Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
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Kapitel 19

   Es war um die Schichtglocke, gegen sieben Uhr am Morgen, als Adelwart und Jonathan aus dem Bergwald heraus schritten. Ihre groben Lodenmäntel waren vom Regen weiß behangen mit kleinen Tropfen. Während die beiden auf die Straße traten, kam einer über die Brücke gelaufen und kreischte: „Hällingmeister!“ Es war der Schinagl. Atemlos kam er angesaust und schrie: „Sind die Kinder wohlauf?“

   „Freilich! Die haben grad mit der Mutter die Supp gegessen.“

   „Gott sei Lob und Dank!“ Schinagl wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Soviel Angst hat der Herr gehabt, weil der Wehdamsvogel unterm Kirchenläuten tot vom Spreißel gefallen ist.“

   Köppel erschrak. Er schien dieses böse Zeichen nach dem Gewicht zu werten, das ihm zukam. Adel sagte ruhig: „Der Kreuzschnabel, den ich in Eurer Stub gesehen?“ Unter dem Dach des Wildmeisters geht das Elend schon in den dritten Tag. Hat seit drei Tagen eins daran gedacht, dass man dem Vogel Futter geben muss?“

   Schinagl riss die Augen auf. „Meiner Seel! Der Vogel muss verhungert sein!“ Er fing zu lachen an und rannte wie ein Narr davon.

   „Jetzt guck! Und da bin ich selber erschrocken!“, sagte Jonathan. „Wie lang ist’s her, dass man dem hungrigen Verstand der Leut kein gesundes Futter gegeben hat? Kein Wunder, wenn alles vom Spreißel fällt. Bei uns und im ganzen Reich!“

   Vom Hällingeramt klang den beiden ein wirres Stimmengelärm entgegen. Jonathan umklammerte die Hand des Buben. „Was wird denn da schon wieder sein? Du Gott verfluchte Zeit!“ Seine Befürchtung, dass dieser Aufruhr dem Buben gelten könnte, der den Satan aus dem Berg gefeuert, wurde durch das erste Wort beschwichtigt, das die beiden im Hof des Hällingeramtes zu hören bekamen. Von den hundert aufgeregten Knappen kümmerte sich keiner um Adelwart. Jetzt hatten sie über den Jochel Zwanzigeißen zu schreien. Den hatte man kalt auf der Salzburger Straße gefunden. Die einen behaupteten: Mit einem Schürhaken erstochen. Die anderen schrieen: Mit sieben Mal umgedrehten Hals. Ob erwürgt oder tot gestochen, allen war es klar: Dass der Teufel das verübt hatte, um seine malefizisch eingefangenen Buhlschwestern zu behüten. Dass der Satan da beim Spiel gewesen, war bewiesen durch die drei Kröten, die man davon hüpfen sah, als man den schmunzelnden Jochel von der Straße aufgehoben. Und die Bachbäuerin, die mit ihrem Mann dazugekommen, als der Jochel noch warm gewesen, hatte den Höllischen in Gestalt eines grauen Weibsgespenstes auf einer Gabel durch den Nebel davon reiten sehen, so flink, wie nur der Teufel reiten kann. Und eine neue Hexe wäre gefunden! Als die Spießknechte den stillen Jochel zum Freimannshaus getragen hätten, wäre ihnen das Tor nicht geöffnet worden. Sie hätten es eingeschlagen und in der Stube des Freimannshauses die rosthaarige Tochter des Jochel Zwanzigeißen gefunden: Mit Stricken an eine Bettlade gefesselt, das Gesicht und die Schultern von blutigen Striemen bedeckt, mit einem Knebel im Mund. So könnte doch ein Vater mit seiner Tochter nicht umspringen, wenn das gottverlassene Weibsbild nicht eines grausigen Dinges schuldig wäre, dessen Entdeckung der Vater hätte verhüten wollen. Minder barmherzig, als der Vater Zwanzigeißen da gehandelt, würden wohl die zwei Freimannsgesellen sein, um die das Malefizgericht bereits einen reitenden Boten nach Salzburg schickte, und die vor Abend noch zu Berchtesgaden eintreffen würden.

   Jonathan wollte dem Buben mit sich fortziehen und erschrak bis ins innerste Herz. So ganz ohne Leben und Farbe, so ganz verstört und verzweifelt hatte er das Gesicht und die Augen Adelwarts noch nie gesehen. „Bei Gottes Barmherzigkeit! Du wirst doch nit wissen, wie der Zwanzigeißen hat sterben müssen?“ Adelwart schüttelte stumm en Kopf. „So red doch, Bub! Was tut Dich denn so verstören?“

   „Vater! Alles Elend bis heut ist wie ein reißender Bach gewesen. Aber eine Bruck ist drüber gegangen. Die hab ich gesehen. Jetzt ist der Bach ein Meer geworden. Und drüben seh ich kein Ufer nimmer.“ Die Schichtglocke läutete. Da schien der bub seine Ruhe wieder zu finden. „Vater, Du musst einfahren!“ Er schlang den Arm um Jonathans Hals und küsste den alten Mann mit heißer Zärtlichkeit auf die Wange. „Glückauf! Musst Dich nit sorgen um mich. Ich tu, was ich muss. Wär’s nit der Herrgott, der mich treibt, ich tät nit wissen, wer mir die Kraft gibt.“ Er riss sich los und trat in die Amtsstube, um dem Bergschreiber anzusagen, was er für die Probe seiner Schießkunst nötig hätte.

   „Wird alles religiosissime perduziert werden.“ Das Handwerkszeug wäre bis zum Nachmittag geschmiedet, genau so, wie Adelwart das verlange; und es spräche kein Impendiment dagegen, wenn er die Steinmeißel und Bohrstangen vor Nacht vom Hällingeramt noch abzuholen wünsche, um sie auf ihre Brauchbarkeit zu experieren. Das Kraut und die Zündschnuren würden am Abend noch in den Stollen abvehiert, damit Adelwart für seine Probe alles in re praesenti fände. Hoffentlich spränge diesmal kein Teufel aus dem Salzberg, sondern nur die wünschenswerte Fortuna der Herrschaft.

   Als Adelwart hinaustrat in den still gewordenen Hof, über den der feine Regen niederstäubte, schlug er die Fäuste an seine Stirn, wie um einen Gedanken zu ersticken, der ihn marterte.

   Drüben in der Salzmühle das dumpfe Rollen der mahlenden Steine, die auch den größten Brocken klein bekamen.

   „Ich muss! Und ich muss!“ Adelwart ging der Straße nach, die hinausführte gegen die Wiesen, zwischen denen das einsame Freimannshaus sich hinter Weiden und Erlen versteckte.

   Zwei magere Maultiere, mit langen Stricken angepflöckt, weideten neben der Straße. Ein Blachenkarren stand unter dem triefenden Laubdach einer Buche. Adel wollte vorübergehen. Da sah er unter der Blache des Karrens einen Mann auf leeren Säcken schlafen. Ein müdes, abgezehrtes Gesicht, um das ein rot und grau gesprenkelter Bart wie ein ausgezacktes Schurzfell herumhing. Dem Buben schoss es mit heißer Glut in die Stirn, und ein Blitz der Hoffnung glänzte in seinen Augen. Er sprang auf den Karren zu, griff mit beiden Fäusten unter die Blache, packte den Mann und rüttelte ihn aus dem Schlummer. „Passauer? Bist Du’s oder nit?“

   Der Kärrner schlug die Augen auf.

