Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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         Der Mann im Salz
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Kapitel 18

   In Meister Köppels Stube knieten um die Zeit des sonntäglichen Hochamtes der alte Jonathan und das Kätterle vor dem Tisch. Eines hielt den Arm um den Hals des anderen geschlungen. So sangen sie aus aller Inbrunst bedrückter Herzen zu ihrem Gott, während die Tränen des alten Weibls das vergilbte Liederbuch fleckig machten.

   Den erschöpften Gesichtern sah man die ruhelose Sorgennacht an, die sie mit dem Buben durchgemacht hatten. Um die elfte Stunde war er heimgekommen, einem Irrsinnigen ähnlich, mit Reden, wie sie ein Kranker im brennenden Fieber stammelt. Die Hexe, die man gefangen, das Malefizgericht und der Jochel Zwanzigeißen in des Wildmeisters Haus, die verstörte Sorge um das geliebte Mädchen, das indianische Kraut, ein dunkelschönes Frauengesicht, Geigenklänge und süße Lieder, das Leben und Sterben seiner Eltern, alles verwirrte sich für Adelwart ineinander zu einer taumelnden Qual. Als die zwei Alten zu verstehen begannen, hielt das Kätterle den Buben auf der Ofenbank umschlungen, streichelte ihm das Haar und spürte ein Gefühl wie schmerzende Eifersucht. Nun hatte der Bub seine rechte Mutter gefunden, und wenn’s auch eine tote war, das Kätterle mit seinem lebendigen Mutterherzen fühlte sich in den Winkel geschoben. Ganz verdreht begann sie zu schwatzen, verwechselte die Namen, sagte zu dem Buben immer David, statt Adelwart, und zergrübelte sich den Verstand, wie das möglich sein kann: Ein wildfremdes Frauenzimmer trägt zu Paris ein Kind unter dem Herzen, das liebe Kindl kommt im Widum zu Buchenau auf die Welt und hat das gleiche Gesicht wie der Adel, nein, wie der David Köppel zu Berchtesgaden. Während das Kätterle so grübelte, wurde draußen an die Haustür geschlagen. Jonathan sagte: „Das ist von den Unsrigen einer.“ Dann ging er zur Haustür.

   Es war der Bauer, der die ‚Heimlichen’ zur nächtlichen Gemeinde auf dem Toten Mann zu rufen pflegte. Er brachte den Rat, dass sich die ‚Brüder in Christi’ den Sonntag über still daheim halten sollten. Im Markt hätte man das ausgeschrieen: Dass das ganze zaubrische Unwesen von den Evangelischen herkäme. Der Ferchner hätte im Zorn ein Wort dagegen gesprochen: Das Elend käme so wenig von den Evangelischen wie von den Römischen her, sondern von der Dummheit der Leut. Und da hätten die wütenden Mannsbilder den Ferchner und einen luthrischen Knappen, der ihm beigesprungen, halb zu Tod geschlagen.

   Die drei mit ihren Sorgen saßen in der Stube beisammen, bis der Morgen kam. Das Kätterle wollte auch den Buben vom Kirchgang zurückhalten. Den hielt kein Bitten und Betteln. „Ich muss hinunter. Oder ich sterb!“

   Nun knieten die beiden Alten vor ihrem Liederbuch, während drunten im Tal die Glocken den Segen läuteten. Sonst immer, eine halbe Stunde nach dem Hochamt, kamen die Kirchgänger, die auf den Gehängen des Göhl ihre Gehöfte hatten, über das Bergsträßl herauf. Heute wollten die Leute nicht kommen. Der Hällingmeister ging in den Garten, um über den Weg hinunterzuschauen. Da sah er, dass die Straße drunten, die beim alten Hirschgraben hinaufführte zum Marktplatz, von Menschen ganz schwarz war. „Weib“, sagte er, als er in die Stube kam, „da drunten muss was Schieches um den Weg sein. Ich schau hinunter, ob ich en Buben nit find.“ Das Gesicht des alten Weibls verzerrte sich: „Da muss ich mit!“ Jonathan wollte seine Kappe nehmen, die in der Fensternische lag. „Jesus!“, stammelte er und sprang zur Tür. „Da bringt uns der Wildmeister den Buben heim!“ Dem Kätterle fuhr’s in die Knie, dass es keinen schritt mehr von der Stelle kam. Sie konnte nur mit erwürgtem Laut die Arme strecken, als die beiden Männer den Buben in die Stube führten. Dem war der schwarze Hällingerkittel halb vom Leib gerissen, sein Gesicht war entstellt, in den irrenden Augen brannte ein Blick der Verzweiflung. So fiel er vor dem Kätterle auf den Boden, umklammerte die alte Frau und schrie wie ein Kind: „Hilf, Mutter! Hilf!“

   Peter Sterzinger torkelte auf einen Sessel hin und legte die zitternden Fäuste auf den Tisch. „Ein Glück, dass ich mit meinen Jägern dazugekommen bin und den Buben hab herausreißen können aus dem Gewürg der Leut. Die hätten ihn erschlagen.“

   „Allmächtiger! Warum denn?“

   „Weil er den Teufel aus dem Berg gefeuert. Weil der Haber hin ist. Weil der Bub die Reden nit hören hat können, die man ausschreit über meine Schwägerin.“

   „Über die liebe Jungfer?“, stammelte Jonathan.

