Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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         Der Mann im Salz
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Kapitel 12

   Im großen Speisesaal des Stiftes saßen die Kapitelherren nach einem festlichen Mahl noch beim Nachtrunk. Man hatte dieses Prunkmahl zu Ehren des Grafen Udenfeldt gehalten, der alljährlich, gelegentlich seiner Badekur zu Reichenhall, als Jagdgast in die wildreichen Reviere von Berchtesgaden geladen wurde. Dass er, obwohl Protestant, dazu noch ein angesehener Parteigänger der evangelischen Union, in dem katholischen Stift solche Ehre genoss, war ein Akt geziemender Dankbarkeit. Im Patronatsgebiet des Grafen, der in der Pfalz begütert war, lagen die beiden Weinberge, die das Stift noch besaß – die letzten Reste der vielen schönen Rebengelände, die dereinst den berchtesgadenschen Keller mit flüssigem Gold versorgt hatten. In den Sturmzeiten der Reformation war dieser kostbare Besitz verloren gegangen; evangelische Fürsten hatten ohne viel Umstände die Hände auf das berchtesgadensche Kirchengut gelegt. Nur der selige Graf Udenfeldt hatte das letzte, rebengrüne Eigentum des Stiftes in der Wohlmeinung respektiert, dass ein katholischer Menschenleib den Durst nicht minder schwer ertrüge als eine lutherische Kehle. Auch der Sohn des Grafen schützte das Rebengut des Stiftes und gab in jedem Frühjahr den sieben Lastwagen, die den gekelterten Wein nach Berchtesgaden davon führten, ein festes Waffengeleit mit auf den Weg. Für solche Wohltat erwiesen sich die Kapitelherren dankbar. Jährlich wurde der Tag, an dem Graf Udenfeldt als Jagdgast zu Berchtesgaden einkehrte, durch ein festliches Mahl gefeiert, und es war für die Kapitelherren ein Gesetz: Bei diesem Mahl jedes politische und religiöse Gespräch zu vermeiden. Man schwatzte über Fischfang und Jagd, erzählte lustige Schnurren und lauschte dem Spiel der Musikanten, die im Nebensaal unter der Leitung des Stiftsorganisten Johannes Feldmayer ihre Weisen ertönen ließen.

   Dieses Mahl von heute war aber nicht so friedlich verlaufen wie sonst. Die Stimmung hatte was Gewitterschwüles. Harr von Sölln, der zwischen dem Ehrengast und dem Freiherrn von Preysing saß, blickte sorgenvoll drein, nicht nur deshalb, weil man die feindlichen Parteien, deren causa invidiosa die Herren vom Landgericht ratlos machte, an die gliche Tafel hatte rufen müssen. Man hatte sie weit auseinandergesetzt. Der hochwürdige Doktor Pürckhmayer thronte ganz zuoberst an der Tafel, und ganz am unteren Ende sa0 der Franziskanerprior Josephus, vom Pfarrer Süßkind getrennt durch den siebenfingerigen Theobald von Perfall, der bei seinen alchimistischen Studien schon viermal vor dem wundersamen Augenblick gestanden, in dem der rote Löwe erblitzen musste. Doch immer wieder hatte der weiße Schwan, die letzte Wandlung eigensinnig versagend, sich mit Knall und Gestank in die Lüfte geschwungen. Dreimal war ein Finger des Alchimisten mitgeflogen. Der Verlust dieser niedlichen Gliedmaßen hinderte den unerschütterlichen Greis nicht an der Fortführung seines Werkes. Seit vier Stunden erklärte er seinen Nachbarn an der Tafel den neu ersonnenen Weg, auf dem er den weißen Schwan zu geruchlosem Gehorsam zwingen wollte, und schwärmte vom blitzenden Erfolg seiner Kunst, die alle Schulden des Stiftes aus der Welt blasen und ein goldenes Zeitalter ausschütten musste über das schöne, liebe Berchtesgaden. „Frieden und Freude wird hausen in jedes Bauern Stub. Und das Lachen wird sein in jedem Herzen.“ Herr Theobald streckte die verstümmelten Hände über den Tisch. „Ist das nicht billig bezahlt? Sollt auch mein letzter Finger noch auffliegen, der Löb muss blitzen, bevor ich sterb!“

   Prior Josephus, den geschorenen Kopf halb eingezogen in den Halskragen der braunen Franziskanerkutte – ein Fünfziger mit klugen Augen in dem gesunden Gesicht – betrachtete freundlich das von zausigem Haarwust weiß umflammte Antlitz des begeisterten Greises. Minder schweigsam als der Prior war Pfarrer Süßkind. Immer wieder fand er am weißen Schwan eine üble Eigenschaft, die ihn an den Bischof Udo von Magdeburg erinnerte.

