Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
            Kapitel 1
            Kapitel 2
            Kapitel 3
            Kapitel 4
            Kapitel 5
            Kapitel 6
            Kapitel 7
            Kapitel 8
            Kapitel 9
            Kapitel 10
            Kapitel 11
            Kapitel 12
            Kapitel 13
            Kapitel 14
            Kapitel 15
            Kapitel 16
            Kapitel 17
            Kapitel 18
            Kapitel 19
            Kapitel 20

Kapitel 13

   In der trüben Abendhelle widerhallte das Geschrei der hundert Menschen von den Mauern des Stiftes. Den Spießknechten und Musketieren wurde es ein leichtes, die sperre zu wahren. Der größere Menschenhauf mit dem schweren Karren, auf dem sie den gesulzten Teufel gefahren brachten, war noch weit zurück. Der Trupp, der den gefesselten Buben führte, war voraus gekommen. Mit geschlossenen Augen ging Adelwart zwischen den Häuern. Der Blutverlust hatte ihn so geschwächt, dass er taumelte bei jedem Schritt. Doch ob auch sein Gesicht von roten Fäden überronnen war, um seine Lippen lag es wie das Lächeln eines Träumenden.

   „Barmherziger!“, stammelte Herr von Sölln, als er den blutüberströmten Menschen sah. „Der Teufel, mit dem der Bub in Bundschaft sein soll, hat seinen Schwurgesellen schlecht beschützt.“ Während vom Laienhof und vom gesperrten Kirchplatz her aus dem wachsenden Geschrei der Leute immer wieder die mahnenden Stimmen des Franziskanerpriors und des Pfarrers zu hören waren, begann der Dekan die Häuer zu befragen. Vier von den Hällingern sagten gleich lautend aus, sie hätten gesehen, wie der Teufel unter Donnerkrachen und Schwefelstank bei des Pfnüermichels Bannspruch in den Salzblock gefahren wäre. Der fünfte erklärte, bei dem Krachen und Feuern wäre ihm Hören und Sehen vergangen, aber im Salzblock hätte er den Teufel auch gesehen. Dann erzählte der Ferchner: „Wie das Blitzen und Wettern angehoben hat, da bin ich schiech erschrocken. Aber ich hab doch gleich gemerkt, dass alles eine vernunftbare Sach ist, und hab dem Buben die Hand geboten, weil ich gemeint hab, er hätt ein nutzbares Ding fürs Leben gefunden. Und da hat der Michel sein Brüllen angehoben: ‚Der Teufel, der Teufel!’“ Nun sollte Meister Köppel aussagen. Sein Gesicht war von kalkiger Blässe. „Ist alles gewesen, wie’s der Ferchner sagt. Um’s ander fragt doch den Buben selber, Herr! Der hat noch nie ein Wörtl gelogen und nie noch ein schlechtes Stuck verübt.“

   Herr von Sölln trat auf Adelwart zu: „Rede! Wie ist Dir ein solches Ding in den sinn gekommen?“

   Adel sagte mit matter Stimme: „Bitt, Herr, lasset mir das Blut aus den Augen waschen, dass ich sehen kann!“

   Meister Köppel sprang zum Brunnen, riss von seinem Leinenhemd den Brustlatz herunter und tauchte ihn ins Wasser. Während er dem Buben das Blut vom Gesicht wischte, sagte er: „Tu Dich nit sorgen, Adle! Der Herr ist redlich und grad.“

   „Warum denn sorgen?“ Adelwarts Gesicht, das unter den Blutspuren zum Vorschein kam, war kreideblass, und gleich begannen aus den hundert kleinen Wunden wieder die roten Tropfen herauszuquellen. „Herr!“, sagte er mühsam. „Leicht wisset Ihr noch, dass ich Jäger bin. Beim Wildmeister, wie ich den Probschuss mit dem Feuerrohr gemacht hab, ist der Widerhall an die sieben Mal über alle Berg gelaufen. Soviel schön ist das gewesen! Hab’s nimmer vergessen können. Und weil mich der Wildmeister nit genommen hat, hab ich niederfahren müssen in den Berg.“ Er schloss die Augen. Magister Krautendey trat auf ihn zu: „Man muss ihm die Fessel aufschneiden. Arteriarum exigui pulsus sunt!“ Mit einem Zängl, das er flink aus der Tasche gezogen, zwickte er die Stricke ab, mit denen Adelwarts Hände geknebelt waren. Der Bub atmete auf. während ihm Meister Köppel mit dem nassen Lappen das Gesicht wieder wusch, kam Prior Josephus: „Alles Reden ist umsonst. Die Leut sind wie die Narren.“