   „Ja, Meister!“ Peter Sterzinger wischte sich den kalten Schweiß von der Stirne. „Die Weyerziskin und meine Schwägerin sind eingezogen zum Malefiz.“ Er schnaufte und riss den Hemdkragen auf. Kein Laut in der Stube. Plötzlich klammerte das Kätterle mit dem einen Arm den Kopf des Buben an sich, hob die geballte Faust und schrie: „Die Luder! Die roten Hund und Luder! Da täten sie meines Davids Glück zum anderen Mal verbrennen!“ Immer schrillender wurde ihre Stimme: „Mann! Der Du allweil betest und singst! Wo ist er denn jetzt, Dein Herrgott?“

   Jonathan tat einen schweren Atemzug. „Wenn er nirgends wär, so ist er in Deiner Lieb, in Deiner Muttersorg!“

   Der Wildmeister stand vom Sessel auf. „Die Sach hat ein schieches Gesicht. Das maultote Weibsbild, von dem der Zwanzigeißen die Namen meiner Schwägerin und der Weyerziskin hat schreiben lassen, ist in der Nacht aus dem versperrten Turm verschwunden. Da drüber sind die Leut wie die Narren worden. Und den Gerichtsherren ist der Schreck in den Verstand gefahren. Wenn da der Herrgott nit ein Wunder tut –“ Der Wildmeister sah zur Ofenbank hinüber, zu der das Kätterle den Buben geführt hatte. „An Euch, Mutter, hab ich eine Bitt. Ich muss mich umtun um die Schwägerin. Darf ich meine Kinder heraufschicken zu Euch?“

   „Freilich“, nickte das Kätterle, „die sollen’s gut haben!“

   Peter Sterzinger rüttelte den Buben an der Schulter. „Heut wettert’s. Sonn wird auch wieder kommen. Tu Dich aufrichten!“

   Adelwart sah den Wildmeister aus der Stube gehen und nahm den Kopf zwischen die Fäuste. „Mutter? Kann das wahr sein, dass wir leben? Oder ist unser Weh und alles bloß ein schiecher Traum, den einer träumt, ich weiß nit wer?“ Stöhnend hob er die Augen. „Mutter! Das leibe, süße Mal an ihrem Hals – da sagen jetzt die Leut, das wär von einem Teufelskuss! Und sagen, der Zwanzigeißen hätt dreingestochen mit einer Nadel, und die Hex hätt keinen Tropfen Blut gegeben.“

   Draußen ging der Wildmeister am Fenster vorüber. Den Weg vermeidend, hetzte er durch den Wald hinunter. Als er die Achenbrücke erreichte, sah er vor dem Garten des Weyerzisk einen Trupp schreiender Leute stehen, die unter Schimpfreden mit Steinen nach den Fenstern des kleinen Hauses warfen, über dessen Dach in der schönen Sonne die welken Ulmenblätter nieder gaukelten wie gelbe Feuerflocken. Auch Peter Sterzinger bekam von dieser Volksstimme ein paar Essigbrocken zu kosten. Er atmete auf, als er am Hoftor den Riegel zugestoßen hatte. Auf der Hausschwelle trat ihm der Knecht entgegen und strich unter scheuem Blick das Haar in die Stirne. „Herr! Ich muss was reden mit Euch!“

   „Jetzt führst Du die Kinder hinauf zum Hällingmeister!“

   Schinagl schüttelte den Kopf. „Erst muss ich das ausreden.“

   Peter Sterzinger wurde bleich und sah den Schinagl mit funkelnden Augen an. „Ausreden? Was?“

   „Dass ich im Haus da nimmer dienen kann.“

   „So?“ Dem Wildmeister schwoll der Hals, und die Blässe verging ihm. Dann fuhr aus seiner pfeifenden Brust ein Fluch heraus, der kein Ende nehmen wollte: „Kreuzhimmelherrgotthöllenteufelsakrament, ist das eine Welt!“ Er wurde ruhiger. „So? Nimmer bleiben willst Du?“

   Schinagl sägte mit den Armen durch die Luft. „Es geht nimmer! Und ich tu’s nimmer!“

   „Warum nit?“

   „Weil mich die Leut drum anschauen. Weil ich nit selber noch hineinsausen will ins Elend. Weil einem Christenmenschen nimmer wohl ist unter einem Hexendach.“

   Da fasste Peter Sterzinger mit den Zangen seiner Fäuste den Knecht am Hals. Und während Schinagl in ein Schwanken geriet, gleich einem Fichtenwipfel, mit dem ein Sturmwind tändelt, schrie der Wildmeister: „Du Rindviech, Du nichtsnutziges und gottverfluchtes! Dumm bist Du wie Bohnenstroh! Aber ein Bröserl Treu und Redlichkeit hätt ich Dir zugetraut! Du Mistschieber, Du kotzmiserabliger!“ Schinagl hörte nimmer, wie grau sein Charakter da geschildert wurde. Er fühlte nur noch das Würgen an seinem hals und die Faustschläge, die gleich einem teuflischen Hagelwetter auf ihn niederprasselten. Hätte er statt des borstigen Haarflecks auf seinem Kopf ein Haferfeld getragen, so wäre da kein Halm mehr stehen geblieben. Erst versuchte er sich zu wehren. Als er merkte, dass der andere der Stärkere war, heilt er dieses Dreschen geduldig aus, bis er mit Brust und Gesicht gegen die Mauer flog. „So, Mensch! Jetzt kannst Du hinauflaufen zum Landrichter und kannst mich verklagen!“

   „Da brauch ich keinen Landrichter.“ Schinagl suchte das verlorene Gleichgewicht herzustellen, brachte seine ruppige Frisur in Ordnung und wischte sich mit dem Ärmel das Blut von der Nase. „Die Dreck am Stecken haben, müssen sich klein machen. Wenn sich einer so dreinschlagen traut, muss die Unschuld bei ihm unter Dach sein. Da bleib ich halt wieder, wenn’s recht ist. Ich geh bloß zum Brunnen und wasch mir die Schnauz ein bissl ab. Nachher hol ich die Kinder, gelt? Und dass ich sie gut hinauf bring zum Köppel, da kann sich der Wildmeister verlassen drauf.“

   Peter Sterzinger tat einen tiefen Schnaufer. „Gott sei Lob und Dank! Wenn die dümmsten Leut noch in Ruh mit sich reden lassen und Einsicht fürweisen, kann’s doch mit der Menschheit nit gar so schiech bestellt sein.“ Ein warmer Funke von Vertrauen war ihm in das bedrückte Herz gefallen. An dieser aufatmenden Hoffnung wurde er auch nicht irr, als er in der Stube gewahrte, dass der Kreuzschnabel still und mit aufgeplusterten Federn in seinem Käfig saß. „Fürgestern hat das fiedrige Mistviech wie närrisch gepfiffen, und das Grausen ist mir ins Haus gefallen. Heut trauert der Wehdamsvogel, und da muss doch wieder eine Freud kommen!“

