Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 10

Als Sigenot das Haus erreichte, kam Rötli aus der Tür. "Gelt, ich hab' recht gehabt!", sagte sie. "Die Mutter hat nichts wollen."

"So hab' ich mich halt verhört!" Er lehnte die Angelrute an die Balkenwand, pfiff dem Knecht und übergab ihm das Lägel, damit er die Ferchen verwahre. Während Rötli hinunterging zum Ufer, um das bleichende Hanftuch zu besprengen, trat Sigenot in das Haus. Mutter Mahtilt nickte ihm lächelnd zu. Er ging zu ihrem Stuhl und strich mit der Hand über der Mutter graues Haar. Sie redete mit den bleichen Händen. Er verstand die stumme Frage und sagte: "Heut hab' ich schlechten Fang gehabt."

Sie blickte zu ihm auf. "Warum?", fragte dieser Blick.

Er zuckte die Schultern. "Es geht halt nicht einen Tag wie den andern." Das sagte er wohl mit ruhiger Stimme, doch er wich dem Blick der Mutter aus und trat in seine Kammer.

Mutter Mahtilt erfasste einen eisernen Zinken und schlug auf den Herdstein, dass er hellen Klang gab. Heilwig kam gelaufen, deckte für Sigenot den Steintisch und rief ihn zum verspäteten Mahl. Er kam und setzte sich an den Tisch, doch er genoss nur wenige Bissen. Lange saß er mit aufgestützten Armen und starrte vor sich hin. Einmal blickte er zur Wand empor, an der seine Waffen hingen, dann hinüber zur Mutter. Und wieder saß er in Gedanken versunken. Freundlicher Art waren diese Gedanken nicht - das verrieten seine Augen und Züge. Tief amtend erhob er sich endlich und nahm mit raschem Griff das Ringhemd von der Wand. Mutter Mahtilt hörte das Klirren und blickte verwundert auf.

"Ich muss die Wehr wieder einmal anschauen," sagte Sigenot und ging der Tür zu, "ich mein', sie rostet."

Vor dem Haus setzte er sich auf die Bank, nahm das eiserne Hemd über die Knie und begann das dichte Gewirr der Ringe zu mustern. Er fand keine Lücke in dem Gewebe, in den Fugen der Ringe kein Flecklein Rost. Zufrieden nickte er, und während er sich erhob, glitten seine Blicke hinauf zu Wazemanns Haus. "Jetzt, Henning, kannst Du meinthalben ein andermal auch besser zielen!" Er umschritt das Haus und schob das Ringhemd durch das offene Fenster in seine Kammer. Als er zurückkehrte, kam Rötli über den Hag heraufgestiegen. Sie blieb vor dem Bruder stehen. "Was ich fragen hab' wollen ... hast Du um die Mittagszeit das Rollen nicht gehört? Es ist gewesen, wie wenn's ein Donner wär'."

"Wohl wohl, und ich hab' gemeint, ein Wetter käm'. Aber es muss sich wieder verzogen haben." Er blickte zum Himmel auf.

Rötli schüttelte das Köpfchen. "Das ist kein Wetter gewesen ... ich weiß schon, was es war!" Ihre Stimme dämpfte sich zum Flüstern. "Drunten in der Seetief' muss sich der Bid geärgert haben und hat aufgehaut im Zorn. Wie's gerollt hat, bin ich an der Länd' gestanden und hab' gesehen, dass ein Zittern über den See gelaufen ist, grad so, wie übers Wasser in einem Schiff, wenn einer dran hin stoßt mit dem Fuß."

Sinnend blickte Sigenot hinunter auf den stillen See, über den schon die ersten Schatten des Abends fielen.

"Weißt, ich hab' gleich 'was getan dafür," flüsterte Rötli, "ich hab' meine Halskett' genommen ... sie war mir das Liebst', was ich an mir gehabt' hab' .. und hab' sie weit hinausgeworfen ins Wasser. Sie muss dem Bid gefallen haben. Gleich hat er Ruh' gegeben." Sie atmete tief und wollte ins Haus treten. Doch auf der Schwelle wandte sie sich wieder. "Noch eins! Hast denn vergessen heut?"

"Was?"

"Dass Du eine Kerb' in Deinen Jahrbaum schneiden musst." Lächelnd trat sie auf den Bruder zu und fasste seine Hand. "Heut ist der Tag, an dem Dich Frau Hul der Mutter gebracht hat. Schau, ich wünsch' Dir an Glück und Freuden so viel, als ich Haar' auf dem Scheitel hab'."

