Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
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Kapitel 16

   Ein schöner Morgen war gekommen. Während die Kirchenglocken zur Frühmesse läuteten, stand der hochwürdige Kommissar in seiner Stube am offenen Fenster und blickte sinnend hinaus in das Kühle Leuchten. Diese Sturmnacht hatte den Herbst gebracht. In den Laubwäldern sah man gelbe Ahornkronen, und die Berge waren beschneit bis über die Almen herunter. Doktor Pürckhmayer hatte keinen Blick für den Rosenkranz, den die Sonne um den weißen Wazmann warf. Vor einer Viertelstunde hatte man ihm gemeldet, dass der Hagelschlag alle Haferfelder vernichtet hätte; das wäre für das Stift ein schwerer Schaden; die Bauern, die zur Nachschau ausgezogen, kämen verzweifelt von den verwüsteten Feldern heimgelaufen; da müsste von Seiten der Herrschaft was geschehen, um die Leute zu beruhigen, ehe die Aufrührer laut würden. Dem Doktor Pürckhmayer war die Stirn heiß geworden. „Was kommt ihr zu mir gelaufen? Einen Udo von Magdeburg hat man mich gescholten, einen Landschaden und Volksverhetzer. Jetzt, wo die Gottesstraf ersichtlich wird, jetzt kommt ihr zu mir? Geht zu eurem wiesen Dekan! Der ist wohl auf der Hofjagd, um für einen Ketzer die Wildsauen zu treiben, damit es den Gurgeln der Chorherren nicht an Feuchtigkeit gebricht? Da harret nur, bis er seines unpriesterlichen Vergnügens satt geworden! Mich lasst inr Ruhe!“ Der geistliche Kommissar war grollend an das Fenster getreten und sah auf den Feldern diese winzigen Figürchen hin und her schleichen. Ein Gefühl des Erbarmens erwachte in ihm. Mochte unter ihnen mancher sein, der die Gottesstrafe verdiente! Aber es gibt doch auch gute Christen, die Hafer bauen. Ihnen sollte Gottes treue Hilfe nicht fehlen. Wer schadet denen? Doch wohl der Böse und seine verruchten Helfershelfer! Das könnte aber unmöglich geschehen, wenn es Gott nicht zuließe. Dass er es zulässt, also quodam modo ein Mitschuldiger des Bösen wird? Wie ist das in Einklang zu bringen mit Gottes Wesen, dem doch alles Böse und seine verruchten Helfershelfer! Das könnte aber unmöglich geschehen, wenn es Gott nicht zuließe. Dass er es zulässt, also quodam modo ein Mitschuldiger des Bösen wird? Wie ist das in Einklang zu bringen mit Gottes Wesen, dem doch alles Böse zu unnahbar sein muss wie die Mitternacht dem Mittag?

   Doktor Pürckhmayer legte die Stirn in Falten. Die ‚Zulassung Gottes’ führte ihn zu Bedenken, die sein kanonisch geschulter Geist nicht völlig überwand. Es machte ihm dabei ein Zitat zu schaffen. Er hatte bei seinem gottseligen Ordensbruder Sprenger gelesen, dass die Hexen mit besonderer Vorliebe neugeborene Kinder fressen; am liebsten die eigenen; gewöhnlich nur die ungetauften; in Ausnahmefällen auch getaufte, was aber nur geschehen könnte unter Voraussetzung einer besonderen ‚göttlichen Zulassung’. Das erweckte Bedenken in ihm. Aber die theologische Fakultät der Universität zu Köln hatte der Sprengerschen Lehre die Approbation erteilt, und Doktor Pürckhmayer sah sich vor einen Konflikt zwischen menschlicher Vernunft und priesterlicher Pflicht gestellt. So ganz versunken war er in seiner Gedanken, dass er den Stimmenlärm überhörte, der aus der Tiefe herauftönte zu seinem hochgelegenen Fenster. Schließlich wurde der Lärm so laut, dass Doktor Pürckhmayer doch den Kopf zum Fenster hinausstreckte. Er sah da drunten einen Knäuel von hundert Menschen, die unter Geschrei was Lebloses, das einem in weißes Linnen gewickelten Tiere glich, aus dem alten Wallgraben heraufzerrten gegen die Straße.

   Auch der Weise ist neugierig. Wenn er’s nicht wäre, wie käme er zur Weisheit? Drum schellte Doktor Pürckhmayer dem Lakai. Der surrte davon und kam nach wenigen Minuten wieder gelaufen, mit käsigem Gesicht. Bauern, die von ihren verwüsteten Haferäckern heimgekommen, hätten im Wallgraben die Hexe gefangen, die den Hagelschaden angerichtet. Die Hexe müsse auf ihrer nächtlichen Besenfahrt aus der Luft heruntergefallen sein. Sie wäre nur mit einem Hemd bekleidet. Auch müsse sie sich beim Sturz einen Schaden getan haben; man hätte sie in todesähnlichem Schlaf gefunden, aus dem sie nur mit groben Schlägen zu erwecken war. Auch müsse sie was mit dem Teufel im Salz zu schaffen haben, weil man sie bei der Mauer des Mühlenkellers zwischen ne Holunderstauden gefunden hätte. Dass man es wahrhaftig mit einer Hexe zu tun hätte, wäre klar erwiesen. Als ihr die Leute in Wut das Hemd vom Leib gerissen, hätte man auf ihrer linken Schulter den Brandstempel eines Malefizgerichtes entdeckt. Die Bauern, die um ihren Hafer gekommen, wären wie rasend; jeder schrie nach dem Richter, nahm dem Zwanzigeißen und nach dem Feuer.

   Doktor Pürckhmayer war bleich geworden. Er öffnete eine Lade, nahm eine Stola heraus und legte sie um seinen Hals. So gerüstet wider alle Gefahr, durchschritt er den Korridor, zu dessen Fenstern schon das Geschrei heraufschallte aus dem Stiftshof. Der Lärm hatte die Kapitularen, die nicht zur Hofjagd mitgezogen, aus ihrem Morgenfrieden aufgestört. Auch Theodor von Perfall hatte die Tür seiner Alchimistenküche aufgetan, doch nur, um einer brenzlichen Rauchschwade den Austritt zu gewähren; sobald der Qualm sich etwas verteilt hatte, machte er sich von neuem an den Kochtopf, in dem er das goldene Glück der Menschheit brauen wollte.

