Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
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Kapitel 11

   Doktor Besenrieder wollte den Heimweg nützen, um seiner Zukünftigen guten Morgen zu wünschen und mit dem Wildmeister die Neuigkeit zu erörtern, die er vom Hällingeramt brachte. Peter Sterzinger saß auf der Hausbank und säuberte das Gehörn eines Rehbockes, den Freiherr von Preysing erlegt hatte. Bei Besenrieders Anblick rief er missmutig in den Hausflur: „Maddle! Komm!“ Dann erst grüßte er und schabte emsig mit dem Messer an der Hirnschale des Gehörns. Der Sekretarius ließ sich nieder. „Ihr sied nicht in guter Laune? Die Zeit ist allerdings nicht erquicklich. Wir im Amt bekommen das zu fühlen.“

   „So?“, knurrte Peter Sterzinger. „Ist schon eine verklagt?“

   „Eine Hexe? Nein. Es liegt eine causa vor, die viel schwieriger zu behandeln ist. Der geistliche Kommissar hat wegen des Udo von Magdeburg eine Injurienklage gegen den Süßkind bei uns eingereicht –“ Der Wildmeister lachte, dass ihm das Kröpfl blau anschwoll. Unwillig zog der Sekretarius die Brauen zusammen. „Ihr würdet diese Sache weniger lustig finden, wenn Ihr wüsstet, was wir seit einer Woche zu kolloquieren und zu deliberieren hatten. Unser Gericht hat sich als inkompetent erklärt. Gestern wurden die Akten an das fürstliche Hofgericht zu Köllen transferiert.“ Sein dünner Hals verlängerte sich. „Wo bleibt meine liebwerte Braut?“

   Sterzinger brüllte: „Maddle! Der Deinige ist da!“

   Eine Weile stockte das Gespräch. Dann erzählte Besenrieder, dass im Hällingeramt ein Vorfall accidiert wäre, bei dem sich an einem scheinbar wohl organisierten Menschen eine wunderliche deturbatio de mente et sanitate hätte sehen lassen, ein vollständiges Erlöschen des gesunden Menschenverstandes.

   „Weiß schon!“, unterbrach der Wildmeister. „Das muss wieder dummes Geschwätz sein! So verrückt ist doch kein Mensch, dass er sagt, er könnt in einer Schicht so viel Salzgut brechen wie hundert Häuer.“

   „Wie zwölf an einem Tag, heißt es im Protokoll.“

   „Was ist denn das für ein Narr?“

   „Ein Fremder, mit Namen Adelwart.“

   „Der?“, fuhr Peter Sterzinger auf. Sein Kropf wurde völlig blau, und unter pfeifenden Atemzügen ging er zur Haustür. „Wo nur das Mädel bleibt?“ Er trat in den Flur. Dann kam er. „Weiß der Teufel, wo die Schwägerin schon wieder hin ist!“

   Doktor Besenrieder, dessen Backenknochen rotfleckig wurden wie reife Äpfelchen, erhob sich von der Bank. Das erlebte er jetzt zum dritten Mal, dass Madda, wenn er sie besuchen kam, mit verwunderlicher Flinkheit verschwunden war. Er sprach darüber kein Wort, sagte nur mit etwas gereiztem Klang: „Ich möchte wünschen, lieber Peter, dass Ihr, wenn meine Zukünftige in Rede kommt, derartige invocationes wie ‚Weiß der Teufel!’ vermeidet!“ Nach diesen Worten machte er so raschen Abschied, dass ihm Peter Sterzinger vergnüglich nachguckte. Die Bläue seines Kropfes begann sich wieder ins Rosige zu mildern. De ralte Schinagl kam zum Brunnen, und der Wildmeister fragte: „Hast Du nit meine Schwägerin und die Kinder gesehen?“

   „Wohl! ie hocken da droben bei den Holunderstauden.“

   Sterzinger stieg hinauf. Die Kinder waren unter eine Staude gekrochen und spielten Fuchsgraben. Madda, mit dem Klöppelkissen im Schoß, saß gegen den weißen Stamm einer Birke gelehnt und blickte zur Straße hinaus, auf der die Leute in lärmenden Gruppen vom Hällingeramt kamen. Die Brautzeit schien der Jungfer Barbière nicht gut anzuschlagen. Das schmal gewordene Gesicht hatte wenig Farbe, und wie müde Schwermut lag es in ihrem Blick.

