Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 8

Nach der finsteren Sturmnacht war ein heller Morgen aufgeblüht, schimmernd in aller sommerlichen Schönheit: Der Himmel wolkenlos und blau, die Lüfte frisch und ohne Hauch, alle Farben satt und tief, jeder Zweig und jedes Gras behängt mit funkelnden Tropfen, die Berge von blauen Schatten überschleiert oder leuchtend in goldigem Frühschein, sie alle überragt vom König Eismann, dessen steile, von ewigem Schnee umgossene Zinne im vollen Licht der Sonne glänzte gleich einer riesigen Silberstufe. Schräge Lichter fielen schon zwischen die Wipfel des dichten Waldes, in welchem der Zug der Saumtiere sich langsam fortbewegt. Nur Waldram und Bruder Wampo hielten den gleichen Weg mit den Knechten. Eberwein und Schweiker waren nach verschiedener Richtung in den Wald gezogen, um die Feuerstätte der vergangenen Nacht zu suchen.

Zwischen den ragenden Urwaldbäumen schritt Eberwein dahin, mit seinem Stab die Stauden und Ranken teilend, welche häufig seinen Weg versperrten. Da klang in der Nähe, vom lichteren Wald her, das Wiehern eines Pferdes. Eberwein blickte auf, und eine Furche des Unmutes grub sich in seine Stirne. "Soll ihr Weg denn immer meine Straße kreuzen?" So murmelnd, wandte er sich und nahm eine andere Richtung. Hinter seinem Rücken ließ sich ein Lachen hören. Aber das war eine Männerstimme. Eberwein blickte zurück und gewahrte einen Reiter, welcher zwischen den Bäumen nur flüchtig auftauchte in schmalen Lücken und auf trabenden Pferd verschwand.

"Wer war das? Einer von ihren Brüdern?" Eberwein fand nicht Zeit, dieser Frage nachzudenken, denn durch die Bäume her scholl Schweikers lauter, lang gezogener Ruf: "Hoidoooh! Hoidooh!" Er musste die Feuerstatt gefunden haben.

Eilenden Ganges folgte Eberwein dem Ruf. Er schritt einer Lichtung zu, welche zwischen den Bäumen schimmerte, und geriet auf einen Fußpfad. Da kam Schweiker ihm schon entgegen, mit lachendem Gesicht. "Komm, Herr, und schau nur, was ich gefunden hab'! Der feurige Weiser hat uns gut gewiesen!" Eberwein führend, eilte er voran, und bald erreichten sie den Waldsaum. Eine weite, von hohen Bäumen umstandene Blöße lag vor ihnen, fast eben, mit Moos und Heidekraut überwachsen - eine stille, freundliche Insel inmitten des dunklen Wäldermeeres. Über der Lichtung drüben stieg gegen den Untersberg ein bewaldeter Hang empor, über welchen eine in der Sonne blitzende Quelle nieder rieselte in einen kleinen schimmernden Teich. Zu beiden Seiten des Hanges erhoben sich zwei graue Felszinnen. Inmitten der Lichtung stand der vom Feuer halb verzehrte Baum, einsam, gleich einer schwarzen Säule. Nur die Stümpfe der beiden untersten Äste hafteten noch an dem verkohlten Stamm und ragten seitwärts wie die Arme eines Kreuzes. Asche und Kohlenreste bedeckten den Felsblock, der zwischen den Wurzeln des verbrannten Baumes sich erhob.

"Schau hin, Herr," sagte Schweiker, "das ist ein behauener Block! Ein Heidenstein!"

Raschen Ganges überschritten sie die Lichtung und standen vor dem Felsblock. Mit roher Arbeit war der vorderen Fläche des Steines das Zeichen einer Flamme eingemeißelt. "Ein Stein des Loki!", sagte Eberwein in tiefer Bewegung. "Hier loderte die Flamme und floss den falschen Göttern das Blut der Opfer. Hier wollen wir die lautere Flamme des wahren Glaubens entzünden und dem Himmel opfern, auf den wir hoffen. Rufe die Brüder, Schweiker, ich will die Messe lesen auf diesem Stein!"