   Als Doktor Pürckhmayer hinaustrat in den von Sonne überglänzten Stiftshof, war der Zusammenlauf schon angewachsen auf einige hundert Menschen. Die waren wie von Sinnen. Inmitten des Gedränges pendelte der Weißkopf des kugeligen Pfarrers. Herr Süßkind fuchtelte mit den Armen, sein rundes Gesicht war dunkelrot vor Zorn und Schreien. Niemand hörte auf seine Stimme. Es genügte den Leuten, begriffen zu haben, dass Herr Süßkind über die Hexe eine andere Meinung hatte, und da war es mit aller Ehrfurcht vor ihrem Pfarrer zu Ende. Sie suchten ihn von der Stelle zu stoßen, die er mit eisernem Grimm verteidigte, um die stumme Marei zu schützen. Seinen eigenen Mantel hatte er über das nackte, misshandelte Geschöpf geworfen, hatte sich mit gespreizten Beinen über die Ohnmächtige gestellt und schlug mit den Fäusten zu, wenn einer die Hand streckte, um den Mantel fortzureißen. Er machte keinen Versuch mehr, die Menge aus ihrem Aberwitz aufzurütteln. Dem zitternden Greis waren im Zorn, der ihn erfasst hatte, nur noch zwei Worte geblieben, die er immer schrie: „Ihr Narren!“ Jetzt brachen die Spießknechte eine Gasse durch das lärmende Gewühl. Der Landrichter, der mit dem Doktor Besenrieder kam, erteilte den Befehl: „Man muss die Hexe von der Erde heben! Solang sie die Erde berührt, kann der Teufel sie verwandeln und der Gerechtigkeit entziehen. Hebt sie von der Erde!“ Pfarrer Süßkind streckte den Spießknechten die Fäuste hin: „Soll einer sich hertrauen und soll sie anrühren!“ Da sah er den Doktor Pürckhmayer kommen. Unter einem Lachen voll wilden Hohnes hob er die Arme: „Heiliger Udo! Deine Saat ist aufgegangen!“ Konnte der geistliche Kommissar in dem tobenden Geschrei diese Worte nicht vernehmen? Er warf einen Blick des Grauens auf die Ohnmächtige, der das Blut um die halb entblößten Brüste sickerte. „Das crimen exceptum ist augenfällig. Herr Gadolt! Waltet Eures Amtes!“

   „Die Hexe in den Turm!“, befahl der Richter. „Man soll den Zwanzigeißen holen!“ Die hundert Stimmen sammelten sich zu einem johlenden Schrei der Freude. „Gott im Himmel“, schrie Herr Süßkind, „wenn Du jetzt nicht herunterschlägst mit dem ewigen Kehrbesen –“ Da schoben die Knechte den Greis mit den Spießschäften zurück und fassten die Hexe an Armen und Beinen.

   Dem Pfarrer war die letzte Kraft erloschen. Taumelnd, mit kreidebleichem Gesicht, schob er sich bis zum Laienhof und kam auf den Marktplatz. Aufgeregte Menschen liefen ihm entgegen; der Irrsinn hüpfte schon von Haus zu Haus: „Man hat die Hex gefangen, die das Wetter gemacht!“ Pfarrer Süßkind rannte, dass ihm der Atem verging. Keuchend zog er am Franziskanerkloster die Torglocke: „Zum Prior! Ich muss zum Prior!“ Die Zelle des Josephus lag im Oberstock des kleinen Klosters. Ein kahler, bescheidener Raum, der anzusehen war wie die Werkstätte eines armen Schneiders. Prior Josephus pflegte in seinen Mußestunden für bedürftige Bauernbübchen Kleider zu nähen, deren Loden er bei wohlhabenden Bürgern zusammenbettelte. Er nähte just an einem kurzen Höschen, das auf den Knien seiner gekreuzten Beine lag. „Josephus! Weißt Du, was geschehen ist?“

   Der Prior nickte, ohne die Nadel rasten zu lassen. „Der Laienbruder, der mir die Hexenzeitung gebracht hat, ist grad aus meiner Stub gegangen.“

   „Und da kannst Du Hosen schneidern? Red! Was soll denn geschehen, um der Narretei zu wehren?“

   „Nichts.“ Josephus zog einen frischen Zwirn durch das Wachs. „Die Dummheit der Leut ist eine Mauer geworden. Wer dagegen anrennt, ist ein Ochs. Sie muss von selber fallen. Versuch sie niederzurennen, und morgen bist Du als Mitschuldiger in den Prozess hineingezogen. Heuer haben sie am Main schon sieben Franziskaner verbronnen. Nein, Bruder, da ist’s besser, dass ich leb und Hosen näh für arme Buben. Du bist doch ein Historikus? Da musst Du wissen, dass die Vernunft der Völker ein ewiges Auf und Nieder ist. Heut ist der Wagen der Zeit mit Dreck geladen und geht bergab.“

   Herr Süßkind guckte die kleine Hose an. „Ich erleb’s nimmer, dass es aufwärts geht.“ Er setzte sich auf die Schneiderbudel und drückte das Gesicht in die Hände.

   Lächelnd klopfte Prior Josephus mit der Faust die wulstige Naht. „Der Mann im Salz, der älter ist als Du, hat’s auch erlebt, dass es wieder in die Höh gegangen ist.“

   Der Pfarrer hörte nicht. „Ein krankes, unschuldiges Geschöpf! Und soll brennen müssen! Wo ist Gott?“ Da gurrte vor dem offenen Fenster eine Taube. Das war ein so wunderlicher Laut, dass die beiden hinüberblickten zum Fenster, über dessen Gesims die Sonne hereinfiel in die kahle Stube.

   Josephus lächelte. „Gott hat seltsamliche Stimmen! – Guck, Süßkind, was für ein nettes Hösl das wird! Bloß den Latz muss ich noch annähen. – Ja, Bruder! Die Menschen! Wenn die nicht flink alle Knöpf und Haften greifen, meinen sie gleich, dass der Herrgott Hosen macht, die keine Lätz haben. – Wo ist denn mein dicker Zwirn? Da tut’s der feine nicht, die Knöpf am Latz müssen was aushalten.“ Josephus kramte auf der Schneiderbudel umher.

