Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 19

Kapitel 1

Eine stille Sommernacht war hingegangen über die Berge, und der Tag wollte kommen.

Über die regungslosen Wipfel der alten, schwer mit Moos behangenen Fichten fiel schon ein graues Licht und zitterte durch alle Lücken des steilen Waldes. Einzelne Vogelstimmen ließen sich schüchtern vernehmen. Sonst lautlose Stille. Nur in weiter Ferne das gleichmäßige Rauschen eins Wildbaches und manchmal ein helles Klirren, wenn die beiden Männer, die auf schmalem, häufig von dürrem Astwerk versperrtem Wildpfad durch den Wald emporstiegen, mit den gestachelten Bergstöcken die schwellende Moosdecke durchbohrten und auf Sein gerieten.

Voran stieg ein Alter mit gebeugtem Rücken und schwerfälligem Schritt. Die Beine waren mit verwittertem Ziegenfell umschnürt, den Körper bedeckte ein Hemd aus grobem Hanftuch mit fransig ausgerissenen Ärmeln, und darüber hing eine graue rauhaarige Kotze. Ein Gesicht war kaum zu erkennen. Bist tief in die Wangen wucherte der graue struppige Bart, wie Dächlein hingen die weißen Brauen über die Augen herab, und unter der abgegriffenen Lederkappe quollen in dicken Büscheln die schneeigen Haare hervor. Gewand und Arme des Alten waren mit Ruß bestäubt, denn die Kohlhütte war sein Haus und Heim. Das verriet auch der Name, mit welchem der hinter ihm Schreitende, ein Mönch im schwarzen Ordenskleid der Augustiner, ihn anrief: "Kohlmann!"

"Herr?", fragte der Alte, ohne sich umzuwenden.

"Wie lange dauert der Wald noch?"

"Nimmer lang. Dann kommen die Alben. Und eh' die Sonn' noch aufgeht, stehen wir droben auf dem Fels, von dem Du das ganze Land überschauen kannst, das die Grafengademer1 Dir geschenkt haben."

"Nicht mir! Der Kirche!", sagte der Mönch. Ein tiefer Atemzug schwellte seine Brust, seine Augen blitzten, und weiter holte er mit dem Bergstock aus, als triebe ihn heiße Ungeduld dem Ziel entgegen.

Scharf umrissen hob sich die schlanke hohe Gestalt im schwarzen Kleid vom grauen Dämmerlicht des Waldes ab. Die Kutte war mit ledernem Gurt geschürzt und zeigte die nackten Füße mit den eisenbeschlagenen Sandalen. Beim Führend es Bergstockes fielen die faltigen Ärmel zurück und entblößten die sehnigen, sonnverbrannten Arme. Das unbedeckte Haupt war nach strenger Regel geschoren. Doch war wohl schon manche Woche vergangen, seit die Schere diesen Kopf berührt hatte, denn in dem Ring von Haaren, der vom Nacken aus die Stirn umzog, begannen sich schon wieder schüchterne Locken zu Ziegen. Noch lichter als das blonde Haupthaar war der weiche Bart, der die Wangen umkräuselte und in zwei Spitzen auslief. In dem von der Wanderung leicht geröteten Antlitz, aus welchem die blauen Augen wie zwei Sterne strahlten, vermischte sich der Ernst des gereisten Mannes mit der träumerischen Weichheit eines Knabengesichtes. Auch in der ganzen Erscheinung, in jeder Bewegung zeigte sich ein gleicher Gegensatz: Abgeklärte Ruhe und Gemessenheit, und dennoch treibendes Leben und jugendliche Kraft, die sich äußerte und gleichsam wieder selbst bezwang bei jedem Schritt, in jeder Wendung des Hauptes, in jedem Griff der Hände.

Bei gemächlichem Vorwärtsschreiten - denn der alte Kohlmann hatte bedächtige Füße - ließ der Mönch die Augen rastlos umherschweifen im Zwielicht, das ihm die grünen Zauberhallen des Urwalds entschleierte, in welchem noch der Hall keiner Axt erklungen, kein Baum noch gestürzt war unter Menschenhand. Die riesigen Stämme, welche da und dort zwischen ihren lebenden Brüdern tot umher lagen, waren vor Alter gestürzt, oder der Sturm hatte sie gebrochen, der Schnee des Winters zu Boden gedrückt. Moos und Schlingwerk überwucherte diese Leichen des Waldes, und aus dem zerfallenden Holz sprossten schon wieder die jungen Stämmlein hervor.

Immer heller wurde der Wald, und über die zerflossenen Wolken, die am Himmel schwammen, fiel eine leuchtende Röte. Der Kohlmann deutete mit dem Bergstock nach einer nahen Lichtung. "Dort liegen die Alben, Herr!"

"Herr und immer Herr!", erwiderte der Mönch mit herzlichem Klang in der Stimme. "Ich bin nicht zu Euch gekommen als neuer Herr. Ich will Euch sein wie ein Bruder. Nenne mich bei meinem Namen: Eberwein!"

Der Kohlmann blickte sich um lachte, als hätte er einen Scherz gehört, dann schüttelte er den Kopf und stieg weiter.

"Und Dein Name?", fragte der Mönch.

"Eigel heiß' ich. Aber ich hör' den Namen nicht oft. Die Leut', die sagen halt, wie Du sagst: Kohlmann!"

"Und wie nennt Dich Dein Weib? Wie Deine Kinder?"

"Gar nicht!", lachte der Alte und wandte das Gesicht. "Denn ich hab' meiner Lebtag' kein Weib und Kind gehabt."

Der Mönch sah ihn mit staunenden Augen an. "Womit dann hast Du Dein Leben ausgefüllt?"

"Mit Schlaf bei der Nacht, mit Schaffen am Tag. Muss denn eins Weib und Kind haben? Du hast Doch auch kein Weib, Herr, und Kinder, mein' ich, hast Du wohl auch nicht?"

Eberwein lächelte. "Ich habe tausend Kinder: Alle Menschen, die ich liebe."

"Da hast Du aber viel zu schaffen, mit so viel Lieb'!", meinte der Alte und nickte mit leisem Kichern vor sich hin.

Eine Weile stiegen sie schweigend weiter, dann blieben sie lauschend stehen. Sie hörten das helle Wiehern eines Pferdes und gedämpften Hufschlag, der sich näherte und wieder verklang. In der Stille des steilen Urwaldes hörten diese Laute sich an fast wie ein Klang aus einem Märchen.

"Ein Pferd in solcher Höhe, in dieser Öde?", fragte Eberwein.

