Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 4

Hochbeladen standen die vier Saumtiere inmitten der Wiese, jedes von einem Knecht am Leitzaum gehalten. Bruder Wampo, schon den Stab in der Hand, machte ein verdutztes Gesicht, als er den Kastellan davon reiten sah. Er trat zu Eberwein. "Der Haunsperger reitet heim nach der Salzaburg? Wer soll uns denn führen jetzt?"

"Eigel, der Kohlmann. Wo ist er?"

Keiner wollte ihn gesehen haben. Wampo und Schweiker riefen den Namen des Alten nach allen Richtungen, umsonst, es ließ sich keine Antwort hören. "Er ist nimmer da, Herr," jammerte Wampo, "jetzt hat uns der auch noch sitzen lassen, der weißhaarige Tropf!" Aus Eberweins Augen traf ihn ein vermahnender Blick. "Verzeiht das schieche Wort, Herr," stotterte der Bruder, "es ist mir halt so herausgerutscht! Aber wer soll uns denn führen jetzt?"

"Einer, ohne dessen Wissen kein Schritt geschieht. Es liegt der offene Weg vor uns, wir wollen ihm folgen."

Die Fahrt begann, und Schweiker eröffnete den Zug, dem schmalen Waldpfad folgend, auf welchem Wazemanns Tochter davon geritten war. Eberwein stand noch, den Stab in der Hand, und wartete auf Waldram. Als der Pater kam, hafteten Eberweins Augen mit sorgendem Blick an dem bleichen Gesicht des Mönches. "Waldram? Erzählte Dir der Haunsperger, dass wir in Unmut schieden?"

"Nein!", sagte Waldram mit kaltem Wort und schritt vorüber.

Ein bitteres Lächeln glitt über Eberweins Lippen. Er wollte folgen, aber da stockte schon der Zug, und von der Spitze der hörte man die lauten Stimmen Wampos und Schweikers. "Herr, wir wissen nimmer weiter," sagte der letztere, als Eberwein hinzutrat, "da scheidet sich der Weg! Welcher ist der richtige?"

Man fragte die Führer der Saumtiere. Sie waren Salzaburger Leute, doch keiner von ihnen hatte den Berchtersgadem je betreten. Eberwein lauschte nach der Richtung, aus welcher das Gemurmel der Ache sich hören ließ, und spähte in das dichte, hohe Gestrüpp, das jeden weiteren Ausblick vermehrte.

Schweiker kraute sich hinter den Ohren und brummte: "Was tun jetzt?"

"Wart' ein lützel," kicherte Wampo, "ich werd's gleich wissen." Mit flinken Händen brach er von einem Buchenstrauch zwei dürre Reiser, das eine kurz und gerade, das andere länger und mit einem Häklein. Zwischen den hohlen Händen schüttelte er die Stäbchen und warf sie gegen die Wegscheide. Das krumme fiel zur Linken, das gerade zur Rechten. "Schau," rief der Bruder, "dort hinaus müssen wir, nach der Rechten!" Lachend sprang er auf das Hölzlein zu, um es von der Erde zu heben. Da traf ein derber Schlag seine Finger.

Pater Waldram hatte den Stab geschwungen. Mit zornrotem Gesicht stand er vor dem erschrockenen Bruder und schrie ihn an: "Heide, Du! Willst Du Runen werfen?" Wieder wollte er schlagen.

Doch Eberwein fing den Stab. "Waldram!"

"Lass meinen strafenden Arm! Oder weißt Du nicht, was dem gebührt, der Gottes Kleid trägt und wie ein Heide tut?"

"Und Du, Waldram, weißt Du nicht, was Christus von jenem sagt, der seinen Bruder schlägt?"

"Streitest Du wider Gott mit Gottes eigenem Wort!", rief Waldram mit bebender Stimme und riss sich los. "Scheue Dich nicht vor mir, billige das Teufelspiel und folge dem Weg, den Euch die Hölle gewiesen! Ich folge dem Pfad Gottes." Und weit ausholend mit dem Stab, folgte er dem linkshin führenden Weg.

