Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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         Der Mann im Salz
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Kapitel 14

   Um die zehnte Abendstunde kamen die heißköpfigen Streithähne auf dem Marktplatz und vor dem Münstertor mit erstaunlicher Schnelligkeit zur Ruhe. Erst fing es zu tröpfeln an. Weil diese sanfte Mahnung nicht ausreichte, um Frieden zu stiften, schütte der Himmel einen Platzregen herunter, mit Tropfen, die dreinschlugen wie die Hagelkörner. Der Marktplatz leerte sich mit der Schnelligkeit eines Windhundes, im Stiftshof erloschen die Pfannenfeuer, die den Mann im Salz bewachenden Musketiere flüchteten unter die Schwibbogen des Hofes, und die kanonischen Debatter vor dem Münstertor retteten sich in den Flur des Stiftes oder in die Kellerstube, wo sie weiter stritten.

   „Sie sind wie die jungen Gockel, die sich raufen um einen toten Frosch, und nach allem Hader merken müssen, dass sie den Brocken nicht schlucken können!“ Mit diesem Wort, ganz zerschlagen von allen Erregungen des Tages, stieg der greise Dekan zu seiner Schlafstube hinauf, in die man den ohnmächtigen Buben getragen hatte. Eine dreistrahlige Lampe erleuchtete den weißen Raum. An den Wänden die Blätter des Holbeinschen Totentanzes und Dürers Himmelfahrt der Maria. Eine ganze Mauer war eingenommen von einem Bücherkasten; in der Fensternische, vor einem Schreibpult, stand ein alter Lehnsessel. Als Herr von Sölln in die Stube trat, wusch ein Lakei die Blutflecken vom Boden auf; unter der Lampe kramte Magister Krautendey sein Chirurgenzeug in eine Ledertasche; Meister Jonathan stand zu Füßen des Bettes, und das Kätterle kniete auf den Dielen und streichelte die Schulter des Buben, der mit geschlossenen Augen lag, das Gesicht und die Hände bedeckt von grauen Pflastern. Verwundert fragte der Dekan: „Wie kommt die Frau da in meine Stube?“

   Mit großen Angstaugen blickte das Kätterle auf. „Ich bin die Mutter!“ Sie wollte nicht begreifen, dass eine Frau, und wenn’s auch eine alte wäre, unter dem Dach des Stiftes nicht übernachten könnte. Fast Gewalt musste der Hällingmeister anwenden, um das Kätterle aus der Stube zu bringen. Kopfschüttelnd sah Herr von Sölln die Tür an, die sich hinter dem Weibl geschlossen hatte. „Das ist doch gar nicht ihr Sohn!“

   Magister Krautendey lächelte. „Habt Ihr noch nie eine Henn gesehen, der man ein Entenei ins Nest gelegt? Wie die Henn zum ersten Mal ins Nest gelegt? Wie die Henn in sorgen fludert und gackter, wenn das Entl zum ersten Mal ins Wasser torkelt? Mir deucht: Das ist unter allen Müttern, die von der weisen, fürsorglichen Natura erschaffen wurden, die beste und mütterlichste.“

   Nachdenklich sah der Dekan den Magister an. „Krautendey! Das hätte der geistliche Kommissar nicht hören dürfen.“

   „Dem sag ich’s auch nicht.“

   Schmunzelnd, als hätte ihm das scherzende Wort alle Sorge dieses Abends leichter gemacht, trat der Dekan zu dem Bett, auf dem der Bub mit seinen Pflastern und Binden lag. „Noch allweil in Ohnmacht?“

   „Nein, domine! Er ist eingeschlafen, vor Schwäche und Blutverlust. Am Schenkel hat er eine schwere Verwundung. Von einem Brocken, der ihn getroffen. Das ganze Gesicht und die Hände sind hundertmal durchnadelt von Salzbröseln und Steinsplittern. Drei Wochen wird der Bub wohl brauchen, bis er sich ausheilt. Schaden wird’s ihm nicht. Er hat einen Körper, wie grad herausgesprungen aus der Freud des Schöpfers.“

