Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 5

Die Sonne tauchte hinter die Berge, alle Lüfte mit gelbem Schimmer füllend und das ziehende Gewölk verbrämend mit grellem Glanz. Ein langer Schatten schlich von den Gehängen hernieder und glitt über Hügel und Täler, bis er den Schönseer reichte. Da konnte er nimmer weiter dringen, denn der Falkenstein, über dem sich Wazemanns Haus erhob, versperrte ihm den Weg mit den kahlen Felswand, welche sich weit hinein schob in den See, das Innere desselben verhüllend und von ihm einen kreisförmigen Weiher abschneidend gleich einem bescheidenen Flur vor dem großen Prunkgemach. Glatt und mit blass grünem Schimmer, die kahle Felswand und über ihr das steile Dach von Wazemanns Haus und seine plumpe Ringmauer spiegelnd, lag die durchsichtige Flut über seichtem und sandigem Grund. Von allen Seiten trat der Wald bis an das Ufer heran und ließ nur eine schmale Lände frei. Auf Steinwurfweite zog sich dichtes Schilf in den Weiher, und dunkles Röhricht umschloss auch die kleine Insel, welche, der Falkenwand zu Füßen, den Eingang in den See verschloss. Träumende Schattenstille lag über dem Weiher. Nur eintönig rauschte die zwischen dünnerem Schilf dem See entströmende Ache, und zuweilen klang, von Wazemanns Haus herunter, ein gellender Pfauenschrei oder das heisere Gekläff der Hunde.

In der Ecke zwischen See und Ache erhob sich aus dem Waldgrund ein freier Hügel, welcher rings um den Fuß von hohem Hag umzogen war. Nur wenige Bäume standen auf dem Hügel, aller übrige Grund war blumige Wiese. Hier schwang ein Knecht die Sense, und eine Magd raffte das gefallene Gras in ein Stück Netz und trug es auf dem Kopf in den niederen Stall. Zwischen Stall und Wohnhaus lag ein ebener Platz, auf welchem die zum Hechtfang dienende "Langwaad" und das große doppelwandige Netz für den Ferchenfang, die "Hochsäg'" unter einem lang gestreckten Dächlein an Stangen hingen.

Das Wohnhaus war aus mächtigen, vor Alter schon grau gewordenen Balken gefügt, plump und schmucklos. Es hatte ein weit vorspringendes Moosdach und darüber noch ein kleineres Oberdach, unter welchem sich bläulicher Rauch hervorkräuselte. Jede Seite des Hauses zeigte zwei kleine Fenster, deren völlig ungeschützte Lücken von innen durch vorgeschobene Läden verschlossen waren. Nach der Seeseite blickte die offene Tür. Vor ihr war ein breiter Gang mit groben Felsplatten gepflastert, und ihr zu beiden Seiten zogen sich schwer gezimmerte Bänke an der Wand entlang. Über der Tür, in einer Runde des Gebälks, staken dürre Kräuter und Stäudlein nebeneinander, die "Heilbuschen": Ein Haselzweig, der das Haus vor Blitz und Donnerkeilen schützte, ein Eschenzweig, der die giftigen Nattern von der Schwelle jagte, Bibernell wider alle Seuchen, Holunder gegen Feuersnot, Beifuss, der die bösen Geister verscheuchte, und Himmelbrand, der die guten rief.

Unter den Bänken lagen die aus Weidenruten geflochtenen Burden1, neben der Türe lehnten Ruder von verschiedener Art und Größe an der Wand, und über den Holznägeln, welche in die Blockwand eingetrieben waren, lagen die drei- bis siebenfach gezackten Näbiger mit langen Schäften, die Angelgerten und die hölzernen Haspel für die Legschnüre. Über diesem Gerät waren zwei Fischgeier mit ausgespannten Flügeln und eine lange Reihe eingeschrumpfter Otterköpfe an die Wand genagelt.

Nah vor der Tür war der Brunnen gegraben. Ein Flechtwerk umzog den offenen Schacht, und unter einem Dächlein war die Winde angebracht, mit welcher der Eimer an dickem Hanfseil gesenkt und gehoben wurde. Neben dem Brunnen erhob sich der Immenstand mit seinen umschwärmten Körben, und nicht weit davon - wo der Hügel sich gegen die Lände senkte - stand eine Gruppe von sieben Eichen. Die größte, zwischen deren knorrigen Wurzeln ein eckig behauener Stein hervorragte, mochte wohl zweihundert Jahre zählen, während die jüngste nur erst ein kleines Bäumlein war, kaum über die fünfzehn Jahr' alt. Von den Eichen hinweg führte ein aus Balken und knorrigen Ästen gefügtes Gerüst über den Abfall des Hügels hinüber zur Höhe des Hags, ein luftiger Altan mit einem Tischlein und zwei Bänken. Das war ein freundliches Plätzchen, gleich einer Laube vom nieder hängenden Geäst der Eichen überwölbt und hinausgebaut über die offene Seelände, bei welcher ein schwerer Einbaum und ein leichter Gransen2 an das Ufer gezogen lagen, während der lange Waldschragen3, durch ein Weidenseil gehalten, im Wasser schwamm.