   Am Fenster stand Pfarrer Süßkind in der Sonne. Sein Blick suchte die blaue Ferne, aus deren Wäldertiefen die Grate der Wimbacher Berge sich hinauf schwangen zum weiß beschneiten Wazmann. Dort draußen lag der Tiergarten. Da krachten heut die Feuerbüchsen hinter den Hirschen her und klangen die Jagdhörner. „Der Herr wird eine böse Heimkehr haben! Soll man nicht einen Boten hinausschicken?“

   „Vergönn ihm den grünen Tag! Viele erlebt er nimmer. Am Abend wollen wir ihn abpassen.“

   „Was kann bis zum Abend geschehen sein!“

   „Nicht viel. Herr Gadolt ist keiner von den schnellen Reitern. Und Dein Magdeburger Udo macht als Gelahrter jede Dummheit gründlich. Das kostet Zeit.“

   Vom Marktplatz tönte der hundertstimmige Lärm, durch die Ferne verwandelt in ein sanftes Gesumme. „Lus, Josephus! Der Bach im Tal hat ganz den gleichen Laut wie die Menschen da drüben!“

   „Merkst Du das heut zum ersten Mal?“

   In Gedanken schwieg der Pfarrer. Die Hand über die Augen wölbend, spähte er in die Ferne. Die Wälder da draußen, die sich über Ilsank hineinzogen in das Tal der Ramsau, langen noch von blauem Morgenschatten übergossen. Das kahle Gewänd war leuchtend angestrahlt von der Frühsonne, die den frisch gefallenen Schnee wieder schwinden machte.

   Aus der Tiefe, in der die Ramsauer Ache rauschte, stiegen die Schluchten der Wimbachklamm hinauf zu einem stundenlangen Hochtal, das der Wazmann mit seinen hohen Wänden und der Hochkalter mit seinem zerrissenen Gemäuer umschloss. Vorzeiten hatte ein See dieses Tal gefüllt, das noch immer der ‚Seeboden’ hieß, obwohl es seit Jahrhunderten trocken lag. Das war der ‚Tiergarten’ des Stiftes. Wo Ferch und Saibling einst nach den Mücken aufgesprungen, wohnten jetzt die Hirsche in dichten Wäldern. Und in den sumpfigen Dickungen der Talsohle hausten rudelweise die Wildsauen. Von Berg zu Berg war das Tal durch ein hohes Gatter abgeschlossen, und nicht weit von diesem Gatter, inmitten eines schattigen Wäldchens, hatten sich die Stiftsherren ein kleines Jagdschloss erbaut.

   Ein weißbärtiger Jäger und seine alte Frau waren damit beschäftigt, im Freien eine Tafel zu decken, den Proviant aus den Körben zur kamen und im Brunnentrog die Weingutter zu kühlen. Was die zwei zu reden hatten, wurde mit Flüstern erledigt. Nicht weit saß Herr von Sölln im Schatten einer alten Fichte, vertieft in ein Buch, das auf seinen Knien lag. Er war nicht gekommen, um zu jagen, nur um den Gast, den Grafen Matthias Udenfeldt, zu begrüßen, der in der Nacht von Reichenhall, wo er die Bäder gebrauchte, herüber geritten und bei grauendem Morgen im Jagdschloss eingetroffen war. Der Lesende hörte nicht die fernen Jodelrufe der Treiber, nicht die krachenden Schüsse. Heiß erregt, die Stirn in de Hand gedrückt, saß er über sein Buch gebeugt. Das war des Johann Weier Traktat ‚Von den Blendwerken der Dämonen’, jenes mutige Buch, das ein Mensch mit hellsehenden Augen gleich einer Fackel hinausgeschleudert hatte in die Finsternis seiner Zeit. Die Wangen des greisen Priesters glühten, während er las: „Die von Wahn gehetzten Weiblein und Mütterchen werden ohne Erbarmen in finstere Türme geworfen und auf ein blutig erpresstes Bekenntnis hin zum Tod verdammt und im Rauch gen Himmel geschickt. Dass die armen Wesen lieber ein unmöglich Ding bekennen und im Feuer sterben wollen, eh dass sie so unmenschlich und vielmal auseinandergestreckt und gemartert werden, solches kommt nur von der Art, in der man die Prozesse führt. Und wenn die armen Weiblein von der schweren Tortur ihre leiblichen Kräft verlieren und im Gefängnis ihr Leben enden, wird vom Richter zur Entschuldigung fürgewendt, sie seien im Gefängnis verzweifelt, und der Teufel hätt ihnen den Hals gebrochen, damit sie zu öffentlicher Straf nicht sollten geführt werden.“

   Mit klingenden Hörnern zog die Jägerei durch den Wald heran, und hinter den jauchzenden Fronleuten, die an Stangen die erlegten Hirsche und Sauen getragen brachten, kamen die heiter schwatzenden Jagdherren, Graf Udenfeldt mit dem Freiherrn von Preysing, und die Kapitularen Römhofer, Seibolstorff, Pießer und Anzinger, jeder von den vieren in weidmännischer Tracht. Herr von Sölln erwachte und fand sich nicht gleich zurecht vor diesem verwandelten Bild. Er hatte blutige Streckbänke gesehen, entstellte Weiberleichen und qualmende Holzstöße, um die aller Irrsinn des Lebens, alle Dummheit und Schlechtigkeit der Menschen gaukelte. Und da zog der grüne Frohsinn zu ihm her, mit Jauchzen und Lachen! Eine Hornstimme hob sich schmetternd aus dem Akkord heraus, und schmunzelnd nickte Peter Sterzinger dem Buben zu, der schwarz unter den grünen Jägern stand. Ein heiteres Durch einander in Sonne und Schatten. Während Freiherr von Preysing nach einem Trunk verlangte, reichte Graf Udenfeldt dem Dekan die Hand: „Daheim hab ich schöne Wälder und gute Jagd. Aber mir hat beim Weidwerk das Herz noch nie so froh geschlagen wie heut zwischen euren silbernen Bergen!“ Er fing zu erzählen an, führte den Dekan zur Strecke hinüber und wies ihm die Hirsche und Keiler, die er erlegt hatte. „Die Freude hat mich ungenügsam gemacht, ich muss Euch plagen mit einer Bitte.“

   „Hab ich allein dabei zu reden, so ist sie gewährt.“

   „Lasst mir einen von Euren Jägern ab! Da ist ein junger Gesell, in den ich mich vergafft habe. Ein Jäger und Mensch nach meinem Gefallen! Wie er den wunden Eber mit dem Eisen abfing im Ansprung, so ein kraftvoll schönes Bild hab ich nie gesehen, derzeit ich jag. Und sein Gesicht ist mir vertraut, ich weiß nicht wie. Als hätt ich ihm schon hundertmal in die Augen geschaut. Und ich hab ihn heut zum ersten Mal gesehen. Ihr selber nützet ihn nicht als Jäger. Und Bergleut, die Euch das Salz fördern, habt Ihr genug im Land!“

   „Den meint Ihr?“ Herr von Sölln begann mit den Fingern auf dem Buch an seiner Brust zu trommeln. „Fragt ihn, Graf! Will er Euch den Handschlag geben, so hab ich nichts dawider.“

   „He! Du Jäger in Schwarz!“, rief Udenfeldt.

