Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
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Kapitel 20

   Die Herren kamen zum verriegelten Stiftsportal. „Das Tor auf!“, schrie der geistliche Kommissar, während draußen der Aufruhr der Menge brauste. Doktor Pürckhmayer, da er die Hilfe Roms in seiner Nähe wusste, bewies in diesem Augenblick kühnen Mut. Als das Portal geöffnet wurde, trat er mit erhobenen armen hinaus in das vom Regen umschleierte, graue Gewühl. „Wo ist der Vikar? Wo ist die römische Botschaft? Ihr guten Leute, lasset die römische Botschaft durch! Im Namen Gottes und aller Heiligen –“ Was er weiter noch rufen wollte, blieb ihm in der Kehle stecken. Ein hundertstimmiger Wutschrei scholl ihm entgegen, eine graue Menschenmenge stürmte gegen ihn her, und wie ein Gewirbel von braunen Äpfeln waren die geballten Fäuste vor seinen Augen. „Der kölnische Hexenmacher! Der Teufelsbraten! Der Zaubermeister! Er unser Land ins Elend gestoßen! Der unsere Kinder und Weiber verteufelt! Der unseren Hafer zu Mist geschlagen! Reißt ihm das geistliche Kleid von den Knochen! Schlagt ihn nieder, den Kerl! Stecket ein Feuer an! So ein Höllengockel muss brennen!“ Pürckhmayer hatte in Todesangst nach dem Goldkreuz an seinem Hals gegriffen. Das konnte er nicht mehr erheben. Alle Glieder waren ihm wie gelähmt, Hören und Sehen verging ihm. In diesem Zustand fassten es seine Sinne nimmer, dass die Eisen der Knechte sich schützend vor sein hochwürdiges Leben hinstreckten und Prior Josephus ihn zurückzerrte unter den Schutz des Tores. In dem grauen Korridor, bei dem debattierenden Lärm der Herren, blieb er gegen die Mauer gelehnt wie eine Leiche, der alle Fähigkeit des Lebens entronnen sind, mit Ausnahme der einen: Dass sie noch stehen konnte. Dass man den jungen Vikar, dem das Gesicht unter der Sonne Italiens dunkelbraun geworden, zum Stiftsportal hereinbrachte, und dass der Dekan an einem übel zerknitterten Schreiben die schon halb zerstörten Siegel löste – von diesen Vorgängen schien Doktor Pürckhmayer in seinem apoplektischen Zustand nichts zu gewahren.

   Mit bebender Stimme las Herr von Sölln den Kapitularen die lateinische Botschaft vor, die aus Rom gekommen. Sie begann mit einem sänftlichen Verweis gegen Prior Josephus. Wie Sankt Franziskus und Sankt Dominikus getreue Brüder im Dienst der heiligen Mutter gewesen, so müssten sich auch jene, die ihnen nachfolgen, zu brüderlichem Zusammenwirken die Hände reichen. Solch treues Bündnis wäre den liebwerten Söhnen der Kirche von Berchtesgaden umso dringlicher ans Herzu zu legen, als diese geliebte Tochter Petri durch das seltsame Fundstück, so man aus den Tiefen der Erde gehoben, in begreifliche Wirrnis versetzt scheine. Dass man diesen Mann im Salz für einen leibhaftigen Menschen zu betrachten hätte, wäre nicht anzuzweifeln. Aus triftigen Ursachen müsste entschieden werden, dass der Mann im Salz, als er noch außerhalb des Salzes gewesen, in heidnischen Zeiten ante Christum gelebt haben müsse. Es wäre somit ausgeschlossen, dass er das heilige Sakrament der Taufe empfangen hätte. So dürfte man den Mann im Salz auch nicht ohne weiteres mit christlichen Segnungen bestatten. Doch aus dem Umstand, dass der im Salz inkrustierte Mensch in seiner forma humana sich seit grauen Zeiten bis zum heutigen Tag mit greifbarer Leibhaftigkeit erhalten hätte, müsste der Schluss gezogen werden, dass seine scheinbare Leblosigkeit kein Tod im gebräuchlichen Sinn dieses Wortes wäre. Wirklicher Tod zerstört alle lebende Form. So aber hier eine unleugbare forma vitalis noch vorhanden wäre, müsste in ihr auch noch eine Art von Leben als konserviert erscheinen. So bestünde kein Hindernis, diesen Heiden, der, obwohl zur Unbeweglichkeit gezwungen, och quasimodo noch lebendig wäre, durch Erteilung der Taufe in den Schoß der Kirche aufzunehmen und ihm die Ruhe in geweihter Erde zu vermitteln. Vermutlich würde nach Empfang der Taufe seine durch Jahrtausende gefesselte Seele sich frei zu Gott erheben und die Form seines Leibes sofort in Asche zerfallen. Doch es wäre nicht ausgeschlossen, dass die geliebte Kirche zu Berchtesgaden bei dieser Taufe die Augenzeugin eines Wunders würde, gewirkt durch den unerforschlichen Willen des Himmels. Es erschiene nicht nur möglich, sondern einem gläubigen Gemüt sogar in hohem Grad einleuchtend, dass hier ein Heide, der sich gleich einem Sokrates durch hohe menschliche Tugenden auszeichnete, zum Lohn für ein gottgefälliges Erdenwallen ungezählte Jahrhunderte in einer wundersamen Form des Daseins erhalten worden wäre, um eines Tages in christlicher Zeit der ewigen Seligkeit teilhaftig zu werden. Und es wäre durchaus nicht undenkbar, dass dieser tugendhafte Heide, neu belebt durch die Wirkung der Taufe, wieder zu freiem, ungehindertem Leben erwachen und aus dem Salz steigen würde, um durch die Schilderung aller Gräuel heidnischer Epochen den Menschen von heute klar und deutlich zu machen, wie viel sie der christlichen Gegenwart an köstlichem Frieden und reichen Segnungen zu danken hätten.

   Als der Herr von Sölln die Verlesung der Botschaft geschlossen hatte und um ihn her ein verdutztes Schweigen war, geschah etwas Unerwartetes, das zum Ernst dieser Stunde wenig passen wollte. Der geistliche Kommissar begann aus der Erstarrung zu erwachen, in die der Schreck ihn geworfen hatte. Mit verstörten Augen sah er umher und wollte was sagen. Das blieb ein unverständliches Lallen. Und plötzlich verstummte er und wurde noch bleicher als er zuvor gewesen. Der Schreck, den er ausgestanden, schien wie Blei auf seinen Magen und die benachbarten Organe gedrückt zu haben. Seine natura humana, in der Schwäche ihres Alters, begann sich unter gewaltsamen Eruptionen von innen nach außen zu drehen. Erschrocken wichen die Herren von ihm zurück und brachten es in christlichem Mitleid nicht weiter, als dass sie nach Lakaien schrieen, die den unpass gewordenen Doktor des kanonischen Rechtes in seine Stube verbringen mussten.

   „Mir scheint, jetzt ist der Teufel, der ihn simulakriert hat, aus ihm ausgefahren!“, sagte Herr Pießer mit Humor. „Seine Seel ist wieder sauber. Aber seine Kutte muss er waschen lassen.“ Dieses heitere Wort beeinflusste den Ton der Debatte. „Josephus?“, fragte Herr von Sölln, noch halb beklommen, halb schon erlöst von allem Alp dieser Tage. „Was sagst Du? Wie ist diese Botschaft zu nehmen?“

   Schmunzelnd hob der Prior die Schultern. „Sie haben in Rom zuweilen ein lustiges Stündl. In solch einem Stündl scheint unser Vikar sie erwischt zu haben. Wir sind folgsame Söhne und gehorchen. Und morgen halten wir Tauf.“

   Eine Weile redeten die Herren hin und her, bis Josephus sagte: „Merkt denn keiner, wie viel Hilfreiches an dieser Botschaft ist? Sie gibt den Leuten was zu schwatzen und bringt die Bretterschädel auf andere Gedanken. Wenn’s den Herren recht ist, will ich reden mit unseren guten Berchtesgadnern.“ Er öffnete die Flügel eines Fensters, stieg au das Gesims und begann in seiner derb gesunden Art durch die dicken Gitterstäbe hinauszupredigen: Schweres Elend wäre über das liebe, schöne Land gefallen. Doch über den grauen Nebeln hause noch allweil ein guter und gerechter Gott. Der würde helfen, alle Wirrnis im Land zu schlichten. Und die Herren würden ihr Bestes tun, um das Ländl aus aller Not zu heben. Ein Gericht wäre eingesetzt, um jeden Schuldlosen zu beschirmen. Für den verwüsteten Hafer würde das Stift die Betroffenen nach Kräften entschädigen und einen Steuernachlass gewähren. Und dass man aus allem Elend den rechten Weg zum Frieden fände, das wäre durch die weise, wahrhaft christliche Botschaft aus Rom verbürgt, die allen Hader löse, der um den Mann im Salz entbronnen. Nun übersetzte Prior Josephus das Latein der römischen Botschaft in handgreifliches Deutsch. Und morgen, um die neunte Stunde, wären alle Berchtesgadener eingeladen zur feierlichen Taufe des gesulzten Heiden und zum christlichen Begräbnis seiner Asche, in die er zerfallen würde – wenn etwa nicht das mirakulose Ereignis einträte, dass der getaufte Heide lebendig heraus stiege aus dem Salz, um ein Schuster oder Musketier, ein Schneider oder Spindeldreher zu werden für ein christliches Leben das berchtesgadnische Bürgerrecht zu erwerben.