Auf diesem Lugans saß ein junges Mädchen, kaum dem Kindesalter entwachsen, ein schlankes, zartes Figürchen mit schüchtern knospenden Formen. Ein blau gefärbtes Röcklein aus körnigem Hanftuch floss bis auf die Knöchel nieder und ließ die mit zierlichem Geschick aus Bast geflochtenen Schuhe frei. Um die junge Brust spannte sich ein Miederchen aus braunem Hirschleder, welches locker genestelt war mit dünnen Riemschnüren, zwischen denen das weiß gebleichte Hemd mit kleinen Puffen hervorlugte. Eine Schnur mit blinkenden Otterzähnen hing als Schmuck um das schlanke Hälschen, und an den rosigen Ohrläppchen baumelten zwei bräunlich glänzende Beinringe, jeder gefügt aus den zwei krummen Nagezähnen eines Murmeltieres. Das war Edelrot, Sigenots Schwester. Sie glich ihrem Bruder - freilich wie ein junger Trieb dem Baum, wie eine Quelle dem Bergbach. Ein Gesichtchen, wie eine Quelle dem Bergbach. Ein Gesichtchen, wie von Milch und Blut, mit träumerischen Kinderaugen und einem schwellenden Mündlein. Lockig fiel das lichtbraune Haar um die Schultern, und mit den schimmernden Strähnen spielte der laue Windhauch, den der nahende Abend vor sich herschickte.

Edelrot saß über ihre Arbeit gebeugt. Aus seinen hanfenen Fäden flocht sie eine Angelschnur. In ihrem fleißigen Eifer gewahrte sie nicht, dass drüben am Waldsaum ein junger Bursch unter den Bäumen hervorkam. Er war ein Freier, denn das schwarze, glänzende Haar war ungeschnitten, und reichte bis zur Schulter; und der Sohn eines Bauern musste er sein, denn er trug den grauen, ärmellosen Spenzer aus zottigem Loden, den Ledergurt mit Messer und Maserlöffel in hölzerner Scheide, die kurze Berghose und die schweren Schuhe, deren Holzsohlen klumpig benagelt waren. Ein Sträußlein von Almenrosen schmückte die mit weißem Lammfell umsäumte Kappe, und ein dicker Rosenstrauß war oben an den Schaft des langen Grießbeils4 angebunden.

Hastig eilte der Bursche über die Lände hinweg - der weiche Sand dämpfte seine Schritte - und als er den Hag erreichte, duckte er sich und löste flink die Almenrosen vom Grießbeil. Rasch sich aufrichtend warf er sie mit beiden Händen in die Höhe, dass die Blumen, auseinander fallend, wie ein blühender Regen über Edelrots Köpfchen niedergingen. Erschrocken sprang sie auf und blickte ratlos umher. Aber der Bursche konnte das Kichern nicht halten. Edelrot lauschte und streckte das Hälschen über den Zaun.

"Ruedlieb! Du! Hab' mir's aber doch gleich gedacht!"

Lachend gab sich der Bursch einen Schwung, haschte den Ranft des Hages, und hui! Saß er auf dem Lugaus und ließ die Füße über den Zaun hinunterbaumeln. Da lachte auch das Mädchen. "Bei Dir geht's aber flink! Gut, dass Du kein Wolf bist ... für Dich wär' der Hag noch allweil nicht hoch genug."

Seine ganze Antwort war wieder nur ein Lachen. Mit leuchtenden Blicken hingen seine Augen an dem Gesicht des Mädchens und folgten jedem Griff der kleinen Hände, welche die zerstreuten Blumen zusammen lasen. Als sie alle auf dem Tisch lagen, eilte Edelrot zu den Eichen hinüber, pflückte ein paar lange Schmelen und begann die Röslein mit diesen Halmen aneinander zu winden.

"Gelt, die sind schön?", sagte Ruedlieb, und als Edelrot nickte, streckte er ihr die Hand hin. "Krieg' ich kein Vergelt's dafür?"

"Wohl wohl!" Und sie legte ihre Hand in die seinige. "Vergelt's!" Er hielt fest und drückte; aber sie sagte: "Lass aus, ich muss ja flechten!" Sie befreite ihre Hand und griff nach einer Rose. "Wie so 'was Schön's nur wachsen kann aus der schwarzen Erd'!"

"Meinst wegen der Farb'? Weißt, die Albenros' ist halt ein Blutblümel."

Sie blickte fragend zu ihm auf. "Ein Blutblümel?"

"Ja. Oder weißt gar nicht, wo die Röserln herkommen?"

"Sie wachsen halt."

"Jetzt, freilich, weil ein jedes wieder Samen tragt. Aber einmal, da hat's eine Zeit gegeben, wo noch kein Albenröserl geblüht hat. Und selbiges Mal, da hat eine junge Dirn' gelebt, eine arme Witib ist ihre Mutter gewesen, und das Dirndl war so gut wie ein Täuberl und so lieb zum anschauen, wie ... wie ... ich weiß nicht, wie!" Ruedlieb fand keinen Vergleich, obwohl seine Augen an Edelrots Zügen hingen.

"Wie hat's den geheißen, das Dirndl?"

"Das weiß ich auch nicht. Aber ich mein' halt, sie hat Rösli geheißen, weil die Blümerln da den Namen von ihr haben. Ja, und wie das Dirndl achtzehn Jahr' geworden ist, da hätt' sie einen Buben heuern sollen, den hat sie lieb gehabt, und der Bub das Dirndl auch, treu und fest. Und kein Glück hat's noch auf der Welt gegeben, wie die zwei eins gehabt haben. Aber selbigs Mal, da hat auch ein Jäger gelebt, ein Herrischer, der hat Unfirm geheißen und hat ein Aug' auf das Dirndl geworfen."