"Es mag wohl von Wazemanns Söhnen einer sein, der ins Gejaid geritten ist, oder ...", die Stimme des alten Kohlmanns dämpfte sich, "oder es war von König Wutes Helden einer, der vor Tag wieder Heim reitet in sein Berghaus."

Auf Eberweins Stirn zeigte sich eine unmutige Furche. "Du redest Torheit, Eigel!"

"Torheit, Herr? Es ist der Untersberg, auf dem wir stehen! Und das weiß doch ein jedes Kind im Gadem, dass innen drin der ganze Berge in einziges Gehöhl ist, eine Kemenat an der andern, die eine goldig, die andere silberig. Und da drinnen haust mit seinen tausend Helden der König Wute. Der hat nur ein einzig Aug' und sitzt an einem steinernen Tisch und kann nicht aufstehen, denn sein langer Bart ist zweimal um den Tisch gewachsen. All' hundert Jahr' schickt er von seinen Helden einen hinauf in die Welt, und wenn der heimkehrt, fragt ihn der König: 'Fliegen die Raben noch allweil um den Berg?' Und wenn der Bote sagt: 'Wohl, wohl, Herr König!' ... dann seufzt Wute, dass die Berg' davon erzittern, und sagt: 'So muss ich noch schlafen hundert Jahr'!' Dann macht er sein Aug' wieder zu, und der lange Bart hebt wieder zu wachsen an."

"Schweig!", unterbrach ihn Eberwein mit harter Stimme. "Ich will solch Rede nicht länger hören!"

Der Alte streifte den Mönch mit scheuem Blick. "Es ist doch Wahrheit, was ich red'! Ich hab's von meiner Ähnl2, und die hat's von ihrem Vater. Und bist Du nicht selber, auf dem Weg von der Salzaburg, über das Walser Feld gewandert? Hast Du nicht selber den dürren Birnbaum gesehen? Er schaut sich an wie ein toter Baum und hat kein Blattl nimmer und keinen Ast. Aber wie das Feuer im Stein, so steckt noch in ihm drin das Leben und die Wachskraft, und einmal, wenn's schier keiner nimmer hofft, wird der Baum ausschlagen und Laub treiben. Dann wird der alte Wute aus seinem Schlaf erwachen und wird hervorkommen aus dem Berg mit seien tausend Helden und wird auf dem Walserfeld seinen Schild an den Birnbaum Hängen. Und dann wird die gute Zeit wieder anheben für uns arme Leut' ... und keiner mehr wird ein Herr sein und keine rein Knecht. Und alles, was Leid und Weh heißt, wird weggeblasen sein von der Welt, und jedem wird sein Blüml blühen und ein Glück wachsen." Die Stimme des alten Kohlmanns zitterte.

Mit hartem Griff umspannte Eberwein den Arm des Alten. "Eigel! Du bist kein Christ!"

Der Kohlmann nickte. "Doch, Herr, doch! Mein Vater ist älter geworden, als ich bin, und ist auch schon einer gewesen. Und wie ich zwanzig Jahr' geworden bin, hab' ich hinein müssen auf die Salzaburg, und da haben sie mir auch das Wasser über den kopf geschütt'." Er löste seinen Arm und begann wieder bergan zu steigen."

Eberwein stand auf seinen Stab gestützt, tiefe Kümmernis in den Blicken, mit denen er dem Kohlmann folgte. "Fester sitzen nicht die Wurzeln der Eiche in den Runsen des Gesteins als die alten Mären in dieser Menschen Herzen. Weill einer sie roden mit Gewalt, er reißt auch die beste Erde mit und lässt nur kahlen Grund zurück, steinig und unfruchtbar. Und gute Erde muss doch bleiben, soll die Lilie gedeihen an Stelle der Distel1"

"Herr, warum kommst Du nicht?", rief der Kohlmann von einem Steinwall herab, den er mühsam erklettert hatte.

"Ich komme, guter Eigel!" Und Eberwein folgte mit raschen Schritten.

Eine kurze Strecke noch, dann ging der Wald zu Ende, und sanft geneigtes Almland dehnte sich vor den beiden. Der Morgen hatte seinen violetten Schimmer über allen Grund gegossen. Saftig wucherte das Gras, doch nirgends weidete ein Rind, keine Glocke ließ sich hören, die Stimme keines Hirten klang - und es war doch Almenzeit! Inmitten des Hanges lag ein wüster Haufen halbverkohlten Gebälks, und weit draußen im Almfeld stand ein Rudel Hochwild. Die Tiere hatten die Köpfe erhoben und äugten alle nach der Stelle, an welcher Eberwein und Eigel aus dem Wald traten. Eines der Tiere begann zu traben, die anderen folgten ihm, fern am Waldsaum blieben sie noch einmal stehen, äugten zurück, und dann verschwanden sie.

"Wir müssen eilen, Herr, die Sonn' will steigen!", mahnte der Alte. "Und wir haben noch ein hartes Stückl Weg bis dort hinauf. Schau nur!" Er deutete mit dem Bergstock nach einer steilen Felszinne, die sich hoch über ihnen mit silberigem Grau in die rot schimmernden Lüfte hob.

Sie wanderten und stiegen.

Als Eberwein, seinem Führer voraneilend, den Fuß auf die Zinne der kahlen Felsen setzte, tauchte über den Kamm der jenseits eines weiten Tals gelegenen Berge die Sonne empor, groß und strahlend, brennende Pfeile über den Himmel schießend, alle Spitzen der Berge überflutend wie mit glühendem Erz. Von schimmerndem Glanz umwoben, stand Eberwein auf seinen Stab gestützt, und im frisch anziehenden Morgenwind flatterten die Falten seines priesterlichen Kleides.

