Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 7

Sigenot überschritt auf dem Heimweg die Achenbrücke. Das Wasser rauschte und klatschte im wogenden Schilf, und der wirbelnde Sturmwind trieb den weißen Schaum über das Ufer. Kein Regen fiel, aber ohne Unterlass rollte der Donner, und in schneller Folge zuckten die Blitze über das Gewölk. Tal und Berge leuchteten auf in grellem Glanz, um jählings wieder in tiefes Dunkel zu versinken. Zwischen den Bäumen, welche ächzten unter der Wucht des Sturmes, lag, wenn die blendende Blitzhelle erlosch, so schwarze Finsternis, dass Sigenot den Weg nur tastend fand. Als er das Hagtor seines Hauses erreichte, hörte er aus der Nähe des Stalles die kreischende Stimme der Magd. "Wicho! Heidoooh! Wicho!" Und aus dem Innern des Hauses klang Mutter Mahtilts schrilles Gelächter.

Sigenot erschrak, denn er kannte die Sprache dieses Lachens, und eilte hastig über den Hügel empor. Matter Feuerschein leuchtete aus der offenen Haustür. Der Fischer trat in eine weite Halle, welche Flur, Wohnstube und Küche in einem war. Die Balken der Decke waren berußt, und quer unter dem offenen Rauchfang hing die Bretterklappe, welche durch einen Kettenzug geschlossen werden konnte, um die Wärme im Raum zurückzuhalten oder dem Eindringen des Windes zu wehren. Eine Türe führte in Sigenots Kammer, eine zweite in die Schlafstube seiner Mutter und Schwester. Die Balkenwände waren mit dünnen Stangen verschalt, an den Fensterlucken die Läden vorgeschoben. An der Wand hingen Rahmen für Pfannen und Kochgeschirr, für die hölzernen Teller, Schüsseln und Becher. Hier ein mächtiger Schrank, dort eine plumpe Truhe. In einer Ecke standen drei Spinnrocken, in deren zottigen Hanfwuckeln die halb übersponnenen Spindeln stacken. In einer zweiten Ecke war der Webstuhl angebracht. Um die dritte Ecke zog sich eine Holzbank, und vor ihr stand ein Tisch, dessen runde, roh behauene Steinplatte von einem dicken Baumstrunk getragen wurde. Dieser Stamm war in den mit Lehm beschlagenen und mit frischem Schilf bestreuten Boden nicht eingesetzt sondern eingewachsen, und seine nach allen Seiten greifenden, knorrigen Wurzeln waren abgewetzt vom Eisenbeschlag der Schuhe. Über der Bank hing an der einen Wand eine Eisenhaube, ein Ringhemd, ein gebuckelter Schild und das lange Schwert in lederner Scheide - an der anderen Wand hingen auf Holznägeln zahlreiche gewundene Garnstränge feineren und gröberen Gespinstes. Zwischen den beiden Türen war der niedere offene Herd an die Balkenwand angebaut. Über ihm, auf schmalem, schwarz berußtem Gesims, standen die den Herd beschützenden Alraunen und geschnitzten Feuermännlein. Auf der Herdstatt flackerte, den dampfenden Dreifuß umzüngelnd, eine rauchlose Flamme. Ihr Schein beleuchtete Sigenots Mutter, welche neben dem Herd in dem mit einem Wolfsfell überhängten Lehnstuhl saß. Das Kleid aus gelblichem Hanftuch und die regungslose Ruhe der gelähmten Füße gaben ihrem Körper den Anschein eines steinernen Bildes. Aber die Arme waren dem Sohn entgegengestreckt, Angst und Jammer sprachen aus dem Gesicht, über dessen Wangen vier straff geflochtene graue Zöpfe nieder hingen auf die Brust, die weit offenen Augen waren mit Tränen gefüllt, und die schwere Zunge lallte. In jener Unglücksnacht, in welcher das Wasser Sigenots Vater verschlungen, hatte Mutter Mahtilt die Sprache verloren. Nur Lachen und Weinen waren ihr noch geblieben - das Weinen für die Freude, das Lachen für Wunsch und Angst.

"Mutter?", stammelte Sigenot. "Was ist denn geschehen?" Das Weib lallte und lachte. Er schien sie zu verstehen und blickte um sich. "Das Rötli? Wo ist das Rötli?"