"Das muss aber einer gewesen sein! Recht ein schiecher!"

"Ja, Rötli, da hast recht! Das war einer! So einer, wie ..." Ruedlieb verstummte und blickte langsam über die Schulter zu Wazemanns Haus empor. "Auf Schritt und Tritt ist er dem Dirndl nachgegangen, aber sie hat von ihm nichts wissen mögen. Da hat die Mutter gefürchtet, ihr Dirndl möcht nimmer sicher sein, und hat es hinaufgeschickt auf die Alben. Aber der Unfirm hat zwei Hund gehabt, der ein' hat Sucht geheißen und der ander' Gier ... die haben das Dirndl aufgespürt, und der Unfirm ist hinaufgestiegen in die Alben. Das Dirndl, wie's ihn kommen sieht, hat geschrieen in der Angst, aber kein Mensch ist in der Näh' gewesen, und so hat sie zu laufen angefangen und ist allweil zugelaufen und allweil zu ... und weil sie so arm gewesen ist, dass sie keine Schuh' gehabt hat, so haben ihr die Stein' und Stauden die Füß' zerrissen. Das helle Blut ist davon getropft ... und wo ein Tröpferl hingefallen ist, hat der Boden das unschuldig Blut getrunken, und ein Blümerl ist gewachsen, wie blut so rot ... wohl wohl, und seit der Zeit sind die Albenröserln in der Welt."

"Aber das Dirndl?", stammelte Edelrot.

"Die Hund' sind halt flinker gewesen, weißt ... hinter ihr der Unfirm und vor ihr die berghohen Seewänd' ... da hat das Dirndl nimmer gewusst, wo aus und wo ein. Aber die richtige Treu' geht bis zum Tod ... und so ist das Dirndl hinunter gesprungen zu tiefst in' See. Kein Mensch mehr hat von dem Dirndl 'was gehört."

Edelrots Lippen zitterten, ihre Augen waren mit Tränen gefüllt. "Und der Bub? Hat sich der denn gar nicht gerührt, dass er dem armen Dirndl geholfen hätt'?"

"Gelt, ja? Das hab' ich auch gefragt, wie mir der alte Eigel die Geschicht' erzählt hat!" Ruedliebs Augen blitzten, und seine Wangen wurden heiß. "Wär' nur ich der Bub gewesen, der Unfirm hätt' 'was zu spüren gekriegt zwischen Ripp' und Fleisch!" Seine Hand zuckte nach dem Messer.

"Ruedlieb!", stammelte Edelrot erschrocken und haschte die Hand des Buben, als sähe sie die Klinge schon blitzen, das Blut schon fließen. Dann lächelte sie verlegen. "Geh! Du bist ja selber ein rechter Unfirm!" Sie griff nach den Blumen und begann an dem Kränzlein weiter zu flechten. Eine Weile war Stille. Endlich fragte das Mädchen: "Hast die Röserln weit hergebracht?"

"Von meiner Alben."

"Hast droben nachgeschaut?"

"Wohl wohl, aber viel Gut's hab' ich nicht gefunden. Der Bär hat uns schon wieder ein Kalb gerissen, und eins dem Kaganhart, und Deinem Nachbar, dem Marderecker, zwei Geißen. Aber ich hab' dem Untier einen Riegel geschoben ... ich hab' ihm in der Reginwand eine Grub' gestellt."

Edelrot blickte scheu zu ihm auf. "Ruedlieb! Wenn sie das merken, die in Wazemanns Haus!"

"Sie merken's nicht. Der Bär wechselt durch eine schieche Wand auf die Alben ein ... und ich hab' die Grub' in der Wand drin aufgerissen. Da steigt von Wazemanns Buben keiner hinein, das lassen sie bleiben!" Edelrot schüttelte bedenklich das Köpfchen und seufzte. "Ich hab's für die armen Leut' getan!", sagte der Bub mit ruhigem Ernst. "Sie sollen nimmer Schaden leiden von dem Untier. Mein Vater ist der Richter in Gadem, und ich leid' auch kein Unrecht. Warum hat Herr Waze den Bären nicht gejagt! Die Leut' haben ihn drum angegangen, aber er hat sie angeschrieen: 'Ich hetz' den Bären, wenn's mir passt, nicht, wenn's Euch taugt!' Jetzt soll er nur hetzen! Über eine Woch', dann suchen seine Hund' umsonst!"

"Wenn's nur nicht aufkommt, Ruedlieb! ... Ich hab' so viel Angst."

Er strich mit der Hand über ihre zitternden Finger. "Hab' keine Sorg'! Ich fürcht' mich nicht! Vor denen da droben so wenig wie vor Berg und Wasser..."

"Bered' das Wasser nicht!", flüsterte das Mädchen erschrocken. "Der Bid5 könnt's hören!"

Mit unsicherem Blick streifte der Bub den See. "Meinst, er liegt heroben?"

"Freilich, schau nur hinüber zu seiner Insel! Siehst im Röhricht nicht die Gasserln? Da steigt er aus und ein, wenn er sich warmen will in der Sonn'. Und wird er in seiner Ruh' gestört, so springt er zornig in den See hinunter, dass alles Wasser sich aufbäumt und völlig weiß wird vor lauter Schaum."

"Hast ihn schon einmal gesehen?"

