Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 11

Herr Waze hatte mit Recka und seinen drei jüngsten Söhnen den Abendimbiss eingenommen. Als der Tisch geräumt wurde, ging Recka in ihre Kammer, ohne Wort und Gruß. Der Vater blickte ihr nach. "Was hat sie denn?"

"Was wird sie haben?", lachte Otloh. "Sorgen, wo sie einen Mann hernimmt! Sie kommt in die Jahr'." Er spaltete einen frisch geschnitzten Pfeilschaft, um ihn mit einer Auerhahnschwinge zu fiedern.

"Sie könnt' doch einen haben!", brummte Herr Waze. "Der Pfleger von Hall, den wir auf der letzten Sauhatz an der Grenz' getroffen haben, hat Augen auf sie gemacht, wie der Fuchs auf die Spielhenn'. Ich mein', der nähm' sie vom Fleck."

"Der wird sich hüten!", rief Gerold, welcher hinter dem Lehmofen ausgestreckt auf der Bank lag. "Hast denn nicht gesehen, wie sie ihm mitgespielt hat? Wie er sie küssen hat wollen beim Umtrunk, hat sie ihm die Faust auf die Brust gestoßen, dass er vor ihre einen Fall getan hat ... aber nicht auf die Knie!"

"Ach was! Er hat doch gelacht dazu!", meinte Herr Waze. "Der Haller ist ein Freund von vollblütiger Zucht ... das sieht man seinen Rossen und Hunden an. Wenn er ein Weib kriegen kann wie meine Dirn', so nimmt er schon diemal einen Puff mit in den Kauf. Mitgeben kann ich ihr freilich nichts, dafür haben eure sieben Mäuler gesorgt. Und wenn wir die Kuttenlupfer nicht wieder hinausbringen aus dem Gadem, können wir alle übers Jahr das Maul an den Bindfaden hängen. Wie soll ich da der Dirn' noch 'was mitgeben!"

"Sie hat's in der Faust," sagte Otloh, eine Feder zwischen den Zähnen, "wozu braucht sie noch 'was im Sack zu haben?"

"Hast recht!", lachte Herr Watze und streckte die Arme mit geballten Fäusten. "Die Rass' ... die Rass' an ihr, die schlag' ich auf zwei feste Burgen an."

Gerold kicherte hinter dem Ofen. "Ich mein', dem Haller möcht' die Leiter ausrutschen, wenn er die Burgen nehmen wollt'."

Da lachten sei alle, sogar Eilbert, der die ganze Zeit über schweigend an einem der Fenster gestanden war, über den vom Mondlicht umfluteten Falkenstein hinunterspähend nach dem Fischerhaus. Jetzt rief ihn der Vater an. "Was stehst denn allweil? Bring das Brett!" Er putzte die rauchenden Räuber von den Kerzen, setzte sich an den Tisch und füllte die geleerte Bitsche aus einem mächtigen Zinnkrug.

Mit verdrossenem Gesicht brachte Eilbert das Spielbrett und die Steine. "Was soll das Spiel gelten?", fragte er, sich setzend.

"Ich will Dir nichts abgewinnen," brummte Herr Waze und begann die Steine zu stellen.

"Aber ich Dir! Um gute Wort' spiel' ich nicht, da leg' ich mich lieber schlafen." Er stand wieder auf.

"Wirst bleiben oder nicht!", schrie der Alte mit dunkelrotem Gesicht und schmetterte die Faust auf den Tisch.

Eilberts Augen funkelten. "Willst wieder zuschlagen? Da musst schon warten, bis ich wider eine Fahlgeiß Heim bring'."

"So redst Du mit Deinem Vater? Dir will ich!" Herr Watze stürzte auf seinen Buben zu. Aber Gerold und Otloh sprangen auf und warfen sich zwischen die beiden.

Aus dem Hof herauf klang Stimmenlärm und Pferdegetrappel. "Die Buben kommen!", rief Herr Waze, und jählings allen Zorn und Streit vergessend, eilte er in die Vorhalle.

Henning, Sindel, Rimiger und Hartwig stiegen von den Rossen. Sie kamen über die Freitreppe empor, auf welcher das helle Licht des Mondes lag, und da standen sie nun in der Halle beisammen, Herr Waze und all seien Buben. Henning erzählte. Keinen Schritt und keine Beilhieb hatten die Klosterleute getan, von welchem die vier Späher nicht zu berichten wussten.