   „Grad ist der Besenrieder dagewesen.“

   „So?“ Sie griff nach den Klöppelhölzern und begann die Fäden zu schlingen.

   Peter Sterzinger musterte die Schwägerin. „Denk! Was der Schinagl gestern vom Leuthaus heimgebracht hat, ist wahr. So viel Salzgut tät der Häuer brechen in einer Schicht –“

   Madda nestelte an zwei Fäden, die sich verwirrt hatten. „Was geht das mich an?“

   Etwas Boshaftes glimmerte in Peters forschendem Blick. „Ich hab gemeint, es tät Dich ein bissl an der Neugier kitzeln. Weil’s der Bub ist!“

   Ein leises Zittern in ihren Fingern. „Was für ein Bub?“

   „Der vom Schellenberger Gärtl!“, knurrte Peter Sterzinger. „Den ich deintwegen hinausgefeuert hab. Jetzt muss ich mir einen Fürwurf machen. Der hat den Puff aus der grünen Höh in die Nacht hinunter nit vertragen und hat den Verstand verloren.“

   „Den Verstand? Wieso?“

   „Hast Du denn nit gehört? So viel Salzgut will er brechen als wie ein Dutzend Häuer –“

   „Hat er das gesagt, so tut er’s auch.“

   Peter Sterzinger riss die Augen auf. „Brav, brav, brav!“ Er machte den Specht und stapfte über den Hang hinunter. „Schad, dass der Sekretari nimmer da ist!“

   Madda blieb mit den Kindern da droben, bis die Elfuhrglocke läutete. Bei der Mahlzeit sprach sie kein Wort. Dann rannte sie hinüber zum Nachbarhaus. Josua saß vor der Werkbank, und das Trudle hatte den Arm um ihres Mannes Hals gelegt. Die beiden erschraken, als die Jungfer so blass und atemlos hereinfuhr: „Joser, ich bitt schön, tu mir das und spring hinaus zum Hällingeramt! Da draußen ist was geschehen mit dem Buben. Und so viel sorgen tut sich der Schwager –“

   „Was für ein Bub?“

   „Der gehürnet hat in Deinem Gärtl.“

   „Herr! Es wird doch dem guten Buben –“

   „Ich weiß nit! Tu mir’s, Joser, und spring hinaus!“

   Der Meister packte seine Mütze. Bevor er das Hällingeramt erreichte, läutete die Schichtglocke. Aus dem Stollen kam der erste Häuertrupp gefahren. Den fasste Weyerzisk beim Schachttor ab. Was denn geschehen wäre im Berg? Lautes Gelächter war die Antwort, die er bekam. An der lärmenden Gruppe drückte sich der alte Köppel vorüber. Er wollte heim, wollte verhindern, dass das Kätterle zum Bergamt käme. Richtig traf er sie im Wald. Er log zusammen, was er fertig brachte. Und lief zum Salzwerk zurück, brannte mit zitternden Händen die Grubenlampe an und wanderte in die Finsternis des Schachtes. Je näher er dem Stollen kam, in dem der Bub sein Gesellenstück zu vollführen hatte, umso häufiger blieb er stehen und lauschte. Immer das Gurgeln der Solenleitung, das Rauschen der Schadwässer. Manchmal eine Stimme, irgendwo ein kurzes Lachen. Und ein Licht, das wie ein Sternchen aufglänzte und wieder verschwand.