"Aber Ruedlieb!" Mit scheuen Augen blickte das Mädchen auf. "Wer den Bid gesehen hat, muss hinunter zu ihm, eh' der Mond wieder voll wird!" Erschrocken streckte der Bub die Hände, als möchte er Edelrots Augen bedecken. Sie verstand ihn und lächelte. Wortlos flocht sie an dem Kränzlein weiter, und Ruedlieb schaute ihr schweigend zu. Als das Gewinde vollendet war, sagte das Mädchen: "Schau nur, wie lieb das Kränzlein geworden ist!"

"Wie gewachsen für Dein Köpfl!", meinte Ruedlieb. Er nahm die Blumen und wollte mit ihnen die Stirne des Mädchens schmücken. Aber Edelrot wehrte ihn ab: "Lass, Ruedlieb, lass . ich mag das Kränzlein nimmer tragen, seit ich die Geschicht' von dem armen Dirndl gehört hab' ... das müsst' ja sein, als hätt' ich ihr unschuldig's Blut im Haar!"

"Rötli!", stotterte der Bub, und alle Farbe wich aus seinem Gesicht. "Das mögen die guten Stern' verhüten..."

"Was meinst?", fragte sie verwundert. "Ja, was hast denn auf einmal? Bist ja ganz weiß im Gesicht! Hab' ich denn 'was Unsinnig's geredet?"

Er schüttelte wortlos den Kopf.

"Komm, gib das Kränzlein her!", sagte sie und nahm das blühende Gewinde aus seinen Händen. "Ich weiß ihm ein Platzl!" Sie eilte auf die kleinste der sieben Eichen zu und hob die Arme.

Mit bebender Stimme rief der Bub ihr zu: "Tu's nicht, Rötli, tu's nicht! Häng' die Blumen nicht an Dein Bäuml!" Doch eh' er noch ausgesprochen hatte, lag das Kränzlein schon zwischen den Ästen der jungen Eiche.

"Aber geh, was hast denn?", fragte Edelrot. "Warum soll's denn da nicht hängen? Schau nur, wie gut die Blumen meinem Bäuml stehen! Warum denn nicht...?"

"Weil ... weil ...", Ruedlieb brachte die Antwort nicht heraus.

Da klang ein schrilles Gelächter aus dem Innern des Hauses.

"Hörst? Die Mutter hat gelacht!", flüsterte das Mädchen. "Sie will 'was, ich muss hinein." Einen Augenblick zögerte sie noch, als wär' es ihr unlieb, jetzt zu gehen. "Ich muss ... ich muss ja, die Mutter braucht mich!" Sie nickte und eilte davon.

"Rötli! Rötli! So lass Dir doch sagen ...", stotterte Ruedlieb und streckte die Hände. Doch Edelrot war schon im Haus verschwunden. Der Bub streifte mit der Hand über die Stirne. Er blickte hinauf zu Wazemanns Haus und starrte wieder das Kränzlein an. Wie Blutschimmer hing es an Edelrots Bäumchen, dessen junger Stamm in handbreiten Zwischenräumen siebzehn Kerbschnitte zeigte. Sie waren alle vernarbt und schon wieder von Rinde überwachsen, bis auf einen, der noch frisch und weiß war. Vor wenigen Wochen erst, an dem Tag, an welchem Edelrots Geburt sich jährte, hatte Sigenot diese Kerbe in den Baum geschnitten. "Ich weiß nicht, wie mir nur so 'was einfallen kann!", murmelte Ruedlieb und atmete tief. "Hätt' ich die Blumen nur niemals hergebracht!" Da fühlte er einen leichten Gertenschlag an seinem Arm. Als er aufblickte, stand Sigenot unter dem Hag, mit Angelrute und Lägel.

Der Bub wurde rot und ließ sich rasch zu Boden gleiten.

"Zeit lassen!", grüßte der Fischer. "Was treibst denn da?"

"Mit dem Rötli hab' ich ein' Weil' geplauscht."

"Was denn? Unsinniges Zeug, gelt?"

Ruedlieb schüttelte den Kopf und schielte nach der jungen Eiche.

Sigenots Brauen furchten sich. "Warum schaust denn auf die Seit'? Schau mir ins Gesicht!" Der Bub hob die Augen; je länger der Fischer in sein offenes Gesicht blickte, desto freundlicher wurden seine Züge. "Bist wohl von der Alben gekommen, gelt?"

"Wohl wohl, zwei Tag' und Nächt' bin ich droben gewesen!"

"So geh halt heim jetzt! Ich hab' eine Botschaft für Deinen Vater. Sag' ihm: Heut sind sie gekommen, und draußen beim Albenbach haben sie auf Mittag Rast gehalten."

"Wer?"

"Dein Vater weiß schon, wen ich mein'. Geh nur!"

Der Bub nickte und fasste sein Grießbeil. "Zeit lassen, Fischer!"

"Zeit lassen auch!"

Sigenot stand und blickte dem Burschen nach, der mit raschen Schritten davonging. Ein freundliches Lächeln glitt über seine Züge. "Der Bub möcht' mir taugen für das Rötli wie keiner! Aber das hat noch Weil'!" Er trat in den Hag. "Heia, Wicho!", rief er mit lauter Stimme.

Der Knecht kam aus dem Stall herbeigelaufen. "Was schaffst?"

"Da nimm das Lägel und trag' die Ferchen hinauf in Wazemanns Haus!"

"Wohl wohl!" Der Knecht nahm das triefende Lägel auf die Schulte rund wollte davongehen.