Mutter Mahtilt deutete mit den Armen, während ein Windstoß unter dröhnendem Donner das Haus umfuhr. Da erblasste Sigenot. "Draußen? Auf dem Wasser?", schrie er und stürzte zur Türe. Auf der Schwelle blieb er stehen, kehrte zurück, fasste die Hände der Mutter und sagte: "Musst keine Angst haben, Muetterli, ich bring' Dir das Kind!" Mutter Mahtilt klammerte die Finger um seine Hände, blickte zu ihm auf und nickte. Ihre Hände zitterten, und glänzende Zähren rollten über ihre Wangen.

Sigenot lächelte und ging zur Türe. Kaum aber war er hinausgetreten ins Freie, in den tobenden Sturm, da überfiel ihn zitternde Unruhe. Mit zuckenden Händen griff er nach einem Ruder. "Wicho! Wicho!", schrie er. Aber es kam nur die Magd gerannt.

"Der muss im Heimgart' sein, ich weiß nicht, wo!", stotterte sie.

Sigenot schwang das Ruder über die Schulte rund rannte über den Hügel hinunter, dem Hagtor zu; hinter ihm her die Magd. Als sie die Lände erreichten, über welche jede anrauschende Welle einen schäumenden Wasserguss herausspülte, zuckte ein greller Blitz. In der brennenden Helle sah Sigenot den Einbaum am Ufer liegen. "Ach Du meine Not," stammelte er, "sie hat nur den leichten Grausen!" Er warf das Ruder in den Einbaum und stemmte, auf die Knie gebückt, von Wasserschaum umflattert, die Schulter gegen das schwere Boot. Die Magd wollte ihm helfen, aber sie kam zu spät. Ehe sie noch die Hände ausstreckte, schwankte der Nachen schon auf den Wellen, und Sigenot stand darin und zerrte das Ruder durch den Weidenring. Mit wuchtigen Schlägen trieb er den Einbaum, dessen Schnabel auf die ansteigenden Wellen klatschte. Blitz um Blitz erhellte die Finsternis, Sigenot spähte hinaus über den Seeweiher, doch er sah nur das Gewirbel des weißen Wassers.

"Rötli! Rötli!", schrie er mit hallender Stimme, aber sein Ruf erstickte im Brausen des Sturmes, und keine Antwort klang. Nur droben in Wazemanns Haus heulten und kläfften die Hunde.

"Rötli! Rötli!", schrie Sigenot immer wieder und holte mit dem Ruder aus, dass die Stange knirschte. Jeder neue Wellenschlag erschütterte den Einbaum und machte ihn stiegen und sinken; aber das Boot hielt feste Fahrt. Nun fuhr es knirschend durch Geröhr, rauschte vorüber an der Insel Bidlieger, und vor Sigenot öffnete sich der Weitsee. Brausen, Rauschen, Donner und Echo füllte den gewaltigen Felsenkessel. Es flammte ein Blitz, aber Siegenot sah nur die weiß schäumenden Wellen und die grauen Nebelschwaden, welche der Sturmwind nieder peitschte über die steilen Berggehänge.

"Rötli! Rötli!"

Da klang von der Falkenwand herüber ein schluchzender Schrei.

"Ich komm' schon, Rötli!", jauchzte Sigenot und warf sich mit dem ganzen Körper auf die Ruderstange. Jeder Schlag trieb den Einbaum über sprühende Wellenkämme, und immer näher rückte die schwarze Wand. Ein Blitz fuhr nieder über die Berge, und in dem Feuerschein, der über das kochende Wasser floss, sah Sigenot den Grausen an der senkrecht aus dem Wasser steigenden Felswand hängen und anschlagen wider das Gestein - aber zwei Gestalten trug der Nachen, und vier Arme hingen angeklammert an das dürftige Gestrüpp', das in den Runsen der Felswand wurzelte. Ein heißer Schreck durchzuckte Sigenots Herz, und über seine Lippen rang sich ein stammelnder Laut. Da lag schon wieder die Finsternis um ihn her. Aber der Einbaum schoss der Felswand zu, die Ruderstange ächzte, und der Schaum der gebrochenen Wellen, vom Sturm getrieben, übersprühte Schiff und Schiffer. Wieder flammte ein Blitz - dicht neben dem weißumrandeten Gransen glitt der Einbaum vorüber - Sigenot ließ das Ruder sinken, griff mit beiden Armen zu, fasste mit eisernem Griff die Tochter Wazes um die Hüften und schwang sie herüber in das Bott. Recka taumelte, ihre Arme klammerten sich um den Hals des Fischers, und schwer hing sie an seiner Brust. Siegenot hielt das Mädchen umschlungen. Er fühlte ihren bebenden Körper, den Schlag ihres Herzens, den heißen Hauch ihres Mundes - es ging ihm wie strömende Glut durch Leib und Herz, und ein jähes Zittern rann ihm durch die Arme. Da klang durch das Rauschen und Stürmen, in schreiender Angst, Edelrots Stimme: "Ich sink'! Ich sink'!"