   Der Aufruhr der Menge wurde durch die Verkündigung des Priors nicht beschwichtigt. Im Gegenteil. Ein Lärm erhob sich, dass es brauste. Im Stiftshof wäre wohl an diesem Abend keine Ruh entstanden, wenn sich das stäubende Nebelreißen nicht um die Dämmerstunde in einen gießenden Regen verwandelt hätte, der die Schreier unter trockene Dächer trieb. Der Streit, der im Stiftshof begonnen hatte, wurde in allen Häusern fortgesetzt. Wird der Mann im Salz in Asche zerfallen oder lebendig werden? Wenn lebendig, wie wird er reden? Heidnisch, das niemand versteht? Lateinisch, wie’s nur die Herren können? Oder deutsch wie die Berchtesgadner? Und wo er wohnen wird? Im Stift, im Leuthaus, im Bären, im weißen Hirsch? Und wie wird er im Leben seinen Verdienst suchen? In jedem Handwerk, dem er sich zuwendet, werden die anderen Meister geschädigt sein! Der lebendig gewordene Heide wird einen mordsmäßigen Zulauf haben. Und seinen zottigen Bart, natürlich, den wird er stutzen lassen zu einem netten Schnauzer. Er steht noch im besten Alter! So um die vierzig. Oder jünger noch? Und wenn er sich umschaut nach einer, die mollig und sauber ist? Da braucht er bloß die Händ zu strecken, und an jedem Finger hängt ihm eine. Die Weiberleut sind schon so, dass sie allem Neuen zurennen und gelüstig werden auf jede Sach, die von sich reden macht.

   Der ‚Teufel’ im Salz war für die Leute eine aufreizende Sache gewesen. Jetzt war’s ein Mensch, Rom hatte gesprochen. Aber auch der Mensch im Salz wurde ein bedenkliches Ding. Die Schneider waren der Meinung, dass er am besten ein Schuster würde, er hätte die richtigen Fäuste, um das Leder zu wichsen. Und die Schuster meinten, er müsste ein Schneider werden, weil er das ‚Stillhocken mit überschlagenen Haxen’ schon tausend Jahr lang gewöhnt wäre. Jeder Bursch geriet in Sorge um sein Mädel, und jedes Mädel dachte: Die Nachbarstochter wird so lang schwerenzeln, bis der dumme Kerl auf die Ganz hereinfällt; und wenn er sie nimmt, as wird ein Stolz werden, ein Rockschwenken und Seidenrauschen, nimmer zum Aushalten! Ob’s da nicht am besten wäre, wenn man den Mann im Salz auf den geistlichen Stand studieren ließe? Da könnte er kein Handwerk treiben, dürfte kein Weib nehmen, niemand hätte einen Schaden von ihm und keiner einen Nutzen.

   Trotz allem Meinungshader übte die römische Botschaft eine segensreiche Wirkung. Das Neue dieses Abends erwies sich stärker als alles Alte der vergangenen Tage. Der lebendige Mensch im Salz und seine Auferstehung! Darüber vergaß man den verwüsteten Hafer, den kölnischen Zaubermeister und die beiden Höllenschwestern, die im Hexenturm einem dunklen Schicksal entgegenzitterten.

   Der niederprasselnde Regen war der einzige Gassenspektakel dieser Nacht. Auf dem Marktplatz erloschen die Fenster, an den Stiftsgebäuden blieben sie erleuchtet.

   Während die Chorherren im Kapitelsaal hinter verschlossenen Türen Rat hielten, wurde Doktor Besenrieder zu Seiner unpass gewordenen Gnaden, dem geistlichen Kommissar, zitiert. Fünf kölnische Dragoner mit blanken Eisen standen vor dem stillen Fürstenzimmer auf Wache. Beim Eintritt wurde der Sekretar beinah von einer Übligkeit befallen. So bedrückend war der brenzlige Geruch, den die im Zimmer qualmenden Räucherkerzen ausströmten. Die Lichter schienen wie unter trüben Schleiern zu brennen. In einem Himmelbett von verblichener Purpurfarbe lag, einem hageren Gespenste ähnlich, der Kommissar gegen hoch gebauschte Kissen gelehnt und schlürfte roten Glühwein. Mit einem Handwink befahl er dem Sekretar, einen Tisch an das Bett zu rücken und das Schreibzeug vorzunehmen. Unter Anrufung Gottes mahnte er den Doktor Besenrieder an die Heiligkeit seines Diensteides und bedeutete ihm, dass jeder Vertrauensbruch die Entlassung aus seinem Amt zur Folge hätte. Dann diktierte er ihm in lateinischer Sprache einen ‚kraft seiner Vollmacht fürstlichen’ Erlass. Wenn er, die Worte suchend, im Diktieren stockte, sah Doktor Besenrieder mit verstörten Augen zu ihm hinüber und gewahrte auf der bleichen Schläfe des kanonischen Doktors ein perlendes Geglitzer. Der Erlass befahl dem Landgericht: Sofort nach Ankunft der Salzburger Freimannsknechte, noch vor Ablauf der Nacht, das inhaftierte Hexenpaar in allen Graden der Pein unerbittlich darüber zu befragen, durch wen die Inkulpatin Maddalena Barbière zu jenem verleumderischen Bekenntnis verführt worden wäre; ergäbe sich das geringste indicium widern den Gregor von Sölln, den Josephus oder den Süßkind, so sollten alle drei sofort in Haft genommen, von kölnischen Dragonern bewacht und an jeder Verständigung untereinander behindert werden.

   Jetzt glitzerte der Angstschweiß auch auf den Schläfen des Sekretars. Er siebte den Streusand über die Schrift und machte beklommen den Fürhalt, dass der Beschleunigung des peinlichen Verhörs ein Hindernis im Weg stünde: Das nötige Foltergerät befände sich im Freimannshaus; der Jochel Zwanzigeißen hätte das Zeug mit heimgenommen, um die Eisen zu schärfen. Seiner Gnaden wäre die Ursach bekannt, weshalb der Jochel das Zeug nicht wieder zum Turm hätte bringen können. Mit Zorn schrillender Stimme fuhr Doktor Pürckhmayer aus den Kissen auf. „So soll man holen aus dem Freimannshaus, was benötigt wird.“ Er läutete dem Lakaien. „Der Pitter soll kommen!“ Auf den Ruf des Dieners trat einer von den kölnischen Dragonern in die Stube, ein hagerer Mensch mit hartem Gesicht und klugen Augen. „Doktor Besenrieder“, sagte der Kommissar mit verzerrtem Lächeln, „dieser verlässliche Mann soll Euch begleiten auf Schritt und Tritt.“ Mit einer Handbewegung wurde der Sekretar entlassen. Den Dragoner winkte Doktor Pürckhmayer an sein Bett heran, streckte auf magerem Hals das von Schweiß übertröpfelte Gesicht zu ihm hinauf und flüsterte: „Pitter! Du Redlicher und Treuer! Geh diesem zweifelhaften Gerechtigkeitsschwein keinen schritt von der Seite! Wenn Du siehst oder hörst, was aussieht wie eine Verschwörung gegen mich, so komm und melde mir das! Verstehst Du?“

   Der Seligmacher nickte: „Do künnt ’r üch op mich verlohße! Do sin ich jot für!“

   „Und sage dem Drickes, er soll –“ Was Pitter dem Drickes sagen sollte, das zischelte Doktor Pürckhmayer dem Dragoner leise ins Ohr. Dann fiel er zurück und trocknete sich mit einem Tuch, das nach Essig duftete, den Schweiß vom Gesicht. –

   Als der Sekretar durch das Stiftsportal hinaustrat in den strömenden Regen, klirrte hinter ihm ein schwerer Schritt. Im Laienhof ein erregter Stimmenlärm. Durch den Regen kam dem Sekretar ein dickes Weibsbild entgegengelaufen, die Magd des Landrichters. „Gott sei Lob und Dank, Herr Sekretari, dass ich Euch find. Ihr sollet hinaufkommen zum Herren, gleich, und die Schlüssel holen zum Hexenturm!“ Erschrocken fragte Besenrieder, was es schon wieder gäbe? Ein Weibsbild wäre von selber gekommen und hätte sich als Hexe bekannt. Und die Salzburger Freimannsknechte, die vor einem halben Stündl eingetroffen, hätten das Gott verlorene Weibsbild schon hinübergeführt zum Turm und täten nur auf den Sekretari und die Schlüssel warten. Besenrieder machte stelzende Schritte über die Regenpfützen, krümmte den Rücken unter dem seidenen Mäntelchen, das zu triefen begann, und eilte hinüber zum Haus des Landrichters. Hinter ihm her der kölnische Pitter im Gerasssel seiner Waffenstücke, mit dem blanken Eisen in der Faust.