"Aber halt' Dich nicht auf und lass Dich nicht ein mit den Burgknechten! Sonst kommst mir am End' wieder heim mit blutigem Kopf wie das letzte Mal ... und ich müsst Dir wieder unrecht geben. Wer Streit sucht, muss Hieb' leiden."

"Streit suchen! Wer hat denn Streit gesucht?", brummte der Knecht und fuhr mit der Hand nach dem Hinterkopf, als wäre hier durch die Erinnerung ein schmerzliches Empfinden wachgerufen worden. "Hätt' ich vielleicht ruhig stehen sollen, wie die Knecht' allweil gestichelt und gespöttelt haben: Du wärst auch nur ein Freier, so lang' ihr Herr ein Aug' zudrückt?"

"Lass Du die Knecht' reden, was sie mögen! Tut einmal Herr Waze oder einer von seinen Buben eine solche Red', so will ich ihm schon die richtig' Antwort geben."

Murrend verließ der Knecht den Hag. Draußen nahm er das Lägel ab und öffnete den Deckel. Sigenot hatte seit Mittag fleißigen Fang gehalten, es wimmelte im Lägel von Forellen. "Eine fetter als die andere!", brummte Wicho und warf einen missmutigen Blick hinauf nach Wazemanns Haus. "Und die soll er all' wieder haben ... der da droben? Tät' ihm nur eine Grät' im Hals stecken bleiben!"

Sigenot hatte die Angelrute an das Brunnendächlein gelehnt. Da hörte er von Waldhang das Jennar herüber das Läuten zweier Jagdhunde. Ein Schatten flog über sein Gesicht. "Mir scheint, sie ist schon wieder um den Weg!" Er lauschte gespannt. Die Hunde schienen ein wundes Tier zu jagen. Bald gaben sie Standlaut, dann wieder näherte sich die Jagd unter hetzendem Gekläff, wandte sich bald zur Rechten, bald zur Linken, nun klang das Geläut der Hunde schon im Talwald, und immer näher kam es dem See. Unter den Bäumen stolperte ein Hirsch auf die freie Lände hervor, das Wasser suchend, taumelnd und keuchend, mit pumpenden Flanken und hängendem Lecker. Aus seiner Schulter ragte ein Pfeilschaft, in Fetzen hing zerrissenes Schlingwerk von dem mächtigen Geweih, und am Äser tropfte die helle "Roten". Das Tier streckte den Grind nach dem See und schwankte vorwärts, aber schon waren die Hunde hinter ihm her, sprangen ihm an die Kehle und suchten den Hirsch in den Sand zu reißen.

Siegenot stand mit finsterem Gesicht, und seine Hand zuckte nach dem Messer. Ihn erbarmte das Tier, dem nur eine einzige Wohltat noch zu spenden war: Der Gnadenstoß. Aber er hatte noch keinen Schritt getan, da hörte er Hufschlag im Wald. Auf ihrem schäumenden Rappen sprengte Recka auf die Lichtung hervor, das Antlitz brennend, das Haar zerrauft. Mit jauchzendem Laut sprang sie aus dem Sattel, und während das wohl geschulte Pferd keinen Huf mehr von der Stelle rührte, riss sie den blinkenden Genicker aus der Scheide und durchschnitt mit raschem Streich dem Hirsch die Sprungsehnen der Hinterläufe. Stöhnend setzte sich das Tier - und da fuhr ihm auch schon der wohl gezielte Stoß ins Herz. Lachend sprang Recka zurück, um dem schlagenden Geweih zu entrinnen. Noch ein kurzer Kampf des erlöschenden Lebens, dann stürzte der Hirsch lautlos in den rot gefleckten Sand. Die Hunde ließen von ihm ab, gaben lang gezogenen Standlaut, und von Wazemanns Haus herunter antwortete die Meute im Zwinger.

Recka schnitt dem Hirsch die Granen aus dem Äser, verwahrte sie hinter dem Gürtel und stieß den Genicker in die Scheide. Aufatmend warf sie das Haar zurück und presste die Arme über die Brust, als wollte sie den ungestümen Atem jählings geschweigen. Dann wieder trat sie auf ihre Beute zu, legte die Hand auf die klaffende Wunde des Hirsches und berührte mit den rot gefärbten Fingern die Lippe. "Heil zum Gejaid!" Es war alter Jägerbrauch, den sie übte: Sie "trank die Roten." Nun blickte sie am Waldsaum entlang, die Büsche musternd; aber sie schien nicht zu finden, was sie suchte. Nach allen Seiten spähte sie und gewahrte die über den Hag des Fischerhauses nieder hängenden Äste der Eichen. Einen Augenblick zögerte sie, dann ging sie rasch auf das Hagtor zu und streckte die Hand aus. Aber da trat Sigenot hinter dem Hag hervor und fasste ihren Arm. "Rühr den Baum nicht an!"

Eine dunkle Röte flog über Reckas Gesicht. "Lass meine Hand!" Mit zornigem Ruck befreite sie den Arm. "Dort liegt der Hirsch, den ich geworfen, ich will meinen Eichbruch haben nach Waidgesetz!"

"Brich ihn, wo Du magst, aber nicht von diesem Baum! Das ist meines Vaters Jahrbaum."

Während der Fischer sprach, war Edelrot aus dem Haus getreten und herbeigekommen. Schüchtern legte sie die Hand auf ihres Bruders Arm. "Sigenot!"

"Sie will einen Zweig brechen von Vaters Baum," sagte er, "und das leid' ich nicht!"