Vor seinen Füßen senkte sich der Fels in schwindelnde Tiefe, sich verlierend in wirres Gestrüpp und in den dunklen Fichtenwald, welcher alle Rippen und Rinnen der weit sich hinziehenden Berghänge umschlang wie ein grünes Gewand. Je tiefer der Wald sich senkte, desto häufiger mischte sich zwischen die finstere Farbe der Nadelbäume das lichte Grün der Buchen und Eichen, und wo es zu siegen begann, dehnte sich in farbenbunter Schönheit, überschleiert vom ziehenden Morgennebel, ein stundenweites kesselförmiges Tal, von welchem aus die schmäleren Seitentäler nach allen Richtungen griffen wie die gespreizten Finger einer riesigen Hand. Weiß blinkten die schäumenden Bäche, und aus versteckten Bergwinkeln lugten stille Seespiegel empor wie große blaue Augen, die im Erwachen den Tag bestaunen. Und zwischen Wald und Matten, spärlich und weit zerstreut, winzig klein und im Morgenschatten nur schwer erkennbar, zeigten sich dunkel Gevierte - die braunen Moosdächer menschlicher Wohnungen. Das mussten armselige Hütten sein, und dennoch winkte jedes dieser Dächer herauf zur starren Bergeshöhe wie ein freundlicher Gruß des Lebens. Und rings umher, das weite Tal im Kreis umspannend, hoben sich die grauen Felsen, steil und ragend, miteinander verwachsend und wieder sich klüftend, bald eine gezahnte Wand, bald eine plumpe Kuppe, bald eine scharfe Zinne in den Himmel streckend, und hinter den Bergen wieder Berge, einer höher als der andere, ein steinernes Volk mit tausend Häuptern, die einen behangen mit grünem Schmuck, die anderen wie vor Alter weiß. Und mitten unter ihnen, alle anderen überragend, erhob sich ein gewaltiger Riese, steil aufgetürmt zur Pyramide, von der Spitze bis herunter zum grünen Wald von Eis und Schnee umgossen, wie blankes Silber leuchtend im Glanz der Morgensonne.

In Eberweins Augen standen die Tränen. Aus seinen zitternden Händen sank der Stab, und seine Arme hoben sich zum Himmel. "Herr, wen Du lieb hast, den lässt Du fallen in dieses Land! Hier lass mich leben und schaffen in Deinem Dienst ... und wenn mein Werk gelang ... hier lass mich sterben!" Mit schluchzendem Laut erloschen seine Worte; überwältigt von der Empfindung dieser Stunde schlug er die Hände vor das Antlitz und weinte in heißer Freude.

"Herr, was ist Dir?", fragte der Kohlmann.

Doch Eberwein hörte nicht. Wangen und Bart von schimmernden Zähren betropft, ließ er die Hände sinken, amtete tief, drückte die zitternden Fäuste auf seine schwellende Brust, und wieder trank er mit leuchtenden Blicken die Schönheit des ihm zu Füßen gebreiteten Landes - seines Landes, zu dessen Fürst und Hirten er berufen war.

Fürst dieses herrlichen Landes!

Das hätte wohl der vierzehnjährige Knabe, der vor zwanzig Jahren auf den Almgehängen des Karwendel die Geißen hütete, auch im Traum nicht geahnt, dass ihn der verstreckte Wildpfad, auf dem er einen verirrten Mönch zu Tal geleitete, bis zu solcher Stelle führen würde. Der Verirrte, das war Herr Gosbert gewesen, der Abt zu Scharnitz, ein freundlicher Greis; auf der Suche nach heilsamen Kräutern hatte er Weg und Richtung verloren und war in pfadloses Gestein geraten. Da hörte er die singende Stimme des Geißbuben, der in der brütenden Sonne auf einem Felsblock hockte, halbnackt, mit gebräunter Haut, das brennende Gesicht umfilzt von einer Wirrnis blonder Locken, mit kurzem Messer an einer Zirbenwurzel schnitzend. Als der Bub den Mönch erblickte, erschrak er, dass ihm Holz und Messer aus den Händen fiel. Kaum aber hörte er, dass Herr Gosbert einen Führer nötig hätte, da lächelte er und nickte: "Komm nur, Herr, komm, ich führ' Dich schon heim!"

"Weißt Du denn auch den Weg zum Kloster?"

"Ich komm' doch all' Jahr' zwei Mal dran vorbei, wann ich auftreib' zur Alben und wann ich Heim treib'!"

"Heim? Wohin?"

"Hinüber ins Garmischgau! Weit, Herr, weit hinüber, bis zum Wertofels! Wohl wohl, dort bin ich daheim."

So plauderten sie weiter, während sie niederstiegen durch den dunklen Bergwald. Der Abend dämmerte schon, als sie das Kloster erreichten. Und der Geißbub musste nächten im heiligen Haus. Er durfte im Refektorium an der Tafel des Abtes sitzen, der an dem heiteren aufgeweckten Buben seine helle Freude fand. Lachend füllte Herr Gosbert den hölzernen Teller des Knaben, und da aß der Bub und aß, bis ihm die Schweißtröpflein auf die Stirn traten - er getraute sich nicht aufzuhören, weil immer noch etwas auf dem Teller lag. Nach dem Mahl nahmen die Mönche den Buben in ihre Mitte und hatten Kurzweil mit ihm. "Wie heißt Du?", fragten sie.

"Eberwein."

Da lachten sie. "'Freund des Ebers'! Der muss gut stehen mit den wilden Sauen! Einen schönen Namen hat Dein Vater für Dich ausgesucht."

Er schaute sie mit großen Augen an. "Ich hab' keinen Vater."

"Keinen Vater? Wem gehörst Du dann? Deiner Mutter, gelt?"

Er schüttelte den Kopf. "Dem Wertofelser Burgherren bin ich hörig ... ich hab' keine Mutter."

Nun lachten sie wieder. "Schaut den Buben an! Der hat nicht Vater und Mutter und ist doch zur Welt gekommen! Wie ist das zugegangen?"

"Ich weiß schon, die Diemud hat mir's gesagt."
"Die Diemud? So? Und wer ist denn das?"

"Die Alberin."

"Und was hat sie gesagt?"

"Sie hat gesagt, die Hulfrau hätt' mich aufgefischt in ihrem Kindelteich und hätt' mich auf der Straß' verloren, bevor sie zu dem Haus gekommen ist, in das sie mich hat tragen wollen."

Da machten die einen ernste Gesichter und schüttelten die Köpfe; die anderen aber lachten, und während Herr Gosbert schweigend aufhorchte, fragten sie: "Wer hat Dich denn gefunden?"

"Der alte Ostalar vom Eibinsee, der Ferchenfischer. Auf der Romstraß' hat er mich gefunden, die bei der Partenkirch' vorbeigeht, mitten drin im Buchwald, als ein winzigs Kindl. Und eine Wildsau ist über mir gestanden, und derweil ich allweil geschrieen hab', hat sie mich umgekugelt mit dem Rüssel. Aber wie sei den Ostalar gesehen hat, ist sie davongelaufen, und er hat mich aufgehoben und hinaufgetragen in den Wertofelser Burgstall. Dort hat er alles erzählt, wie's gewesen ist, und drum haben sie mich Eberwein getauft. Und so bin ich halt aufgewachen."

"Bei der Diemud?", fragte lachend einer der Brüder.

"Nein, Herr, bei den Geißen im Stall."

