Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
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Kapitel 10

   Das Kätterle hatte eine ruhelose Nacht hinter sich. Gegen elf Uhr war der Bub nach Hause gekommen, hatte kein Wort gesprochen, war in seine Kammer gegangen und hatte sich eingesperrt. Zu dieser Sorge hatte das Kätterle noch eine andere: Es wurde schon heller Tag, und noch immer war ihr Mann nicht daheim. Seit man den Morgengruß geläutet hatte, stand sie vor der Haustür und guckte sich in wachsender Sorge die Augen aus. Endlich kam Meister Köppel aus dem Wald gesprungen. Und als die beiden im Haus waren, klagte das Kätterle: „Was bist Du denn so lang ausgeblieben!“

   „Vom Toten Mann bis heim, das ist ein weiter Weg. Und heut hat’s viel zu reden gegeben.“ Der Hällingmeister trocknete das von Schweiß übergossene Gesicht. „Weißt Du, was für ein Zauberwerk die gestrige Predigt gestiftet hat? Achtundvierzig Neue sind in der heutigen Nacht zur evangelischen Gemeind getreten. Aber geh, tu kochen! In einer Stund ist Schichtzeit. Ich weck derweil den Buben.“ Mit dem Wecken brauchte sich der Hällingmeister nicht zu plagen. Als er an die Kammertür pochte, wurde der Riegel aufgestoßen, und Adel stand vor dem Meister, für die Schicht gekleidet. Das Bett war unberührt. „Was ist denn mit Dir?“ Adel konnte nicht antworten. Da erriet der Alte, was geschehen war. „Hat Dir gestern einer was gesagt? Von des Wildmeisters Jungfer?“ Auch jetzt brachte der Bub keinen Laut aus der Kehle. Er wandte sich zum Fenster. Und plötzlich fiel er über das Gesimse hin und drückte das Gesicht in die Arme. Eine Weile stand der Hällingmeister schweigend und strich ihm mit der Hand übers Haar. Dann ging er in die Küche hinaus und flüsterte mit dem Kätterle. Statt zu erschrecken, atmete das Weibl auf; jetzt wusste der Bub, was geschehen war, jetzt hatte er das Härteste überstanden. Da würde sich alles wieder zum Guten wenden. Der Alte schüttelte den Kopf. „Der Bub ist einer von denen, die ihr Sach festhalten, wie der Berg sein Salz; soll er’s auslassen, so muss man mit dem Spitzeisen dreinschlagen oder das Wasser drüberwerfen!“

   Eine Stunde später, als er mit Adel hinunter stieg zum Bergwerk, blieb der bub im Walde stehen und sagte: „Mich wird’s nimmer leiden im Berchtesgadener Land. Ich muss schauen, dass ich fortkomm.“

   „Das tu Dir noch ein bissl überlegen! Der Mutter zulieb. Und nach dem Berggesetz ist Kündzeit ein Vierteljahr. Dass Du davonlaufst wie ein Herdloser und Grabenhauser? Gelt, das tust Du mir nit an?“

   Adel schüttelte den Kopf.

   Sie fuhren nach der schlaflosen Nacht ins Salzwerk ein, zu einer mühsamen Schicht. Um zwölf Uhr legten sich die beiden in der Knappenstube nieder. Zur Abendschicht fuhren sie wieder ein. Während Adel durch den finsteren Stollen wanderte, umzittert vom matten Schein des Grubenlichtes, war in ihm eine fieberhafte Sehnsucht: Freien Tag zu haben und hinaufzusteigen auf die Berge, wie damals na jenem ersten Tag im Berchtesgadener Land! Und droben die freie Waldluft trinken, das Wild schaue, durch die Schneefelder waten, aus dem Feuerrohr eine Kugel hinaufjagen nach einem Adler – dieses Herrliche wieder hören, nur noch ein einziges Mal: Wie das Echo des Schusses donnernd hinrollt über alle Berge – dann einen letzten Blick hinunter ins Tal, zu dem Haus bei den Birnbäumen, und heim in die Kammer, sich hinlegen, einschlafen und nimmer aufwachen!