Über Schweikers Backen kollerten zwei dicke Zähren. Er fuhr mit der Faust über Augen und Nase und rannte davon. Noch eh' er den Waldsaum erreichte, kamen ihm Waldram und Wampo mit den Knechten und Saumtieren schon entgegen. Nun standen sie alle vor dem Stein, dann wanderten sie auf der Lichtung umher. Bei der Quelle kosteten sie das Wasser. Es schmeckte frisch und erquickend. Nur Eberwein wies den Trunk zurück und sagte: "Nach der Messe."

Mit vergnüglich zwinkernden Augen stand Bruder Wampo vor dem kleinen, von bunten Blumen umblühten Teich. "Lieb schaut sich das Wasserl an," meinte er, "es fehlen nur die Ferchen drin, die Karpfen und Hecht'."

"Geh, Du!", brummte Schweiker. "Musst denn allweil an die Schüssel denken ... es gibt doch andere Ding' auch noch auf der Welt!"

Man nahm den Saumtieren die Ladung ab, und während Eberwein, Waldram und Wampo mit dem Öffnen der Ballen beschäftigt waren, säuberte Schweiker den Stein und räumte die Asche fort. Zwei Knechte halfen ihm; neben dem Sein errichtete er aus Stangen ein Gerüst für die kleine Glocke, welche eines der Saumtiere als halbe Ladung getragen hatte.

Stunde um Stunde verging in reger Arbeit. Die Sonne stand schon nahe der Mittagshöhe, als Eberwein, bekleidet mit Chorhemd und Stola, den Heidenstein zum Alter Gottes weihte. Dann las er die "stille Messe", bei welcher Schweiker ministrierte. Waldram saß auf einer Wurzel der halb verkohlen Eiche. Bruder Wampo und die Knechte knieten an seiner Seite. Lautlose Stille lag über der sonnigen Lichtung, nur manchmal zwitscherte ein Vogel am Waldsaum, und gedämpft klang aus dem Tal herauf das Rauschen der Ache. Als Eberwein zur Wandlung den Kelch erhob, zog Schweiker die Glocke. Zitternd schwebten ihre hellen Klänge durch die stille Luft und fanden ein Echo im Wald. Kleine Vögel kamen herbei geflogen, als hätte der Klang sie neugierig gemacht, und mit erregtem Gezwitscher umflatterten sie den verkohlten Baum. Am Waldsaum erschien ein Reiter. Einen kurzen Blick nur warf er über die Lichtung, dann riss er das Pferd herum und verschwand wieder.

Die Glocke läutete. Ihre Klänge schwammen über das Tal der Ache hinweg und klangen empor über die Gehänge des Göhl. Auf steiniger Halde saß Hinzula und hütete die Geißen. Der Bock lag neben ihr im Gras und scheuerte das Gehörn an dem Stecken der Hirtin. Da klang die Glocke. Hinzula sprang auf, und zitternd stand sie, mit offenem Mund lauschend. Alle Geißen hoben die Köpfe und äugten über das Tal hinweg. "Hörst, Zottli, hörst," stammelte das Bartele, "er läutet schon!" Und über Hals und Kopf sprang sie die steile Halde hinunter, den rufenden Klängen entgegen; hinter ihr hopften die Geißen; nur der Bock schüttelte den Kopf und ließ sich in seiner Ruhe nicht stören.