"Ohne Vater, ohne Mutter!", flüsterte Pater Azzo, ein greiser Mönch, und streifte zärtlich mit der zitternden Hand über den Scheitel des Knaben. Der Bub wurde still und machte scheue Augen. Aber Herr Gosbert fasste ihn bei der Hand und zog ihn an sich. "Nicht ohne Vater! Nein, Eberwein, einen Vater hast auch Du. Oder kennst Du ihn nicht? Schau hinauf zu ihm!" Und Herr Gosbert deutete zur Höhe.

Eberwein hob die Augen, starrte das mit Schnitzereien verzierte Gebälk der Decke an und fragte mit verlegenem Lächeln: "Hockt er da drin im Holz, oder ist über der Decken noch eine Stub', wo er haust?"

Ein Gelächter erhob sich, dass es einen Hall gab an den Wänden. Sogar Herr Gosbert schmunzelte; und als es wieder still geworden war, fragte er: "Sag', Eberwein, was meinst Du wohl, dass aus Dir noch werden soll?"

Da leuchtete das Gesicht des Buben. "Zwei Jahr' noch muss ich die Geißen hüten, aber dann, Herr, wenn ich noch gewachsen bin um eine Spann' und so starke Arm' hab', dass ich den Näbiger3 werfen und die Lnagwaad4 ziehen kann, dann will mich der alte Ostalar in die Lehr' nehmen, und ich soll ein Fischer werden."

"Ja, Eberwein, ein Fischer sollst Du werden!" Herr Gosbert erhob sich und legte die Hand auf des Knaben Schulter. "Aber nicht ein Fischer, der nach Hecht und Ferchen geht, sondern einer, der Seelen fischt. Sag', Eberwein, gefällt es Dir im Kloster? Möchtest Du nicht bleiben bei uns?"

Der Bub machte verdutzte Augen zu diesen Worten, dann aber streifte er mit flinkem Blick den Tisch, auf dem noch die Reste des Mahles standen - - all' Tag essen wie die Klosterleut', warum hätt' ihm das nicht gefallen sollen?

Lärmend umdrängten ihn die Mönche, und Herr Gosbert wiederholte seine Frage: "Möchtest Du nicht bleiben bei uns?"

Da drückte der Bub das Kinn auf die Brust und stotterte: "Wohl wohl, Herr, ich möcht' schon, wenn ich nur dürft'!"

"Dein Wille ist Dein Recht! So bleib und trage das Kleid der Kirche, das Dich löst von aller Knechtschaft." Herr Gosbert wandte sich zu einem der Mönche: "Reich' mir einen Denar!" Der Mönch nestelte einen ledernen Beutel von der Kuttenschnur und reichte dem Abt eine blinkende Münze. Schweigend standen die andern umher. "Soviel ist Deine Knechtschaft wert!", sagte Herr Gosbert und legte den Denar in Eberweins offene Hand. Eine dunkle Röte überfloss das Gesicht des Buben; doch als er die Finger schließen wollte, schlug ihm Herr Gosbert die Münze aus der Hand, dass sie bis an die Decke flog, klirrend niederfiel und über die Dielen in einen Winkel rollte. "Nimmer hörig bist Du, von Dir abgefallen ist die Knechtschaft, Eberwein Frymann sollst Du heißen von Stund' an und ein Sohn des Klosters sein!"

Der Knabe stand und wusste nicht, wie ihm geschah. Herr Gosbert zog ihn an sich und küsste ihn auf die Stirn. "Multis itineribus fata decurrant, te in viam salutis dominus inducat!" Dann winkte er jenen greisen Mönch herbei. "Nimm den Knaben, Azzo, ich geb' ihn in Deine Hut, denn ich hab' es wohl gesehen: Dein erster Blick für ihn war Liebe. Nimm ihn und schaff ihm ein Lager in Deiner Zelle! Scher' ihm die Locken und reich' ihm ein Scholarenkleid!"

Pater Azzo schlang den Arm um den Knaben und zog ihn zur Türe. "Komm, Büebli, komm," flüsterte er ihm ins Ohr, "ich will Dir ein Vater sein, ein guter, weißt ... sollst Dir keinen besseren wünschen!"

Eberwein ließ sich führen. Er schien von allem, was mit ihm geschah, nur das eine zu begreifen, dass er im Kloster bleiben sollte, und das schien ihm Freude zu machen, denn er lächelte. Doch als er die Tür erreichte, flog es jählings wie Schreck über seine frischen Züge. Er wandte sich um und stammelte: "Herr! Wenn ich bleib', wer soll denn morgen meine Geißen betreuen?"

Herr Gosbert lächelte. "Sei ohne Sorge, vor Tag' noch schick' ich einen Hüter hinauf."

Eberwein besann sich, dann sagte er: "Aber gelt, Herr, musst ihm einreden, dass er nicht unmütig tut mit ihnen. Ich hab' nie hüten mögen mit Stecken und Geißel, sie hören all' auf gute Wort'!"

Freundlich nickte Herr Gosbert. "Das will ich ihm sagen."

"Und wenn er hinaufkommt, soll er das Messer suchen, das ich hab' liegen lassen, und der Diemud soll er sagen, dass ich sie grüßen tu', und sie soll mich bald heimsuchen!"

Da lachten die Mönche wieder, auch Pater Azzo schmunzelte, während er den Knaben mit sich fortzog. An der Hand führte er ihn durch die dunkle Halle. Sie betraten eine kleine kahle Zelle. Von der Decke nieder hing eine irdene Ampel, deren winziges Licht eine matte Helle über die Wände zittern ließ.

Pater Azzo hieß den Knaben auf das Strohbett nieder sitzen und holte die Schere. Als die erste Locke fiel, und das kalte Eisen Eberweins Stirn berührte, überlief den Knaben ein Schauer. Zitternd sprang er auf und rannte zur Tür. Dort blieb er stehen und blickte scheu zurück.

"Was hast denn, Büebli? Komm doch ..."

"Muss denn das sein, Herr?"

"Freilich, das muss sein."

Da kehrte Eberwein zögernd zurück, setzte sich wieder und hielt geduldig still. Pater Azzo schor ihm das Haupt - das war eine schwere Arbeit. Und während die Schere knirschte und die blonden Locken fielen, kollerten dicke Zähren über die Wangen des Knaben...

