Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
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Kapitel 17

   Der Abend dämmerte. Die Berge hatten noch einen Hauch von Glanz, und der brennende Himmel gab auch dem Schatten, der das Berchtesgadener Tal erfüllte, einen Traum von Farbe. Die Ache, hoch von den Nachwässern der Gewitternacht, brauste so stark, dass ihr Rauschen fast die lärmenden Stimmen des Menschenhaufens übertönte, der in Erregung um das Heckentor des Wildmeisterhauses gesammelt stand. Noch immer kamen Leute gelaufen. Und auf der Straße gellte eine Weiberstimme: „Da kommt der Dekan! Mit dem Süßkind kommt er!“ Vor dem Heckentor empfing ein wildes Geschrei die beiden Herren. Der Pfarrer ruderte mit seinen dicken Armen eine Gasse frei. Die vier kölnischen Dragoner, die das Heckentor bewachten, senkten die Eisen und ließen die Herren passieren. Ehe die beiden zur Schwelle kamen, hörten sie aus dem Haus das klägliche Weinen der Kinder. Der Flur war dunkel. Aus der Magdkammer fiel Lichtschein heraus. Ein Gepolter war da drinnen, als würde das Bett von seinem Platz geschoben.

   Süßkind hatte an der Wohnstube die Tür aufgestoßen. Das erste, was er in dem von drei flackernden Kerzen unruhig erleuchteten Raum sah, war die weiße Dominikanerkutte. „Der Udo!“, rief er mit zornigem Hohn. „Der Udo ist los!“ Wie ein steinernes Bild, die Hände in den Kuttenärmeln, saß Doktor Pürckhmayer auf der Fensterbank, unter dem Käfig, in dem der Kreuzschnabel verängstigt umherflatterte. Als der Dekan auf der Schwelle erschien, sagte der geistliche Kommissar: „Da seht Ihr jetzt, was Eure blinde Langmut geduldet hat!“ Er drehte das Gesicht zum Tisch, an dem der Landrichter dem Sekretär die Schlussformel eines Protokolls in die Feder diktierte. Wie ein käsfarbenes Häuflein Elend saß Doktor Besenrieder auf einem Stuhl, so heftig zitternd, dass er die Feder kaum regieren konnte. Während er schrieb, stand Madda hinter ihm, die Hände ineinander geklammert, in ihrem Hausgewand, mit freiem Hals und entblößten Armen. Ihr Gesicht war entstellt. Als sie die Herren sah, die in die Stube traten, sprang sie mit ersticktem Schrei dem Dekan entgegen, feil vor ihm auf die Dielen hin und umklammerte seine Knie. Herr Gadolt heilt im Diktieren inne, und Doktor Besenrieder legte die Kielfeder fort, um sich den Schweiß vom Gesicht zu trocknen. So war’s eine Weile still in der Stube. Nur das Geflatter des Kreuzschnabels. Und in der Kammer die klagenden Stimmchen der Kinder. „Erhebt Euch, Jungfer!“, sagte der Dekan. „Ich will mit den Herren reden. Geht derweil in die Kamme rund geschweiget die armen Kinder!“

   Der Sekretarius atmete auf, doch Herr Gadolt runzelte die Stirn: „Die Jungfer steht pro testimonio vor dem Richter.“

   „Geht zu den Kindern, Jungfer!“ Die Stimme des Dekans hatte scharfen Klang. Und Madda gehorchte.

   Da richtete sich Herr Gadolt in aller Würde auf. „Ich muss Euer Gnaden zu bedenken geben, dass hier keine res ecclesiae verhandelt wird, sondern eine causa judicialis, bei der ich als unverantwortlicher Richter keinen Eingriff dulde.“

   Unbekümmert um diese feierliche Aufspreizung, nahm der Dekan dem Sekretär das Protokoll unter den Händen weg. Das wollte der Landrichter nicht gestatten. Doktor Pürckhmayer unterbrach ihn: „Es kann nur zum Guten dienen, wenn Herr von Sölln in den Stand der Dinge Einsicht gewinnt. Beruhigt Euch, Herr Gadolt!“

   Pfarrer Süßkind, der auf der Ofenbank die Daumen drehte, rief mit Lachen: „Gott hat ein Wunder getan! Der heilige Udo predigt den Frieden!“

   „Lass das, Süßkind!“, mahnte Herr von Sölln. „Das ist nicht die Stunde, um zu spotten.“

   „Und wenn er nicht schweigen will“, fiel Doktor Pürckhmayer ein, „so rufe ich die Dragoner und lasse den Störenfried vor die Tür setzen. Ihr aber leset! Ihr seid wohl nach irdischen Freuden eben erst aus dem Sattel gestiegen und wisst nicht, was geschehen ist?“

   „Doch, Herr! Dass Ihr ein unglückliches Geschöpf in den Turm gesperrt, und dass ihm der Zwanzigeißen mit seinen Daumenschrauben nur Seufzer und stumme Tränen entpresste – das weiß ich.“

   „Da wisst Ihr wenig. Leset das Protokoll!“

   Dem Dekan begannen die Hände zu zittern, während er las. Nun legte er das Blatt auf den Tisch. „Ich habe da nichts anderes gelesen, als die Geschichte einer barmherzigen Tat, die der Jungfer Barbière ein Loblied singt.“

   Mit verblüfftem Staunen sah Doktor Pürckhmayer den greisen Priester an. „Sonst habt Ihr nichts gelesen?“

   „Dazu noch das Elend eines kranken Menschenkindes, das Leiden eines fremden Weibes, das der Widerhall Eurer Predigten so ganz von Sinnen brachte, dass es im Schaue reines bösen Wetters Dinge zu erleben glaubte, die nicht wahr sein können, wenn es einen Gott im Himmel gibt.“

   Der Landrichter riss die Augen auf. Und Doktor Pürckhmayer rief: „Herr Gadolt! Sagt diesem Verblendeten, was wir wissen!“