   Diesen Glauben hatte Peter Sterzinger nötig, als er um die Mittagsstunde hinaufstieg zum Leuthaus. Sein Weg war wie ein Spießrutenlaufen durch alle Torheit, die mit Schimpf und Kreischen auszufliegen vermag aus verdrehten Menschenköpfen. Auf dem Marktplatz ein tobendes Leutgewühl. Die Stimmen waren heiser. Die roten, vor Aufregung schwitzenden Gesichter waren anzusehen wie die Fratzen von Betrunkenen. Und in jedem Schimpf und Schrei war ein seltsames Zittern, als säße versteckt in diesen Sinn verlorenen Schreiern eine dunkle Angst, die noch heißer in ihnen brannte als der Zorn, mit dem sie an ihren verwüsteten Hafer dachten. Der Wildmeister, der von einem Felsgrat ruhig nieder blicken konnte in gähnende Tiefen, lernte in diesem wirbelnden Aberwitz zum ersten Mal im Leben das Gefühl des Schwindels kennen; mit allen Farben schwamm es ihm vor den Augen.

   Dann im Leuthaus das ernste Gesicht des Freiherrn von Preysing! Peter Sterzinger überfiel ihn glich mit dem Schwur: Es könnten hundert Leute bezeugen, dass Madda das rote Mal an ihrem Hals schon seit der Kindheit hätte, und dass es von einem glühenden Tropfen der Zinnspeise käme, mit der ihr Vater die Orgelpfeifen gegossen. Wo die Wahrheit so landkundig wäre, hätte man dem Zwanzigeißen nicht verstatten dürfen, an einem schuldlosen Frauenleut die Nadelprobe zu machen.

   „Das ist nicht geschehen, lieber Wildmeister! Ist nur ein Leutgerde. Aus allen Köpfen fliegen die Mären aus, wie die Motten aus einem Pelzrock, der geklopft wird. Heut ist Sonntag, da wird nicht peinlich inquiriert. Man hat am Morgen nur ein kurzes Verhör mit den Inhaftierten vorgenommen, die ihre Unschuld beteuerten. Aber ich darf Euch nicht verhehlen, dass die Sache ein besorgliches Ansehen gewinnt.“ Die Leute wären durch das rätselhafte Verschwinden der stummen Hexe außer Rand und Band geraten. Landrichter Gadolt und der Sekretarius wären am Morgen gröblich beschimpft und misshandelt worden. Kein Wunder, dass sie jetzt, um sich selbst zu salvieren, für strengste Anwendung des Gesetzes sprächen. Dann hätte Herr von Sölln, noch vor dem Hochamt, alle Geistlichkeit von Berchtesgaden zusammengerufen und das Bekenntnis abgelegt, dass er selbst der Hexe in der Nacht die Freiheit gegeben, um weiteres Unheil zu verhüten. Es wäre für jeden Verständigen augenfällig gewesen, dass Herr von Sölln dieses gut gemeinte aber törichte Bekenntnis nur vorschöbe, um der Menge den Glauben zu nehmen, als hätte die Befreiung der Hexe was zu schaffen mit Zauberei. Das ganze Kapitel wäre einmütig dagegen aufgestanden, dass die schwebende Sache durch solch eine Notlüge noch verschärft würde. Herr von Sölln hätte die Wahrheit seiner Selbstanklage hartnäckig beteuert, bis auch seine treuesten Freunde, Prior Josephus und Pfarrer Süßkind, wider ihn aufgestanden wären und bezeugt hätten, dass sie in der späten Nachtstunde, da Herr von Sölln die Hexe befreit haben wollte, mit dem Dekan in seiner Stube beisammen gesessen wären, um über die böse Zeitsorge Rat zu halten. Ursache zur Sorge wäre reichlich vorhanden, obwohl die Gerichtsherren den besten Willen hätten, die Wahrheit klarzustellen. Der Michel Pfnüer wäre verhaftet worden, aber zwei Hirten hätten bezeugt, dass der Pfnüer vor Ausbruch des Gewitters auf der Alpe eingetroffen wäre, um nach seiner kranken Kuh zu sehen, und dass er in der Sennstube genächtigt hätte.

   „Was für Hirten wären denn das?“

   „Die Sennbuben von der Scharitzkehl.“

   „Zwei Lumpen und Wilddieb hint und vorn! Um einen Kameraden aus dem Dreck zu lupfen, schwören die zwei dem Teufel den Schwanz weg. Und er hat doch einen!“

   Der Freiherr zuckte die Achseln. Das wäre noch nicht das Bedenklichste. Wenn auch gegen die Jungfer Barbière außer dem geschriebenen Bekenntnis der verschwundenen Hexe nichts Greifbares vorläge, so wäre doch gegen die Weyerziskin eine criminatio der grauenvollsten Art erhoben worden. Nach dem Hochamt hätte sich der Mesner der Pfarrkirche eingefunden, um zu bezeugen: Er wäre eines Morgens in der Dämmerung dazugekommen, wie die Weyerziskin ganz grau im Freithof gesessen und etwas herausgewühlt hätte aus dem Grab ihres Kindes; als er sie angesprochen, hätte sich das Knöchelchen, an dem die Weyerziskin nagte, in eine Rosenstaude verwandelt. Herr von Sölln hätte den Mesner bei Gottes Gerechtigkeit beschworen, sein Gewissen zu erforschen, bevor er eine vom Unglück gebeugte Mutter auf den Holzstoß brächte; seine Aussage könnte nichts anderes sein als eine durch den Aufruhr dieser Tage erzeugte turbatio mentis. Doch der Mesner erklärte, er hätte das seit Wochen in Pein mit sich herumgetragen, aber erst heute, seit ihm die malefizisch eingezogene Hexe nimmer schaden könne, hätte er den Mut gefunden, die Wahrheit zu sagen.

   „Jesus!“, stammelte Peter Sterzinger. „Die Weyerziskin! Das liebe Trudle! Wenn so was möglich ist, da glaub ich, dass die Welt noch heut in Scherben auseinander bricht.“ Seinen Augen war es anzusehen, dass er nimmer wusste, ob er glauben oder zweifeln sollte.