Als Hinzula die Ache erreichte, suchte sie nicht lang eine seichte Stelle. Sicheren Fußes sprang sie über die Steine hinweg, welche aus dem schäumenden Wasser hervorragten. Aber die Geißen wagten ihr nicht zu folgen. Sie bleiben am Ufer stehen und streckten die Köpfe gegen das Wasser. Eine begann zu weiden, und nun machten es ihr die andern nach. Hinzula schlüpfte durch die dichten Büsche, kletterte über einen steilen Hang empor und gewann die Höhe des Waldes. Da tauchte zwischen den Bäumen ein Reiter auf. Henning war es, Wazemanns Ältester. Hinzula duckte sich hinter einen Baum, aber Henning hatte sie schon erspäht. Er kam auf sie zugeritten, hielt das Pferd an und fuchtelte mit der Gerte: "Was machst Du da?"

Die Hirtin brachte kein Wort über die Lippen, zitternd stand sie und starrte mit weit aufgerissenen Augen an dem Reiter empor.

"Wirst Du reden, Du Mistfink! Oder soll ich Dir die Zung' lösen? Wohin willst?"

"Sell hin, Herre," stotterte die Hirtin, "sell hin, wo er geläutet hat."

"Wer?"

Hinzula wusste keine Antwort.

"Und was geht Dich das Läuten an?", schrie Henning. "Mach', dass Du heimkommst! Hier ist Bannwald von heut ab." Die Hirtin rührte sich nicht. "Wart, Du Schmieramper," lachte Henning, "Dir mach' ich Füß'." Und ein pfeifender Gertenschlag fiel über Hinzulas Schulter. Sie zuckte zusammen, aber kein Laut glitt über ihre Lippen. Mit einem Blick noch suchte sie die Tiefe des Waldes, dann wandte sie sich ab und schlich davon. Als sie das Tal erreicht und die Ache überschritten hatte, kamen ihr die Geißen zugelaufen. Vom Lokistein herüber klang die Glocke. Hinzula stand und lauschte. Ein schluchzender Laut erschütterte ihre Brust, sie sank ins Gras, bewegte unter der Kotze die schmerzende Schulte rund brach in bitterliches Weinen aus.

Die Glocke läutete. Ihr Klang schwoll hin über den Hang des Untersberges und wieder hallte im Wald. Vor einer Rindenhütte, inmitten eines Ringes von dorrendem Astwerk gefällter Bäume, standen drei rauchende Kohlmeiler. Zwischen ihnen ging Eigel hin und her, in der Hand eine hölzerne, von Ruß geschwärzte Schaufel. Stieg aus einem der Meiler ein Rauchfaden an unrechter Stelle auf, so fasste Eigel von der mit Kohlenstaub gemischten Erde die Schaufel voll und sperrte der ausbrechenden Glut die Luft. Da hörte er die Glocke läuten. Er ließ die Schaufel sinken und lauschte. Ein paar Schritte tat er, als zöge ihn der Hall; aber mit sorgendem Blick streifte er die Meiler, aus denen die Rauchstrahlen summend hervorbrachen. "Meinetwegen, mögen sie hin sein alle drei," murmelte der Alte und warf die Schaufel weg, "ich muss hinunter!" Er ging auf die Rindenhütte zu, fasste das Grissbeil und verließ die Kohlstätte.

Auf ausgetretenem Pfad durchschritt er den Wald. Als er einer Stelle nahe kam, an welcher zwei Fußwege sich kreuzten, blieb er betroffen stehen und trat mit raschem Schritt hinter einen Busch. An der Wegscheide saß Rimiger auf einem Steinblock, den Zügel seines Pferdes um den Arm geschlungen, und spähte über den seitwärts herführenden Pfad hinaus.

"Dem geh' ich lieber aus dem Weg," meinte der Kohlmann und schlich, gedeckt durch die Büsche, zwischen den Bäumen davon. In weitem Bogen schritt er durch den Wald. Dann blieb er stehen. "Ich mein', es müsst' beim Lok'stein gewesen sein!", murmelte er und änderte die Richtung. Er ging nicht lange, da hörte er hinter sich gedämpften Hufschlag, und als er sich umblickte, hielt Sindel vor ihm das Pferd an.

