohl, sie möchte auch Botschaft bringen von ihrem Vater! Und kommen! Zu Dir!"

Eine leichte Röte glitt über Eberweins Wangen. "Waldram! Ich fasse Deine Worte nicht...."

Ich aber sehe die verräterische Glut auf Deinem Antlitz. Und alles versteh' ich nun, alles, alles! Standest Du doch in jener Stunde vor ihr wie versteinert, mit starrendem Aug' jeden Reiz ihrer teuflischen Schönheit verschlingend, bezaubert von der Höllenglut ihres Blickes, umstrickt von den roten Schlangen ihres Haars!" Schrillendes Lachen unterbrach den keuchenden Klang dieser Worte. "Alles, alles versteh' ich nun: Dein Zögern und Deine Langmut, Deine gewandelten Entschlüsse und dieses eine Wort, das immer und immer von Deinen Lippen schreit: Liebe, Liebe, Liebe."

Erbleichend war Eberwein aufgesprungen. Schwer hob sich seine Brust, doch seine Lippen blieben geschlossen. Mit tiefernstem Blick nur hafteten seien Augen an Waldrams verzerrtem Gesicht. Dann wandte er sich ab, um seine Arbeit wieder zu beginnen.

"Du sollst mir Rede stehen!", keuchte Waldram, fasste Eberweins Arm und schüttelte ihn so wild und zornig, dass das Messer der Hand entflog. Im Bogen schwirrte es durch die Luft, und niedersinkend fuhr es mit der Spitze in das Bildnis an der Stelle des Herzens. Da fiel es über Waldram wie lähmender Schreck. Zitternd stand er, mit entsetzten Augen auf die Klinge starrend. Dann jählings brach ein dumpfes Schluchzen aus seiner Brust, er stürzte in die Knie, und mit beiden Armen das Bildnis umschlingend, schlug er die Stirne auf das Holz. Eberwein aber hob ihn empor. "Steh auf, Waldram! Noch ist dieses Holz kein heiliges Bild ... das fallende Messer konnte nicht verletzen, was erst entstehen soll. Mich nur hast Du verwundet in meinem tiefsten Innern. Mag es Dir Gott verzeihen! Ich kann es nicht in dieser Stunde, ich bin ein Mensch und fühle den Schmerz des Stiches."

Ohne die Augen zu erheben, schlug Waldram die Hände vor das Gesicht und wankte ins Zelt.

Tief atmend ließ Eberweins ich nieder, zog das Messer aus dem Holz und tilgte die Spur des Stiches mit raschem Schnitt. Er arbeitete weiter, doch nicht lange; dann musste er innehalten, denn seine Hand zitterte. Er legte den Arm aufs Knie und stützte das Haupt, als hätte tiefe Ermüdung ihn befallen. Aus dem Zelt klang Waldrams betende Stimme und das Klatschen der Geißel. Eberwein hörte nicht. Seine kummervollen Augen blickten ins Leere.

Bruder Wampo kam herbei geschlichen und stand mit scheuem Stottern: "Herr!" Er wartete auf Antwort; doch sie kam nicht. "ich möcht' 'was fragen, Herr!"

Eberwein hob das Gesicht, mit verlorenem Blick. Er sah den Bruder an, als wär's ein Fremder, und fragte: "Was willst Du?" Da hörte er aus dem Zelt die Stimme Waldrams. Immer lauter klang sie und wandelte sich zu jauchzendem Gesang, während klatschend die Schläge der Geißel fielen. Erschrocken sprang Eberwein auf und eilte ins Zelt. Waldram lag auf den Knien, mit entblößtem Rücken, auf welchem die Striemen bluteten. Sein Haupt war in den Nacken gesunken, wie im Fieber glühte sein Gesicht, seine starr zur Höhe gerichteten Augen brannten, und während er mit zuckendem Armschwung die Geißel über die Schulter schlug, jauchzten seine Lippen: "Den Himmel teilt er und fährt herab ... und fährt auf dem Cherub und fliegt und rauscht auf den Flügeln des Windes daher. Es zittert vor ihm die Erde, und die Gründe der Berge beben ..."

"Waldram!", stammelte Eberwein und versuchte die Geißel zu fassen.

"Es strahlt die Helle seines Lichtes, und sichtbar werden die Tiefen des Meeres, enthüllt die Gründe der Welt vor seinem Glanz. Siehe, siehe ... aus der Höhe reicht er den Arm und fasst mich und zieht mich aus tiefem Gewässer ... und rettet ... rettet mich ..." In röchelndem Laut erstickte Waldrams Stimme. Schaum trat ihm vor die Lippen, seine Hände, denen Eberwein die Geißel entrissen hatte, griffen ins Leere, stöhnend sank er zu Boden, und die Sinne schwanden ihm.

Mit bleichem Gesicht, die Hände ineinander schlagend, stand Bruder Wampo unter dem Eingang des Zeltes. "Wasser! Hole Wasser!", rief Eberwein und hob, während der Bruder verschwand, den Bewusstlosen auf das Moosbett.

Wampo kam und brachte Wasser. Scheu und zitternd reichte er die Schüssel. Mit nassem Tuch kühlte Eberwein die Stirn Waldrams. Ein tiefer Seufzer rang sich aus der Brust des Ohnmächtigen, und seine Glieder streckten sich. In der Schwäche kam der Schlummer über ihn. Dem Schlafenden wusch Eberwein den wunden Rücken und träufelte ihm Balsam auf die Striemen, welche die Geißel gerissen. Und während dieses stillen Werkes klangen vom Waldsaum her die krachenden Hiebe der Axt, welche Schweiker führte, und die lang gezogenen Rufe, unter denen die Knechte die schweren Balken hoben.

Als Schweiker einmal innehielt in der Arbeit, um sich den perlenden Schweiß von der Stirn zu wischen, sah er, dass Bruder Wampo auf ihn zugesprungen kam, mit geschürzter Kutte, flink hinweghüfend über das wirr auf der Erde liegende Astwerk.

"Ja was hast denn?", fragte Schweiker, als der Bruder blasend und schnaubend vor ihm stand. "Und wie schaust mich denn an? Hast 'was angestellt? Hast am End' gar das Milchkandl umgeworfen!"

"Wie Du nur so 'was reden kannst!", stotterte Wampo noch atemlos. "Alles zittert an mir! Denk nur, was geschehen ist, denk nur ..."

"Aber so red' doch! Was denn?"

"Pater Waldram ist ein Heiliger 'worden!"

Schweiker riss die blauen Augen auf, und vor Schreck und Staunen fiel ihm das Beil aus den Händen.

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