   „Jetzt kriegst Du Dein Lob zu hören!“, flüsterte Peter Sterzinger dem Buben zu, stapfte lachend hinter ihm her und guckte erschrocken drein, als er den Antrag des Grafen hörte. Adelwart schwieg und sah den Stiftsherrn an.

   „So rede!“ Graf Udenfeldt legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du verstehst Dich so gut auf alles Weidwerk, dass Du meiner geschulten Jägerei noch ein Lehrmann sein kannst. Mein Jägermeister will altern. Ich muss mich beizeiten umschauen nach einem Nachfolger.“

   Noch immer wartete Adel auf ein Wort des Dekans. Der sagte: 2Ich will Deinem Glück nicht im Weg stehen. Jägermeister, bei einem Herrn, der Dir wohl will! Überleg Dir das!“

   „Da braucht’s kein Überlegen, ich bleib, wo meine Treu mich hält.“

   Herr von Sölln schmunzelte. „Denk, was geschehen ist! Und dass Dein Sträßl zur Lebensruh im Berchtesgadener Land mit groben Steinen beworfen ist.“

   „Da komm ich schon drüber!“, sagte Adel ruhig. „Die glatten Weg sind für die Müden.“

   Peter Sterzinger platzte heraus: „Jetzt ist mir aber ein Brocken von der Seel! Herr Graf, den Buben brauchen wir selber.“ Er wandte sich an den Dekan. „Wenn er die Häuerschaft im Salzschießen unterwiesen hat, soll man ihn hinstellen, wo er hingehört: Zur Jägerei! Der Mann im Salz wird endlich sein Loch im Boden finden. Und über die Narretei wird Gras wachsen.“

   „Der Jäger da“, fragte Graf Udenfeldt, „ist der Bergmann, der im Salzbau das neue Ding gefunden?“ Er fasste die Hand des Buben. „Du bist klug und treu. Ich begreife, dass Dein Herr Dich wert hält. Aber der Menschen Dummheit geht über Herrenmacht. Du hast dem Leben einen Vorteil gewiesen. Drum wirst der Unverstand mit Steinen nach Dir. Verdrießt Dich das einmal, dann komm zu mir!“

   Von der Tafel klang die Stimme des Freiherrn von Preysing: „Ihr Herren, der Wein will sieden in der Sonn, und die Hirschleber wird kalt.“

   Freundlich nickte der Dekan dem Buben zu und führte den Grafen zur Tafel. Peter Sterzinger drosch die Hand auf Adelwarts Schulter. „Gelt? Die Herrenleut fangen zu schmecken an, was sie haben an Dir!“ Und drüben an der Tafel gab’s ein Gelächter, weil Freiherr von Preysing den Spruch tat: „Einen Durst hab ich, als hätt ich wie euer teuflischer Zottelbruder tausend Jahr im bitteren Salz gesessen.“

   Die Jägerei bekam noch Platz an der Tafel. Neben dem erlegten Wild hatten sich im Schatten der Bäume die Fronleute und Rossknechte gelagert. Das war ein hübsches Bild: Wie die Sonne durch die Bäume guckte und die fröhlichen Menschen mit ihrem Lichterspiel umzitterte. Immer lauter wurde die Stimmung an der Tafel. Die Jäger mussten ihre grünen Lieder singen und die Hörner holen. Während das klang und schmetterte, gab es zwischen en Jagdherren ein unermüdliches Becherschwenken und Zutrinken. An den Reden merkte man, dass der Wein in den Köpfen zu rumoren begann.

   Peter Sterzinger hatte noch zu schaffen. Er musste den Hirschen, die Graf Udenfeldt erlegt hatte, die Geweihe abschlagen und den von ihm gestreckten Keilern die Waffen ausbrechen.

   Je übermütiger sich die Laune an der Tafel auswuchs, umso stiller wurde der Graf. Er schlug den Deckel des Buches auf, das vor dem Dekan auf dem Tisch lag, und nickte schweigend. Leise fragte Herr von Sölln: „Ihr kennt dieses Buch?“

   „Das ist mehr als ein Buch! Das ist der Herzensschrei eines deutschen Mannes, der seinem verblendeten Volk das dicke Leder von den Augen reißen wollte.“

   „Was hat es genutzt? Das Brennen im deutschen Land ist ärger als je!“

   „Ein gutes Wort muss hoch zu Jahren kommen, bevor es klingt in allen Ohren. Aber man glaubt doch wieder an die Menschheit, wenn unter tausend finsteren Namen einer ist, dem die Sonn aus den Augen geht. Und liegt das Buch nicht da auf Eurem Tisch, hundert Meilen weit vom Kleveschen Land, in dem es der Weier geschrieben? Wie Euch, so redet es Tausenden ins Herz und rechnet ihnen die Schäden für, aus denen die qualmende Pest herausgewachsen. Schuld ist der Afterglaube, den der Eigennutz und die Dummheit sammeln. Schuld ist das Unwissen, das hinter jedem unverstandenen Ding eine Bosheit des Teufels wittert. Schuld ist die Mutlosigkeit vieler Verständigen, die stumm bleiben aus Angst. Dazu die eselhaften Quacksalber, die nur den Bandwurm und das Bauchzwicken kennen und von den Leiden einer verstörten Menschenseel so wenig wissen wie ein Blinder von den Farben.

   Ein schallendes Gelächter an der Tafel. Herr Anzinger hatte beim Rundtrunk so übel getröpfelt, dass ihm der rote Saft über das Wams hinunter rann.