Mit schwermutsvollem Blick schaute Sigenot in das holde Gesicht der Schwester. "Glück und Freuden? Vergelt's, Rötli! Aber ich mein' schier, Du hast zu viel gewunschen." Er gewahrte die Axt, welche neben der Tür an der Balkenmauer lehnte und fasste sie. "Komm, ich schlag' die Kerb' in meinen Baum."

"Aber was willst denn mit der Axt?", fragte Rötli verwundert. "Hast ja Dein Messer."

"Das hat nicht Schneid' genug für den heutigen Tag." Er ging auf seinen Jahrbaum zu, und Rötli folgte ihm. Dreimal umschritt er den Baum, ihn jedes Mal berührend mit der Hand. Dazu murmelte er: "Der Baum wachst, der Baum lebt, ist gewachsen und steht, radschlächtig und stark, gesund im Mark, in der Wurzel fest, mit Laub und Äst'. Heb' Dich und streck Dich, hüt' Dich und deck Dich ... hast Sonn' und Regen, nutz' den Segen! Wie die Steiner im Bach, laufen die Jahr' einander nach ... eins gewinnst und eins verlierst ... halt aus, dass die Kerb' nicht spürst!"

Beim letzten Wort hatte Sigenot die Axt geschwungen, und das blitzende Eisen schlug in den dreißigjährigen Baum, dass der schlanke Stamm erzitterte vom Wipfel bis in die Wurzeln. "Aber was tust denn? Was tust denn?", stotterte Rötli und wollte den Arm des Bruders fassen. Doch da fiel schon der zweite Hieb, die Rindensplitter und Späne sprühten, und weiß, fast bis ins Mark hinein, klaffte am Baum die Kerbe.

"Aber schau doch, schau, Du hast ja Dein Bäuml bis hinein ins Leben geschlagen!", jammerte Edelrot, und die hellen Zähren traten ihr in die Augen. Sigenot ließ die Axt sinken, starrte die klaffende Kerbe an und murmelte: "Wenn's der Baum verwindet, verwind' ich's auch!"

Er wollte gehen, aber Rötli umklammerte sein Arm. "Ja was hast denn auf einmal? Was ist Dir denn geschehen? Man möcht' ja meinen, Du wärst seit gestern ein anderer 'worden! Ist Dir denn 'was?"

Wortlos schüttelte Sigenot den Kopf. Doch als ihm Rötli den Weg vertrat, warf er die Axt beiseite, umschlang die Schwester und rückte sie mit zitternden armen an die Brust. Sie war so erregt, so erfüllt von Angst und Sorge, dass sie weinen musste. "Tu nicht weinen, Rötli, schau, ich bitt' Dich, nur nicht weinen tu!", flüsterte er und streichelte ihr Haar. "Sei mir nur Du nicht harb, nur Du nicht! Schau, ein andermal vergess' ich nimmer, dass ich Dein Bruder bin!"

Sie blickte auf, und als sie ihm in die Augen sah, verstand sie seine Worte. Da lächelte sie unter Tränen, hob sich auf die Fußspitzen und fasste sein Gesicht mit beiden Händen. "Wie magst nur denken, dass ich dir harb sein könnt'!" Hast mich denn nicht heimgeholt aus Wetter und Wasser? Wir all' beid' miteinander ... ich und die Recka?" Sie wollte weiter sprechen, doch er drückte sie an sich, dass ihr der Atem fast verging, und schloss ihre Lippen mit einem Kuss. Dann ging er auf das Haus zu und nahm den langen fünfzackigen Näbiger von der Balkenwand.

"Willst denn heut noch fort?", fragte Rötli. "Schau, es geht ja schon auf den Abend zu."

"Mich leidet's nicht in der Ruh', ich muss schaffen!", sagte er und stieg, den Näbiger auf der Schulter, zum See hinunter.

Mit verlorenem Blick sah ihm die Schwester nach. Langsam streifte sie mit der Hand über die Stirne. "Wenn ich nur wüsst', was er hat! Ich muss doch den Ruedlieb fragen!"