   Ein Lakei trat in die Stube: Der Wildmeister wäre draußen und hätte dringend mit dem Herrn zu reden. Als der Dekan wieder kam, sah er den Schlummernden lächelnd an. Dann fragte er: „Krautendey? Ihr seid erfahren in rebus naturalibus. Wie alt schätzet Ihr den Mann im Salz?“

   „Auf vierzig oder fünfzig Jahr.“

   „Ich meine nicht sein Lebensalter, sondern die saecula, seit denen er im Salz steckt?“

   Krautendey nahm sein Chirurgenzeug unter den Arm. „Soll ich sagen, was der Doktor Pürckhmayer hören darf?“

   „Der ist nicht da.“

   „So sagt mir, Herr, wann Gott die Berge gemacht hat?“

   „Doch wohl am Schöpfungstag.“

   „So muss der Mann im Salz zumindest um vierzig Jährlen älter als der Adam sein – wie Moses rechnet.“

   „Magister!“, stammelte Herr von Sölln erschrocken. „Kann einem Menschen nicht geschehen sein, was dem Käfer in Eurem electrum geschah?“

   „Freilich, domine! Ist auch kein Unterschied. Steiget auf den Münsterturm und schauet herunter auf den Mann im Salz, dann ist er so winzig wie der Käfer im electrum. Und wie der Käfer da hineingekommen? Aristoteles sagt, das electrum wär ein Pech, wie die Bäum es ausschwitzen. Ich glaub, er hat Recht. Der Bernstein wird im nordischen Meer gefischt. Muss da nicht vorzeiten einmal kein Meer gewesen und ein Wald gestanden sein? Wie hätt dass electrum sonst aus den Bäumen schwitzen und der Käfer hineinfallen können in das linde Pech?“

   Der Dekan schüttelte den Kopf. „Krautendey! Das sind dunkle Träume.“

   „Ja, Herr! So dunkel träum ich oft.“ Der Magister ging zur Tür. Mit der Klinke in der Hand blieb er stehen. „Aus mancherlei Zeichen, die ich auf den Bergen gefunden, muss vorzeiten einmal das Eis, wie es heut noch um die Wazmannkinder liegt, das ganze Berchtesgadener Tal gefüllt haben und über den Salzberg hinausgegangen sein bis weit in die Ebene. Da hab ich gerechnet: Wie lang die Sonn hat scheinen müssen, bis sie das Eis hat schmelzen können? Und hab gerechnet: zwanzigtausend Jahr! Um wie viel älter muss da der Mann im Salz noch sein? Ich trau mich nimmer rechnen. Tät mir der Doktor Pürckhmayer einmal auf die Tafel gucken, so tät der Freimann eine Klafter Brennholz brauchen. Drum hängt an meiner Tafel ein Schwämml, mit dem ich meine Träum wieder auslöschen kann! – Was meinet Ihr, Herr? Wie lang wird’s dauern auf der Welt, bis Zeiten kommen, wo man rechnen darf und die Ziffern nimmer auslöschen muss?“ Er wollte gehen, drückte die Türe wieder zu und sagte leise: „Jetzt träum ich grad: Dass der Mann im Salz, derweil er noch ein lebendiger Mensch gewesen, auch schon an einen Teufel geglaubt hat. Selbigs Mal ist aber doch Herr Luzifer noch ein Erzengel im Himmel gewesen! Das ist halt so der Menschen ewige Art, dass sie lieber das Schwarze berufen, als sich am Licht erfreuen. Gute Nacht, lieber Herr!“

   Lange blieb der Dekan in Gedanken versunken und betrachtete das verpflasterte Gesicht des Schlummernden. „Der hat auch gerechnet!“ Dann erhob er sich und wanderte durch die Stube, bis er sich müd in den Lehnstuhl am Fenster setzte. Draußen in der Finsternis rauschte der Regen, und die schweren Tropfen trommelten an die in Blei gefassten Scheiben. Erst gegen Morgen ließ der Regen nach. Zögernd rang sich in der Frühe die Sonne durch das treibende Gewölk.