   Unmutig zog der Dekan die Brauen zusammen, während Graf Udenfeldt in Erregung weiter sprach: „Von aller Schuld die schwerste ist den bockbeinigen Juristen beizumessen, die vor jedem Paragräphlein auf dem Bauch liegen und sagen: Das Gesetz ist da; mag es so dumm sein, wie es will; weil es da ist, muss es befolgt werden! Und ihre Helfer sind die heißköpfigen Kleriker, die den Teufel im Glauben des Volkes nicht von Kräften kommen lassen, weil sie mit Gott allein zu wenig ausrichten.“

   „Graf! Bin ich nicht auch ein Kleriker? Und der Süßkind? Und Prior Josephus?“

   „Unter den Klerikern sind wenige, die mich an Eure Art gemahnen. Wie Euer Doktor Pürckhmayer ist, so sind die meisten. Ob römisch oder evangelisch! Der kirchliche Zwiespalt im Reich, der begonnen hat wie ein Tag der Freiheit, ist auf kotigen Weg geraten. Es brennt mir auf der Seele, dass man der Scheiterhaufen mehr in evangelischen Ländern aufgerichtet hat als im katholischen. Vernunft und Freiheit sind im deutschen Land betrogen um jede Wohnstatt. Deutschland, das man einst das Land der Klugen und Redlichen nannte, hat dieses Rösten und Brennen mit größerem Fleiß betrieben als je eine andere Nation. Ich hab meine Heimat lieb und muss mich ihrer schämen! Und möchte den Morgen schauen, an dem es endlich tagt! Ob ich das erleben werde? In der wüsten Verworrenheit einer Zeit, wo Bruder gegen Bruder steht? Weiß da einer, ob er morgen noch atmen wird? Was da geschehen kann, davon hab ich am Lebenselend meines Jägermeisters ein Exempel erfahren.“

   An der Tafel wurde man aufmerksam, und Herr Pießer fragte: „Wovon ist da die Red?“

   „Von einem Exempel, wie man schuldlose Menschen mordet.“

   Da war die Neugier wach. „Ein gruslig Ding zu einer lustigen Stund“, sagte Preysing, „das schmeckt wie zu rotem Wein ein Surfisch. Der macht den Durst noch feiner!“

   Der Scherz, über den die anderen lachten, schien dem Grafen nicht zu gefallen. Er schwieg eine Weile, bevor er zu erzählen begann: „Da ist mein Vater, ich bin noch ein Jung gewesen, vom Wiener Hof zur Heimat geritten, kommt zur Dämmerzeit in ein Dörfl hinter Passau und nächtet in der Herberg.“ Auch die Jäger am Ende der Tafel waren still geworden und lauschten. „Am Morgen, wie mein Vater mit seinem Stallmeister redet, kommt aus dem Wald ein Gaul dahergesaust, und droben hockt ein junger Gesell, torkelig wie im Rausch. Gaul und Mensch sind rot übergossen von Blut, und der Reiter glitscht herunter, mehr tot als lebendig. Hat einen Schuss durch die Rippen gehabt und einen Säbelhieb über Schädel und Schulter. Und hat die Jägerlivrey des Königs von Frankreich getragen. Mein Vater lässt den ohnmächtigen Menschen in die Herberg schaffen, und der Medikus, der in meines Vaters Gefolg gewesen, muss ihn betreuen. Dann reitet mein Vater seines Wegs und heißt den Medikus bleiben. Drauf, in Regensburg, wo die Reichsgeschäft meines Vaters verhalten haben, kommt der Medikus angeritten, bringt den fremden Gesellen mit und sagt: ‚Herr, luset, was der Mensch da erzählt!’ Der junge Gesell, mit dem Wundverband um den Schädel und mit dem Arm in der Schling, schaut meinen Vater an und hat die Augen voll Wasser. Hat ein schlechtes Deutsch geredet. Aber mein Vater hat Französisch verstanden. Und hat den Gesellen mit heimgebracht nach Udenfeldt. Da ist der Pikör des Königs von Frankreich unser Jägermeister worden. Und ist’s noch heut. Hat nur ein paar Jährlen über die fünfzig und ist schon ein weißhaariger Greis. Verlässlich wie guter Stahl und treu wie Gold! Deutsches Blut, in die Fremd verschlagen und wieder heimgefunden um harten Preis! Was ihm widerfahren ist in selbiger Nacht, die ihm einen Treff fürs Leben in die Knochen geschlagen, das hat er mir oft erzählt.“

   Es war um die Zeit des Schmalkaldischen Krieges, als ein deutscher Musikus mit seinem jungen, adligen Herrn die Reise nach Paris machte, wo der Junker die Universität besuchen sollte. Dem gefiel das lachende Leben besser als die Wissenschaft. Er ließ draufgehen, was Zeug hatte, musste wegen Schulden flüchten, und sein Gefolge blieb hilflos in der Fremde zurück. Der junge Musikus fand Stellung in der Hauskapelle eines vornehmen Herrn und freite die Tochter eines schweizerischen Fechtmeisters. Der Schweizer und die Seinen warne Calvinisten, und die Liebe zog den Bräutigam zu dem Glauben hinüber, den seine Braut bekannte. Einige Jahre blieb die Ehe kinderlos. Dann schenkte die junge Frau dem Gatten ein Zwillingspaar, zwei Knaben. Die waren einander so ähnlich, dass nur die Augen der Eltern sie zu unterscheiden vermochten. Vater und Mutter wurden ein Opfer der Bartholomäusnacht. Die verwaisten Knaben steckte man zur Bekehrung in ein Kloster. Mit vierzehn Jahren kam der eine zu einem Geiger der königlichen Kapelle in die Lehre, den anderen reihte man als Hundejungen in die Jägerei des Königs ein. Da wurde der eine ein tüchtiger Musikus, der andere ein tüchtiger Jäger. Mit zärtlicher Liebe hingen die Brüder aneinander. Dabei glichen sie sich an Gestalt und Gesicht, dass ihre nächsten Freunde sie nur an der verschiedenen Kleidung erkannten. Häufig neckten und verwirrten sie ihre Kameraden durch den Wechsel der Tracht.