Recka zögerte mit der Antwort. Edelrots Anblick schien das heftige Wort zu beschwichtigen, das schon auf ihrer Zunge lag. "Du bist dem Baum ein guter Hüter, das muss ich sagen ... aber das wird Deinem Vater wohl nimmer viel helfen!"

"Lass die Toten in Ruh!", sagte der Fischer mit finsterem Ernst. "Keiner soll einen Zweig brechen von dem Baum oder nur ein einzig's Blattl davon abstreifen und meines Vaters Schlafruh' stören. Wenn Du Deinen Bruch schon haben musst, und der Weg in den Wald ist Dir zu weit ... dort steht mein Baum, reiß Dir einen Zweig von ihm, und wär's der letzt', ich will's nicht wehren."

Ein spottendes Lächeln zuckte über Reckas Züge. "Dein Baum hat Ruh' vor mir! Bist ja ein Fische rund musst all' Morgen auf sein vor Tag ... es müsst' Dir schaden am Gesund, wenn ich Dir die Schlafruh' stören möcht'!" Lachend wandte sie sich ab.

"Recka!", stammelte Edelrot, eilte auf ihr Bäumchen zu und brach einen Zweig. Sie bemerkte nicht, dass das Almrosenkränzlein aus dem Geäst herunterfiel und über den Hügel nieder rollte zwischen die Balken und Knorren, welche die Plattform des Lugaus trugen. Unter dem Hagtor holte sie Recka ein und reichte ihr den Zweig. "Nimm, da hast Du einen Bruch!"

"Ich dank' Dir!", sagte Recka, und freundlich streifte sie mit der Hand über Rötlis Lockenkopf.

Schweigend kehrte Sigenot sich ab und schritt dem Haus zu.

"Musst ihm nicht harb sein!", flüsterte Rötli. "Schau, er hat halt ein Herz, das hält wie Stein und Eisen! Viel' Jahr' sind schon vergangen, seit der Vater im See versunken ist, und noch allweil hängt der Bruder an ihm mit heißer Lieb' ...wie Du an Deiner toten Mutter. Musst ihm nicht harb sein! Schau, ich verrat' Dir 'was dafür."

"Und was?", fragte Recka lächelnd.

Edelrot zeigte eine wichtige Miene. "Du, ich weiß ein Völklein Enten, dort im Weiher!"

"Das hör' ich gern! Die wollen wir heut noch jagen, Rötli!"

"Heut noch?", stotterte das Mädchen. "Aber schau doch, es schattet schon, und Gewölk zieht auf!"

Recka blickte zum Himmel. "Ein grob' Wetter wird kommen zur Nacht. Aber ich mein', es hat noch Zeit ... wir fahren vor Nacht den See ohne Müh' noch auf und nieder. Wart auf mich, ich hol' meine Falken!" Sie ging auf ihre Beute zu, streifte den Eichenbruch über die vom Blut umronnene Wunde und steckte ihn hinter die Reiherfeder auf ihrem Käpplein. Bellend sprangen die beiden Hunde um sie her. "An die Wach'!", befahl ihnen Recka und deutete mit dem Finger zu Boden. Da verstummten die Bracken und legten sich vor dem Hirsch in den Sand. Mit einem Zungenschlag rief Recka das Pferd herbei. Leicht schwang sie sich in den Sattel, nickte dem Mädchen, das unter dem Hagtor stand, noch einmal zu und trabte davon.

Wicho kam mit dem leeren Lägel von Wazemanns Haus zurück. Als er den Hirsch liegen sah, riss er die Augen auf und wollte näher treten; aber mit gefletschten Zähnen fuhren ihm die Hunde entgegen. Erschrocken wich er zurück und brummte: "Hui, hui, hui! Das sind die richtigen Wazemannshund'! Gleich beißen!"

Unter der Tür kam Sigenot ihm entgegen. Wicho schob das Lägel unter die Hausbank. "Herr Waze lasst Dir Vergelt's für die Ferchen sagen, und Du sollst heut noch hinaufkommen zu ihm."

Betroffen blickte der Fischer auf. "Was will er von mir?"

Der Knecht zuckte die Achseln. "Ich weiß nicht! Aber 'was Gut's, mein' ich, wird's schwerlich sein, er hat gar so freundlich getan. Sag' ihm, er tät' mir einen Gefallen, hat er gesagt ... sag' ihm, es wär' mir lieb, wenn er heut noch käm', hat er gesagt! Ich bin nur allweil gestanden und hab' die Augen aufgerissen."

Sigenot lächelte. "Das ist freilich eine ungewohnte Red' an ihm. Da bin ich selber neugierig, was er will." Er besann sich. "Gut, ich geh' hinauf zu ihm!" Dann fragte er den Knecht: "Ist das Gras schon getan?"

"Wohl wohl!"

"Dann hast Feierabend für heut." Sigenot nickte einen Gruß und wollte gehen.

"Willst Dein Eisen nicht umhängen?", fragte der Knecht.

"Das braucht's nicht. Ich hab' meine Fäust' bei mir."

Zwei wilde Schwäne kamen über das Fischerhaus einher gestrichen. Sigenot hörte ihren rauschenden Flügelschlag und blickte zur Höhe. "Die bringen bösen Sturm!" Er folgte mit den Augen den weiß schimmernden Vögeln, sah sie über dem Seeweiher kreisen, und niederfallen ins Röhricht. Dann machte er sich raschen Ganges auf den Weg. Vor dem Hag begegneten ihm zwei Wazemannsknechte mit einem Karren, um den erlegten Hirsch zu holen.