"Und wie haben sich die Leut' dazu gestellt?"

"Vier hab' ich heimgeschickt," lachte Rimiger, "und mein', das Wiederkommen wird ihnen verleidet sein."

"Mir ist der Eigel in die Hände gelaufen," sagte Sindel.

"Mir auch!", fiel Hartwig ein. "Aus der Strub sind die Leut' heraufgestiegen, von der Aschau sind sie herüber gekommen, und gefragt haben sie mich auch noch, wo denn das Glöckl geläutet hätt'. Aber ich hab' ihnen Füß' gemacht!"

"Ich hab' dem Greinwalder Schmierfink eins über das Fell gestrichen. Was ich sonst noch getan hab', das wird sich weisen ... ich mein', der Tag bringt's auf." Lachend trat er in die Stube. Da stand seine Schwester Recka vor ihm und warf ihm die beiden Teile eines zerknickten Pfeilschaftes vor die Füße.

"Schwester! Was soll das?"

Hinter Henning erschien Herr Waze in der Tür.

"Wenn Dein Aug' die Pfeilbahn nicht messen kann," sagte Recka mit kaltem Ton, "so schieß' ein andermal mit Hennenfedern. Die fliegen nicht weiter, als Du sehen kannst!"

Henning starrte die Schwester an, dann hob er den entzwei gebrochenen Schaft von der Erde. Seien Augen erweiterten sich - er erkannte seinen Pfeil.

"Soll ich bald wissen, was das bedeutet!", schrie Herr Waze.

"Unter dem Lokistein, im Wald, hat er den Pfeil geworfen ... ich weiß nicht, auf was. Aber gefehlt hat er, und der Pfeil ist hinunter geflogen gegen die Ache, dem Fischer am Hals vorbei. Er hat ihn aus dem Wasser geholt, und zum Gespött hat er ihn heimgetragen auf der Kappe." Es zuckte um Reckas Lippen, sie wandte sich ab und verließ die Stube.

Herr Waze lachte. "Das hätt' ich mir denken können! Wo Du hin greifst mit Deinen zwei linken Händen, da kommt allweil eine Dummheit heraus!" Er trat auf Henning zu und dämpfte die Stimme. "Was hast denn gemacht?"

"Er hat geangelt und hätt' mir nicht besser sehen können. Ich hab' gemeint, der Schuss wirft ihn ins Wasser ... es war eine reißende Stell', das Wasser hätt' ihn fort getragen ... und mir ist nach dem Schuss noch gewesen, als hätt' ich ihn fallen sehen."

"Und da hast Du Reißaus genommen, Du feiner Held? Und derweil ist der Fischer ins Wasser gesprungen und hat den Pfeil gefischt! Schäm' Dich, Henning! Fehlen! Aber ich weiß schon ... auf den Fischer hast gezielt, und seine Schwester hast im Aug' gehabt, an die Du Dich nicht antraust, so lange der Bruder lebt!"

"Gib mir vier Leut', Vater," sagte Henning mit bleichen Lippen, "ich heb' ihn aus in der Nacht!"

"Fällt mir ein! Damit morgen ein Geschrei wär' im ganzen Gadem, und die Kuttenlupfer gleich eine Ursach' hätten, die Herren herauszudrehen und sich ins Mittel zu legen? Es geht nimmer auf geradem Weg, wir müssen Umweg machen. Soll's geschehen, so muss es sein in der Still'. Pass ihn ab, wenn er über die Seewänd' hinsteigt und die Legangeln..."

Hennings Brüder traten in die Stube, und Herr Waze verstummte. "Warum redest nicht weiter?", flüsterte Henning. "Die andern dürfen doch wissen..."