   Der Richter begann zu sprechen, mit reichlichem Aufwand von Latein. Gleich am Morgen, als man die im Hemd aus den Lüften gefallene Hexe dingfest gemacht, hätten sich zwei Bäuerinnen eingefunden, um Zeugnis wider die Unholdin abzulegen. Die eine beschwor: Sie hätte gesehen, wie die Hexe am Abend mit einem Karren zu Berg gefahren wäre; aber den Karren hätte sie nicht gezogen, er wäre frei hinter ihr hergelaufen, wie ein Hündl seinem Herrn nachläuft. Die andere beschwor: Sie hätte sich aus Not am vergangenen Abend zum neuen Schlag hinauf geschlichen, um einen Armvoll Scheite zu stehlen; als es mit dem Wetter so grob wurde, hätte sie in der Felsgufel unterstehen wollen; da wäre ein fürchterliches Tier, sieben Mal so groß wie ein Ochse, vor der Gufel gelegen; im Felsloch hätte sie den Teufel reden und ein Weibsbild juchezen hören; der Satanas hätte lateinisch geredet, und da hätte sie die gestohlenen Scheite erschrocken zu Boden geworfen, hätte das Kreuz geschlagen und wäre davongelaufen. Zur Prüfung dieser Aussage war Herr Gadolt hinauf geritten zum neuen Schlag, hatte vor der Felshöhle die Holzscheite gefunden und in der Gufel, hinter dem mit Borzen beladenen Karren, das Kopftuch und das Röckl, das die Teufelsbuhlin von sich abgetan, bevor sie mit dem Hagelwetter hemdlings durch die Lüfte fuhr. Solcher Zeugnisse, meinte Herr Gadolt, hätte es gar nicht bedurft. Man hätte im Turm gesehen, wie ein unsichtbarer Teufel der Hexe die Glieder durcheinander schüttelte, dass man nicht mehr hätte unterscheiden können, was Arme und was Beine wären.

   „Gadolt! Gadolt!“, rief Herr von Sölln. „Habt Ihr denn noch nie von einer Krankheit gehört, die Verzerrungen des Verstandes erzeugt wie Verzerrungen der Glieder? Gebt doch einem vernünftigen Gedanken Raum! Glaubt Ihr denn, eine Hexe, die mit dem Teufel Buhlschaft trieb, wird ihr Verbrechen mit Kohle an die Mauer schreiben?“

   „Ob das die Hexe selbst getan, ist noch nicht statuiert!“, fiel Doktor Pürckhmayer ein. „Das simulacrum, das die Jungfer Barbière in der Küche gesehen, war plötzlich da und plötzlich verschwunden. Kann das nicht eine Erscheinung gewesen sein, die Gott erzeugte, um zum Nutzen der christlichen Landschaft das scheußliche crimen ans Licht zu bringen?“

   Dem Dekan versagte die Sprache. Und Pfarrer Süßkind, auf der Ofenbank, lachte zornig auf: „Allgütiger im Himmel! Was man Dir alles zutraut!“

   Ernst erklärte Herr Gadolt: Es könnte die Hexe das Bekenntnis auch aus Schlauheit an die Mauer geschrieben haben, um im Fall der Entdeckung auf einen Akt der Reue hinweisen zu dürfen. Die Inkulpatin war im Malefizverfahren bewandert. Auf ihrer Schulter hätte man, neben deutlichen Folternarben, ein Brandmal gefunden, das Jochel Zwanzigeißen als den Stempel des Salzburger Malefizamtes erkannte. Zur Klarstellung wurde noch am Morgen ein reitender Bote nach Salzburg geschickt. Der brachte die Aufklärung. In der ersten Maiwoche war zu Salzburg ein altes, fremdes Weib mit einer stummen Tochter aufgegriffen worden, weil eine Wirtin angab, die beiden hätten ihr die ganze Herberg mit Ungeziefer vollgehext. Man nahm die Verdächtigen fest, als sie vor einem Bäckerladen um Brot bettelten. Auf der Folter bekannte das fremde Weib: Sie wäre die Wittib eines Hufschmiedes, den man zu Landshut wegen Verzauberung eines bischöflichen Gespannes verbrannt hätte; sie wäre landflüchtig geworden, weil sie selbst in Bundschaft mit dem Teufel stünde; die verdiente Strafe wolle sie gerne leiden, wenn die Richter nur glauben möchten, dass ihre stumme Tochter ein braves Ding wäre. Weil sie so willig bekannte, wurde ihr der Feuertod durch die Gnade des Pulversackes erleichtert. An dem Maimorgen, an dem das fremde Weib justifiziert wurde, drückte man der Tochter zur Warnung das Brandmal auf die Schulter und jagte sie aus dem Turm. „Jetzt wissen wir, dass die stumme Hexe des Schreibens kundig ist. Gesteht sie nicht mit Worten, so soll sie ihre Mitschuldigen mit der Feder bekennen.“

   Entsetzen in den Augen, starrte Herr von Sölln den Richter an, der von diesen grauenhaften Dingen so würdevoll sprach, wie ein Zeremonienmeister von den Schüsseln einer fürstlichen Tafel. „Bekennen? Aus Angst vor dem Zwanzigeißen soll sie schuldlose Menschen mit sich ins Elend reißen, zur Peinbank und auf den Feuerstoß?“

   „Das würde Gott nicht zulassen!“, fuhr Doktor Pürckhmayer auf.

   „Nicht zulassen?“ Der greise Chorherr bot in seinem Zorn den Anblick eines Betrunkenen. „Nicht zulassen? Hat Gott nicht Eure Predigt zugelassen? Hat Gott nicht zugelassen, dass Eure Seligmacher in dieses Haus gekommen, in dem nichts anderes geschah als ein Werk der Barmherzigkeit?“ Er fasste den Doktor Pürckhmayer mit zuckenden Fäusten an der Brust. „Du! Sag mir, ob Dein Gott das zulassen wird, dass man dieses stumme Geschöpf auf der Folter zum Schreiben zwingt? Und Namen erpresst? Und Unglück und Widersinn von einem Haus in das andere hetzt? Sag mir, ob Du und Dein Gott das zulassen werden?“