   Da verlor der Musikus sein Herz an eine junge Sängerin, die zur Komödientruppe des Königs gehörte. Der Jäger um diese Wahl zu prüfen, führte eine der gewohnten Mummereien aus, besuchte die Sängerin in der Tracht seines Bruders und fand ein holdes Geschöpft, das die Täuschung nicht erkannte. Dieser Scherz, der den Jäger die Ruhe seines Herzens kostete, entzweite die Brüder. Als der Musikus, wenige Monate nach seiner Vermählung, zur Rettung seines Glückes aus Paris flüchten musste, weil sein junges, schönes Weib das Wohlgefallen eines hohen Herrn erweckt hatte, blieb der Jäger als ein an Herz und Seele verstörter Mensch zurück. Ein halber Jahr ertrug er die Trennung. Dann verkaufte er, was er besaß, lief aus des Königs Dienst, folgte dem Bruder über Straßburg nach Deutschland und fand zu München das junge Paar, das eben nach Wien zu reisen gedachte, weil ihm bei der Opera des Kaisers Stellung und gutes Auskommen zugesagt waren. Unter tiefen Gemütserschütterungen wurde die Versöhnung der Brüder geschlossen. Sie schworen, sich niemals im Leben wieder voneinander zu trennen. So reisten die drei in Eintracht weiter. Zu Salzburg beschlossen sie zu bleiben, bis die junge Frau, die der Geburt eines Kindes entgegensah, die schwere Stunde überstanden hätte. In einer kleinen Fuhrmannsherberg, die außerhalb der Salzburger Stadtmauer gelegen war, hatten sie Wohnung genommen. Da scholl am Abend aus einer dunklen Stube feiner Geigenklang und eine süße Stimme, deren Worte die Neugierigen, die sich auf der Straße zu sammeln pflegten, nicht verstanden. Manchmal des Tages sahen die Leute am Fenster ein junges, dunkelschönes Frauengesicht mit großen, glänzenden Augen. Ein fremder, schöner Klang, und ein fremdes, schönes Weib? Das sind verdächtige Dinge. Bei den Leuten kam ein Gerede in Lauf, und eines Mittags erschien in der Herberg der Richter mit zwei Schergen: Eine Bauersfrau hätte zur Anzeig gebracht, dass ihr Bub durch die teuflische Singerei völlig verzaubert wäre, und dass sie in der Mondnacht am Fenster der Herbergsstub einen schwarzen Gesellen gewahrt hätte, dem Rauch und Feuerfunken aus dem Maul gegangen wären. Erschrocken, mit ihrem mangelhaften Deutsch, versuchten die beiden Brüder die Sache aufzuklären. Dass ein Geiger geige und eine Sängerin singe, das wäre doch kein unheimlich Ding. Und das mit dem Rauch und den Feuerfunken, erklärte der Jäger, wäre nicht minder eine natürliche Sache. Er brachte aus seinem Mantelsack ein tönernes Röhrlein hervor, dessen ausgebechertes Ende er aus einer Schweinsblase mit braunem Kraut anstopfte; dann schlug er Feuer, legte den brennenden Zunder auf das Kraut, sog an dem tönernen Rohr, blies den Rauch davon und pustete die Feuerfunken aus dem glimmenden Kraut.

   „Der hat Towak geraucht!“, fiel Freiherr von Preysing mit Lachen ein. „Das haben wir vor etlichen Jahren die Münchner Harquebusierer aus dem Feld mit heimgebracht. Aber die Obrigkeit hat das Ding verboten.“

   Graf Udenfeldt nickte. „Der Mansfeld schafft für seine Kürissierer das indianische Kraut von Bremen her. Sonst gäb’s Rebellion im Regiment. Aber dem Salzburger Richter ist das vor sechsundzwanzig Jahren ein neues Ding gewesen. Er hat den Kopf geschüttelt, obwohl der Jäger zu Protokoll gegeben: Das hätt er von einem flämischen Soldaten gelernt, dem er das Röhrlein und drei Krautblasen abgehandelt; zwei Blasen hätte er schon leer geraucht; und das wär ein gutes, ärztliches Ding, das wider die Melancholey helfe, das Zahnweh vertreibe und vor der Pest behüte. Der Gerichtsherr sagt: Da hätte er keine Meinung und müsste das Wort seiner Oberen einholen. Er nimmt das indianische Kraut und das Röhrlein in Beschlag und lässt die drei Menschen in Sorg und Unruh zurück. Die junge Frau in ihrer Angst hat immer gebettelt: ‚Fort! Nur fort! Nur fort!’ Und der Jäger rennt davon, dingt einen Salzkärrner mit seinem Blachengefährt, kauft für sich einen Gaul, und wie der Herbstabend dämmert, jagen die drei auf der Passauer Straße davon.“

   In dem Schweigen, mit dem alle an der Tafel lauschten, klang die leise Stimme eines Jägers: „Bub? Was ist denn mit Dir?“ Bleich, mit erweiterten Augen, saß Adelwart am Tisch, die zitternden Fäuste vor sich hingeschoben. Und Graf Udenfeldt erzählte: „Sie jagen in der Nacht, was die Gäul aus den Eisen geben. Zwischen Salzburg und Passau, im Buchbergischen, kommt ein Eisengerassel und Hufdreschen hinter den dreien her. Ein Dutzend Seligmacher holen den Karren ein und wollen die Leut in Verhaft nehmen. Denn der Gerichtsherr, von Zahnweh befallen, hat zur Hilf das indianische Kraut versucht, und da ist ihm so elend worden, dass er zu sterben vermeint hat. Und sein Medikus sagt: Ihr seid vergiftet, sied verzaubert, verhext! Da sind die Seligmacher des Malefizgerichtes losgeritten. Wie sie um Mitternacht den Karren einholen, wird die junge Frau im Todesschreck von Kindsnöten befallen. Der Jäger, wie er seines Bruders Weib unter der Karrenblache so greinen hört, denkt in Sorg nur noch das einzige: Die Frau muss unter Dach! Und reißt dem Fuhrmann die Geißel aus der Hand und haut auf die Mähren los. Und da fangen die Seligmacher zu feuern an und ziehen vom Leder und schlagen drein.“

   Wortlos erhob sich Adelwart vom Tisch und taumelte aus der Sonne in den Schatten des Waldes. Graf Udenfeldt verstummte. Und Herr Pießer sagte lachend: „Dem Häuer ist das Grausen ins Blut gefallen. Der hat vom Mann im Salz her noch eine Schwäche in den Knochen.“ Besorgt war der Wildmeister dem Buben nachgesprungen. Der hatte sich zu Boden geworfen und das Gesicht in die Arme gedrückt. Peter Sterzinger fragte immer. Adel gab keine Antwort.