Sigenot erreichte das Ufer und löste den Waldschragen; mit dem einen Fuß das kleine aus Schilf und Stangen gefügte Floß betretend, stieß er mit dem anderen das leichte Fahrzeug von der Lände ab. Fast lautlos glitt der Schragen über das Wasser hin. Mit der Stange des Näbigers treib ihn der Fischer am Saum des Röhrichts entlang, gegen den Ausfluss der Ache hin, immer langsamer und leiser. Mit scharfem Blick spähte er in die klare Flut, deren nicht allzutiefer Grund von Moos und Algen wirr überwachsen war. Die dürren blassroten Stengel der Seerosen durchspannen das Wasser gleich den Fäden eines Netzes. Jetzt verhielt Sigenot durch einen Druck der Stange das Fahrzeug. Langsam und lautlos, den straff gespannten Körper kaum bewegend, hob er den Näbiger und drehte allmählich die eisernen Widerhaken nach unten, dass ihre scharfen Spitzen fast den Seespiegel berührten. Er zielte und warf. Das Wasser spritzte auf, und zischend fuhr der Näbiger in die Flut. Mit jähem Ruck riss Sigenot die Stange wieder in die Höhe - der Wurf war geglückt, am Eisen zappelte ein schwerer Hecht. Mit einem flink und sicher geführten Faustschlag tötete Sigenot den Raubfisch, löste ihn von den Haken und warf ihn hinter sich. Dann trieb er den Schragen weiter...

Die Schatten wuchsen, und der rote Schimmer des Abends leuchtete über das Tal. Edelrot hatte das zum Bleichen ausgelegte Hanftuch ins Haus getragen. Nun stand sie vor ihres Bruders Jahrbaum. Sie füllte die tiefe Kerbe, welche Sigenot geschlagen, mit Harz vermischtem Wachs und überband die wunde Stelle dicht mit Bast.

Wicho verließ den Hof, das Lägel auf dem Rücken. Er trug die Ferchen davon, welche Sigenot am Morgen gefangen - sie waren für den Schönauer bestimmt, als Zahlung für einen Packen Hanf. Noch vor der Dämmerung erreichte Wicho die Schönauer Felder. Da bleib er stehen und lauschte. Ein leiser, sanfter Klang kam aus der Ferne her durch die stille Luft geschwommen...

Beim Lokistein tönte die Glocke.

Bruder Schweiker zog den Strang und läutete den ersten Feierabend ein. Er trug nicht die Kutte, sondern das Arbeitskleid, den kurzen ärmellosen Leinenjanker, und von allen mochte wohl er selbst des Feierabends und der Ruhe bedürftig sein. Wie ein Stier, wuchtig und ausdauernd, hatte er geschafft den ganzen langen Tag und mit Hilfe der Knechte ein tüchtiges Stück Arbeit zuwege gebracht. An die dreißig mächtige Fichten lagen am Waldsaum schon gefällt, entästet und zu Blaken von jener Länge zerschnitten, wie sie der Klausenbau erforderte. Auch Pater Waldram hatte mitgeholfen bei diesem Werk. Doch seinen von Kasteiung und Fasten entkräfteten Körper hatte, lange schon vor dem Abend, die Erschöpfung befallen. Beim Schleifen eines Balkens war er ohnmächtig niedergesunken. Man hatte ihn ins Zelt getragen, aufs Moosbett gelegt und mit Trank und Speise gelabt; dann hatte tiefer Schlummer ihn überkommen, aus dem auch der Klang der Abendglocke ihn nicht zu wecken vermochte.

Auch Bruder Wampo hatte nicht gefeiert und manch ein Tröpflein frommen Schweißes vergossen. Ihm war es zugefallen, die Zelte aufzurichten, die Mooslager zu rüsten, die Reisighütten für die Knechte und Saumtiere zu bauen, die Ballen auszupacken, ihren Inhalt zu bergen und in trockenem Grund eine Grube auszuwerfen, um darin das Fäßlein mit dem Messwein und die Mundvorräte zu verwahren. Diese letzte Pflicht seines Amtes hatte er mit der größten Sorgfalt und mit ganz besonderem Eifer erfüllt. Nun stand er zwischen den Zelten beim flackernden Feuer und kochte den Imbiss für den Abend, ein mageres Mahl: Sterz mit Bohnenmus. Doppelt mager, denn der Sterz war mit Wasser angerührt. Bruder Wampo hatte es sich und den Seinen wohl besser vermeint; doch als er mit der Kanne durch den Wald davon springen wollte, hatte ihn Eberwein angerufen: "Wohin, Bruder?"

"Vom Hang dort oben hab' ich eine Bauernhuf' gesehen, die nicht gar weit liegt. Ich will hinüber springen."

"Weshalb?"

"Um für Gottes Dank ein Kännlein Milch zu begehren. Wir haben Sterz auf den Abend."