   „Passauer? Bist Du’s?“

   „Ich bin’s. Und Du bist der Bub, der mir aus dem Dreck geholfen!“

   „Und was Du mir versprochen hast? Weißt Du das noch? Ich brauch Dich, Passauer! Willst Du mir helfen?“

   „Ich will’s. Was soll ich tun?“

   Adel warf einen jagenden Blick die Straße auf und nieder. Dann klammerte er den Arm um den Hals des Kärrners. „Passauer! Ich leg mein Glück und Leben in Deine mageren Händ. Das Mädel, das mir gut ist, wollen sie verbrennen. Ich mach das Mädel frei. Heut in der Nacht. Und ich brauch Deinen Karren. Der tät noch flinker sein als meine Füß. Passauer, willst Du? Ich hab nichts, Passauer, und kann Deinen Karren nit zahlen. Aber willst Du Lohn, so reiß mir das Herz aus dem Leib und die Augen aus dem Kopf. Ich geb sie mit Freuden.“

   Da drückte der Kärrner seine knöcherne Hand auf den Mund des Buben. Das Gesicht des Rotbärtigen verzerrte sich und seine Augen funkelten. „Ich will Dir sagen, wie viel Lohn ich brauch! Mir haben sie um Johanni zwei von meinen lieben Föhlen verbronnen. Neun Jahr ist die eine gewesen, elf die ander. Und haben in der Pein bekennen müssen, dass sie dem Teufel sieben Kinder geboren hätten! Weißt Du jetzt, wie viel Lohn ich brauch? Wo muss ich warten mit meinem Karren?“

   Adel konnte nicht antworten.

   „Red! Wo muss ich warten?“

   „Wenn’s auf Mitternacht geht, hinter dem Pfannhaus drüben, auf dem Reichenhaller Weg.“

   Der Passauer schob den Buben mit der Faust von sich, duckte den Kopf auf die leeren Säcke und schien zu schlafen.

   Wie in einem Rausch voll gläubiger Hoffnung eilte Adelwart durch den Regen. Dass er den Passauer gefunden, in dieser Stunde, erfüllt von brennendem Zorn wider das Elend der Zeit, das empfand er wie einen Fingerzeig des Himmels, der ihm beistehen wollte. Doch als die Bretterplanke des Freimannshauses auftauchte, legte sich ihm eine neue Sorge gleich einer eisernen Klammer um Hals und Herz. „Was hilft mir der Passauer, wenn’s mir fehlschlägt mit dem Mädel?“

   Aus dem Gehöft des Jochel Zwanzigeißen war ein Klirren zu hören, wie wenn Eisen gegen Steine schlägt. Am Tor brauchte Adel nicht zu pochen. Das lag in Trümmern. Als er eintrat, zitterte sein Herz vor allem Schauerlichen, das ihn auf dieser ehrlosen Stätte erwarten musste. Doch an dem Bild, das sich auftat, war der Regen das einzig Trübe. Zwischen einer Wiese mit Frucht behangenen Obstbäumen und einem gepflegten Gemüsegarten, der an den Beetsäumen noch Blumen hatte, stand ein kleines, freundliches Haus, das Gemäuer weiß getüncht, die Läden und Fensterkreuze mit blauer Farbe gemalt. Blumenstöcke mit bunten Astern auf allen Gesimsen. Über der Haustür hingen drei Schwalbennester an der Mauer; und die alten Pärchen und die flügg gewordenen Jungen saßen in dicht gedrängter Reihe auf einem Balkon unter dem Schutz des Daches, guckten mit den kleinen Augen in den Regen hinaus und zwitscherten leise, wie in Sehnsucht nach einem schönen Tag, an dem sie reisen könnten.

   Staunen im Blick, stand Adelwart auf dem rot besandeten Weg. Durch seine Gedanken zuckte die Frage: Haust man in der Unehr so friedlich wie in der Ehr?“

   Nur das Rauschen der nahen Ache, dieses Schwalbengepisper und das eintönige Geplätscher der Dachtraufe. Im Haus kein Laut. Hinter einem Schuppen klang wieder jenes Klirren, wie wenn Eisen gegen Steine schlägt. Diesem Geräusch ging Adel nach. Da fuhr ihm ein Schauer über den Rücken, weil er unter dem Schuppendach die Angelgerte des Jochel Zwanzigeißen stehen sah. Und hinter dem schuppen, auf einem stubengroßen Wiesenfleck, der mit Pfählen umschlagen war, stand die Freimannstochter bis an die Brust in einer Grube und warf mit der Schaufel die steinige Erde heraus. Neben dem frischen Hügel, der sich da anhäufte, lagen vier andere, die von Gras überwachsen waren. Mit versunkenem Eifer arbeitete die Gräberin, nicht traurig, nicht müde, mit einer gleichmütigen Kraft, die nur eines zu wollen schien: Dass die Grube fertig würde. Bald! Ihr Hemd und das Röckl drüber klebte vor Nässe an dem hageren Leib. Die feuchten Strähnen des rostfarbenen Haares hingen wirr in das von blauen Malen entstellte Gesicht und auf die halb entblößten Schultern, die mit roten Striemen bedeckt waren.

   Adel trat zur Grube hin. Da blickte die Freimannstochter auf. Blässe rann ihr über das von der Arbeit erhitzte Gesicht, und ein martervolles Entsetzen redete aus ihren Augen. Sie schien lachen zu wollen, in Zorn und Hohn, aber es ging nur ein wehes Zucken um ihren Mund. Dann beugte sie das Gesicht und schaufelte weiter. „Das ist schieche Arbeit für Dich!“ Sie sah nicht zu ihm auf, machte nur, kaum merklich, eine Bewegung mit den Schultern. „Komm! Lass mich das tun!“ Weil sie den Spaten nicht ruhen ließ, girf er zu ihr hinunter und hob sie aus der Grube.

   „Vergelts Gott!“, sagte sie leise, während sie an allen Gliedern zitterte und wie in Scham das Hemd über die Schultern heraufzerrte.

   Er warf den Lodenmantel ab, sprang in die Grube hinunter und griff nach der Schaufel. Wortlos setzte sich die Freimannstochter auf einen der mit Gras bewachsenen Hügel hin und sah den schaffenden Buben immer an, mit einem dürstenden Blick. Dann stand sie plötzlich auf und ging in das Haus. Als sie zurückkam, hatte sie einen Spenser umgetan und ein rotes Kopftuch über das Haar geknotet, ließ sich wieder auf den grünen Hügel nieder, stützte die Ellenbogen auf die Knie, nahm das entstellte Gesicht zwischen die zitternden Fäuste und verschlang mit ihrem dürstenden Blick jede Bewegung des Buben. Er sagte, kämpfend um jedes Wort: „Das ist ein traurig Ding, das Dich betroffen hat.“

   „Traurig?“ Ihr Blick wurde ein anderer. „Seinen letzten Schnaufer tut jeder einmal. Unter den Freimannsleuten sterben sieben im Dutzend nit linder.“

   Dieses Harte, Kalte in ihrer Stimme vermochte er nicht zu fassen. Er blickte zu ihr hinauf und stammelte: „Wie elend siehst Du aus!“

   Jetzt konnte sie lachen. Das klang wie der Misston einer springenden Saite.

   „Ich mag nit glauben, was die Unverständigen reden in ihrer Narretei –“

   „Was reden die?“ Im Gesicht der Freimannstochter spannten sich alle Züge.

   „Sie reden halt wie die Narren –“

   „Sag’s nur! Dass ich eine Hex bin!“

   „Und Dein Vater hätt Dich binden müssen, dass Du nit handelst gegen sein Amt.“

   Wieder lachte sie. Ihre Augen funkelten. Das war ein Blick, in dem es brannte wie Hass. „Dass er mich geschlagen und gebunden hat? Ist alles wahr! Und dass er ich kein Schrittl mehr aus dem Haus gelassen! Und dass er mir das Maul hat stopfen müssen!“

   „Warum?“ Eine Hoffnung zitterte in diesem Wort.