Eberwein stand vor Wampo, schlug die Hände ineinander und schüttelte den Kopf. "Bruder! Bruder!"

"Ach, Herr," stotterte Wampo und fuhr mit der Zunge über die brennenden Knöchel, "ich hab' meiner Seel' nicht an Wute und Run' gedacht... Ich hab' halt gemeint, es kann der liebe Gott die Reiser doch auch so fallen lassen, wie er will." Und wieder fuhr die breite Zunge über den roten Striemen.

Eberwein musste sich abwenden, um sein Lächeln zu verbergen. Da zupfte ihn Schweiker am Ärmel und flüsterte: "Herr, ich mein' halt doch, wir müssen nach rechts hinaus. Auf der Linkseit' liegt das Wasser."

"Komm, wir müssen Waldram folgen, gleichviel wohin!"

Der Zug setzte sich nach der Linken in Bewegung. Den langen Stab unter dem Arm schleifend, brummend und die geschwollenen Finger netzend, trollte Bruder Wampo hinter Eberwein und Schweiker einher.

Sie erreichten die Ache und überschritten den Bach in seichter Furt. Zwischen hohem, dichtem Gestrüpp von Erlen und Weiden wand sich der schmale Pfad. Der Boden war feucht, und zuweilen sperrten trübe Pfützen den Weg. Eine Stunde währte die Wanderung. Es wurde immer schwieriger, einen Pfad noch zu unterscheiden, denn häufiger und dichter traten die Büsche aneinander, so dass nur schmale Lücken verblieben, durch welche die Saumtiere mit ihrer Ladung sich nur mühselig hindurchzwängten. Und schließlich verschwand jede Spur eines Weges.

Waldram, der den Zug geführt, stand eingekeilt zwischen wirrem Gezweig und suchte sich vorwärts zu kämpfen. Bald versagten seinem erschöpften Körper die Kräfte. Wo er stand, ließ er sich niedersinken. Eberwein drang zu ihm. "Was ist Dir? Hat eine Schwäche Dich befallen?"

Bleich und zitternd richtete Waldram sich auf. "Geh! Ich habe Dich nicht gerufen zu meiner Hilfe!" Er fasste das Kreuz an seinem Gürtel und warf sich in die Büsche.

Eberwein hielt ihn zurück. "Ich bitte Dich, Waldram, bleib' hier und raste! Wir wollen den verlorenen Pfad wieder suchen!" Er wandte sich um und rief die beiden Brüder. Der eine sollte nach rechts, der andere nach links durch das Buschwerk dringen. Er selbst gedachte in gerader Richtung zu suchen.

Bruder Wampo seufzte, blies die Backen auf und fuhr mit dem Kuttenärmel vom Nacken bis zur Stirn. "In Gottes Namen!", murmelte er und begann sich, den einen Arm als Wehr über das Gesicht haltend, zwischen dichtem Gezweig hindurch zu winden. Es war harte Arbeit. Bruder Wampo brauchte Raum, und nicht immer gaben die Äste gerne nach. Geschling und Ranken umwickelten seine Füße, dürre Äste spreizten die Falten seiner Kutte auseinander, und stachliges Gezweig verfing sich in seinem Gewand. Gelang es ihm, sich zu lösen, und fand er etwas freiere Bahn, dann tauchte er wieder bis an die Knie in Sumpf und Schlamm, aus welchem er nur den Ausweg fand, indem er sich, mit den Armen an höheren Zweigen hängend, von einem Stein auf den nächsten schwang. Seufzer und Stoßgebetlein wechselten auf seinen Lippen, und in glitzernden Perlen troff ihm der Schweiß über Nase und Ohren. Mit sehnsüchtigen Augen spähte er umher nach allen Seiten. Im Schlamm gewahrte er Spuren von Tritten. "Da müssen doch Leut' gegangen sein! Oder Küh'? Oder Geißen?" Seufzend schüttelte er das runde, von Tropfen überronnene Köpflein und arbeitete sich weiter. Wieder geriet er in Sumpf und rettete sich auf einen Stein, der wie eine kleine weiße Insel aus dem Schlamm hervorragte. Aber wie nun weiter? Aus einem Wuste dürrer Blätter lugte ein schwarzer Klotz - es war wohl ein vermoderter Baumstrunk? Mit beiden Händen fasste Wampo zwei hängende Äste und gab sich einen kühnen Schwung. "Hopsa!" Glücklich erreichte er den Klotz - aber das schwarze Ding unter ihm wurde jählings lebendig, sprang auf und rannte grunzend davon, während Bruder Wampo rücklings nieder purzelte in den Schlamm, Arme und Füße in die Höhe streckte und mit zeternder Stimme schrie: "Me salva domine! Unter mir tut die Höll' sich auf und will mich schlingen! Hilfe! Hilfe!"