   Ein Dutzend Tischgenossen saßen zwischen den feindlichen Lagern. Magister Krautendey, der Stiftsphysikus, ein gedrungenes Männchen mit schiefen Schultern, mit spöttischem Faltengesicht und scharfen Augen, unterhielt sich über den wunderlichen Vorfall im Salzwerk mit seiner Gestreng dem Landrichter Gadolt. Seine Gestreng sah gar nicht streng aus. In seiner schwarzen Hoftracht glich Herr Gadolt eher einem trostreichen, freundlichen Leichenbitter als einem harten Richter. Diese beiden sprachen mit gedämpften Stimmen. Die übrigen Tischgenossen nahmen keinen Schleier vor die Kehle. Zwischen Zutrunk und Bescheid wurde mit wachsender Erregung debattiert, am lautesten in der Mitte der Tafel, wo vier jüngere Chorherren saßen: Christian Anzinger, Georg Römhofer, Johannes Seibolstorff und Adolf Pießer. In diesem Viereck sprang die gereizte Unterhaltung von einer Sorge der Landschaft zur anderen. Der Krebsgang wäre in allem und jedem, die Jagd würde immer schlechter, der Wald wäre verwüstet, das Fischwasser von den hungrigen Bauern ausgestohlen. Und keine Aussicht auf Besserung der Dinge! Fortschritt wäre nur im Anwachsen der Schulden zu bemerken. Dem kleinen Ländl käme der Fürstentitel teuer, die höfische Wahrung der Hoheitsrechte fräße für sich allein schon die halben Einkünfte des Landes auf. Statt den Chorherren den Wein zu beschneiden, sollte man der kölnischen Hofhaltung den Leibriemen enger schnüren. Mit zorniger Schärfe rief Doktor Pürckhmayer in die Debatte: „Was da geredet wird, ist Verrat am Fürsten!“ Weil sich beim Klang dieser Stimme der Spektakel ein wenig dämpfte, hörte man den Pfarrer Süßkin lachen: „Luset! Der Udo von Magdeburg will predigen!“ Es wurde noch stiller, und Prior Josephus sagte sanft verweisend: „Lieber Süßkind! Nach einem Gegner, den man als schwach erfunden, soll man nicht die Kletten des Spottes werfen.“

   Mit funkelndem Zornblick sprang der geistliche Kommissar vom Sessel auf. Schweigen war an der Tafel. Graf Udenfeldt, ein schlanker Vierziger mit kurz geschorenem Blondkopf – neben der reichen Hoftracht des Freiherrn von Preysing sah er in dem grauen Tuchkoller mit dem einfachen Leinenkragen fast ärmlich aus – warf einen forschenden Blick über die erregten Gesichter. der schwüle Ernst des Augenblickes hielt nicht lange an. Wie man anderwärts, wenn es plötzlich still wurde, zu sagen pflegt: ‚Jetzt geht ein Engel durch die Stube!’ – so sagte Pfarrer Süßkind mit Ruhe: „Jetzt holt der Teufel eine Hex!“ Aus zwanzig Kehlen dröhnte ein Lachen. Doktor Pürckhmayer schien zu fühlen, dass ein Gewitter seines Zornes nicht mehr am Platz wäre. Er bezwang sich, nahm seinen Platz wieder ein und sagte nur: „Wer da die Schwachen sind, das wird sich weisen.“ Herr von Sölln atmete erleichtert auf. Die gefährliche Klippe schien überwunden. Da sprach der Freiherr von Preysing ein unvorsichtiges Wort: „Herr Doktor! Ihr solltet in Gegenwart eines Unierten den Unfrieden, der unter euch geistlichen Brüdern herrscht, nicht gar so deutlich betonen! Das stärkt die Gegner, wenn sie merken, auf wie schwachen Füßen die Einigkeit im römischen Lager steht.“ Er sagte das als Scherz. Auf den Doktor Pürckhmayer wirkte dieses Wort wie ein Funke in der Pulverpfanne. Er stieß in Jähzorn den Becher um. „Ja, Herr! Wären unsere Feinde nicht mit Jubel dessen kundgeworden, dass Widerspruch und Zwietracht in unserem eigenen heiligen Haus die Mauern lockert, nie und nimmer hätten sich die Übermütigen einer so Gräuelvollen Tat erkühnt, wie sie vor Wochen in der Kaiserburg zu Prag geschehen.“