Herr Waze schüttelte den Kopf. "Viele Hund' stellen das Wild, aber viele Treiber verschreien die Jagd. Die Hund' wider den da drunten musst da drin haben." Er stieß mit der Faust an Hennings Stirn. "Du hast den Bären scheu gemacht ... jetzt plag' Dich auch und spür' ihm die neuen Wechsel ab, die er suchen wird. Und noch eins! Lass die Dirn' auf ihrer Meinung, als wär's ein Zufall gewesen. Sie soll nicht wissen, was vorgeht." Über Wazes Lippen zuckte ein irres Lächeln, und sein Gesicht wurde düster. "Sie hat manchmal einen Blick, der mich an ihre Mutter mahnt ... und es geht mir in die Gedärm', wenn sie mich anschaut mit solchen Augen."

Die alte Ulla trat in die Stube und deckte für die Nachzügler den Tisch. Die Krüge wurden gefüllt und auf den Lichtreif neue Kerzen gesteckt. Lärm und Gelächter füllte die Stube, während draußen die stille Mondnacht ihren schimmernden Zauber wob. Ein zitterndes Leuchten lag über dem See, den der laue Windhauch der Sommernacht mit winzigen Wellen überkräuselte. Manchmal ließ sich das Quaken einer Wildente hören, und im Schilf um den Bidlieger raschelte es zuweilen, und plätscherte das Wasser. Eine fischende Otter stieg ein und aus - "Der Bid geht um," hatte Rötli gesagt.

Stille Stunden vergingen, und Mitternacht war nahe. Da knirschten Tritte im Sand der Lände, und ein Wanderer mit weit ausholendem Stab überschritt den freien Platz. Eigel war es, der als Thingbot zu den Almen stieg. Auf rauen Pfaden wanderte er, dem Falkenstein und Wazemanns Haus gegenüber, den steilen Hang der Seeberge empor. Mit spärlichen Lichtern fiel der Mondschein durch die Bäume auf seinen Weg.

Es wollte die Nacht sich schon zum Morgen neigen, als Eigel auf der abgeplatteten Höhe des Berges die erste der Almen erreichte. An drei Hütten schritt der Kohlmann vorüber. Aus dem schwarzen Schatten eines vorspringenden Daches sprang eine dunkle Gestalt hervor und verschwand im nahen Gebüsch - ein Bub, der am Fensterlein der Hütte gehangen. Eigel lächelte: "Auf den Alben sind sie dem Tod feind, da sorgen sie fleißig fürs Leben."

Über eine weite Halde führte der Weg zur nächsten Hütte, darin die beiden Sennen hausten, welche Sigenot, dem Fischer, hörig waren. Kühe lagen im Gras umher und drehten die Köpfe nach dem einsamen Wanderer. Mitten im Almfeld brannte ein loderndes Feuer, das vom Almenwächter die ganze Nacht hindurch geschürt wurde, um die streifenden Raubtier zu verscheuchen.

Die Sterne begannen zu erlöschen, und eine fahle Helle schlich über die östlichen Bergzinnen empor, als Eigel sich der letzten von allen Hütten näherte. Ein rötlicher Feuerschein leuchtete aus der kleinen Fensterlucke.

"Schau, das sind fleißige Leut'!", murmelte der Kohlmann. "Die warten nicht, bis der Tag wecken kommt!" Er beschleunigte seinen Schritt, und bald hörte er aus der Hütte den lauten Klang zweier Stimmen. Aber das war nicht die ruhige Zwiesprach, wie man sie halten mag vor Beginn des Tagwerks, das klang wie Zank und Streit. Je näher Eigel kam, desto deutlicher unterschied er eine kreischende Weiberstimme und die raue Kehle eines Mannes, er hörte Schimpfworte, ausgestoßen in keifendem Zorn, er hörte das Rasseln fallender Holzgeschirre und ein Klatschen, als gäb' es Hiebe. Eigel begann zu laufen, doch als er über den letzten Hang empor eilte zur Hütte, tat die Tür sich auf. "Schlagen willst? Schlagen? Wart, das vertreib' ich Dir!", klang die kreischende Weiberstimme, und über die vom Herdfeuer rot erleuchtete Schwelle kam ein schwarzer Klumpen herausgeflogen in die graue Dämmerung der Morgens. Die Tür wurde zugeschlagen, und der Riegel knarrte, während Eigel den an die Luft Gesetzten mit beiden Armen auffing.

"Zeit lassen, Kaganhart, Zeit lassen!", reif der Kohlmann lachend. "Das ist leib von Dir, dass Du mir entgegenkommst! Aber gar so tummeln brauchst Dich nicht!"