   Stockend fing Adel zu reden an: „In der finsteren Tief ist’s wie ein Dürsten in mir gewesen; dass ich noch ein einzigs Mal hören möcht, wie so ein Widerhall an die sieben Mal umlaufet um alle Berg. Feuerrohr ist bei der Mutter keins im Haus gewesen. Tut nichts, hab ich mir gedacht, ich mach mir schon ein Rohr. Von meiner Jägerzeit hab ich noch ein Pulverhorn mit Feinkraut im Kufer gehabt. Und in der Freischicht einmal, zehn Täg ist’s her, hab ich Kreuzmeißel und Hammer in den Sack geschoben und das Pulverhorn dazu und bin hinaufgestiegen auf den Göhl. In einen endsmächtigne Felsblock hab ich meißeltief ein Rohrseel hineingetrieben, hab sie mit Pulver ausgeschlagen und hab das Kraut angebronnen mit Zunder. Das Feuer ist aufgeflogen, und einen Kracher hat’s getan, wohl hundertmal fester wie ein Feuerrohr.“

   Prior Josephus lachte. „Da haben wir den Hexendonner und die Kartaunen des Teufels!“

   „Den Widerhall hab ich nimmer laufen hören. So hat’s mich über den Haufen geschmissen. Wie ich die Augen wieder auftu, rinnt mir das Blut über den Hals, und der endsmächtige Felsblock liegt in Scherben. Herr, da ist mir’s durch den Kopf gefahren: Wenn das bissl Zündkraut so viel Kraft hat, dass es so ein Endstrumm Felsbrocken auseinander reißt, da müsst man im Berg mit einem Fässl Pulver in einem Schnaufer so viel Salzgut brechen können, wie eine fleißige Rottschaft fördert in einer Woch.“

   Meister Köppel atmete auf, der Ferchner nickte, die Häuer machten verdutzte Gesichter, und die Chorherren schatzten in Erregung durcheinander. Das begriffen sie gleich, dass hier durch einen klugen Gedanken ein Ding gefunden war, das dem Stift und der Landschaft großen Gewinn versprach. Die schwarzen Körnlein, die seit zwei Jahrhunderten nur vernichtet und getötet hatten, sollten nun, wie die gezähmten Stier im Pflug, ein nützliches Werk in den Tiefen der Berge leisten. „Bub! Das ist wie das Ei des Kolumbus!“, rief Herr von Sölln in Freude, nicht weil er den Vorteil schätzte, sondern weil er die Gefahr der Stunde vermindert sah. Der Landrichter schüttelte den Kopf: „Nihilominus est diabolus in re!“ Und Besenrieder fügte hinzu: „Der Teufel ist nicht wegzuleugnen. Höret, Herr, wie die Leute schreien, die ihn bringen!“ Der Dekan wurde ärgerlich: „Soll doch der Teufel den Teufel holen! Erzähle, Bub! Diesen Einfall hast Du festgehalten?“

   „Ja, Herr! Heut vor acht Täg in der Nacht hab ich meine Jägertracht angelegt und hab mir vom Schmied in Grödig drei lange Bohrmeißel schmieden lassen, wie ich gemeint hab, dass ich sie brauchen tät. Ums Tagwerden bin ich auf Salzburg zu und hab mir bei der Hofjägerei ein Fässl Büchsenkraut und Zündschnuren eingehandelt. In der Mittagszeit, da bin nach auf den Untersberg hinauf und hab eine Prob gemacht.“

   Der Lärm vor dem Markttor wuchs zu wildem Getöse. Man hörte die brüllende Stimme des Michel Pfnüer: „Platz für den Teufel!“ Dann das grillende Geschrei der entsetzten Weiber.