   Herr von Sölln warf einen flehenden Blick auf den geistlichen Kommissar, um ihn an den Beschluss des Kapitels zu mahnen: vor dem Grafen Udenfeldt nicht von dem kaiserlichen Rundschreiben zu sprechen, das vor wenigen Tagen die üble Nachricht brachte, dass die evangelischen Landstände Böhmens in Rebellion geraten wären und am 23. Mai zu Prag die kaiserlichen Statthalter Slawata und Martinitz mitsamt dem Sekretär Fabrizius aus den Fenstern des Kaiserschlosses in den Burggraben geworfen hätten. „Silentium!“ klang es von überall über die Tafel her. „Taceri jubemus!“ Doktor Pürckhmayer ließ sich nicht beirren. Die geballte Faust vor sich hinsteckend, schraubte er die Stimme: „Was zu Prag geschehen ist –“

   „Darüber braucht Ihr kein silentium zu wahren!“, fiel ihm Graf Udenfeldt ins Wort, mit einer tiefen Furche auf der Stirn. „Protestantische Gäule reiten auch nicht fauler als die katholischen. Was zu Prag geschehen ist, das weiß ich schon.“

   „Und das ist mehr als Übermut! Das ist Friedensbruch und Meineid! Verbrechen und Mord!“

   Der Graf sagte ruhig: „Mord? Den drei Herren, die da geflogen sind, ist nichts geschehen. Sie sind auf einen Misthaufen gefallen, der ihre Glieder sänftlich in Empfang nahm.“

   „Herr! Verhöhnet nicht ein Wunder, das Gott gewirkt hat! Die verbrecherische Tat, die zu Prag geschehen ist, hat Feuer gegen den Himmel geworfen. Ein Strafgericht wird niederfallen –“

   „Kann sein! Es frägt sich nur, auf wen es fallen wird.“ Graf Udenfeldt erhob sich.

   „Hol doch der Teufel die Politik!“, rief Freiherr von Preysing mit Lachen in die schwüle Stimmung. „Gott sei Dank, da guckt der Wildmeister zur Tür herein. Das will besagen, dass draußen im Wald ein Rehbock wartet.“

   Aufatmend wandte sich Graf Udenfeldt gegen die Fenster. „Ja, Preysing! Mich sehnt nach dem Wald, der da hereingrüßt durch die Scheiben. Der ist nicht römisch und nicht lutherisch. Der ist grün und deutsch. Wie er ist, so mag ich ihn!“ Er nahm seinen Degen vom Fenstergesims und schritt mit dem Freiherrn von Preysing zur Türe. „Wohl bekomm euch das Mahl, ihr Herren!“ Draußen im Nebensaal intonierte die Musikkapelle das friedliche Adagio aus Cavlieres Oratorium ‚L’anima e corpo’. Maestro Feldmayer schwang das Taktstäbchen mit so versunkenem Eifer, als gäbe es in der Welt nichts anderes als diese zärtlichen Klänge. An der Tafel im Speisesaal blieb dumpfe Stille zurück. Da sagte Herr Pießer: „Das Ding ist noch glimpflich abgelaufen. Hab schon gemeint, jetzt wäre der Udenfeldter Wein beim Teufel.“ Dieses Wort verscheuchte den Alp, der auf der Tafelrunde lag. Ein Lärm erhob sich, dass man von dem süßen adagio des Cavaliere keine Note mehr hören konnte. Herr von Sölln war aufgesprungen. Der Zorn gab seiner Stimme einen so harten Klang, wie man ihn nie noch von diesem milden Mann gehört hatte. „Die Vollmacht unseres fürstlichen Herrn in Ehren!“, rief er dem geistlichen Kommissarius zu. „Aber Ihr überschreitet jedes maß. Wie Ihr den Schrecken über unser Land schüttet und die Kanzel verunehrt, so habt Ihr in dieser Stunde auf die Gastlichkeit unseres Tisches gespieen! Und einem Kapitelbeschluss habt Ihr zuwidergehandelt!“ Von allen Seiten klang die Zustimmung: Unter den Kapitelherren schien der geistliche Kommissar seinen letzten Parteigänger verloren zu haben.

   Mit eisiger Ruhe stand Doktor Pürckhmayer diesem Aufruhr gegenüber. „Ich tue, was ich für Recht erkenne. Ich kann nicht heucheln, um die Fässer Eures Keller zu beschirmen. Meinem christlichen Sinn war es eine Qual, am gleichen Tisch mit diesem Ketzer und Gottesfeind zu sitzen.“

   „Schmähet diesen Mann nicht, den ich achte und ehre. Das ist ein Mensch! Versteht Ihr dieses Wort? Ein Mensch!“

   „Der Eure Weinkarren durch zwanzig luthrische Musketiere geleiten lässt. Und um seinetwillen steht ihr alle wider mich! Ihr Judasse um dreißig Schoppen!“

