Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 3

Sigenot hatte die Angelrute und das hölzerne Lägel, welches schwer war und von Wasser troff, von der Erde aufgenommen. Da stand Eberwein vor ihm. "Du bist Sigenot der Fischer?"

Sigenot nickte nur. Seine Brauen zogen sich zusammen, sein Auge hing mit forschendem Blick an Eberweins Zügen. Bruder Schweiker kam herbei, neugierig, mit gutmütigem Lächeln - der Fischer schien ihm zu gefallen.

"Ich habe schon gehört von Dir!", sagte Eberwein. "Und Gutes! Hier, meine Hand zum Gruß!"

Sigenot rührte keinen Finger. Es zuckte nur um seine Lippen, dann entgegnete er: "Ich biet' meine Hand nur einem, mit dem ich gut bin. Von Dir weiß ich nicht: Bist mir Feind oder Freund?"

"Ich bin aller guten Menschen Freund, also auch der Deine."

Der Fischer schüttelte den Kopf. "Ich kenn' Dich nicht, und bei mir macht eine linde Red' noch keine Freundschaft."

Schweiker bekam einen roten Kopf. "Lass Dir raten, Fischer: Red' ein lützel sanfter! Und nimm die Hand! Der sie Dir bietet, ist Dein neuer Herr!"

Sigenot trat einen Schritt zurück und maß den Bruder vom Kopf bis zu den Füßen. "Ich versteh' Deine Red' nicht." Schweiker wollte erwidern, doch Eberwein legte die Hand auf seinen Arm und winkte ihm zu schweigen. "Wie kann da ein neuer Herr sein, wo kein alter gewesen ist?", sagte der Fischer. "ich sitz' auf einem Haus, das nie gezinst und gesteuert hat, und die Fischenz ist mein freies Eigen ... ich hab' keinen Herrn."

Lächelnd blickte Eberwein in Sigenots Augen. "Das mag ich nicht glauben, Fischer."

"Ich sag', ich hab' keinen Herrn, und meine Red' ist wie Stein."

"So wär' auch jener Dein Herr nicht, der aller Menschen Herr ist, alles Lebens Schöpfer und Erhalter ... jener Eine dort oben?"

"Der?" Mit sinnendem Blick hob Sigenot die Augen empor zum blauen, sonnleuchtenden Himmel. "Wohl wohl, den lass' ich mir schon gefallen als Herrn ... wenn's derselbig' ist, den der alte Hiltischalk in der Ramsau meint. Aber ich glaub' schier, es müssen Zwei sell droben hausen: Dem Hiltischalk der seinig' und der ander' ... derselbig', den der Schwarze mit dem Kreuz gemeint hat ..." Sigenot winkte mit dem Kopf gegen die Bäume, in deren Schatten Waldram verschwunden war, "der die Pferd' scheu macht und die Weiber zornig, wenn von ihm gered wird! Der gehört schon Euch ... wenn ich denk', ich müsst' da droben einen Herrn haben, so halt' ich zu dem, den der Hiltischalk meint. Und jetzt lass mich in Fried', ich muss meiner Fischwaid nach!" Er nickte einen stummen Gruß, ließ die Angelschnur durch die Finger gleiten und schritt dem Ufer der Ache zu.

"Ist das ein Lümmel, ein unguter!", brummte Schweiker, aber es war in seinen Augen zu lesen, dass er den Fischer ungern scheiden sah. "Soll ich ihn wieder holen?", fragte er den Pater. Und ohne ein Antwort abzuwarten, rief er dem Fischer nach, der zwischen den Büschen verschwand: "He, Du, noch ein Wörtl ..."

Doch Eberwein hielt ihn zurück. "Lass ihn! Um diesen zu gewinnen, bedarf es einer besseren Stunde." Er wandte sich ab, und seine Blicke folgten der Richtung, nach welcher Waldram gegangen war. "Sein erstes Wort ...", sprach er leise vor sich hin, "und schon liegt ein Schatten auf meinem hellen Weg!"

Schweiker stand noch immer inmitten der Wiese, mit seitwärts hängendem Kopf, und schaute in die Büsche, hinter denen Sigenot verschwunden war. Da hörte er Bruder Wampos Stimme: "He, Schweiker, komm her da, tummel Dich!" Er ging zum Feuer, bei welchem sich Wampo nach dem überstandenen Schreck schon wieder häuslich mit Spieß und Braten eingerichtet hatte.