   Schon in der ersten Morgenhelle des erwachenden Sonntags wurde es lebendig im Stiftshof. Je näher es auf die Kirchenstunde ging, desto zahlreicher strömten die Menschen herbei, um gruselnd den Mann im Salz zu bestaunen. Der Platzregen hatte den Salzblock glatt gewaschen und hatte an der Stelle, unter der das Haupt des eingepökelten Urmenschen steckte, so viel von dem Salzstein gelöst, dass man fast die Strähne des rotbraunen Haares befühlen konnte. Nur wenige im Gedräng der Neugierigen hatten den Mut, da hinzurühren. Wer es gewagt hatte, scheuerte flink auf seiner Hinterseite das verhöllte Fingerglied. Und Dinge wurden geredet, bei denen die menschliche Vernunft ihre abenteuerlichsten Purzelbäume schlug.

   Auch der Hällingmeister und das Kätterle, als sie gute Nachricht über Adelwarts Befinden vernommen hatten, drängten sich in das Gewühl, das den Karren umgab. Um sich das Herz zu erleichtern, spie das Kätterle zornig auf den Salzblock, der ihren Buben so viel warmes Herzblut gekostet hatte.

   Mit Peter Sterzinger und den Seinen kamen die Weyerziskin und Josua zur Kirche. Die junge Frau hätte gerne was gesehen, aber Josua mahnte erschrocken: „Tu’s nit, Trudle! Da könntest Du Dich verschauen dran.“ Auch Madda schüttelte den Kopf, als der Schwager fragte: „Magst Du nit hinschauen zum Karren?“ Mit seinem Schmunzeln kontrastierte seltsam der verdrießliche Ton, in dem er sagte: „Hinschauen hättest du wohl sollen! Bist doch eigentlich schuld an allem! Hättst Du nit selbigs Mal so aufbegehrt, so wär der Bub nit in den Salzberg eingefahren, und das saure Manndl hätt lang noch drunten liegen können in der Tief. Aber freilich, wie der Bub einmal drunten war, da hat er doch weisen müssen, dass er als Jäger mehr Verstand unter dem Hirndach hat als wie die Maulwürf.“ Madda gab keine Antwort. Während sie die Kinder hinüberführte zur Kirche, huschten ihre heiß glänzenden Augen über alle Fenster des Stiftes.

   An diesem Morgen predigte Herr von Sölln im Münster, Pfarrer Süßkind in der Leutkirche, Prior Josephus bei den Franziskanern. Was sie sagten, fiel in manchem Gehirn auf guten Boden. Wie die größere Menge die Sache nahm, das konnte man nach dem Hochamt an dem Geschrei erkennen, das den Marktplatz füllte. Um die Mittagsstunde trug man den Streit der Meinungen heim in die Häuser, und da wurde zwischen Ehemann und Eheweib, zwischen Sohn und Vater, zwischen Bruder und Schwester mit kreischenden Stimmen weiter gestritten: Ob Mensch oder ‚Ich weiß nit was’, ob Heide oder Christ, ob verbrennen oder begraben?

