Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
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Kapitel 15

   Das Kätterle war wie im siebenten Himmel. Ihre Mutterfreude blaute so rein, wie die Luft nach einem Gewitter, das sich völlig verzogen hat. Ihr Bub war schuldlos, frei, genesen! Und das zehrende Herzweh, das in seinem Blut gefiebert hatte? Wo war denn das? Mit seinem Blut davon geronnen? Der einzige Schatten neben der hellen Freude, die dem Kätterle im Herzen lachte, war der Hällingmeister mit seinem Sorgengesicht. Immer hatte er was zu klagen: Aus dem Reich wären üble Dinge zu vernehmen, den Evangelischen stünde ein saures Leben bevor, der Kaiser begänne wider die Protestanten in Böhmen zu rüsten. Für das Kätterle war Böhmen ein Land, das in weiter Ferne lag. Sie hatte ihren Buben nah und war zufrieden. Fast wie eine Trauerbotschaft nahm sie es auf, als der Meister an einem Freitag nach Hause kam und die Nachricht brachte: Adel sollte sich am Montag beim Hällingeramt einstellen und dem Bergschreiber ansagen, was er an Werkzeug, an Pulver und Zündschnuren nötig hätte, um seine Feuerkunst vor einer amtlichen Kommission als ungefährlich zu erweisen.

   Adel atmete auf und streckte die Arme.

   „Es ist nötig, dass Du Dich hinstellst auf Deinen Platz!“, sagte der Meister. „Die Häuer kochen was aus, und allweil tuschelt der Pfnüer.“

   „Den lass nur tuscheln, Vater!“

   „Dass man Deine Bohrstangen nimmer hat finden können, hast Du Dir da nie einen Gedanken drüber gemacht?“

   „Wird sie halt der Pfnüer mit seiner Kameradschaft verworfen haben.“ Adel lächelte. „Die meinen, das tät einen guten Wagen aufhalten, wenn sie einen Stein aus der Straß reißen.“

   „Gott sei Lob und Dank! Wenn ich soviel Zuversicht merk bei Dir, da schnauf ich auch wieder auf.“ Zärtlich sah der Alte dem Buben in die Augen. Dann schmunzelte er. „Vor Du das Schaffen in der Tief wieder anhebst, sollst Du eine Freud haben. Morgen ist großes Jagen im Tiergarten. Das Hällingeramt muss zwanzig Leut zur Jagdfron stellen. Neunzehn hab ich ausgesucht. Magst Du mittun?“

   Adel war bleich geworden. „Mich wird der Wildmeister ausmustern.“

   Der Alte schmunzelte wieder. „Der will Dich doch selber haben! Auf den Abend, Schlag fünf, musst Du Dich einstellen.“ Im gleichen Augenblick brachte das Kätterle die Suppe. „Jesus! Bub! Was machst Du für Augen? Ist denn ein heiliges Fest in Dir?“

   Nach dem Essen stieg Meister Köppel zum Wildmeisterhaus hinunter. Über den Toten Mann sah er schweres Gewölk heraufziehen. „Wenn nur dem Buben die grüne Freud nit verregnet wird!“ Im Gehöft des Wildmeisters ging es lebendig zu. Die Jägerei des Stiftes war bei der Arbeit, um die Jagdnetze und Stellstangen auf die Handkarren zu laden. Jonathan wurde ins Haus gewiesen. Er trat in die Stube. Hell blinzelte die Sonne durch die mit Blumen verstellten Fenster, und der Kreuzschnabel zwitscherte in seinem kleinen Käfig. So lebensfroh hatte der ‚Wehdamsvogel’ in des Wildmeisters Stube noch selten gesungen. er Tisch, die Wandbank und alle Stühle waren voll gelegt mit Waldhörnern, Armbrusten, Feuerbüchsen, Hirschfängern und Saufedern. Peter Sterzinger, schon in der grünen Gala, hantierte geschäftig umher, während Madda und die stumme Marei zwei große, auf der Ofenbank stehnde Saumkörbe mit Mundvorrat, Weinguttern, Zinnbechern und Tischzeug voll packten. „Grüß Dich, Köppel!“ Sterzinger warf einen flinken Blick auf die Schwägerin und blinzelte dem Hällingmeister zu. „Ist alles in der Reih?“

   „Auf Schlag fünf hab ich die Jagdfroner herbestellt. Ich hab unseren Buben dazu genommen. der ist doch einmal bei der grünen Farb gewesen.“