   „Ja, Peter! Die Sache sieht übel aus. Doktor Pürckhmayer und die Gerichtsherren halten das crimen exceptum der Weyerziskin für erwiesen. Und sie kalkulieren: Wenn das geschriebene Geständnis der verschwundenen Magd bei der Weyerziskin auf Wahrheit beruht, warum sollte es falsch sein im anderen Fall?“ Dem Freiherrn schwankte die Stimme. „Ich weiß keinen Weg mehr, auf dem ich helfen könnte. Die Kapitelherren sind, mit wenigen Ausnahmen, durch das Zeugnis des Mesners auf die strenge Seite des geistlichen Kommissars geschoben. Der hat die Kölner Vollmacht in der Tasche. Dem Dekan in seinem machtlosen Erbarmen bleibt nichts anderes übrig, als mit nassen Augen in das wachsende Elend dieser Tage hineinzuschauen und die zitternden Hände in den Schoß zu legen.“

   Als Peter Sterzinger mit aschfahlem Gesicht aus dem Leuthaus auf die Straße trat, war die Sonne trüb geworden. Schwüler Südwind wehte, und das Blau des Himmels umschleierte sich mit weißen Dünsten.

   Das Erbarmen, dazu die Sehnsucht nach einer Aussprache, trieb den Wildmeister zu dem kleinen Haus, über dessen Dach die Ulmen welkten. Die Fensterläden waren geschlossen. Erst nach langem Rufen und Pochen wurde die Tür geöffnet. Auf der Werkbank, in der verdunkelten Stube, brannte die Öllampe hinter der Glaskugel. Joser trug die lederne Arbeitsschürze, setzte sich stumm vor die Schnitzbank und begann an einem hölzernen Klotz zu schneiden. Aus dem Holz wuchs etwas Hässliches heraus, halb ein verzerrtes Götzengesicht und halb eine Raubtierfratze. Peter Sterzinger machte einen Schritt gegen die Werkbank und blieb wieder stehen, weil unter seinen Schuhsohlen die Glasscherben krachten. „Mensch! So red doch ein Wörtl!“

   Joser blickte nicht auf. Er wühlte die Klinge ins Holz. „Reden? Was denn? Mein Weib hat ihr totes Kind gefressen. Und das ist wahr!“ Er bückte sich und hob einen Stein von den Dielen auf. „Schau! So, zum Greifen, haben mir die guten Leut das in die Stub geworfen.“ Unter grellem Lachen ließ er den Stein geworfen.“ Unter grellem Lachen ließ er den Stein wieder fallen, fasste die Klinge und schnitt in das Holz. Der Wildmeister brachte keinen Laut heraus. Nach einer Weile fragte Joser, wieder mit Lachen: „Bist Du heut in der Pfarrkirch gewesen?“ Peter nickte. „Hast Du was gesehen da?“

   „Halt, den Pfarrherrn! Und die narrischen Leut, die gebetet haben, wie man heuet vor einem Wetter.“

   „Sonst hast Du nichts gesehen?“

   „Nichts!“

   „So wird halt auch nichts drin sein in der Kirch!“ Joser stieß die Klinge ins Holz, wie man mit dem Messer einen Menschen mordet. „All die liebe, fromme Süßigkeit ist des Teufels worden!“ Er lachte, schob auf der Werkbank die Fäuste vor sich hin und stierte in den zitternden Lichtglanz der Glaskugel. Da trat der Wildmeister über die krachenden Scherben der zertrümmerten Fenster auf ihn zu und legte ihm den Arm um den Hals. „Joser! Schau! Wir sind doch Brüder worden im Elend und Weh.“ Lange schwieg der Weyerzisk. Dann fiel ein Zittern über seinen Körper. Plötzlich stürzte er auf die Knie, fasste den Kopf zwischen die Fäuste und schlug ihn mit der Stirn auf den Boden. „Gelogen und betrogen hab ich! Hab die Seel verschworen und meinen Herrgott verleugnet! Hab mein Glück verhöllt! Mein Kind ist tot! Und mein Trudle muss brennen!“ Nach diesem schreienden Ausbruch seiner Qual befiel ihn ein Zustand dumpfer Erschöpfung. Er ließ sich vom Wildmeister aufrichten, zu einer Bank führen, und hörte alles schweigend an, was barmherziger Trost ihm vorredete. So lange saßen die beiden auf der Bank, bis die weißen Lichtlinien an den geschlossenen Fensterläden sich zu trüben begannen. Erschrocken erinnerte sich Peter Sterzinger der Zeit und seiner Kinder.

   Wieder allein, nahm Joser die Öllampe, leuchtete an den Wänden hin, an denen der kleine Kram des Trudle glitzerte, leuchtete in die Kammer, tat ein unverständiges Ding ums andre und stellte schließlich den Perpendikel der Wanduhr, statt die abgelaufenen Gewichte aufzuziehen. Taumelnd trug er die Lampe zur Werkbank und erschrak vor der grinsenden Fratze, die er aus dem weißen Holzklotz herausgeschnitten hatte. Wie Raserei befiel es ihn. Keuchend griff er nach dem Beil und zerhackte mit hundert Hieben das unheimliche Gebilde, das er im Zorn seines Schmerzes geschaffen hatte.