   Das Rauschen des Regens erstickte fast den Stimmenlärm, der den Laienhof erfüllte. Ein qualmendes Pfannenfeuer machte die Schnüre des Regens blitzen und beleuchtete bald grell, bald wieder rauchig eine erregte Gruppe. Die Musketiere, von denen die Hälfte betrunken, die andere Hälfte nimmer nüchtern war, umringten unter zotigem Geschrei die Freimannstochter, die mit gefesselten Händen zwischen den zwei Salzburger Malefizknechten vor der Pforte des Hexenturmes stand. Ihr Gesicht war bleich; ein spöttisches Lächeln war um ihren Mund; und forschend betrachtete sie bald den Freimannsgesell zu ihrer Rechten, bald den anderen zu ihrer Linken. Unter dem Lodenmantel leuchteten die gelben Blumen des Mieders und die Scharlachfarbe des Rockes heraus. Ihr bestes Gewand hatte sie angelegt für diesen Weg zum Hexenturm; im Haar trug sie Nadeln mit großen Goldknöpfen, um den Hals das venedische Kettl. So ruhig sie auch aussah, eine rvon den stummen Freimannsknechten schien ihr doch Misstrauen einzuflößen. Das war der vierschrötige, ungeschlachte Kerl zu ihrer Linken, mit dem Stiernacken, dem vorgeschobenen Raubtierkiefer und den langsamen Augen, die stumpf und gleichgültig in den Lärm guckten. Der andere war ein schlanker, fast vornehm aussehnder Gesell; mit seiner fein gegliederten Gestalt, mit dem schmalen Gesicht und den ernsten Augen hätte er besser in einen Kaplanshabit oder in den Talar eines jungen Gelehrten gepasst als in die Tracht der roten Zunft.

   Doktor Besenrieder, den eisenrasselnden Pitter an seiner Seite, erschien im Laienhof und fragte die zwei Gesellen um ihre Namen. Der Vierschrötige brummte: „Ich heiß der Knotzensepp.“ Der Schlanke sagte: „Ich bin der Hannes Dreißigacker.“ Ein fahles Erschrecken ging dem Sekretar über das erschöpfte Gesicht. Auch die Freimannstochter drehte betroffen die Augen nach dem feinen Gesellen, während Besenrieder stammelte: „Der Dreißigacker? Jener berühmte Hexenfinder, der ein Weib nur anzusehen braucht, um alles zu wissen? Der bist Du?“

   Lächelnd, mit ein bisschen Galle in diesem Lächeln, schüttelte der Schlanke den Kopf. „Das ist von meinen Brüdern einer. Der hat den Namen für sich. Die Wissenschaft hat jeder von uns Dreißigackern.“

   Dem Doktor Besenrieder zitterten die Hände, als er an der Tür des Hexenturmes die drei Schlösser aufsperrte. Ein Spießknecht mit einer Kienfackel leuchtete voran. Durch einen von muffiger Luft erfüllten Mauerschacht ging es hinunter über feuchte Steinstufen. Diese schwitzenden Mauern, die bei solchem Weg von angstvollem Geschrei zu widerhallen pflegten, hörten diesmal keine Beteuerung der Unschuld, keinen Schrei der Verzweiflung. Schweigend stieg die Freimannstochter vor den Malefizknechten in die Tiefe. Wieder eine Türe mit drei Schlössern, zehn Stufen noch, und die Fackel durchleuchtete trüb einen weiten, auf zwei schweren Säulen überwölbten Raum. Fast winzig sahen in dieser Leere die zwei weiblichen Gestalten aus, die, bei der Mauer gegen den Wallgraben, unter der vergitterten Fensterluke eng aneinandergeklammert auf den Fliesen kauerten. Während die Weyerziskin, vom gelösten Blondhaar umschüttet, mit Augen des Entsetzens auf die sechs Menschen stierte, die da kamen, flüsterte die Jungfer Barbière: „Tu Dich nit fürchten, Liebe!“ Aber die Weyerziskin riss sich aus Maddas Armen, warf sich auf die Knie und bettelte in Verzweiflung: „Ich will bekennen! Alles sag ich! Nur nit plagen und strecken! Mein Leib ist müd. Nur nit die Pein! Nur nit die Schraufen und Eisen!“ Da sah sie die offen Türe, raffte sich auf und rannte, kam zum Bewusstsein ihres Irrsinns, taumelte auf eine plumpe Bettlade zu, die hinter den Stufen im Winkel stand, warf sich über den Strohsack hin und vergrub das Gesicht.

   Während der Vierschrötige, der die Freimannstochter gelöst hatte, gähnend den Arm vor das aufgesperrte Maul hob, trat der feine Dreißigacker zu der Bettlade. „Das Licht her!“ Der Spießknecht leuchtete. Und der schlanke Gesell betrachtete die Weyerziskin. Schweigend nickte er dem Doktor Besenrieder zu und griff mit ruhiger Hand in die Haarsträhne des regungslosen Weibes. Da wurde er von einer Faust zurückgestoßen. Madda stand zwischen ihm und der Weyerziskin. In ihren Augen blitzte der Zorn. Sie blickte hinüber zum Sekretar, der wie ein Schotterschatten seiner selbst bei einer Säule stand, und sagte mit fester Stimme: „Wenn Du ein Mensch bist, und ich hab einmal geglaubt, dass Du einer wärst, so lass dieses arme Weib nit plagen! Lass sie doch erst genesen für das Ding, das man auf Erden Gerechtigkeit schimpft.“ Besenrieder nahm einen Anlauf, um der Inkulpatin Barbière vorzuhalten, dass sie durch so üble Reden ihre Lage nicht verbessere. Madda hörte nicht auf dieses Gestammel. Erschrocken war sie vor dem Dreißigacker zurückgewichen, und mit brennender Welle stieg ihr das Blut ins Gesicht. Der schlanke vornehme Freimann hatte keine Hand nach ihr gestreckt, hatte sie nur angesehen. Vor diesem Blick verlor sie alle Festigkeit und allen Mut. Von Angst durchzittert bis ins Innerste ihres reinen Lebens, brach sie vor der Bettlade in die Knie und umklammerte die Weyerziskin, als wäre bei diesem ohnmächtigen Weib eine Hilfe.

   Hannes Dreißigacker sagte ruhig zum Sekretar: „Von der Jungfer hab ich einen guten Glauben. Sie hat nit den Teufelsblick in den Augen. Freilich, am Hals, da hat sie ein Mal. Das kommt mir aber nit verdächtig für. Ich wett, dass es Blut gibt bei der Nadelprob. Dann wär die Jungfer ohne Schuld im Turm. Und ihrem Bekenntnis müsst man glauben.“

   Während der kölnische Pitter misstrauisch den Hals verlängerte, konnte Besenrieder nicht aufatmen, so günstig dieses wissenschaftliche Freimannswort für die Jungfer klang, die seinen geachteten Namen in Glück und Freude hätte tragen sollen. Er wandte sich zu der neuen Hexe. „Steht das Haus Deines Vaters offen?“

   Sie sagte rau: „Das ist zugemacht. Und fest!“

   „Wo ist der Schlüssel?“

   „Das Haus sperrt keiner nimmer auf. Als einer in der Ewigkeit.“

   Jetzt schien der Sekretar zu verstehen. „Ich meine das Haus, in dem Du wohntest.2

   Sie lachte heiser. „Das steht offen. Sperrangelweit!“

   Während dieses Gespräches hatte der vierschrötige Knotzensepp, dem die müde Schläfrigkeit vergangen war, den feinen Dreißigacker hinter eine Säule gezogen, umklammerte mit grober Faust den Arm des schlanken Gesellen und flüsterte: „Du! Tu Diene Schuldigkeit! Dafür ist man im Lohn. Aber sonst lass alles gut sein! Ich tät’s nit leiden, dass Du’s wieder machst wie beim letzten Brand mit der schönen Schreibersjungfer und Dein unsauberes Garn wider die Herren spinnst!“

   Doktor Besenrieder hatte sich von der Freimannstochter abgewandt und räusperte sich. „Inkulpatin Barbière –“ Er sprach nicht weiter, sondern sah erschrocken zur Tür hinüber. Pitter, der kölnische Dragoner, hatte im Gerassel seiner Rüstungsstücke kehrt gemacht und verließ den Turm. Jetzt atmete Besenrieder auf. „Inkulpatin Barbière! Bereitet Euch vor auf ein redliches Wort der Wahrheit! Man wird Euch noch vor ablauf dieser Nacht in allen Graden der Pein befragen, ob Euer Bekenntnis wider den geistlichen Kommissar auf Wahrheit beruht.“

   Madda richtete sich auf. Der Sekretar, den ein Zittern überlief, musste denken: „Die ist schöner geworden in diesen Tagen des Unglücks. „Ja, Herr!“, sagte Madda. „Man soll mich fragen!“

   Die vier verließen den Turm. In der Finsternis, die hinter ihnen zurückblieb, ein zorniger Laut, wie ein Fluch: „Not und Elend! Das Peinzeug hätt ich verderben und verstecken sollen!“ Nur noch das Brausen, mit dem der Regen draußen gegen die Mauer schlug. Dann ein leises, hilfloses Weinen. Und jetzt das zärtliche Geflüster der Jungfer: „Du Liebe! Tu Dich doch ein bissl festen und trösten! Schau, sie sind ja schon wieder fort. Wie Du nur allweil so unsinnig reden kannst, wenn sie da sind! Eine Seel, die schuldlos ist! Wenn Dein Joser das hören tät.“ Ein schluchzender Seufzer voll Weh und Müdigkeit. Und wieder das heiße Geflüster: „Guck, Trudle! Wenn mich die Festigkeit verlassen will, so denk ich an den Einen, der mir lieb ist. Und denk mir –“