   Um Mitternacht läutete die Schichtglocke. Adelwart fuhr aus. Auf dem Hund, den er führte, saßen der Ferchner und fünf Knappen. Die tuschelten davon, dass der Michel Pfnüer in der Sonntagnacht auf dem Untersberg gewesen wäre, und da hätte er weit drüben auf dem Toten Mann ein Feuer gesehen. Jetzt schwöre der Pfnüer bei allen Heiligen: Das wäre ein Hexentanz gewesen. Adel hörte nicht, was da getuschelt wurde. Aber der Ferchner sagte mit einer Heftigkeit, wie sie sonst nicht in der Art dieses ruhigen Mannes lag: „Wenn der Pfnüer das Maul so weit aufreißt, soll er Acht geben, dass nit der Wildmeister fragt einmal, was der Michel in der Nacht auf dem Untersberg zu suchen hat.“

   Der Hund rollte durch die Finsternis.

   Nun hatte Adel eine zwölfstündige Freischicht. Daheim, trotz der späten Stunde, erwartete ihn das Kätterle beim gedeckten Tisch. Der Bub aß mit der Gier des Erschöpften. Und tat die sonderbare Frage: „Mutter? Ist nit ein Feuerrohr im Haus?“ Das Kätterle dachte im ersten Schreck: Er kann die Jägerfreud nicht missen und will heimlich einen Pirschgang machen. Aber wie sollte in des Hällingmeisters Haus ein Feuerrohr kommen? „Freilich“, nickte Adel, „hab mir eh schon gedacht, ich frag umsonst.“ Dann ging er in seine Kammer. Am Morgen, als das Kätterle den Buben zur Suppe rufen wollte, war die Kammer leer.

   Eine Stunde später, gegen acht Uhr, ereignete sich im Berchtesgadener Land was Unerklärliches. Bei wolkenlosem Himmel dröhnte plötzlich ein gewaltiger Hall über die Berge. Schier endlos rollte das Echo. Überall sprangen die Leute aus den Häusern, um erregt darüber zu schwatzen, was das gewesen sein könnte. Wie Donner hatte es geklungen. Oder wie der Schuss einer großen Kartaune hinauf in die Felskare des Hohen Göhl? Da musste was Unheimliches geschehen sein. Die Predigt, die der hochwürdige Doktor Pürckhmayer gehalten hatte, trieb ihre Blüten. Einer schwor: Er hätte einen Feuerstrahl in Form eines riesigen Besens über die Berge fahren sehen. Ein anderer: Es wäre eine große schwarze Kugel gegen das Himmelsdach geflogen, krachend in rauchende Stücke zersprungen, und dabei hätte man hoch in der Luft ein höllisches Gelächter vernommen. Wer das berichten hörte, trug es dem Nachbar zu, und da war es schon wieder was anderes geworden: Auf dem fliegenden Feuerbesen saßen brennende Gestalten, und aus der zerplatzenden Rauchkugel flatterten in gräulichen Schwärmen die Heuschrecken und Hornissen heraus. Dass man von dem Ungeziefer auf den Wiesen und Feldern nichts bemerken konnte, das tat der Glaubwürdigkeit dieser Behauptung keinen Eintrag.

   Gegen Mittag erschrak das Kätterle zu Tod, als plötzlich der Bub wie ein Verrückter ins Haus gesprungen kam. Sein Gewand war bedeckt mit weißem Staub, am Hals hatte er eine blutige Schramme, und in dicken Tropfen lief ihm das Blut über die linke Hand herunter. „Adle! Um Christi willen! Was ist denn?“ Eine wilde Erregung kämpfte in seinem erhitzten Gesicht. Dennoch konnte er mit erzwungener Ruhe antworten: Es hätte ihn nach freier Luft gedürstet, drum wäre er am Morgen hinaufgestiegen auf die Berge, und beim Niederklettern über eine Felswand hätte er sich verletzt. „Mutter, das hätt übel ausfallen können!“ Wie ihm die Augen blitzten! „Aber gut ist alles gegangen. Das sollen die Leut noch merken!“ Ob er denn auch am Morgen das ‚Hexengeböller’ gehört hätte? Zur Antwort fing Adel so seltsam zu lachen an, dass dem Kätterle ganz zaghaft zumut wurde. Als sie dem Bub das Blut von den Schrammen gewaschen hatte, sprang Adel, der Mahlzeit vergessend, zum Haus hinaus, um die Mittagsschicht nicht zu versäumen. Diese Erregung, diese ruhelose Ungeduld verließ ihn nicht mehr. Die ganze Woche blieb er so.