   Pfarrer Süßkind hob den Becher: „Heiliger Udo! Ich bring dir von den dreißig Schoppen einen!“ Von der ganzen Tafel schrieen im die Chorherren ihren Beifall zu. Dann dämpfte sich der Lärm, als wären alle Tischgenossen neugierig auf die Antwort des geistlichen Kommissars. Von draußen klang das Adagio des Cavaliere. In diesem klingenden Schweigen hörte man Herrn Theobald von Perfall zum Magister Krautendey sagen: „Ja, und da hat man vor zwei Jahren, im Streitfall contra Galilei, das herrliche Buch des Kopernikus auf den Index der librorum prohibitorum gesetzt. Sie sagen in Rom: Der Lehrsatz, dass sich die Erde um die Sonne drehe, wäre wider Gott. Aber wie kann denn wider Gott sein, was Gott selber geschaffen hat? Die Menschen mit ihren trüben Gehirnen haben halt früher das helle Gotteswerk nicht klar erkannt. Aber wenn dann einer kommt, der die rechten Augen hat –“ Jetzt bemerkte der Greis das Schweigen, das ihn umgab. Verstummend sah er um sich her. In den erregten Gesichtern war ein sonderbares Staunen. Doktor Pürckhmayer, bleich bis in die Lippen, ließ sich wortlos auf den Sessel nieder. Immer das zärtliche Klingen da draußen im Nebensaal. Und durch die Fenster hallte etwas aus der Tiefe des Tales herauf wie das fern verwehte Geschrei von hundert Menschen. „Perfall!“, stammelte Herr von Sölln. „Ich danke Dir für dieses Wort!“ Aus der Fensternische rief Prior Josephus lächelnd herüber: „Theobald! Da hat der rote Löb geblitzt. Das hast Du gut gesagt.“

   „Ich?“ Der Greis wurde verlegen. „Was hab ich denn gesagt? Der Krautendey und ich, wir haben nur von dem Buch des Kopernikus geredet. ‚De revolutionibus orbium coelestium’.“

   Herr von Sölln wandte sich an den geistlichen Kommissar. „Herr Doktor? Wollen wir nicht den Klagekasten vom Kirchtor wegtun lassen?“

   Doktor Pürckhmayer hob das Gesicht. „Was soll diese Frage? Jetzt?“

   „Die Stunde, in der wir das Wort von den trüben Gehirnen der Menschheit hörten – meinet Ihr nicht, das wäre die Stunde für eine solche Frage? Gestern ist eine alte Frau zu mir gekommen, deren Leben ich kenne seit dreißig Jahren. In Angst und Tränen ist sie vor mir auf die Knie gefallen und hat mich gebeten um meinen geistlichen Zuspruch. Sie tät nimmer wissen, wie sie leben müsst. Wenn ihr der Freimann begegne, tät ihr ein Zittern in die Glieder fallen –“

   „Die alte Käserin?“, rief Prior Josephus. „Bei mir ist sie auch gewesen. Ein braves und gutes Weib! Vierzehn Kinder hat sie gehabt, hat vierzig Jahr lang Not und Sorgen geschluckt, und müd und elend ist sie geworden an Leib und Knochen.“

   Wieder fragte Herr von Sölln: „Herr Doktor? Wollen wir den Klagekasten nicht wegtun lassen? Heut zum ersten Mal ist ein Zettel geworfen worden. In besoffenem Zustand ist der Kläger zum Kasten gekommen, ein Lump und Tagdieb! Und hat den eigenen Bruder verklagt, einen redlichen Mann.2

   „Die Sache wird untersucht werden!“, sagte der Kommissar. „Weil es Menschen gibt, die aus Bosheit klagen, deswegen soll man der Gerechtigkeit nicht die Hände binden. Der Kasten bleibt!“

   Dem alten Dekan fuhr es heiß in die Stirn. „Den Kasten lass ich wegtun. Heut noch! Und wenn Eure kölnischen Seligmacher mich niederstechen, sterb ich als einer, der gutmachen hilft, was aus trüben Gehirnen wie eine Elendspest aufs Leben der Menschen gefallen ist! Von Meineid und Verbrechen habt Ihr geredet? Was zu Prag in der Kaiserburg geschah, ist nicht aus der Luft gewachsen über Nacht. Das ist der Zweig eines Baumes mit tausend Wurzeln des Übels, die hinuntersteigen in die Schuld vergangener Zeiten. Und eine von den tausend Schuldwurzeln geht durch hundertfünfzig Jahr hinunter in die Dominikanerzelle, in der von Jakobus Spernger und Henricus Institor der Malleus maleficarum geschrieben wurde.“

   „Schmähet diese verdienstlichen Männer meines heiligen Ordens nicht!“ Die Stimme des Kommissars hatte schrillen Klang. „Sie warnen treue Söhne der Kirche!“