   In einem Saumkorb klirrte was. Peter Sterzinger schielte hinüber und zog eine grimmige Miene auf. „Euch, Meister, bin ich gut. Aber der Steinschießer soll mir kein Schrittl in meine Hofreut tun! Ich bin nit der Mann im Salz, ich brauch mir’s nit gefallen zu lassen, dass mich der Pulverschnöller aus meiner Ruh herausfeuert.“

   „Das wird für den Adel ein hartes Stückl sein. Eine Freud ist ihm in den Augen gewesen, dass mein Kätterle gefragt hat: Bub, ist ein heiliges Fest in Dir?“ Jonathan schien auf etwas zu warten, ging zögernd zur Tür und sagte kleinlaut: „Hab’s eh geforchten! Ich hätt mich nit drauf einlassen sollen!“ Der seltsam geänderte Ton des alten Köppel schien dem Wildmeister nicht zu gefallen. Aber da machte er den Specht. Ehe der Hällingmeister nach der Türklinke greifen konnte, stand Madda bei ihm. „Bleib, Jonathan!“ Ihr Gesicht war bleich. „Der Schwager wird nit tun, was unverständig ist!“

   „Ah! Die ist gut!“, brüllte Peter Sterzinger und blies das linksseitige Wimmerl zu bläulicher Rundung auf. „Du musst wohl völlig vergessen haben –“

   Madda trat auf den Schwager zu. „Hab ich eine Narretei begangen, musst Du sie drum nachmachen? Dass Du auf die gleiche Bank mit den dummen Leuten rucken willst, die eine lobwerte Sach als teuflisch ausreden? Das mag ich nit glauben von Dir.“ Sie legte ihm die Hand auf den Arm. „Ich hab ein Unrecht getan. Das musst Du nit ärger machen. Hast Du nit gehört, dass die Freud in seiner Seel ist wie ein heiliges Fest?“ Ein Zucken ging um ihren Mund. Sie wollte noch etwas sagen, wandte sich ab und verließ die Stube. Die stumme Marei, der die Augen nass geworden, lallte einen klagenden Laut und rannte hinter der Jungfer her. Das wirkte auf die kleine Bimba, dass sie zu weinen begann. „Herr Jesus!“, lachte Peter Sterzinger. „Da heult ja gleich alles nacheinander! Soviel Zähren sind um einen Buben schon lang nimmer geronnen.“ Als er die Kinder aus der Stube geschoben hatte, trat er vergnügt auf den Hällingmeister zu. „Gelt, ich hab Recht gehabt! Nur schad, dass der Sekretari nit dabei gewesen ist. Da wär ihm ein Lichtl aufgebronnen in seinem dumperen Juristenköpfl.“

   Jonathan tat einen brunnentiefen Atemzug. „Glaubet Ihr denn, dass der Bub noch eine Hoffnung hätt?“

   „So viel, wie jede Nacht auf den Tag, der kommen muss! Und morgen soll der Bub aufweisen, was er für ein Jäger ist. In der Nacht wird’s wettern. Aber morgen kriegen wir wieder den schönsten Tag. Und lus nur, wie der Wehdamsvogel pfeift! Da steht meinem Haus eine Freud zu!“ Ein alter Jäger trat in die Stube, flüsterte dem Wildmeister ein paar Worte zu und ging wieder davon. „Köppel?“, fragte Sterzinger. „Gelt, Du hast mir doch den Michel Pfnüer zur Fron gestellt?“ Der Alte wurde rot wie ein Kind, das man auf einer Heimlichkeit ertappte. Er stotterte: „Der Michel hat den Fürhalt gemacht, er wär mit der Fron nit an der Reih.“ Dass ihm selbst dieser Einwand des Häuers willkommen war, weil er dadurch die Sorge loswurde, den Pfnüer einen ganzen Tag lang in Adelwarts Nähe zu wissen, das verschwieg der Hällingmeister. Er hätte auch zu weiteren Reden keine Zeit gehabt. Peter Sterzinger begann sofort ein grimmiges Fluch: „Du weißt doch, dass ich den Kerl zur Jagdfron haben muss, bloß dass er nit frei hat, wenn die ganze Jägerei bei der Hofjagd ist. Da wär im unbehüteten Revier der Teufel los.“ Um den Wildmeister zu beschwichtigen, versprach Köppel, den Michel für den kommenden Tag in feste Arbeit einzuspannen. Er lief auch gleich zum Salzwerk hinaus und fuhr in den Stollen ein, in dem die Häuerrotte des Pfnüer bei der Schicht war.