Zwanzig Jahre waren vergangen seit jenem Abend. Aus dem Geißbuben vom Karwendel, der nicht Vater noch Mutter hatte, war ein Priester geworden, dessen frommer Eifer und hohes Wissen gerühmt wurden, dessen Name einen gar hellen Klang hatte zu Tegrinsee und Buren, zu Ammergau und Altomünster, zu Seon und Naitenbuch, in allen Klöstern der bayerischen Lande, sogar am Hof des Fürsten. Als Herzog Welf in schwerer Krankheit lag, wurde Eberwein zu ihm berufen als Beichtiger und Tröster; doch als der Herzog genaß und den jungen Priester, dem er Freund geworden war, mit Ehren und Würden überschütten wollte, bat Eberwein: "Lasst mich ziehen, Herr! Ich tauge nicht zu Hofe, Ich bin geboren zu Arbeit und schwerem Werk. Mich sehnt nach Kampf und Schaffen, ich will pflügen und säen auf Gottes weitem Feld!" Wie rasch nun hatte dieser Wunsch sich erfüllt!

Vom Hof war Eberwein nach Raitenbuch gezogen und der eifrigste Förderer des jung entstandenen Klosters geworden. Da kam die Botschaft, dass Gräfin Adelheid von Sulzbach, auf dem Sterbebett ein Gelübde ihrer Mutter erfüllend, ein großes Land, das in stundenweiter Ferne von der Salzaburg tief in den Bergen lag, dem Orden des heiligen Augustinus als "Seelengerät" zur Gründung eines neuen Klosters gewidmet hätte. Der Berchtersgadem, so heiße das Land. Die Brüder zu Raitenbuch hatten diesen Namen noch nie gehört, niemand wusste von diesem Land. Als die Brüder Umfrage hielten, erfuhren sie: Das sei eine wilde und raue Gegend, von finsteren, pfadlosen Wäldern bedeckt, umschlossen von riesigen Bergen. Wohl bringe der Sommer schöne Zeiten über das Tal, doch unerträglich sei der Winter mit seinen Stürmen, seinem grimmigen Frost und seinem alles erstickenden Schnee. Die wilden Tiere, Wölfe, Bären, Sauen und Luchse, seien hier so zahlreich wie im ebenen Land die Ziegen und Schafe; und bewohnt sei das unwirtliche Land nur von ein paar hundert Menschen, armseligen Hirten, Jägern und Fischern, die im zählen Kampf mit der rauen Natur ein kümmerliches Leben fristen, halb noch versunken in der Nacht des Heidentums; über diese Menschen herrsche mit grausamer Strenge ein Ministeriale der Grafen von Sulzbach, Herr Waze von Falkenstein, der zu der Botschaft, dass die seinem freien Schalten überlassene Landmark an das Kloster gefallen wäre, hellauf gelacht hätte: "Sie sollen nur kommen, die schwarzen Kutten, und sollen mir nehmen, was mein ist!"

Mit Kopfschütteln hörten die Brüder zu Raitenbuch diese Nachricht. Solch ein Land für die Kirche zu gewinnen, für Ordnung und Gesetz - da galt es, ein schweres Werk zu bestehen. Und sie wussten zur Lösung solcher Aufgabe keinen Besseren zu wählen als Pater Eberwein, der sich, seit er die Weihen trug, als ein Hirte nach jenem Wort des Knaben erwiesen: "Ich hab' nie hüten mögen mit Stecken und Geißel. Sie hören all' auf gute Wort'!" In stolzer Freude hatte er die schwierige Sendung übernommen. Ihm war zu Mut, wie einem jungen Helden, dem der greise Vater sagt: "Dort steht der Feind, hier ist Dein Schwert, nimm und siege!" Mit treibendem Eifer hatte er alle Vorbereitungen für die Ausfahrt getroffen. Drei Männer wurden ihm als Geleit gegeben, Pater Waldram, ein blasser stiller Mönch, den sie um seiner finsteren Strenge willen im Kloster gerne los wurden, und zwei Laienbrüder, Schweiker, der aus Buren stammte, und Wampo von Tegrinsee.

Am Morgen nach Mariä Himmelfahrt brachen sie auf. Rasch ging die Reise vonstatten. Die letzte Nacht verbrachten sie in der Salzaburg. Eine Stunde vor Mitternacht, während die Brüder in festem Schlaf lagen, verließ Eberwein die Burg und wanderte in der Sternenhelle über das Walserfeld, um in Begleitung des alten Führers, den man aus dem Berchtersgadem für ihn herbeigerufen hatte, den Untersberg zu ersteigen. Er wollte von hoher Felsenwarte das Land überblicken, dessen Schicksal in seine Hände gegeben war. Er hatte sein Ziel erreicht...

Da stand er nun, umflossen vom schimmernden Glanz der Morgensonne, im tiefsten Herzen ergriffen von all der Schönheit, die ihm zu Füßen lag. Und während er ausblickte über Höhen und Tiefen, die Fäuste auf seine wogende Brust gedrückt, klang von irgendwo, weit aus dem Tal herauf, der vom Wind getragene Laut einer Menschenstimme, ganz leise nur, fast wie das Bimmeln eines von der Herde verirrten Glöckleins. In dieser Erregung streckte Eberwein die Hände gegen das Tal, in das schon die volle Sonne fiel, und fast wie Jauchzen kam es von seinen Lippen: "Ich will sie locken, ich will sie rufen! Ich will sie hüten in Treu' und Liebe!"

Kopfschüttelnd, mit verwunderten Augen blickte der alte Kohlmann, der sich vorsichtig auf der schmalen Felszinne nieder gekauert hatte, an der hohen Gestalt des Mönches empor. "Was sagst? Ich hab' Dich nicht verstanden!" Eberwein hörte nicht. "Oder hast gar nicht mit mir gered?"

Da erwachte Eberwein. Tief atmend strich er mit der Hand die Stirn und ließ sich an Eigels Seite nieder.

"Schau, Herr, alles, was da herum und drunten liegt, Berg und Tal," sagte der Kohlmann, "das alles gehört zum Berchtersgadem. Alles Dein Land! Schau, da drüben, der erste hohe Berg auf der Linkseit', den heißen sie den Göhl. Drunten am Bergfuß ... siehst Du die vier Hütten?`... Da haust der Vorderecker mit Vieh und Weib und Kind. Der ist ein Freier, kein Gescherter. Wohl wohl, Herr, schier all die Bauern im Gadem sind freie Leut' von alters her. Aber Herr Waze macht's ihnen sauer, das Freisein! Schau nur, sell drüben, nicht weit vom Vorderecker, da hast der Greinwalder. Dem sein Vater hätt' einmal fronen sollen, wie Herr Waze die Bärengruben hat schaufeln lassen. Aber er hat nicht fort können von Haus vor lauter Arbeit, und da ist er trotzig 'worden und hat gesagt: 'Ich brauch' nicht fronen, ich bin ein Freier!' Da hat Herr Waze eine junge Ficht' von seinen Knechten herunter biegen lassen mit aller Gewalt, die Äst' haben sie abgehauen, haben den Greinwalder an den Gipfel gebunden und haben den Baum wieder aufschnellen lassen. Und wie der arm' Teufel droben gehängt ist in der Luft, hat Herr Waze zu ihm hinauf geschrieen: 'So, jetzt lass Dir wohl sein in der Freiheit!' Tag und Nacht hat er hängen müssen, und am andern Morgen, wie ihn Herr Waze wieder ledig gemacht hat, da hat der Greinwalder gern geschaufelt, recht gern!"