Zwischen dem schilfigen Ufer und dem vom Hag umschlossenen Hügel zog sich ein schmaler Waldstreif hin. Sigenot durchschritt ihn und kam zum Ausfluss der Ache. Eine aus vier breiten Balken gefügte Brücke überspannte das rauschende Wasser. Drüben nahm wieder der Wald ihn auf. Ein breit ausgehauener Reitweg führte in weitem Bogen gegen den Berg und zu Wazemanns Haus empor; aber diesen Weg folgte der Fischer nicht, sondern einem schmalen Fußpfad, der am Seeufer hinlief und unter dem Falkenstein auf einer Lichtung mündete. Ein Steig lenkte über die jähe Wand hinauf, mit schmalen, in die Felsen eingehauenen Stufen und einem dicken Seil als Halt und Stütze. Über der Felswand hob sich die plumpe Ringmauer aus wirren Gestrüpp hervor, und ein niederes Türchen führte in den Burghof.

Der Fischer wollte hochsteigen. Da öffnete sich droben das Pförtlein, und Recka betrat die Felsentreppe. Sie hatte das Reitgewand abgelegt und trug ein weißes Unterkleid mit braunem Überwurf, dessen Säume mit dem zarten gelblichen Rauchwerk von der Kehle des Edelmarders verbrämt waren. Ein Netz umschloss das aufgeknotete Haar, so dass sich der schöne stolze Kopf frei aus den Schultern hob. Auf ihrer rechten Hand saß ein Habicht mit der Falkenhaube und ein zweite rauf ihrer linken Schulter. Rasch kam sie, ohne das Seil zu berühren, über den steilen Pfad herabstiegen. Sigenot trat zur Seite, um den Weg nicht zu versperren. Kaum merklich neigte sie den Kopf, als sie an ihm vorüber schritt.

Der Fischer betrat den Felsensteig. Doch schon auf der ersten Stufe wandte er sich. "Recka!" Sie drehte das Gesicht und sah ihm verwundert an. "Du willst auf die Beizjagd?", fragte er. "Heut noch?"

"Frag' Du um Deine Fische! Was kümmert's Dich?"

"Nichts. Aber ich mein' nur, grob Wetter steht am Himmel."

Sie warf einen raschen Blick empor nach dem dicht ziehenden Gewölk, dessen Säume blutrot schimmerten. "Ich fürcht' es nicht!"

"Es könnt' aber doch wohl schneller da sein, als Du meinst?"

"Dann schau nur, dass Du bald unter Dach kommst!" Lachend drehte Recka dem Fischer den Rücken und schritt davon. Raschen Ganges gelangte sie zur Lände am See. Edelrot hatte sie schon gewahrt und kam mit einem Ruder aus dem Hagtor hervorgeschlüpft. "Ich hab' eine Stang' mitgebracht!", flüsterte sie. "Aber ich mein', wir sollten nimmer fahren. Horch nur, wie's im Röhricht zischelt ... Du, das ist kein gutes Zeichen!" Und scheu blickte sie zum Himmel. "Der König Eismann hat hat schon die Haub'."

Recka lächelte. "Hast Du Furcht!"

Edelrot schüttelte das Köpfchen. "Furcht nicht, aber der Bruder wird schelten."

"So lass ihn schelten! Komm!" Mit dem Knie schob Recka den leichten Gransen ins Wasser und bestieg das Schifflein - bei der schwankenden Bewegung schlugen die Habichte mit den Schwingen, um den Halt auf Reckas Hand und Schulter nicht zu verlieren. Edelrot folgte, und während sie im Spiegel des Nachens das Ruder in den Weidenring schob, setzte sich Recka auf das Schnabelbrett, legte das Federspiel mit den weißen Taubenflügeln, das sie in lederner Tasche getragen hatte, vor sich hin, nahm die unruhig gewordenen Beizvögel auf ihren Schoß und streichelte ihnen mit einer langen Feder Hals und Rücken.

"Gelt," fragte Rötli, "da ist Dein Schätzel nicht dabei?"

Recka lachte. "Schau doch, du kannst ja schon den Stockfalk unterscheiden vom Edelfalk! Gib acht, Du wirst noch 'was lernen! Mein Schätzel sitzt daheim ... ich hab' die groben Stößer mitgenommen, die taugen besser auf das Wasser und machen flinke Arbeit. Aber jetzt tauch an!"

Stehend führte Edelrot das Ruder, gleichmäßig und geschickt, wenn auch mit schwachen Kräften. Sachte, mit leisem Plätschern, glitt das Schifflein hinaus auf die glatte, schattenstille Flut. Über dem Wasser webte der violette Schimmer des entschlummernden Tages, tief blau lag in weiter Ferne der Untersberg, und über den Zinnen des Göhl und Jennar leuchtete noch ein letzter Anflug helleren Lichtes. Doch zwischen dem hochtreibenden Gewölk, dessen wallende Säume alle Farben spielten von brennendem Rot bis zu dunklem Purpur, lag es schon wie schwarze Nacht. Eine finstere Wolkenhaube hatte sich über den Schneegipfel des König Eismann gestülpt. Dort oben quollen und wirbelten die Nebelmassen durcheinander wie Dampf über einem Kessel - aber im Tal und über dem Wasser rührte sich noch kein Lufthauch. Nicht die leistete Welle kräuselte den See - nur im Röhricht zitterten die Spitzen der schlanken Ähren und Blätter, als stiege der schwüle Brodem, den die heiße Sonne des Tages unter dem Schilfdach ausgebrütet, nun langsam zwischen den Halmen empor in die Lüfte.