   Um zwölf Uhr hatte Herr von Sölln die Chorherren zum Kapitel berufen. Es musst eine Entschluss gefasst werden, wenn der Anblick dieser gesulzten Vergangenheit den Leuten nicht weiterhin die Köpfe verwirren sollte. Nun gab’s eine Überraschung. Doktor Pürckhmayer hatte das Franziskanerspäßchen ernst genommen, hatte noch in der Nacht einen Bericht an die päpstliche Kurie verfasst und früh am Morgen einen der Viakre, begleitet von zwei kurkölnischen Seligmachern, auf die Reise nach Rom geschickt, um in diesem unlösbaren Streitfall die Entscheidung der höchsten kirchlichen Instanz zu erfragen. Das setzte im Kapitelsaal einen bösen Aufruhr ab. An der Sache war nichts mehr zu ändern, und so konnte man nur noch darüber schlüssig werden, wie der Mann im Salz den Leuten aus den Augen geräumt und schadlos konserviert werden sollte, bis Rom gesprochen hätte. Man entschied sich für den alten Mühlenkeller, der hinter dem Laienhof neben den Gefängniszellen lag und jedem Zugang von außen entrückt war. In früheren Zeiten, da das Kloster noch mit der Möglichkeit einer Belagerung rechnen musste, hatte es innerhalb der Umwallung seine eigene Mühle besessen, die durch einen unterirdischen Wasserzufluss getrieben wurde. Seit fünfzig Jahren stand die Mühle still, der Wasserzufluss war vermauert. Im Kellergewölb dieser Mühle sollte der Mann im Salz sich häuslich einrichten, um mit Geduld des Tages zu harren, an dem sein rätselvolles Schicksal ultra montes entschieden würde. Trotz des Sonntags wurde die Übersiedlung gleich in Angriff genommen. Man vermauerte die beiden Fensterluken, die nach dem alten Hirschgraben guckten, und spedierte den Mann im Salz auf einer Gleitbahn über die Treppe hinunter in das finstere Loch. Dann wurden schwere Eisenbänder vor die feste Tür gelegt, und die Vorhangschlösser wurden versiegelt.

   Wachs und Eisen halfen nicht viel. Der Mann im Salz, obwohl er drunten schlummerte in der Finsternis des Mühlenkellers, ging als lebendiger Aufwiegler durch alle Gassen von Berchtesgaden. Das wurde schlimmer von Tag zu Tag. Dunkle Munklereien begannen umzulaufen. In der Wachtstube über dem Mühlenkeller sollte es nicht geheuer sein; die Musketiere könnten um die Mitternachtsstunde kein Auge schließen; unheimliche Geräusche wären aus dem Keller herauf zu vernehmen. Auf der Straße standen die Leute bis spät in die Nacht und guckten zu den vermauerten Kellerluken hinüber. Am Morgen erzählte einer: Er hätte einen stinkigen Feuerschein aus der Mauer fahren sehen. Der andere: Eine mordsmäßig schwarze Katze wäre mit der Geschwindigkeit eines Wiesels an der Mauer auf und nieder gelaufen. Ein dritter: Vom Untersberg herüber wäre ein schwarzer Drache, so groß wie ein Scheunentor, durch die Nacht einher geflogen und sieben Vaterunser lang über dem Stift stehen geblieben in der Luft. Da half kein Predigen, kein Beruhigen, kein verständiges Wort. Ein Hexentanz des Aberglaubens gaukelte durch alle Köpfe, durch das ganze Tal.

   Im Wildmeisterhaus kam man erst zur Ruhe, als Peter Sterzinger eines Tages dem alten Schinagl in pfeifendem Zorn erklärt hatte: „Kerl, ich schmeiß Dich hinaus, wenn Du noch ein einziges Wörtl von dem Unsinn redest.“ Hoch an der Zeit war’s gewesen, dass der Wildmeister diesen energischen Machtspruch tat. Er hatte sich in diesen Tagen und Wochen unter Atemnot so häufig bis ins Zwetschkenblaue geärgert, dass sich der Schwung seines linksseitigen Wimmerls merklich vergrößerte. Und die Kinder waren schon so verängstigt, dass sie nimmer allein in der Schlafkammer bleiben wollten. Immer musste Madda bei ihnen sitzen. Die Freundschaft mit der stummen Marei war für die Kinder zu Ende; sie sagten: „Die tut sich selber fürchten.“ Alles Erdenkliche tat die Magd, um das Zutrauen der Kinder wieder zu gewinnen. Dabei arbeitete sie wie ein Tier. Und wie sie gegen Madda war, das sah sich an, als hätte sie einer Heiligen zu dienen. Heimlich küsste sie die Schuhe, die Madda getragen, und wenn sie am Morgen das Gewand der Jungfer bürstete, hielt sie oft mit der Arbeit inne und drückte zitternd das Gesicht in die linden Falten.