   Schritte im Garten. Ein grober Schlag gegen die Haustür. Und eine Männerstimme: „Machet auf! Wir sollen Wäsch und Gewand für die Weyerziskin holen!“ Zwei Spießknechte traten in die Stube, einer mit brennender Laterne, denn die Nacht war finster geworden unter dem dichten Gewölk, das der rauschende Südwind über dem Tal zusammentrieb. Joser fing um das Trudle ein jagendes Gestammel an. Ein Spießknecht mahnte: „Flink, Meister, wir sind nit zum Heimgart da!“ Mit der Lampe taumelte Joser in die Kammer. Was seine zitternden Hände an Gewand und Wäsche zusammensuchten, hüllte er in ein Leintuch. Als die Spießknechte mit dem Pack davongingen, sprang auch Joser in den Garten und schlich hinter den beiden her, durch die Weisen, über en Stiftsberg hinauf. Droben in den Gassen alles still. Am Stift viele Fenster erleuchtet. Die großen Höfe finster und öd. Den Pfarrer Süßkind, der beim Tor des Laienhofes in der Mauerecke stand, konnte Joser nicht sehen. Den Laienhof erfüllte trüb das Geflacker eines Pfannenfeuers. Bei einer eisenbeschlagenen Tür, die offen war, standen zwei kölnische Dragoner, jeder mit dem blanken Pallasch über dem Arm; vor der Wachtstube saßen Musketiere und Spießknechte auf der Bank. Mit Zittern stand Joser in der Finsternis des Stiftshofes. Da kam einer von der eisenbeschlagenen Tür her, ein kleines, schiefschultriges Männchen, und ging durch den finsteren Stiftshof. Joser sprang ihm nach: „Magister! Um Christi Barmherzigkeit! Was ist denn mit meinem Trudle!“ Krautendey blieb stehen. Dann nahm er, ohne ein Wort zu sagen, den Weyerzisk bei der Hand und zog ihn mit sich fort.

   Aus der finsteren Mauerecke neben dem Torbogen klang ein Seufzer heraus, wie das bange Aufatmen eines Menschen, dem es steinschwer auf der Seele liegt. Jetzt im Laienhof eine gepresste Stimme: „Ist der Zwanzigeißen noch da?“

   Ein Spießknecht antwortete: „Nein, Herr Sekretar! Der hat sich heimgemacht, wie der gnädig Herr Dekan zur Beicht hinunter ist. Der Herr selber hat ihn fortgewiesen.“

   „Gnädiger Herr? Verhält sich das so?“

   „Seine Gegenwart bei der Spendung eines heiligen Sakramentes war eine Entweihung, die ich nicht dulden durfte.“

   Als Pfarrer Süßkind diese Stimme vernahm, sprang er an die Mauer hin, gegen das Portal des Stiftes, und sah die beiden aus dem Laienhof treten: Den Doktor Besenrieder und Herrn von Sölln, der über dem weißen Habit das Chorhemd mit der Stola trug. Der Dekan blieb stehen. „Besenrieder? Wollt Ihr dieser leidenden Mutter nicht eine Pflegfrau hinunterschicken?“

   „Das verbietet ein paragraphus ordinis judiciorium. Ich habe schon aus Menschlichkeit gegen mein Amt gehandelt, als ich ohne Gerichtsbeschluss die Beichtigung der Weyerziskin gestattete. Gegen das jus principale des Himmels durfte ich keinen Einspruch erheben. Eine Pflegfrau kann ich nicht bewilligen. Es steht zu erwarten, dass sich die Inkulpatin von der Fehlgeburt, die ihr der Schreck der Inhaftierung verursachte, binnen wenigen Tagen erholt.“

   „Und wieder Kräfte sammelt für die Peinbank?“

   „Ihr sagt das wie einen Vorwurf gegen mich. Das ist ungerecht. Die res adversae dieser Tage haben gerade mich am schwersten betroffen. Aber die Pflicht steht über meinem Herzen.“ Besenrieder schritt erhobenen Hauptes durch die Finsternis davon. Er war im Dunkel schon verschwunden, und noch immer stand der Dekan auf der gleichen Stelle, die geballten Fäuste vor sich hingestreckt. Da legte sich ein Arm und seine Schultern, und eine in Erregung flüsternde Stimme fragte: „Habt Ihr was reden können?“

   „Süßkind! Ach, Süßkind!“ Herr von Sölln warf sich an die Brust des Pfarrers. „Mein Herz ist mit Dornen geschlagen! Die vier Augen dieser beiden Frauenleute stehen vor meiner Seele wie vier flammende Klagen.“

   „Habt Ihr was reden können?“

   „Mit der Weyerziskin nicht. Sie ist von einer Ohnmacht in die andere gefallen. Aber die Jungfer Barbière ist mutig, dass sie einen Mann beschämen könnte. Die will es tun. Sie getraut sich, die Peinbank zu überstehen und fest zu bleiben, um das Land von diesem Elend zu erlösen und das eigene Leben zu retten. Süßkind, Süßkind! Was für eine Zeit ist das? In der man zum Guten nur helfen kann mit gefährlichen Lügen! Schlägt das fehl, so sind wir alle verloren, und zu Berchtesgaden hebt ein Brennen an, dass die Berge rot werden. Süßkind, jetzt versteh ich, was zu Würzburg geschehen ist: Dass der Hexenbeichtiger David Hans beim Messlesen irrsinnig geworden ist und den Kelch mit des Herrn geweihtem Blut aus der Hand geworfen hat. Hundertfältige Unschuld aufnehmen in sein Ohr! Und als Priester nicht reden dürfen und sehen müssen, wie die Schuldlosen brennen!“

   Süßkind flüsterte mahnend: „Still! Da geht einer!“

   Der Gebeugte, der da gegangen kam in der Finsternis, sah nur die rote Helle, die herausglostete aus dem Tor des Laienhofes. Er wankte wie ein Müder, der schwere Wege machte, kam zum Tor und hörte das Schwatzen der Musketiere. „Soll mich der Teufel holen“, sagte einer, „ich glaub’s halt nit! Und tät ich’s protokollarisch sehen, ich glaub’s halt nit!“ Eine andere Stimme: „Du Lapp, Du gutmütiger! Wenn’s der Zwanzigeißen doch selber gesehen hat, wie die drei Kroten von der Weyerziskin davon gesprungen und in die Mauer geschloffen sind! Sein Leben tät er verwetten, sagt der Zwanzigeißen, dass er die Teufelskinder findet, wenn er morgen sucht mit einem geweihten Licht.“ Das Gespräch der Knechte verstummte. Im flackernden Schein des Pfannenfeuers stand ein Mensch vor ihnen, mit einem Gesicht zum Erschrecken. Der schrie: „Du Lump! Was redest Du da von meinem Weib?“ Die Musketiere packten den Joser und stießen ihn auf den Marktplatz hinaus. „Halt’s dem christlichen Erbarmen zugut, dass wir Dich laufen lassen!“