   „Krautendey! Römhofer!“, befahl der Dekan. „Hinüber zum Tor! Dass nur der Karren eingelassen wird!“

   Adel, den der Hällingmeister stützen musste, sprach mit lallenden Worten weiter: „Drei Bohrlöcher hab ich in eine Wand getrieben, hab sie mit Kraut geladen und die Schnür gelegt. Wie das Feuer aufgeflogen ist, da hat’s von der Wand einen Haufen Gestein heraus gebrochen, Herr, wie ein haus so groß –“

   „Der Hexendonner am Sonntagabend!“, rief Prior Josephus. „Wie der Teufel den Franziskanern Salut geschossen!“

   Auf dem Münsterturm begannen alle Glocken zu läuten. Herr von Sölln fuhr auf, erschrocken und in Zorn: „Wer hat das anbefohlen?“ Er wollte zum Münster hinüber. Da sah er den Buben taumeln und lautlos hinstürzen auf die Erde. „Ferchner! Jonathan! Traget den Buben hinauf in meine Stube! Legt ihn auf mein Bett! Waschet ihn mit Essig! Dann schick ich den Krautendey.“

   Am Münster wurde das Tor geöffnet, Weihrauch wehte über die Kirchenschwelle heraus, und Lichter flackerten im sinkenden Abend. Doktor Pürckhmayer, mit der brennenden Kerze und im Räuchermantel, erschien zwischen den beiden Vikaren, die den Weihbrunnkessel und das Rauchfass trugen. Feierlich einherschreitend, sagen die drei das Credo in Deum. Ihr frommes Lied ging unter im Schall der Glocken und in dem Stimmgetös, aus dem das Gebrüll des Michel Pfnüer und die gellende Stimme des Pfarrers Süßkind heraus scholl: „Leut! So nehmt doch Vernunft an! Schauet! Das ist doch ein Mensch! Ein Mensch!“ Als Herr von Sölln den kirchlichen Aufzug gewahrte, rief er bestürzt: „Das wirft den Leuten noch Feuer in die Köpf.“

   „Was da drin ist an Stroh, wird bald verbronnen sein!“, tröstete Prior Josephus. „Der brave Bub ist in Sicherheit. Lasset dem Doktor Pürckhmayer seine Freud! Der wird mit Schaden abziehen. So geht’s den Dominikanern allweil. Die sind zu hitzig.“

   Beim Laientor wurde, als man den Karren mit dem eingepökelten Satan durchließ, von der tobenden Menge die Sperre gebrochen. Ein Knäuel schreiender Menschen drängte sich hinter dem Wagen her. Aus dem Gewühl sprang wie eine Irrsinnige das Kätterle heraus: „Mein Bub? Wo ist denn mein Bub?“ Sie sah, wie man den Ohnmächtigen in den Flur des Stiftes trug, und da rannte sie schluchzend zum Tor. Im Gedräng der Leute fuchtelte Herr Süßkind mit den Armen. Und Magister Krautendey erklärte dem Dekan: „Auf Ehr und Gewissen, Herr, das ist ein Mensch! Der muss vor undenklichen Zeiten in die Salzmuren versunken sein. Da ist er selber Salz und Stein geworden. Jetzt hockt er im Salz, wie der Käfer in dem gelben Bernstein, den ich Euer Gnaden jüngst gewiesen hab in meiner collectione metallorum.“

   Auch auf dem Kirchplatz brachen die Leute durch die Sperre und rannten zu Hunderten auf den Karren zu. Der geistliche Kommissar wurde vom Ziel seines frommen Eifers abgeschnitten, und es staute sich ein solches Gedräng um den Karren her, dass die Chorherren dicht an den Salzblock gedrängt wurden und den vom Michel Pfnüer gebannten Stan wohl nicht bequem, doch deutlich betrachten konnten.