   Süßkind und Besenrieder hatten sich zwischen die beiden Greise geworfen, drängten den Dekan zurück und sprachen mit beschwichtigenden Worten auf ihn ein. Bleich stand Doktor Pürckhmayer an der Mauer und sagte: „Es wird geschehen, was das Gesetz befiehlt. Ich wiederhole: Gott würde nicht zulassen, dass eine Inkulpatin Schuldlose bezichtigt. Wenn aber Gott es zulässt, dass sie Namen nennt, so sind es Mitschuldige, gegen die wir verfahren werden mit aller Strenge des Gesetzes. Und Euch will ich warnen, Herr von Sölln!“

   „Warnen? Mich?“

   „Ihr habt verstanden. Mehr sag ich nicht.“ Doktor Pürckhmayer wandte sich an den Landrichter. „Schließet das Protokoll!“

   Von draußen klang ein tobender Lärm herein. Dann im Flur der Wutschrei eines Mannes: „Wie kommt der Schinder in mein redliches Haus?“ Die Tür wurde aufgestoßen, und auf der Schwelle erschien Peter Sterzinger, atemlos, die grüne Jägertracht behangen mit den weißen Schaumflocken des Gaules. „Wie kommt der Zwanzigeißen unter mein Dach?“ Madda, die seine Stimme vernommen, kam aus der Kammer geflogen, warf sich an seine Brust und umklammerte seinen Hals. Peter Sterzinger schlang den Arm um die Zitternde. „Tu Dich nit sorgen, Maddle! Tät der Kerl Dich anrühren, so stoß ich ihm das Messer in den Hals. Gott soll mir helfen!“

   Herr Gadolt wollte ihn beruhigen: Der Zwanzigeißen wäre nur im Haus, um Kleidungsstücke für die Inkulpatin zu holen. Den Wildmeister und die Seinen träfe kein Verdacht, nur der Vorwurf folgenschwerer Unüberlegtheit. Während der Landrichter noch redete, sprang Peter Sterzinger wie ein Irrsinniger in die Kammer, weil er seine Kinder weinen hörte. Im gleichen Augenblick trat Jochel Zwanzigeißen in die Stube, mit seinem fetten, gutmütigen Lächeln. Unter dem linken Arm trug er ein Kleiderbündel, das in eine blaue Schürze gebunden war. Auf der rechten Hand streckte er dem Doktor Pürckmayer einen kleinen irdenen Tiegel hin, so herzensfreundlich, wie ein Bräutigam seiner Braut eine schöne Blume reicht. „Da hab ich einen kostbaren Fund getan.“

   Erschrocken wich der Kommissar zurück. „Was ist das?“

   „Die Schmier, mit der sich die Hexen salben zur Ausfahrt. Der Tiegel ist versteckt gewesen im Strohsack.“

   „Zurück!“, schrie Doktor Pürckhmayer, während er das Gesicht bekreuzte. „Entfernt diese Scheußlichkeit aus meiner Nähe!“

   Mit hastigem Griff riss Herr von Sölln den kleinen Tiegel aus der Hand des Zwanzigeißen und trat mit dem Pfarrer Süßkind zum Tisch, um den Fund bei Licht zu betrachten. Inzwischen begann Herr Gadolt zu inquirieren: „Jungfer Barbière? Hattet Ihr Kenntnis, dass sich dieses Latwerg in Eurem Haus befand?“

   Madda konnte nicht sprechen, schüttelte nur den Kopf und wich erschrocken vor dem Freimann zurück, der mit funkelndem Blick auf sie zugetreten war. In Zorn sprang Doktor Besenrieder auf. „Zwanzigeißen! Ihr habt Euch in geziemender Entfernung von der Zeugin zu halten!“ Für diesen Ausbruch seiner Bräutigamssorge bekam er von Herrn Gadolt die lateinische Vermahnung: Dass der Protokoll führende Sekretär nicht berechtigt wäre, in den Gang einer Vernehmung einzugreifen pro gratia personae. Da rief der Pfarrer: „Was da drin ist in dem Scherben, ist eine Wundsalb, wie die Leut sie aus Hirschtalg und Harz zusammenrühren.“

   „Ja, Herr!“, stammelte Madda. „Bald, nachdem die Marei zu uns gekommen ist, hab ich gemerkt, dass aus dem Eisenhafen, in dem der Schwager das Inschlitt von den Hirschen einschmilzt, ein Brocken herausgestochen ist.“

   „Dass die arme Magd eine Wundsalbe nötig hatte“, fiel Herr von Sölln mit bebender Stimme ein, „dafür haben die Salzburger Schergen gesorgt!“

   Zwanzigeißen hob die Hand. „Möchten mich die gnädigen Herren ein Wörtl reden lassen?“ Freundlich lächelnd trat der fette Jochel näher. „Das ist so bei der Hexenschmier, dass sie allweil unverdächtig aussieht, wie Immenhonig, wie eine Wundsalb, wie Nähwachs, Wer Übung hat, der kennt sich aus. Jede Hexenschmier, wenn sie vom Teufel gesegnet ist, muss nach Kindsfett riechen. Das ist ein Geruch, den die gnädigen Herren nit kennen werden. Ich kenn ihn.“ Er deutete. „Die Schmier da schmeckt nach Kindsfett. Jetzt weiß ich auch, warum der jungen Bachbäuerin ihr ungetauftes Kindl vergangene Woch hat sterben müssen, kein Mensch hat sagen können, an was.“ Da sprang der Dekan auf ihn zu: „Du Schurk und Mörder um fünf Gulden Sportel! Schmeck an dem Kindsfett!“ Er schleuderte dem Freimann den Tiegel an den Kopf, dass die Scherben auseinanderklirrten und die Hexensalbe als dickes Pflaster auf der Stirn des Jochel kleben blieb. „Euer Gnaden!“, fuhr Herr Gadolt auf. „Ich protestiere –“

   „Wollt Ihr sagen, dass ein Gericht hier amtet? Ist das noch ein Gericht, das Ehrerbietung verdient?“ Herr von Sölln hatte dem erschrockenen Sekretär das Protokoll unter der Feder weggerissen, knüllte das Blatt zusammen und warf es zu Boden.