   „Dass er schafft in Lieb und Sorg!“ Wie die Stimme bebte, die da von irgendwo herausklang aus der Nacht! „Und dass er sein Leben gegen die Mauer wirft!“

   Nun war es still in der Finsternis. Nur das Rauschen des Regens. Dann die erschrockene Frage: „Weib? Wer bist Du?“

   „Hast Du mich nit gesehen, wie noch Licht gewesen?“

   „Nein. Die Not hat nur Augen für sich selber.“

   „So sollst Du auch nit wissen, wer ich bin.“

   „Eine Schwester im Elend bist Du. Komm her zu uns!“ Schlurfende Schritte, die im Dunkel einen Weg suchten. Unter dem Weinen der Weyerziskin ein leises Reden der Freimannstochter, Worte in jagender Hast. Nun ein Schrei in Freude, ein Lachen: „Trudle!“ Das Weinen verstummte. Atemloses Geflüster. Und jählings schrie die Weyerziskin in der Finsternis: „Den Richter! Widerrufen will ich! Was tät mein Joser denken –“ Das Geschrei verstummte, als hätte sich eine Hand auf den Mund der Weyerziskin gepresst. Noch eine Weile dieses Stammeln und Flüstern. Dann Stille in dem Rauschen, das draußen um die Mauer war. Jetzt sagte Madda mit der Stimme einer Verzückten: „Trudle, wir müssen beten! Bei uns ist Gott und unser Glück!“ Sie begann das Vaterunser, das Ave Maria. Die Weyerziskin stammelte das alles mit, in halben und verstümmelten Worten. Nur die dritte in dieser Nacht blieb stumm. Als die Glocken im Brausen des Regens die elfte Stunde schlugen, flüsterte sie: „Wir müssen die Bettlad aus dem Winkel schieben. Wir müssen uns bergen, hat er gesagt, als tät eine Mauer fallen!“

   Ein Keuchen schwacher Kräfte. Auf den Steinfliesen ein schriller Ton. Wieder Stille. Wieder in der Finsternis das verzückte Beten Maddas, dieses schwere Lallen der Weyerziskin.

   „Luset!“, flüsterte die dritte. „Der Bub ist am Werk!“

   In der Mauer gegen den Wallgraben gegen den Wallgraben, unter dem schwarzen, vergitterten Fensterloch, war, so laut auch der Regen rauschte, ein gedämpftes Hämmern zu vernehmen, manchmal im Gestein ein Knirschen und Ächzen – das war, als nage eine scharfzähnige Ratte geduldig an einem harten Knochen – und es war doch ein heimliches Lied der Freiheit, der nahen Rettung, des harrenden Glückes. „Er muss sich eilen!“, zischelte die Freimannstochter. „Es geht auf zwölf. Länger als zwei Stunden brauchen sie nit, bis sie das Peinzeug holen aus dem Haus da drunten. Er muss sich eilen! Wenn er’s nur wissen tät!“ Da schlugen schon die Glocken.

   Auch Maddas verzücktes Beten wurde ein fliegendes Lallen, das alle Worte ineinander schlang. Die Weyerziskin, weil das Gebet den Irrsinn ihrer Todesangst und Hoffnung nimmer erstickte, fing wie ein Kind, ganz leise und mit falschen Tönen, zu singen an:

„Es steht eine Lind im Tale,
Ach Gott, was tut sie da?
Sie will mir helfen trauren,
Weil ich kein Kindl hab.“

   Das gedämpfte Hämmern in der Mauer, das Ächzen und Knirschen war still geworden. Von der Türe her, durch den Treppenschacht herunter, kam ein rasselndes Geräusch. Dort oben sperrten sie das Tor des Hexenturmes auf. Eine Stimme war zu hören, die Stimme des Landrichters Gadolt, der vom Zahnweh genesen schien und einem Spießknecht befahl: „Das Licht voran!“ Die Freimannstochter sprang hinter der Bettlade hervor und schrie wie eine Wahnwitzige: „Gefehlt ist’s!“ Madda stammelte einen Namen, den ihre Lippen noch nie gesprochen hatten, und die Weyerziskin stürzte bewusstlos auf die Fliesen hin. Da fuhr ein dumpfes Dröhnen durch die rauschende Nacht, als hätte man irgendwo im Stift eine Feldschlange losgeschossen. Unter dem murrenden Nachhall zitterten alle Mauern. „Barmherziger Gott!“, rief Seine Gestreng im Mauerschacht draußen. „Was ist denn geschehen?“ Der Lichtschein, der durch die Ritzen der Treppentür hereingeleuchtet hatte, erlosch. Ein Getrampel enteilender Schritte. Dann die brüllende Stimme irgendeines Menschen: „Drüben ist’s gewesen! Im Stift. Wo der Goldkoch seine Stub hat!“ Nun Stille dort oben.

   In der Tiefe, vor dem vergitterten Fensterloch, glomm ein nebliger Lichtschein auf und verdämmerte wieder. Mit lachendem Aufschrei riss die Freimannstochter die Jungfer Barbière hinter der Bettlade auf den Boden nieder. Ein Donner im Rauschen der Finsternis, ein qualmender Feuerblitz in der Mauer, ein Geknatter, als würden hundert Steine in den schwarzen Raum geworfen. Der Boden und alles Gemäuer bebte. Dann eine Stille, in der das Rauschen des Regens so deutlich zu hören war, als stünde zwischen der Turmtiefe und der brausenden Nacht keine Mauer mehr. „Jungfer!“, keuchte dort, wo der Regen rauschte, die Stimme des Buben. „Jungfer! Maddle, wo bist Du?“ Ein greller Lichtschein zuckte durch dichten Qualm. Verschwommen zwischen Rauch und Helle stand Adel in seiner Jägertracht vor einer türhoch durch die Mauer gebrochenen Gasse. Ein Zweiter kletterte mit wilder Hast über ein Gewirr von Mauerbrocken in den Turm herein und begann unter erwürgten Lauten mit den Händen zu tasten.

   Madda stand wie betäubt. Da stieß die Freimannstochter sie mit Fäusten aus dem Winkel hervor: „Du Narr, Du! Hörst Du Dein Glück nit schreien?“ Madda erwachte, flog auf den Buben zu und umklammerte seinen Hals. Der warf das brennende Ding zu Boden, das er in der Faust gehalten, umfasste wortlos die Jungfer und riss sie durch die gebrochene Mauer mit sich hinaus in en strömenden Regen, in die Freiheit, in das Glück. Sie hätte schreien mögen vor Schmerz – mit so eisernem Druck hielt seine Faust ihren Arm umschlossen, während er in der Nacht mit ihr hinunterflüchtete durch den Wallgraben. Aber sie schrie nicht, immer lachte sie wie eine Trunkene und fühlte diesen Schmerz als etwas so Süßes und Seliges, wie ihr im Leben noch nie eine Freude war. Der Regen, der über sie niederströmte, wurde ein wohliges, Wunder wirkendes Bad, das ihr alles Grausen dieser vergangenen Tage aus der Seele wusch.

   Inmitten einer schwarzen Wiese hielt Adelwart inne. „Der Joser? Wo bleibt der Joser?“ Er spähte zurück in die Nacht. Die rauschende Finsternis hatte Sterne. Immer wieder blinkte einer auf. Das waren die Fenster des Stiftes. Da droben wurde es hell in allen Stuben. „Joser? Joser?“ Ein Laut in der Nacht. „Sie kommen!“, stammelte Adel und riss die Jungfer mit sich fort.

   Ein schwarzes, mächtiges Gebäude tauchte vor ihnen auf, das Pfannhaus der Frauenreut. Irgendwo in der Nähe ein gellender Pfiff. Ein Zaun sperrte den Weg zur Straße. Adel hob die Jungfer hinüber. Und sprang.

   Unter dem schwarzen Laubdach triefender Linden wartete der Passauer mit seinem Salzkarren. Er hielt schon die Rückwand der Blache aufgeschlagen und zischelte: „Herauf mit dem Mädel!“ Adel lupfte die Jungfer in das Dunkel des Karrens hinein, und als sie schon auf den linden, mit Moos gefüllten Säcken ruhte, hielt er sie noch immer umklammert und erstickte sie fast mit seinen Küssen, bis der Passerauer mahnte: „Bub! Die muss noch lebig über die Grenz.“ Dabei wollte er sich auf den Karren schwingen. Adel stammelte: „Wart! Es kommen noch zwei!“ Dass es drei waren, die heraustaumelten aus der Nacht, das merkte er nicht. Er half in der Hast das zitternde Trudle auf den Karren heben, lief um den Wagen herum und schwang sich zum Passauer auf das Fuhrmannsbrett. Die Peitsche sauste. „Hjubba! Hjubba!“ Und die Tiere begannen zu jagen. Hinter dem Karren ein bitteres Lachen im Rauschen der Nacht. Dann rannte die Freimannstochter dem Wagen nach, erwischte einen Blachenzipfel und konnte sich noch hinauf schwingen auf den Balkenstumpf, der unter dem Leitergestell herausragte.