   An der Tafel spann sich um das Abenteuer, das der Graf erzählt hatte, eine laute Debatte, bei der die Weinstimmung mitredete. Nur Udenfeldt bleib ruhig. „Das Ding sollt ernster genommen werden als es den Herren beliebt!“

   „Ach was, ernst!“, lachte der Seibolstorffer. „Das Leben ist grob. Wie’s einen trifft, so muss man’s haben. Was soll eures Jägermeisters verwaiste Lieb beweisen wider die heutige Zeit? Heut weiß jeder Richter, was Towak ist, wenn er ihn auch selber noch nicht geschmeckt hat.“

   „Weiß auch jeder Richter, was Menschlichkeit ist und Gerechtigkeit?“, fiel Herr von Sölln in Erregung ein. „Schauet hinaus ins Reich! Die deutsche Luft ist trüb geworden von allem Qualm der Scheiterhaufen. Und schauet auf unser eignes Land! Ist nicht der Mann im Salz, den ein nutzbares Fürnehmen aus der Tief gehoben, bei uns Towak geworden für tausend Köpf? Liegt nicht das Stroh der Dummheit aufgeschichtet zu hohen Schobern? Gott soll’s verhüten, dass ein böser Zufall den Funken wirft!“ Er schlang die zitternden Hände um das Buch, das auf der Tafel lag. „Und das Erlösungswort des Weier ist da! Seit fünfzig Jahren! Und das Wort ist umsonst geredet!“

   „Nein, Herr!“, sagte Graf Udenfeldt. „Ihr selber seid doch einer von den vielen, die das Wort gehört haben! Des Weiers Buch hat in die Nacht der Zeit einen Schein geworfen, der immer weiter quillt. Da muss es einmal tagen. Und sollt uns Deutschen der Morgen kommen müssen mit tausend Nöten, mit Wetterschäden und Blutbächen.“ Seine Stimme war hart geworden, und etwas Abwesendes war in seinem Blick, als dächte er an andere Dinge, nicht an die Worte, die er sprach. „Im Cleveschen, wo der Weier sein Buch geschrieben, ist niemals wieder ein Brand gewesen. Rings um die Cleveschen Grenzen her sind alle Herren fürsichtiger worden. Mein Vater hat schon vor dreißig Jahren jedes Malefizgericht abgestellt. Und eines Ostertags, wie ein junger Pastor in der Schlosskirch gepredigt hat, ist mein Vater auf die Kanzel gestiegen, hat den Mann Gottes beim Schopf gepackt und hat ihm das Gesicht aufs Kanzelgesims gestoßen: „Spürst Du’s? Das ist heiliges Holz! Auf solchen Holz verkündet man Gottes Botschaft. So, jetzt predige weiter!“

   Schallendes Gelächter am Tisch. Und drüben im Schatten des Waldes richtete Peter Sterzinger den Buben auf. „So red doch! Was ist denn mit Dir?“ Adels Augen blickten verstört. „Wildmeister! Jetzt weiß ich, warum mein Vater und meine Mutter hat verbluten müssen! Weil ein indianischer Götz in Amerika ein rauchiges Kraut hat wachsen lassen!“ Dem Buben brach die Stimme. „Sonst wär kein Grund gewesen!“ Dann fing er ein seltsames Lachen an und presste das Gesicht in die Hände. Der Wildmeister, der den Hirschen die Geweihe abgeschlagen hatte, während Graf Udenfeldt die Geschichte der Zwillingsbrüder erzählte, konnte sich Adels Worte nicht deuten. „Spinnst Du? Oder hast Du zu tief in den Becher geguckt?“

   Vom Tisch herüber hörte man die verdrossene Stimme des Freiherrn. „Das ist ja, als säß man in einer Christenlehr! Ihr seid keine Jäger. Ihr sied ja Mucker! Gotts Tod und Zorn! Ich lass mir die grüne Freud nicht verderben. Soll der Weltkarren laufen, wie er mag! Das ist noch lang nicht das ärgste, wenn man das Reich alljahr von tausend alten Vetteln erlöst, die den Weidmann schrecken, wenn er zum Jagen zeiht.“ Er griff nach dem Weingutter. „Anzinger, ich bring Dir eins!“

   Graf Udenfeldt wartete, bis der Weingutter wieder auf der Tafel stand. Dann fragte er: „Preysing? Ist Deine Mutter von Gott mit ewiger Jugend begnadet?“

   Erst schien der Freiherr nicht zu wissen, wie er diese Frage nehmen sollte. Dann wich ihm das Blut aus dem Gesicht. „Denkst Du an meine Mutter, weil ich von alten Vetteln rede?“ Erschrocken trat der Dekan zwischen die beiden Herren.

   Ruhig sagte der Graf: „Ich denke nur an die Gefahr, die in unserer Zeit vor das Leben jeder Frau gestellt ist. Hat man nicht eine Herzogin von Bayern verdächtigt? Kann nicht die gleiche Gefahr auch Deiner Mutter drohen?“

   Der Freiherr riss den Fänger aus der Scheide. „Das zahlst Du mir!“ Seibolstorff und Pießer fassten seine Arme. Da standen auch schon die drei Reitknechte des Grafen an der Seite ihres Herrn, mit der Faust am Eisen. Immer schrie der Freiherr.