   Im Sturmschritt, ohne ein Wort zu sagen, ging der hochwürdige Doktor Pürckhmayer aus der Stube. Pfarrer Süßkind lachte. „Der Udo von Magdeburg muss einen Spritzer von der Hexenschmier abgekriegt haben! So teufelsmäßig flink ist er davongefahren.“

   In Empörung wollte Herr Gadolt zur Wahrung seiner amtlichen Würde eine lateinische Rede beginnen, verschluckte sie aber, weil er die Assistenz des geistlichen Kommissars vermisste, hob mit zornrotem Gesicht den zerknüllten Bogen von der Erde auf und sagte zum Sekretär: „Ihr werdet aus Rücksicht für Seine Gnaden den Herrn Dekan, der in entschuldbarer Erregung die Amtshandlung störte, das Protokoll repetieren müssen.“

   Peter Sterzinger war aus der Kammer getreten. Der Anblick seiner Kinder schien ihn beruhigt zu haben. „Herr Richter! Zu der schiechen Sach, die da verhandelt wird, muss ich eine Klag tun. Der Schinagl hat mir erzählt, was geschehen ist. Ich selber hab der Marei den Auftrag gegeben, dass sie hinaufkarren soll auf den neuen Schlag und die Borzen holen. Wie das Mädel so lang verblieben ist, da ist der Schinagl suchen gegangen. Er hat zwei Hund bei ihm gehabt. Wie er hinaufkommt, haben die Hund eine Wildfährt angefallen. Im Hochwald haben sie Laut gegeben, als wären sie hinter einem angeschossenen Stück Rotwild her –“

   Durch Tür und Fenster klang bei sinkender Nacht ein wachsender Lärm in die Stube. Pfarrer Süßkind, von Sorge befallen, sprang in den Flur. Gleich erschien er wieder. „Herr! Da draußen predigt der Udo wider uns!“ Der Dekan trat mit dem Pfarrer hinaus in die Nacht. Aus dem Leutgewühl klang eine schrillende Stimme. Die hörte sich an wie das Angstgeschrei eines Weibes. Es war die Stimme des geistlichen Kommissars, der zu den Bauern von einer unerhörten Gewalttat wider die Heiligkeit des Gesetzes sprach, von verdächtiger Barmherzigkeit, von schlechten Herren, die gegen das Wohl der eigenen Untertanen wüten, wie der teuflische Hagel loswütete gegen den Hafer der christlichen Bauern.

   „Süßkind? Ist dieser Mensch besoffen?“

   „Wär schon möglich. Dummheit kann rauschig machen wie alter Wein.“

   Mit erhobenen Armen ging Herr von Sölln auf den lärmenden Haufen zu. „Ihr Leute! Ihr guten, lieben, irregeführten Leute! Um Gottes Barmherzigkeit willen –“ Da war schon eine kreischende Meute um ihn her, aus deren Zorngebrüll die Worte herausschrillten: Teufel, Hafer und Hexe. Pfarrer Süßkind, dem die Stunde nicht mehr geheuer erschien, begann zu schreien: „Wildmeister! Wildmeister!“ Er suchte den Dekan aus dem Gewühl herauszuzerren. Das wäre ihm nicht gelungen, wenn nicht Peter Sterzinger den Notschrei des Pfarrers vernommen hätte. „Himmelsakerment, ihr verdrehten Metzenschädel, wisst ihr denn nimmer, was Ehrfurcht ist?“ Bei dieser Frage begann der Wildmeister eine so ausgiebige Arbeit, dass es dem Pfarrer gelang, den Dekan um die Hausecke zu retten. Er gab ihn erst frei, als sie auf dem Gehäng des Stiftsberges im Schutz der finsteren Holunderstauden waren: „So, Herr, jetzt rastet ein bissl!“ Herr Süßkind selber atmete so schwer, dass er kaum noch reden konnte. Erschöpft und zitternd setzte sich Herr von Sölln auf den Grasboden hin. Rings um ihn her war die schwarze Laubmauer der Stauden; in der Höhe ein Stück des Himmels, den der steigende Mond zu erhellen begann; und drunten in der Nacht das Rauschen der Ache und das Geschrei der Bauern. „Menschen! Menschen! Sag mir, Süßkind, zu was hat Gott die Menschen erschaffen?“

   „Die da drunten? Und den heiligen Udo? Das weiß ich nicht. Aber zu was er Euch erschaffen hat, das hab ich gemerkt, wie Ihr dem Zwanzigeißen sein Kindsfett an den Kopf geschmissen habt. Man muss den Wert und Zweck der Menschheit nicht wägen am Zentner Pofel, sondern am Quentl Ausnahm.“

   „Süßkind? Was tun, um der Narretei einen Riegel zu legen? Was Prior Josephus geraten hat: Das Ding ad absurdum zu führen? Das ist ein gefährlicher Rat!“

   „Gefahr ist alles, Herr! Des Josephi Rat ist gut. Und ich selber will den Hexenbeichtiger machen und der stummen Magd fürsagen, was sie schreiben soll.“

   Der Dekan erhob sich. „Nein! Ich weiß einen anderen Weg. Nach Herrenrecht hab ich die Schlüssel zu jedem Schloss im Stift. Ich will warten bis nach Mitternacht. Dann geb ich der armen Magd die Freiheit.“

   „Herr! Das wär von allem Weg der übelste!“

   „Bis zum Morgen wird sie außer Land sein. Mein Zehrpfennig wird ihr weiterhelfen. Aber wo sie auch hinrennt, überall wird sie das fremde Weib sein! Das fremde Weib!“ Der Greis drückte das Gesicht in die Hände.

   Der Stimmenlärm da drunten beim Wildmeisterhaus verstärkte sich, wobei der Volksprediger Doktor Pürckhmayer was Unliebsames erleben musste. In der Dunkelheit verwechselten die blindwütigen Bauern seine weiße Dominikanerkutte mit dem weißen Augustinerhabit des verschwundenen Dekans. Der geistliche Kommissar war genötigt, die Hilfe seiner kölnischen Dragoner anzurufen. Denen gelang es, den Hof zu räumen und das Heckentor zu schließen.