Es raschelte im Röhricht, und ein leises Geschnatter ließ sich vernehmen.

"Da drinnen sind sie," flüsterte Rötli.

"Die Enten? Die lassen wir heut in Ruh'. Ich weiß uns bessere Jagd! Ein Elbißpaar ist eingestrichen in den See, von meinem Fenster hab' ich sie erschaut. Halt' hinüber in die Ecke, wo aus der Tiefe der kalte Brunn aufsteigt ... dort liegen sie im Schilf."

"Recka," stammelte Edelrot, den Gransen verhaltend. "Du wirst doch nicht die Elbiß' beizen!"

"Was soll mich hindern?"

"Die Leut' sagen: Wo der Elbiß rauscht, da ist der Bid nicht weit."

"Ich fürcht' ihn nicht," entgegnete die Wazemannstochter lächelnd. "Fahr zu!" Rötli zögerte. "Fahr zu!", wiederholte Recka ungeduldig. Unter stockendem Atem tauchte Rötli das Ruder ein und schob den Gransen. Nahe bei der Insel kamen sie vorüber, und Edelrot lugte mit scheuen Blicken in das Röhricht. "Schau," lispelte sie, "dort schau hin! Siehst die kleinen Weglein im Geröhr? Da steigt er aus und ein, der Bid."

Recka lachte. "Närrlein, das sind Ottersteige! Fahr weiter!"

Rötli trieb den Nachen - das Wasser wurde tief und schwarz. Da erwachte in Edelrot ein Gedanke, der sie erblassen machte. "Recka! Wenn es keine richtigen Elbiß' wären, sondern..."

"Sondern was?"

"Elbißdirnen!" Das Wort klang wie ein Hauch.

"Narretei!", lachte Recka. "Fahr weiter!"

Zögernd gehorchte Rötli. Der Nachen glitt übe reine Stelle des Wassers, an welcher sich auf dem Spiegel kleine wallende Kreise zeigten. Hier stiegen die kalten Quellen auf. Immer näher glitt das Schiff dem Röhricht. Recka hatte sich auf die Knie erhoben und setzte die Stößer auf den rechten Arm. Durch die Schleifen der Falkenhauben hatte sie eine Schnur gezogen, um die Kappen lösen zu können mit einem Ruck. "Mach' Lärm mit dem Ruder!", flüsterte sie. Rötli war bleich und zitterte; aber sie folgte der Weisung. Es rauschte im Röhricht, klatschende Flügelschläge ließen sich hören, und die beiden Singschwäne hoben sich schweren Fluges über das Schilf, mit offenen Schnäbeln fauchend, die Hälse lang gestreckt. Schneeweiß leuchtete ihr Gefieder in der dämmernden Luft. Rasch löste Recka die Falkenhauben und hob den Arm. Die Stößer drehten hastig die Köpfe, und ihre gelben, bösartig blickenden Augen funkelten - jetzt wurden sie starr, das Gefieder sträubte sich - sie hatten die Schwäne beäugt. In diesem Augenblick sprang Recka auf und unter jauchzendem Ruf warf sie mit kräftigem Armschwung die Vögel. Pfeilschnell schossen die Stößer den Schwänen nach. Schon hatten sie ihnen die Höhe abgewonnen, da fiel ein dumpfer Windstoß aus den Lüften und rauschte an der Falkenwand entlang. Die Stößer gaukelten mit wehenden Schwingen, doch nur einen Augenblick, dann fanden sie wieder festen Flug und stießen nieder.

Mit klagendem Laut teilten die Schwäne ihren Weg, der eine suchte das Land, den tieferen See der andere. Diesen hatten die Stößer zu ihrem Opfer gewählt und schlagend fielen sie ihm an den Hals. Im Flug trug sie der klagende Schwan und tauchte mit ihnen um die Ecke der Falkenwand.

"Er fällt in den Weitsee!", schrie Recka in brennender Erregung. "Gib mir das Ruder ... wir müssen nach, oder der Schwan ist verloren und meine Vögel dazu!" Sie hörte nicht auf Rötlis Stammeln und Bitten, mit ungestümen Händen griff sie nach dem Ruder und schlug das Wasser, dass vor dem Schnabel des Nachens eine weiße Welle aufrauschte. Wieder fiel ein Windstoß aus den Lüften, dumpf und brausend, und über das ganze Wasser lief ein jähes Zittern.

Hinter der Insel Bidlieger verschwand das Schiff mit den beiden Mädchen.

Im Röhricht erwachte ein Glucksen und Plätschern, jählings war aller Glanz von der Flut gewichen, grau und finster lag das Wasser, überwirbelt von kleinen stoßenden Wellen. Und weit aus dem Tal herein, plötzlich, hörte man das Rauschen der Ache.

Es kam der Sturm.

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1 Fischreusen. ^
2 Fischernachen.
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3 Floß.
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4 Bergstock mit eisernem Haken unter der Spitze.
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5 Eine Wassergottheit der bajuwarischen Gebirgsstämme, zu deuten als eine Verkörperung der zerstörenden Naturgewalt. Der Stamm "bid" hat sich im bayerischen Dialekt bis heute erhalten: bidmen (zittern) und Erbbidem (Erdbeben).
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