"Bleib nur! Wir alle sind müd und hungrig von der Arbeit! Da wird uns der Sterz auch mit Wasser schmecken!"

"Aber mit Milch ist er besser!"

"Mit Wasser gesünder. Und ich will nicht, dass die Leute im Gadem sagen sollen: Heut sind sie gekommen, man merkt's, denn sie verlangen schon. Wir wollen geben, Bruder, nicht nehmen!"

Bruder Wampo blies die Backen auf und ging mit der Kanne zur Quelle, um Wasser zu schöpfen. "Geben?", brummte er. "Möcht' wissen, von was?" Er warf einen langen Blick zu der Grube hinüber, in welcher die Vorräte geborgen lagen. "Zwei kurze Wochen, und wir haben selber nichts mehr. Dann werden wir halt doch wohl nehmen müssen ... oder die heilige Zeit geht an!" Er seufzte tief. Als er mit der gefüllten Kanne zu den Zelten zurückkehrte, schien plötzlich auch er, der noch kurz zuvor noch so flink und hurtig gesprungen war, die Müdigkeit zu spüren, denn er ließ das runde Köpflein hängen und schlurfte mit den Füßen. Den Blick zur Seite gewandt, ging er an dem Pater vorüber, der die unterbrochene Arbeit schon wieder aufgenommen hatte.

Auch Eberwein hatte die Kutte mit dem kurzen Arbeitsrock vertauscht, und beim Schaffen ind er heißen Sonne waren seine nackten Arme rot geworden. Die erste Arbeit, die er nach der Messe vorgenommen hatte, stand lange schon vollendet: Über dem zum Altar geweihten Heidenstein erhob sich das weiße Kreuz, in welches Eberwein den halb verbrannten Eichstamm mit der Axt verwandelt. Dann hatte er, Richtscheit und Messschnur führend, den Grundriss der Klause und des Kirchleins abgesteckt und mit dem Spaten die Mauerfurchen ausgehoben. Schwarz zogen sich die breiten Streifen durch den grünen Rasen und zeigten die Einteilung, welche die Klause erhalten sollte: Einen größeren Mittelraum und ihm zur Rechten und Linken je zwei kleinere Kammern. An die Rückwand der Klause sollte das Kirchlein sich anlehnen, mit den Balkenmauern seiner länglichen Halle den zum Altar geweihten Heidenstein und das Kreuz umschließend. Als der letzte Stich mit dem Spaten getan war, hatte Eberwein im Wald einen jungen Ahornstamm gefällt und aus ihm ein mannslanges Stück herausgeschlagen mit zwei kreuzförmig stehenden Aststümpfen. Auf der Schulter hatte er das schwere Holz zu den Zelten getragen und begonnen, es mit Hammer und Meißel zu behauen. Und als jetzt der Abend dämmerte, und Bruder Schweiker die Glocke zog, trat aus dem weißen Holz schon in rauen Formen das entstehende Bildnis hervor - das Abbild des Gekreuzigten. Beim ersten Glockenton legte Eberwein Hammer und Meißel nieder und faltete die Hände im Schoß. Seine Augen streiften die schwarzen Furchen, die er gezogen, das Gewirr der gefällten Bäume am Waldsaum, von welchem die Knechte mit geschulterten Beilen einher kamen und den Blick zu dem vom letzten Sonnenglanz umflossenen, Himmel erhebend, betete er lächelnden Mundes: "Nisi Dominus aedificaverit domum, in vanum laboraverunt, qui aedificant eam.1"

Die Glocke schwieg. Eberwein erhob sich und trug das begonnene Schnitzwerk unter das Zelt. Als er dann mit den Brüdern den Imbiss genommen hatte, ordnete er für den kommenden Morgen die Arbeit an und begab sich zur Ruhe. Die Knechte schlüpften unter die Reisighütten. Schweiker und Wampo standen noch beim erlöschenden Feuer und spülten die Geschirre.

Die graue Dämmerung kam. Am Waldsaum verstummten die letzten Vogelstimmen, und ein zarter Nebel dampfte aus dem Weiher. Nahe seinem Ufer trat ein Reh unter den Bäumen hervor. Es stutze beim Anblick der weiß leuchtenden Zelte und des roten Feuerscheines, wandte sich mit langen Sprüngen zur Flucht, und laut schreckend verschwand es im dunkelnden Wald.

"Was war denn das?", fragte Wampo.