   Nun saß der Kommissar, mit glitzernden Schweißperlen an den Schläfen, beim Kerzenschein wieder auf der Wandbank in der Stube, während Besenrieder das Protokoll repetierte. Peter Sterzinger ergänzte seine Klage: Das Stück Rotwild, das die Hunde in der Gewitternacht niedergerissen hätten, wäre vom Schinagl als weidwund von einem Bolzenschuss angesprochen worden; es wäre den Herren wohl auch bekannt, dass die Wildbretdiebe das Gesicht schwärzen. „Beim Regen ist der Kerl in der Gufel untergestanden. Da muss die Marei dem geschwärzten Lumpen begegnet sein. Der Saubär hat sie gepackt, hat ihr das Röckl vom Leib gerissen, und das arme Weibsbild hat ihn aus Angst und Dummheit für den schwarzen Teufel genommen. Schwören will ich drauf, dass der Lump kein andrer gewesen ist als der Michel Pfnüer, der sich weg gelogen hat von der Jagdfron.“

   Herr Gadolt nahm diese völlig sinnlose Beschuldigung so wenig ernst, wie sie es verdiente, sagte aber doch: „Der Pfnüer wird hiewegen inquiriert werden. Sollte sich wider Erwarten das Ding mit der Hirschkuh etcetera als res naturalis aufklären, so bleibt noch immer die Frage: Wer hat das Wetter gemacht und den Hafer devastiert? Die Hexe als factum ist vorhanden, im Hemd aus der Luft gefallen.“

   Peter Sterzinger, dem der ausgebuchtete Hals wie Zinnober glühte, wollte was sagen. Er wurde zum Schweigen verwiesen. Dann musste Madda das repetierte Protokoll unterschreiben. Die Herren gingen aus der Stube. Jochel Zwanzigeißen, mit dem Kleiderbündel unter dem Arm und mit den gesammelten Scherben des Salbentiegels in der Hand, ließ ihnen höflich den Vortritt. Dann nickte er freundlich und sagte: „Die Jungfer sollt aus Fürsicht buschlige Krausen tragen! Man muss den Leuten nit alles zeigen, was man am Hals hat.“ Madda erschrak, dass sie zitterte. Ihr Schwager war auf die Ofenbank hingefallen, mit dem Kopf zwischen den Fäusten. Der Kreuzschnabel im Käfig wurde ruhig, plusterte die Federn auf und steckte das Köpfl unter den Flügel. Dennoch war es, als pfiffe ganz leise ein Vogel in der stillen Stube. Das kam von der Luftnot des Wildmeisters. Er brauchte lang, bis er den freien Atemzug und seine Ruhe wieder fand. Dann gab er dem Schinagl den Auftrag: Wenn die Jäger kämen und das Jagdzeug brächten, sollte alles in der Scheune verwahrt werden. „Mich soll man in Ruh lassen!“ Er stieß an der Haustür den Riegel vor und zog in der Stube die roten Vorhänge vor die Fensterscheiben. Die Schwägerin an der Hand fassend, fiel er auf die Ofenbank. „Maddle! Maddle! Was hast Du uns mit dem maultoten Ding für ein Elend ins Haus geführt!“

   „Ich bin barmherzig gewesen. Und die Marei ist so unschuldig, wie ich selber bin. Das muss sich erweisen, wenn’s noch Gerechtigkeit gibt auf der Welt.“

   Mit leisen Stimmen, gemartert von aller Sorge dieses Tages, sprachen sie weiter. Plötzlich sprang die Jungfer auf und blies die Lichter aus, die auf dem Tisch brannten.

   „Mädel? Was ist denn?“, fragte Peter Sterzinger in der Finsternis. Da hörte er den Laut der heimkehrenden Hunde und den Stimmenlärm der Jäger und Fronleute, die das Jagdzeug brachten. „Jesus, mit denen kommt der Bub!“ Im gleichen Augenblick wurde an der verriegelten Haustür gerüttelt, und eine erwürgte Stimme war zu hören: „Wildmeister! Um Himmelschristi willen, so tut mir doch auf!“ Peter wollte zur Tür. Zwei zitternde Arme umklammerten seinen Hals, und als er sprechen wollte, presste sich eine Hand auf seinen Mund. „Wildmeister! Wildmeister!“ Das schrie der Bub da draußen immer wieder, und rüttelte an der Haustür, bis der Schinagl kam und grob wurde. Eine Weile noch der Wechsel erregter Stimmen im Hof. Dann wurde es still vor den Fenstern. Auch die müden Hunde schwiegen.

   In der finsteren Stube brach Madda in Schluchzen aus. Der Schwager führte sie zur Ofenbank, sie vergrub das Gesicht an seiner Brust, und so saßen die beiden in der Dunkelheit, bis Peter Sterzinger schwer atmend sagte: „Komm! Gehen wir halt zur Ruh in Gottes Namen! Das hat keinen Sinn, so herhocken die halbe Nacht.“ Madda zündete eine Kerze an. Während sie die Treppe hinauf stieg, hörte sie Mitternacht schlagen. In ihrer Kammer fiel sie vor dem kleinen Tisch, der im Mondschein am offenen Fenster stand, auf einen Sessel, schob den Leuchter vor sich hin und drückte das Gischt in die Arme. Eine Stunde verging, Madda regte sich nicht. Drunten schlugen die Hunde an und wurden gleich wieder still, als hätte jemand sie beruhigt, den sie kannten.

   Im Garten ein Klatschen, als wären reife Birnen von dem Baum gefallen, der nah vor dem Fenster stand. Jetzt schwankten die Äste da draußen hin und her, und Madda sprang mit ersticktem Geschrei vom Sessel auf. Vor dem Fenster bewegte sich was und rückte über die knorrigen Äste immer näher. Ein bleiches Gesicht, vom Mond beschienen, tauchte auf und verschwand wieder im Schatten.