   Da stand sie auf, mit einem Gesicht, dass Adel erschrak. Sie fuhr sich mit dem Arm über die Augen und sagte in dumpfer Ruhe: „Warum? Das ist gestorben mit dem, der tot ist. Keinen geht’s was an. Nur mich und mein Leben, das hin ist.“

   Beklommen atmend, schüttelte der Bub den Kopf, grub und warf die Erde aus der Tiefe heraus und sagte mit erwürgtem Laut: „Hätt Dein Vater ein ungerechtes Ding verübt, so tätest Du reden müssen als ehrliches Menschenkind.“

   „Ehrlich? Bin ich nit weit von aller Ehr? Weit von allem Glück? Verworfen und verloren? Und da soll ich reden, gelt? Und soll die Jungfer lösen? Die sich freuen möcht an Dir? Deswegen bist Du gekommen und stehst da drunten und schaufelst. Dein Erbarmen ist Lieb und Hunger nach einer, die sauber ist und ehrlich. Wär’s nit, dass Du mich brauchst zur Hilf, Du tätst mich verunehrts Weibsbild nit anrühren mit dem Stecken. Gelt?“ Adel gab keine Antwort. Er grub und schaufelte. Eine Weile sah ihm die Freimannstochter schweigend zu, mit verzerrtem Lächeln. Dann sagte sie leise: „Das Sprüchl ist gut gewesen. Kommen hast Du müssen. Zu mir! Und gelt, jetzt leidest Du auch? Und spürst, wie das ist: Eins lieb haben und ohne Hoffnung sein? Die Jungfer, der Du gut bist, wird brennen müssen. Der Zwanzigeißen hat feste Arbeit gemacht.“ Der Bub blieb stumm und warf mit klirrender Schaufel die Steine aus der Grube. Auch die Freimannstochter sprach kein Wort mehr. Über die beiden ging das stäubende Grau des Regens nieder.

   Jetzt hob sich Adel aus der Erde und legte die Schaufel fort. „Die Grub ist tief und weit genug für Deines Vaters ewige Ruh. Dass ich bei Dir eine Hilf hab suchen wollen, ist wahr. Du hast einen Riegel fürgeschoben. Jetzt will ich nichts mehr suchen bei Dir und will nichts wissen. Aber ich weiß, Du hast keinen Menschen, der Dir beistünd, dass man Deinen Vater hinunter tut in die Ruh. Ich will Dir helfen. Nachher geh ich!“ Mit großen Augen sah das Mädel an ihm auf. Dann knüpfte sie an ihrem Kopftuch den Knoten fester und ging dem Buben schweigend voraus. Als die beiden das Haus betraten, sah Adelwart durch eine offene Tür in eine schmucke, behagliche Stube. Hinter dem Flur war die Küche, mit blinkenden Kupfergeschirr. Nirgends etwas Ungewöhnliches. Alles genau so wie unter dem Dach von ehrlichen Leuten, die ihr Ansehen genießen und zu leben haben. Nur in der Flurkammer war etwas, das nach einem anderen Aufenthalt verlangte. Was der schwarze Mantel auf den Steinfließen zudeckte, hatte eine groteske Form. Fast drollig war es anzusehen, wie unter der finsteren Hülle die vordringliche Mitte des seligen Zwanzigeißen das Ober- und Untergestell seines kalt gewordenen Lebens überkletterte. Trotz der Heiterkeit dieser Hügellinie rann dem Buben, während er zufasste, ein kaltes Grauen durch Blut und Seele. Er verstand nicht, wie die Freimannstochter sich mit dieser üblen Last so ruhig schleppen konnte, als hätte sie ein Stück Holz zu tragen.

   Der Regen legte sich mit feinen, weißen Perlen auf den schwarzen Mantel, in den der Jochel gewickelt war.

   „Wie ihn die Spießknecht in der Morgenfrüh gebracht haben, ist mir’s durch den Kopf gefahren, dass Du das getan hättest! Aus Sorg um die Jungfer. Jede Sorg hätt Ursach gehabt – bei dem da! Aber Du? Und eine Schlechtigkeit? Ich hab mir’s gleich gesagt, wie unsinnig mein Denken ist. Und der Weyerzisk hat’s auch nit getan. Der hat kein Feld und geht nit misten. Ich kann mir denken, wie’s geschehen ist. Und warum so ein armes Weibsbild zugestochen hat. Aber ich mag nit reden. Wozu denn? Jetzt ist Ruh.“

   Weil Adel beim Schleppen der schweren Bürde voranging, konnte er das Mädel nicht sehen. Etwas Dunkles und Fürchterliches hatte ihn aus der harten Kälte dieses Wortes angeklungen: „Jetzt ist Ruh!“ Als er bei der Grube half, den toten im Mantel hinunterzulassen, sagte sie mit dieser gleichen Stimme: „Dreh die Zipfel fest zusammen! Ich mag ihn nimmer sehen.“ Adel griff nach der Schaufel und füllte die Grube. Die groben Steine warf er auf die Seite und ließ nur den vom Regen lind gewordenen Sand hinunter gleiten. Während er schaffte, saß die Tochter des Jochel wieder auf einem der grünen Hügel, stumm, von der Nässe des Regens überronnen. Sie hatte keinen Blick mehr hinuntergeworfen in die Ruh ihres Vaters. Nun erhob sich da ein gelber Hügel, ganz der gleiche wie die anderen, die grün geworden, aber kein Kreuz hatten und keinen Stein. Adel legte die Schaufel fort und nahm die Kappe herunter. Die Freimannstochter sah, dass er betete. Sie wandte das Gesicht gegen das kleine Haus. Dem Buben ging das wie ein Unverständliches durch die Sinne: „Kein Tröpfl im Aug, keinen Ruf zu Gott! Und er ist doch ihr Vater gewesen!“ Bei diesem Gedanken berührte gleich einer streichelnden Hand die Erinnerung an das Kätterle sein Herz. „Und sie ist doch meine Mutter nit!“ Da musste er an den kreuzlosen Hügel seiner Eltern denken, der zu Buchenau bei der Friedhofsmauer lag. Der war nicht anders, als der Hügel des Jochel Zwanzigeißen sein wird, wenn er grün geworden. Dieser Gedanke, den Adel wie eine Qual empfand, milderte ihm doch alles Grauen dieser Stunde. „Amen!“ Das sagte er leise, bekreuzte das Gesicht und drückte die Kappe über das nasse Haar. Als er die Freimannstochter ansah, redete aus seinen Augen nur das Erbarmen. „Jetzt brauchst Du mich nimmer. Gott soll Dich hüten!“ Er ging um den Schuppen herum, warf noch einen Blick zu den Schwalben hinauf, die unter dem Hausdach zwitscherten, und schritt immer hastiger aus. Zehrend brannte wieder die eine Sorge in ihm, doppelt heiß nach diesem nutzlosen Weg, der ihm nicht weitergeholfen.

   Adel hatte hinter sich keinen Schritt gehört. Als er das zertrümmerte Tor erreichte, stand die Freimannstochter bei ihm, umklammerte seinen Arm und zog ihn unter das Laubdach eines Birnbaumes, der so schwer mit Früchten behangen war, dass sich die Äste tief herunterneigten. „Dass Du was fürhast, merk ich. Meine Zung soll verdorren und verfaulen, eh dass ich Dich verrat! Was willst Du wissen? Frag mich!“ Nach dem Glauben, der Weg dieser Stunde wäre nutzlos gewesen, war Adel jetzt in Hoffnung so erregt, dass er kein Wort herausbrachte. „Red! Wenn nit gekommen wär, was heut geschehen ist, hätt ich mich frei gemacht und hätt hinausgeschrieen unter die Leut, was ich weiß. Jetzt liegt er in seiner Ruh, und mein Reden wär Narretei. Man tät mir nit glauben, nit die Herren, noch minder die spinnenden Leut. Zeit und Menschen sind, dass ihnen das Dümmste leichter eingeht als ein Wörtl, das redlich ist.“ Das hatte die Freimannstochter keuchend vor sich hingestoßen. Nun schöpfte sie Atem. „Was Du wissen willst, das sag ich.“

   „Ist die Jungfer mit der Weyerziskin am gleichen Ort?“

   „Sie haben im Stift nur den einzigen Turm. Tät man noch Hexen finden, die kämen alle noch hinein.“

   „Ist das ein großer Raum?“

   „Vier Stuben könnt man hineinstellen.“

   „Wie hoch ist das Fenster über dem Boden?“

   „So hoch, dass der Längst nit hinaufreicht mit der Hand.“

   „Wo ist das Lager, auf dem sie schlafen?“

   „Dem Fenster entgegen, wo die Stieg hinuntergeht.“

   Adel atmete auf. Ein Gedanke in Freude verzerrte sein Gesicht. „Ist bei den zweien ein Wächter im Turm?“