   Auf der rauen Straße hopfte und sprang der Karren, dass es eine lustige Reise hätte werden können, wenn nicht die Sorge mitgefahren wäre als ruhelose Gesellin. Adel stand auf dem Fuhrmannsbrett, um über das Blachendach zurückzuspähen in die Nacht. Auf der finsteren Straße war nichts vernehmbar, nur das Geplätscher des Regens. Er atmete erleichtert auf. Und wenn er mit zärtlicher Frage die Hand hineinstreckte in das Dunkel unter der Blache, wurde sie von zwei linden Händen umschlossen, und er fühlte Küsse und hieße Tränen. Immer das leise, fieberhafte Weinen der Weyerziskin, und unablässig redete Joser zu seinem Trudle: „Was hinter uns liegt, ist versunken. Was fürwärts liegt, ist alles! Das ist die Freiheit und das Glück.“ Von Reichenhall geht’s an die Donau, auf der Donau hinunter nach Österreich und weiter ins steirische Land. Wo noch nie ein Brand gewesen! Wenn für die weite Fahrt das Geld nicht reicht, das er mitgenommen, so hat er Joser zwei Hände, die schaffen können. „Ein Stöckl schneid ich, pass auf, das zahlen die Leut mit Gold.“ Die Stimme des Josua klang, als spräche ein anderer, nicht der Weyerzisk. „Das Stöckl, das ich schneid, das ist der Vater der Welt! En schneid ich aus Ebenholz, weil er schwarz sein muss. Ins schieche Gesicht, da schneid ich ihm Augen hinein, die das warme Blut zu Eis machen!“

   „Joser! Joser!“

   Das war der erste Laut, den die Weyerziskin stammelte, ein Laut in Liebe und Sorge.

   Madda rückte näher an das Fuhrmannsbrett und klammerte sich an den Arm des Buben. „Ich kann’s schier nimmer hören. Wer hat denn das in die Welt gerufen? Wer ist denn schuld an allem Elend?“

   „Die Narretei der Leut! Sonst keiner.“ Adel beugte sich in das Dunkel des Karrens. Und Madda hatte keine Frage mehr und vergaß das Elend der Zeit.

   Als der Wagen die Höhe von Bischofswies erreichte, fuhr ein kräftiger Nordwind über die schwarzen Gehänge des Untersberges her. Der Regen verwandelte sich in ein dünnes Stäuben. Wieder stellte sich Adel auf das Fuhrmannsbrett. Während er zurückspähte über die dunkle Straße, ging es ihm durch den Sinn: Das blaue Land seiner Träume? Wo war das jetzt? In Finsternis versunken, von Nebeln umwirbelt! Aber lag nicht vor ihm das Land seines Glückes? Irgendwo in der fremden Ferne? Hell und reich! Das versprachen ihm die beiden Hände, die er so fest um seine Hand geklammert fühlte. Och neben der heißen Freude immer die brennende Sorge. „Passauer? Wie kommen wir beim Hallturm durch en Schlagbaum?“ Auf diese Frage wusste auch der Passauer keine Antwort. Er schlug nur auf die Tiere los. „Hjubba! Hjubba!“

   Der Regen hatte aufgehört. Über die schwimmenden Nebel floss ein milchiger Schein. Auch die Straße, die zwischen dunklen Waldmauern hinzog. Begann sich aufzuhellen. Und in der westlichen Ferne sah man einen roten Dunst, den Schimmer des Pfannfeuers, das vor der Grenzsperre beim Hallturm brannte. Plötzlich eine gellende Weiberstimme: „Bub! Guck rückwärts über den Weg!“ Erschrocken über den Klang dieser Stimme, sprang Adela uf das Fuhrmannsbrett. Da sah er hinter dem Karren einen dunklen Mantel wehen, und sah zwei Arme, die sich an die Blache klammerten. „Jesus! Mädel?“ Was er fragen sollte, erstickte ihm in der Kehle. Ein Lärm von klappernden Hufen folgte dem Karren in der still gewordenen Nacht, und gaukelnder Fackelschein leuchtete bei einer Biegung der Straße auf. „Joser! Das Messer in die Faust!“, rief Adelwart unter die Blache hinein und riss das Jagdeisen aus seinem Weidgehenk. „Passauer! Heb den Karren an! Die Weiberleut müssen in den Wald entspringen.“

   Ehe der Kärrner die jagenden Tiere verhalten konnte, war der Augenblick zur Flucht versäumt. Mit Gerassel kam der von Qualm und Flackerschein umwirbelte Trupp schon herangesaust. Zwei Trompeter voraus. Die bliesen nicht in dieser Nacht. Zwischen einer Doppelhecke von zwölf Reitern, von denen sechs die lodernden Fackeln und sechs die blanken Eisen trugen, knatterten und hopften die Räder einer vierspännigen Kutsche. Der Fackelschein fiel unter das Lederdach und erleuchtete zuckend ein kreideblasses Greisengesicht, das zur Hälfte versunken war in den Schatten einer Kapuze. Auf weißer Kutte das Geflimmer eines goldenen Kreuzes.

   Da stockte der Zug. Vorne die Trompeter schrieen: „Weg frei! Weg frei!“ Der Reisende schob erschrocken den Kopf aus der Kutsche und kreischte: „Pitter? Was gibt es?“

   „Herr, ’ne Salzkahr is om Wäch! Do kütt de Kutsch nüt langs.“

   „Schmeißt den Karren über die Straß hinunter!“

   Das Hindernis war schon behoben. Die Trompeter ritten los, und die Reiter auf den Kutschpferden peitschten die Gäule. Mit den linken Rädern halb über den Rain der schmalen Straße nieder tauchend, knatterte und hopfte der Reisewagen an dem Salzkarren vorüber, der schief über die rechte Straßenböschung hinaushing. Als das letzte Paar der kurkölnischen Seligmacher mit erhobenen Fackeln hinter der lärmend davon rasselnden Kutsche hergaloppierte, schlug der Passauer so unsinnig auf seine dampfenden Tiere los, dass sie den Karren mit jähem Ruck auf die Straße rissen und schnaubend hinter den Gäulen der Dragoner blieben.

   „Passauer!“, flüsterte Adelwart. „Hast Du den Verstand verloren?“

   „Den hab ich fester wie nie!“ Der Passauer lachte. „Das ist doch ein fürnehmer Herr! Der reist doch nit ohne Packzeug, das man hinter ihm herführt.“

   Unbehindert, als zollfreies Gepäck Seiner hochwürdigsten Gnaden des geistlichen Kommissars, passierten die fünf Menschen, die sich aufatmend unter die Blache des Karrens duckten, den Schlagbaum der berchtesgadnischen Grenze.

   Die Nacht war hell geworden. Aus verziehenden Wolken guckte das heitere Glanzgesicht des Mondes heraus, dem ein Stück an der linken Backe fehlte. Gegen Morgen blies ein sausender Wind die grauen Nebel über die Berggehänge und jagte das Gewölk, zwischen dessen zerrissenen Säumen bald ein Stück des blauen Himmels, bald eine silberig beschneite Bergzinne herauslugte.

   Noch vor Anbruch des hellen Tages passierte, von Reichenhall herüber, bei der Grenzsperre ein Reiter, der sich durch eine Botschaft an den Dekan des Stiftes auswies. Drum ließ man ihn durch den Schlagbaum ein, obwohl er das Kreuz nicht machte. Mit dem Wind reitend, der den Himmel säuberte, trabte der Knecht des Grafen von Udenfeldt nach Berchtesgaden. Dort traf er um die achte Morgenstunde ein und fand auf dem Marktplatz ein so lärmendes Menschengewühl, dass er den scheuenden Gaul nur mühsam vorwärts brachte. Im Laienhof musste er aus dem Sattel steigen, weil er nicht mehr weiterkam. Während vor ihm her ein Spießknecht mit groben Ellenbogen durch das Gedräng eine Gasse zu bahnen suchte, hörte der Udenfeldter die Leute in einer seltsam gereizten Frohheit über allerlei sinnlos scheinende Dinge schelten: Über Hexenbegöller und Pulverschnöller, über Goldmeister und Salzschießer, über einen Zaubergockel, der mit drei Teufelsschwestern durch Mauer und Luft davongefahren, und über einen Täufling, der ein Stiftsherr werden sollte. Dem Udenfeldter summten die Ohren von dem wunderlichen Geschrei. Auch im Stifte fand er ungewöhnliches Leben. Lakaien und Kirchendiener liefen ab und zu. Alle Korridore, durch die der Spießknecht den Udenfeldter führte, waren erfüllt von einem widerlichen Schwefelgeruch. In einer Gruppe von Kapitularen lachte der Freiherr von Preysing: „Unsinn! Dem Kommissario wäre doch ein Malefizhandel nicht gefährlich worden! Der ist davon vor Scham über das schwache Stündl, in dem die Natura humana so vehement aus ihm geredet hat.“ Herr Pießer fügte bei: „Was Besseres hätt er nicht tun können als verduften. Freilich, was hinter ihm zurückgeblieben, ist nicht der Wohlgeschmack lieblicher Heiligkeit.“

   Der Udenfeldter hörte die Herren noch lachen, als er schon droben war im ersten Stockwerk des Stiftes. Auch hier ging es lärmend zu. Ein Dutzend Handwerksleute waren damit beschäftigt, aus einem Raum, dessen Tür in Trümmern lag, allerlei zerstörtes Zeug und absonderliches Kochgeschirr herauszuschaffen. Der Raum war anzusehen wie eine Küche, in die eine feindliche Brandgranate gefallen, so dass der Herd und alles Gerät unter Flammen und Rauch in Scherben ging. „Hat’s da gebronnen?“, fragte der Udenfeldter. Die Stirne runzelnd, schüttelte der Spießknecht den Kopf.