   Am Nachmittag gegen fünf Uhr sammelten sich im Gehöft des Wildmeisters die Fronleute, jene vom Hällingeramt und zwanzig andere, die von den Genossenschaften der Handwerker zu stellen waren. Junge, kräftige Buben. Der Schatten der Zeit schien nicht allzu düster auf diesen jungen Gemütern zu liegen. Freilich, was alle grauen Köpfe im Land verstörte, rumorte auch unter diesen braunen und blonden Haardächern. Die Reden, die da mit halbem Übermut und mit halber Vorsicht geführt wurden, drehten sich um abenteuerliche Dinge: Dass man die alte Käserin vor drei Tagen gefunden hätte, wie sich das angstverdrehte Weibl auf dem Dachboden einen strick um den Hals hätte legen wollen; und einer von den Musketieren, die in der Wachtstube über dem Mühlenkeller schliefen, hätte im Keller drunten eine bärenmäßige Stimme fragen hören: „Federlein, kommt meine Zeit nit bald?“ Seit er das mitgeteilt hätte, fiele er mit Anbruch jeder Nacht in einen so festen Schlaf, dass er am Morgen nur mühsam zu erwecken wäre.

   „Weil er sich an jedem Abend einen Rausch ansauft, bis er torkelt!“, sagte einer der Buben. „Da glaub ich freilich, dass er den Höllischen nimmer reden hört.“

   „Den Höllischen? Geh, Du Narr!“, fiel mit Lachen ein blonder Bursch ein, dem der Schalk aus den blauen Augen zwinkerte. „Seit gestern weiß man doch, dass der Kerl im Salz ein richtiger Mensch sein muss. Den langmütigen Gesellen hat das Warten auf Rom verdrossen. Drum hat er selber geredet. Gestern in der Nacht, wie’s Zwölfe geschlagen hat, da hat man ihn gählings schreien hören: ‚Höi, Musketierer, höi, den geistlichen Kommissari möcht ich haben!’ Da sind die Musketierer wie die Narren gesprungen. Der Kommissar ist gleich aus dem Bett gefahren und mit Kreuzschlagen und Wasserspritzen hinuntergerumpelt zur versiegelten Kellertür. Und hat lateinisch gefragt: ‚Diabolus, gribusgrabulus, was begehrst Du?’ Da schreit der Mann im Salz: ‚Ich möcht hinaus ein bissl!’ Der Kommissar hat wieder gefragt lateinisch: ‚Diabolus, gribusgrabulus, warum willst Du hinaus?’ Und da hat der Mann im Salz gerufen: ‚Weil ich ein Mensch bin und alle tausend Jahr einmal hinaus muss, aber flink, es geht schon ein paar Schnaufer über’s Tausend!’“

   Ein schallendes Gelächter. Dann hörte man eine Stimme kreischen: „Gucket, Leut! Was da für einer kommt!“ Der heitere Lärm verstummte. Alle Gesichter drehten sich. Adelwart, in der schwarzen Stollentracht der Hällinger, trat in das Gehöft. „Der höllische Schatzgraber!“, schrie ein Knappe. „Wenn der mit der Jagdfron geht, da tu ich nit mit!“ Das schrieen ihm die anderen Hällinger nach. Der Lärm übertönte ein Himmelkreuzdonnerwetter: „Wer will nit fronen? Wer reißt da das Maul auf?“ Mit groben Ellenbogen ruderte Peter Sterzinger durch das Gedräng. „Will einer mucksen, so hockt er morgen im Block, statt dass er mittut bei der Knödelschüssel!“ Er ging auf Adelwart zu und reichte ihm die Hand. „Grüß Dich Gott, Bub! Wenn die Maulaufreißer meinen, Du wärst zu gut, um mit ihnen zu fronen, so dienst Du morgen in meiner Jägerei.“ Adel stand vor dem Wildmeister, als hätte ihn ein Schwindel befallen. Peter Sterzinger musste ihn bei der Hand fassen: „Komm herein! Ich geb Dir das Horn. Beim Auszug sollst Du die Liedstimm blasen.“

   Leuchtende Bänder in den schwarzen Zöpfen, stand Madda unter der Haustür. Und Peter Sterzinger fragte schmunzelnd: „Bub! Was ist denn? Bist Du nit völlig genesen?“ Adel nickte nur. Ein Lächeln, das Fürchten und Hoffen war, verzerrte sein blasses Gesicht. So führte ihn der Wildmeister vor die Jungfer hin. „Also, Maddle, da ist der Bub! Hab ich Dir halt in Gottsnamen den Gefallen getan.“

   „Mir?“, stammelte Madda. Mit heißer Welle schoss ihr das Blut ins Gesicht.