   Sie schüttelte den Kopf. „Die stehen im Laienhof.“

   „Wär kein Weg, auf dem man den zweien eine Botschaft bringen könnt?“

   „Da weiß ich keinen. Jetzt nimmer.“

   Adel schwieg eine Weile. „So bleibt’s ein Spiel auf Leben und Tod. Zwei Weg sind da: Einer zum Glück, der ander zum Feuer. Da ist keine Wahl!“ Er schlang den Arm um die Zitternde. „Vergelts Gott! Du hast mir viel gesagt. Dass Du mich nit verraten wirst, das weiß ich. Gott soll Dich hüten! Wir zwei, wir sehen uns nimmer im Leben. Mir ist, als tät ich von einer Schwester gehen, die mir gut gewesen.“ Er streifte ihr Kopftuch zurück und legte seine Wange an ihr Haar. Da schob sie ihn mit den Fäusten von sich. Die Augen schließend, bog sie den Kopf in den Nacken zurück. Ihre Brauen warne zusammengezogen, und ein Weh in Bitterkeit und Freude umzuckte ihren Mund, während Tränen und Regennässe über ihre entstellten Wangen liefen. „Geh!“, sagte sie leise. „Dir muss kommen, was Dich froh macht!“ Sie wollte sich losringen aus seinem Arm. Er hielt sie fest und strich ihr mit der Hand übers Haar. Tief atmend schlug sie die Augen auf, sah ihn an, überließ sich seinem Arm und sagte lächelnd: „Du! Jetzt weiß ich einen Weg zum Turm. Jetzt ist er mir eingefallen. Was für Botschaft sollen sie haben, die zwei?“

   „Dass ich sie frei mach in heutiger Nacht.“

   „Freilich! Du! Was Du sagst, das tust Du1“

   „Nach der zwölften Stund, da sollen die zwei so weit vom Fenster bleiben, als wie der Raum das zugibt.“ Die Stimme des Buben war ein jagendes Gestammel. „Sie sollen sich wahren, hinter dem Lager, hinter der Stieg, so gut sie können, als täten sie fürchten, dass eine Mauer fallt. Wenn ein Weg ist in die Nacht hinaus, und sie sehen ein Licht, dann sollen sie zuspringen drauf und die Arm strecken. Wo der Lichtschein ist, da bin ich mit dem Weyerzisk!“

   „Gut! Das sollen sie wissen.“

   „Was für ein Weg denn wär das, der Dir eingefallen?“ In seinen Augen brannte die Angst, der Zweifel, der Glaube.

   Sie lachte, seltsam lustig. „Könnt sein, ich kenn einen Spießknecht, der mir gut ist. Und dem ich die Botschaft steck. Und der das tut, aus Lieb zu mir.“

   „Das ist erlogen.“

   „Guck, wie Du bist!“ Wieder lachte sie. Das klang wie ein Lachen in Freude. Dann wurde sie ernst. „Wie der Weg auch sein mag – Du musst nit alles wissen. Aber wie ich da steh und leb, so ist das wahr, dass die zwei vor Nacht Deine Botschaft haben.“

   Er sah ihr in die Augen und wusste, dass er glauben durfte. „Vergelts Gott! Soll Dich der Himmel lohnen für Deine Gütigkeit!“

   „Lohn Du mich!“, schrie die Freimannstochter und hob die Arme, als möchte sie seinen Hals umklammern. Doch heiser lachend hob sie die Hände über des Buben Kopf hinaus und riss mit jeder Hand eine Birne von einem hängenden Ast. Schwere Nässe ging mit Geplätscher über die beiden nieder. Wie eine Jahrmarktskünstlerin mit den vergoldeten Kugeln, so spielte die Freimannstochter mit den beiden Birnen, während sie durch den grauen Regen hinüberging zu dem schmucken, kleinen Haus. Als sie in den dunklen Flur hinein trat, warf sie die Birnen fort und sah sich nimmer um.

   Noch lange blieb Adelwart unter dem Birnbaum stehen. Das seltsame Bild und aller Schauer dieser Stunde, ihr unerwarteter Gewinn, der dunkle Hass in der Seele dieses Mädchens, ihr wunderlicher Abschied, dazu die Sorge und Hoffnung seines eigenen Herzens – das alles wirbelte in seinen Gedanken, während er mit der hetzenden Eile eines Flüchtlings durch den triefenden Bergwald den Heimweg suchte. Als er das Haus des Hällingmeisters erreichte, fühlte er sich von einer dumpfen Erschöpfung befallen. Es lag ihm wie Blei in den Gliedern, wie niederdrückende Schwere in Hirn und Blut. Er trat ins Haus und hörte das Lachen der beiden Kinder und die in erregter Lustigkeit schwatzende Stimme des Kätterle. In der Stube hockte das alte Weibl bei dem kleinen Paar auf den Dielen und baute ein Salzwerk mit glasigen Steinen, mit spannenhohen Hällingerfigürchen, mit allerlei Spielzeug, das noch aus der Kinderzeit ihres Davids stammte. So versunken war das Kätterle in dieses Kinderspiel, dass es den Schritt des Buben erst hörte, als er in die Stube trat. Da sprang das Weibl auf, umklammerte seine Hände und wollte in seinen Augen lesen, was er Gutes brächte.

   „Mutter, mich hungert!“

   Das Kätterle rannte. Erschöpft fiel Adel auf die Ofenbank. Das brachte die kleinen Figürchen so bedenklich ins Wackeln, dass Miggele mahnte: „Wirf uns nit den Salzberg über den Haufen! Sonst hupft der Teufel heraus.“ Der Bub sah das kleine Pärchen an, als müsste er erst seine Sinne sammeln. Dann riss er die Kinder an seine Brust. Im Gedanken an Madda küsste und herzte er sie mit so wilder Zärtlichkeit, dass die Kleinen ein erschrockenes Sträuben begannen und sich hinter die Rockfalten des Kätterle flüchteten, das zum Tisch getragen brachte, was es im Küchenschrank gefunden. Drei hungrige Riesen hätten sich da sättigen können. Adel aß mit einer Hast und Gier, dass die Mutter mahnen musste: „Lass Dir doch Zeit, Bub, es nimmt’s Dir ja keiner!“ Als er satt geworden, sagte er: „Jetzt muss ich die Ruh suchen. Bis eine Stund vor der Abendschicht kann ich schlafen. Da musst Du mich wecken. Ich muss vor der Schicht ins Amt hinunter und die Bohrstangen holen.“

   „Ja, Bub, freilich! Lass Dir die Ruh nur schmecken!“ Dem Kätterle war’s eine warme Freude, dass der David – nein, ihr Adel – wieder an etwas Menschliches dachte. Sie lief ihm voraus in die Kammer, um das Bett zu richten und am Fenster die Läden zu schließen. „Lass die Läden draußen, Mutter!“, sagte der Bub. „Ich brauch noch Licht.“ Dann schlang er plötzlich den Arm um ihren Hals, sah ihr lang in die Augen und küsste sie auf den Mund. „Vergelts Gott, Du Liebe! Tät ich gleich in der heutigen Nacht hinausfallen aus der Welt und aus Deinem Leben, schau, meine Seel wird allweil bei der Deinigen bleiben, wie ein rechtes Kind.“

   Sie erschrak. Bei der Freude, die ihr seine heiße Zärtlichkeit ins Herz schüttete, war’s nur ein halber Schreck. „Bub? Um Christi Gnaden! Du hast was für?“

   „Wenn Du mich lieb hast, Mutter, so tu nit fragen!“

   Das Kätterle blieb stumm. Aber so viel, wie in diesen schweigsamen Sekunden, hatte sie in ihrem ganzen Leben nur ein einziges Mal gedacht: Damals an jenem Ostermontagabend, als der Adel – nein, ihr David – nach Salzburg zum Malefizgericht gelaufen war. Adelwarts Hals umschlingend, sagte sie: „Tu halt, was Du musst! Das Glück ist einem alles. Auf jedem Weg hast Du meinen Muttersegen. Einer Mutter Segen ist Gottes Wort. Wär’s nimmer wahr, so tät ich eine Heidin werden und einen Krautskopf anbeten, weil man ihn fressen kann.“

   Als das Kätterle wieder in die Stube kam, war das kleine Paar mit der ‚lieben Ahnl’ eine Weile nicht recht zufrieden. Bei aller Sorge, die in dem alten Weibl zitterte, begann das Kätterle doch wieder an dem niedlichen Salzwerk zu bauen und schwatzte und erklärte, bis Bimba und Miggele ihr heiteres Lachen fanden. Dieser ewigen Mutter war ein neues Kinderpaar geboren, das nach vierundzwanzig Stunden schon ein Anrecht hatte auf ein festes Teil ihrer Liebe.