"Was hast Du da zu schaffen im Wald?"

"Ich, Herr? Warum?", fragte der Kohlmann zögernd.

"Weil ich's wissen will!"

"Meiner Arbeit geh' ich nach."

"Welcher Arbeit?"

"Gestern auf den Abend hab' ich Wurzen gegraben, beim Lok'stein drüben. Alle hab' ich nicht schleppen können, und drum hol' ich jetzt das Binkel, das ich gestern hab' liegen lassen."

Sindel maß den Alten mit misstrauischen Augen. "Hol' Dir Wurzen, wo Du magst, aber nicht beim Lokistein ... heut nicht ... und nimmer!"

"So? So?", sagte der Kohlmann, und ein kaum merkliches Lächeln zuckte um seine graubärtigen Lippen. "Ihr habt wohl beim Lok'stein einen Saufang gestellt oder eine Bärengrub' ausgeworfen, gelt?"

"Was kümmert's Dich! Mach', dass Du weiter kommst!" Mit einem Schenkeldruck trieb Sindel das Pferd an und ritt auf den Kohlmann ein.

Eigel wich zur Seite. "Ich geh' schon! Und gutes Gejaid, Herr!" Ohne sich noch einmal umzublicken, schritt er in der dem Lokistein entgegen gesetzten Richtung durch den Wald davon. Aber der Weg, den er einschlug, war nicht der Weg nach seiner Kohlstatt.

Die Glocke läutete...

Ihr Hall schwamm über die stillen Baumwipfel hinaus in das weite Tal, gegen den Untersteiner Forst und gegen die Schönau hin.

Auf weiter Rodung, zwischen Wiesen und Feldern, umgeben von nachbarlichen Gehöften, erhob sich hier das Haus des Schönauers, von hohem Hag umzogen. Das war unter allen Huben der Au die stattlichste, wohl nur ein niederes Blockhaus mit altersmürbem Strohdach, aber umringt von Ställen und Scheunen, von fruchtschweren Obstbäumen und volkreichen Immenständen. Zwei zottige Hunde lagen vor der offenen Haustür in der Sonne. Hühner und Enten belebten den Hof, und aus einer Scheune klang die singende Stimme einer Magd.

Vor der hölzernen Hausbank standen Ruedlieb und sein Vater, eine breitschulterige Mannsgestalt. Schwere Arbeit hatte den wuchtigen Rücken gekrümmt; lange graue Haarsträhne hingen um ein furchiges Gesicht mit kurz geschorenem Bart, mit herben Lippen und kleinen ruhigen Augen, welche von buschigen Brauen überschattet waren. Vor den beiden stand auf der Bank eine hölzerne Kraxe. Sie war beladen mit Brotwecken und Käslaiben, mit einem irdenen Honigtopf, mit Rauchfleisch und einem kleinen Metfässlein. Ruedlieb schnürte ein Hanfseil um die Ladung, und der Schönauer prüfte jede Schlinge, die der Bub legte, auf ihre Festigkeit. Da hörten sie die Glocke, gedämpft durch die Ferne, nur noch wie einen klingenden Hauch in den Lüften. Sie lauschten und sahen sich an.

"Von der Ramsau herüber hört man das Glöckl nicht," sagte Ruedlieb, "das müssen sie sein, Vater!"

Der Schönauer nickte. "Jetzt brauchst nimmer lang nach ihnen suchen, Bub. Geh nur auf den Lok'stein zu, und ich mein', Du bist nimmer weit von ihnen."

Schweigend lauschten sie, bis der leise Hall in den sonnigen Lüften verzitterte. Der Bauer atmete tief auf. "Jetzt nimm die Krax', Bub. Und sag' halt: Das schickt ihnen der Schönauer ... und sag's ihnen nur g'rad heraus: Wenn sie's gut meinen mit dem Gadem, so sollen sie einen treuen Mann an mir haben."