   Droben im zweiten Stock nahm ein Lakai dem Reitknecht das gesiegelte Schreiben ab und trug es in die Stube des Dekans. Der saß am offenen Fenster, den Kopf in die Hand gestütz, mit den weißen Haarsträhnen über der Wange. Peter Sterzinger, ernst und bleich, den Hut zwischen den Fäusten, stand neben dem Sessel des Herrn. Durch das Fenster klang etwas Dumpfes herein. War’s das Rauschen der Ache? Oder der Lärm, den das Gewühl der Leuchte machte? Als Herr von Sölln einen Blick in das Schreiben geworfen, atmete er auf und sagte mit halbem Lächeln: „Da, Peter, lies! Des Rätsels Lösung ist von selber gekommen.“

   Dem Wildmeister zitterten die Hände, während er las. Dann machte er den Specht, obwohl ihm das Wasser in den Augen glitzerte. Und schnaufend sagte er: „Das Mädel geht dem Glück entgegen. Auf den Buben ist Verlass. An dem hat das Ländl wieder einen Guten eingebüßt.“

   „Ja, Peter! Und weißt Du schon, was heut am Morgen im Salzberg geschehen ist?“

   Sterzinger nickte. „Gleich in der Fruh ist der Meister Köppel zu mir gesprungen und hat mir’s zugetragen, wie gut dem Michel die Pulverkunst geraten ist. So geht’s allweil in der Welt. Die Leut sagen mit Recht: Einer findt’s, der ander gwinnt’s!“

   „Jetzt wird der Pfnüer im Salzberg ein notwendiger Mensch werden!“, meinte der Dekan. „Hat dem Kolumbus das Ei gestohlen und macht sich einen nahrhaften Fladen draus!“ Er tat einen Gang durch die Stube. Dann blieb er vor dem Wildmeister stehen und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Peter? Sollen wir sie nicht zurückrufen, sobald die Zeiten ruhiger werden?“

   Den Schnaufer durch die Nase blasend, schüttelte Peter Sterzinger den Kopf. „Die täten allweil einen heißen Boden haben. Warmes Glück braucht kühlen Grund. Der Bub ist den richtigen Weg gegangen. Und meine Kinder müssen nit leiden drum. Das Kätterle hat wieder Mutterarbeit und kann schöpfen aus ihrem Brunn voll Lieb. Wir haben’s ausgeredt, dass der Jonathan und das Kätterle zu mir ins Haus ziehen.“ Er lächelte ein bisschen. „Von meinem Miggele hat das gute Weibl geschworen, das Bübl tät sich bei allem akrat so stellen, wie ihr Adel als Kind, will sagen: Ihr David.“

   Schweigend blickte Herr von Sölln ins Leere, mit Augen, als sähe er ein tiefes und schönes Wunder. „Mater aeterna!“

   Glocken begannen zu läuten. Ein Lakai trat in die Stube: „Euer Ganden, die Franziskaner kommen schon.“

   „In Gottesnamen!“ Herr von Sölln drückte das Barett übers weiße Haar. „Soll die Narretei ihren letzten Trumpf haben! Gehst Du auch zur Heidentaufe?“

   Dem Wildmeister fuhr es rot ins Gesicht. Trotz aller Ehrfurcht vor seinem Herrn wurde er grob. „Mag das saure Mistvieh tot bleiben oder lebendig werden, das ist mir wie die Wurst, die nimmer Fleisch und Zipfel hat!“

   Da lachte der Dekan. „Weil ich nach allem kranken Unsinn nur wieder ein gesundes Wörtl höre!“ Während sie zur Türe gingen, sagte er: „Nimm den Udenfeldter Knecht zu Dir hinunter! Willst Du Deiner Schwägerin was hinüberschaffen, so kannst Du aus dem Hofstall zwei Saumtiere nehmen. Und einen Gaul für Dich! Grüß mir das flüchtige Völkl! Sie sollen im Glück mein Berchtesgaden nicht vergessen.“

   Am Ende des Korridors trat Herr von Sölln in eine kleine, weiße Zelle. Da lag Herr Theobald von Perfall neben dem offenen Fenster auf weißem Lager ausgestreckt, eine blutfleckige Binde um den Hals, in den ein Splitter der explodierten Retorte eine tiefe Wunde gerissen hatte. Die eine Hand mit drei Fingern ruhte auf seiner Brust, die andere, von der ein Finger davongeflogen, war dick mit Leinen umwunden. In der Nacht, als die erschrockenen Chorherren nach dem Donnerschlag zu der qualmenden Alchimistenküche gesprungen waren, hatten sie gesehen, wie der mit Blut überströmte Greis au dem Dampf heraustaumelte. Er hatte kein Wort von Schmerzen gesprochen, hatte nur müd gelächelt in der Verlegenheit seines neuen Misserfolges. Und weil er nun an jeder Hand gleichmäßig drei Finger hatte, wies er ihnen das mit seinem schüchternen Lächeln: „Sehet, die Harmonie ist wieder hergestellt!“ Jetzt lag er im Fieber seiner Wunden, entkräftet vom Blutverlust. Magister Krautendey hüllte ihm gekühlte Tücher um die Stirn.

   „Wie geht es ihm?“

   „Verbronnenes Leben, das noch flackert!“

   Achtsam ließ sich der Dekan auf den Rand des Bettes nieder und blickte schweigend in das halb verhüllte Gesicht des schlummernden Greises. Dann presste er die Hand über die Augen und saß gebeugt. Draußen das Glockengeläute. Und was zum Fenster dumpf hereinrauschte, das war, als hätte sich die Ache verwandelt in einen tobenden Strom. Der Dekan ließ müde die Hand fallen. „Krautendey? Was denkt Ihr von dem Ding, das da drunten geschehen soll?“

   „Dass Fasnacht schon oft gewesen ist.“

   Nachdenklich blickte der Dekan vor sich hin. Und nickte. „Ich hab mit Widerstreben eingewilligt. Aber kann sein, dass Josephus und der Süßkind Recht haben. Die sagen: Wo ein Stier ins Wüten geraten, darf man einen Prügel auch aus dem geweihten Kirchzaun reißen.“

   In den Zügen des schlummernden Greises begann sich eine erregte Gedankenarbeit zu spiegeln. Sein Körper geriet in zuckende Bewegung; seine Hände griffen und wühlten; gewaltsam suchte der Kranke sich aufzurichten und schrie in Freude: „Er blitzt! Er blitzt!“ Tief atmend fiel er auf das Kissen zurück und lächelte mit geschlossenen Augen. „Heureka! Selige Menschen! Frieden auf aller Welt! Und goldene Zeiten!“ Seine Stimme erlosch in hauchendem Geflüster.

   Erschrocken war Herr von Sölln vom Bettrand aufgesprungen. „Krautendey?“ Der Magister schüttelte den Kopf und wechselte auf der Fieber glühenden Stirn des Schläfers das kühlende Tuch.

   Ein Stiftsherr kam, den Dekan zu holen: Die Franziskaner wären schon da, und vor dem Münster stünde der Zug bereit. Während die beiden hinunter stiegen über die Treppe, hörten sie festliche Musik. Maestro Feldmayer hatte noch in der Nacht einen ‚Heidentaufmarsch’ komponiert und am frühen Morgen mit der Kapelle eingeübt. Nun schmetterten die Posaunen, um für den heidnischen Mann im Salz den Übertritt zum Christentum so weihevoll wie möglich zu gestalten.

   In einer Gasse des Volkes, dessen tobendes Geschrei unter gruseligen Schauern zu erwartungsvoller Stille beschwichtigt war, ordnete sich der Zug der Geistlichkeit mit Weihrauch, Fahnen und Laternen. Prior Josephus gab sich Mühe, so ernst zu erscheinen, als es die bedeutungsvolle Stunde forderte. Und der kugelige Süßkind machte in seinem weißen Chorhemd die stolzen Schritte eines Triumphators über den Udo von Magdeburg. Männer und Weiber beteten zum Posaunengeschmetter. Unter allem Beten huschte ein ruheloses Geflüster durch die Menge: Der Mann im Salz hätte schon eine Ahnung von den Dingen, die ihm heute widerfahren sollten. Man hätte aus dem Mühlenkeller die unerklärlichsten Geräusche vernommen, ein Murmeln und Schlucken, als memorierte der gebannte Heid in seinem sauren Gehäus die Rede, die er halten wollte, sobald er als Christ lebendig geworden.

   Im Laienhof standen die Handwerksleute bereit, die auf einer Glitschleiter und mit Seilen den bewohnten Salzblock aus der Tiefe des Mühlenkellers heben sollten. Der heiter gewordene Himmel glänzte über die Dächer herunter, als der Zug mit wehenden Fahnen herankam. Die Laternen gaukelten, und die Weihrauchwolken kräuselten sich bläulich in die Luft, als hätten sie Sehnsucht nach der reinen Höhe und möchten aus dem Schatten in die Sonne kommen. Der Hall der Glocken schwebte durch das Morgenleuchten, und die Posaunen des Taufmarsches weckten ein klingendes Echo an den Felsen des Loksteines.