Keuchend richtete der Bauer sich auf, hob die Fäuste und schrie gegen die Hütte: "So ein Schandweib! So eine Trud und Nachthex'!"

Eigel drückte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn mit sich fort, um aus dem Hörbereich der Hütte zu kommen. Aber es währte lange, bis Kaganhart sich so weit beruhigte, dass er auf Fragen hörte und Antwort gab. Während sie nun auf dem Rand eines ausgehöhlten Baumstammes saßen, in welchem eine spärlich sickernde Quelle zum Trank für die Kühe gesammelt wurde, erzählte der Bauer: "Seit gestern Mittag hat der Streit kein End' mehr. Ich bin vom Schönauer heimgelaufen und hab' gemeint, sie sollt' 'was hergeben für die Gottelseut'. Aber da bin ich schön angekommen! Geschrieen hat sie und ist umgefahren im Haus, wie eine Schwarzalfin im Feuerloch. Und wie wir heraufgestiegen sind auf die Alben, den ganzen Weg über hat ein Wörtl das ander' gejagt."

"Hast halt auch gebockt und dawider geschrieen, gelt?"

"Da soll einer still halten können! Ein Berg ist gewiss ein guter Kerl, der sich viel gefallen lasst ... aber schrei' einen Berg an, er schreit halt auch zurück! Auf die Nacht hab' ich die Schüssel nicht angerührt vor lauter Zorn. Und völlig aufgeschnauft hab' ich, wie ich endlich drin gelegen bin im Heu. Sie hat noch ein Weil' umgekrustet im Kaser, aber kaum ist sie neben meiner gelegen, da ist die Hatz von vorn wieder angegangen.

"Und da wär' doch die beste Zeit gewesen, dass Dich versöhnt hättst mit ihr!"

"Das hab' ich ja wollen!", platzte Kaganhart heraus.

Der Kohlmann lachte: "Aber sie hat nicht mögen?"

"So eine ungut Keisin, wie das ist! Die ganze Nacht war kein Fried' nimmer, und kein Aug' hab' ich zugemacht. Auf die Letzt', wie ich's gar nimmer ausgehalten hab', bin ich aufgesprungen, und dass mir die Zeit vergeht, hab' ich Feuer geschürt, und Da springt sie auch wieder auf und fangt ein Schelten an, weil ich das Holz verbrenn', das man so weit hertragen muss über die Alben ... und wie sie gar nimmer aufhört, fahrt mir der Zorn in die Fäust', und ich pack' einen Besen..."

"Den Stiel aber, mein' ich, hat sie erwischt und hat ihn umgedreht!"

Kaganhart brummte etwas, während der Kohlmann aus vollem Hals lachte. "Nur gut, Bauer, dass ich bei der Hand gewesen bin ... Steinplatten liegen vor Deiner Hüttentür ... da hättst mit Deiner Nas' an einer harten Blum' riechen müssen!"

"Vergelt's, dass Du mich bewahrt hast davor!", dankte der Bauer gutmütig. "Aber was führt Dich denn auf die Alben, mitten in der Nacht?"

Eigels Züge wurden ernst. "Schier mein' ich, ich sollt' eine Ausred' sagen und bei Dir vorbeigehen. Denn wer nicht aufkommt wider sein Weib, wird auch nimmer seinen Mann stellen bei Thing und Rat."

Der Bauer erhob sich. "Als Thingbot kommst? Tu mir keine Unehr' an! Stell mich hin vor zehn Mannerleut', und ich halt' meinen Platz ... aber gegen die da drin kommt auch ein anderer nicht auf. Da kannst von Wutes Helden einen laden ... wenn meine Hilmtrud das Züngel vom Leder zeiht, lauft er heim in den Untersberg, dass er die goldenen Panzerschuh' verliert! Lad' mich, Eigel! Tu mir keine Unehr' an!"

Der Kohlmann zog das Messer aus der Kotze, berührte mit dem Heft die Brust des Bauern und sagte seinen Spruch. Kaganhart legte die Schwurfinger an das Messer. "Heut über zwei Nächt', wenn Vollmond einsteht! Ich hab's gehört und schweig'. Fahr weiter, Thingbot!"