"Komm her, dreh noch ein' Weil', er wird bald gar sein! Ich hab' ein Wörtl mit dem Fischer zu reden."

"Du? Mit dem Fischer?"

"Ja. Sein Lägel hat Wasser..." Wampo kniff die Augen ein und schnalzte mit der Zunge, "es muss auch Fisch' haben!" Mit beiden Händen hob er die Kutte und sprang über die Steine davon. Hurtig durch die Büsche schlüpfend, erspähte er den Fischer, der gerade das Lägel niedersetzen wollte, um die Angel zu werfen. Geschäftig die Hände reibend, lächelnd und nickend, ging der Bruder auf ihn zu. "Gottes Segen über Dich, mein Sohn!"

Sigenot machte große Augen. "Was willst?"

Wampo zwinkerte, fast bis zu den Ohren verzog sich sein lachender Mund, und während er mit dem Fingerknöchel an das Lägel pochte, fragte er: "Hast heut schon 'was gefangen, mein Sohn?"

"Ich bin meines Vaters und meiner Mutter Sohn, nicht der Deinige. Aber gefangen hab' ich, denn ich hab' gefischt."

"Gefangen? So? So? Schöne Fische?"

"Gering' Zeug fang' ich nicht!"

"Freilich, freilich, bist halt ein echter Fischer, gelt? Gefangen also? So? So? Lass doch einmal sehen!" Wampo wollte nach dem Lägel greifen, aber Sigenot streckte die Angelrute vor. Seufzend legte der Bruder die Hände über das Bäuchlein und blickte den Fischer an mit Augen voll tiefer Kümmernis. Da musste Siegenot lächeln. "So schau halt!", sagte er und öffnete den Deckel des Lägels. Hurtig fuhr der Bruder mit der Nase bis dicht an die Lücke. "Ei, ei, ei, da wimmelt ja ein Buckel neben dem andern!" Er richtete sich auf, und sein Gesicht strahlte. "Jetzt sag', mein Sohn..." da erinnerte er sich der abweisenden Rede Sigenots. Zutraulich klopfte er ihm auf die Schulter. "Schau, von mir kannst Dir's schon gefallen lassen, dass ich Dich so heiß'! Ich könnt' ja sagen: So redet die Kirche mit ihren Kindern ... aber zu Dir sag' ich: Schau, lieber Fischer, bin ich nicht so alt, dass ich Dein Vater sein könnt' ... und bist Du nicht so jung, wie mein Bub wohl sein möcht', wenn ich einen hätt'? Gelt, ja? Also, jetzt sag', mein Sohn, wie wär' denn das, wenn Du mir für Gottes Lohn und freundlichen Dank von Deinem Fang ein paar Schwänzlein ablassen tätst? Hm?"

"Fisch' willst haben? Das hättest kürzer auch sagen können."

"Kurz oder lang ... was meinst dazu?"

"Nichts mein' ich!", sagte der Fischer lächelnd. Je länger er den Bruder betrachtete, desto fröhlicher wurde sein Gesicht. "Auf die Fisch' da wartet Herr Waze, ich hab' ihm die Ferchen zugesagt zum Mahl auf die Nacht."

"Herr Waze? Ei, ei, ei!" Wampo spitzte die Lippen wie zum Pfeifen. "Herr Waze? Von dem hab' ich schon gehört! Der also, der soll die schönen Fisch' alle haben, zum Mahl auf die Nacht? Aber schau, wir haben ein Mahl zu Mittag ... und haben nichts dazu als einen großen Hunger und ein kleines Stückl Fleisch. Und Mittag kommt vor Abend, Mittag ist jetzt! Also, tu eine gescheide Red', sag' Ja!"

"Du redst Dich aber leicht! Wer bist denn eigentlich?"

"Wer ich bin?" Wampo legte die Hände ineinander. Ich bind er gute fromme Bruder Wampo, ein braver Knecht der Kirche." Breit legte der Bruder die Hände auf den Gürtel und machte die freundlichsten Äuglein, die er zustande brachte. "Schau mich an, Fischer ... wenn ich Dich gar schön bitt', kannst Da noch Nein sagen?"

"So nimm halt!", lachte Sigenot. "An mich hat noch keiner eine Bitt' umsonst getan." Er drehte das Lägel um, und mit einem dicken Wasserguss flossen an die zwanzig der herrlichsten Forellen in das Moos und hupften silber schimmerig durcheinander.