   Man löste die Siegel, mit denen die Vorhängeschlösser des Mühlenkellers petschiert waren. Die Falltür wurde gehoben, und da zeigte sich ein rätselhafter Anblick. Der zum Keller führende Treppenschacht glich einem stillen Brunnen, den ein dunkles Wasser erfüllte, bis herauf zu den letzten Stufen. Als die geistlichen Herren ratlos da hinunterguckten, spiegelten sich ihre verdutzten Gesichter und die zuckenden Flämmlein der geweihten Kerzen deutlich in der stillen Flut. „Wo kommt denn das Wasser her? Und es steigt noch allweil! Im Gedränge merkten die Leute, dass was Besonderes los wäre. Ein lautes Fragen. Weil es im Zug der geistlichen Herren einer dem anderen sagte, was man gefunden hätte, sprang die seltsame Botschaft auch in die Menge. Es erhob sich ein Lärm, in dem von hundert Stimmen immer das gleiche Wort gezetert wurde: „Wasser, Wasser, Wasser, Wasser, Wasser!“

   Der Sprengschuss im Sockel des Hexenturmes hatte das Gemäuer des Mühlenkellers so heftig erschüttert, dass die Vermauerung des alten, unterirdischen Wasserzuflusses, der einst die Klostermühle getrieben hatte, geborsten war. Das Wasser drang in den Mühlenkeller ein und hatte sich in dem Gewölbe angestaut, nachdem die beiden gegen den Wallgraben liegenden Kellerfenster vor Monaten sorglich zugemauert wurden, damit der Mann im Salz mit unantastbarer Sicherheit verwahrt läge. Wollte man des Mannes im Salz habhaft werden, so war kein anderes Mittel, als im Wallgraben eine Bresche in die Grundmauer zu schlagen, dem Wasser einen Abfluss zu bieten und durch die Bresche in den trocken gelegten Mühlenkeller einzusteigen.

   Die verblüffte Stimmung der Herren begann in heitere Laune umzuschlagen. Ein Scherzwort um das andere flatterte auf. Und lachend ordnete Prior Josephus an, dass sich der Zug mit den nötigen Handwerksleuten nach dem Wallgraben begeben sollte. Auch in den Lärm der Menge mischten sich schon fidele Töne. Als der Taufzug unter Glockenhall und Posaunenklängen herauskam auf den Marktplatz, flutete die Sonne warm und schön um die tausend Menschen her. Und wie ein gleißender Zauberwall mit silbernen Türmen und Zitadellen spannte sich der weite Kranz der beschneiten Berge um das in herbstlichen Farben glühende Tal. Prior Josephus ging nachdenklich im Zug, als müsste er sich im Stillen was überlegen. Aber der dicke Pfarrer Süßkind streckte die Arme zum Himmel und schrie: „So schauet doch da hinauf, ihr Narrenleut! Ist das nicht ein Tag, um des Teufels zu vergessen? Um nur noch zu glauben an einen gütigen Herrgott?“ Herr Süßkind fand nicht viele Ohren, die auf ihn hörten. Der kölnische Zaubermeister und die entflogenen Höllenschwestern spukten wieder durch die wirbelnden Gehirne, als die Leute die schwarze Gasse sahen, die der Sprengschuss des teuflischen Salzschießers in die Grundmauer des Hexenturmes gerissen hatte.

   Nah bei der Hecke des Wildmeisterhauses schwenkte der Zug in den Wallgraben ein. Der war schon mit Menschen angefüllt; die Neugierigsten hatten sich über das Straßengeländer geschwungen und waren über die steile Böschung hinuntergerutscht, um möglichst nah bei der Mauer zu sein, an deren Fuß die Handwerksleute schon mit den Spitzhauen die Bresche zu schlagen begannen. Immer lärmender wurde die Menge, je tiefer das Loch, das da geschlagen wurde, sich eingrub in das Gemäuer. Jetzt unter Posaunengeschmetter und Glockenklang ein tausendstimmiger Jubelschrei. Aus der Mauer brach ein baumdicker Wasserstrahl heraus. Der schoss so kräftig ins Freie und machte einen so weiten Bogen, dass Hunderte von einem dicken, in der Sonne goldig glitzernden Regen überschüttet wurden. Unter Gelächter wollten die kalt Begossenen flüchten, doch hinter ihnen standen die anderen als eine Mauer, die nicht weichen wollte. Und da begann ein Schreien und Lachen der Buben, ein lautes Kreischen der Weiber und Mädchen. Die heitere Sonne malte durch das brausende Wassergesprüh einen feinen Regenbogen, und aus dem Lärm klang eine gellende Stimme: „Das müsset ihr kosten! Leut, das Wasser müsset ihr kosten! Ganz salzig schmeckt es!“

   Nun brummte ein tiefer Laut, wie das Gähnen eines Riesen. Für den Druck der im Mühlenkeller gestauten Wassermenge war das Loch, das die Handwerksleute in die Mauer geschlagen hatten, zu winzig. Das Wasser half mit pressenden Kräften nach. Ein hohes und breites Stück des Gemäuers senkte sich plötzlich aus dem Keller heraus. Unter Brüllen und Gezeter fingen die Leute zu flüchten an. Nur den kollernden Mauerbrocken entrannen sie, nicht dieser mächtigen Flutwoge, die das angestaute Wasser mit einem rauschenden Guss herauswarf in den Wallgraben. Bis an die Hüften standen die schreienden Leute im Wasser. Die schießende Welle fuhr den Weibsleuten mit Geplätscher unter die Röcke, den Franziskanern unter die Kutten und den Bläsern des Maestro Feldmayer in die Posaunen, die plötzlich still wurden.

   Die Zuschauer, die dieses Schauspiel von der sicheren Straße ansahen, jubelten vor Vergnügen. Den Leuten im Wallgraben war der kalte Schreck herauf gefahren bis an den Hals, doch bevor ihnen die Gefahr noch richtig klar wurde, war sie schon davon gerauscht mit dieser eilfertigen Woge, die freilich ein feuchtes Andenken zurückgelassen hatte. Die Menschen im Graben schwabbelten vor Nässe, die einen bis über den Schoß, andere bis an die Brust, viele bis hinauf zum Haardach. Und viele Hüte waren davongeschwommen. Als von den Barköpfigen einer kreischte: „So, Mannder, jetzt sind wir die Getauften!“ – da löste sich aller Schreck zu einem schallenden Gelächter. Unter diesem heiteren Gelärm kletterte ein Schwarm von Neugierigen durch das gähnende Loch hinein, das der Wasserdruck in die Mauer des Mühlenkellers gebrochen hatte.

   Der Keller war leer. Ein bisschen feucht. Und auf den Steinfließen, wo der unheimliche Salzblock gestanden, lag was.

   Im Frühling, wenn die Hochlandsjäger über den zerfließenden Schnee hinaufsteigen durch den Bergwald, finden sie manchmal am Fuß einer Felswand die Stätte, wo der Winter ein schwach gewordenes Stück Wild erwürgte. Da liegt dann auf zerwühlter Erde ein nasses Häuflein rötlicher Haare.

   So was Ähnliches lag auf dem feuchten Boden des Mühlenkellers. Und in weitem Kreis um diesen armseligen Lebensrest des tugendhaften Heiden hatte der Grund vom zerflossenen Steinsalz eine rotbraune Farbe, als wären die Fliesen rostig geworden. Die das gefunden, schrieen die wunderliche Botschaft gleich den anderen zu, die draußen standen im Wallgraben. Wieder hob sich ein schallendes Gelächter in den schönen Tag, denn ein Heitergewordener hatte gerufen: „So ein Tropf, so ein ungeduldiger! Sind ihm tausend Jahr im Salz nit zuviel gewesen, so hätt er doch mit seiner Auflösung die paar lausigen Stündlein noch warten können auf die ewige Seligkeit!“

   Prior Josephus schrie dem Maestro Feldmayer zu: „Lasst einen kräftigen Tusch mit den Posaunen blasen, damit die Leut ein bissl auflusen!“ Das ging nicht gleich vonstatten. Die Bläser brauchten eine Weile, um das Wasser völlig aus ihren Instrumenten zu bringen. Als dann endlich der Tusch mit Klang und Dröhnen hinausschmetterte in den schönen Morgen, stieg der Prior, dem die Kutte von Salzwasser tropfte, in das gähnende Mauerloch hinauf, wandte sich gegen das lärmende Gewühl und hob die Arme. Umschimmert von der heiteren Sonne, mit der finsteren Tiefe des Mühlenkellers als Hintergrund, begann er in seiner derben scherzhaften Art, zu diesen tausend froh gewordenen Narren zu reden. Gleich mit dem ersten Anruf weckte er munteres Gelächter, weil er die Hoffnung aussprach, dass dieser ausgiebige Wasserguss den Leuten die Eselsohren tüchtig ausgeputzt hätte, so dass sie jetzt fähig wären, ein verständiges Wort zu hören.

   Lustig sprach er weiter. Das wurde unter Sonne und blauem Himmel eine Predigt, dass sie an jene, in alten Zeiten üblich gewesenen Osterpredigten erinnerte, die so heiter geraten mussten, dass die Andächtigen aus dem frohen Ostergelächter nicht herauskamen. So war die Predigt des Josephus nur in der ersten Hälfte. Im Handumdrehen gab es nichts mehr zu lachen. Die Leute guckten mit großen Augen den Prior an, und lauschende Stille war im Wallgraben und auf der Straße, wo die Hunderte mit entblößten Köpfen Schulter an Schulter standen.