"Eigel!" Eberwein fasste den Arm des Kohlmanns, und dunkle Zornröte flammte in seinem Gesicht.

"Wohl wohl, Herr! Solche Sachen sind ihm all Tag eingefallen, und seit Herr Waze alt geworden ist, treiben es seine sieben Buben noch ärger. Aber dass ich weiter zeig': Schau, gleich hinter dem Göhl, der ander' hohe Berg, den heißen sie das Brett, weil er so eben ist in der Höh'; und der nächst', der mit dem spitzigen Grind, heißt der Jennar. Hinter dem werden die Berg' eben, und da liegen die schönsten Alben bis weit hinaus ... von allen die beste, die heißt Reginalb. Und ganz dort hinten, schau, wo die Berg den weiten Bogen machen und so gäh herunterfallen in den tiefen, tiefen Kessel, da drinnen liegt der Schönsee. Den musst schon bald heimsuchen ... so 'was hast Deiner Lebat' nicht gesehen. Wer den Schönsee zum ersten Mal sieht, dem verschlagt's die Red' vor lauter Schauen. Und dort ... siehst die Ache, die aus dem See herausläuft wie ein silberigs Bandl ... dort haust der junge Sigenot vom Schönsee, der Fischer, mit seiner alten Mutter Mahtilt und seiner Schwester Edelrot. Der sitzt auf einem Freigut, das nicht zinst noch steuert, und seit die Leut' denken, gehört zu seinem Haus die Fischenz5 über Bach und See. Sein Vater hat Gelfrat geheißen ... der ist im Schönsee versunken. Die Leut' sagen, eine Elbissdirn6 hätt' ihn hinuntergezogen. Aber der Sigenot mag solche Red' nicht leiden, und es sagt's ihm auch keiner ins Gesicht. Nicht aus Furcht, Herr, sondern weil sie ihn lieb haben, und weil ihn keiner bekümmern will. Denn weißt, er hat den Leuten schon viel Gut's getan und hat schon manchem geholfen, der bei Waze in Buß' gefallen. Das ist der einzig' im Gadem, an den sich die Wazemannsbuben nicht trauen. Er steht aber auch da wie ein Baum, der kein Ducken und Zucken kennt, wenn das Wetter kracht!"

"Sigenot heißt er?", fragte Eberwein, als wollte er diesen Namen seinem Gedächtnis einprägen.

"Wohl wohl, Herr! Sigenot! Aber dass ich zeig!: Schau, nicht weit vom Fischer, da haust der Marderecker. Dann kommt ein Fichtenwald ... da drin sitzt der Untersteiner. Und wo die Ache wieder herausläuft aus dem Wald, da steht ein Hüttl um das ander'. Siehst das größt' unter ihnen, das mit dem weiten Hag? Da haust der alte Schönauer. Der ist Richter im Gadem, und seine Nachbarsleut', der Kaganhart und der Köppelecker, das sind die Schöffen. Die rufen in Zeiten der Not das Thing ein auf dem Totenmann ... sell drüben auf dem niedrigen Waldberg, siehst ihn? ... und sprechen Recht und Urtel ... für die Katz'!" Der Kohlmann lachte zornig. "Das einzig' Recht im Gadem ist allweil nur, was dem Wazemann und seinen Buben taugt!"

"Das soll sich wenden!", sagte Eberwein mit ruhigem Wort. "Zeige mir Wazes Haus!"

"Schau, dort, wo aus dem Schönsee der endsmächtige Berg aufsteigt, der größt' von allen, der mit dem weißen Schneekittel ... König Eismann heißen ihn die Leut' oder Wazemanns Berg, weil dort Herr Waze am liebsten aufs Gejaid ausgeht, und weil er bei Leib und Leben ein Verbot getan hat, dass kein Bauer einen Fuß auf den Berg setzen soll und das Wild stören. Schau, wo der Berg aus dem See steig, schiebt sich aus dem Buchewald eine Nas heraus, die heißt der Falkenstein, da schaut ein spitziges Dach und ein Mauerturm über die Buchengipfel. Das ist Wazemanns Haus!"

Eberwein erhob sich und deckte, in die Ferne spähend, die Hand über die Augen. "Wenn meine Klause steht, soll der Weg nach diesem Haus der erste sein, den ich suche." Er bückte sich und nahm den Bergstock auf. "Komm, Eigel, wir gehen zu Tal!"

Als sie, von der schroffen Zinne niedersteigend, um die Felswand bogen, öffnete sich vor ihnen ein weiter Ausblick gegen Westen.

"Alles noch Dein Land!", sagte der Kohlmann, mit dem Bergstock deutend. "Schau, neben dem König Eismann, da liegt ein langes, langes Tal und in dem Tal ein See, der größt' von allen, den heißen die Leut' den Windachersee, denn aus dem See fließt ein wildes Wasser und braust durch eine tiefe Schlucht, und da drinnen weht alleweil ein Wind so kalt wie Eis. Und über dem Tal drüben ... siehst die zwei hohen Berg'? ... die heißen der Steinberg und der Schneekalter. Und hinter denen liegt wieder ein Tal und wieder ein See. Der hat keinen Namen, die Leut' sagen nur: 'der hinter' See'. Die Ache, die aus ihm herausläuft, das ist ein böses Wasser! Wenn Wetter losbrechen, und viel Regen fällt, treibt der Bach allen Rams7 mit her, der von den Bergen herunterbröselt. Davon heißt das Tal auch die Ramsau. Wohl wohl, Herr, und in dem Tal, da hausen die besten Christenleut'. Freilich, die haben gut fromm sein, bei denen sitzt ein Pfarrherr. Hiltischalk heißt er."

"Ein Leutpriester in der Ramsau?", rief Eberwein, freudig betroffen von dieser Nachricht.

"Jung ist er freilich nimmer, aber ein guter, freundlicher Mann. Und alle Leut' haben ihn gern ..." Eigel verstummte und hob lauschend den Kopf. Auch Eberwein horchte auf. "Was war das?, fragte er. Es hatte geklungen wie der wild jauchzende Aufschrei einer weiblichen Stimme.