   Nun zweigte sich vom Hauptschacht der Seitenstollen ab, dessen Auslauf die Häuerschaft dem Buben für sein Gesellenstück angewiesen hatte. Aus der Tiefe des Stollens schimmerte Licht. Das kam von den Grubenlampen der drei Häuer, die zu wachen hatten, dass dem Gesellen kein Beistand käme. Sie saßen auf Holzblöcken, gegen die Stollenwand gelehnt. Nur einer wachte, zwei von ihnen schnarchten. Dicht hinter ihnen war der Schacht vom Boden bis zur Decke durch die feste Mauer geschlossen, die man aus Salzsteinen aufgeschichtet hatte. Hinter der Mauer war Licht. Durch die Fugen quoll es heraus und schimmerte matt in den kristallklaren Teilen des Gesteins. Ein klingendes Gehämmer tönte. Den Atem verhaltend, lauschte der Hällingmeister. „Wie steht’s denn?“

   „Allweil die Hämmerei! Nie noch hab ich was fallen hören.“

   Jonathan trat an die Mauer und versuchte durch eine der Ritzen zu spähen. Er sah nur ein trübes Lichtgedämmer und einen Schatten, der sich bewegte. „Bub!“

   „Der kann Dich nit hören“, sagte der Häuer, „Das Stollenturm hat an die vierzig Gäng in der Läng.“

   Da schrie der Meister: „Adle! Hörst Du mich nit?“

   Das Klingen schwieg. „Vater?“

   „Wie steht’s mit der Arbeit?“

   „Nit schlecht.“

   „Ich hör aber nie ein Salzgut fallen.“

   „Wird schon fallen, wenn’s an der Zeit ist.“

   Nun klangen die tönenden Schläge wieder, rascher als zuvor. Wie ruhig hatte der Bub gesprochen! Doch dem Meister war diesem Unerklärlichen gegenüber eine Erregung ins Blut gefallen, die ihn ganz verstörte. Immer sah er, während er durch die Finsternis davonging, den Doktor Pürckhmayer predigend auf der Kanzel stehen. Im Verlauf der Schichtzeit trieb die Sorge den Alten noch zweimal vor die Mauer. Das erste Mal hörte er wieder dieses ruhelose Klingen, das zweite Mal ein dumpfes Gehämmer, wie Schläge, die auf hartes Erdreich fallen. Als er das dritte Mal kam, eine Stunde vor der Schichtglocke, fand er im Stollen schon ein Dutzend Hällinger, die aus Neugier früher eingefahren und mit Lachen versammelt waren, um sich den Ausgang des unsinnigen Gesellenstückes anzugucken. Immer größer wurde der lärmende Hauf. Im Gewirr der Stimmen hörte man den vergnügten Bass des Michel Pfnüer. Einmal ging ein schallendes Gelächter durch den Stollen, weil der Michel geschrieen hatte: „Ihr Hundstößer! Höi! Habet ihr die tausend Hund schon da, die er braucht, der Riesenbub, um das endsmäßige Salzgut aus dem Berg zu führen?“

   In der zitternden Faust die Grubenlampe, stand Jonathan neben der Mauer. Der Ferchner trat zu ihm: „Ich weiß, u hast den Buben lieb gehabt!“

   Der Alte stammelte: „Hinter der Mauer ist alles still. Lus doch, Ferchner! Was muss da sein?“ Wie sollte man lauschen bei diesem Lärm? „Hällinger“, rief der Ferchner, „lasset das Reden sein! Wir müssen hören, was hinter der Mauer ist.“ Langsam dämpfte sich das Geschrei. Und da hörte man hinter der Mauer die Stimme des Buben: „Vater? Bist Du da draußen?“

   „Bub?“ Mehr brachte der Alte nicht aus der Kehle.