   Schon dämmerte der Abend. Trotz des schwindenden Lichtes war in dem glasigen Salzblock diese zittrig verschwommene menschliche Form zu erkennen. Der Block war so auf den Wagen gehoben, dass der Mann im Salz wie zum Sprung geduckt auf den Knien lag und mit dem grinsenden Bartgesicht nach einem Weg zu spähen schien, auf dem er entrinnen könnte. Diese Stellung, die verdrehten Beine mit den gespreizten Zehen, wie sie der Frosch beim Schwimmen macht, die faunische Fratze des von rostbraunem Haarwust umsträubten Gesichtes, das Tierische des halbnackten Körpers in den Fellzotten – das war ein Anblick, der bei aller grausigen Seltsamkeit doch etwas Komisches hatte. Einer der Chorherren fand das Wort: „Was der da drinnen sich denkt, das weiß ich. Der denkt sich: Ich möcht hinaus!“ Schwer atmend schüttelte Herr von Sölln den Kopf: „Wie kann man scherzen vor der verewigten Qual eines Menschen!“ Was die Herren sprachen, ging unter in dem wirren Lärm. Alle Stimmen überbrüllte der Michel Pfnüer, der das Eigenlob seines Mutes ausschrie, mit dem er den Teufel bei den Kutteln gepackt und unter Gottes Beistand gebändigt hatte. Die Musketiere begannen freien Raum um den Karren zu schaffen. Herr von Sölln, sobald er eine Gasse hatte, ging auf den Michel zu und fasste ihn an der Brust. „Hällinger! Ich werde Schweigen gebieten lassen. Dann sollst Du den Leuten erzählen, was Du gesehen und getan hast. Sagst Du auch nur ein einziges Wort, das von zwei redlichen Zeugen widerlegt wird, so lasse ich Dich auf offenem Marktplatz auspeitschen und stelle Dich als Aufrührer vor den Richter. Hast Du verstanden?“ Der Michel Pfnüer wurde bleich und sagte kein Wort mehr.

   „Raum für die Diener Gottes!“, klang es mit zorniger Stimme aus dem Gedräng. Als die drei geistlichen Herren endlich mit ihren brennenden Kerzen einen Weg zum Karren fanden, begann beim Flackerschein der Lichter das kristallene Gesplitter des Salzblockes fein zu schimmern. Doktor Pürckhmayer sprengte in reichlichen Güssen das geweihte Wasser über den Salzblock und begann mit kühner Stimme die lateinischen Formeln des Exorzismus. Die Weiber fielen auf die Knie, und von Reihe zu Reihe ging das Wort: „Der Teufel wird ausgetrieben! Haltet Ruh!“ Um den Karren her entstand beim Getön der Glocken eine halbe Stille. Die Entfernten, die trotz Hälserecken den marinierten Unhold nimmer gewahren konnten, begannen steif in die Luft zu gucken, um den Augenblick nicht zu verpassen, in dem der ausgetriebene Teufel unter Feuer und Stank davonflöge durch die Abendluft. Der geistliche Kommissar hatte die rituelle Beschwörung gesprochen, die den Teufel zu ehrlicher Antwort auf jede Anrede zwingen musste, und begann das Verhör mit der Frage: „Propter quam causam ingressus es in corpus salis!“ Die Leute hätten das gerne verstanden. Pfarrer Süßkind machte bereitwillig den Dometsch. „Jetzt hat er gefragt, warum der Teufel in den Block gefahren ist.“

   Ein Flüstern: „Was sagt der Teufel?“

   „Das Maul hält er.“

   Wieder die Stimme des Exorzisten, etwas gereizt: „Per quod pactum ingressus es in montem salis nativi?“ Herr Süßkind verdolmetschte: „Jetzt hat er gefragt, um welcher Bundschaft willen der Teufel sich im Hällingerberg hätt sehen lassen.“

   „Und der Teufel?“

   „Der hält noch allweil das Maul.“

   Doktor Pürckhmayer beschwor und fragte, dass ihm die Stimme heiser wurde. Der Sohn der Hölle schwieg. Er verweigerte auch jede Auskunft über den Hällinger, mit dem er in Bundesbrüderschaft getreten, wie über die Art des höllischen Werkes, das er im Salzberg unter Blitz und Donner ausgeführt.