   Drüben in der Kammer, hinter verriegelter Türe, saß Adel beim Fenstergesimse. Aus gefettetem Barchent, durch den keine Nässe dringen konnte, nähte er vier Rollen, armsdick und messerlang. Die füllte er mit Pulver, in das er die Zündschnüre einsetzte. Als die Rollen fertig waren, wickelte er sie in einen Lodenmantel und verwahrte den Pack in seinem Koffer. Auf einem Sessel legte er sein grünes Jägergewand und sein Weidgehenk zurecht. Und prüfte an dem breitklingigen Weidmesser noch die Schneide. Dann fiel er auf das Bett hin und wühlte das Gesicht in die Kissen.

   Um die Mittagszeit kam Jonathan heim. Er fragte nach dem Buben, und als er hörte, dass Adel zur Ruh in seine Kammer gegangen, sprach er nimmer viel, erzählte nur, dass man wegen des Zwanzigeißen bei Gericht Verdacht hätte auf den Weyerzisk; die Spießknechte hätten den Josua greifen wollen, aber sie hätten das kleine Haus gefunden, als wär’ es ausgestorben.

   Das Kätterle ging um den Jonathan herum wie mit harten Erbsen in den Schuhen. Immer drängte in ihrem Herzen eine Stimme: „Sag ihm, dass der Bub was vorhaben muss!“ Die Mutter, die in ihr steckte, ließ as Kätterle nicht reden. Wer weiß, ob der Jonathan schweigen könnte! Die Männer sind so! Wenn sie meinen, es ginge etwas gegen eine Pflicht, gegen ein Gesetz, gegen ein Recht oder gegen den Verstand, da hat bei ihnen die Lieb ein En. Da denkt so ein Vater nimmer an das Glück seines Kindes. Eine Mutter ist da gescheiter. Die sagt: „Soll die Welt und ich in Scherben gehen, mein Kind muss sein Glück haben!“ Drum schwieg das Kätterle. Und der Jonathan bleib nicht lange. Eine Sorge trieb ihn zum Salzberg. Die Häuer spannen einen versteckten Faden, und der Pfnüer Michel war am Morgen so merkwürdig freundlich gewesen. Da wurde was ausgeheckt, was gegen die Pulverkunst des Buben ging, die Adel am kommenden Morgen vor den Stiftsherren als ungefährlich erweisen sollte. Hinter dieses versteckte Spiel des Michel wollte der Meister kommen, bevor der Bub den Schaden davon hätte.

   Er eilte durch den stäubenden Regen hinunter ins Tal. Als er die Straße bei der Ache erreichte, hörte er vom Stift herunter den hellen Klang der Kapitelglocke. Diese Glocke pflegte man nur zu läuten, wenn die Chorherren zu einer dringlichen Ratsversammlung berufen wurden. Da musste wieder ein böses Ding geschehen sein! Dem Hällingmeister fiel eine neue Sorge auf die Seele. Es trieb ihn zum Salzberg und zog ihn hinauf zum Stift. Diesem Zug gab er nach. Als er hinaufkam zum Markt, fand er im Grau des Regens den Brunnenplatz angefüllt mit einem lärmenden Menschengewühl. Ein Geschrei wie von Irrsinnigen. Nicht bei allen der gleiche Klang. Aus Hunderten schrie es wie Sorge und Angst. Beim Brunnen fiel dem Hällingmeister eine Weiberstimme auf. Die machte sich lustig über allen Zorn und alle Sorge der anderen. Das war kein junges, übermütiges Mädel, sondern ein bejahrtes Weib, gebrechlich, ausgemergelt von aller Bitternis des Lebens. Als hätte sich die Welt auf den Kopf gestellt, so ratlos sah der Hällingmeister die alte Käserin an, die sich gebärdete, wie wenn sie über Nacht von ihrem drückenden Alter vierzig Jahre verloren oder zu Mittag einen Becher Würzwein über den Durst getrunken hätte. Nicht nur dem Jonathan, auch vielen anderen war die kreischende Heiterkeit der Käserin ein wunderliches Ding und ein Ärgernis. Man fing auf das Weib zu schimpfen an. Ein wohlgenährter Bürger, dessen Samtspenser von Nässe klunkerte, schrie dem Weib mit Zorn ins lachende Gesicht: „Dich sollt man mit Ruten streichen! So ein Mensch! Kann sich noch freuen, wo das Elend über jedem Haus und Leben hängt!“

   „Recht so! Recht so!“, kreischte die Käserin. „Huierla juuuh! Jetzt kriegt das ding erst die richtige Farb! Hundert müssen noch malefizisch werden! Und tausend! Alle im Land! Wo alle des Teufels sind, da ist kein Kläger und Richter nimmer. Und Fried ist wieder in jedem Haus. Juhuuuh!“ Den tollen Freudenschrei der Käserin hörte der Hällingmeister nimmer. Den hatte das Gewühl schon gegen das Tor des Laienhofes geschoben. Während er im stäubenden Regen eingekeilt zwischen lärmenden Menschen stand, die von Schweiß und von der Kleidernässe dunsteten, konnte er hören: Dass am Morgen die Ehfrau des Weyerzisk und die Jungfer Barbière ein Bekenntnis ihrer höllischen Sünden abgelegt und dreißig berchtesgadnische Frauen und Mädchen der Mitschuld bezichtigt hätten, vornehme und niedrige, reiche und arme, unter ihnen die Frau des Landrichters, die Mutter des Doktor Besenrieder, das Weib und die Tochter des Bürgermeisters, viele wohlhabende Kaufmannsfrauen und die schönsten unter den Bauerntöchtern; dazu noch hätte die Jungfer Barbière ausgesagt: Dass das ganze zauberische Unwesen von keinem anderen herkäme als vom geistlichen Kommissar, dessen höllische Bundesschwester die maultote Hexe gewesen, und der sich wider das Zauberwesen nur aus dem einzigen Grund so wütig gestellt hätte, um sicher vor allem verdacht zu bleiben und seine teuflischen Freuden unbehindert genießen zu können.

   Wie ein Lauffeuer war diese Nachricht seit der Mittagsstunde durch den Markt geflogen. Niemand wusste, von wem sie ausgegangen. Als der Zusammenlauf der Leute begonnen hatte, war Besenrieder mit wachsbleichem Gesicht auf dem Platz erschienen, um das ‚gute Volk’ zu beruhigen. Das alles wäre nicht wahr, oder doch nur zur Hälfte wahr, zur Hälfte gefabelt. Die Leute hatten nur noch Mäuler, keine Ohren mehr. Bei diesem bedrohlichen Aufruhr wollte der Sekretar den Stiftshof sperren lassen. Da gab’s ein Schreien und Drohen, dass Besenrieder erschrocken sein mageres Körperchen in Sicherheit brachte, und dass die Knechte sich damit begnügen mussten, das Tor des Hexenturmes und den versiegelten Mühlenkeller wider einen Einbruch der aufgereizten Menge zu beschützen. Das Gewühl ging wie ein grauer lärmender Strom hinein in die Höfe. Unter den Fenstern des Landrichters und vor dem Portal des Stiftes ging es zu wie auf einer tollen Kirchweih, bei der schon geprügelt wird. Tausend Stimmen schrieen wider die Herren und gegen die ‚Lappschwänze’ von Richtern. Den kölnischen Zaubermeister, diesen Lügenprediger und Teufelspfaffen, sollte man mit glühenden Eisen zwicken und mit Schwefel brennen, dass ihm die Lust verginge, die berchtesgadnischen Weiber und Mädchen zu seinen höllischen Künsten zu verführen. Vor dem Haus des Landrichters schlugen die Rasenden einen Spektakel auf, dass Seine Gestreng, statt dem Ruf zum Kapitel Folge zu leisten, von heftigen Zahnschmerzen befallen wurde und die Bettwärme auf sein Leiden wirken ließ. Dem Pfarrer Süßkind, der zum Kapitel wollte, wurde der Mantel von der Schulter und ein Ärmel aus dem Talar gerissen. Als er hineinschlüpfte ins Tor, mussten die zwölf Knechte, die das Portal bewachten, flink ihre Spieße strecken, damit der Pförtner den Riegel noch rechtzeitig vorstoßen konnte.