   „Das zahlst Du mir!“ Er suchte sich freizumachen und hörte nicht auf die flehenden Worte, mit denen ihn Herr von Sölln zum Frieden beschwor. „Ich lass meine Mutter nicht beschimpfen! Der meint wohl, dass er reden könnt mit mir, als wär ich von seinen unierten Brüdern einer? Dem luthrischen Ketzer will ich weisen, dass es katholischer Boden ist, auf dem er steht!“

   Graf Udenfeldt hatte die grüne Kappe und die Handschuhe vom Tisch genommen. „Preysing, steck ein!“ Zu einem seiner Knechte sagte er: „Wir reiten, hol die Pferde!“ Er trat auf den Freiherrn zu. „Du hast mich missverstanden und wirst Dich erinnern, dass ich Dir gut bin und Deine Mutter ehre. Wir wollen in Frieden scheiden. Leb wohl, Preysing! Es könnte sein, dass wir uns zum letzten Mal bei grüner Freud gefunden. Und dass es roter Ernst im Land geworden, wenn wir zwei uns wieder sehen. Ich fürchte, bald!“ Der Lärm, der um die beiden gewesen, wurde still, und die Kapitularen sahen den Grafen mit sonderbaren Augen an. Hufschläge klapperten auf dem rauen Wegboden. Ein Schnauben und Gewieher. Die Pferde waren erregt durch den Blutgeruch des Wildes und durch die Hirschgeweihe, die ihnen der Wildmeister hinter die Mantelsäcke gebunden hatte. „Gott schütz Euch, Herr!“ Graf Udenfeldt reichte dem Dekan die Hand. „Das war ein Tag, den ich um mancher Ursach willen nie vergessen werde. Kann ich Eurem gastlichen Gotteshaus gefällig sein, so wird’s geschehen zu jeder Stund. Und der Himmel soll Euer schönes Land beschirmen, wenn die Zeiten grob werden im Reich!“

   Peter Sterzinger war auf die gaffenden Jäger zugesprungen: „Was reißt ihr die Mäuler auf? Hürnet den Gastgruß!“ Die Hörner klangen, während der Graf und seine Knechte in die Sättel stiegen. Udenfeldt grüßte die Herren. Dann machte ihm die Unruh seines Pferdes zu schaffen. Nur flüchtig konnte er im davon Reiten das Gesicht noch wenden, um mit einem letzten Blick den Glanz zu trinken, den die niedergehende Sonne um die Berge goss. Da sprang einer auf den Grafen zu und fasste die Zügel des Pferdes. „Herr, ich bitt Euch –“

   Schnaubend stieg der Gaul, und der Reiter mahnte: „Lass die Zügel fahren!“

   Adelwart gab den Riemen frei und stammelte: „Herr! Den Namen sagt mir! Eures Jägermeisters Namen! Den muss ich wissen!“

   Mit Mühe das scheuende Pferd bezwingend, warf Udenfeldt einen prüfenden Blick in das bleiche Gesicht des Buben. „Willst Du mein Wort überlegen, ich bleibe vier Tage noch zu Reichenhall, im roten Hirschen –“ Da musste er dem Pferd Freiheit lassen, weil die nachdrängenden Gäule der Knechte in Unruh gerieten.

   „Herr! Den Namen! Ich muss den Namen wissen!“

   Während die Reiter auf dem grobsteinigen Weg davon trabten, fasste Peter Sterziger erregt den Arm des Buben. „Mensch! Du wirst Dich doch nit bereden lassen! Schau doch, wie gut unser Herr Dir ist! Und das Mädel daheim! Was machst Du für Augen her? Das Mädel hat Dich doch lieb! Und hol mich der Teufel, ich räucher den Besenrieder aus und tu für Dich, was ich kann!“

   Neben den beiden war der Freiherr von Preysing, noch immer den blanken Hirschfänger in der Hand, auf einen Felsblock des Wegrains gestiegen. Er schien ernüchtert und blickte mit ernsten Augen über den Weg hinunter, auf dem die Reiter noch zu sehen waren. Plötzlich schrie er mit heiserer Stimme: „Matthias! Fahr wohl!“ Er hob das blinkende Eisen in die rote Abendsonne. „Ich bring Dir eins aus meiner deutschen Seel!“ An der Tafel standen die Stiftsherren in leisem Gespräch beisammen. Der Freiherr, den Fänger in die Scheide stoßend, trat zu ihnen. „Dekan! Mir hat der Wein den Verstand über den Haufen geworfen. Das ist mir leid. Weil ich einem Menschen wehgetan, der’s nicht verdient. Die grüne Freud ist mir versaut. Jetzt will ich heim.“

   Die Sonne tauchte hinter die Berge, und kühler Schatten überschlich das kleine Jagdschloss. Die Herren ritten davon. Nicht wie sonst mit Lachen und Schwatzen. Sie waren in einer Laune, die weder dem Erfolg des Jagens, noch dem schönen Abend entsprach, der einen grellen Rotschein auf den beschneiten Spitzen der Berge zurückließ.

   Der Wildmeister befahl den Fronleuten, das erlegte Wild zum Gatter des Tiergartens hinunterzuschaffen. „Ich schau derweil, ob der Schinagl mit dem Wagen da ist.“ Den Buben fragte er: „Gehst Du mit?“

   Adelwart sagte: „Ich tät lieber schaffen.“ Er stellte sich zu den Leuten, die an einer Stange den schwersten Keiler aufnahmen. Je beschwerlicher der Weg sich senkte, über den er mit drei Gesellen die grobe Last hinuntertrug, umso ruhiger wurde der Blick seiner heiß glänzenden Augen. Bevor das Gatter des Tiergartens erreicht war, stockte der Zug der Wildträger. „Was geht denn da für?“ Ein Leiterwagen stand vor dem Gattertor. Die beiden Schimmel waren abgesträngt und ausgeschirrt. Während sich Peter Sterzinger wie ein Verrückter auf einen der Gäule schwang, schrie er dem Schinagl zu: „Steig auf! Steig auf!“ Nun saß er droben und schlug mit einem Riemen auf den Schimmel los, dass es klatschte. Weil der eine Gaul zu rennen anfing, trabte auch der andere, und Schinagl, an die Mähne geklammert, machte vergebliche Versuche, auf den Rücken des Pferdes zu kommen. Adelwart, von Sorge befallen, rannte zum Gatter. Da drehte sic Peter Sterzinger auf dem trabenden Schimmel um und schrie mit einer Stimme, die nicht wie seine eigene klang: „Soll einer nach Ramsau laufen und Rösser holen! Schaffet das Wild ins Zwirchgewölb! Mich brauchen meine Leut. Herr Jesus! Jesus!“ Er griff mit der Faust zu dem Knecht hinunter und half ihm auf das Pferd. Dann droschen sie alle beide mit Fäusten und Fersen auf die Gäule los. „Wildmeister!“, schrie Adelwart, die Stimme erwürgt von der Sorge, die sein Herz umklammerte. „Wildmeister!“ Die beiden hörten nimmer und jagten auf ihren Gäulen davon.

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