   „Mit dem Schaffen bin ich fertig“, klang es dicht bei der Mauer, „bloß das Salzgut muss noch fallen.“

   „Da hat’s aber Zeit!“, schrie der Michel. Ein johlendes Gelächter hallte durch den Schacht. Dann schaffte die Neugier wieder Ruhe, und aus der Mauer klang es: „Michel Pfnüer! Bet ein Vaterunser! Wenn Du beim Amen bist, so muss das Salzgut liegen. So wahr ein Herrgott im Himmel ist!“ Jetzt lachte keiner mehr. Der Klang dieser Stimme hatte den Schreiern an die Kehle gegriffen. Und hinter der Mauer sagte der Bub: „Vater! Das Gut wird fallen. Aber das ist ein neues Ding im Berg. Ich weiß nit, wie das ausgeht. Kann sein, dass ich hin bin.“

   „Jesus!“

   „Mit dem Herrgott bin ich auf gleich. Der Mutter sag ich Vergelts Gott, gelt! Und Eine – wirst schon wissen, wen ich mein’ – die tust Du mir grüßen! Dir, Vater, Vergelts Gott für alles! Jetzt lauf und tu Dich sichern!“

   Dem Alten fiel die Grubenlampe aus der Hand. Aus dem Hauf der Knappen eine kreischende Stimme: „Mich geht ein Grausen an!“ Dann im Stollen ein stummes Zurückweichen, als wären die sechzig Menschen geschoben von den Fäusten einer dunklen Angst. Hinter der Mauer ein leises Klingen. So klingt es, wenn Feuer mit dem Stahl geschlagen wird. Jetzt die gellende Stimme des Buben: „Hällinger! Laufet! So weit wie auf einen Bolzenschuss! Es könnt ein Unglück geben.“ Ein schreiendes Flüchten. Im Nu waren alle die kleinen Lichter weit draußen in der Finsternis. Nur den Hällingmeister hielt die Sorge fest, die Liebe zu dem Buben, dessen Stimme er hinter der Mauer hörte: „Gütiger Herr Jesus! Mutter Maria! Nehmet mich auf in Euren Schutz!“ Da leuchtete die den Stollen sperrende Mauer, als wäre sie in rote Glut verwandelt. Es dröhnte ein Donnerschlag, wie ihn die Berge im wildesten Gewitter nie gehört. Alle Tiefen zitterten, ein Brechen und Stürzen begann, die Mauer wurde niedergeblasen, ein sausender Windstoß fuhr durch den Schacht und wehte über die Schar der Fliehenden einen Qualm, der alle Grubenlichter umschleierte.

   Das war der erste Sprengschuss, der in einem deutschen Bergwerk aufblitzte, die dunklen Tiefen der Erde erschütterte und zu den Felsen sprach mit seiner Donnerstimme: Spendet den Menschen euer Gut!

   Auf die fliehenden Hällinger schlug dieses Neue los mit den Keulen eines abergläubischen Schreckens. Der Michel brüllte: „Feuer und Schwefel! Da ist der Teufel im Spiel!“ Das schrieen ihm gleich ein Dutzend Stimmen nach. In diesem Lärm des Grauens hallte ein Jauchzer, klingend von heißer Freude. Meister Köppel, den der Luftdruck zu Boden geworfen, begann zu schreien: „Lebst Du, Adle? Lebst Du noch?“ Da umschlangen ihn schon die Arme des lachenden Buben. Im Hauf der fliehenden Knappen blieben die letzten stehen und kamen zur Besinnung. Der Ferchner kreischte: „Hällinger! Luset! Was schreit denn der Meister allweil?“ Wieder blieben einige stehen und hoben die Grubenlichter in den dünner werdenden Qualm. Da hörten sie die Stimme des Jonathan Köppel: „Ihr Mannder und Buben! Schauet das Wunder an! Da liegt das Salzgut wie ein Berg. Jesus, Jesus, Jesus! Schauet doch her! Das täten hundert Häuer nit schaffen in einer Woch.“