Sigenot erwachte. "Rötli!", reif er mit ersticktem Laut, und seine Arme ließen von Recka, welche wankend niederstürzte auf den Boden des Einbaums. "Rötli! Ich komm' schon!"

"Sigenot!" Hart neben dem Einbaum klang der gellende Ruf, nicht mehr and er Felswand, sondern zu Sigenots Füßen, zwischen den Wellen.

Mit heiserem Schrei warf sich der Fischer auf die Knie und griff in der Finsternis mit beiden Händen hinaus über den Einbaum. Seien Finger stießen noch an den Rand des sinkenden Gransens. Da kreischte Recka: "Hilf mir, ich hab' sie gehascht!"

"Rötli! Rötli!" Sigenots Hände tauchten in eine steigende Welle, er fühlte einen schlagenden Arm und griff ihn. Ein schluchzender Laut, dann stand er aufrecht im Boot, hob die Schwester mit zitternden Armen empor und ließ sie nieder gleiten in Reckas Schoss. Er sprach kein Wort, nur ein Stöhnen rang sich aus seiner schwer atmenden Brust.

Krachend stieß der Spiegel des Schiffes an die Felswand. Sigenot wankte - aber seien Hände hatten schon das Ruder gefasst. Er stieß sich von der Felswand ab, und mit weit ausholenden Schlägen trieb er das auf- und niederschwankende Boot durch Sturm und Wellen. Floss die Feuerhelle eines Blitzes über das Wasser, so sah er vor sich im Einbaum Wazemanns Tochter sitzen, mit blassem, steinernem Gesicht, das die vom Sturm gelösten Haare umringelten gleich roten Flammen, und vor ihr lag Edelrot auf dem Boden des Einbaums, Reckas Hüfte umklammernd, das Gesicht in ihrem Schoß gedrückt, mit ersticktem Schluchzen, umschwankt von dem Wasser, das die Wellen in den Khan geworfen.

Im Röhricht, welches den Bidlieger umzog, stockte der Einbaum, aber ein Stoß der Ruderstange befreite ihn wieder - und nun wies in der Finsternis die rot leuchtende Tür des Fischerhauses den Weg zur Lände. Die Magd am Ufer, da sie den Nachen klatschen hörte, stieß einen hellen Schrei aus und rannte dem Haus zu.

Knirschend fuhr der Einbaum in den Sand, und eine Welle überschlug ihn. Sigenot sprang an das Ufer. Stammelnd beugte er sich über Edelrot, umschlang sie mit beiden Armen und hob die Schwester, deren Gewand von Nässe troff, empor an seine Brust. Wazes Tochter erhob sich und sprang aus dem Kahn. Sie presste die Hände auf den Busen und starrte hinaus über den tobenden See. Grell leuchtete ein Blitz.

"Recka!", stammelte Sigenot. "Hast Du Schmerzen ... ist Dir 'was geschehen?"

"Mir? Nein!", klang ihre harte Stimme. "Aber meine Stößer hab' ich verloren. Um die ist mir leider, als mir um mich gewesen wär'." Sie kehrte sich ab, und unter rollendem Donner schritt sie den im Sturmwind rauschenden Bäumen zu.

"Recka!", rief ihr der Fischer nach. "Willst nicht warten, bis ich mit einer Fackel komm'?"

"Ich find' meinen Weg allein!"

Enger klammerten sich Sigenots Arme um die zitternde Schwester, und raschen Ganges trug er sie in das Haus "Muetterli!", schluchzte Edelrot, als der Bruder sie drinnen nieder gleiten ließ. Sei sank vor der Mutter auf die Knie und schmiegte sich an ihre Brust, tief atmend, als fühlte sie sich jetzt erst sicher und gerettet. Mahtilt umschlang ihr Kind, drückte die Wange an Rötlis Köpfchen und weinte in heißer Freude...