   „Mein geistlicher Bruder!“, sagte Prior Josephus. „Ihr scheint zu vergessen, dass im Salz ein Teufel hockt, der nicht zu Ingolstadt studiert hat. Wollet verstatten, dass ich mit dem Mann im Salz ein deutsches Wörtl red!“ Er schwang sich auf den Karren, hob die Arme und rief mit schallender Stimme über die verduttze Menge hin: „Passet auf, Leut! Jetzt will ich an den Mann im Salz eine Red tun, die ihr alle versteht. Ist der haarborstige Kerl da drin ein toter Mensch, dann wird er so still bleiben, wie halt im Tod wir Menschen alle sind. Ist er aber ein Teufel, so will ich ihm was befehlen, was jeder Teufel mit Freuden tut.“ Ein kurzes Geschrei im weiten Hof. Dann tiefe Stille. Nur noch das Tönen der Glocken im Grau des Abends. Und Prior Josephus, umzittert vom flackernden Licht der Kerzen, schlug mit der Faust auf das flimmernde Gestein. „Du da drinnen! Hör mich im Namen des Dreifaltigen! Bist Du ein toter Mensch, so schweig! Und barmherzig wollen wir Dich zur irdischen Ruhe bestatten, auf die Du wartest seit tausend Jahr und länger. Bist Du aber ein Satan, so befehl ich Dir in Gottes Namen: Fahr heraus und tu, was Deines Amtes ist als Teufel! Fahr heraus da aus dem Salz! Und unter den Menschen, die da stehen, pack den Dümmsten und Verlogensten, den Böswilligsten und Sündhaftesten beim Kragen, reiß ihm die schlechte Seel aus dem Leib und reit auf ihr hinunter in die höllische Glut!“

   Man hörte rings ein Atemschlucken der Angst. Hunderte griffen mit Schreck an ihren Hals, als hätten sie den Klauenschlag des Teufels schon an ihrer Kehle gespürt. Doch der Mann im Salz blieb stumm, blieb ruhig auf den Knien liegen und grinste gegen die flackernden Lichter.

   Prior Josephus rief mit Lachen: „Also, Leut! Ist das ein Teufel?“ Ein halbes Tausend Stimmen scholl ihm entgegen: „Ein Mensch! Ein Mensch!“

   „Gelt ja? Und schauet, Leut, da wollen wir unserem lieben Herrgott danken, dass sich der grausliche Kerl durch des geistlichen Herrn Kommissari lateinische Müh erwiesen hat als ein natürliches Ding!“ Als der hochwürdige Doktor Pürckhmayer diese Worte hörte, machte er mit zornrotem Gesicht kehrt, blies die Kerze aus und sucht einen Weg zum Münster. Und der Franziskanerprior sprach mit Lachen: „Also, ihr Mannder und Weiber! Jetzt seid ein bissl verständig! Und dass ihr’s alle wisst: Was der Häuerprüfling Adelwart Köppel im Stollen angerichtet hat, das ist kein Teufelswerk, sondern im Salzbau eine neue Schaffensweis, bei der man das Gut mit Pulver aus dem Felsen schießt. Das wird der Landschaft so großen Nutzen bringen, dass die Bürger und Bauern übers Jahr viel weniger Steuer zahlen müssen als heuer.“ Diese Wendung war von schlagender Beweiskraft. „Mit der gescheiten Arbeit des Buben hat der Mann im Salz kein Brösl zu schaffen. Hätt ihn heut der Bub nit gefunden, so hätten ihn die Häuer über vier Wochen aus dem Stollen gebrochen, in den er, Gott weiß wann, durch die Muren versunken ist. Und dass ihr Euch den haarigen Kerl recht schön betrachten könnt, sollen die Spießknecht beim Karren eine Gasse machen. Da kann der Reih nach jeder herkommen und das Maul aufreißen. Und wer den Brotladen weit genug aufgerissen hat, soll heimgehen und sich bei allen Heiligen bedanken, dass er nicht auch im Salz drin hocken muss und nach tausend Jahr die dummen Leut erschrecken. Also, gut Nacht!“ Der Prediger sprang vom Karren herunter; dankbar drückte ihm Herr von Sölln die Hand. „Ich sag’s doch allweil“, meinte Josephus schmunzelnd, „die Dominikaner sind schlechte Exorzisten. Man muss mit den Teufeln reden, wie sie’s verstehen.“