   „Wem denn sonst? Doch nit der Marei?“ Peter Sterzinger schnackelte dem Buben zu. „Jetzt bleib nur derweil! Ich hol Dir das Horn heraus.“ Er trat in den Flur. Wortlos standen die zwei jungen Menschen voreinander, jedes so mühsam atmend, als läge ihnen der gleiche schwere Stein auf der Seele, jedes mit glühendem Gesicht, mit schimmernden Augen. Die stumme Marei, die mit einem Zuber zum Brunnen wollte, blieb wie versteinert im Hausflur stehen; auf ihrem vergrämten Gesicht brannte ein Glanz der Freude; mit einem lallenden Laut, der einem halben Lachen glich, huschte sie zurück in die Küche.

   Zwei Jäger, die im Zwinger die Hunde gekoppelt hatten, brachten die Meute geführt. Das tolle Gekläff der Hunde machte die Maultiere scheu, die mit den schweren Saumkörben zu bocken begannen, und bei allem Lärm klang aus dem offenen Stubenfenster noch immer das helle Getriller des Kreuzschnabels.

   Für die beiden, die da voreinander standen, umflutet von Sonne, schien das alles nicht vorhanden. Madda sagte mit zerdrückter Stimme: „Ich weiß wahrhaftig nit, was der Schwager da geredet hat – von mir.“

   Adel nahm die schwarze Hällingermütze herunter und löste aus der Schnur ein Sträußl jener Bergblumen, die so dunkel sind wie die Trauer und so köstlich duften wie treue Liebe. Die bot er der Jungfer hin. Alles Tiefste eines Menschenherzens war im Klang seiner leisen Stimme: „Ihr habt mir in harter Stund ein gutes Wörtl gesagt. Das hat mich leben lassen!“ Er musste Atem schöpfen. „Ich bitt Euch, Jungfer, nehmet die Blumen da zu gutem Vergelts!“

   Madda nahm die Blumen, beugte das Gesicht, um den Duft zu kosten, und steckte das Sträußl an ihr Mieder. „Vergelts Gott, Jäger!“, sagte sie. Und er stand doch als schwarzer Knappe vor ihr!

   Peter Sterzinger tauchte mit dem blinkenden Waldhorn auf. „Also, Bub! Beim Auszug gehst Du als erster.“ Mit aller Kraft seiner Stimme rief er: „Fertig, Leut! Die Jäger voraus! Die Froner an die Karren! Die Säumer ans End!“ Während der Zug unter dem Gekläff der Meute sich ordnete, legte Peter Sterzinger den Arm um die Schwägerin. „Gott soll Dich behüten, Mädel! Morgen, zum Abend, bin ich wieder daheim.“ Er sagte ihr ins Ohr: „Heut hätt die Tresa eine Freud gehabt!“ Da huschte ein dunkler Schatten über die Hofreut. Eine Wolke, schwer und bleigrau, hatte sich vor die Sonne geschoben. Der Wildmeister guckte zum Himmel hinauf. „Teufel! Das kommt aber schnell! Maddle, da muss die Marei vor Abend mit dem Karren noch hinauf zum neuen Schlag und muss die Herdborzen holen, die ich hab machen lassen. Die müssen vor dem Regen noch unter Dach.“

   „Ja, Peter!“

   „Und dass mir der Schinagl morgen mit dem Wildwagen beim Tiergarten ist!“

   „Ja, Peter!“

   „Und sperr in der Nacht fest zu! Lass in der Hofreut die Rüden umlaufen, die von der Meut daheim bleiben.“

   „Ja, Peter!“

   „In Gottsnamen also!“ Der Wildmeister rief den Jägern zu: „Erst zum Leuthaus hinauf! Da warten die Herren.“ Zu Adel sagte er: „So, Bub! Jetzt blas!“

   Ein Klang, als sollte das Horn zerspringen! Am Stiftsberg und im Wald über der Ache drüben ein schmetterndes Echo. Die Hörner der Jäger fielen ein, und unter Hall und Widerhall, unter dem Läuten der Meute, rückte der Jagdzug hinaus in das aufziehende Unwetter. Schinagl war auf die Straße getreten, um dem Zug nachzugucken. Die Kinder kamen gelaufen und schrieen ihre dünnen Jauchzer hinter dem Vater her. Madda stand noch immer bei der Haustür und heilt das glühende Gesicht in die kleinen, dunklen Blumen gedrückt.