Sigenot starrte stumm die beiden an. Fahle Blässe lag auf seinem Gesicht, und seine Augen brannten. Da fasste die Mutter seine Hand, drückte sie und lächelte zu ihm auf. Er aber zog die Hand zurück und schüttelte den Kopf. "Ich hab' Dir das Kind nur heimgetragen ... geholfen hat ihm Wazemanns Tochter!" Er griff nach einer langen Kienfackel. Welche in einer Ecke lehnte, steckte sie am Herdfeuer in Brand und verließ die Stube. Eilenden Ganges gewann er die Achenbrücke. Er musste die Fackel weit von sich halten, damit ihm der wirbelnde Sturm nicht die lodernde Pechflamme ins Gesicht trieb. Als er den finsteren Wald betrat, sah er beim Schein der Fackel die Tochter Wazes zwischen den Bäumen schreiten - sie folgte dem Pfad, welcher hinüberführte zum Felsensteig. Er holte sie ein, doch als er an ihrer Seite stand, blickte sie nicht einmal auf. "Recka," sagte er, "über die Wand hinauf, das ist kein Weg für solch eine Nacht!"

"Ich geh', wo ich will."

"Ein andermal, aber heut nicht!" Mit diesen Worten fasste er ihre Hand.

Da hob sie das Gesicht, und es zuckte um ihre Lippen. Sie machte einen Versuch, ihre Hand zu lösen. Doch Sigenot hielt fest. Zwischen den Bäumen zog er sie mit sich fort, dem breiten Reitweg zu. Als sie hier eine Strecke gegangen waren, und Siegenot fühlte, dass sich Recka nicht länger sträubte, gab er ihre Hand frei. Mit hoch erhobener Fackel schritt er an ihrer Seite. Sie sprachen kein Wort. Die rauchende Pechflamme wehte und loderte, und ihr greller wechselnder Schein zitterte über den Weg und gaukelte zwischen den finsteren Bäumen. Immer brausender wehte der Sturm, immer tiefer sank das treibende Gewölk, doch immer noch wollte der Regen nicht fallen, der die Wucht des Unwetters gebrochen hätte. Reckas Gewand flatterte, und die wehenden Haare züngelten ihr um Hals und Wangen. Häufig wankte sie im Gang, vom Sturm gestoßen und getrieben. Dann hob der Fischer die Hand, als wollte er sie stützen, doch Recka raffte ihr Gewand an sich und kämpfte sich weiter.

Auf der Höhe des Weges tauchte in der Blitzhelle schon die Mauer von Wazemanns Haus empor. Nun hörte Sigenot das Rasselnd er fallenden Zugbrücke. Männer mit Fackeln kamen aus dem Tor: Reckas Brüder mit den Knechten; allen anderen voran eitle Henning den Weg einher.

"Ich komme!", rief ihm Recka entgegen.

Geschrei und Gelächter war die Antwort; ein Teil kehrte in das Tor zurück, und Henning schrie: "Wo bleibst Du nur so lang? Der Vater flucht schon eine ganze Weil'. Wo warst Du denn?"

"Auf dem Weitsee!"

"Jetzt? Im Sturm?" Da erkannte Henning im Fackelträger seiner Schwester den Fischer. "Was will denn der bei Dir?" Recka schwieg. "Hat der Dich am End' herausgeholt?"

"Ja!", sagte Recka und schritt an dem Bruder vorüber. Sigenot hatte schon den Rückweg angetreten, doch er hörte noch Hennings Lachen und seine höhnenden Worte: "Schäm' Dich, Schwester! Bist Blut von Wazes Blut und musst Dir helfen lassen von einem solchen..."

Sigenot stand, und seine Faust krampfte sich um den Schaft der Fackel. Dann schritt er weiter, und ein bitteres Lächeln glitt über seine bleichen Lippen. Immer rascher wurde sein Gang. Äste, die der Sturm von den Bäumen am Wegsaum brach, fielen ihm vor die Füße. Als er die Achenbrücke erreichte, war die Fackel niedergebrannt. Er warf den erlöschenden Stumpf in das Gewirbel des Baches und überschritt in der Finsternis die Brücke. Bald erreichte er seinen Hag und verschloss das Tor mit dem Balken.