   „Mag sein, Herr Doktor! Aber sie waren Söhne einer Zeit, in der die Schatten der Finsternis hinausstiegen über alle Kirchtürme. Und Priester waren sie doch auch? Aber statt das Evangelium der Liebe zu künden, haben sei ein Buch geschrieben, das eine grammatica der Henker und Schergen ist, ein Buch, in dem sich alle Finsternisse der Menschenseele ineinander flechten: Dummheit, Heuchelei, Unbarmherzigkeit, Arglist, Unreinlichkeit, Aberscham, Fabelhaftigkeit und törichtes Geschwätz.“

   „Salvo animam meam!“, stammelte der Landrichter Gadolt. Um nicht mehr zu hören, wie da gesprochen wurde über ein von allen kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten anerkanntes Gesetzbuch, drückte er die Hände über die Ohren. Auch mancher unter den Chorherren blickte in Sorge auf den greisen Dekan. Nur der Alchimist mit den sieben Fingern nickte schmunzelnd vor sich hin, und Pfarrer Süßkind schrie vor Freude: „Ecce vox salutis!“

   Doktor Pürckhmayer war ruhig geworden. „Ihr seid entweder ein Narr, der nicht weiß, was er redet, oder ein Gottesleugner, der die Larve fallen lässt.“

   „Gott? Wie dürft Ihr den Namen Gottes nennen, in einer Stunde, in der von diesem grauenvollen Buch die Rede ist? Namenloses Elend hat es über die Menschheit gebracht. Die Luft aller christlichen Länder ist durchflogen vom Aschenstaub der verbrannten Frauen und Kinder, der gerichteten Unschuld.“

   „Wagt Ihr zu behaupten, dass viele tausend ehrsame Richter ungerechte Schurken waren und die Unschuld mordeten? War nicht jedes Urteil, das sie sprachen, gegründet auf das Bekenntnis der Schuld?“

   „Heiliger Udo!“, rief Herr Süßkind. „Lass Dir doch selber einmal auf der Folter das Fleisch zerreißen und die Knochen brechen! Und ich verwett meine Seel gegen einen Pfifferling, dass Du bekennen wirst: Du wärest ein altes Weib und hättest Deinem Buhlteufel sieben Blindschleichen als liebe Kinderlen geboren.“

   Mit beiden Fäusten schlug sich Herr von Sölln an die Brust. „Bin ich der einzige, der wider dieses Elend redet? Rührt sich denn nicht in tausend Menschen das Gewissen und die Vernunft? Hat nicht Agrippa von Nettesheim ein Zeugnis der Barmherzigkeit gegeben? Hat nicht Johannes Weier sein helles Mahnwort in die dunkle Narretei der Zeit geschrieen?“

   „Sie waren Bundesbrüder aller Teufelei. Die Kirche hat ihr Zeugnis verworfen.“

   „Verworfen? Ja, Herr Doktor! Verwerfet nur allweil das Helle! Wie ihr das Buch des Kopernikus wieder verworfen habt! Und das Wort des Galilei! Die Welt ist doch im Lauf und dreht sich der Sonn entgegen, derweil ihr sie zwingen möchtet, dass sie stillsteht wie ein Karren im Dreck. Aber eh die Dunkelheit dem Morgen zugeht, muss die Finsternis um Mitternacht am höchsten gestiegen sein. Höret, ihr Herren! Da muss ich euch fürlesen, was mir gestern mein Bruder geschrieben hat.“ Mit zuckenden Händen wühlte der alte Dekan in seinem weißen Habit und brachte ein Bündel Briefe hervor.

   Der geistliche Kommissar ging auf ihn zu. „Ex potestate inquisitoria befrag ich Euch: Leugnet Ihr das factum comprobatum der Zauberei? Leugnet Ihr die Macht des Teufels?“

   Der Dekan suchte unter den Blättern. Herr Süßkind übernahm die Antwort: „Die Macht des Teufels? Die leugnet keiner. Wär dem Teufel nicht Macht gegeben, wie hätt er dem Udo von Magdeburg den Kragen umdrehen können? Derzeit ich das gelesen hab bei Fulgosus, denk ich besser vom Teufel. Hütet Euch, Doktor! Ihr malet ihn allweil dich an die Mauer.“