Da ging ein Rascheln, Knacken, Surren und Grunzen los in allen Büschen, überall wurde es lebendig unter den welken Blättern, und nach allen Richtungen stoben die aus ihrem Mittagsschläfchen aufgescheuchten Wildschweine durcheinander in wirrer Flucht, mit breiten borstigen Rücken und dicken Köpfen, alte und junge. Schreiend raffte Wampo sich auf und überkollerte sich wieder ... zwei Frischlinge waren ihm zwischen die Beine gefahren. Quieksend rannte das eine Tierchen davon, während Wampo mühsam sich aufrichtete, triefend vom Schlamm. Im fernen Gebüsch verstummte das Brechen und Rauschen, und der Bruder stand, zum Himmel aufblickend, mit seitwärts gestreckten Armen und gespreizten Fingern: "Herr, Herr! Deine Straf' hat flinke Füß' gehabt! Schön hast ich eingetaucht für mein sündiges Hölzelspiel!" Da rührte sich etwas vor seinen Füßen, ein ganz klein wenig nur, dann war's wieder ruhig. Mit starren Augen blickte Wampo zu Boden und sah eine behaarte Ohrmuschel aus dem Schlamm hervorlugen. "Ei, ei, ei!", stotterte er, griff mit beiden Händen zu und hob einen Frischling auf, den er im Sturz erdrückt hatte mit seines Leibes Gewicht. Nur einen Augenblick besann er sich, dann schwang er das Tierchen hurtig über die Schulter. "Das gibt einen guten Braten auf die Nacht!" Und freundlich zwinkerte er zum Himmel auf. "Er schickt halt doch mit aller Not auch allweil einen Trost!"

Es rauschte in den Büschen. "Bruder, Bruder!", klang die Stimme Eberweins, der mit zwei Knechten kam, von Wampos jammervollem Geschrei herbeigerufen. Es hatte weithin durch Gebüsch und Wald geklungen.

Auch bis an Schweikers Ohr. Der hatte in lichterem Gebüsch einen Hügel erstiegen, als er das Geschrei vernahm. In Besorgnis lauschte er und wollte schon zurückkehren. Da hörte er das laute Gelächter der Knechte und meinte: "Hat's ein Unglück gegeben... arg kann's wohl nicht sein, wenn die Leut' so lachen mögen!" Und beruhigt schritt er weiter. Immer lichter standen die Büsche auf dem steiler werdenden Gehänge, über das er emporstieg. Er hoffte, eine Höhe zu erreichen, die ihm einen freien Ausblick über das dicht bewachsene Tal gewähren möchte.

Da hörte er vom höheren Hang herab einen Jodelruf, der hell und rein wie ein Geigenstrich über das Tal hinweg klang, und dann setzte eine helle Mädchenstimme mit einer Weise ein, so flink und munter, so leicht und gaukelnd, wie ein Schmetterling über sonniger Wiese.