   Neben dem Brunnen stürzte Joser auf den Boden hin. So lag er eine Weile. Dann richtete er sich auf, schöpfte mit beiden Händen Wasser und wusch das Gesicht. Er ging in der Nacht die Straße hinunter, hob die Fäuste über den Kopf und keuchte: „Jochel! Morgen suchst Du die drei Kroten nimmer!“ Die Hände um das Stangengeländer klammernd, das die Straße von der Sunke des alten Wallgrabens schied, spähte er hinüber in das Dunkel. Die Wand mit den vermauerten Fenstern war die Wand des Mühlenkellers, in dem der Mann im Salz geduldig auf die römische Botschaft wartete. Daneben, in einer gepfeilerten Mauer, die sich rundete, war ein schwarzer Fleck: Ein vergittertes Fensterloch. Keuchend schwang sich Joser über das Geländer, ließ sich hinunter gleiten in den Graben, rannte drüben über die Böschung hinauf, klammerte die Hände in das Gefüge der Mauer und kreischte gegen das vergitterte Fenster: „Trudle! Trudle! Hörst Du mich nit?“ Da legten sich in der Finsternis zwei würgende Hände um seinen Hals, und eine bebende Stimme raunte: „Schweig! Um Christi Barmherzigkeit willen, schweig!“ Weyerzisk hatte sich wehren wollen, meinte die Stimme zu erkennen und ließ die Arme fallen. „Willst Du schweigen? Und tun, was ich sag?“ Joser nickte. Und stammelte, als ihn der andere freigab: „Du bist mein Bruder im Elend, gelt? Du bist der Bub, den die Maddle lieb hat!“

   „Komm!“ Adel fasste den Weyerzisk bei der Hand und riss ihn mit sich fort, durch den Wallgraben hinunter.

   Das schwermütige Rauschen der Ache klang zusammen mit dem misstönigen Lied, das der Südwind pfiff. Manchmal, wenn der Schein des verhüllten Mondes einen halben Weg durch die treibenden Wolken fand, huschte eine matte Helle durch die Finsternis des Tales hin, wie ein verheißendes Rätsel des Lichtes.

   Gegen zwei Uhr morgens traten der Weyerzisk und Adelwart aus dem kleinen Ulmenhaus in den Garten. „Meister“, flüsterte Adel, „gib mir die Hand auf alles!“ Weyerzisk reichte dem Buben die Hand. Der hielt sie eine Weile schweigend umschlossen. Dann sagte er: „Dir sollt ich trauen müssen! Es geht um Dein Glück, um Deines Weibes Leben. Aber sooft ich Dir in die Augen geschaut hab, hat mich eine Sorg gepackt. In Dir ist ein verschlossen Ding, das sich versteckt vor mir.“

   „In mir ist die Sorg um mein Weib. Ich bin der Deinig mit Leib und Seel.“

   „So komm!“ Die beiden gingen zur Gartentür. „Wenn drüben Licht ist im Haus, so wart eine Viertelstund. Nachher schlief durch die Heck und poch an das Fenster.“ Da sprang der Weyerzisk wie ein Irrsinniger gegen die Stauden hin und stampfte mit den Füßen unter keuchenden Flüchen auf den Rasen. „Mensch? Was ist denn?“, fragte Adelwart.

   „So eine Krot ist über den Weg gehupft.“

   „Ist in der jetzigen Stund nichts anderes in Deinem Verstand? Und ist das nit auch ein Tier, das leben will?“

   Joser lachte. „Die findet keiner nimmer!“

   Schwer atmend stand Adel in der Finsternis. „Jetzt liegt mein Fürhaben in Deiner Hand. Verdirbst Du mir den Weg, so wirfst Du Dir einen schweren Prügel vor die eigenen Füß. In Gottes Namen, so komm halt!“ Die beiden traten aus dem Garten, und Adelwart spähte auf und nieder über den grauen Streif der Straße. Dann presste er plötzlich die Fäuste vor die Augen. „Wär nur der Tag schon vorbei! Oder tät mir einer das Denken auslöschen: Was sie leiden muss, bis es wieder nächtet!“

   Leise lachte der Weyerzisk. „Denkst Du an den Jochel? Da sei ohne Sorg! Droben im Stiftshof hab ich’s von den Musketieren gehört, dass der Zwanzigeißen unpass wär und morgen nit amten könnt.“

   „Meister?“ Das klang wie ein erstickter Jubelschrei. „Ist das wahr?“

   „Heilig und wahr! Da verschwör ich meine Seel!“

   „So ist alles gut!“ Adel krampfte die Fäuste in seine Brust. „Jetzt schnauf ich auf. Und was ich hab an Kraft, das ist gedoppelt.“ In jagenden Sprüngen rannte er über die Wiese und warf sich mit vorgestreckten Armen durch die Hecke, dass die Zweige krachten. Im Zwinger fingen die Hunde zu lärmen an. Mit lockenden Lauten machte der Jäger sie still, huschte zum Haus und pochte an ein Fenster. In der dunklen Stube ein leises Geräusch. Wieder pochte der Bub. „Wildmeister! Ich hätt ein Wörtl zu reden.“

   Ein Fenster wird aufgerissen. „Du?“

   „Ich bin’s.“

   „Allmächtiger! Ist was Unguts mit meinen Kindern?“

   „Die haben geschlafen, wie ich fort bin von daheim. Eins hat die Ärmlen um das ander gehabt.“

   „Gott sei Lob und Dank!“ In der Stube glomm ein Lichtschein auf. Dann wurde an der Flurtüre der Riegel zurückgestoßen. Adelwart trat ins Haus. Mit brennenden Augen sah er in der Stube umher. Jedes Stücklein Hausrat war ihm wie ein erschütterndes Ding. „Gelt? Ist Dir auch die Nacht zu lang gewesen?“, sagte Peter Sterzinger. „Dreimal hab ich mich schon gelegt. Und dreimal bin ich wieder aufgestanden. Alles ist mir wie ein Loch, so tief, dass ich nimmer hinunter schau bis auf den Boden.“ Adel nickte. Und strich mit zärtlicher Hand über die Kante der Tischplatte hin, auf der die Arme der Jungfer Barbière geruht hatten, wer weiß wie oft. „Ja, Wildmeister! So hab ich heut Nacht hinuntergeschaut in das tiefe Loch der Welt. Und hab keinen Boden gesehen. Keinen kalten und keinen heißen. Weil ich gemeint hab, es wär keine Straß nimmer mit Gottes Hilf, drum bin ich auf einen Kreuzweg hin und hab geschrieen: ‚Satan, erscheine!’ Ich hätt ihm mein Leben und meine Seel gegeben, bloß für das einzige, dass er die Jungfer freimachen tät.“