   Im Korridor des Stiftes, der an dem regnerischen Tag so dunkel war wie in abendlicher Dämmerung, fand Süßkind den Prior Josephus, der die Regentropfen von sich abschüttelte und seine verschobene Kutte noch schiefer drehte, als sie ohnehin schon saß. Er lachte, als er den Süßkind sah. „So, Bruder, haben sie Dich auch in der Arbeit gehabt?“ Der Pfarrer warf durch das mit dicken Eisenstäben vergitterte Fenster einen sorgenvollen Blick hinaus in den tosenden Lärm. „Josephus, das Ding wird schief gehen.“

   Der Prior schüttelte schmunzelnd den gesunden Kopf. „Tu Dich nit sorgen! Ich hab so meine Anzeichen, dass Dein heiliger Udo von den Därmen bis zum kanonischen Verstand hinauf mit Pulver geladen ist. Legen wir den Schwefelfaden an, so geht er in die Luft wie der Mann im Salz, restricte nach der neuen Pulverkunst des Adelwart Köppel.“

   Süßkind tat einen hoffnungsvollen Atemzug. „Auf sein Gesicht bin ich neugierig. Aber wart, ich muss mich schnell um einen Kittel umschauen!“

   „Gott bewahr! Du gehst mit mir ins Kapitel, wie Du bist. Dein luckig gewordener Talar und Dein schmerzenreicher Hemdärmel ist eine wirksame demonstratio ad oculos.“

   Sie waren die letzten, die zum Rat erschienen – bis auf einen, der nicht kam. Theobald von Perfall hatte im Qualm seiner Alchimistenküche die Kapitelglocke nicht gehört. Als man ihn holen wollte, sagte er: „Lasst mich in Ruh mit Euren Dummheiten! Jetzt weiß ich den Weg zur goldenen Zeit. Eh der Morgen kommt, will ich schreien können in Freuden: Heureka!“ Die Chorherren lachten: „Gib nur Acht auf Deine sieben Finger!“ Im Kapitelsaal wies man seinen Sessel dem Doktor Besenrieder zu, der sonst im Rat der Chorherren nicht mitzureden hatte, aber heut zur Klarstellung des malefizischen Sachverhaltes berufen war. Als Prior Josephus und Süßkind den Kapitelsaal betraten, war Besenrieder dabei, mit einer vor Aufregung fadendünn gewordenen Stimme das Protokoll zu verlesen, in dem das Geständnis der Inkulpatin Maddalena Barbière enthalten war.

   Weil der trübe Tag durch das große bunte Rosettenfenster nur spärliches Licht hereinschickte, hatte man auf den Kronleuchtern die Kerzen angezündet. Ihr klares Licht überschimmerte den mit Säulen durchsetzten gotischen Saal. Zuoberst, unter einem lebensgroßen Kreuzbild, saß Doktor Pürckhmayer auf dem Fürstensessel kraft seiner Vollmacht vice principis, aber durchaus nicht in fürstlicher Haltung, sondern gebeugt, mit aschfahlem, von Zorn und Sorge durchwühltem Gesicht. An seiner Seite saß Herr von Sölln, ein Bangen in den Augen, doch äußerlich ruhig. Er atmete auf, als die beiden Freunde erschienen. Verwundert guckten die Herren auf die verschobene Kutte des Priors und den zersetzten Hemdärmel des Pfarrers. „Die Leut sind wie die Wölf geworden“, sage Josephus, „uns hätten sie schier in Brocken gerissen.“ Dem hochwürdigsten Doktor Pürckhmayer rann ein grauer Schatten über das Gesicht; er musste sich räuspern.

   Herr von Sölln hatte sich erhoben und den Doktor Besenrieder unterbrochen. Er sagte: Dass es nötig wäre, zu rekapitulieren, damit die beiden Herren den Zusammenhang verstünden. Am Morgen, nach der am Jochel Zwanzigeißen verübten Untat, hätten sich die Gerichtsherren zu den inhaftierten Frauen in den Turm begeben, um sie gütig zu befragen, ob sie Wissenschaft hätten von diesem Verbrechen, insofern, als es ihr Buhlteufel gewesen wäre, der sie durch höllische Tat vor der durch den Zwanzigeißen zu exekutierenden Pein hätte erlösen wollen. Als die Inhaftierten unter heiligen Anrufungen ihre Unschuld beschworen und vorgaben, von einem Buhlteufel nichts zu wissen, hätte Herr Gadolt ihnen kundgetan, dass sie, wenn sie nicht in Ehr und Güte bekennen wollten, mit kommendem Morgen durch die am Abend von Salzburg eintreffenden Freimannsknechte in allen Graden der Pein befragt werden sollten. Da wäre die Weyerziskin in Tränen ausgebrochen und auf die Knie gefallen; lieber wollte sie den Tod erleiden, als dass sie nach allem Unglück an Leib und Seele noch so grausam gestreckt und geplagt würde; drum wolle sie alles bekennen und bäte nur um die einzige Gnade, dass man ihrem lieben Ehmann nichts davon verraten möchte. Seit drei Jahren wäre sie dem Teufel verfallen; der hieße ‚Herr Federlein’; dem hätte sie auf sein Geheiß ihr liebes Kindl gesotten; aber das hätte der Teufel ganz allein verzehrt; dass sie die Knöchlein aus dem Grab gewühlt und daran genagt hätte, wäre bei Gott und seinen Heiligen nicht wahr. Unter solcher Anrufung wäre die Weyerziskin, völlig ohnmächtig ihrer Sinne, rücklings hingefallen auf das Stroh. Da hätte die Mitschuldige Maddalena Barbière die Ohnmächtige in ihren Arm genommen, wie eine Mutter ihr Kind, und hätte mit wahrhaft teuflischem Trutz erklärt: Da schon nichts mehr helfe, wolle sie die reine Wahrheit sagen. „Und nun möge der Doktor Besenrieder mit der Verlesung des Protokolles weiterfahren.“

   Der Sekretar erhob sich; die Knie blieben ihm eingeknickt, und zwischen den Händen zitterte ihm der große, weiße Bogen. Man musste ein guter Lateiner sein, um dieses deutsche Protokoll zu verstehen, laut dessen die Inkulpatin Maddalena Barbière folgendes bekannte: An dem Tod des Zwanzigeißen wäre sie unschuldig; wüsste auch nichts von den höllischen Sünden der Weyerziskin, die sie allzeit als ein christliches Weib erkannt hätte, und die solch ein Unwesen gewisslich nur fürgäbe, weil ihr von allem Unglück gewisslich nur fürgäbe, weil ihr von allem Unglück der Verstand durcheinander geschüttelt wäre; auch selber hätte sie, die Jungfer, nie in ihrem Leben mit dem Teufel was zu schaffen gehabt; dass sie in diese malefizische Sache hineingeraten wäre, das hätte wohl eine Ursache; sie wäre in der Nacht, da sie die fremde Marei aus Barmherzigkeit aufgenommen, in ihrem Bett gelegen und hätte geschlafen; das wäre die andere Nacht gewesen nach demselbigen Tag, an dem der geistliche Kommissar zu Berchtesgaden eingefahren.

   Doktor Pürckhmayer schien etwas sagen zu wollen, ließ sich aber wieder auf den Sessel zurückfallen und schwieg.