   Von der Achenbrücke kam der Hällingmeister gelaufen. Der hatte den Pfnüer im Stollen nimmer gefunden, und der Ferchner hatte ihm gesagt: „Der Michel hat sich Freischicht geben lassen, er müsst auf die Alm hinauf, weil seien Kuh verkrankt wär. Mir scheint, die hat das Wildbretfieber!“ Erschrocken hatte Jonathan den Rückweg angetreten und atmete erleichtert auf, als der den Jagdzug schon weit auf der Straße sah. Jetzt brauchte er den Ärger des Wildmeisters nimmer anzuhören. Mochte doch der Michel Pfnüer seine heimlichen Wege suchen! Sie lagen weit von den Wegen, die Adel im Tiergarten zu gehen hatte. Das blieb für den Hällingmeister die Hauptsache. Nur sein Gewissen wollte er erleichtern. Drum ging er auf Madda zu und sagte ihr, was sie dem Schwager bei seiner Heimkehr vom Michel Pfnüer zu melden hätte. Madda schien nicht zu hören. Immer lauschte sie dem Hörnerklang, der von der Straßenhöhe heruntertönte in das von Wolkenschatten übergossene Tal. Lächelnd nahm Jonathan die Kappe herunter, als stünde er vor einem heiligen Ding. Leise, mit Freude im Klang seiner Stimme, sagte er: „Liebe Jungfer! Gottes Segen auf Euer Leben und Glück!“

   „Ja, Meister!“ Madda nickte. „Ich will’s dem Schwager schon ausrichten.“

   Auf der Straße droben war der Jagdzug verschwunden. Schinagl guckte zum Himmel hinauf, den die Wolken immer dunkler überzogen. „Bis sie hinauskommen zum Tiergarten, haben sie keinen trockenen Faden nimmer am Leib!“ Er ging in den Hof und schloss das Zauntor.

   Madda saß auf der Hausbank, den Kopf an die Mauer gelehnt. Die Kinder waren bei ihr, schwatzen und fragten, hatten beklommene Stimmchen und wurden immer ängstlicher. Madda umschlang sie, presste sie an sich, lehnte den Kopf wieder an die Mauer und schloss die Augen. Nach allem Traum dieser Stunde war das ernüchternde Besinnen auf ihre Seele gefallen. Ihr Herz verloren an diesen Einen! Ihr Wort gebunden an jenen Anderen! Ihr Weg verschlossen! Über die Birnbäume fuhr ein sausender Windstoß hin. Klatschend fielen die aus den Kronen geschüttelten Birnen in das Kraut der Beete. Madda erhob sich und trat ins Haus. „Marei!“ Die Magd kam aus der Küche gelaufen. Obwohl es im Flur schon dämmerte, sah Madda die Freude in den Augen der Stummen. Marei, wie eine segnende Mutter, machte über Madda das Zeichen des Kreuzes, fasste scheu ihre Hände, küsste sie, lachte dazu mit dumpfen Lauten und rieb ihre Wange an Maddas Arm. Es war in ihrem Gehaben etwas von der täppischen Art eines zahmen Tieres, das stumm ist und sich zärtlich erweisen möchte gegen den gütigen Menschen, der es nährt. „Ja, Marei! Du bist mir gut. Du tätest mir alles Glück vergönnen. Aber da ist kein Reden darüber. Jetzt muss ich Dir Arbeit schaffen.“ Die Stumme richtete sich auf und nickte. „Du musst mit dem Karren gleich hinauf zum neuen Schlag, wo Du mit dem Schinagl das Scheitholz geholt hast. Da liegen die Herdborzen, die der Schwager hat machen lassen. Die müssen heim, vor der Regen kommt.“

   Die Magd rannte davon. Als sie den Handkarren aus der Scheune gezogen und eine Blache geholt hatte, warf sie einen Blick nach dem Himmel und merkte, dass sie sich eilen musste. Soweit die Straße gut war, zog sie den hopfenden Karren im Laufschritt hinter sich her. Durch den steilen Wald hinauf ging es langsam, obwohl Marei sich keuchend in den Karrengurt legte und zog, dass ihr der Schweiß das Gesicht überglitzerte. Das dicht geballte Gewölk erstickte schon die letzte Helle, als Marei die Rodung erreichte, die sich am Fuß einer grauen Felswand hinzog. Brausend fuhr der beginnende Sturm über den Berghang, und rings um den Waldsaum schwankten die dunklen Wipfel. Mühsam schleppte Marei den Karren über das Gewirr der umher liegenden Äste. Jetzt blieb sie stehen und guckte. Auf der Lichtung stand eine Hirschkuh mit ihrem Kalb. Während das Junge noch sorglos äste, hob das Muttertier verhoffend den Kopf, weil es das Geräusch des Karrens vernommen hatte. Einen Locklaut ausstoßend, wollte die Hirschkuh gegen den Waldsaum trollen. Da klang ein schnurrender Ton. Das Tier machte einen seltsamen Sprung, jagte in rasender Flucht dem Schutz des Waldes zu und begann zu schwanken, bevor es zwischen den Bäumen verschwand. Die absonderlichen Sprünge des Tieres hatten auf Marei wie etwas Heiteres gewirkt. Lachend legte sie sich wieder in den Karrengurt und zog. Bei dem Gerassel, das der Karren machte, vernahm sie ein Geräusch nicht, das sich anhörte, als spränge ein Mensch über die dürren Äste. Sie zog und zog, bis sie die Felswand erreichte. Hier lagen die kleinen Reisigbündel aufgeschichtet, die zum Anschüren des Herdfeuers dienten.