Sie spähten umher. "Dort, Herr, schau!", stotterte der Kohlmann und deutete nach den dichten Krummföhrenbüschen, welche zwischen der kahlen Felswand und dem tiefer liegenden Almfeld den Berghang bedeckten. Ein mächtiger Bartgeier schwebte langsam, mit klatschendem Flügelschlag, über die Büsche hin; das zappelnden Gemskitz, das er in den Fängen hielt und hinwegschleifte über die schwankenden Äste, erschwerte seinen Flug, Doch mit jedem Schwingenschlag strebte er höher und gewann schon die freie Luft. Da tauchte unter den Büschen am Saum des Almfelds eine Reiterin auf. Rötliches Haar umflatterte den Nacken. Das jagende Ross schien nur ihrem Ruf zu gehorchen, denn sie führte keinen Zügel, sondern hielt in erhobenen Armen den gespannten Bogen mit aufgelegtem Pfeil. Nun plötzlich stand das Ross, einen Augenblick erschien die Gestalt des jungen schönen Weibes regungslos, wie aus Erz gegossen - dann schwirrte mit hellem Klang die Bogensehne.

Der Geier machte eine jähe Schwenkung im Flug und ließ die Beute fallen. Laut klagend raffte das gestürzte Tierchen sich auf, taumelte hin und her und verkroch sich zwischen die Büsche. Der Geier schwankte und gaukelte in der Luft, er musste tödlich getroffen sein. Mit aller Kraft noch kämpfte er gegen den Sturz, doch immer matter wurden seine Schwingen, immer tiefer ging sein Flug, nun verschwand er im schrägen Niedergleiten hinter einer Wölbung des Almfelds - hinter ihm her, mit jauchzendem Schrei und wehendem Haar, jagte die Reiterin mit so wilder, ungestümer Hast, dass es Sprung um Sprung den Anschein hatte, als müsste das Ross sich überstürzen auf dem steinigen Hang. Aus den Büschen kamen zwei gefleckte Bracken hervor geschossen und suchten mit heiserem Gekläff den Weg, auf dem ihre Herrin verschwunden war.

Eberwein stand und streifte mit der Hand über die Augen. Den Herzschlag lähmend und jeden Nerv erregend, wie ein toller Spuk, war das wildschöne Bild dieser seltsamen Jagd an ihm vorüber geflogen. "Eigel! Wer war dieses Weib?"

"Die rote Recka war es, Wazemanns Tochter. Sieben Söhn' hat er und diese einzige Dirn. Aber die Leut' sagen, sie wär' kein richtiges Menschenkind. Ihr Vater ist freilich ein Mensch ... und was für einer! Aber ihre Mutter wär' eine Alfin gewesen! Und ich glaub's auch! Denn die Dirn hat Feuer und Luft im Blut! Wie verwachsen ist sie mit ihrem Ross. Für die ist kein Wald zu schiech und kein Berg zu hoch, überall kommt sie hin, als hätt' sie Flügel am Leib wie eine Walmaid!"

Eberwein schüttelte seufzend den Kopf. "Wute und Elbissdirn', Walmaid und Alfin ... fast hab' ich noch kein ander' Wort von Dir gehört! Eigel, Eigel, mit Deinem Christentum ist es schlecht bestellt!"

"Wohl wohl, Herr, kannst schon recht haben!", meinte der Kohlmann kleinlaut. "Aber wo soll ich denn ein besseres hernehmen? In die Ramsau und nach der Salzaburg ist mir der Weg zu weit, und was einer im Gadem von Wazemann und seinen Buben lernt, das ist alles eher, nur kein Christentum. Aber komm, Herr ... schau, wie hoch schon die Sonn' steht ... wir müssen uns tummeln, dass wir rechter Zeit wieder hinunter kommen ins Tal!"

Eigel bahnte den Weg durch die dichten Föhrenbüsche, und Eberwein folgte ihm. Als sie das offene Almfeld erreichten und den Überblick über den weiten Hang gewannen, blieb Eberwein stehen und spähte umher. "Ich sehe sie nicht mehr. Sie muss den Wald schon erreicht haben."

"Wen meinst? Ach so, die Rote!" Der Kohlmann lachte und schaute mit blinzelnden Augen zu seinem Begleiter auf. "Herr nimm Dich in acht vor der! Und wenn sie Dir wieder begegnet, dann schau Dich nicht um nach ihr! Weißt, so ein Blick über die Achsel, der hat schon diemal recht schieche Sachen angerichtet."

Eberwein furchte die Brauen, und fester schloss sich seine Hand um den Stab. "Ich wollte, sie träte mir noch heut ein den Weg. Ich hätte Lust, ihr eine Botschaft aufzutragen an ihren Vater."

Eine tiefe Mulde nahm die Wanderer auf. Als sie wieder den höheren Grund erreichten, lag jener Haufe verkohlten Gebälks vor ihnen. "Eigel! Was ist hier geschehen?"

"Da hat der Gernreuter, der drunten beim Albenbach haust, seine Albhütt' stehen gehabt. Aber die Wazemannsbuben haben gemeint, dass dem Gernreuter sein Vieh den Hirschen zu viel Gras wegrisst, und drum haben sie den roten Hahn auf die Hütte gesetzt. Im letzten Sommer war's. Drei Stückl Vieh und dem Gernreuter sein Weib, die heroben gesennt hat, sind mit verbronnen."

Eberwein stand mit erblasstem Gesicht und starrte den Kohlmann an. "Und das habt ihr geschehen lassen, ihr im Gadem! Und da es geschehen war, habt ihr nicht Klage geführt?"

"Wohl wohl, Herr! Der Gernreuter hat geklagt. Und auf dem Jahrthing zu Grafengaden hat der Sulzbacher Herr das Urtel gesprochen. Herr Waze hat Wehrgeld zahlen müssen für das Weib ... und alles ist gut gewesen! Alles gut!" Die Augen des Kohlmanns funkelten, und unter seinen Händen knirschte der Bergstock.

"Eigel!" Eberweins Stimme zitterte.

"Und weißt Du, Herr, was die Leut' sagen? Sie sagen, es wär' gar nicht hergegangen um das Gras für die Hirschen und Gämsen ... es wär's eine Nach' gewesen an dem Weib. Bei der sind die Wazemannsbuben an die Unrechte gekommen. Den einen hat sie mit der Faust ins Gesicht geschlagen, und den andern hat sei über die Hausgräd hinuntergeworfen, dass er das blaue Mal im Gesicht drei Wochen lang herumgetragen hat. Wären nur alle, wie die gewesen ist! Dann hätt' das schieche Treiben im Gadem bald ein End'! Aber so! Kein Weib ist sicher! Jede Mutter, die ein Dirndl hat, das sich sauber anschaut, muss zittern vor jeder Stund'! Und jeder Vater, dem ein Kindl im Wiegbett schreit, muss sich kratzen hinterm Ohr, weil er nur halb glauben kann, was er gar so gern ganz glauben möcht'. Sieben Buben und eine einzige Dirn' ... mehr wirst nicht finden in Wazemanns Haus. Aber geh um, Herr, geh nur um im Gadem ... an Wazemannskinder kannst hinlaufen auf jedem Steig und Steg!"