   Auch Peter Sterzinger war gegen Madda anders als sonst. Nie sagte er ein stichelndes Wort. Und häufig, wenn es Madda nicht bemerkte, sah er sie nachdenklich an. Es war, als hätte ihr Leben eine neue, feine Saite bekommen, die immer klang, ganz leise. Die Kinder gingen ihr nimmer von der Seite. Gab’s einen schönen Tag, so saßen sie viel am Waldsaum über der Ache drüben. Während Madda von den Zwergen im Untersberg erzählte, vom schlafenden Kaiser mit dem langen Bart, vom König Wazmann und seinen versteinerten Kindern, blickte sie immer hinauf zu den Fenstern des Stiftes.

   In diesen Tagen geschah es auch nie, dass Madda aus dem haus verschwunden war, wenn Doktor Besenrieder seien Braut besuchen kam. Dennoch ging er mit sorgenvollem Gesicht davon. Hatte er das Haus verlassen, so geschah es fast immer, dass Madda zur Weyerziskin hinüberhuschte, die in ihrem glitzernden Winkelchen saß und das weiße Kleinzeug nähte, das sie im Frühling brauchen würde. Josua schwatzte und lachte dann immerzu bei der Arbeit an dem Marienbild, das der Vollendung entgegenging. Manchmal, nach heißen Tagen, stiegen sie alle drei zur Kirche hinauf, um den Rosenbusch zu begießen, der ein bisschen kränkelte. An einem schwülen Abend, als Josua und das Trudle allein hinaufgingen, erlebte die Weyerziskin einen großen Schreck. Da wollten die beiden in der roten Dämmerung aus dem Friedhof treten. Im gleichen Augenblick kam ihnen Jochel Zwanzigeißen mit langen Sprüngen entgegen gerannt, lief aber an den beiden vorbei, guckte um die Ecke der Friedhofmauer und fragte mit fettem Gemecker: „Du? Was tust Du Dich verstecken vor mir?“ Die erwürgte Stimme eines Weibes antwortete: „Jesus, Jesus! So lass mich doch in Fried!“ Ein krampfhaftes Schluchzen. Joser, der die Stimme der alten Käserin erkannte, sprang im Zorn auf den Zwanzigeißen zu. „Geh Deiner Weg! Und lass das arme, kranke Weibl in Ruh!“ Schweigend, mit seinem gutmütigen Schmunzeln, ging der Freimann davon. Die alte Käserin lag neben der Friedhofmauer auf den Knien und zitterte an allen Gliedern. Joser hob sie vom Boden auf. „Komm, Mutter Käserin! Wir führen Dich heim. Geh, Trudle, hilf mir ein bissl, das Weibl ist so viel schwach.“ Die Weyerziskin kam nicht gleich, sie stand mit blassem Gesicht hinter dem eisernen Gitter und klammerte sich an die Stäbe.

   Seit jenem Samstag, an dem der Mann im Salz aus der Tiefe des Berges heraufgestiegen, hatte Jochel Zwanzigeißen sich das so angewöhnt, dass er immer um die Abenddämmerung irgendwas im Markte zu schaffen hatte. Nie sah man seine Tochter bei ihm, die doch sonst auf jedem Weg an seiner Seite gewesen. Um den Verbleib der Freimannstochter kümmerte sich niemand. Aber Jochel Zwanzigeißen? Was der nur allweil im Markt zu schaffen hatte? Wozu brauchte er das Eisenzeug, das er beim Schmied vom Rost säubern und im Feuer härten ließ? Man wusste doch, dass beim Richter nur Kleinigkeiten anhängig wären: Dass ein Nachbar die Nachbarin eine ‚schieche Hex’, die Nachbarin den Nachbar einen ‚Teufelsbündler’ gescholten hatte. Und der junge Hällinger, der den Mann im Salz aus dem Berg geschossen hatte, war doch ‚schön heraus’ und stand bei den Herren in Gunst. Die Stiftsleute erzählten, dass die Heilung seiner Wunden gut vonstatten ginge, und dass man im Kapitel beschlossen hätte, die Feuerkunst des Buben im Bergwerk einzuführen und den Adelwart zum Schießmeister zu ernennen, der die anderen Häuer in der neuen Pulverkunst zu unterweisen hätte. Da könnte dann so viel an Gut gebrochen werden, dass sich die Einnahmen des Salzwerkes verdoppeln müssten. Das hörte mancher gerne, den die hohen Steuern drückten. Dennoch ging bei der Hitze, die in allen Köpfen schwelte, das sinnloseste Gerede durch den Markt.