"Ein Reh muss dagewesen sein."

"So? Das ist aber auch alles, was heut gekommen ist."

"Gelt? Ich hab' auch schon dran gedacht!", flüsterte Schweiker. "Nicht ein einziger hat sich schauen lassen. Wie man die Raitenbucher Klaus' gezimmert hat, da war ich auch dabei, und da sind sie aufs erste Läuten haufenweis gekommen, Männer, Weiberleut' und Kinder. Und heut keine Seel'! Was sagst?"

"Was ich schon lang gesagt hab': Eine schieche Gegend, das! Pass nur auf, was man da noch alles erleben wird! Es fangt schon gut an heut'!" Mit unmutigem Griff packte Wampo eine hölzerne Schüssel und scheuerte mit dem nassen Grasbüschel drauf los, als hätte er die ganze böse Gegend unter seinen Händen. "Sterz mit Wasser, gleich am ersten Tag!"

Schweiker überhörte die letzten Worte. Mit sinnenden Augen starrte er in die Kohlen, dann sagte er langsam: "Vielleicht hausen die Leut' so weit auseinander, dass sie das Glöckl nicht haben hören können."

"Lass mich aus! Das Glöckl ruft eine halbe Stund' weit. Es hat halt keiner kommen mögen. Die Heidenschüppel, die unchristlichen! Denen wird man den Gottesglauben auch mit dem Muslöffel eingeben müssen."

Schweiker schüttelte den Kopf. "Steht ja der Wald herum wie eine Wand ... so eine Wehr frisst halt den Hall. Wirst sehen, sie haben das Glöckl nicht gehört. Wie die andern sind, weiß ich nicht, aber eine ... wenn die das Glöckl gehört hätt', die wär' gekommen!"

Da lauschten sie alle beide. Ferne Stimmen klangen im Wald. Es waren Wazemanns Söhne, die sich anriefen zum Heimritt. "Es müssen doch Leut' in der Näh' sein!", murmelte Schweiker.

Während sie noch lauschten, tauchte hinter den fernen schwarz ragenden Bergen die fast volle Scheibe des Mondes empor und warf einen blassen Schimmer über die Lichtung. "Lug' hin, Bruder, lug' hin," stotterte Wampo und deutete mit dem Arm, "sell rührt sich 'was!"

"Wo?"

"Beim Kreuz! Und schleichen tut's wie ein Wolf!"

Schweiker packte die Axt und rannte mit langen Sprüngen hinaus in den Mondschein. Am Waldsaum sah er einen Schatten gleiten, er schwang die Axt zum Wurf, doch mitten im Schwung heilt er inne, wie versteinert. Hinzula stand vor ihm. "So, schön ... wenn ich jetzt geworfen hätt'!", stotterte er. "Ja Dirnlein, sag' nur, wie kommst denn Du daher?"

"Hast ja geläutet!", lispelte das dünne Stimmlein.

"Aber ich hab' doch auch geläutet zur Mess'. Warum bist denn nicht am Tag gekommen?"

"Da hab' ich nicht her dürfen! Ich hab' warten müssen, bis..."

Er unterbrach sie. "Aber das ist doch jetzt keine Zeit, bei der ein Kindl ... will sagen: ein Dirnlein, wie Du, noch umlauft im wüsten Wald." Er trat zur Seite, denn sein Schatten fiel schwarz und breit über Hinzulas schmächtige Gestalt. Doch auch im vollen Mondschein wurde ihr Gesicht nicht heller. Wie ein dunkler Kohlklumpen war es anzusehen - nur die Augen glänzten.

Eine Weile standen sie schweigend vor einander, dann sagte er, einen salbungsvollen Ton versuchend: "Geh heim, Dirnlein, denn ich muss Dir sagen: Es ziemt sich gar nicht für mich, dass wir da bei einander stehen in Mond scheiniger Zeit ... wenn auch gleich die guten Heiligen vom Himmel herunterschauen dürften auf uns all' beid'. Geh heim! Und komm ein andermal bei Tag!"

"Tust morgen wieder läutern?"

"Wohl wohl!"

"Nachher komm' ich!", fuhr es mit flinkem Wort über ihre Lippen. "Ich fürcht' mich nicht ... und ich find' schon einen Weg."

Diese Worte waren freilich anders gemeint, als Schweiker sie deutete. "Brav, Dirnlein, brav! Gottes Weg' darfst allweil gehen ohne Furcht! Ja, Dirnlein, komm nur! Dann will ich einmal scharf nachschauen, wie's bestellt ist mit Deinem Seelengerät."