Dem Klang der jungen Stimme folgend, hatte Schweiker den Saum der Büsche erreicht und einen freien, von Geröll halb überschütteten Hang betreten. Da stand er nun, machte einen schiefen Kopf und riss die blauen Augen auf. Das heitere Lied und der frische Laut der Stimme, über ihm die warme Sonne und der helle Himmel, und noch irgend etwas in ihm selbst - das alles hatte in Schweiker die Erwartung eines freundlichen Anblicks erweckt. Und was fand er? Im spärlichen Schatten eines verkümmernden Dornstrauchs saß eine kleine schmächtige Gestalt, mit einer grauen Kotze dürftig bekleidet. Wie von einem Reisigbüschel war der Kopf von wirrem, dick verfilztem Haar umstarrt, das keine Farbe zu haben schien. War es blond, braun oder grau? Und das Gesicht? War es hübsch oder hässlich? Schweiker grübelte, aber eine Lösung dieser Frage wollte ihm nicht gelingen. Denn Gesicht und Arme des Mädchens, alles an ihm, was die Kotze zu sehen gab, war so ausgiebig mit Schmutz bedeckt, als wär' es die Gewohnheit dieses sonderbaren Menschenkindes, an jedem Morgen ein saftiges Schlammbad aufzusuchen. Neben dem Mädchen lag ein zottiger Geißbock und hielt den bärtigen Kopf mit dem krummen Gehörn an die Hirtin angeschmiegt. Weiter draußen auf dem Hang, zwischen sonnigem Geröll, weideten vier gefleckte Ziegen. Sie hoben, als Schweiker unter den Büschen hervortrat, die Köpfe und kamen neugierig näher. Der Bock sprang auf, meckerte, als wollte er fragen: "Was ist denn das für einer? ...", ging kurz entschlossen auf Schweiker zu, streckte lang den Hals und schnupperte an der Kutte. Aber der Geruch der Frömmigkeit schien ihm nicht zu behagen. Er schüttelte den Kopf, dass der Bart wackelte, machte ein paar hopfende Sprünge, bleib wieder stehen und blickte schief an dem Mönch hinauf.

Langsam hatte sich die Hirtin erhoben. Sie schien erschrocken, denn der Stecken in ihren Händen zitterte, und die Augen waren weit aufgerissen, dass man rings um die Sterne das Weiße sah.

"Grüß Dich Gott, Kindl!", sagte Schweiker und streckte zum Gruß die Hand. Aber die Hirtin stand ohne Bewegung, zitterte und schaute. "Grüß Dich Gott, Kindl!", wiederholte Schweiker und machte ein Gesicht, so freundlich, als er es mit aller Müh' zuwege brachte. "Grüß Dich Gott!" Dir Hirtin schwieg. "So gib mir den Gruß doch heim!" Keine Antwort. "Aber so red' doch! Musst ja doch reden können ... ich hab' Dich ja singen hören." Keine Antwort. Schweiker schüttelte den Kopf. "Aber Kindl, warum bist denn so ungut zu mir? Ich muss Dich 'was fragen ... red' doch ein Wörtl!" Dir Hirtin rührte die Lippen, aber es wollte kein Laut über ihre Zunge.

Schweiker kraute sich hinter den Ohren. "Da muss ich schon selber schauen, wo ein Weg geht." Einen stummen Blick noch warf er auf den sprachlosen Schmutzfleck, schüttelte den Kopf und stieg über den freien Hang hinauf. Die Hirtin stand wie angewurzelt, doch langsam drehte sie das Gesicht und folgte jedem Schritt des Mönches mit starren Blicken.

Nun stand er auf seinen Stab gestützt, in heller Sonne. Sein Bart und Blondhaar schimmerte wie Silber. Er spähte in das Tal hinunter. Zwischen wirren Buschwerk sah er zuweilen ein Stücklein der Ache blitzen. Auch hörte er die Stimmen Wampos und der Knechte und am Schwanken der hohen Buschwipfel erkannte er die Stelle, an der sie sich befanden. Nun sah er auch, dass ein Ausweg aus dem Gestrüpp nicht schwer zu finden war. Schief gegen den ansteigenden Hügel musste der Zug sich halten. So konnte man eine kleine Blöße erreichen, von welcher ein deutlich sichtbarer Weg hinausführte gegen einen lichteren Hochwald. Dem freien Hang, auf welchem Schweiker stand, lag dieser Wald noch näher. So dachte er, dass es am besten wäre, wenn er durch den Wald hinunter stieg und seinen Leuten auf dem Weg entgegenkäme, den sie nehmen mussten.