   Da hatte Herr von Sölln gefunden, was er suchte. „Höret, ihr Herren! Ihr wisset, dass mein Bruder Domherr zu Würzburg ist. Und da hat er mir gestern diesen Brief geschickt, vierzehn Blättlen voll Verzweiflung, und hat mir geschrieben, wie sie brennen am Main, und dass sie in anderthalb Jahren dreißig Bränd gehalten und dritthalbhundert Menschen verbronnen haben. Höret, ihr Herren!“ Er trat zum Fenster, hob bei der sinkenden Helle eins von en Blättern vor die Augen, und während aus dem Tal herauf jenes ferne Lärmen tönte, fing er zu lesen an: „Da ist verbronnen worden beim ersten Brand: die Lieblerin; die alte Ankers Wittib; ein fremd Weib. Beim anderen Brand: die alte Beutlerin; der Tungersleben, ist ein Spielmann gewest; zwei fremde Weiber; die schielende Ammfrau. Nota bene, sie sagen, von der kam das ganze Unwesen her. Beim dritten Brand: die Glaserin, die des Burgemeisters Ehefrau gewest; des Dompropsten Köchin; ein fremd alt Weib; die Ehefrau des Ratsherren Baunach; der Lieblerin Tochter; ein klein Mägdlein von neun Jahren; ein geringeres, ihr Schwesterlein. Beim vierten Brand: der erstgemeldeten zwei Mägdlein Mutter; ein Knab von zwölf Jahren, in der ersten Schul; die Apothekerin zum Hirsch und ihre Tochter; ein fremd Weib; ein Edelknab von Ratzenstein, ist morgens um sechs Uhr auf dem Kanzleihof gerichtet worden und den ganzen Tag auf der Bahr stehen blieben, dann hernach er den anderen Tag mit den Hierbeigeschriebenen verbrannt worden. Nota bene, eine fremde junge Harfnerin hat sich selbst erhenkt, wie sie den Freimann hat zum Leuthaus kommen sehen, ist aber gar nicht im Verdacht gewest.“ Dem Greis versagte die Stimme. „Ihr Herren! Denket Euch hinein in die Seel von diesem armen jungen Mädel! Ist von irgendwo gekommen mit ihrem Harfenspiel, will den Leuten eine Freud machen, sieht die Holzstöß brennen, da fällt ihr die Angst ins Leben, ist doch in keinem Verdacht, und wie sie sieht, der Freimann kommt, da reißt sie von ihrem Harfenspiel eine Sait herunter –“

   Wieder erlosch ihm die Stimme. Er wischte sich das Wasser aus den Augen. Dann las er weiter: „Beim fünften Brand: Der Ratsherr Baunach; das Göbel Babelin, die schönste Jungfrau von Würzburg; der Steinacher, ein reicher Mann; ein Student in der fünften Schul, hat viel Sprachen gekonnt und ist ein vortrefflicher musicus gewest, vocaliter und instrumentaliter; ein Knab von zwölf Jahren; zwei Singerknaben von zwölf Jahren aus dem neuen Münster; der Spitalmeister im Dietricher Spital, ein sehr gelehrter Mann; zwei fremde Weiber; der Stürmer, ein reicher Büttner; zwei Alumni; ein fremd Knäblein von sieben Jahr. Beim sechsten Brand: ein Herr vom Adel, Junker Fleischbaum genannt. Nota bene, ein blind Mägdlein von fünf Jahren; ein fremder Knab; ein fremd Weib; des Ratsherren Stolzenberger Söhnlein; Herr Nikodemus Hirsch, Chorherr im neuen Münster; Herr Christophorus Berger, Vikarius im neuen Münster; der Friedrich Basser, Vikarius im Domstift; Herr Lambrecht, Chorherr im neuen Münster. Nota bene, sind alle vier bei den obgenannten Bränden die Beichtväter gewest. Beim siebten Brand: Herr David Hans, Chorherr im neuen Münster, nota bene, ist auch Beichtvater gewest, ist beim Messlesen irrsinnig worden und hat den Kelch mit des Herren geweihtem Blut aus der Hand geworfen; des Ratsherren Stolzenberger große Tochter; die Stolzenbergerin selber, nota bene, der Ratsherr Stolzenberger ist die Nacht vor dem Brand in den Main gesprungen; des Valkenbergers, eines reichen Kaufmanns, fünfjährig Töchterlein ist heimlich gerichtet und mit der Bahr verbrannt worden. Beim achten Brand; drei Vikari zu Hach; der Dreißigacker, ein Freimannsknecht, nota bene, ist von der Valkenbergerin verklagt worden, dass er im Kerker an ihrem Töchterlein ein viehisch Ding getan hätt; wieder ein blind Mägdlein; des Richters Schellhar jung Eheweib; ein fremd Mägdlein von zwölf Jahr; ein fremd bresthaftes Weib; die dicke Schneiderin; drei fremde Weiber; ein fremd Mägdlein von neun Jahr, nota bene, hat in der Folter bis zum fürletzten Grad kein Wörtl konfitiert, hat bloß allweil geschrieen: ‚Müetterle, hilf! Müetterle, hilf!’“ Von Grauen geschüttelt, knüllte Herr von Sölln die Blätter zusammen, auf denen noch die Opfer von zweiundzwanzig Bränden verzeichnet standen. Wie von Sinnen rief er gegen die Decke des Saales: „Müetterle, hilf! Müetterle, hilf!“ Er schleuderte den Knäuel der Blätter zu Boden, vergrub das Gesicht in die Hände, lehnte sich zitternd an die Mauer und fing in der Schwäche seines Alters zu schluchzen an.