Es währte eine Weile, bis Eberwein Worte fand. Er fasste den Arm des Kohlmanns und schüttelte ihn. "Eigel, Eigel, kann es denn Wahrheit sein, was ich höre?"

"Wahrheit, Herr? Als ob ich's nicht erfahren hätt' an mir selber! Weit über die dreißig Jahr' mag's her sein, da hab' ich ... hab' ich eine Dirn gekannt ..." Die Stimme des Kohlmanns schwankte, dass die Worte kaum verständlich waren, "ein Gesichtl hat sie gehabt so warm und lichtscheinig wie Rötelstein, wenn die Sonn' drauf liegt. Und sauber gewachsen, wie ein jungs Bäuml, und Haar' wie der Hanf so goldig. Und hast ihr in die Augen geschaut, so hast gemeint, Du schaust ins blaue Himmelreich. Und so gut ist das Dirndl gewesen, so brav und gradschlächtig! Und ihre Lieb' zu mir ist all ihr Um und Auf gewesen. Auf Sonnwend, Herr, da hab' ich ihr zum Herdverspruch den beinernen Armreif angelegt, den meine Mutter getragen hat ... und die ander' Woch' drauf hätten wir heuern sollen. Ein paar Tag ehnder bin ich hinaufgestiegen auf den Göhl und hab' ihr ein Kranzl heruntergeholt aus Edelweiß. Es ist schon auf den Abend zugegangen, wie ich heimgekommen bin und hab's ihr bringen wollen. Aber die Salmued ist nicht daheim gewesen. Ihr' Mutter und ich, wir haben gewart' und gewart', es ist Nacht worden, und eine Stund' um die ander' haben wir hingepasst auf das Dirndl. Am End' ist mir angst worden, und ich bin umgelaufen und hab' angefragt in jedem Nachbarhaus. Die ganze Nacht bin ich auf den Füßen gewesen und schier die Seel' aus dem Leib hab' ich mir herausgelaufen. Von meinem Dirndl aber hab' ich nichts gesehen und gehört."

"Doch als es Tag wurde, kam sie?", fiel Eberwein dem Kohlmann mit bebender Stimme ins Wort.

Ein heiseres Lachen tönte von Eigels Lippen. "Wie's Tag worden ist, bin ich gegen den Untersteiner Wald gelaufen, weil ich schon gefürchtet hab', die Salmud könnt' in der Finsternis in eine von Wazemanns Bärengruben gefallen sein. Auf einmal, wie ich hinauf' zum Achensteg, kommt Herr Waze daher geritten. Ich hab's mich auf die Seit' gehalten, denn der Weg ist schmal gewesen; aber wie er an mir vorbeireitet, da sieht er mich, und da zuckt ein Lacher über sein Gesicht. Mit der Faust hat er dem Ross eins auf den Hals gehauen, dass es einen Sprung getan hat und davon geschossen ist, als wär' Feuer hinter ihm. Da hat's mir auf einmal durch die Seel geschrieen: Wenn Du die Salmued finden willst, so musst suchen in Wazemanns Haus! In einem Sauser bin ich durch den Wald aus und hinauf auf den Falkensteiner Weg ... das Brückl war aufgezogen und das Tor versperrt, aber wie ein Zweck hab' ich mich angehängt an die Mauer und bin hinaufgekommen. Und droben, was ich schreien hab' können, hab' ich geschrieen: ' Salmued! Salmued!' Vier, fünf Knecht' sind gegen mich hergelaufen, aber aus dem Haus hab' ich einen Schrei gehört, und wie ich aufschau', seh' ich im Dachfenster der Salmued ihr Gesicht. Die Arm' hab' ich noch in die Höh' gestreckt, und da hat mich einer von Wazes Knechten mit dem Speerholz vor die Brust gestoßen, dass ich getaumelt hab' und rücklings hinuntergefallen bin über die Mauer. Der Gelfrat, Sigenots Vater, hat mich gefunden und hat mir das Blut abgewaschen ... und seit derselbigen Stund' hab' ich von der Salmued kein Wörtl nimmer g'hört, und hab' sie meiner Lebtag' mit keinem Blick mehr gesehen." Dem Kohlmann stand das Wasser in den Augen, doch er lachte. "Sie wird halt sein, wo dem Gernreuter sein Weib hin hat müssen!" Er blickte nach einer fernen Berghöhe, und sein heiseres Lachen verlor sich in Murmeln. "Frau Friderun, mein' ich, kennt den Weg, den die Salmued gegangen ist!"

Eberwein hörte die letzten Worte nicht. Er stand hoch aufgerichtet, mit flammenden Augen, und seine Blicke spähten hinweg über das sonnige Tal und suchten in der von Schatten umsponnenen Ferne den Falkenstein und Wazemanns Haus. Er hob die geballte Faust, und der zurückfallende Ärmel entblößte den sonnverbrannten, nervigen arm. "Herr Waze! Wir wollen rechten miteinander! Komm, Eigel, führ mich zu Tal!"

Dem Alten voran eilte Eberwein mit ungestümer Hast den Hang hinunter. Der Kohlmann holte ihn mit Mühe ein und schüttelte den Kopf. "Musst Dich nicht so tummeln, Herr! Auf Bergweg' gehören langsame Füß', und 'Zeit lassen!' grüßen bei uns die Leut', wenn's einer gar so nötig hat! Überlauf Dich nicht, sonst geht Dir vor der Zeit der Schnaufer aus!"

Eberwein mäßigte die Hast seines Ganges und atmete tief. "Dank, Alter, für diesen Rat! Auf den Wegen, die meiner warten, ist mir eines vor allem nötig: Geduld und Ruhe! Komm!"

Sie schritten weiter.

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1 Grafengadem, das heutige Gartenau bei Salzburg, einst Stammsitz der Grafen von Sulzbach. ^
2 Ahne.
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3 Fischspeer mit Widerhaken, dessen Schaft zugleich zum Vorwärtstreiben des Floßes diente.
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4 Großes, doppelwandiges Netz für den Hechtfang.
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5 Die Fischwaid als Eigentum.
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6 Schwanjungfrau.
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7 Schutt.
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