   In jener Nacht, bekannte die Inkulpatin, wäre ihr wie im Traum gewesen, als käme jemand an ihr Bett und bestriche ihr an den nackten Füßen mit einem linden Ding die Sohlen; darüber wäre sie aus dem Schlaf erwacht; ganz deutlich hätte sie gesehen, dass jemand vor ihrem Bett stünde, in einem langen weißen Kittel, mit einer weißen Gugel und einer roten Feder drauf. Erschrocken hätte sie um Hilfe schreien wollen; da wäre sie wie von unsichtbaren Händen aus dem Bett gelupft worden, wäre durch das Hausdach hinausgeflogen, sie wüsste nicht wie, und hätte einen weiten Flug durch die Luft getan; der im weißen Kittel, mit der roten Feder auf der Gugel, wäre neben ihr hergeflogen und hätte mit einer Stimme, wie die geistlichen Herren predigen, allweil zu ihr geredet, sie solle sich zum Teufel bekennen, die Heiligen abschwören, eine Hex werden und zum Dank dafür die Freuden erfahren, die man im höllischen Bund genösse; ihr wäre vor Grausen so übel geworden, dass sie zu sterben vermeinte; allweil hätte sie den Namen Gottes und der heiligen Mutter schreien wollen; aber sie hätte kein Wörtl aus der Kehle gebracht; so wäre sie mit ihrem predigenden Fluggesellen zu einem Waldberg hingekommen; in der sternscheinigen Nacht hätte ein endsmäßiges Feuer gebronnen, und um das Feuer wären an die hundert Frauen und Mädlen herum gesprungen wie beim Maientanz; jede hätte einen roten, grünen und blauen Tanzgesellen am Arm geschwungen; die Frauen und Mädlen alle wären so arm an Kleidern gewesen, dass ihr beim Anschauen vor Scham das Blut gebronnen hätte; viele von den Mädlen und Frauen wären ihr fremd gewesen; aber vierzehn hätte sie gut erkannt, lauter berchtesgadnische Frauen und Töchter; die hätte sie beim Feuerschein so hell gesehen, dass ei von jeder den Namen hätte sagen können; und als sie mit ihrem Fluggesellen beim Feuer angefahren wäre, hätte ein langer grüner Teufel in Freuden gerufen: „Gucket, da kommt unser lieber doctorius caononicum!“

   „Der grüne Teufel hat schlechtes Latein geredet!“, rief Herr Pießer in die schwüle Stille des Saales. „Oder er muss seine ratiunculas gehabt haben, um den fliegenden Doktor für ein Neutrum anzusehen.“

   „Silentium!“, gebot der Dekan mit Strenge, während Doktor Pürckhmayer die Fingernägel in den rotsamtenen Lehnenbesatz des Fürstenstuhles wühlte.

   Der Sekretar, dem der Schweiß über die kreidebleichen Wangen rieselte, setze mit einer vor Erschöpfung kreischenden Stimme die Verlesung des Protokolles fort: Als der Fluggesell der Jungfer Barbière beim Feuer angeritten wäre, hätte aus der Flammenglut eine fürchterliche Stimme heraus geschollen: Sei gegrüßt, Du mein geliebter Sohn! Da hätte der im langen weißen Kittel einen ehrfürchtigen Fußfall getan und drauf ein so lustiges Tanzen angehoben, dass ihm der Kittel bis über die alten, mageren Knie hinauf geschlagen wäre; Bundsohlen, wie sie die Mönchsleut tragen, und weißwollene Strümpfe hätte er angehabt; er wäre auf die Jungfer zugesprungen und hätte sie schwingen mögen; in Grausen hätte sie ihre christlichen Herzenskräfte zusammengenommen und hätte vor Angst geschrieen: Jesus Maria! Und gählings wäre alles verschwunden gewesen, sie hätte daheim in ihrer Stub, gebadet in Schweiß, auf dem Boden gelegen und hätte zuerst geglaubt, sie wäre unter einem schiechen Traum aus dem Bett gefallen; aber alles wäre ihr taghell nachgegangen, und die Namen der vierzehn Mädlen und Frauen hätte sie aufschreiben können; in ihrer Seelenangst hätte sie nicht den Mut gehabt, mit ihrem Schwager oder sonst wem über das unheimliche Ding zu reden; aber gleich am Morgen wäre sie in die Stiftskirche zur Beicht gegangen; da hätte der Pfarrer Süßkind im Beichtstuhl gesessen; der wäre arg erschrocken, doch er hätte sie mit leichter Buße absolviert und zu ihr gesagt, das wäre gewiss nur ein unsinniger Traum gewesen, sie sollte um aller Heiligen willen über das grausliche Ding das tiefste Schweigen bewahren.

   Mit verstörtem Blick sprang Doktor Pürckhmayer auf. „Süßkind?“ Seine Stimme schrillte. „Ist das wahr?“ Alle Augen waren auf den Pfarrer gerichtet. Der hob in erschrockener Abwehr die beiden Arme in die Höhe, einen schwarzen im Ärmel des Talars, einen weißen im zerfetzten Leinen: „Hochwürdigster Herr! Wie könnt Ihr eine solche Frag an mich tun? Wisset Ihr nit, was Beichtgeheimnis heißt?“ Während der geistliche Kommissar auf den Sessel zurückfiel, schrie Herr Anzinger: „Das möcht ich wissen, Süßkind, wann Dein Hader wider den hochwürdigsten Doktor begonnen hat? Und warum Du ihn einen Udo von Magdeburg geheißen?“ Wie ein Verzweifelter nahm Süßkind seinen Kopf zwischen die Hände. „Lasst mich in Ruh! Ich sag nichts.“

   „So weiß ich genug!“ Herr Anzinger ließ sich nieder.

   Doktor Besenrieder fing wieder zu lesen an: Die Jungfer Barbière hätte über dieses unheimliche Ding auf Rat ihres Beichtigers geschwiegen, bis die Gerichtsherren und der geistliche Kommissar in ihres Schwagers Haus gekommen wären, um sie malefizisch wegen der Marei zu vernehmen; da hätte sie alles sagen wollen; aber sie wäre von einem Schreck befallen worden, dass sie nimmer hätte reden können; denn der hochwürdigste Herr hätte sie mit feuerglühenden Augen angesehen, und da hätte sie die Namen der vierzehn berchtesgadnischen Frauen und Mädlen wie durch Zauber vergessen, so dass sie sich um alle Welt nimmer hätte drauf besinnen können; sie wüsste auch heut keinen Namen mehr zu sagen; gern hätte sie auch von allem anderen geschwiegen; aber man hätte ihr mit dem Zwanzigeißen und mit der Pein gedroht; so müsste sie alles redlich bekennen; das hätte sie nun getan; und ob sie jetzt brennen müsste oder nicht – was sie eingestanden, das wäre so wahr, wie dass in selbiger Elendsnacht der geistliche Kommissarius ihr Fluggesell gewesen wäre.

   Doktor Besenrieder legte den großen Bogen in eine schweinslederne Mappe und trocknete sich den Schweiß vom entstellten Gesicht. Im Saal ein Schweigen, dass man das Geschrei der aufgeregten Menge vernehmen konnte wie ein dumpfes Rauschen. „Verba facio!“, rief Prior Josephus in die beklommene Stille. „Meine lieben Freunde! Wir sind unter uns. Wir alle wissen das Elend dieser Zeit zu wägen. Das ist wie eine Lahn, die mit einem Schneeballen begonnen hat und wie eine vernichtende Macht heruntersausen will auf unser liebes Tal. Lug und Elend und Mord sind schon im Land. Überweiset die verstandkranke Jungfer Barbière noch der Pein, und die vierzehn vergessenen Namen werden ihr wieder einfallen. Vielleicht noch mehr als vierzehn! Und unser hochwürdigster Doktor Pürckhmayer? Jeder von uns mag seine Meinung über ihn haben! Mir ist er, was das Kalte dem Warmen. Das hab ich ihm bewiesen in meiner Sakristei. Aber so grausliche Sachen trau ich dem Herrn nicht zu. Das ist Unsinn und Narretei. Die Jungfer muss durch das malefizische Elend krank an Sinn und Gemüt geworden sein. Einen Zentner Schuld mag sich der Doktor selber zumessen, denn ein Sprichwort sagt: Wer dem Teufel grob auf den Schwanz tritt, den stoßt er mit den Hörnern. Aber bei dem Schreck, den wir in den Augen des kanonischen Herrn sehen, mag es sein Bewenden haben. Drum ist mein Rat, dass wir das unsinnige Protokoll vernichten und die Unschuld des Doktor Pürckhmayer in zauberischen Angelegenheiten auf guten Glauben hinnehmen.“