   Madda, vor Schreck wie gelähmt, sah draußen in der Nacht das entstellte Gesicht der Marei, das von der Kerzenhelle beleuchtet war. Mit der Linken hing die Magd an einen Ast geklammert, und während sie mit der Rechten in irrsinniger Hast zu deuten und zu reden anfing, stöhnte sie ihre dumpfen Laute, einen Blick voll Angst in den verstörten Augen, aus denen die Tränen mit Geglitzer nieder kollerten über den lallenden Mund. Wie Verzweiflung schien es die Magd zu befallen, als Madda nicht verstehen wolle. Sie rückte näher und griff mit beiden Händen nach dem Fenstergesims, ums ich hereinzuzwängen in die Stube. Da löste sich der Bann, den der Schreck über Maddas Glieder geworfen. „Peter!“, schrie sie mit gellendem Laut. Sie sah nicht mehr das Flehen in den nassen Augen der Magd, das Warnen dieser beredten, mit Blut befleckten Hände. Von Angst getrieben, stürzte sie hinaus auf die finstere Stiege. Die Sinne drohten ihr zu schwinden. Dass sie die Stimme ihres Schwagers hörte, das brachte sie wieder zu sich. Der kam, nur halb bekleidet, mit nackten Füßen über die Treppe herauf gesprungen. „Jesus! Was ist denn?“

   „Im Birnbaum vor meinem Fenster hockt die Marei.“

   Peter Sterzinger sprang in die Kammer. Dann hörte Madda sein heiseres Lachen. „Aber Mädel! Da muss Dir ein Traum was fürgelogen haben. Draußen vor dem Fenster ist nichts wie Mondschein und der leere Baum.“ Madda trat in die Stube und starrte das Fenster an: „Peter, ich schwör, das ist die Marei gewesen!“ Mit fliegenden Worten begann sie zu erzählen. Der Schwager ließ sie nicht zu Ende reden: „Komm! Wenn’s wahr wär, dass ein Mensch auf den Baum gestiegen, so müsst im Krautbeet drunten eine Fährt sein.“ Sie gingen hinunter, und der Wildmeister steckte die Kerze in eine Laterne. Nun traten sie hinaus in die schöne, kühle Mondnacht, in der als einziger Laut das Rauschen der Ache war. Um die Hausecke zum Garten. Gleich beim ersten Hinleuchten entdeckte Peter zwischen dem Kraut die frische Spur eines Menschenfußes. Im Zwinger gaben die Hunde Laut. Der Wildmeister flüsterte: „Nimm das Licht unter den Schurz!“ Während Madda die Laterne verhüllte, sprang Peter lautlos gegen die Hecke hin. Jetzt hörte die Jungfer einen stöhnenden Wehlaut und die keuchende Stimme ihres Schwagers: „Mensch! Wer bist Du?“ Die Laterne hebend, lief Madda hin und sah den Doktor Besenrieder auf den Knien liegen, mit dem Gesicht eines Gespenstes, mit bettelnd gefalteten Händen: „Keinen Laut, Peter! Schnell in die Stube hinein!“ Der Wildmeister lachte rau und ging dem stummen Brautpaar voran. Nun standen die drei in der Stube, beim trüben Schein der Laterne, die der Wildmeister auf die Ofenbank gestellt hatte. „Gelt, Mädel, wenn wieder einmal Dein Brautherr bei Dir fensterln will, dann schau Deinen Sekretar nit für ein Weibsbild an! Und Euch, Besenrieder, hätt ich für gescheiter gehalten, als dass Ihr in so ernster Zeit solche Dummheiten treiben könntet.“

   Das käsige Jammermännchen guckte verstört den Wildmeister an: „Ich weiß nicht, was Ihr redet!“

   „Herr Sekretar!“, brauste Peter auf. „Das Leugnen wär noch dümmer als Euer Streich. Wer soll denn sonst vor meiner Schwägerin Fenster auf dem Birnbaum gehockt sein? Das hat Euch freilich nit in den verliebten Kram gepasst, dass das Mädel Zeter und Mord geschrieen hat.“

   „Schwager, Schwager“, stammelte Madda, „meine Seligkeit verschwör ich drum, es ist die Marei gewesen!“

   Mit dem Doktor ging eine seltsame Veränderung vor. Die schlotternde Angst schien plötzlich von ihm zu weichen. Er streckte den hageren Körper, und ein harter Ernst sprach aus seinen traurigen Augen. „Ich glaube zu verstehen. Was die Jungfer auf dem Birnbaum gesehen hat, kann in Wirklichkeit nicht die Marei gewesen sein, deren peinlichem Verhör ich beigwohnt habe bis zur elften Nachtstunde. Den Schlüssel, mit dem der Zwanzigeißen vor meinen Augen die Turmtür sperrte, hab ich selber Seiner Gestreng überbracht. Dass die geständige Teufelsbuhlin, die im Turm sitzt, zu gleicher Zeit als simulacrum der Jungfer Barbière vor ihrem Fenster erscheinen konnte, dieses factum confirmatum geschweigt mir manchen Zweifel, mit dem ich in aller Bitternis meines Herzens gerungen habe.“ Er streifte Madda mit einem Blick des tiefsten Kummers und wandte sich wieder an den Wildmeister. „Mein Charakter und die Würde meines Amtes hätten mich vor dem törichten Verdacht bewahren sollen, als könnte ich zur Nachtzeit auf Bäume steigen und einen Akt der Missachtung gegen meine Braut begehen, die ich bis zu dieser Stunde geschätzt habe für eine Heilige!“ Dem Sekretar zerbrach die Stimme.

   Peter Sterzinger, in heiß aufsteigender Sorge, keuchte: „Herrgott! Mensch! Bist Du es nit gewesen, den ich draußen im Krautbeet frisch gespürt hab?“

   „Nein. Ich hatte mich eben durch die Hecke gezwängt, weil ich nicht an das Tor pochen wollte. Dass ich kam, ist eine schwere Versündigung an der beschworenen Pflicht meines Amtes. Es geschah aus der schmerzvollen Erwägung, dass es über meine Kräfte gehen würde, wider die Jungfer, die meinen Namen hätte tragen sollen, als Gerichtsperson amtieren zu müssen. Ich bin gekommen, um die Jungfer Barbière zu schleuniger Flucht zu bestimmen. Die Inkulpatin Maria Baustätter aus Landshut, die drei Grade der peinlichen Frage hartnäckig überstand, hat beim vierten Grad neben einer zweiten Mitschuldigen auch den Namen der Jungfer Barbière als einer Gesellin bei ihren Hexenfahrten niedergeschrieben.“

   Sterzinger fiel wie ein Klotz auf die Ofenbank. Madda lächelte mit blassem Mund. Es war wie das Lächeln eines klugen Kindes, dem ein gruseliges Märchen nicht glaubhaft erscheint.