   Peter Sterzinger stammelte erschrocken: „Mensch! Wie kann man sich so versündigen!“

   „Ohne Sorg, Wildmeister!“ Der Bub lächelte mit verzerrtem Gesicht. „Es hat sich der Teufel nit erschreien lassen. Kann sein, weil es keinen gibt. Oder kann auch sein, weil’s um die elfte Stund gewesen ist, nit um die zwölfte. Einer, der für seien Regentschaft bloß ein einziges Stündl hat, den brauchen die Menschen nit fürchten. Wo man dreiundzwanzig Stündlen hat, in denen man sich selber helfen kann.“ Adel setzte sich auf die Bank und bekam eine andere Stimme. „Heut, am Morgen, muss ich im Hällingeramt ansagen, was ich an Werkzeug, an Kraut und Zündschnüren brauch zum Salzschießen. Vor ich den Herren die Sach fürweisen soll, ist mir’s drum, dass ich das Ding noch einmal proben möcht für mich allein. Kann ich von Dir eine Kapp voll trückenes Feinkraut haben und eine Armsläng Zündschnur?“

   Dem Wildmeister stieg der Ärger in den beklommenen Hals. „Die Maddle hockt da droben, zwischen Unschuld und Feuer! Und da kommst Du und denkst an Dein Salzschießen und Pulverschnöllen? Und wie Du’s den gnädigen Herren recht machen kannst im Taglohn?“

   Adel lächelte. „Wenn’s Nacht ist, muss der Mensch denken, wie der Morgen weitergeht.“

   „Brav, Bub!“ Peter schnaufte schwer. „So hab ich mich noch nie verschaut! Hätt den Hirsch Deiner redlichen Seel auf drei gute Zentner geschätzt. Und da liegt ein windiger Spießer auf dem Wasen. Du bist einer von denen, die mit ihrer braven Ruh im Leben was fürwärts bringen. Meintwegen! Mach Dein fürsichtiges Probstückl! Das Feinkraut und die Zündschnuren kannst Du haben von mir. Nachher sagen wir einander Grüßgott. Und fertig!“ Er hob den Deckel einer eisenbeschlagenen Truhe und nahm aus ihrer Tiefe eine Bündel Luntenschnüre und eine mit Pulver gefüllte Blechkanne. Von der Bank aufspringend, packte Adelwart dieses Zeug mit so hastigem Griff, dass ihn der Wildmeister betroffen ansah. „Bub?“ Da wurde ans Fenster gepocht. „Jesus“, stammelte Peter, „wer ist denn da schon wieder?“ Als er aufhorchte, erkannte er die Stimme draußen. „Barmherziger! Das ist der Joser!“ Während er zur Türe wollte, streifte er den Buben mit einem galligen Blick. „Da kommt einer – bei dem wird’s fehlen mit der Ruh!“

   Adel, das Luntenzeug und die Pulverkanne auf dem Arm, vertrat ihm den Weg. „Wildmeister!“ Es flammte heiß in seinen Augen. „Wie ich noch ein Bübl gewesen bin, hat mir mein guter Pfarrherr einmal erzählt von einer griechischen Königstochter, die man verbrennen hat wollen, bloß weil der richtige Wind nit gegangen ist. Da hat eine heidnische Götzin aus dem Himmel herausgelangt und hat die Königstochter zu sich hinauf gehoben ins Gewölk. Der König hat seine Tochter im Leben nimmer gesehen. Aber der Königstochter ist’s gut gegangen. Was eine heidnische Götzin kann, das muss unser christlicher Herrgott in Gnaden doch auch vermögen. Wenn er in Güt herauslangen tät aus dem Himmel, und tät durch ein Wunder Eure Schwägern aus den spanischen Schrauben lupfen? Und tät sie fort heben, weit fort? Aber wo ihr das Leben gut ist in Glück und Freuden? Wildmeister, was tätet Ihr sagen?“

   „Vergelts Gott halt!“ Peter Sterzinger schien nicht recht zu wissen, was er redete. Immer starrte er den Buben an, dieses ernste Gesicht, diese brennenden Augen. „Tausendmal Vergelts Gott tät ich sagen! Was denn sonst?“

   Adelwart atmete auf. „So will ich den Weyerzisk die Haustür aufriegeln.“

   Der Wildmeister stand wie versteinert, sah den Weyerzisk in die Stube treten und sah, wie Joser zum Tisch ging und einen beschriebenen Bogen neben die flackernde Kerze legte. „Peter, da hab ich eine Schrift gemacht. Die schreibt Dir Vollmacht zu über mein Haus und alles, was mein ist. Wenn sich’s wiesen tät, dass mein Trudle unschuldig ist, so will ich auswandern. Ins steirische Land. Es heißt, da brennen sie weniger. Da will ich hin. Bin ich mit dem Trudle im steirischen Land, so kriegst Du Botschaft. Dann verkauf mein Haus –“ Dem Joser brach die Stimme. „Tät’s anders kommen, ich weiß nit wie, so gibt den Preis für mein haus an den Hällingmeister. Der soll’s den Evangelischen von Berchtesgaden zukommen lassen!“

   Peter Sterzinger schien aus seiner Betäubung zu erwachen. „Joser, ich tu, was Du willst! Aber was Du redest, ist doch alles wie ein unsinniger Traum.“

   „Wird schon einen Sinn kriegen. Was gut gewesen, ist schlecht worden. Wo das Glück gehauset hat, hupfen die Kroten über den Weg. Da kann’s auch kommen, dass Unsinn Verstand wird und dass sich ein Schlechtes zum Guten wandelt.“ Joser lachte. „Also, Peter – Vergelts Gott auf ewig!“ Er reichte dem Wildmeister die Hand. „Und lass Dir einen Rat geben!“ Seine Stimme bekam einen Klang von grausamer Härte. „Hupft Dir eine Krot über den Weg, so zerschmeiß das Ungeziefer mit einem Stein! Oder schlag es tot mit dem Stecken!“

   Das schien der Wildmeister anders zu verstehen, als es gemeint war. Er sagte: „Da müsst einer viel Leut erschlagen!“

   Joser gab keine Antwort, ging aus der Stube und verließ das Haus.