   Eines Morgens kam ein Geißhirt wie besessen zu seinem Bauern gelaufen: Er hätte in der Nacht auf dem Toten Mann ein großes Feuer gesehen, und da wären an die dreihundert kohlrabenschwarze Teufel um die Glut gestanden. Der Bauer, der als einer der ‚Heimlichen’ galt, versetzte dem Buben eine Maulschelle und versprach, ihm ‚die Ohren aus dem Grind zu reißen’, wenn er das unsinnige Zeug unter die Leute brächte. Doch wenige Tage später war es schon überall verbreitet: Der Satan mit seinen höllischen Baronen hätte auf dem Toten Mann einen Reichstag abgehalten, um den Teufelsbündler Adelwart aus den Ketten und schrauben des Jochel Zwanzigeißen zu befreien. Dieser Hexenmeister läge nicht in der Siechenstube des Stiftes, sondern im tiefsten Bußloch, und hätte auf der Streckleiter dreißig Mitschuldige angegeben, keinen Berchtesgadener, lauter Zugewanderte: Salzkärrner, angeworbene Musketiere, vier Handwerksleute, die um ihres Fleißes willen guten Verdienst hatten – man nannte sie alle mit Namen und zählte noch sieben fremde Weibe dazu. Als Herr von Sölln von diesem Gerede hörte, befahl er die Ältesten der Marktgemeinde zu sich und sprach mit ihnen in einem Zorn, dass sie den greisen Herrn erschrocken anguckten. Damit sie sich mit eigenen Augen von der Narretei dieser Gerüchte überzeugen könnten, führte er sie in die Siechenstube, wo Adelwart mit verbundenem Gesicht am sonnigen Fenster saß. Das dämpfte den umlaufenden Klatsch.

   Als Adelwart in der dritten Augustwoche genesen aus der Sorge des Magisters Krautendey entlassen wurde, hielten es Herr von Sölln und Pfarrer Süßkind für nötig, mit dem Buben durch den Markt zu spazieren. Adel trug des Davids Feiertagsgewand. Alle Wunden, die er aus der Probestunde seiner Feuerkunst davongetragen, waren gut geheilt; nur auf der Stirn und auf der linken Wange bleiben ihn zwei Narben, die sich ansahen, als hätte er die Pocken überstanden. Das gab ein aufsehen in den Gassen! Adelwart schien die scheue Neugier, die ihm begegnete und folgte, gar nicht zu bemerken. Dennoch huschte sein heißer Blick über alle Menschen hin. Das war ein Schauen, wie ein Jäger schaut, der einen stillen Wald durchpirscht und immer späht, was kommen wird. Als die drei hinaustraten auf das freie Wiesengehänge, musste Adel die Fäuste auf die Brust drücken, in der es hämmerte, dass er jeden Schlag hinaufspürte bis in die Schläfen. Das Gefühl der Freiheit war heiß in ihm. Und das Bild der schönen Sommerwelt fiel über ihn her wie ein blauer Rausch.