"Und an mir auch keinen schlechten!", lachte Ruedlieb und wollte die Kraxe fassen, um sie auf den Rücken zu schwingen. Da trat ein Bauer in den Hof, eine hager aufgeschlossene Gestalt. Das war der Kagenhart. Er fuchtelte mit den Armen und schrie: "Hast gehört, Schönauer, hast das Glöckl gehört?"

Kaum hatte er ausgesprochen, da kam schon ein zweiter, ein dritter - einer nach dem andern kamen sie gelaufen, alle die Anrainer der Schönau, alte und junge Männer, grob gefügte, wetterharte Gestalten, äußerlich einander gleichend in den rauen Hanftuchkitteln und grauen Kotzen: der Kirngasser, der Köppelecker, die beiden Brüder vom Winkler Wesen, der Waldhause, der Schwaiger und Grünsteiner, die Hanetzerbuben, der Kinill und Urstaller, der Bärenlochner und zuletzt der alte Gobl. Sie alle hatten die Glocke gehört, sie alle wussten, was ihr klingender Ruf bedeutete. Ging doch die Rede von der Schenkung, welche Frau Adelheid in ihrer Sterbstunde getan, schon seit dem Frühjahr im ganzen Tal von Hütte zu Hütte. Da hatte man keinen Heimgart gehalten, bei welchem nicht von den erwarteten Klosterleuten gesprochen wurde, bald in Zweifel und Sorgen, bald in scheuer Hoffnung auf bessere Zeiten. Nun waren sie gekommen...

"Hsat gehört, Schönauer, hast das Glöckl gehört?", laufen kamen. Sei standen um den Schönauer her. Die einen machten bedenkliche Gesichter und krauten sich hinter den Ohren. Die andern schrieen erregt und mit wirren Stimmen durcheinander, bis der Schönauer die Hand erhob. "Aber Leut', Leut', so lärmt doch nicht so!"

Da verstummten die meisten, doch der Waldhauser rief: "Das Maul sollen wir uns auch noch verbieten lassen, wo's hergeht bei uns um Haut und Haar'!"

"Wohl wohl, recht hat er," fielen mehrere Stimmen ein; und der ältere der Hanetzerbuben schrie: "Die droben in Wazemanns Haus müssen wir füttern! Jetzt kämen die auch noch und möchten schöpfen und abrahmen ... ja was bleibt denn nachher für uns?" Diese Rede fiel in die erregten Gemüter wie Feuer ins Stroh.

"Aber "Leut', Leut'!", mahnte der Schönauer und drängte sich zwischen die Schreier. "So denkt doch ein lüztel weiter als nur in die Gurgel hinein. Es weiß doch ein jeder von Euch, was die Ramsauer haben von ihrem Gottesmann..."

"Wohl wohl!", fiel der Urstaller ein. "Und bei denen die zu uns kommen, soll auch einer sein, der den Fried' auf der Zung' hat und die Güt' im Aug'. Gestern auf die Nacht noch ist der Eigel zu mir gekommen ... der ist dabei gewesen, wie der Gottesmann gered hat mit der Wazemannstochter."

Von allen Lippen schwirrten die Fragen, und der Urstaller erzählte, was der Kohlmann ihm berichtet hatte. "Die Händ' haben dem Eigel gezittert vor lauter Freud'," so schloss er, "völlig lichtscheinig sind ihm die Augen gewesen, und keine andere Red' schier hat er gehabt als allweil die einzig': Die bringen uns die gute Zeit, Urstaller, die gute Zeit!"

Lautlose Stille folgte diesen Worten. Nur der alte Gobl, das weißbärtige Kinn auf den Stab gestützt, schüttelte den Kopf und murmelte: "Die gute Zeit? Wo sollt' denn die herkommen auf einmal? Da müsst' sich erst 'was rühren im Berg!" Die halb erloschenen Augen des Greises glitten über das Tal hinweg und suchten den Untersberg.