   Die ‚Teufel’, die er meinte, hatten auch das gesunde Deutsch des Franziskaners nicht ganz verstanden. Als die Gasse der Spießknechte gebildet war und die Pechpfannen den Mann im Salz mit Feuerhelle übergossen, drückte sich manches Mädel scheu und flink an dem ‚toten Menschen’ vorbei, und bärtige Weiber in Pluderhosen verdrehten die Augen. Auf dem Marktplatz war ein schreiendes Gewühl. Auch der stille Michel Pfnüer wurde wieder laut: Er wüsste, was er wüsste, und man würde schon sehen, was dabei herauskäme. Während er allerlei geheimnisvolle Andeutungen zum Besten gab, kamen Graf Udenfeldt und Freiherr von Preysing von ihrem Pirschgang zurück, und Peter Sterzinger musste einen Rehbock in die Zwirchkammer liefern. Dabei hörte er Dinge, die ihm keine Veranlassung gaben, den Specht zu machen.

   Neben dem offenen Tor des Münsters standen die Chorherren, Prior Josephus, Pfarrer Süßkind und die Beamten des Stiftes beisammen, laut debattierend. Ein Streitfall, der nach der friedlichen Wendung des Abends unerwartet aufstieg, schied die Herren in zwei heiß kämpfende Parteien. Als um den Mann im Salz die Pfannenfeuer brannten, war es die erste Sorge des Herrn von Sölln gewesen, den Klagekasten vom Kirchtor entfernen zu lassen. Dann hatte er den Vorschlag gemacht: Man sollte, um die Sprudelquelle der Erregung zu verstopfen, den Mann im Salz mitsamt seiner bitteren Schale noch in der Nacht und in aller Stille begraben. Da trat der geistliche Kommissar, seiner ausgeblasenen Kerze und des Rauchmantels entledigt, aus dem Tor des Münsters. In der gereizten Laune, die der siegreiche Wettkampf des heiligen Franziskus in ihm entzündet hatte, fragte er scharf: „Begraben? Wie?“ Der Sinn dieser Frage wurde nicht gleich erfasst. „Ich meine: Christlich begraben oder heidnisch?“ Die Herren sahen einander ratlos an. Nur Prior Josephus lächelte: „Nach verlorener Schlacht hebt Sankt Dominikus das Fähnl wieder hoch.“

   Herr Römhofer wollte entscheiden: „Außerhalb der Friedhofmauer. Das versteht sich! Der Mann im Salz muss doch aus heidnischen Zeiten stammen.“

   „Wie wollt Ihr das beweisen?“, fragte Doktor Pürckhmayer. „Habt Ihr die Jahre gezählt, seit denen er in carcere salis gefangen lieg? Oder schließt Ihr nach seinen Fellen? Als Sankt Bonifazius dem deutschen Land das Heil brachte, sah er die Menschen mit Fellen bekleidet. Euer Mann im Salz kann ebenso wohl ein Christ sein wie ein Heide. Ist er ein Christ, so müsst Ihr ihn christlich begraben. Das ist sein Recht. Ist er ein Heide, so müsst Ihr ihm die Ruhstatt in geweihter Erde verweigern. Bevor Ihr as eine oder das andere tut, müsst Ihr mit Bestimmtheit wissen, ob er Christ ist oder nicht.“

   „Aber, Herr!“, stammelte der Dekan. „Die Stunde ist ernst. Etwas muss doch mit dem Kerl geschehen. Sein Anblick bringt die Leute in Aufruhr und rührt in allen trüben Tiefen des Aberglaubens. Wir müssen ihn bestatten.“

   „Da möget Ihr rei publicae causa völlig Recht haben. Höher steht das kirchliche Gesetz.“