Bruder Wampo wusste nicht mehr, wohn er mit seinen Händen greifen sollte. "Ei, ei, ei!" Das war der ganze Ausdruck seiner Freude. Er sah nicht, dass Sigenot sich lachend entfernte, und dachte nicht an Gruß und Dank. Mit beiden Knien warf er sich auf die Erde nieder, höhlte die Kutte zu einem Sack, und schlipp, schlupp! Verschwanden die zappelnden Fischlein eines nach dem andern im Schoß der Kirche. "Ei, ei, ei!" Stolpernd sprang der Bruder auf, sprang dem Feuerplatz entgegen, und breit vor Eberwein sich aufpflanzend, mit strahlendem Gesicht, zog er eine pfündige Forelle aus der Kutte und rief lachend: "Schaut, Herr, das ist die erste Steuer, die unser Kloster gehoben hat im Berchtersgadem!"

Eberwein lächelte, und hinter ihm ließ sich eine raue Stimme vernehmen: "Ein guter Anfang! Nur lustig fort gehoben! Und wohl bekomm Euch, was Herr Waze und seine Buben noch übrig gelassen!" Während Bruder Wampo hurtig zum Feuer rannte, um die Forellen ihrem Schicksal zu überliefern, ließ sich der Sprecher dieser Worte, ein stämmiger Kriegsmann, neben Eberwein auf einen Steinblock nieder. Es war Herr Friedrich von Haunsperg, der erzbischöfliche Kastellan der Salzaburg. Ein grauer Spitzbart verlängerte das harte, knochige Gesicht, darin zwei graue scharf blickende Augen funkelten. Am Gürtel trug er ein breites Schwert, einen Dolch an eisernem Kettlein, und unter dem grün gefärbten Lederwams klirrte das Ringhemd. "Ich bin um Euretwillen schön in die Irre geritten," sagte er lachend zu Eberwein. "Draußen beim Rotemannsbach wurde mir das Warten zu lang, ich wollt' Euch ein Stücklein den Berg hinauf entgegen reiten, in dichten Gehölz hab' ich den Pfad verloren, und wär' der Knecht nicht gekommen und hätt' nach mir geschrieen wie ein Jochgeier, wer weiß, ob ich den Weg so bald wieder gefunden hätt'!"

"Ich beklagte die Übermüh', die ich Euch durch mein Zögern verursacht habe," sagte Eberwein. "Doch wüsstet Ihr, was alles ich erfahren und gesehen ... Ihr würdet mich entschuldigt halten."

"Entschuldigt seid Ihr für alle Fälle. Aber nun legt los, Herr Pater ... oder ..." Die Augen des Kastellans wurden kleiner, und über seine schmalen Lippen zuckte ein kaum merkliches Lächeln, "oder muss ich schon sagen: Herr Propst? Also, erzählt, wie hat Euch das Ländlein gefallen, das Ihr Euch angesehen von oben herab?" Eberweins Augen leuchteten. Er hatte kein Ohr für den versteckten Spott dieser Worte, und in fließender Rede begann er zu erzählen...

Inzwischen schaffte Bruder Wampo drüben am Feuer mit brennendem Eifer und blitzschnellen Händen. Bald sprang er zum Bratspieß, bald wieder zum Kessel, in welchem er die Forellen sott. Dabei wusste er für jeden der Knechte ein Geschätlein. Sie mussten durcheinander surren wie die Hummeln. "Schwitzt nur, heut hab' ich noch gute zeit!", kicherte Wampo. "Steht die Klauf' einmal, dann muss ich alles selber schaffen!"

Nah im Wald klangen wuchtige Beilhiebe. Bruder Schweiker hantierte mit der Axt, und wo er hinschlug, sprangen die Splitter, und sanken die jungen Bäume. Nach einer Weile kam er, ein Dutzend dicker Stangen auf dem Rücken schleppend. Viere trieb er in den Grund und legte über die Stangen eine Felsplatte als Tisch. Danben richtete er zwei kleine Bänke. Als sein Werk zu Ende gediehen war, kam Bruder Wampo herbei geschossen, deckte ein weißes Linnen über den Tisch, legte drei Holzteller auf die Platte, Löffel und Messer, und neben jeden Teller eine kleine Handzwelle mit rot gesticktem Saum.