Eigel wollte gehen, doch der Bauer hielt ihn an der Kotze zurück. "Kohlmann, tu mir eins zulieb! Geh halt' mit hinein in den Kaser! Wenn ein dritter dabei ist, halt' sich mein Weib doch ein lützel im Zaum, und ich komm' über das erste Wörtl weg!"

"Meinethalben!"

Sie gingen der Hütte zu. Kaganhart pochte an die Tür. "Tu auf, Weib! Tu auf!" Nur das Geprassel des Herdfeuers ließ sich aus der Hütte vernehmen. Ungeduldig rüttelte der Bauer an den Bohlen. "Weib! Wirst auftun oder nicht?"

Aber in der Hütte blieb es still, und der Riegel wollte sich nicht rühren. Unter einem zornigen Fluch schmetterte Kaganhart die beiden Fäuste gegen die Tür. In der Hütte polterte ein hölzernes Geschirr, während Eigel flüsternd sagte: "Wenn sie Dich so fluchen hört, tut sie freilich nicht auf. Geh weg, ich will ihr ein gutes Wörtl geben!" Mit dem Ellbogen schob er den andern beiseite, trat auf die Schwelle und legte den Mund an einen Spalt der Bohlen. Im gleichen Augenblick aber tat die Tür sich auf, und ein nasser Hanftuchfetzen, der zum Klären der Milch gedient, flog dem Kohlmann um die Ohren, dass es klatschte. Eigel duckte sich, um einem zweiten Schwertstreich zu entgehen, und die Arme zum Schutz über den Kopf erhebend, humpelte er eilig davon. Da konnte ihm nun der Bauer das Lachen und die Schadenfreude heimzahlen. Kaganhart heilt sich die Rippen, und es wollte ihm fast der Atem vergehen. Als die Bäuerin sein schallendes Gelächter hörte, erschien sie mit verdutztem Gesicht auf der Schwelle. Ein festes Weib, noch jung, von stämmigem Wuchs, die niedere Stirn umzogen von dicken Blondzöpfen. Da sie merkte, dass ihre Rache niedergefahren war über ein unschuldig Haupt, begann auch sie zu lachen und zeigte zwischen den dicken Lippen zwei Reihen blinkender Zähne, so kräftig entwickelt wie ein Wolfsgebiss. Kaganhart schnappte nach Luft. "Den hast aber schön ausgezahlt!" Lachend puffte er mit der Faust an den nackten Arm des Weibes.

"Wer war's denn?", fragte Hilmtrud.

"Der Kohlmann."

"Wie kommt denn der auf die Alben? Was hat er denn wollen?" Da stockte dem Bauer das Lachen, und er wurde verlegen. "Ich weiß nicht!", stotterte er und drückte sich in die Hütte.

Hilmtrud stemmte die Fäuste auf die breiten Hüften. "Ich möcht' wissen, was er wollen hat von Dir?"

"Hör' auf und frag' nicht weiter, ich sag's nicht!"

"So? Da muss ich Dir halt die Zung' lösen." Und sie warf die Tür zu, als wollte sie ihrem Opfer den Weg zur Flucht versperren.

Inzwischen wanderte der Kohlmann im grauen Dämmerlicht des Morgens über das ebene Almenfeld. Wo er ging, hoben sich die Kühe aus dem Gras, machten die Rücken krumm und streckten die Schweife. Ein wüster Urwald nahm den Wanderer auf. Es dunkelte noch zwischen den ragenden Stämmen, und die Feuchte der Nacht, die Modergerüche des faulenden Fallholzes erfüllten die schwül zwischen den Bäumen liegende Luft. Jenseits dieses Waldes, in einem hügeligen, von starrenden Felswänden umzingelten Hochtal lagen die fruchtbarsten von allen Almen weit umher, die "Reginalben".