   „Quantum equidem judicare possum“, fiel mit Würde der Landrichter Gadolt ein, doch der Dekan, in dem es zu kochen begann, unterbrach ihn heftig: „Da habt Ihr als Richter nicht mitzureden. Das ist keine causa judicialis, sondern eine res ecclesiae.“ Seine Gestreng war aufs tiefste beleidigt, und Herr von Sölln erklärte: „Der Tote muss hinunter in die Erde. Da ich überzeugt bin, dass er aus heidnischen Zeiten stammt, will ich ihn im Stiftsgarten bestatten lassen.“

   „Das dürft Ihr nicht!“ Doktor Pürckhmayer richtete sich auf. „Er kann ein Christ sein!“

   „Ja! Meintwegen also! Dann lass ich ihn mit christlichen Ehren im Friedhof begraben.“

   „Das dürft Ihr nicht! Er kann ein Heide sein.“

   Herr von Sölln warf einen Hilfe suchenden Blick auf Prior Josephus. Der zuckte die Achseln: „Wo ein Mensch Recht hat, hat er Recht. Gegen die Meinung des geistlichen Kommissari ist kein Wörtl zu sagen. Ich weiß nur einen Ausweg.“ Er wandte sich schmunzelnd an den Doktor Pürckhmayer. „Ihr habt mir doch gedroht, dass Ihr mich beim Papst verklagen wollt. Da könnt Ihr ja gleich an den Päpstlichen Stuhl einen Anfrag richten, wie die harte Nuss zu knacken wär. Und Rom wird sprechen.“ Die Chorherren lächelten. Und der kanonische Doktor sagte mit Zorn funkelndem Blick: „Da habt Ihr mir einen klugen Rat gegeben. Den will ich befolgen. Euch, Herr Landrichter Gadolt, übertrage ich kraft meiner fürstlichen Vollmacht die Verantwortung, dass hier kein Recht verletzt wird.“ Nach diesen Worten ging er davon. Schweigen blieb hinter ihm; Pfarrer Süßkind brach es. „Halleluja!“, rief er und hob die dicken Arme über das weiße Vollmondköpfl. „Der selige Udo ist von den Toten auferstanden!“ Dann begannen die Herren eine Debatte, die sehr hitzig wurde. Ein Kreis von Leuten sammelte sich um die Stiftsherren. Wenn diese neugierigen Lauscher auch eine schwere Menge Latein zu hören bekamen, schnappten sie doch genug vom Gespräch der Herren auf, um in das lärmende Gewühl des Marktplatzes die Nachricht hinaustragen zu können: Dass man nicht wüsste, was mit dem Teufel, will sagen mit dem toten Mann im Salz, zu geschehen hätte. Das war Wasser auf die Mühlen der erregten Gehirne. Teufel oder toter Mensch? Christ oder Heide? Begraben oder nicht begraben? Der Gegensatz dieser Meinungen führte zu Ohrfeigen und Faustschlägen, zu einer erbitterten Prügelei.

   Peter Sterzinger, weit entfernt von einer schnackelfrohen Lauen, surrte heißköpfig in der finsteren Nacht über die Straße hinunter. Nah vor seinem Haus blieb er stehen und lauschte. „Schwager!“ Dieses Wort war aus dem schwarzen Schatten der Hecke herausgeklungen. Madda kam über die dunkle Weise gerannt und umklammerte seinen Arm. „Gott sei Lob und Dank! Weil ich nur einen Menschen hab!“

   „Aber Mädel! Du tust ja, als wärst Du verrückt!“

   „So red doch, Schwager! Was ist denn geschehen?“ Er wollte vom Mann im Salz erzählen, vom geistlichen Kommissar, vom Prior Josephus. „Geh doch, Du!“, unterbrach sie ihn mit zerdrückter Stimme. „Das weiß ich alles, vom Weyerzisk! Aber sonst? Was ist denn sonst noch? Ich hab in meiner Angst den Schinagl hinaufgeschickt. Der kommt gleich gar nimmer heim.“

   „Wenn ihm das Hirndach verklopft ist, wird er schon kommen.“

   „Jesus, so red doch endlich! Was ist denn mit –“ Sie wollte es niederzwingen. Aber die Frage musste heraus. „Mit dem Buben?“

   Dem Wildmeister stieg ein schadenfrohes Wörtl auf die Zunge. Er verschwieg es und machte den Specht.