   Der Alte, im Rausch seiner Freude, sah das Werk dieser Stunde noch größer, als es war. Auch den Leuten, die gelaufen kamen und die Lichter hoben, fiel das Staunen ins ratlose Gehirn. Hinter den Brocken der nieder geblasenen Mauer sahen sie das Ende des Stollens ausgebrochen zu einer gewölbten Halle, unter deren Decke das los gesprengte Salzgut in Klötzen zu einem Hügel geworfen lag, so hoch, dass die obersten Massen fast wieder hinaufreichten bis zur Decke. Und weit über die Hälfte des Stollenganges heraus lag tischhoch das gebrochene Gestein. Das Geschrei der ersten, die gekommen waren, rief die anderen zurück. Sie begriffen das unheimliche Wunder nicht, obwohl ihnen der Hällingmeister immer wieder zuschrie, dass der Bub das reiche Salzgut unter Gottes Beistand mit Pulver aus dem Berg geschossen hätte. Einer der wenigen, die zu begreifen schienen, war der Michel Pfnüer. Der war zuerst ganz still. Dann schrie er: „Gall und Teufel! Wenn der Bub das kann, der schafft ja das ganze Häuerwerk mit seiner Pulverkunst allein. Was bleibt denn da für uns? Da braucht ja die Herrschaft keinen Häuer nimmer.“ Das Wort fand Ohren, die es erschrocken hörten. Dem Hällingmeister verwandelte sich die helle Freude in dunkle Sorge. Am liebsten hätte er den Buben so rasch wie möglich aus dem Schacht hinausgebracht.

   Adelwart, nach aller Mühsal dieses Tages, nach aller Gefahr dieser Feuer blitzenden Sekunde, schien von einer dumpfen Erschlaffung befallen. Jetzt, da sein Werk gelungen war, ging seine Kraft zu Ende. Sein Gesicht war entstellt, vom Pulverrauch geschwärzt, mit dickem Staub behangen. Und blutig war es. Der Ferchner hatte Wasser in seiner Kappe geholt, und Jonathan wusch dem Buben das Gesicht. Den Staub und die Pulverschwärze brachte er weg, aber nicht das Blut; das quoll immer wieder in feinen Tropfen durch die Haut heraus, als wäre das Gesicht von hundert Nadelstichen durchbohrt.

   „Adle! So red doch ein Wörtl! Wie spürst Du Dich?“

   „Gut, Vater!“, nickte der Bub mit dem Lächeln eines Träumenden. Und der Ferchner saget: „Tu mir’s verzeihen, Mensch! Ich hab meiner Seel gemeint, Du hättest was Schlechtes für.“

   Heller und heller war es im Schacht geworden. Einige Häuer hatten ihre Pechfackeln angebrannt und kletterten auf dem Berg des gebrochenen Gutes herum. Nun plötzlich ein Schrei wie von einem Tier. Und eine irrsinnige Stimme: „Alle guten Geister! Jesus Maria!“ Kurze Stille. Dann Geschrei und Gedräng. Auf der Böschung des Gerölles hörte man einen kreischen: „Hällinger! Um’s Himmels willen! Gucket doch her! Da ist im Salzgut drin ein Mensch!“

   Dreißig Stimmen: „Was ist? Was ist?“

   „Ein Mann ist im Salz!“

   Mit groben Fäusten bahnt sich der Michel Pfnüer einen Weg, reißt dem Häuer die Fackel aus der Hand, springt zu den Klötzen hinauf und zetert: „Alle guten Geister! Da hcokt der Teufel im Salz! Der Teufel, der ihm geholfen hat! Alles ist Hexenwerk. Hat keiner einen Weihbrunnen da? Alle guten Geister! Jesus, Jesus, hat denn keiner einen Weihbrunnen da?“ Unter dem Lärm, der tobend den Stollen füllte, griffen alle, die nicht zu en ‚Heimlichen’ gehörten, unter die schwarzen Spenser, wo sie die kleinen irdenen Fläschchen mit dem Weihwasser verwahrt trugen, das sie beschützen sollte vor allen Gefahren der Tiefe. Nur der Michel Pfnüer, obwohl er nicht zu den ‚Heimlichen’ zählte, hatte kein solches Fläschl. Ein Dutzend Hände reichten ihm, was er braucht ein dieser Stunde höllischer Not. Und da fing der Michel ein Sprengen und Spritzen an:

   „Gott Vater, Gott Sohn, Gott heiliger Geist!