Schweiker riss die Augen auf. "Ja wo hast Du denn das herrische Zeug all her?"

"Gestern auf die Nacht hab' ich's dem Tafeldecker in der Salzaburg abgehandelt."

"Was hast ihm denn gegeben dafür?"

"Eine Litanei."

"Hast sie schon gebetet?"

"Wann hätt' ich denn Zeit gehabt? In der Nacht hab' ich schlafen müssen, den ganzen Vormittag laufen, und jetzt hab' ich doch alle Händ' voll zu schaffen!" Einen Blick noch warf er auf den Tisch, nickte und rannte wieder zum Feuer.

Mit schiefem Kopf sah ihm Schweiker nach. "Wenn der nicht vergisst an die Litanei, heiß' ich Hänsel. Ich will's ihm lieber abladen." Er schlug ein Kreuz, verschlang die Hände und ging unter halblautem Murmeln in den Wald hinein: "Kyrie eleison..."

Bruder Wampo holte indessen die Forellen aus dem Kessel, legte sie säuberlich auf eine hölzerne Platte und umgab sie in Ermangelung eines würdigeren Schmuckes mit einem Kränzlein kleiner Fichtenzweige. Er trug die Platte zum Tisch und lief, um die Herren zu rufen, die er in heftigem Gespräch fand. Auf Eberwein Zügen brannte die Erregung, und Herr Haunsperg schien übler Lauen zu sein. Der Bruder machte eine Verbeugung, die einem Koch des herzoglichen Hofes zur Ehre gereicht hätte, und sagte: "Das Tischlein ist gedeckt, wohl bekomm's den Herrn!"

Herr Haunsperg sprang auf. "Das erste gescheide Wort, das ich höre!" Und zu Eberwein sich wendend, meinte er lachend: "Kommt, Pater, lassen wir jetzt die Zungen ruhen und dafür die Zähne arbeiten!" Er ging zum Tisch.

"Wo ist Waldram?", fragte Eberwein.

Bruder Wampo rannte davon, dass die Kutte flatterte. Nach kurzer Weile kam er zurück und schüttelte gar bedenklich den Kopf. "Ihn hungert nicht, hat er gesagt ... ihn speist die Gnade Gottes."

Schweigend wandte sich Eberwein zum Tisch, faltete die Hände und sprach mit leisem Flüstern das Gebet. Herr Haunsperg lächelte kühl, doch er entblößte das Haupt. Auch die Brüder und mit ihnen die Knechte standen betend abseits. Man hörte nur das Murmeln der Ache, das Knistern des erlöschenden Feuers und die sachte Plauderstimme, die der leichte Windhauch in den Wipfeln der Bäume weckte. Dann saßen sie alle und aßen. Die Herren am Tisch, Schweiker und Wampo neben dem Feuer, die Knechte tiefer im Wald. "he, Bruder!", rief Herr Haunsperg. "Mich dürstet, gib zu trinken her!"

Wampo lief und kam mit einer schweren Bitsche. Herr Haunsperg öffnete den Deckel. "Wasser? Damit bleib mir vom Leib, Bruder! Lass Wein anfahren! Ich hab' doch bei der Ladung ein Fässlein gesehen. Zapf an!"

Bruder Wampo machte ein verlegenes Gesicht, und hustend schielte er nach dem Pater. "Der Wein ist für Gottes Tisch bestimmt!", sagte Eberwein.

"Ach so!", brummte Herr Haunsperg und hob die größte Forelle von der Platte.

Als Wampo zum Feuer zurückkehrte, fragte Schweiker: "Was hat's denn gegeben?"

"Der Haunsperger hat vom Messwein haben wollen."

"Da wird ihm die Zung' trocken bleiben!"

Wampo nickte und schmunzelte. Was er sich dachte bei diesem Schmunzeln, das verschwieg er. Bruder Wampo schien seine kleinen Geheimnisse zu haben, auch vor Schweiker. Oder meinte er nur, dass beim Forellenschmausen alles Reden von Übel wäre? Mit stillem Eifer bewies er, dass er im Fischespeisen ein ausgelernter Meister war. Während Schweiker mit seinen plumpen Händen das kleine Fischlein packte, wie der Schmied die Goldnadel, fasste Wampo die Forelle zierlichen Griffes mit zwei Fingern am Kopf, mit zwei Fingern am Schwänzlein - Ein flinker Zuck, und in zwei appetitlichen Spalten löste sich das weiße zarte Fleisch vom Rückgrat los - schlick, schluck! Und von der Forelle war nur noch das leere Gerippe vorhanden, welches ins Feuer flog.