   Dumpfe Stille war im Saal. Auch den Doktor Pürckhmayer schien ein Erschrecken vor den Bildern dieses Briefes befallen zu haben. In dem Blick, mit dem er den Dekan betrachtete, war nichts Feindseliges mehr. Er schien zu fühlen: Das ist kein Leugner, nur ein Greis, in dem das Erbarmen stärker ist als seine Kraft. Zögernd ging er auf ihn zu und sagte: „Reverende! Ich habe nichts mehr dawider, dass Ihr den Klagekasten vom Kirchtor entfernen lasset.“ Über die Herren an der Tafel kam ein verblüfftes Staunen. Herr von Sölln hatte nichts gehört. Er sprach unter Tränen vor sich hin: „Hilf, Müetterle, hilf! Und die Mutter ist lang schon verbronnen gewesen! Ein fremdes Weib! Ist mit dem Kind in die Stadt gekommen, einen Kauf machen, oder ein Glück suchen. Ein fremdes Weib! Und einer, dem ihr Halstuch nicht gefallen, schreit in das Gässl hinaus: ‚So eine fremde Vettel, so eine fremde Hex!’ Da laufen die Leut zusammen. Das Weib wird grob. Oder zittert vor Angst. Die Spießknecht kommen gelaufen und packen die Fremde. In den spanischen Schrauben bekennt sie, was man ihr fürredet. Und ist schon verbronnen, und hat noch allweil keinen Namen! Und in den Listen, da steht geschrieben: Ein fremdes Weib. Ihr Herren, ach, ihr Herren! Heut in der Nacht, da bin ich die ganze Zeit vor meines Bruders Brief gesessen, und allweil hab ich die drei Wörtlen angestarrt: Ein fremdes Weib! Dass sie Weib gewesen! Und fremd! Das ist ihr ganzes Verbrechen. Drum hat man sie verbronnen. Allweil seh ich ihre Augen, in denen das Grausen ist, das Grausen vor der Zeit, in der sie leben und brennen hat müssen. Und in den Gassen streunet ein neunjähriges Kind herum. Ist fremd! Sucht die Mutter und traut sich an keinen Menschen an. Wird wie ein wildes Hündl und kratzt und beißt! Wird vom Schinder eingefangen. Und in den spanischen Schrauben schreit es: ‚Müetterle, hilf! Müetterle, hilf’! – Allmächtiger! Herr im Himmel! Was für eine Zeit ist das!“

   Im Nebenraum verstummte die Musik, und Doktor Besenrieder kam in den Saal gestürzt. Ohne Atem fiel er auf einen Sessel hin. Mit Geschrei umdrängten ihn die Chorherren und labten den Erschöpften mit Wein. Da fand er die Sprache, die ihm geläufig war, die lateinische: Ein Unerhörtes wäre im Salzwerk geschehen! Der Häuerprüfung Adelwart Köppel wäre mit dem Teufel im Bündnis. Und ein teuflisches Werk hätte er angerichtet. Wie auf blitzendem Unwetter wäre der Höllische durch den Berg gefahren. Jeder Stollen wäre voll gewesen von Feuer und Schwefelstank. Und Salzgut hätte der Teufel für seinen Bundesbruder aus dem Berg gebrochen, so viel, dass es mit tausend Hunden nicht zu fördern wäre. Da hätte sich der Michel Pfnüer mit geweihtem Brunn in den Zauberschacht gewagt und hätte den Höllischen hinein geschworen in einen Salzblock. Nun säße der Teufel im Salz wie die gebackene Zwetschke in der Nudel. Hier fehlte dem Besenrieder das lateinische Wort; er sagte: „in nudula“. Und wenn die Herren die Fenster auftun möchten, könnten sie das Geschrei der tausend Menschen hören, die den Teufelsbündler in Fesseln gelegt hätten und den gebannten Stan auf einem Karren gefahren brächten.