Von den sieben Hütten, welche zerstreut umherstanden, war eine dem Marderecker eigen, eine gehörte zur Hufe der Hanetzer, und in der größten von allen hausten die zwei hörigen Almerinnen des Richtmanns in der Schönau. An diese Hütte schloss sich eine hohe, aus Felsblöcken geschichtete Umwallung, in welcher alles Vieh der "Reginalben" zusammen getrieben wurde, wenn in stürmischen Nächten der Almwächter seien Feuer gegen die wilden Tiere nicht zünden konnte; denn über die offene Berghöhe fuhr die entfesselte Windsbraut mit solcher Gewalt, dass sie die brennenden Scheite vom Holzstoß davongetragen und in den Wald geworfen hätte, dessen wir liegendes Fallholz nur eines Funken bedurfte, um aufzulodern wie dürres Stroh. Die Hütte selbst umschloss nur den geräumigen Kaser, in welchem auch die mit Heu gefüllten Lager der beiden Almerinnen standen. Die Dirnen waren schon munter und kochten die Morgensuppe. Vom Geprassel des Feuers und vom aufquirlenden Rauch wurde Ruedlieb geweckt, der im Dachraum der Hütte auf frisch eingebrachtem Heu geschlafen hatte. Er ließ sich von den Sparren nieder gleiten, schüttelte die Heufäden von seinem Gewand und trat ins Freie. Da hörte er schreiende Stimmen und blickte der Richtung zu, aus welcher sie klangen. Ihm zu Füßen senkten sich im Halbkreis die Almgründe in ein schmales, dem See entgegenlaufendes Tal, welches auf der einen Seite von einem steilen Waldhang, auf der anderen Seite von der schroffen, nur mit Gestrüpp bewachsenen und kaum wegsamen Reginwand geschlossen wurde.

Aus diesem Tal herauf klang das wilde Geschrei, das immer kreischender wurde. Stürmenden Laufes eilte Ruedlieb über den Hang hinunter. Doch er musste zur Seite weichen. Eine Schar flüchtender Kühe sprengte ihm entgegen, brüllend, jedes Tier mit schäumendem Maul und aufgequollenen Augen, im Sprung mit den Hinterfüßen hoch ausschlagend. Nach allen Seiten sah Ruedlieb die Ziegen und Schafe flüchten, und überall, von allen Hütten, sprangen die Senner und Almerinnen dem Tal entgegen Steinbrocken von der Erde rasend, Prügel schwingend unter gellendem Geschrei. "Der Bär, der Bär! Er hat eine Geiß gerissen! Dort! Der Bär! Dort! Dort! Er nimmt die Wand an! Lauft! Lauft! Erschlagt ihn! Drauf! Erschlagt ihn!"

Ruedlieb riss das Messer aus dem Gürtel, und in langen Sätzen, dass unter seinen Füßen die Steine flogen, sprang er über die steile Halde hinunter. Da sah er schon die Leute am Fuß der Reginwand, Steine werfend und die Prügel schleudernd. Unter ihnen stand der Marderecker, mit fahlem Gesicht, Zähren in den Augen, auf den bleichen Lippen nur immer das eine Wort: "Meine Geiß! Meine Geiß!" Ein paar Sprünge noch, und Ruedlieb erblickte den Bären, der, die Ziege schleifend, in die Felswand einstieg, unbekümmert um das zeternde Geschrei, der Steine und Prügel nicht achtend, die um ihn herprasselten.

"Leut', lasst das Werfen sein!", schrie Ruedlieb und sprang mit gezücktem Messer über den Schutt empor, welcher besudelt war mit dem Blut der Ziege. Wirres Geschrei begleitete dieses Beginnen. Die einen riefen den Buben zurück, die andern feuerten ihn an mit heiserem Zuruf. Da gewahrte das Raubtier den Verfolger. Einen Augenblick zögerte der Bär, dann ließ er sein Opfer fallen, und während die verendete Ziege mit schlagenden Läufen nieder rollte über den stielen Schutt, tat der Bär einen mächtigen Sprung und gewann ein Felsenband, auf welchem er hineintrabte in das schroffe Gewänd.

Ruedlieb stand mit geschwungenem Messer und stieß einen klingenden Jauchzer aus. Die Leute unten wussten diesen Ruf nicht zu deuten - und sie wussten auch nicht, was sie denken sollten, da sie den Bären mitten im Gewänd auf einer schmalen Grashalde jählings verschwinden sahen, als hätte ihn die Felswand eingeschluckt. Jauchzend schwang sich Ruedlieb auf das Felsenband, aber nur wenige Schritte war er dem schmalen Pfad gefolgt, da klagen ihm plötzlich die Worte des Vaters im Ohr: "Lass Dir nicht in den Sinn kommen, dass Du mit einer Hand an das Gewild rührst!"