   Während Marei die Borzen auf den Karren lud, fielen die ersten Tropfen. Ein Blitzschein, dem ferner Donner folgte, zuckte über den Bergwald. Keuchend schaffte die Magd. Es gelang ihr, die Ladung des Karrens mit der Blache zu überspannen, ehe der Regen schwer zu fallen begann. Nun wollte sie den Heimweg antreten. Da schlug ein Blitz in den Wald, die ganze Lichtung schien in Feuer zu schwimmen, der Donner dröhnte, und rauschende Fluten fielen grau und dick aus den Lüften herunter. Triefend schleppte Marei den Karren gegen die Felswand hin. Dort war eine Höhle, in der sie neulich mit dem Schinagl die Mittagrast gehalten hatte. Dunkel gähnte das Felstor, und finster senkte sich die Höhle in den Berg. Erleichtert atmete die Stumme auf, als die den schweren Karren hereingeschleppt hatte unter das steinerne Dach und die Reisigbündel sicher vor dem Regen wusste. Ein Unwetter, je gröber es tut, ist umso schneller vorüber; wenn nach dem Regen der Mond heraufstieg, konnte Marei den Karren trocken heimbringen, und die liebe Jungfer würde mit ihr zufrieden sein.

   Unter jenem lallenden Lachen, das sie in ihrer Stummheit besaß, nahm sie im Dunkel der Höhle das triefende Kopftuch ab und streifte den klatschenden Rock herunter, um die Nässe herauszuwinden. Nun lauschte sie erschrocken. Es war ihr, als hätte sie das Atmen eines lebenden Wesens vernommen. Wieder lachte sie, um ihre Furcht zu überwinden. Da flammte unter knatterndem Donner die bläuliche Helle eines Blitzes in die Höhle herein und Marei sah wenige Schritte vor sich ein finsteres Mannsbild stehen, mit schwarzem Gesicht, den Kopf umzottet von dunklem Haarwust. Nur die Augen glimmerten bei dem bläulichen schein des Blitzes. In Angst sich bekreuzend, wollte Marei entfliehen, wollte den Karren überklettern, der die Höhle sperrte. Da sprang der Schwarze aus dem finsteren Winkel heraus und schrie mit brüllender Stimme: „Burri malurrio Satanas!“ Die Magd, der vor Schreck die Sinne vergingen, stürzte lautlos auf den Steinboden der Höhle hin.

   Das dumpfe Rauschen des Regens verwandelte sich in lautes Geprassel. Dabei hörte man das klagende Schmälen des Hirschkalbes, das die Mutter suchte. Der Hagel fiel so dicht, dass sich die Dämmerung von dem vielen Weiß, das den Grund bedeckte, zu erhellen begann. Dann setze der schwere Regen wieder ein und schüttete aus schwarzen Wolken die Nacht über den brausenden Wald. Im Dunkel der Höhle glomm ein rötlicher Schein. Der Schwarze hatte Feuer geschlagen und ein Stück Zunder angebrannt. Er beugte sich über die Magd, die wie leblos auf der Erde lag. Mit der roten Glut des Zunders leuchtete er in das verzerrte Gesicht der Ohnmächtigen, suchte auf dem Boden der Höhle, fand eine Armbrust, warf den Zunder fort und kletterte über die Ladung des Karrens hinaus ins Freie. Mit langen Sprüngen rannte er durch den brausenden Regen davon. Dieses Schütten wollte nicht enden. Alle Gräben der Berge waren in Bäche verwandelt, die das Wildwasser hinunter trugen ins Tal. Das Bett der Ache konnte die Fluten nimmer fassen. Die Straße war überschwemmt, jede Talwiese stand unter Wasser.