Satanas, weiche!
Sei verloren!
Sei verschworen!
Durch Christi Wunden
Sei gebunden!
An Füß und Händ

Bindt Dich das heilige Sakrament!“

   Meister Köppel sah erschrocken den Buben an. „Vater? Was ist denn?“, fragte Adelwart. Aus seiner Schwäche ermuntert, drängte er sich zu den Klötzen und sah mit eigenen Augen, dass in einem großen, glashellen Salzblock etwas eingeschlossen hockte, das auch er ohne Schauder nicht betrachten konnte. Wie ein zottiges Tier, auf allen vieren kriechend, war es anzusehen. Und war doch das Bild eines Menschen, ganz in Rostfarbe getaucht, halb nackt und halb in Felle gewickelt, mit einem Wust von Haaren und einem roten Zottelbart um das starr verzerrte Gesicht, alle Linien zitterig zerflossen, gleich der Gestalt eines Mannes, den man bei trübem Licht unter Wasser schwimmen sieht.

   Nach dem ersten Schauer hatte Adel die Besinnung gefunden und rief: „Aber Häuer! Das ist doch kein Teufel!“

   „Freilich“, brüllte der Pfnüer, „das glaub ich, dass Du den Teufel verleugnest, der Dir geholfen hat.“

   „Du Narr! So guck doch hin mit Verstand! Das ist doch ein Mensch! Ein Mann! Der vorzeiten durch die Muren ins Salz gefallen. Und den das Salz nit faulen hat lassen.“

   „Lüg, Du! Lüg! Bis tief in den Hals! Was wahr ist, wirst Du vom Kommissar und vom Freimann hören. Hällinger! Müssen wir unseren Berg verteufeln und verhexen lassen? Soll uns der da mit seiner Teufelskunst das Brot vom Maul wegstehlen? Uns elend machen mit Weib und Kind? Ich bin ein Christ. Ich steh zum Kommissar. Und wer nit selber verdächtig ist, der muss mir helfen. Als Christ!“ Der Michel brauchte nur die Fäuste nach dem Buben zu strecken, und er hatte ein Dutzend Helfer, di ihm Beistand leisteten als unverdächtige Christen. Adel wollte sich wehren. Zwanzig Fäuste hingen an ihm und rissen ihn zu Boden. Der Hällingmeister schrie in den tobenden Lärm das Wort hinein, das bei jedem Raufhandel im Stollen noch immer seine Kraft bewiesen: „Bergfrieden!“ Jetzt versagte das Wort. Dem Meister blieb nichts anderes übrig, als dem Buben, dem die Hände hinter dem Rücken gebunden waren, mit erwürgter Stimme zuzurufen: „Musst Dich nit fürchten, Adle!“

   „Ohne Sorg, Vater!“ Sogar lachen konnte der Bub. „Du hast mir nit umsonst einmal gesagt: Aus aller finsteren Tief muss er aufsteigen, der Mensch, dass er merkt, wie schön und wie kostbar das Licht ist!“

   Die Ängstlichen, die Reißaus genommen hatten, trugen die Kunde von dem Ungeheuerlichen hinaus in den trüben Abend. Vor dem Hällingeramt hatte sich neben den beiden Herren eine Schar von Neugierigen angesammelt; sie sahen die vom Schreck verstörten Knappen aus dem Schachttor flüchten, hörten von Feuerblitzen und Schwefeldampf, von dem gräulichen Hexenwerk des Adelwart Köppel und von dem leibhaftigen Teufel, der dem Buben zaubern geholfen, und den der Michel Pfnüer mit Weihbrunn in einen Salzblock gebannt hätte, dass der Satans sich nimmer rühren könnte. Das stieg den Leuten wie Qualm ins Gehirn. Ihr schreiendes Entsetzen bewies, dass die Predigt des hochwürdigen Doktor Pürckhmayer trotz der gesunden Abwehr, die sie in der Franziskanerkirche erfahren hatte, ihre Früchte zu tragen begann.