Die Stube fand er leer. Mutter und Schwester lagen wohl schon im Schlummer. Nur ein Häuflein Kohlen glostete noch auf dem Herd, und auf dem Steintisch brannte die irdene Butterlampe mit züngelndem Flämmlein. Neben die Lampe hatten sie ihm das Nachtmahl hingestellt. Sigenot sah es nicht, er ließ sich auf den Herdrand niedersinken, atmete tief und starrte in den roten Schein der Kohlen.

Draußen tobte das Wetter, und durch die Spalten der geschlossenen Türe, durch die Ritzen der Fensterläden leuchtete der weiße Feuerschein der Blitze.

 

Gleich einer Heerschar finsterer Gestalten jagten die Wetterwolken aus dem See hervor und flogen über das weite Tal hin gegen den Untersberg.

In den Lüften heulte der Sturm, in der Höhe des Waldes brausten die Bäume, doch in die tief gesenkte, von dichtem Gestrüpp umhegte Mulde, in welcher die Brüder auf Schweikers Rat die Zelte für die Nachtrast aufgeschlagen, drang der Wind nur mit gebrochener Macht, und selten geschah es, dass ein stärkerer Stoß aus den Lüften niederfuhr und an den beiden Zelten rüttelte. In dem einen teilte sich Schweiker und Bruder Wampo in den schmalen Raum. Von der Gabelung der Zelthölzer hing ein schwankendes Lämplein nieder und warf seine trübe Helle über das auf einer Stangenbritsche gebettete Mooslager der beiden Brüder. Lang ausgestreckt, den Arm als Kissen unter dem Kopf, lag Schweiker in gesundem Schlaf. Ihn weckte kein Donner, kein Brausen des Sturmes. Nur manchmal rührte er sich ein wenig, tat einen schüchtern schnarchenden Atemzug und lag dann wieder in stillem Schlummer. Bruder Wampo aber konnte kein Auge schließen. Er saß auf dem Moosbett, die Knie an den Leib gezogen, die Arme um die Beine geschlungen, zuweilen tat er wohl im beginnenden Halbschlaf einen kleinen Nicker mit dem Kopf, doch wenn der Donner krachte und rollte, riss er die Augen wieder sperrangelweit auf und brummte vor sich hin: "So ein Wetter! Nein, ist das ein Wetter!"

Immer häufiger schielte er nach dem schlafenden Bruder. Als Schweiker nun gar im Traum zu reden und halblaut zu lachen begann, versetzte ihm Wampo einen Stoß in die Hüfte.

"Holla! Ich komm' schon! Geht's zur Mett'?", stotterte Schweiker im Erwachen, setzte sich auf und rieb die Augen. Da merkte er, wo er sich befand.

"Warum hast mich denn geweckt?"

"Weil ich Langweil' hab'."

"So schlaf halt auch!"

"Wie soll man denn schlafen können bei so einem Krachen und Rumpeln!"

"Das wirst gleich sehen!", meinte Schweiker und streckte sich wieder.

Aber Wampo zupfte ihn am Kuttenärmel. "Du! Was hast denn vorhin geträumt ... das muss ja 'was Lustigs gewesen sein!"

Schweiker zog die Brauen in die Höhe. "Ja, Du, was mir geträumt hat!" Er hob den Kopf und stütze ihn mit der Hand. "Mir ist gewesen im Traum, als hätt' ich eine schwere Sünd' begangen. Was es war, das weiß ich nimmer ... aber es muss 'was arg Schieches gewesen sein, denn vor lauter Schreck bin ich umgefallen und maustot gewesen auf der Stell'."

"Geh!"

"Wohl wohl ... und da hat's einen Knaller getan wie ein Donnerkeil, und die Brust ist mir aufgesprungen, als wär's ein Wecken im Backofen, und aus dem Loch heraus ist meine Seel' in die Höh' gefludert. Wie eine weiße Taub' hat sie ausgeschaut, aber einen grauslichen schwarzen Fleck hat sie gehabt ... weißt, von der Sünd' halt ... und allweil höher ist sie geflogen, mitten durchs Wettergewölk, und auf einmal bin ich im Himmel gewesen."

"Geh! Wie hat's denn ausgeschaut drin?"