Als die letzte Forelle und das letzte Restlein des Bratens verschwunden war, leckte Bruder Wampo sein säuberlich die Finger ab, wischte die Hände über die Kutte und seufzte tief.

"Ja was hast denn?", fragte Schweiker ganz erschrocken.

"Ach, Bruder, mir schwant 'was!"

"So red' doch! Was denn?"

"Mir schwant, als käm' eine böse Zeit für uns... Mir schwant, als hätten wir heut auf lang hinaus zum letzten Mal gegessen, wie's einem Menschen wohl tut."

Lachend zuckte Schweiker die Schultern. "Was liegt denn daran, wenn's auch ein lütztel grob kommt!" Er blickte das waldige Tal entlang, und seine Augen nahmen einen sinnenden Ausdruck an. "Es kommt halt, wie Gott will! Schau, weswegen sind wir denn Gottesstreiter? Musst halt denken: Unser lieber Herr Jesus Christ ist auch in die Wüstenei gegangen, und da hat er auch nicht Fisch' und Kälbernes gegessen alle Tag'!"

"Freilich, freilich," meinte Bruder Wampo kleinlaut, "aber weißt, ihm hat halt sein himmlischer Vater all' Tag' einen Engel geschickt ... mit Himmelsbrot."

Schweiker legt die Arme um die Knie und sann. Dann sagte er langsam: "Wenn's uns einmal recht schiech geht in der Klaus', und wir bleiben nur gut und fromm ... meinst nicht, Bruder, dass der liebe Herr uns auch in der höchsten Not einen Engel schicken tät' mit Himmelsbrot?" Er lächelte. "Ich wär' mit einem Bröserl schon zufrieden. Das tät' bei mir reichen fürs ganze Leben! Einmal, weißt, da hab' ich gehört, wie ein Pater gepredigt hat: Wer gespeist aus Gottes Hand, und wer gegessen des Himmels Brod ... hat er gesagt ... siehe, der fühlt sein Herz erhoben in Freud' und reiner Süßigkeit, ihn quält nimmer Sorg und Kummer, und seine Seel' ist voll des Glücks, das ihr Gott gegeben!" Er atmete tief, und langsam strich er mit dem Rücken der schwieligen Hand über die Stirn. Als die Herren ihre Mahlzeit beendet hatten, räumte Bruder Wampo den Tisch. So lange er zugegen war, schwieg das Gespräch. Dann sagte der Katellan mit kühlem Lächeln: "Ich will Euch meinen Rat nicht aufdrängen, aber wenn Ihr ebenso klug seid als fromm, dann richtet Ihr Euch nach meinen Worten. Ich kenne Herrn Waze. Er ist nicht besser und nicht schlechter als alle sind, die an solcher Stelle sitzen. Sein Graf war immer weit und hat sich um Land und Leut' im Gadem den Teufel gekümmert."

"Ihr redet derb, Herr Haunsperg!", mahnte Eberwein in mühsam bekämpfter Erregung.

"Ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Ich wollte nur sagen: Herr Waze hat in seiner Einöd' nie einen Druck von oben gespürt, und das hat ihn übermütig gemacht. Ich rate, findet Euch im guten mit ihm ab! Über die vierzig Jahre sitzt er als Spisar im Berchtersgadem..."

"Und das ist sein einziges Recht?"

"Ihr meint, nach dem Landesgesetz? Wenn ich die Wahrheit sagen will ... ja! Aber muss denn ein Recht immer ein geschriebenes sein? Das Herkommen, Pater, wenn es graue Jahr' auf dem Buckel hat, ist auch ein Recht, und das hält oft besser als Eure geschriebenen Gesetze."

"Ich will das Recht des Herkommens, auf das sich Herr Waze stützen mag, nicht verneinen. Ich hab' es heute schon einmal gesagt, er soll in meinem Land sein, was er bisher gewesen, er soll seinen gerechten Teil haben an Zins und Steuer, und den Wildbann will ich ihm nicht beschränken. Doch soll er meinem Land ein guter Walter sein, nicht ein Wolf in der Herde."