   Doktor Besenrieder täppelte pflichtfertig zum Stift hinauf, um das Unerhörte ad aures domini zu bringen. Herr von Reizenstein verhörte die Knappen. Dabei wichen ihm zwei Leute nicht von der Seite: Der Josua Weyerzisk und das verzweifelte Kätterle, das unter Anrufungen Gottes die Unschuld ihres Buben beschwor. Nun stieß das Weibl einen Herz zerreißenden Schrei aus und stürzte gegen das Stollentor, aus dem die Hällinger den Gefesselten herausführten. Aufrecht ging Adelwart zwischen den lärmenden Häuern; sein Gesicht mit den eingesunkenen Augen und den roten Fäden, die ihm über Stirn und Wangen herunter liefen, war anzusehen wie ein Marterbild.

   Josua, den Kopf zwischen den Händen, rannte die Straße hinaus. Als er die Achenbrücke erreichte, hörte er vom Garten her die Stimme seines Weibes: „Maddle! Maddle! Mein Joser kommt schon!“

   Der junge Meister atmete schwül. Bei seinem Eintritt in den Garten erhoben sich Madda und die Weyerziskin von der Bank. Die Jungfer hatte keinen Tropfen Blut im Gesicht, die Augen waren groß geöffnet. Ihre Stimme klang ruhig: „Gelt, Joser? Gelt, ich hab Recht, dass alles ein Geschwätz ist?“

   „Ich weiß nit, Jungfer, da kenn ich mich selber nimmer aus. Wie die Leut da draußen reden –“ Josua fing zu erzählen an. Alles suchte er zu mildern. Dennoch blieb an Schauerlichem so viel noch übrig, dass sich das Gesicht der Weyerziskin entstellte. Madda, schweigend, schüttelte immer den Kopf. Als Josua schilderte, wie man den Buben herausgeführt hätte, fiel der Jungfer eine Schwäche in die Knie. Sie schloss die Augen und tastete mit den Händen.

   Auf der Straße kam ein dumpfer Lärm immer näher, ein verworrenes Schreien von hundert Stimmen. Bevor der Zug noch bei der Achenbrücke war, hörte man schon die Brüllstimme des Michel Pfnüer. Zu einem halben Tausend Schreier und Gaffer war der Zug schon angewachsen, als er am Garten des Weyerzisk vorüber kam. Voraus, auf einem Karren, führten sie den Mann im Salz – den ‚eingesulzten Teufel’, wie der Pfnüer ihn nannte – und rings um den Karren war ein solches Gedräng, dass Madda, als sie wie von Sinnen auf die Straße stürzte, nur einen Knäuel tobender Menschen sah, einen Schwarm von keifenden Weibern, die sich alle Beklommenheit, von der sie seit der Hexenpredigt des Doktor Pürckhmayer befallen waren, aus der Seele schimpften, um öffentlich zu erweisen, wie christlich ihr Abscheu vor allem Zauberwerk und ihr Grausen vor dem Satan wäre. Die sonst so gutmütigen Weiberchen waren verwandelt zu aberwitziger Raserei. Sie drohten dem Gefesselten mit den Fäusten, spieen vor ihm aus und zeterten ihm allen Schimpf, den ein verstörtes Gehirn ersinnen kann, in das blutüberströmte Gesicht.

   Adelwarts Festigkeit und Ruhe war zerbrochen. Zwischen den Blutgassen auf seiner Stirne war die Haut von kalkiger Blässe. Sein Blick irrte über die tobenden Weiber hin, über das Haus des Wildmeisters, über den Garten des Weyerzisk. Da sah er die Jungfer Barbière. Die Augen schließend, blieb er stehen, als wäre ihm die letzte Kraft versunken. Mit entstelltem Gesicht, wie von der Raserei der anderen befallen, drängte sich Madda durch den Kreis der keifenden Weiber. Und schrie: „Ich glaub’s nit! Dass Du was Schlechtes getan hast! Du! Ich glaub’s nit!“ Er zitterte. Aufatmend sah er sie an mit dürstendem Blick. „Vergelts Gott, Jungfer!“, sagte er leise. „Jetzt soll mir geschehen, was mag!“ Die Häuer stießen ihn vorwärts. Und der Michel Pfnüer fing gegen Madda zu brüllen an: „Die Jungfer glaubt wohl, dass wir Lügner sind? Und das der Teufel, den ich ins Salz geschworen, Dreck oder Luft ist? Und gar nit auf dem Karren liegt?“ Madda hörte das nicht. Wie versteinert sah sie dem gefesselten Buben nach. Als ihn das Gedräng verdeckte, starrte sie auf die Blutflecken, die seinen Weg bezeichneten und vom Staub der Straße aufgesogen wurden. Eine schrillende Stimme. „Du! Du!“ Vor der Jungfer stand das Kätterle, das Gesicht verzerrt und von Tränen überronnen. „Du bist’s! Du! Di meinen Buben auf der Seele hat!“ Du!“