   Da ging in der Finsternis eine klobige Mannsgestalt vorüber. An dem Spitzbart, der aus dem schwarzen Gesicht des Mannes herausstach, erkannte Madda den Jochel Zwanzigeißen. Als sein Schritt verhallte, umklammerte die Jungfer wie von Sinnen die Hand des Schwagers. „Ich bitt Dich, Peter, ich kann nimmer leben, ich hab nimmer Ruh! Verstehst Du denn nit? So geh doch und frag um Herrgotts willen, was mit dem Buben ist!“

   „Herr Jesus! Ja! So spring ich halt schnell hinauf zum Besenrieder.“

   „Zu dem nit!“

   „Gut! Muss ich halt schauen, dass ich den Herrn selber krieg. Da, nimm!“ Er bot ihr das Feuerrohr und die Ledertasche hin und rannte in die Nacht hinaus. Madda konnte ihn nimmer sehen. Immer stand sie noch und starrte in die Finsternis. Dann trug sie das Jägerzeug ins Haus. Auf dem Tisch stand eine Talgkerze, flackernd im Luftzug der offenen Tür. Die Jungfer trat in die Nebenstube, zum Bett der Kinder, und strich ihnen mit der Hand über die vom Schlaf erglühten Wangen. Wieder ging sie vors Haus, setzte sich auf die Steinbank, konnte nicht bleiben, taumelte in die Stube, nahm das Licht und stieg in ihre Kammer hinauf. Zitternd löste sie die Schuhe von ihren Füßen, legte die Kleider ab und zog sie wieder an. Vor dem Jesuskind fiel sie auf die Knie und begann zu beten, mit weit geöffneten Augen, die heiß und trocken waren.

   Drunten schlugen die Hunde an. Den Leuchter fassend, huschte Madda über die Treppe hinunter, stellte das Licht zu Boden und sprang in die Nacht hinaus. Leute gingen mit erregtem Schwatzen vorüber. An die Tür gelehnt, blieb Madda stehen. Da hörte sie etwas im Haus, wie schweres Schluchzen. Das kam aus der Stube der stummen Magd. Als die Jungfer die Tür der kleinen Kammer öffnete, sah sie bei dem Schein, den das Kerzenlicht hineinwarf, die Marei mit gefalteten Händen in ihrem Bett knien. Erschrocken warf sich die Magd auf die Kissen hin und zerrte die Decke über den Kopf. Madda setzte sich auf den Bettrand. „Marei? Warum musst Du in der Nacht so traurig beten?“ Die Stumme rührte sich nicht. Leise redete ihr die Jungfer zu. Madda konnte gütig sein; doch so herzlich und milde, so zärtlich aus tiefstem Herzen hatte sie in ihrem Leben noch nie zu einem Menschen gesprochen. Plötzlich richtete die Magd sich auf und fing mit hastigen Händen zu reden an. Lange begriff die Jungfer nicht. Endlich glaubte sie zu verstehen. „Ich soll dem Schwager nit verraten, dass Du vor Schreck am Abend hingefallen bist wie tot?“ Die Stumme faltete bettelnd die Hände; das war eine Bewegung, so leidenschaftlich, dass Madda nicht wusste, was sie denken sollte. Warum durfte der Schwager nicht wissen, was mit der Marei geschehen war? Der gefesselte Bub mit dem Blut übergossenen Gesicht – das war doch ein Anblick, bei dem man hinfallen konnte vor Weh und die Augen schließen und sterben!

   Madda streichelte der Magd die zuckende Wange. „Wenn Du’s nit haben willst, so sag ich dem Schwager nichts.“ Da umschlang Marei die Jungfer mit pressenden Armen, suchte mit den Lippen eine Stelle an ihrem Hals und küsste sie immer wieder, immer diese gleiche Stelle. Madda befreite sich, fast erschrocken über diese wilde Zärtlichkeit. „Aber geh, Marei! Was tust Du denn da? Jetzt sei gescheit! Und leg Dich schlafen!“ Sie ging aus der Kammer, zog die Türe zu, trat in die schwarze Nacht hinaus und wartete.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.