Kaum hatte er den Wald erreicht, da hörte er hinter sich ein Knacken und Brechen. Als er sich umblickte, stand die Hirtin vor ihm, und die Ziegen kamen ihr nachgerannt.

Schweiker lachte, spreizte den Stab vor sich hin und legte das Kinn auf die Hände. "Ja Kindl, warum läufst mir denn nach?"

"Hast ja 'was fragen wollen!", sagte die Hirtin mit hellem und weichem Stimmlein.

"Schau, schau, jetzt kannst ja auf einmal reden! Aber was ich hab' fragen wollen, weiß ich schon." Der Struwwelkopf senkte sich, und die grauen Hände drehten den Stecken. "Aber sag', Kindl, wer bist Du? Und wie heißt Du denn?"

"Hinzula heiß' ich."

"Uuh! Das ist aber ein schöner Nam'! Der gefallt mir besser als ..." Schweiker hatte sagen wollen: "besser als Du", doch er verschluckte das Wort. "Und wem gehörst Du denn, Kindl?"

"Dem Greinwalder."

"Und wo haust denn der?"

"Sell droben," sagte die Hirtin und deutete mit dem Stecken durch den Wald hinauf.

"Gelt, Kindl, hast wohl keine Mutter nimmer?"

"Freilich hab' ich eine. Warum fragst denn so..." Jetzt verschluckte sie ein Wort.

"Ich hab' halt gemeint... weißt... sag', Kindl, wie lang hast Dich denn nimmer gewaschen?"

"Vier Jahr'," sagte sie so kurzweg, als wäre das eine selbstverständliche Antwort.

Bruder Schweiker brach in helles Gelächter aus. Die Hirtin schien verlegen zu werden und stotterte: "Weißt, ich darf halt nicht!"

"Ja, wer verbietet's denn?"

"Die Mutter!"

Schweiker hörte zu lachen auf und schüttelte bedenklich den Kopf. "Kindl, Kindl, Dub ist ein kleines Saubartele, aber Deine Mutter ist ein großes!"

"Warum tust denn schelten drüber? Es muss doch sein. Und ... und warum sagst denn allweil 'Kindl' zu mir?" Die Hirtin hob zögernd das Gesicht. "Ich bin doch schon eine Dirn'!" Sie atmete tief und streckte sich, unter der mürben Kotze verrieten sich schüchtern die sprossenden Formen des jungen Körpers.

Bruder Schweiker wurde rot bis unter die Haare. "So? So? Eine Dirn'?", stotterte er. "Schau, das ist hat schwer zu merken gewesen. Bist ja schier noch so klein wie ein Kindl. Musst halt noch ein lützel wachsen, gelt? Wohl wohl! Und jetzt ... behüt' Dich halt Gott jetzt!"

Schweiker nickte zum Gruß und ging davon.

Aber Hinzula sprang ihm nach und hielt ihn am Ärmel fest. "Und Du? Wer bist denn Du?"

"Ich?" Bruder Schweiker machte ein ernstes Gesicht. "Ich bin ein Gottesmann. Wohl wohl! Und jetzt bauen wir im Berchtersgadem eine Klaus' und ein Kirchl daneben. Pass nur auf, wirst das Glöckl schon läuten hören! Nachher komm nu rund bet' für Deine junge Seel'!" Er machte mit der Hand das Kreuzzeichen über Hinzulas Gesicht und schritt dem Tal entgegen.

Als er zwischen den Bäumen schon die Helle der Lichtung gewahrte, blickte er über die Schulter zurück. Dort oben, immer noch auf dem gleichen Fleck, stand die Hirtin wie angewurzelt. "Eine Dirn', und hat sich vier Jahr' lang nimmer gewaschen!" Er schüttelte den Kopf und begann zu grübeln. Was hatte sie nur sagen wollen mit dem Wort: "Es muss doch sein?"