   Drunten auf dem Karrenweg bei der Ache zogen in dieser sonnigen Predigtstunde zwei Berittene der Reichenhaller Straße entgegen. Ihre Pferde gingen im Schritt, damit der Jonathan nicht zurückbliebe, der hinter ihnen zwei schwer bepackte Saumtiere am Halfter führte. Obwohl die Ache kräftig rauschte, drang doch manchmal von der hallenden Predigt des Josephus ein verwehter Klang über die Wiesen herunter. Weder Peter Sterzinger, noch der Hällingmeister waren neugierig. Aber der Udenfeldter saß gedreht im Sattel, als könnte er sich nicht satt schauen an dem wundersamen Bild der tausend winzigen Menschlein da droben, deren bunte Kleider in der Sonne wie unzählbare, farbige Lichter flimmerten.

   Jetzt lenkte der Karrenweg um einen Hügel, und das schöne Bild da droben verschwand. Aufatmend blickte der Hällingmeister über den in herbstlichen Farben leuchtenden Wald hinauf. „Jesus, Jesus, wie wird sich die Mutter heut das Herzl abbangen! Die wär auf Glasscherben in den Schuhen mitgesprungen! Freilich, sie hat doch selber gesagt: Eins muss bei den Kindern bleiben, die Kinder gehen allweil für.“

   Am anderen Morgen, früh um die dritte Stunde, als noch der Mondschein über dem Reichenhaller Tal und über den Bergen träumte, machte sich Graf Udenfeldt mit seiner Gefolgschaft auf die Heimfahrt an den Rhein. Die vielen Reiter, die Trossbuben und dienenden Leute, die Packwagen, die Salzkarren des Passauers, das gab einen stattlichen Zug, der in der stillen, kühlen Mondnacht seinen Lärm machte.

   Des Passauers Karren – mit dem der Joser reiste, die auf gutem Lager gebettete Weyerziskin und noch ein still in den Blachenwinkel gekauertes Mädel – des Passauers Karren sollte sich bis zur Donau beim Tross der Udenfeldter halten.

   An der Spitze des Zuges, hinter vier gerüsteten Knechten, ritt der Graf neben Adelwart, dem die grüne Jägertracht wieder trocken geworden. Heiter plauderte Graf Udenfeldt, als wär’ es ihm eine warme Freude, den Jäger an seiner Seite zu haben und so mit ihm schwatzen zu können. Adel gab rasche Antworten. Er hatte bei dem rauen Weg, den das Mondlicht matt erhellte, nicht nur den eigenen Gaul zu lenken, auch den Braunen, in dessen hochlehnigen Stuhlsattel Frau Madda die Reise machte, in einen Mantel gehüllt, das Haar verborgen unter der Pelzverbrämten Frauenhaube. Am verwichenen Abend, zu Reichenhall, in der Kirche des heiligen Zeno, hatten Adel und Madda die Ringe gewechselt und sich Treue gelobt fürs Leben.

   Manchmal verstummte der Graf in seinem Geplauder, ritt eine geraume Weile schweigend neben dem jungen Paar und lächelte, wenn er sah, wie die Hände der beiden sich fanden und wie hell im Mondlicht ihre Augen glänzten.

   Zwei Stunden hatte die Fahrt schon gedauert. Das zackige Lattengebirg und der sanft geschwungenen Staufen blieben im Schleierschein des Mondes zurück, um die Reise ging über ebenes Geländ, durch Feldergevierte und kleine Gehölze. Dann tat sich ein weites, flaches Moorland auf. Während der Mondschein verdämmerte und das Gefunkel der Sterne erbleichte, brannte gegen Osten am Horizont ein rotes Glutband auf. Da sagte Adel mit erregter Stimme: „Herr, ich weiß nit, allweil hör ich was! Ich kann nit sagen, wo es ist. Und kann nit sagen, wie es tut. Aber allweil hör ich was!“ Dabei umklammerte er in Sorge die Hand seines jungen Weibes. Lauschend hob sich der Graf im Sattel, schüttelte den Kopf und sagte lachend: „Du wirst den ungeduldigen Herzschlag Deines jungen Glückes hören!“

   Sie ritten weiter. Immer höher wuchs im Osten das glühende Morgenrot über die schwarzen Wälderkämme herauf. Sein greller Schein warf über das flache, dunkle Moorland einen matten Purpur.

   „Herr! Ich bitt Euch, luset!“, stammelte Adel. „Hört Ihr noch allweil nichts?“

   Ein Ruf des Grafen brachte den Zug in Stillstand. Und da hörte man in der Dämmerglut des Morgens ein gedämpftes, seltsam ruheloses Geräusch und manchmal ein leises Klirren, wie wenn Eisen in weiter Ferne gegen Eisen schlägt.

   „Da draußen liegt eine Straße. Die führt nach Salzburg“, sagte der Graf mit verwandelter Stimme, „schau hinaus da! Siehst Du nichts?“ Er deutete mit der Hand.

   Adel ließ die Zügel fallen und hob die gekreuzten Arme über die Augen. „Weit draußen im Morgenrot, da seh ich gegen die Himmelsglut ein schwarzes Ding. Das tut sich rühren und schleicht nach fürwärts. Das ist wie ein Zug von tausend Zwergen, die kein End nehmen! Das müssen Reiter sein! Und lange Regimenter Fußvolk! – Herr? Ist denn Krieg im Bayerland?“

   Ohne zu antworten, spornte Graf Udenfeldt seinen Gaul. Und lärmend setzte der Zug sich wieder in Bewegung.

   Was da draußen auf der Straße vorwärts schlich, schwarz abgehoben vom glühenden Rot des Morgens – das wurde immer deutlicher: Fußvolk im Marsch, lange Züge von Reitern, Trosswagen und Marketenderkarren, schwerfälliges Artilleriegefährt, und wieder Reiter und Fußvolk.

   Der Graf war dem Zug seiner Leute vorausgeritten und kam zur Straße. Mit Gerassel ging die dunkle Heerfahrt an ihm vorüber. Er fragte einen Reiter: „Herr Offizier? Was für Kriegsvolk ist das?“ Der Reiter drehte den Kopf, unter flimmerndem Eisenhelm ein braunes Gesicht mit funkelnden Schwarzaugen, und brummte: „No comprendo el aleman!“

   Der Zug der Udenfeldter kam heran und musste warten, weil er in dem geschlossenen Heerzug keine Lücke fand. Vom Karren des Passauers glitt die Freimannstochter herunter, sprang in die Hecken neben dem Weg und blieb verschwunden.

   „Herr?“, fragte Adel. „Sind das bayrische Regimenter?“

   „Nein!“ Graf Udenfeldt war bleich bis in die Lippen. „Das ist spanisches Volk, das dem Kaiser zuzieht wider die evangelischen Deutschen in Böhmen.“ Adel verstand nicht völlig, was diese Worte sagten. Doch der Ton, mit dem sie gesprochen waren, goss ihm etwas Banges in die Freude seines jungen Glücks. Er drängte seinen Gaul an den Braunen und legte schweigend den Arm um Madda. Lächelnd, mit glühenden Wangen sah sie in der Dämmerung zu ihm auf.

   Der Morgen kam. Alles ein roter Brand! Der Himmel, die fernen Wälder, das weite Moorland, und auf der Straße dieser rasselnde Heerzug, alles übergossen mit leuchtendem Blut!

   Jetzt fuhr eine lange Reihe von Trosswagen vorüber. Auf einem Marketenderkarren, als er schon vorbei war, reckte sich die Gestalt eines jungen Weibes auf und hob die Fäuste mit eingezogenen Daumen über den Kopf, im flatternden Mantel dunkel abgezeichnet vom brennenden Morgenhimmel.

   Adel merkte, dass ihm das Weib da drüben etwas zuschrie. In dem Lärm, den die schweren Wagen machten, verstand er keinen Laut. Und er meinte, dass er sich getäuscht hätte. Ein fremdes Weib? Wie käme ein fremdes Weib dazu, ihn anzurufen? Ihm mit eingezogenen Daumen Glück und Segen zu wünschen?

   Ein Trupp von Reitern schloss den Heerzug auf der Straße. Und die Udenfeldter bekamen freien Weg.

   Weiter und weiter ging die Reise über das glühende Moorland, unter dem brennenden Himmel.

   Graf Udenfeldt saß schweigend im Sattel, mit ernsten Augen vor sich hinsinnend.

   Dann kam die Sonne, eine rot strahlende Scheibe hinter Dünsten, die alle Luft erfüllten und doch nicht zu sehen waren.

   Keine Sonne, die heiter war. Kein Morgen, der einen schönen Tag versprach.

   Doch Adel, der sich lächelnd zu seinem jungen Weib hinüberneigte, flüsterte, mit gläubiger Freude in den Augen: „Schau, Liebe, wie hell und schön die Sonn heraufsteigt für unser Glück!“ Er blickte der Sonne zu und atmete wohlig. „Der Vater hat recht gesagt: Aus aller dunklen Tief muss einer aufsteigen, dass er merkt, wie viel das Licht ist!“

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