   Am Samstagabend, als Meister Köppel und Adelwart von der letzten Wochenschicht heimkamen, ging der Bub gleich nach der Mahlzeit in seine Kammer, vertauschte das schwarze Knappenkleid mit seiner grünen Jägertracht, schlüpfte zum Fenster hinaus und sprang durch die Nacht davon. Den ganzen Sonntag blieb er verschwunden. Am Montag in der Früh fand Mutter Köppel den Buben in bleiernem Schlummer auf seinem Bett. Als dann die beiden Hällinger hinunterstiegen zum Salzwerk, sagte der Alte: „So geht’s nimmer weiter. Die Mutter sorgt sich das Herz aus dem Leib. Und Augen hast Du wie ein Kranker. Du weißt doch, wie lieb ich Dich hab. Hast Du denn gar kein Vertrauen zu mir? Magst Du mir nit sagen, was fürgeht in Dir?“

   „Nichts Schlechtes, Vater!“

   „Das weiß ich. Sie offen, Bub! Sag mir, was Dich so ruhlos macht?“

   Mit seltsamen Augen sah Adelwart dem Meister ins Gesicht. „Ich kann schier nimmer den Tag erwarten, an dem ich Häuer bin. Und bin ich’s, Vater, dann will ich weisen, dass ich nit weniger wert bin als ein Schreiber. Und dass ich der Herrschaft größeren Nutzen schaff als ein ganzes Gericht mit seinen Tintenhäfen und Federspulen!“

   Der Hällingmeister schwieg. Bei der Einfahrt flüsterte er dem Ferchner zu: „Gelt, pass mir auf den Adel auf! Der Bub ist ein bissl verdreht!“

   Der Ferchner konnte während der Schicht nur gewahren, dass Adelwart unermüdlich schaffte und für den erregten Klatsch, den die Rotte betrieb, kein Ohr hatte. Der Michel Pfnüer betätigte das Maulaufreißen lärmender als je. Ursach zum Gerede war freilich vorhanden. Ganz Berchtesgaden schwatzte von dem kriegerischen Auftritt, zu dem es am Sonntag vor dem Hochamt in der Sakristei der Franziskanerkirche gekommen. Da war der hochwürdige Doktor Pürckhmayer erschienen, um auch hier seine schöne Predigt zu halten. Der Franziskanerprior bedeutete dem geistlichen Kommissar, dass im Haus des heiligen Franziskus ein Mangel an guten Predigern nicht bemerklich und drum eine Aushilfe nicht nötig wäre. Doktor Pürckhmayer erinnerte in gereiztem Ton an die Vollmacht, mit der ihn Seine Fürstliche Liebden, der Propst zu Berchtesgaden und Erzbischof zu Köln, betraut hätte. Solchem Ton gegenüber wurde auch Prior Josephus ein bisschen laut: Diese Vollmacht gälte nur für das Stift, das dem pröpstlichen Regiment unterstünde; die Franziskaner hätten nur Gott und den Regeln ihres Ordens zu gehorchen. Auf diese Erklärung hin entbrannte Doktor Pürckhmayer zu heiligem Zorn und wollte kraft seiner kirchlichen Stellung strenge Befehle erteilen. Prior Josephus wurde grob: „In meiner Kirche geschieht, was ich für christlich und recht halte! Ein Dominikaner hat uns Franziskanern einen Dreck zu befehlen. Und wenn der geistliche Kommissar den Gottesdienst noch länger aufzuhalten gedenkt, ruf ich die Laienbrüder und lasse den Herrn aus der Sakristei hinauswerfen.“ Da schüttelte Doktor Pürckhmayer den Staub von seinen Füßen und drohte mit der Klage beim Päpstlichen Stuhl. Prior Josephus stieg auf die Kanzel und hielt eine kurze Predigt über das Thema: „Seid verständig, ihr Leut! Lasst Euch den gesunden Sinn nicht verdrehen! Der Teufel kann keinem was anhaben, der mit christlicher Treue an seinem Herrgott hängt.“ Am Abend, gegen sechs Uhr, hörte man, wieder bei blauem Himmel, vom Untersberg herunter das gleiche donnernde Böllern, wie am verwichenen Dienstag vom Hohen Göhl. Und nun behauptete Michel Pfnüer, da droben hätten die Hexen in ihrer Freude Salut geschossen, weil ihnen die Franziskaner so hilfreich beigesprungen wären.