Schweiker blickte auf. Er musste irre gegangen sein. Richtig, dort drüben lag die Blöße. Nun schritt er eilig aus und hörte auch bald die Stimmen der Seinigen. Durch das wirre Buschwerk kämpfte er sich zu ihnen. "Ich hab' einen guten Weg gefunden!"

Bruder Wampo tat einen tiefen Seufzer. "Gott sei Dank!"

Da fielen Schweikers Blicke auf ihn. "Ja mein, Bruder, wie schaust denn Du aus! Wie der Hinzula aus dem Gesicht geschnitten!"

"Wen Du meinst mit der Hinzula, weiß ich nicht. Aber wenn sie ausschaut wie ich, dann kann einem grausen vor ihr."

Nun lachten sei alle.

"Aber red' doch," fragte Schweiker, "was ist denn geschehen?"

Mit sprudelnden Worten erzählte Wampo sein Abenteuer; den erbeuteten Frischling von der Erde hebend, sagte er: "Einen Weg suchen bin ich ausgegangen und hab' ein Ferkel gefunden!"

Schweiker schmunzelte. "Da haben wir es all beid' gleich getroffen! Aber komm, jetzt heißt's schaffen!"

Er suchte aus der Ladung die Axt hervor und begann im Gestrüpp einen Pfad für die Saumtiere auszuhauen. Die Arbeit ging ihm flink vonstatten, jeder Hieb gab aus; aber es währte doch eine Stunde, bis der Zug die Blöße erreichte und den Wald gewann. Eine Strecke zogen sie den Saum entlang und gerieten in eine kleine, freundlichen Talmulde. Schweiker, der den Zug geführt, blieb stehen und blickte um sich. "Was suchst Du?", fragte Eberwein.

"Ich schau' mir das Platzl an und mein', wir könnten ein besseres nicht finden für die Nachtrast. Die Sonn' geht hinter die Berg' ... und Wolken steigen auf, die mir nicht gefallen. Eh' ein paar Stund' vergehen, haben wir ein Unwetter, und ich fürcht', ein grobes!"

"So lass uns bleiben!"

Der Platz war gut gewählt, nach allen Seiten gegen Wind und Sturm geschützt: Im Rücken der ansteigende Wald, mit riesigen Bäumen, hohes Gestrüpp zur Rechten und Linken, und im Vordergrund die von blühendem Heidekraut überwucherte Mulde, an welcher die rauschende Ache vorüber floss. Drüben steig ein dicht bewachsener Hügel auf, welcher sich an die Waldgehänge des Untersberges mit einer welligen Hochfläche anlehnte, aus deren dunklen Fichtenwipfeln zwei mächtige Felsblöcke emporragten.

Nun gab es Arbeit. Man nahm den Saumtieren die Ladung ab, und während die Knechte sich anschickten, zwei Reisighütten aufzuschichten, ging Schweiker mit der Axt in den Wald, um feste Stangen für die Zelte zu holen. Als er zurückkam, die langen Hölzer schleppend, zog Wampo aus einem der Ballen eine frische Kutte hervor. "So, Bruder, jetzt reit' ich mich in die Schwemm'! Und nachher wird fein aufgekocht. Wenn die Zelt' stehen, so sei so gut, mach' ein Feuer an und such' mir ein Eisen heraus, mit dem ich das Ferkel brennen kann! Das soll ein Brätlein werden, dass Dir das Wasser auf der Zung' zusammenläuft!"

Er nickte, zwinkerte mit den Äuglein und sprang mit flinken Beinen durch das blühende Heidekraut. Vor dem Ufer der Ache bleib er stehen und schnitt eine bedenkliche Miene. Wohin er blickte, überall sah er im Bach nur Schaum und Wirbel. Einen ruhigen Tümpel suchend, folgte er dem Ufer und verschwand hinter dichten Büschen.

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