"Schön halt. Wie soll's denn im Himmel anders ausschauen1"

"Freilich, Freilich!" Bruder Wamp legte die Hände auf das Bäuchlein und trommelte mit den Fingern. Jetzt hatte er was er wollte - gemütlichen Haingart! "Aber weiter! Was weiter?"

"Schön war's, ja! Der liebe Gott aber, Du, der hat mich angeschaut, ich sag' Dir's, dass meine arme Seel' gezittert hat bis in alle Federspitzeln. Und wie der Donner ist seine Stimm' gewesen! 'Du Erdenwurm,' hat er gesagt, 'Du sollst nicht selig werden und kein Bröserl sollst Du haben von meinem Himmelsbrod, eh' Du nicht Buße getan hast für Deine schieche Sünd'!' Bruder, da ist mir angst und bang geworden. Ich hab' die Händ' aufgehoben und hab' geschrieen: 'Ach, Herre Gott, was muss ich denn schaffen zur Buß'?' Und da hat er gesagt..." Schweiker schüttelte den Kopf und lachte. "Wie man nur so 'was träumen kann!"

"Aber so red' doch, was hat er gesagt?"

"Er hat gesagt: 'Zur Buß' für Deine Sünd' sollst Du das Saubartele weiß waschen!'"

Da lachte auch Wampo hell auf, denn er wusste schon, wer mit diesem kräftigen Ehrennamen gemeint war.

"Und da kommt der heilige Petrus auf mich zu und gibt mir einen Renner, dass ich in einem Sauser hinaus flieg' aus dem Himmelreich ... und da bin ich aufgewacht!"

"Mit dem Renner, Bruder, das stimmt! Den hast richtig gespürt!", kicherte Wampo.

"Was sagst! So 'was kann der Mensch träumen! Aber der Traum muss doch 'was bedeuten?" Der Bruder grübelte. "Weiß waschen? ... Der liebe Gott kann doch das Auswendige nicht gemeint haben ... der meint doch allweil nur das Einwendig'. Freilich, freilich, in dem Bartele seinem Köpfl wird's grauslich ausschauen vor lauter Unglauben und Heidenzeug!" Seufzend drückte er den Kopf ins Moos.

"Was pappelst denn allweil? Red' doch laut!", sagte Wampo, aber ein dumpfer Donnerschlag erstickte seine Worte.

Es raschelte am Zelttuch. Schweiker hob den Kopf und lauschte. "Was ist denn?", rief er.

Einer der Knechte trat in das Zelt, mit einem Span in der Hand, den er über das Lämplein hielt, um ihn anzubrennen. "Wir müssen Feuer machen," sagte er, "die Saumtier' schlagen umeinander und schnaufen ... Raubzeug muss in der Näh' sein. Aber wenn das Feuer brennt, wird bald Ruh' sein!" Mit dem flackernden Spanlicht ging der Knecht davon.

"So, schön! So, schön!", stotterte Wampo. "Da laufen ja die wilden Tier' umeinander wie die Hasen im Krautacker! O Du mein lieber Herrgott, ist das eine Gegend!" Ein Donner krachte, und das polternde Echo rollte über die Berge. "Und hör' nur das Wetter an ... das will ja gar kein End' nimmer haben!"

"Weil's ein trockenes ist! Wenn ein Regen fallen tät, so wär's bald aus."

"So eine Gegen! Nicht einmal regnen mag's daherein!" Wampo seufzte tief, zog die Beine an den Leib und umschlang sie mit den Armen. "Ganz ahnd1) wird mir im Gemüt, wenn ich heimdenk' an den Tegrinsee!" Sehnsüchtig blickten seine Augen ins Leere, und mit halblauter Stimme sang er vor sich hin:

"Valles florent undique
Montium in Tegrinseee
Roseis fulgoribus
Liliis fragrantibus;
       Tellus herbifera
       Genera pluriama
Produxit bladorum.2)"

Nach dem letzten Wort nickte er trübselig mit dem kahlen Kopf, auf welchem ein Widerschein des Lämpleins schimmerte, spitzte die Lippen und pfiff die Weise.

"Ein schönes Liedl! Wer hat's gesungen?", fragte Schweiker.

"Der Froumund, sagen sie."

"Ein Fahrender, gelt?"