Lachend trat der Bub den Rückweg an; es wurde ihm nicht schwer, die Worte des Vaters zu befolgen - das Raubtier war gut aufgehoben. Es bedurfte keiner Hand mehr, um ihm den Garaus zu machen. Als Ruedlieb die schreienden Leute erreichte, bleib er vor ihnen stehen, mit brennendem Gesicht, und sagte: "Geht heim, Leut'! Der Braungesell hat heut die letzte Geiß gerissen." Und das Messer in die Scheide stoßend, schritt er davon.

Der Marderecker kniete vor seiner zerfleischten Ziege und jammerte, die anderen schrieen - noch immer begriffen sie nicht.

"Ich steig' hinauf!", kreischte der ältere Hanetzer. "Ich muss wissen, was da geschehen ist!" Es wurde ihm nichtleicht, das Felsenband zu gewinnen. Als er die Stelle erreichte, an welcher der Bär verschwunden war, schrie er den Leuten mit gellender Stimme zu: "Da liegt er in einer Grub'! Seil' her! Seil'! Den müssen wir fangen!"

Die es hörten, begannen zu johlen wie in trunkenem Jubel. Die einen rannten den Hütten zu, um Seile zu holen, drei Sennen kletterten in die Felswand ein, die anderen, Almerinnen und Geißbuben, umkreisten die Wand und erstiegen den Grat von der Almenseite. Als sie aus der Höhe nieder blickten in die Grube, sahen sie das gefangene Raubtier aufrecht sitzen, mit den kleinen schwarz funkelnden Augen zornig nach einem Ausweg spähend.

Schimpfworte und Spottreden kreischten von allen Seiten. "Erschlagt ihn! Erschlagt ihn!", schrie eine der Almerinnen, und eine andere: "Lasst die Felsen über ihn hinunter!"

"Nein! Nein!", rief der Hanetzer. "Lebendig müssen wir ihn haben! Lebendig!"

Vier Seile wurden über die Felswand herabgelassen, an jedes schlug der Hanetzer eine Schlinge, und ihm und den drei Sennen gelang es ohne Mühe, die vier Tatzen des Bären in die fest würgenden Schlingen einzufangen. Unter wildem Geschrei ein Ruck an den Seilen, und der Bär hob sich, rollte aus der Grube und pendelte, ein wehrloser Klumpen, an der Felswand. Gierige Hände griffen von überall her nach den Seilen, während der Hanetzer und die Sennen springend das Tal gewannen. Langsam schwebte der Bär über die Wand herab, gaukelnd und schwankend in seiner ungestümen und dennoch nutzlosen Gegenwehr, im Kreis sich drehend und anprallend wider alle Steinschrofen. Mit den Haken der Grießbeile schleiften der Hanetzer und die Sennen das gefesselte Tier, als es den Boden berührte, in die Mitte des Tales, packten die Seile und rannten nach vier Seiten auseinander, so dass der Bär auf dem Rücken lag, mit seitwärts gezerrten Tatzen, wehrlos und entkräftet.

Alle, alle kamen sie jetzt herbei gesprungen, schrieen und kreischten, johlten und jauchzten, wie befallen von Raserei, von einem Rausch der Grausamkeit. Was hatten sie um dieses Tier nicht alle leiden müssen, ohne Schutz und Hilfe! Tiefe blutenden Wunden hatte es ihrem Dasein gerissen, ihrem kärglichen Besitz. Gedarbt und gehungert hatten sie, gezittert und geweint, Not und Jammer getragen um dieses Tieres willen! Jetzt war es in ihre Hand gegeben und sollte büßen! In schreiender Wut bewarfen sie das Tier mit Steinen und stießen ihm die eisenbeschlagenen Schuhe in die Weichen. Der Bär gab keinen Laut, als wäre er zu stolz, den Peinigern seien Qual zu verraten. Nur manchmal suchte er den blutigen Kopf zu erheben und drehte die funkelnden Augen nach allen Seiten. Mit Prügeln schlugen sie nach ihm und rissen ihm Fäuste voll Haare aus dem Pelz. Wie ein Besessener packte der Marderecker die zerfleischte Ziege, stieß dem Bären die bluttriefenden Fleischfetzen in den Rachen und keuchte: "Friss! Friss! Friss!" Eine Dirne, welche einer von Wazemanns Söhnen ehrlos gemacht, spie dem Bären in die Augen und schrie mit schäumenden Lippen: "So wie der, so sollt' ein anderer daliegen vor uns! Ein anderer!" Wie Feuer schlug dieses Wort in die rasenden Gemüter. "Waze! Herr Waze!", schrieen sie den Bären an, und ein Hagel von Steinen ging nieder auf das wehrlose Tier.