   „Es steht mir in dieser Stunde nicht zu, zwischen Verdacht und Wahrheit zu entscheiden“, sagte Besenrieder, „doch die Rücksicht auf mein Amt gebietet mir, der Jungfer Barbière den Ring zu restituieren, den ich bis an mein Lebensende zu tragen hoffte.“ Ohne Madda anzusehen, ging er zum Tisch und schob einen dünnen Silberreif, den er nicht vom Finger zog, sondern aus der Gürteltasche nahm, bis in die Mitte der Tischplatte. Sein Rücken krümmte sich, ein heftiges Zittern befiel ihn. „Dass man meine Warnung mit dankbarem Schweigen übergehen möchte, damit ich nicht in Schmach und Elend gerate, hiewegen will ich keine Bitte stellen. Das mag die Jungfer halten nach ihrem Gutdünken.“ Jetzt sah er Madda an. Das war wie der Blick eines Verhungernden, dem böse Fäuste das Brot aus der Hand gerissen. Und plötzlich schrie er: „Rettet Euch, Jungfer! Noch in dieser Stunde! Es könnte zu spät sein, wenn es tagt.“ Dann floh er aus der Stube, mit solcher Hast, dass vom Luftzug das schwarze Seidenmäntelchen wie ein dunkles Rad um seien Schultern war.

   Peter erwachte aus seiner dumpfen Betäubung und streckte die Arme. „Herr Sekretarie! Jesus Maria!“ Er wollte dem Fliehenden nachspringen. Da sagte Madda mit einer Stimme, deren Ruhe der Wildmeister wie etwas Ungeheuerliches zu vernehmen schien: „Geh, lass ihn laufen!“ Er sprang zu ihr hin und umklammerte sie. „Du Liebe! Barmherziger Himmel! Der Blödsinn ist ledig im Land wie ein wilder Stier. Pack in ein Tuch, was ich schleppen kann! Ich führ Dich durchs Holz hinauf in den Tiergarten. Der Wärtl im Jagdschloss muss Dich verstecken, muss Dich hinüberführen nach Reichenhall.“

   „Aber Peter!“ Sie sah ihn lächelnd an. „Bist allweil so ein gescheites Mannsbild gewesen. Und da tust Du mir das Allerdümmste raten. Vor wem muss ein unschuldiges Leut davonlaufen?“

   Er starrte sie ratlos an. „Mädel! Das rote Malefiz! Und da kannst Du lachen!“

   „Soll eins nit lachen, dem sein Leben frei geworden? Steht nit die helle Freud vor mir? Und alles Glück, das der Herrgott einem Menschen geben kann?“ Eine trunkene Süßigkeit war im Klang ihrer Stimme. Aufatmend schloss sie die Augen und presste mit beiden Händen die Brust, als wäre ein Gefühl in ihr, das nicht Raum hat in der Enge eines Menschenherzens.

   Peter Sterzinger grub die Fäuste in sein Haar. „Maddle! Jesus Maria! Da weiß ich nimmer, was ich denken muss! So eine Stund! Und so ein Reden!“

   Sie schlug die Augen auf und lachte den Schwager an, ging zum Tisch, nahm den silbernen Reif und legte ihn auf die flache Hand. „Guck, Peter! Das Reifl bind ich morgen mit roter Seiden an eine geweihte Kerz. Die trag ich der heiligen Mutter Gottes hinauf in die Pfarrkirch. So schön ist’s freilich nit, wie dem Joser sein Bildstöckl. Jeder gibt, wie er kann.“

   Der Wildmeister packte sie an der Schulter. „Maddle!“, schrie er. „Ist ein Wunder geschehen? Oder hat sich vor Grausen Dein armer Verstand verwendt?“

   Aus der Kammer klangen ie ängstlichen Stimmchen der Kinder, die nach dem Vater riefen. „Schau nur!“, sagte Madda. „Weil Du so schreien musst! Jetzt hast Du die Kinder aus dem guten Schlaf gebracht!“ Sie ließ den silbernen Reif in die Tasche gleiten und lief in die Kammer. Draußen schlugen die Hunde an. Ein Schreck fuhr dem Wildmeister durch die Glieder. Mit dem Hirschfänger, den er vom Zapfenbrett gerissen, sprang er zur Haustür. Draußen der bleiche, von schwarzen Schatten durchwobene Mondschein. Noch immer lärmten die Hunde. Kein Geräusch beim Tor, kein Schritt und kein Laut auf der Straße. Peter Sterzinger atmete auf. Dann trat er in den Flur zurück und verriegelte die Türe.

   Die Hunde schwiegen. Nur das Rauschen der Ache. Plötzlich wieder das tolle Kläffen im Zwinger. Und ein Geraschel in der finsteren Hecke, durch deren Gezweig sich eine Weibsperson hinauszwängte auf die Wiese. Draußen taumelte sie ein paar Schritte, stürzte zu Boden und wand sich in Krämpfen. Nun lag sie wie eine Schlummernde. Als sie erwachte, dämmerte schon das erste Grau des Morgens. Eine Weile blieb die stumme Magd noch in der Wiese stehen, hinaufstarrend zu dem dunklen Hausfirst, der über der schwarzen Hecke zu sehen war. Immer bekreuzte sie das von Tränen übergossene Gesicht. Endlich taumelte sie gegen die Straße hinaus – und stand wieder, von zitternden Schreck befallen, als das von den Ulmen überschattete Haus des Josua Weyerzisk heraustauchte aus dem Grau. Wieder bekreuzte sie das Gesicht, lallte einen dumpfen Laut und rannte wie ein gehetztes Wild die Straße hinaus. Keuchend hielt sie inne, weil sie merkte, dass der Weg, den sie eingeschlagen, gegen Salzburg führte. „Mua, Mua!“, lallte sie unter strömenden Tränen, rannte über einen Acker, watete durch die Ache, deren Wasser ihr hinaufrauschte bis an die Brust, und erreichte einen Saumpfad, der steil empor führte durch den Wald. Mühsam atmend folgte sie diesem Weg, gejagt von allen Ängsten ihrer Seele, gequält von allen Schmerzen ihres gemarterten Leibes. Wohin wird dieser Weg sie führen? Über die Berge! Irgendwohin. Und der erste Mensch, der ihr begegnet, wird sie misstrauisch anschielen. Der zweite wird schreien: „Was will denn das fremde Weibsbild da?“ Der dritte, der die Müde rasten sieht bei seiner Hecke, wird schimpfen: „Mach, dass Du weiterkommst, Du Hex!“ Und dieses Wort beruft die Folter und das Feuer.