   Die steilen Wände wie aus Gold behauchtem Silber geformt, im Schattenblau wie ein dunkleres Stück des Himmels. Unter den Wänden die sammetlinden Teppiche der Almen und der weit geschlungene, dunkel Mantel des Fichtenwaldes, den die Wasserfäden der Wildbäche durchblitzten. Wie für eine hoffende, unverzagte Seele alles Finstere des Lebens sich aufhellt zu freundlichen Farben, so wandelten sich die Dunkelheiten der Bergforste, je tiefer sie dem Tal entgegen sanken, in das lichte Kronengewoge der Buchenhänge und Ahornwälder. Von Sonne schimmernd, umschloss dieses helle Grün den Lauf der gleißenden Ache und die Wiesen, auf denen hundert Menschen beim Heuen waren und in der Morgensonne leuchteten, als wäre kein dusterer Fleck in ihrem Leben und in ihren Köpfen. Mit dürstenden Augen trank der Bub diese Schönheit in sein Herz. Immer sprachen die beiden Herren zu ihm: Wie er sich mit den Leuten zu verhalten hätte, und dass er eine Woche ruhig daheim bleiben sollte, um sich völlig zu kräftigen. Immer antwortete Adel: „Ja, Ihr guten Herren!“ Dennoch schien er nicht zu hören, was sie sagten. In seinen Augen war ein Erwarten, als sollte sich bei jedem nächsten Schritt ein Wunder ereignen.

   Nun sah man schon den blumigen Garten des Josua und die grüne Hecke des Wildmeisterhauses. Hinter der Hecke kein Zeichen des Lebens. Nur die Hunde schlugen an. Als die drei zur Brücke gingen, guckte die Weyerziskin aus ihrem glitzrigen Winkelchen gerade zum Fenster hinaus. „Jesus!“, stammelte sie in Freude, war schon draußen, lief durch den Garten zur Ache und schrie über das Wasser einen Jauchzer zum Wald hinüber. Da drüben, im Schatten einer Buche, saß Madda mit den Kindern und erzählte von der Riesin Latte, die vor tausend Jahren ganz allein im Berchtesgadener Land gehaust hätte und vor Einschichtweh gestorben wäre, jung und schön. Versteinert läge sei bei Reichenhall auf einem langen Berg, weiß am Tag und schwarz in der Nacht. An jedem Morgen, wenn die warme Sonne käme, täte das rote, steinerne Herz der Riesin Latte einen tiefen Seufzer. Da klang der helle Jauchzer der Weyerziskin durch das Rauschen der Ache her. Die Jungfer blickte verstummend auf. „Maddle“, fragte die kleine Bimba, „warum tut’s denn seufzen, das steinerne Herzl?“

   Ein erstickter Laut. Madda stieß den Klöppelstein über die Knie hinunter, packte die Kinder bei den Händen, flüchtete hinter die dichten Buchenstauden und schmiegte sich zitternd in den tiefsten Schatten. Miggele, in dem eine Erinnerung zu erwachen schien, fragte neugierig: „Kommt der Vetter Sekretari?“ Erschrocken presste Madda den Kleinen an ihre Brust, so fest, dass ihm nicht nur das Schwatzen, auch fast der Atem verging. Genau so machte sie’s auf der anderen Seite mit der kleinen Bimba, lag auf den Knien, regungslos, und lauschte durch das Gewirr der Büsche hinüber zu dem Waldweg, auf dem Herr Süßkind mit dem Dekan unter lautem Gespräch und ein Dritter mit Schweigen vorüber kam. Das Geräusch der Schritte und die Stimmen waren schon längst erloschen. Da klang es: „Maddle! Wo bist Du denn?“ Bimba begann zu zappeln. „Hörst Du denn nit?“ Die Worte des Kindes wiesen der Weyerziskin den Weg. Bei aller Freude machte sie verwunderte Augen. „Maddle? Hast Du denn nit gesehen –“

   Taumelnd erhob sich Madda, umschlang die Freundin und drückte das Gesicht an ihren Hals. Kein Laut. Sie zitterte nur, und die Weyerziskin fühlte die stummen, heißen Tränen. Die Kinder guckten verdutzt. Dann entdeckte Miggele einen Schmetterling, der um den Waldsaum gaukelte. Die Schwester sollte ihm helfen, den zu fangen. Bimba schüttelte das Köpfl: „Lauf nur, Du! Mir muss die Maddle noch sagen, warum das steinige Herzl hat seufzen müssen.“

   Das erfuhr die Neugierige an diesem Tage nimmer.

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