Herr Haunsperg verzog die Lippen. "Ach was, Wolf! Wen reißt er denn am Fell? Den Bauer! Mit Euch wird er zechen und jagen!" Eine dunkle Röte flog über Eberweins Züge. "Mich lüstet nicht nach solcher Kurzweil. Mag Herr Waze Unbill über Unbill wider mich begehen, ich will es dulden. Aber das Wohl meiner Bauern, die Unschuld und das Recht in meinem Land wird' ich vor ihm und seinen Söhnen zu wahren wissen."

"Man merkt Euch an, Herr Pater, dass Ihr noch niemals Land und Leute in der Hand gehabt. Sonst würdet Ihr anders reden und den Bauer ein wenig billiger schätzen. Aber ich hab' keine Sorg' um Euch! Werdet nur erst warm auf dem Herrensessel... den Rahm schöpfen, der am besten schmeckt, das lernt sich von selber. Ihr werdet bald hinter das Sprüchlein kommen: Bauernbutter ist Herrenfutter! Ich erleb's noch!"

"Das glaub' ich kaum, Herr Haunsperg, und wenn Euch der Himmel auch Methusalems Alter schenkt!"

"Dafür wär' ich dem Himmel dankbar. Aber genug jetzt! Ich hab' Euch meinen Rat gegeben, Ihr schlagt ihn in den Wind... über Jahr und Tag wollen wir uns wieder sprechen. Ich meine, Ihr werdet bald dahinter kommen, wie mit Herrn Waze am besten zu fahren ist. Mit Gewalt geht's nicht , ich sag's Euch noch einmal voraus! Das haben seine Herren im Grafengadem seit langen Jahren gemerkt und haben ihn hausen lassen, wie er wollte!" Herr Haunsperg lachte spöttisch. "Und ich meine, gerade Ihr hättet die geringste Ursache, seine Art zu schelten. Denn hätten die im Grafengadem nicht seit lang' gespürt, wie schlecht sich mit Herrn Waze die Kirschen essen, so hätte Frau Adelheid von Sulzbach das fromme Gelübde ihrer Mutter wohl kaum erfüllt. Die frommen Frauen werden wohl gewusst haben, weshalb sie dem Orden nicht fruchtbares Land mit Zins tragenden Bauernhöfen schenkten, sondern diesen verlorenen Fetzen Bergland, von dessen spärlicher Steuer Herr Waze das Schmalz in die eigenen Tiegel schöpfte und seinem Herrn nur die schimmeligen Sauerkäse schickte. Man muss klug schenken, Herr Pater, auch wenn man dem Himmel schenkt."

Auf Eberweins Lippen schien ein zorniges Wort zu liegen; doch es wurde nicht laut. Ein tiefer Atemzug schwellte die Brust des Mönches, und ruhig klang seine Stimme: "Ihr redet übel, Herr Kastellan, und Euer bischöflicher Herr möchte solche Rede mit Zürnen vernehmen."

"Meint Ihr?", war die lachende Antwort.

"Ihr habt so scharf blickende Augen! Aber wie trüb und unklar sieht Euer Blick in dieser Sache! Wollten die frommen Frauen den Himmel eine Freude machen, welch' ein besseres Geschenk hätten sie wählen können, als gerade dieses unwirtbare Tal mit seinen armen, von Unrecht und Gewalt bedrückten Menschen, denen vom Brot des Himmels nur verstreute dürre Brosamen zugefallen sind. Dass zwischen dieser Menschen Hütten ein Gotteshaus sich erheben möchte, von dessen kreuzgeschmücktem First das Licht hinausstrahlt in die Dunkelheit, einen neuen freundlichen Tag erweckend... das, Herr Haunsperg, war der fromme Sinn der Schenkung, welche das Schicksal dieses Landes in meine Hand gelegt."

"Gut, Herr Pater! Reicht das Himmelsbrot mit vollen Händen... Ihr scheint ja Überfluss zu haben. Ich meine nur, es wird Euch die Erfahrung nicht erspart bleiben, dass Eure neuen Herzenskinder den gewohnten Sterz und Sauerkäs besser vertragen als Euer feines Klostergebäck!" Herr Haunsperg blicke nach der Sonne. "Die Zeit verrinnt, wir müssen an den Aufbruch denken."

"Für diese Mahnung dank' ich Euch! Wir haben mit Reden eine kostbare Stunde verloren. Ich könnte das offene Tal schon erreicht haben, und Ihr auf dem Heimritt schon das Walser Feld."