   In allen Gehöften war Licht. Von den Haustüren riefen die Leute einander durch die schwarze, rauschende Nacht ihre Sorge zu.

   „Was meinst Du, Nachbar? Wird er hin sein, der Haber?“

   „Gar viel wird nimmer stehen. Ein Hagelwetter so spät im Jahr! Das ist doch, als hätt’s der Teufel gemacht.“

   „Oder eine, die was gelernt hat von ihm.“

   So redeten Hunderte in dieser rauschenden Sorgennacht. Jeder Bauer, der um seinen Hafer bangte, suchte nach einem Sündenbock für den Schaden. Auch noch andere Sorgen hatte diese Nacht. Von der Tür des Wildmeisterhauses schrillte immer wieder ein banger Ruf in die rauschende Finsternis: „Marei!“ Keine Antwort kam. Flackernde Helle fiel aus der Haustür in die Nacht heraus; Madda hatte auf dem Herd ein Feuer brennend erhalten, damit Marei, wenn sie heimkäme, ihre Kleider trocknen und sich wärmen könnte. Umzüngelt von dieser Helle stand die Jungfer in der Tür. „Marei! Marei!“ Da sah sie eine dunkle Gestalt durch das Zauntor huschen. „Gott sei Lob und Dank! Marei?“

   Das war der Meister Weyerzisk, in eine Kotze gewickelt. „Jungfer? Was schreiet Ihr denn allweil? Ich hab herüber müssen, mein Trudle hat nimmer Ruh gegeben.“

   „Die Marei muss sich verlaufen haben im Wald!“ Gleich, wie das Wetter so grob geworden, hätte sie den Schinagl mit der Laterne davon geschickt und mit den beiden Hunden, die von der Jagd zurückgeblieben. Und jetzt käme der Schinagl auch nimmer heim!

   „Die sind da droben wo untergestanden und warten den Regen ab.“ Schon hatte Weyerzisk der Jungfer gute Nacht gesagt, blieb aber noch immer stehen. Er lächelte, und seine Augen glänzten. „Heut am Abend bin ich mit dem Muttergottesstöckl fertig worden. Ich mein’, ich hab was Besseres nie gemacht. Freilich, die heilige Mutter hat’s verdient um mich. Die hat mir wieder das liebe Glück ins Haus gerufen. Da muss ich ihr schon mein Bestes hinauftragen. Gelt?“ Meister Weyerzisk schritt in die rauschende Finsternis hinaus.

   Madda lauschte hinüber zu dem kleinen Haus, in dem das lachende Glück unter sicherem Dach wohnte. Ein Dürsten war in ihr, dass sie hätte schreien mögen vor Sehnsucht. Da hörte sie die ängstlich gewordenen Kinder rufen, ging zu ihnen in die dunkle Kammer, blieb, bis sie wieder schliefen, und kam in den Flur zurück. Als sie hinaustreten wollte in die Nacht, sah sie auf der Diele einen feuchten Streif, als wäre ein von Nässe triefender Mensch durch den Flur nach der Küche gegangen. „Jesus! Mädel!“ Madda sprang zur Küchentür und fand die Stumme zusammengekauert im Herdwinkel, zitternd an allen Gliedern, rot angestrahlt vom Schein der glühenden Kohlen. „Marei! Gott sei’s gedankt! Weil Du nur da bist!“ Die Jungfer legte in Hast ein paar Scheite über die Kohlen. „So tu doch deuten! Hast Du Dich im Wald verlaufen? Hat Dich der Schinagl heimgebracht?“ Aus den knisternden Scheiten züngelten die Flammen auf. Beim Glanz dieser Helle sprang die Magd aus dem Herdwinkel, drückte sich an die Mauer und starrte mit einem Blick des Entsetzens in das auflohende Feuer. Madda erschrak. „Aber Mädel!“ Nun sah sie erst, in welch absonderlichem Aufzug die Marei sich befand: Ohne Kopftuch, mit zerzausten Zöpfen, ohne Rock, über dem Hemd nur den offenen Spenser um die Brust. Das bisschen, was sie am Leib hatte, klatschte vor Nässe. Erst dachte Madda nur: Die hat den triefenden Rock herunterstreift und zum Trocknen aufgehangen. Drum sagte sie: „Geh, Marei! So was tut doch ein schämiges Weiberleut nit offen am Herd. Komm, ich leg Dir trockenes Zeug in Deine Kammer! Da kannst Du Dich umziehen.“