"Mit was?", stotterte Hinzula.

"Mit Deinem Seelengerät!", wiederholte er mit ernstem Ton. "Dass Du's nur weißt: Heut nacht hab' ich geträumt von Dir."

"Ich von Dir auch!"

"So? Aber mein Traum wird wohl der besser' gewesen sein! Dass Du's nur weißt: Gott, der liebe Herre ist mir erschienen im Traum und hat mir aufgegeben als gutes Werk, dass ich Dich weißwaschen soll."

"Das hab' ich heut schon von selber tun wollen," sagte sie. "Aber die Mutter hat's gemerkt, im hellen Zorn hat sie mich weggerissen vom Brunnen und hat gesagt, sie haut mir alle Knochen im Leib auseinander, wenn ich's tu."

Zuerst hatte Schweiker über dieses Missverständnis gelächelt; doch bei der unerwarteten Wendung, welche Hinzulas Rede nahm, schlug er entsetzt die Hände zusammen und rief: "Dirnlein! Dirnlein! Wenn Deine Mutter den Teufel fürchten möcht', wie sie den Dreck lieb hat, dann müsst' sie eine gute Christin sein!" Kopfschüttelnd nahm er die Axt wieder auf, die er hatte sinken lassen, und ging davon. Nach einigen Schritten rief er über die Schulter zurück. "Geh weiter, Dirnlein, und mach', dass Du heimkommst, so lang Dir der Mond noch auf den Weg scheint!" Und den Zelten entgegen schreitend, murmelte er vor sich hin: "So eine Mutter! Alle Knochen im Leib! Ist das auch noch eine Mutter?"

Hinzula stand regungslos und blickte ihm nach.

Als Schweiker die Feuerstatt erreichte, auf welcher nur wenige Kohlen noch in der Asche glosteten, schlüpfte Bruder Wampo aus dem Zelt, in das er sich geflüchtet hatte. "Es muss doch kein Wolf gewesen sein ... ich mein', ich hätt' Dich reden hören."

Schweiker nickte nur.

"Wer ist denn nachher das gewesen?"

"Mein Saubartele!"

"Das Bartele!", rief Bruder Wampo, als hätte er die freudigste Botschaft vernommen. "Ja warum hast mich denn nicht gleich gerufen?" Mit hurtigen Händen tappte er auf dem dunklen Rasen umher, und als er einen Span erwischte, stieß er ihn in die Kohlen und blies in die Glut.

"Aber was tust denn?", fragte Schweiker.

Der Bruder gab keine Antwort. Er blies und fauchte, bis ein kleines Flämmlein aufzuckte und knisternd den Span ergriff. Mit der flackernden Leuchte rannte er davon. Schweiker wollte ihn zurückhalten, doch Bruder Wampos Beine waren flinker als Schweikers Arme. Wampo verschwand im Mondschatten des Waldsaumes, wie ein Irrlicht gaukelte das Spanfeuer zwischen den Bäumen, und leis rufend klang seine Stimme: "He! Du! Dirnlein!"

Nach einer Weile kam er wieder, kichernd, vergnügt die Hände reibend.

"Was hast denn wollen von dem Kind?" brummte Schweiker.

"Das wirst morgen auf Mittag schon merken, wenn ich die Milchsupp' auftrag' und die Butternocken."

"Geh, Du Bettelsack! Weißt denn auch, ob dem Kindl seine Leut' gern 'was geben?"

"Was geht denn das mich an! Um so lieber gibt das Dirnlein. Das muss ich sagen: Gut stehst angeschrieben bei Deinem Bartele. Wie ich ihr gesagt hab', dass ich Hunger leiden muss, das ist bei ihr gar nicht tief gegangen. Sie hat nur gefragt: 'Gelt, der ander' aber nicht?' Aber wie ich gesagt hab': 'Wohl wohl, bei dem schreien auch schon die Frösch' im Magen' ... da hätt'st nur sehen sollen..."

"Das ist aber doch eine Lug gewesen!", fuhr Schweiker auf.

"Aber eine fromme, Bruder, eine fromme! Und Du hätt'st nur sehen sollen, wie sie gewirkt hat!"

Die Art dieser Wirkung schien in Schweiker keine Spur von Neugier zu erwecken. "Lass mich in Ruh'!", brummte er, streifte den Bruder mit einem zürnenden Blick und verschwand im Zelt.

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1 "Wo der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen." ^

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