Betroffen blickte der Haunsperger auf. "Was soll das heißen? Ich reite mit Euch und wähle den Platz, auf dem die Klause stehen soll."

"Ich danke für Euer Geleit. Reitet heim, Herr Kastellan, ich wähle selbst!"

"Das geht nicht an, Pater! Ihr seid ein Fremder im Land. Und mein Bischof will..."

"Hier gilt mein Wille!", unterbrach Eberwein die grobe Rede. Stolz richtete er sich auf. "Es ist mein Land, auf dem wir stehen."

Dem Kastellan blieb das Wort in der Kehle stecken. Mit eingekniffenen Augen maß er die Gestalt des Mönches. Dann lachte er: "Ach so!", und wandte sich gegen den Wald. "He, Ruppert!" Einer der Kriegsknechte kam gelaufen. "Die Pferde her! Wir reiten heim!" Ohne Gruß und Abschied folgte Herr Haunsperg dem Knecht. Eberwein legte die Hände auf die Brust und atmete, als hätte er eine drückende Last von sich abgewälzt. "Bruder Schweiker!", rief er. "Lass die Saumtiere laden, wir brechen auf!"

Ein geschäftiges Treiben begann. Eberwein selbst überwachte die Ladung und griff mit kundigen Händen zu.

Herr Haunsperg war zu Pferd gestiegen, als er unter den Bäumen hervor ritt auf den offenen Weg, trat ihm Waldram entgegen. Vom Pferd herunter reichte ihm der Kastellan die Hand. "Lebt wohl, Pater, wir reiten heim!"

Waldram furchte die Brauen. "Seid Ihr schon müde geworden im Dienst Gottes?"

"Ich und müde?" Herr Haunsperg lachte. "Wenn Ihr mich ungern scheiden seht, so müsst Ihr mit dem Propst vom Berchtersgadem rechten. Ihm ist der 'Herr' zu Kopf gestiegen wie junger Wein. Er hat mir bedeutet, wo die Grenzen seines Landes liegen." Der Kastellan gewahrte den finsteren Blick, der aus Waldrams Augen zu Eberwein hinüberfunkelte. Er neigte sich im Sattel und dämpfte die Stimme. "Er ist mit dem Herrenspielen flink bei der Hand, Euer Propst, das werdet auch Ihr noch fühlen!"

"Ich werde tragen, was Gott mir auferlegt."

"Eurer Frömmigkeit alle Ehre, Pater! Aber ich meine fast, die frommen Väter zu Raitenbuch hätten besser wählen können."

"Sie wählten, wie es ihnen gut schien," sagte Waldram mit verlorenem Blick.

"Freilich, freilich! Aber ich rede, wie mein Bischof redet. Er hat Euch lieb gewonnen, Pater! Gestern vor Schlafengehen sagte er zu mir: 'Wenn ich zu walten hätte in dieser Sache, und wer weiß, ob die Zeit nicht kommen wird, dieser Waldram hätte mein Vertrauen! Ist das ein Mann! Göttliche Glut jeder Gedanke, göttliche Kraft jedes Wort!' Ja, Pater, so sagte er."

Waldram schwieg, aber eine dünne Röte färbte seine bleichen Wangen, und heißer brannten seine Augen. Herr Haunsperg lächelte. "Ich weiß, Euer frommes Gemüt kennt die Eitelkeit nicht. Doch die Meinung meines hohen Herrn soll Euch Freude machen und Euren Mut heben. Ihr geht einem schweren Kampf entgegen. Und wann bei Eberwein die gähe Hitze verflogen ist, und es kommt bei ihm die Zeit der ratlosen Schwäche..."

Waldram hob den hageren Arm. "Dann will ich ihn stützen mit meiner Kraft."

"Das ist ein Wort! Und nun lebt wohl, Pater. Ihr habt mich guten Mutes gemacht!"

"Gottes Geleit auf Euren Weg! Und bringt Eurem Herrn den Gruß seines frommen Knechtes!"

"Das will ich, Pater! Gott befohlen!" Herr Haunsperg gab dem Pferd die Sporen und folgte den beiden Knechten, die schon ein gut Stück Weges vorausgeritten waren. Bei einer Wendung des Pfades blickte er noch einmal zurück und lächelte. "Geht nur! Rodet und pflanzt, pflügt und sät ... wenn die Ähren stehen, komm' ich wieder und lege meines Herren große Hand auf Euren Schweiß."

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