Noch immer schwiegen die anderen. Ruedlieb, der die Kraxe wieder hingestellt hatte, trat zu den Leuten. Sein Gesicht brannte, und seine Stimme bebte. "Die Klosterleut' sind gegen die Wazemannsbuben, hat der Eigel gesagt ... ich mein', wir müssten den Wald ausschlagen, dass sie freien Weg haben überall im Tal!"

Da nickten sie alle, und der Köppelecker rief: "Keiner von uns Männerleut' hat die richtige Reg' gefunden, ein Bub hat sie finden müssen!"

Ruedlieb wollte sprechen, aber der Vater schob ihn zurück. "Sei still, Liebli, Du hast noch allweil nicht die Jahr' zum Mitreden."

"Aber die Fäust' hätt' ich zum Dreinschlagen, und dazu wär's schon lang an der Zeit gewesen!" Ruedlieb wandte sich ab und ließ sich neben der Kraxe auf die Hausbank nieder. Die Leute erschraken über diese Rede, und der Kinill blickte mit scheuen Augen im Hof umher und gegen das Hagtor, ob nicht ein unberufenes Ohr in der Nähe wäre. Der Waldhauser aber trat vor den Schönauer hin und sagte: "Du bist der Richtmann im Gadem ... sag' Du uns, was wir tun sollen!"

"Was wir all' tun sollen, das wird ausgeredet in der Thingnacht. Ich für mein' Teil schick' den Buben hin mit Brot und Käs', mit Honig und Met und lass' ihnen guten Einstand wünschen im Gadem."

"Natürlich! Nur gleich zinsen am ersten Tag!", schrie der ältere Hanetzer mit rotem Gesicht. "Dass sie nur ja gleich drauf kommen, wie's schmeckt!" Die einen nickten zu dieser Rede, die anderen schüttelten die Köpfe.

"Ich mein', wir können mehr von ihnen haben, als sie von uns!", sagte der Schönauer. "Und wer Milch ziehen will von der Kuh, der muss ihr zuerst das Futter legen."

"Wohl wohl! Aber eine Kuh ist etwas anders! Bei der weiß ich, wie ich dran bin. Aber wer die Herrenleut' melken möcht', ich mein', der braucht keinen großen Milchamper." Der Hanetzer schob die Hände unter die Kotze und ging davon. Sein Bruder wurde verlegen, aber er folgte dem älteren. Die einen lachten, und die anderen schalten: Das wär' doch keine Sache, die man abtäte mit einem spöttischen Wort.

"Lass Deinen Buben ein' Weil' noch warten, Schönauer," sagte der Köppelecker, "ich spring' heim und leg' dazu, was ich g'raten1 kann!" Er eilte davon.

"Ich gäb' auch gern, wenn ich nur 'was hätt'!", sagte der Urstaller. "Aber eh' mein Bub nicht abtragt von der Alben, hab' ich selber schier kein Brösel mehr im Haus."

"Brauchst 'was?", fragte der Schönauer. "Ich hilf' Dir schon aus."

Der Urstaller schüttelte den Kopf. "Morgen muss der Bub kommen." Dann ging er, und mit ihm ging der Grünsteiner, der kein Wort zu reden wusste.

"Ich hab' ein Stück Fleisch daheim," sagte der Kirngasser, "und auf ein paar süße Käs' kommt's mir auch nimmer an."

"Wohl wohl, ich geh' auch heim und red' mit meinem Weib," stotterte der Bärenlocher, "ich mein', sie wird schon ein lützel 'was hergeben."

"Die Deinig' schon," brummte Kaganhart und verdrehte die Augen, "aber die meinig' wird ein schieches Gesicht dazu machen."

"Sag' ihr halt, sie soll ihre Zähn' scheren!", lachte einer der Winkler Buben. "Da fallen so viel' Haar' ab, dass die Klosterleut' ein Häs davon kriegen." Er wandte sich zum Schönauer. "Ich bring' von meiner Mutter ein Stückel Hanftuch."