   „Comprobo!“, rief Herr von Sölln. Pfarrer Süßkind schrie, indem er die scheckigen Arme schüttelte: „Comprobo! Gott sei Dank, das ist ein erlösendes Wort gewesen.“ Und mehr als die Hälfte der Herren rief den beiden dieses Wort der Zustimmung nach. Da sprang der geistliche Kommissar vom Sessel auf. Alle Würde war von ihm abgefallen, Angst verzerrte sein Gesicht, und seine Greisenstimme klang wie das Keifen eines Weibes: „Ich protestiere gegen diesen Beschluss. Er ist eine Ungesetzlichkeit. Zugleich eine schmähliche Beleidigung gegen mich. Dieses Protokoll, so widersinnig sein Inhalt sein mag, ist ein amtliches Schriftstück. Es bleibt bei den Akten. Der Prozess wird sein Fortgang nehmen. Oder schätzet Ihr mich so schwach an Geisteskräften, dass ich die plumpe Schlinge nicht merken soll, die mir da gelegt wird? Von jenen, die seit Anbeginn meine erbitterten Feinde waren, wie sie die Feinde Gottes sind, die Feinde der Kirche?“

   „Öha, langsam, Herr Dominikaner!“, warf Prior Josephus ein. „Da geht der Karren Eures Zornes mit Euch durch!“

   „Mich wollen sie beseitigen“, kreischte Doktor Pürckhmayer, „mir wollen sie tun, wie die Philister an Simson taten! Aber glaubt Ihr, ich stehe allein im Kampf wider Euch und den Satan? Mit mir ist Gott, der meine Kräfte stärket!“ Bei dieser Beteuerung zitterte der kanonische Doktor an allen Gliedern. „Kraft meiner fürstlichen Vollmacht werde ich eine Kommission ernennen, die klarzustellen hat, wer das richterliche Amtsgeheimnis gebrochen und den schimpflichen Inhalt dieses Protokolls unter die Leute brachte.“

   „Das habt Ihr doch selber getan!“, rief Herr Pießer. „Als Ihr wie ein Unsinniger herausgefahren seid aus dem Haus des Landrichters, habt Ihr mir auf offenem Stiftshof zugeschrien vor allen Bauren und Knechten, was die Satansschwester wider Euch bekannt hätte. Die Leut haben Ohren, Herr. Und haben Mäuler, die wieder schwatzen.“ Der Schreck über diese Zwischenrede unterband den geistlichen Kommissar den Fluss seines Zornes. Herr von Sölln atmete auf und tauschte mit Süßkind einen raschen Blick. „Ich muss – ich werde –“, stammelte Doktor Pürckhmayer, „ich will eine Kommission ernennen, die von der Stunde meiner Geburt bis zu diesem gotteswidrigen Tag mein frommes Leben zu prüfen hat.“

   „Das wäre vergeudete Mühe!“, unterbrach der Dekan. „Was die Jungfer Barbière wider Euch aussagte, das kann nur der Fiebertraum eines verstörten Geschöpfes sein. Aber habt die Güte, hochwürdigster Herr, und löst mir einen Widerspruch! Dieses Protokoll ist eine schreiende contradictio gegen die Sprengersche Lehre von der Zulassung Gottes im Malefizprozess. Als die Jungfer Barbière im Haus ihres Schwagers verhört wurde, habt Ihr nach Sprenger die Meinung vertreten: Dass eine Hexe schuldlose Menschen niemals der Mitschuld bezichtigen könnte. Gott würde das nicht zulassen.“

   „Das ist so!“, kreischte der Kommissar. „Das ist so wahr und ewig wie der Fels, auf dem die Kirche steht.“

   „Nun hat es Gott aber zugelassen, dass ein Geschöpf, das Ihr für eine Hexe nehmt, Euch selbst der Mitschuld bezichtigte. Also müsst Ihr entweder schuldig sein, und das ist ein unmögliches Ding. Oder die Sprengersche Lehre ist falsch. Dann können die Weyerziskin und die Jungfer Barbière, gegen die das maultote Weibsbild ein durch die Folter erzwungenes Bekenntnis niederschrieb, ebenso schuldlos sein wie Ihr. Und ich müsste mit Schauder an die Möglichkeit denken, dass Tausende von unglücklichen Frauen aus Ursach falscher, in der Pein erpresster Beschuldigungen verbrannt wurden.“

   Eine schwüle Bewegung im Saal. Doktor Pürckhmayer war sprachlos. Zitternd nahm er den Kopf zwischen die Hände, und seine verstörten Augen umflorten sich mit Tränen, die ersten Tränen, die er geweint hatte seit seiner Kindheit. Dann schrie er wie von Sinnen: „Nein, nein, nein! Für die Wahrheit dieser Lehre leb und sterb ich. Hier muss ein simulacrum des Teufels spielen – ich bin ein schwacher Mensch, wie es andere sind – es könnte sein, dass der Teufel wider den Willen meiner frommen Seele sich meines irdischen Leibes bemächtigte und mit mir, derweil ich schlief, ein ähnliches Blendwerk trieb wie mit der Jungfer Barbière, die er im Traum zum Hexentanz entführte und deren Geist vergewaltigte, dass ei des Glaubens wurde, meine forma humana wäre der Gesell ihres simulakrischen Fluges.“

   „Gott sei gepriesen für dieses Wort Eurer Weisheit!“, rief der Dekan unter dem behaglichen Lachen des Franziskanerpriors. „Dann ist, so gut wie Ihr, auch die Jungfer schuldlos! Und die Weyerziskin! Und das arme, stumme Geschöpf, dem ich in Erbarmen die Freiheit gab.“ Unter dem erregten Lärm, der im Kapitelsaal entstand, erwachte Doktor Pürckhmayer aus dem Traumflug seiner simulakrischen Hypothesen. Er schien zu fühlen, dass unter den Überzeugungen seines Lebens der Boden wankte. Die Reaktion dieser Erkenntnis war keine gute. In Entsetzen fasste er mit den zitternden Fäusten seine Brust und schrie: „Mit mir ist Gott! Das ist die Wahrheit, die ich noch erkenne. Und Gott ist mein Schild in diesem Kampf wider Teufel und Hölle. Gregor von Sölln! Kraft meiner fürstlichen Vollmacht suspendiere ich Dich von Deinem Amt als Dekan des Stiftes. Wider den Josephus und Süßkind erheb ich die Anklage auf gesetzwidrige Umtriebe, auf Mitschuld an allem zaubrischen Unwesen dieser Zeit. Eine Kommission soll noch heute klarstellen, wie die Jungfer Barbière zu diesem betrügerischen Geständnis verleitet wurde. Um die Wahrheit zu ergründen, will ich dieses verlogene Weibsbild foltern lassen, bis ihr die Sonne durch Leib und Seele scheint!“

   Dem Dekan lief ein Erblassen über das Gesicht. Auch Pfarrer Süßkind dachte nimmer daran, den Udo von Magdeburg zu zitieren. Nur Josephus bewahrte seine Gemütsruhe und guckte lachend in den Saal, dessen Wände vom Lärm der Stimmen widerhallten. Da klang vom Korridor ein schreiender Ruf. Die Tür des Kapitelsaales wurde aufgerissen: „Herren! Ihr Herren! Die römische Botschaft ist gekommen. Die Leut im Hof sind wie besessen und haben den Vikar und die kölnischen Dragoner vom Gaul gerissen!“ Doktor Pürckhmayer war der erste, der zur Türe sprang. Hinter ihm sprangen die anderen her, als wäre in jedem die Hoffnung, dass der leuchtende Spruch, den Rom getan, die Erlösung brächte aus aller Wirrnis dieser unseligen Zeit.

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