"Aber Schweiker!" Und Bruder Wampo machte große Augen. "Hast Du vom Froumund noch nichts gehört? Freilich, er ist lang schon gestorben. Aber das war ein Gottesmann, berühmt landein und aus. Ich hab' ihn noch gekannt, wie ich Lausbub gewesen bin in der Klosterküch' zu Tegrinsee. Du, das ist einer gewesen! Der hat alles können: Predigen und disputieren, dichten und singen, schreiben und malen, Glocken hat er gegossen und die farbigen Fenster gemacht, das Beinschneiden hat er verstanden und hat die Chorstühl' in der Kirch' geschnitzt. Und so gut und freundlich ist er gewesen, blauäugig und flachsbartet..."

"Wie Pater Eberwein!"

"Hast recht! Wenn ich den anschau', fallt mir oft der Froumund ein. Unser Herr kann auch alles: Schaffen und gut sein! Wirst sehen, der als Propst, das wird einmal ein rechter und schlichter Kirchenherr ... kein solcher wie der in der Salzaburg, der die seidenen Schleppen und das kostbare Pelzwerk umfegt auf der Erd'."

"Horch, ich mein', er betet noch."

Wampo lauschte und schüttelte den Kopf. "Das ist der ander'. Der Herr wird schlafen, den muss der Tag müd' gemacht haben."

Der Bruder hatte falsch geraten. Vor dem andern Zelt, aus dessen Innerem der monotone Laut einer psalmierenden Stimme klang, saß Eberwein auf einer Fichtenwurzel, mit dem Rücken an den Stamm gelehnt, die Hände im Schoß gefaltet, regungslos, fast wie in Schlummer versunken. Überfloss ihn die Helle eines Blitzes, so erleuchtete sie ein ruhig lächelndes Gesicht und stille Augen, welche traumverloren hinausblickten in all das Stürmen und Toben.

Die Bilder des vergangenen Tages waren an seinem Geist vorüber gezogen, und schwere Sorge hatte ihn bedrückt. Was er an diesem Tag erleben musste, mit Sigenot, mit Waldram und mit dem Haunsperger - hatte nach der heißen Freude, die er auf der steilen Felsenzinne dort oben empfunden, nicht alles geendet mit Verstimmung und Missklang? War nicht der erste Weg schon, den er mit den Brüdern gegangen, ein Weg in die Irre gewesen? Und wie sollte nun alles weiterkommen? Würde er, ein Fremdling in diesem unwirtbaren Bergtal, wohl auch das Flecklein Erde zu finden und zu wählen wissen, welches die junge Klause am besten trüge? Und wenn die Klause stünde ... würde in dem zähen und schweren Kampf, der unausbleiblich schien, die Kraft und der hoffende Mut ihn nie verlassen, bis die Sendung erfüllt wäre, die er auf sich genommen? Aber stand er denn allein und ohne Hilfe? War denn mit ihm und seiner heiligen Sache nicht Einer, der Menschen Mildester und Größter, er, dessen Vater mit einem Wimperzucken die Welten lenkt, mit einem Hauch den Sturm erregt und ihn wieder geschweigt mit einem Lächeln? "Ach über mich Furchtsamen und Kleinmütigen, der ich doch nur die Augen schließen darf und meines Führers harren!" Mit diesen Worten war die Ruhe über ihn gekommen, und je länger er saß, hinausblickend in die sturmvolle Nacht, desto heller und stiller wurde es ihm in Herz und Seele.

Und wieder dachte er an alles, was dieser Tag gebracht. Und alles gewann nun vor seinem Blick ein anderes Gesicht. War sein Weg denn wirklich in die Irre gegangen - der Weg, der ihn und die Brüder hierher geführt an diesen stillen, vor der Wut des Sturmes wohl geschützten Ort? Und Friedrich von Haunsperg? Wie durfte er diesem Mann zürnen? Ein Kriegsmann, der die Worte nicht wog, der von derber Art war und aus hartem Holz geschnitten, ein treuer Diener, der immer nur seines Herren denkt und immer nur seines Herren Vorteil zu wahren sucht! Und Waldram? Floss denn seine zornige Strenge und seine düster flammende Art aus anderer Quelle als aus reinem Glauben an Gott, aus heißem Eifer für Gotte Sache? Und wie sollte sich, was aus Gutem kam, nicht wieder zum Guten wenden lassen? Und Sigenot, der Fischer? War Eberwein ihm nicht entgegengetreten, unerwartet, ein fremder dem Fremden? Wachsen Freundschaft und Vertrauen aus dem ersten Wort, aus dem ersten Blick? Eberwein lächelte. War denn nicht alles, was dieser Tag gebracht, natürlich und selbstverständlich? Wo lag denn ein Misserfolg, der ihn verstimmen durfte, mit Sorgen bedrücken und kleinmütig machen?