Nun gingen sie alle. Der Schwaiger wollte ein Mäßlein Honig bringen, der Waldhauser Eier und Schmalz.

"Da krieg' ich die Krax' voll, dass ich gut zu tragen hab!," meinte Ruedlieb. "Aber es dürft' so schwer wiegen, wie ein Kalb ... ich schlepp' alles hin! Die Klosterleut' sollen Augen machen!" Er begann an der Kraxe den Strick zu lösen, um noch aufpacken zu können, was die andern bringen würden.

"Und Du, Gobl?", wandte sich der Schönauer an den Greis, der, das Kinn auf den Stab gestützt, mit halbgeschlossenen Augen den Gehenden nachblickte. "Warum hast denn Du nicht gered?"

Der Alte hob langsam das Gesicht. "Weil ich kein Wörtl gewusst hab', das der Müh' wert gewesen wär'."

"Und willst nicht auch 'was dazu geben?"

Ein müdes Lächeln glitt über die dürren Lippen des Greises. "Geben? Warum denn noch geben?" Er schüttelte den Kopf. "Wer 'was will, der kommt schon und nimmt. Ich hab' mein Weib nicht geben brauchen ... der Krank2 hat sie genommen. Ich hab' meine Buben nicht geben brauchen ... den ein' hat Herr Waze erschlagen, den andern hat die Lahn verschütt't, den letzten haben die Wölf' zerrissen. Ich hab' meine Heilka nicht geben brauchen, meine liebe Dirn' ... die Windach hat sie verschluckt. Warum denn noch geben? Und was denn? Gestern ist meine letzte Geis verreckt. Mein Hüttl mag keiner, da wandern schon die Mäus und Ratzen aus. Ich halt, ich bin noch übrig. Und der mich nimmt, der kommt schon, wohl wohl, wenn ich auch lang auf ihn warten muss. Der tut einen Segesschalg3 ... und ich lach' dazu und sag': Jetzt hat's ein End'!" Er nickte und schritt dem Hagtor zu.

Der Schönauer ging ihm nach und hielt ihn am Arm zurück. "Gobl! Gobl! Wie Du, so sollt' doch ein Mensch nicht reden!"

"Warum nicht?" Der Alte hob die roten Lider und starren Blickes sah er mit seinen müden Augen dem andern ins Gesicht.

"Schau, Gobl, Dir selber blüht wohl nimmer auf, was von Dir hat abfallen und faulen müssen. Aber denk an die anderen, Gobl, verschlag ihnen den Mut nicht mit Deinen Reden! Schau ... ich hab's vor den Leuten nicht sagen mögen, denn sie reden gleich alles aus und schreien um ... aber zu dir sag' ich's: Ich halt' viel vom gestrigen Tag, der uns die Klosterleut' gebracht hat. Sei kommen als Herren ins Tal, und das wird denen in Wazemanns Haus droben in die Nas' steigen. Gib acht, zwischen den beiden hebt ein Raufen und Raiten an. Frisst Herr Waze die Klosterleut' auf, so kann's nicht schlechter kommen, als wie's allweil schon war. Ducken die Klosterleut' den Waze, so kann's nur besser kommen, und die gute Zeit steht ein."

"Gute Zeit? Da müsst' sich erst 'was rühren im Berg!" Der alte Gobl schüttelte den Kopf. "Wir, Schönauer, wir erleben's nimmer. Die Zeit steht in der Halbscheid' ... das Alt' ist halb, und das neu' ist halb. Mein Stall ist abgebronnen, da hat kein Heilbuschen geholfen ... und vom Ramsauer Kirchl hat der Blitz das Kreuz geworfen. Die Heilburschen sind dürr, und das Kirchenkraut hat steinigen Boden. Herr Wute schlaft im Berg und der ander' im Gewölk ... bis einer aufwacht, müssen die Berg' sich rühren."