   Der geistliche Kommissar war bleich. Verstört bekreuzte er sich immer. Der Schreck in seinen Augen bewies, dass dieser Eiferer kein Heuchler war. Er glaubte. Die Hände erhebend, schrie er: „Ecce veritas! In dieser Stunde hat Gott gesprochen, um euch zu strafen für alle Zweifel Eurer Schwäche. Danket dem Himmel, dass ich als Hirte in Eurer Mitte bin, um das Land zu retten!“ Den beiden Vikaren des Münsters befahl er, ihm zu folgen, und eilte aus dem Saal, um mit heiligen Mitteln den Kampf wider den Teufel zu beginnen. Herr von Sölln, als versänke vor seinen Augen die Welt, fasste mit zitternden Händen seinen Kopf: „Allmächtiger! Bin ich denn irrgegangen mit meinem Glauben ein ganzes Leben lang?“

   „Nur ruhig!“, flüsterte ihm Prior Josephus zu. „Das alles ist Narretei, die sch klären wird. Und der Besenrieder ist ein lateinisches Schaf in nudula.“ Dieses Wort tat seine Wirkung. Aufatmend trat Herr von Sölln zum Fenster. Die Straße da drunten war schwarz von Menschen, und ein Lärm scholl herauf, wie das Brausen eines Stromes. „Josephus!“, sagte der Dekan beklommen. „Da kommt ein Schwarm von bösen Tagen auf uns Heran!“ Er drückte die Fäuste auf die Brust. Als er sich vom Fenster abwandte, schien er ein anderer geworden. In Ruhe gab er zwei Chorherren die Weisung, alle Musketiere, Spießknechte und Dienstleute des Stiftes zusammenzurufen, die beiden Zugänge zum Hof abzusperren und außer dem Gefangenen und dem Karren mit der res miraculosa nur jene einzulassen, die amtlich mitzureden hätten: Den Hällingmeister und die Ältesten der Rottschaften. Magister Krautendey sollte den Salzblock mit dem Wunderkern untersuchen; Pfarrer Süßkind sollte bei dem Tor, das gegen die Marktgasse lag, Prior Josephus auf dem Platz vor der Pfarrkirche den Versuch machen, die erregten Leute zu beschwichtigen.

   Während der Lärm auf der Straße immer näher kam, verließen die Herren den Saal. Pfarrer Süßkind, der mit seinen hurtigen Beinen durch den Korridor voraus geschossen, blieb bei der Treppe stehen und schrie: „Da kommt der Reizenstein! Der lacht. So muss der Unsinn doch ein lustiges Färbl haben.“ Als Herr von Reizenstein atemlos im Korridor erschien, umklammerte der Dekan den Arm des Kapitularen: „Rede! Um Gottes willen! Was ist denn geschehen?“

   „Hundert Hällinger sind verrückt geworden, weil einer unter ihnen mehr Verstand hat als die anderen alle. Freilich, mir selber wirbelt der Kopf. Soviel ich kapiere, hat der Häuerprüfling für die Bergmannsarbeit ein neues Ding gefunden, das der Herrschaft großen Nutzen bringt. Er hat in einer Doppelschicht so viel Salzgut gefördert, wie zwei Häuerroten fördern in einem Wochenwerk. Das hat der Ferchner bezeugt.“

   Herr Süßkind jubelte. „Ecce veritas!“

   „Aber der Teufel?“, stammelte der Dekan.

   „Herr, das ist seltsam. Unter dem Salzgut, das gefallen, hat man einen Block gefunden – da hockt ein toter Mann im Salz.“

   Alle Stimmen schrieen: „Ein Mann im Salz?“

   „Das ist ein Ding, halb lustig, halb grausig. Ich kann’s den Leuten nicht verdenken, dass sie wie von Sinnen schreien: ‚Der Teufel, der Teufel!’ Aber es muss ein Mensch sein, der da hockt im Salz. Er hat kein Leben mehr. Doch die forma humana ist unverkennbar.“

   Der Menschenschwarm, der vom Hällingeramt herkam, musste den Stiftshof erreicht haben. Das Geschrei brandete herauf zu den Fenstern des Korridors. Herr Von Sölln und alle, die bei ihm waren, eilten die Treppe hinunter. Nur Theobald von Perfall blieb zurück. Mit der verstümmelten Hand den weißen Bart streichelnd, sah er ruhig den erregten Herren nach. „Ein neues Ding, und eines, das Verstand hat?“ Er lächelte. „Wird wohl verworfen werden!“ Dann ging er zu seiner Zelle, um in der Alchimistenesse das Feuer anzuschüren und den neu ersonnenen Weg zu versuchen, auf dem er den weißen Schwan zu wohlriechendem Gehorsam zwingen wollte. Was kümmerte ihn der tote Mann im Salz? Herr Theobald von Perfall hatte nicht viel Jahre mehr zu leben. Da durfte er keine Zeit verlieren, wenn er den roten Löwen blitzen machen und das arme Leben erlösen wollte von allen Nöten.

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