   Die Magd schien nicht zu hören. Immer stierte sie in die Flammen und lallte in ihrem Zittern: „Mua – Mua –“ Der Jungfer flog ein Schaue rüber den Nacken: „Marei! Was ist denn mit Dir?“ Sie wollte die Magd am Arm fassen. Die Stumme wich zurück, streckte wehrend die Hände vor sich hin, und ihre verstörten Augen schienen zu betteln: „Rühr mich nit an!“ Diese zitternden Hände waren blutig von Nägelwunden, in den vorgequollenen Augen war Angst und Grauen, und von den Wimpern fielen große Tropfen über die kalkweißen Wangen. „Marei? Hat Dich ein Blitz geschlagen?“ Da beugte sich die Stumme zögernd aus dem Winkel vor. Wie ein Kind, das die Flamme fürchtet, streckte sie die Hand, fasste einen halb verkohlten Span und schrieb mit langsam entstehenden Buchstaben an die weiße Mauer: „Bin im Wald gewest, ist Satanas bei mir gewest, ich verflucht, ich ewig verdammt, ist mein Mutter verbronnen worden, muss ich brennen auch.“

   Unter gellendem Schrei schlug Madda der Stummen den Span aus der Hand. „Marei! Du hast ja den Verstand verloren!“ Die Stimme erlosch ihr. Da begann die Stumme mit den Nägeln die Schrift von der Wand zu kratzen. Weil noch immer ein Rest der Buchstaben zurückblieb, wusch sie mit ihrem nassen Haar die Kohle von der Mauer. Als von der Schrift nur noch ein mattgrauer Fleck auf dem weißen Kalk zu sehen war, atmete sie auf. Unter hölzernen Bewegungen, wie ein schlechter Komödiant sie zu machen pflegt, warnte sie mit erhobenem Finger, legte die Hand vor den Mund und deutete auf das rote Mal an Maddas Hals. Dann fiel sie in den Herdwinkel und drückte das Gesicht in die Hände. Madda stand wie versteinert. Plötzlich rannte sie in die Nacht hinaus. „Schinagl! Schinagl!“ Immer schrie sie diesen Namen. Weil sie keine Antwort hörte, sprang sie der Straße zu.

   Ein dumpfes Rauschen war in der Nacht. Das kam von der Ache und von den Wildbächen. Der Regen fiel nur noch wie feiner Staub, und um die fernen Berge war zwischen Dunst und Nebel ein milchiger Schein des Mondes.

   Beim Weyerzisk war die Stube noch erleuchtet. Hinter der Glaskugel brannte die Öllampe, und die kreisförmige Helle umflimmerte das vollendete Marienbild. Dem schönen, aus frommer Kunst geborenen Werk zu Füßen stand das Singerkästl und zirpte die Weise von der Linde im Tal. Die Weyerziskin saß auf ihres Mannes Schoss, von seinen Armen umschlungen. Wange an Wange lauschten die beiden dem klingenden Lied und betrachteten in Freude das vollendete Schnitzwerk, diesen Dank ihres neugeborenen Glückes. Draußen in der Nacht eine schreiende Stimme. Mit Fäusten wurde an die Tür geschlagen. Madda taumelte in die Stube. „Joser! Ich weiß mir nimmer zu helfen. Unser Marei hat den Verstand verloren.“ Die beiden sprangen in der rauschenden Nacht über die Straße hinüber. „Ich weiß nit, Joser, was das Mädel hat. In mir ist eine Angst, dass mir kalt ist um Herz und Seel.“ Sie hatten das Haus erreicht und stürzten in den Flur, Madda voraus in die Küche.

   Hier war nichts anderes zu sehen, als das ruhig brennende Feuer auf dem Herd, der stille Schein an den Wänden. Die Marei war nimmer da. Aber im Herdwinkel glitzerte die Nässe auf den Steinplatten, und an der weißen Mauer war der graue, feuchte Fleck. „Marei! Marei!“ Die Jungfer brannte ein Kienlicht an, lief in die Kammer der Magd, zu den schlafenden Kindern, über die Stiege hinauf zum Dachboden. „Marei! Marei!“ Nirgends eine Antwort. Mit dem flackernden Keinspan eilte Madda zur Haustür und leuchtete in den Garten hinaus. „Marei! Marei!“ Die Ache rauschte. Und die Nacht war hell geworden. Durch die Wolkenklüfte, die mit Silber gerändert waren, fiel das Mondlicht über das Nebel dampfende Tal. Und vom schwarzen Gehäng des Waldes herunter, beim Rauschen der Ache kaum noch zu hören, klang ein doppelstimmiges Gekläff, wie der Standlaut zweier Jagdhunde, die ein verendetes Wild gefunden.

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