"Das ist müdes Gered', Gobl!", sagte der Schönauer.

Der Alte nickte. "Hast recht! Drum lass mich heimgehen! Wie eine rauch red, so oder so ... es hat kein Wörtl einen Sinn. Die nimmer reden können, die wissen das Best'. Das ist mir eingefallen unter dem Apfelbaum." Mit tastendem Stab schritt der Greis dem Hagtor zu.

Da erschien ein junger Bauer im Tor, erregt, das Gesicht vom raschen Lauf gerötet. Es war der Schapbacher, dessen Hube zwischen der Schönau und Ramsau tief im Wald lag. Der Alte Gobl blickte auf die Seite, als der Bauer an ihm vorüber lief.

"Schapbacher! Was bringst?", fragte der Richter.

"Ich such' einen guten Rat. "Meine Albendirn' ist heimgekommen von der Ödhütt', ganz verweint ... der Geißbub geht ab seit gestern Mittag."

"Der Huze?"

Unter dem Tor blieb der alte Gobl stehen. Er wandte das Gesicht nicht, doch er lauschte.

"Ein paar Geißen müssen sich verstiegen haben," sagte der Schapbacher. "Die ist er suchen gegangen und nimmer heimgekommen. Aber die Dirn' hat nicht den Mut gehabt, dass sie ihm nach steigt."

"Warum nicht?"

"Der Bub ist eingestiegen unter die Eismann-Wand."

"In Wazemanns Bannberg!", fiel der Schönauer erschrocken ein. Der alte Gobl wollte den Hof verlassen, aber der Schönauer ging ihm nach und fasste den Greis am Arm. "Hörst nicht, Gobl, hörst denn nicht? Es geht um der Heilka ihren Buben her!"

In dem starren Gesicht des Alten rührte sich kein Zug, aber seine Stimme klang heiser. "Was geht mich der Bankert an! Weswegen redst denn mit mir von ihm ... geh hinauf in Wazemanns Haus! Red' mit dem Henning!" Er riss sich los und verließ den Hag.

"Gobl! Gobl!", mahnte der Schönauer. Doch der Alte hörte nicht mehr, und der junge Schapbacher sagte: "Lass ihn, Richtmann! Da ist jedes Wort umsonst gered. Sag' lieber: Was kann denn geschehen für den Buben? Man muss ihn doch suchen! Aber auf dem Bannberg umstiegen, das ist eine schieche Sach'. Meinst nicht, ich soll hinauf in Wazemanns Haus und Anfrag' halten?"

Der Schönauer schüttelte den Kopf. "Das wird nichts helfen. Geh heim und richt' ein paar Kienlichter her! Und auf den Abend halt' Dich fertig, wir suchen die Nacht durch. Bei der Windach wart' auf mich, wenn die Sonn' weg ist!"

"Soll die Dirn' auch mit?"

"Die lass daheim, die kann das Maul nicht halten."

"Geht Dein Bub mit?"

"Mein Bub? Das könnt' mir einfallen! Nein, Schapbacher, mein Liebli soll mir bei so 'was aus dem Spiel bleiben. Ich nehm' den Knecht, und der Köppelecker geht wohl auch mit. Unser vier, das reicht schon. So geh halt heim derweil! Und Zeit lassen!"

"Zeit lassen!" Der Schapbacher verließ den Hof. Draußen vor dem Hag bleib er stehen, blickte über das Feld hinaus, und hastig sich duckend, als sollten die hohen Ähren ihn verbergen, schlich er davon. "Was hat er denn?", murmelte der Schönauer und trat unter das Hagtor. Quer durch die Felder sah er einen Reiter dahersprengen. Es war Herr Waze. Der Schönauer erbleichte. Dieser Besuch galt seinem Hof - und der Richtmann wusste aus Erfahrung, was solche Besuche brachten.

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1 entbehren. ^
2 der Dämon Krankheit.
^
3 Sensenschlag.
^

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