   Der Wald noch schwarz. Die Wiesen hellten sich schon auf. Am Haus des Josua Weyerzisk war in der Dämmerfrühe ein rötlicher Lichtschein hinter den kleinen Fenstern. Als es zu tagen begann, erlosch das Licht. Der junge Meister trat aus dem Haus, auf den Armen etwas Schweres, das in ein grünes Tuch gewickelt war. Mit den Augen eines Glücklichen sah er in den schönen, frischen Morgen hinaus. Nur als er hinüberguckte zum Haus des Wildmeisters, ging ein Kummerschatten über seine Freude. Er atmete auf und folgte dem Wiesenpfad, der zum Markt hinaufführte. Die Gasse droben war noch ohne Leben. An der Pfarrkirche fand Josua das Tor verschlossen. Er trat in den Friedhof und blieb vor dem Grab seines Kindes stehen. Während er zärtlich die welken Blätter von der kümmernden Rosenstaude löste, schloss der Mesner die Kirche auf, um den Morgensegen zu läuten. Joser, den Kopf entblößend, trat in das kühle Gotteshaus, in dem noch die Dämmerung alle Säulen und Altäre umschleierte. Auf der Schwelle des Kirchentores löste Joser das grüne Tuch von dem Schnitzwerk und warf noch einen prüfenden Blick auf das keusche, liebliche Werk seiner Hände und seines Herzens. Heiß stieg ihm das Blut in die Wangen. Was so hell in seinen Augen glänzte, war die stolze Freude des Künstlers, der empfindet: „Mir ist ein schönes Ding gelungen.“

   Beim Eintritt in die Kirche vergaß er sich zu bekreuzen. Auf den steinernen Fliesen hallte sein Schritt. Er ging auf einen der Seitenaltäre zu, dessen Altarbild die Jungfrau Maria zeigte, wie sie von Engeln getragen, aus grauen Wolken in den geöffneten Himmel schwebt. Joser stellte das Schnitzwerk auf den mit weißem Spitzentuch bekleideten Altar. Noch ein letztes Mal, als fiele ihm die Trennung von seinem Werk schwer, strich er mit der Hand über den Sockel des hölzernen Bildes. Dann beugte er das Knie und flüsterte lächelnd: „Heilige Mutter! Vergelts Gott, heilige Mutter!“ Lange bleib er auf den Knien liegen. Als er ging, drehte er immer wieder das Gesicht nach dem Altar zurück, auf dem das geschnitzte Bild, je näher Joser dem Kirchtor kam, immer undeutlicher in der stillen Dämmerung zerfloss.

   Er trat hinaus in den Morgen. Was wohl die Leute beim Anblick des Marienstöckls für Augen machen werden, wenn sie zum sonntäglichen Hochamt in die Kirche kommen? So ganz versunken war er in diesen frohen, stolzen Gedanken, dass er den Dekan nicht gewahrte, der beim Anblick des jungen Meisters erschrocken stehen blieb und dann hinüber rannte zum Pfarrhof, um bei der Widumstür an der Glocke zu reißen, als hätte er den Pfarrherrn zu einem Sterbenden zu rufen.

   Im Laienhof des Stiftes hatte Joser kein Ohr für den Lärm, der um die frühe Stunde schon in der Wachtstube der Musketiere herrschte. Er sah nicht, wie ihm die Spießknechte nachguckten, die Köpfe zusammensteckten und miteinander tuschelten. Joser erwachte aus seinem lächelnden Sinnen erst, als er unter dem leuchtenden Sonntagshimmel die Straße schon halb hinunter gestiegen war und da drunten, zwischen seinem Garten und dem Haus des Wildmeisters, ein paar Dutzend Leute und ein helles Blinken sah, wie von den Eisen langer Spieße. Da dachte er in Schreck an die stumme Marie, an die Jungfer Barbière, an den Wildmeister, und fing in Sorge zu rennen an. Plötzlich stand er wie gelähmt. Was wollten die Spießknechte in seinem Garten? Und wie laut auch die Ache rauschte, Joser konnte über die paar hundert Schritte her eine gellende Frauenstimme hörne, gleich der Stimme eines ertrinkenden Kindes. „Jesus!“ Unter diesem stöhnenden Laut begann er durch die Wiese zu jagen, nicht wie ein Mensch, sondern mit der Schnelligkeit eines Wildes, das die Hunde läuten hört. Er hatte die Stimme seines Weibes erkannt. So wie jetzt, so hatte das Trudle damals geschrieen, als der Kessel mit dem siedenden Wasser gefallen war. „Jesus! Jesus!“ Da kam, von einem Dutzend aufgeregter Leute begleitet, der Trupp schon über die Straße her, voraus der Doktor Besenrieder mit aschfahlem Gesicht und der freundlich schmunzelnde Jochel Zwanzigeißen, dann die Spießknechte, vier von den kölnischen Seligmachern, und zwischen ihnen die taumelnde Weyerziskin, schreiend und mit gebundenen Händen.

   Dass neben dem Trudle die Jungfer Barbière ging, an den Arm der Weyerziskin gefesselt, doch stumm und ruhig, das sah der Josua nicht. Er sah nur sein Weib. Mit einem Zornschrei die geballten Fäuste erhebend, sprang er auf den Jochel Zwanzigeißen zu. Bevor er den Freimann erreichte, stürzte er besinnungslos auf die Straße hin.

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