Ruedlieb, den das Geschrei gerufen hatte, kam herbeigelaufen, und als er gewahrte, was geschah, rief er mit bleichen Lippen: "Aber Leut'! Leut'! Seid denn Ihr noch Menschen? Habt doch Erbarmen und lasst mich hin, ich will ihm den Gnadenstoß geben!" Aber sie stießen den Buben zurück, und der Hanetzer schrie: "Was tun wir ihm an, dass er leiden muss, recht leiden, recht, recht!"

Da sah er den Kohlmann des Weges kommen. "Eigel! Eigel! Da komm her!" Mit der Stimme des Hanetzer vermischte sich das Geschrei der anderen: "Da komm her! Sag' Du, was wir ihm antun sollen! Sag', was das Grausigst' ist!"

Der Kohlmann stand vor dem Bären. Langsam blickte er über den Weg zurück, den er gekommen war, und sagte: "Das Grausigst'? Lasst ihn heiraten wie der Kaganhart!"

Einen Augenblick herrschte das Schweigen der Verblüffung, dann brach ein schallendes Gelächter los. Der Bär schien zu fühlen, dass die straff gespannten Seile sich lockerten, jählings machte er eine gewaltige Anstrengung, überschlug sich und stand auf den Füßen. Drei Seile flogen in der Luft, nur der Hanetzer hielt das seine noch fest umklammert. Ein gellendes Geschrei erscholl, die Dirnen flüchteten, die Männer, allen voran der Hanetzer, sprangen auf den Bären ein, aber dumpf brüllend erhob sich das Tier und schlug mit der Tatze. Erbleichend wich der Hanetzer zurück, und während das rote Blut von seinem Schenkel sprudelte, rannte der Bär in jagender Flucht talabwärts, die Seile schleifend, deren Enden ihn umringelten wie graue Schlangen. Zwischen den Bäumen verschwand er. Wohl stürzten ihm Ruedlieb und die Sennen nach, aber sie bekamen ihn nicht mehr zu Gesicht. Nur die Seile fanden sie, welche, da ihre Schlingen sich gelockert hatten, von den Tatzen des flüchtenden Bären abgefallen waren. Als sie die Verfolgung aufgaben, sagte Ruedlieb: "Das gönn' ich Euch!" Und die Sennen verlassend, stieg er gegen die Reginwand empor, um die Grube zu verschütten, die er ausgeworfen.

Die Sennen begannen miteinander zu hadern. "Du bist der erst' gewesen, der das Seil hat fahren lassen!", schrie der eine - und der andere: "Das ist in Dein Maul gelogen, Du selber bist's gewesen!" Ein Wort gab das andere, sie gerieten sich in die Haare und redeten weiter mit den Fäusten.

Den Verwundeten hatte man in die Almhütte getragen, und Eigel legte ihm den Verband an; dann suchte er noch den Marderecker und brachte ihm als Thingbot die Ladung. Unter der steigenden Sonne zog er weiter. Als er auf dem Rückweg an der Almhütte des Kaganhart vorüber kam, sah er den Fensterladen und die Tür geschlossen. Kaganhart und Hilmtrud holten den in der Nacht versäumten Schlummer nach. Einträchtig lagen sie nebeneinander im Heu, und der Bauer hielt im Schlaf den arm um den Hals seines Weibes geschlungen. Sie hatten Versöhnung gefeiert, nicht früher freilich, bevor nicht Hilmtrud wusste, was Kaganhart lieber verschwiegen hätte: "Heut über zwei Nächt', wenn Vollmond einsteht!"

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.