In den Lüften heulte ein Windstoß, und im Innern des Gewölkes flammte ein Blitz. In einer Wolkenkluft, auf finsterem Grund, beleuchtete die rot aufzuckende Helle ein seltsam geformtes, vom Sturm gejagtes Nebelgebild' ... "Wie ein Ross und eine Reiterin mit wehendem Rothaar!", flüsterte Eberwein.

Da lag schon wieder tiefes dunkel um ihn her, und über die Wolken rollte der Donner hin. Eberwein erhob sich und streifte, tief atmend, mit der Hand über die Stirn. "Ich habe zu lange gewacht. Meine Augen sehen, was nicht ist."

Er ging dem Zelt zu, aus welchem noch immer Waldrams betende Stimme klang. Da blendete ein grelles Licht seine Augen. Über den waldigen Hügel, welcher jenseits der Ache lag, fuhr ein Blitzstrahl nieder und stand in der Luft gleich einem brennenden Riesenbaum, der in den Wolken gipfelte und mit flammenden Ästen nach allen Seiten griff. Himmel und Erde, Berge, Tal und Wälder, alles schien in Feuer zu schwimmen - und ein Donner rasselte, als wäre der Gipfel eines Berges eingestürzt und schüttete seine springenden Trümmer über brechende Bäume.

"Da hat's eingeschlagen nicht weit von uns!", schrie Schweiker in seinem Zelt und kam hervorgestürzt. Bruder Wampo folgte ihm, stotternd und die Hände ringend. Alle beide rannten nach dem andern Zelt.

In der Finsternis, welche auf die blendende Hell folgte, trat ihnen Eberwein entgegen. "Was sucht Ihr?"

"Gott sei Dank! Weil ich nur Deine Stimm' hör'!", rief Schweiker. "Ich hab' schon gemeint, es müsst' 'was geschehen sein!"

Aus dem Wald klang das Schreine der Knechte. Eines der Saumtiere war scheu geworden und hatte sich losgerissen. Schweiker wollte zum Lager der Knechte eilen, aber schon nach wenigen Schritten stand er wieder. "Schau, Herr," rief er und deutete über die Ache hinüber nach der Höhe des finsteren Waldhügels, "der Blitz muss in einen dürren Baum geschlagen und gezündet haben!"

Nahe den beiden Felszacken, welche schwarz aufstiegen aus dem Wald, breitete sich eine rötliche Helle über die Wipfel, und es währte nicht lange, so stieg eine schlanke Feuergarbe in die Nacht empor, schwankend und lodernd im wehenden Sturm.

"Ein Zeichen des Himmels!", stammelte Eberwein. "Gott rodet den Wald für sein heiliges Haus. Wo jene Flamme brennt, soll unsere Klause stehen."

Da klang hinter ihm die Stimme Waldrams. "Ja, ein Zeichen des Himmels, das ich erflehte in brünstigem Gebet. Gott erhörte meine Bitte ... was steht ihr noch und staunt das Wunder an! Nieder auf die Knie und preist den Herrn!" Mit ausgebreiteten Armen sank er zu Boden und begann mit hallender Stimme den Ambrosianischen Lobgesang. Die Brüder knieten nieder und fielen ein. Nur Eberwein stand, die Hände auf der wogenden Brust, und blickte schweigend empor in die Nacht der Wolken. Als der Gesang verstummte, sagte er: "Nun wollen wir ruhen und schlummern, bis der Morgen graut, denn der kommende Tag will uns bei Kräften finden!"

Sie traten in die Zelte. Schwere Tropfen begannen zu fallen, es dämpfte sich der Sturm, und in rauschendem Regen löste sich das Ungewitter.

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1) sehnsuchtsvoll. ^
2) Herrlich blühen Tal und Höh'
Rund her um den Tegrinsee,
Rosen leuchten, rot und heiß,
Lilien duften silberweiß;
      Blüten gar mannigfalt
      Spendet in Flur und Wald
Die fruchtbare Erde.
^

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