   Meister Köppel, erschrocken, zerrte das Weibl mit sich fort. „Kätterle! Hast Du völlig den Verstand verloren?“

   Sie stieß den Arm des Jonathan von sich. „Verstand? Was braucht man da Verstand? Ich bin eine Mutter! Ich hab ein Herz, das blutet!“ In dieser Mutter war wieder lebendig geworden, was sie schon einmal erlebt hatte, vor sieben Jahren. Als sie damals vor dem Landrichter Pießer einen Fußfall getan und gebettelt hatte: Er möchte ihrem David nicht sein Glück verbrennen lassen – und als ihr der Richter sagte: Das stünde nicht in seiner Macht, und drum sollte sie Verstand annehmen – da hätte das Kätterle das gleiche Wort geschrieen: „Was braucht man da Verstand? Ich bin eine Mutter! Ich hab ein Herz, das blutet!“ Für das Kätterle war es der von den Toten auferstandene David, den man gefesselt und von Blut überströmt hinaufführte zum Richter von Berchtesgaden. Und was das alte Weibl in seinem Jammer schrie, war der Mutterschrei, wie er schon vor ungezählten Jahrtausenden geklungen, der tiefste und geheimnisvollste Naturlaut des Lebens, das sich erhalten will in seinen Kindern.

   Als der Zug schon um die Wiesenecke gebogen war und sich mit Lärm hinaufwälzte über die Straße, konnte Madda noch immer das Kätterle hören, dessen Stimme herausschrillte aus dem tobenden Geschrei.

   Josua und das Trudle wollten die Jungfer fortführen und redeten ihr herzlich zu. Madda schien kein Wort zu verstehen. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn wie eine Erwachende, die noch durchzittert ist vom Schauer eines grauenvollen Traumes und nicht glauben will, dass sie die Augen offen hat.

   Beim Heckentor des Wildmeisterhauses stand der alte Schinagl zwischen den beiden Kindern, die sich an seine Hände klammerten. Weil es nichts mehr zu sehen gab, wollte er die Kinder ins Haus führen. Kaum hatte er das Gehöft betreten, als er wieder aus dem Tor gesprungen kam: „Jungfer! Jungfer! So gucket doch, was da ist!“

   Bei der Hecke lag die stumme Marei auf dem Rasen ausgestreckt, wie tot, die Fäuste in das Gewand geklammert, mit geschlossenen Augen, die Lippen zurückgezogen von den übereinander gebissenen Zähnen. Der Knecht und Josua hoben sie vom Boden auf und trugen sie in ihre Kammer. „Die ist wie ein Stückl Holz!“, sagte Schinagl. „Die hat das Grausen aus dem Leben hinaus geblasen.“ Madda wusch der Bewusstlosen mit Essig das Gesicht und die Pulse. Langsam erholte sich Marei, immer tiefer ging ihr Atem, die verkrampften Finger begannen sich zu strecken, sie schlug die Augen auf, und während ihr um die Mundwinkel ein schmerzvolles Zucken ging, lallte sie jene dumpfen Laute: „Mua – Mua –“

   „Gott sei Lob und Dank!“ Madda, auf der Bettkante sitzend, streichelte die Hand der Stummen. Dann löste sich bei ihr alle Erschütterung dieser Stunde in einem Strom von Tränen.

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