   Der Südwind hatte sich in ein flackerndes Wehen verwandelt; bis tief herunter über die Wälder hing das schwere, dunkle Gewölk; ein feines, kühles Nebelreißen ging durch die Finsternis.

   In der Stube des Josua brannte die Lampe. Er begann in seinem Handwerkszeug zu kramen, wie einer, der sich an die Arbeit machen will, wählte eine schlanke, dreikantige Feile und prüfte sie lang. „Die wird’s tun!“ Ruhig setzte er den Schleifstein in Schwung, schliff das Ende der Feile zu einer scharfen Spitze, wickelte einen Lederfleck herum und legte sie in die Fensternische. Alles andere Werkzeug räumte er in die Kästen und machte Ordnung wie am Feierabend vor einem hohen Festtag. Dann sah er nach der Wanduhr. Die stand. Ein abergläubischer Schreck befiel den Joser, der nicht wusste, dass er selber den Perpendikel gestellt hatte. „Deutet das auf Tod oder Teufel?“, schrie er in die stille Stube, schüttelte sich, stieß an einem der zertrümmerten Fenster den Laden auf und schob den Kopf hinaus. Noch immer lag die Finsternis um das kleine Haus. Joser war ruhig geworden. Aus einer Truhe nahm er das Geld, das er sich erspart hatte. In einer langen Strieme wickelte er die aneinander gereihten Münzen in eine geblumte Feiertagsschürze seines Weibes und band sie unter dem Spenser um seinen Leib. Dann legte er Gewand und Wäsche zusammen, gab von dem schimmerigen Kram der Fensterecke dazu, was sein Trudle am meisten geliebt hatte, und machte aus allem ein Bündel, das sich mit zwei Strickschlingen hinter den schultern tragen ließ. Nun schürte er in der Küche auf dem offenen Herd ein Feuer an. Als die Flamme züngelte, trug er zusammen, was seinem Trudle gehörte und an sein Kind erinnerte. Alles verbrannte er. Ein übel riechender Qualm erfüllte das ganze Haus. In Menge flogen die Aschenflocken umher und fielen grau auf alles Gerät.

   „Allmächtiger!“, stammelte Joser, als er plötzlich sah, dass es auch vor den Fenstern grau geworden. In der Stube fiel er auf die Knie und drückte das Gesicht in die Hände. Dann stand er ruhig auf, verwahrte die mit Leder umwickelte Feile in seinem Spenser, nahm das Bündel auf den Rücken und blies die Lampe aus.

   Ein dünner Regen fiel. Alles war grau vom Nebel und der Morgen kalt. Auf den Bergen musste Schnee gefallen sein.

   Joser eilte über die Achenbrücke. Im Wald, zwischen dichten Stauden, verbarg er das Bündel. Dann zurück über die Brücke, in jagendem Lauf an der Ache entlang und durch die Wiesen hinauf zur Salzburger Straße. Neben dem Straßengraben versteckte sich Joser im Buchengestrüpp und zog die geschliffene Feile aus dem Spenser. „Jochel! Heut suchst Du nimmer – mit Deinem geweihten Licht!“

   So langsam kam der Tag, wie das Glück einem Elenden kommt. Der Morgensegen, er geläutet wurde, klang in dieser Nebelschwere, als wären die Glocken in Filz gewickelt. Ein Düngerkarren, von zwei Ochsen gezogen, kam über die Straße heruntergeholpert. Dann kamen drei Bauern, die mit Mistgabeln zu ihren verwüsteten Haferfeldern gingen. Sie schwatzten und wurden plötzlich still, weil sie den Jochel Zwanzigeißen sahen, der seine fette Behäbigkeit in einen schwarzen Mantel gewickelt hatte.

   Jochel wanderte gegen den Markt. Nun blieb er stehen, spähte über die Straße voraus, kicherte vor sich hin und huschte hinter den Stamm eines Ahorns, der am Weg stand. In den Buchenstauden hatte Joser schon die Zweige vor sich weg gebogen, um freien Sprung zu haben. Er duckte sich wieder. Auf der Straße, vom Markt her, kam ein altes Weib gegangen, die Käserin, mit einer vierzinkigen Düngergabel auf der Schulter. Über dem Stiel der Gabel hatte das Weib, aus dessen welkem Runzelgesicht ein verstörtes Leben redete, die Hände ineinander geklammert. Sie betete mit halblauter Stimme: „Gegrüßet seist Du, Maria, Mutter voller Gnaden –“ Da sprang der Jochel Zwanzigeißen hinter dem Ahorn hervor, schwang seinen schwarzen Mantel flügelig auseinander und kreischte: „Hex! Woher und wohin? Bist Du auf Deiner Gabel –“ Der Jochel wurde plötzlich stumm und verlor den Hut. Der Kopf sank mit geschlossenen Augen in den Nacken, als wäre der Zwanzigeißen schläfrig geworden. Umfallen konnte er nicht, weil er in der Brust die vier Zinken der Gabel hatte, deren Stiel die alte Käserin in den Fäusten hielt. Als das Weib die Gabel erschrocken zurückzog, fiel der gemütliche Jochel stumm auf die Straße hin, und während die Käserin wie rasend davonrannte, kollerte aus dem schwarzen Mantel des Jochel eine kleine rote Holzschachtel heraus. Der Deckel löste sich. Drei graue, faustgroße, lebendige Dinger hüpften träg über die Straße, suchten ein Versteck und bargen sich unter dem schwarzen Mantel des Jochel Zwanzigeißen, der, so still er auch lag, noch immer schmunzelte.

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