   „Pfnüer!“, sagte der Ferchner. „Kannst Du das beweisen?“

   Der Michel lachte. „Könnt schon sein, dass ich mehr auf dem Untersberg gesehen hab, als manchem Weibsbild lieb ist.“

   „Gesehen? Am Sonntag? Auf dem Untersberg?“

   „Ja, auf dem Untersberg!“

   „So? Da musst Du hexen und fliegen können. Denn am Sonntag ums Nachtwerden bist Du mit angerusstem Gesicht und mit einem Reh im Sack vom Hohen Göhl heruntergekommen. Das hab ich gesehen.“

   Der Pfnüer erschrak. „Du wirst doch einem Bergmannsbruder keine Ungelegenheiten machen?“

   „Ich bin nit der Wildmeister. Aber lass Dein lästerliches Reden sein!“

   Am Mittwoch wurde der Hundstößer Adelwart Köppel zum Häuerdienst gestellt, und der Ferchner wurde ihm als Anweiser beigegeben. Drei Tage schafften die beiden miteinander im Berg. Dann erschein am Freitagabend der Ferchner mit Adelwart in der Amtsstube und erklärte im Beisein des Hällingmeisters: „Er ist firm als Häuer und kann sein Gesellenstück machen.“ Der Bergschreiber wies den Meister an, den Buben mit Beginn der Frühschicht nach gewohntem Brauch und in Gegenwart zweier Zeugen in einem Sonderstollen einzumauern. Dort hätte der Gesell in einer Doppelschicht zu erweisen, ob er ohne Beistand so viel an Salzgut aus dem Berg zu brechen vermöchte, wie es dem Tagwerk eines firmen Häuers zustünde. Während das noch geredet wurde, traten sechs Häuer in die Schreiberstube; jede der Rottschaften hatte einen Sprecher gewählt, um beim Hällingeramt Beschwerde dagegen einzulegen, dass ein Fremder nach vierwöchentlichem Knappendienst zum Häuer ernannt würde. Das wäre gegen das verbriefte Heimrecht der Hällinger.

   Lächelnd hob der Bergschreiber die Gänsefeder wie eine weiße Friedensfahne vor sich hin und erklärte: Meister Köppel könne über das Häuerrecht seines verewigten Sohnes libera potestate testieren; ein wohlwollender Fürzug wäre in hac re unleugbar zu observieren; hiegegen könne aber die Häuerschaft einen Regress nur ad incertum casum et eventum erheben, dass dieser Fürzug einem Unwürdigen prästiert würde, will besagen: Für den Fall, ass der Geselle die Häuerprobe nicht bestünde. Diesem vielen Latein gegenüber wurden die Häuer ratlos. Einer platzte heraus: „Der Bub wird sich freilich nit hart tun mit der Prob. Weil ihm der Meister einen Stollen aussuchen wird, in dem er ein leichtes schaffen hat.“

   Jonathan Köppel schwieg. Doch Adelwart sagte: „So soll mir die Häuerschaft den Stollen zuteilen.“

   Die Sprecher guckten einander an, und ein Graubart nickte: „Das ist ehrlich geredt! Der Bub soll einen Stollen haben, nit gut, nit schlecht. Schafft er da seine richtige Prob, so bin ich der erste, der bei den Rottschaften zum Frieden redet.“

   „Vergelts Gott, Häuer!“ Adel trat vor das Pult des Schreibers. „Herr! Nehmet noch aufs Protokoll, dass ich mit Gottes Hilf und Beistand mich anheischig mach, in einer Doppelschicht so viel an Salzgut aus dem Berg zu brechen, als in der gleichen Zeit eine Rottschaft von zwölf guten Häuerleuten zustand bringt.“

   „Mensch! Jesus!“, stammelte der Hällingmeister, vor Schreck erbleichend. Der Bergschreiber guckte mit kreisrunden Augen drein, und die Häuer fingen zu lachen an. Einer rief: „Der Bub muss krank sein unterm Hirndach!“ Dann schrie ein zweiter: „Oder der Teufel müsst ihm helfen!“ Adelwart trat mit blitzenden Augen auf ihn zu. „Hast Du mich nit sagen hören: Mit Gottes Hilf und Beistand?“ Die Häuer fingen zu schreien an: Wenn der Bub sich so vermessen hätte, müsste alles Wort für Wort aufs Protokoll. Ratlos sah der Bergschreiber den Hällingmeister an, tauchte die Feder ins Tintenfass und begann zu schreiben. „Bub“, sagte der Ferchner, als er mit rotem Kopf aus der Stube ging, „heut hast Du’s verschüttet bei mir.“

   Draußen in der Abenddämmerung umstanden an die vierzig Knappen das Hällingeramt. Bei der Nachricht von dem närrischen Protokoll, das man in der Schreiberstube aufgesetzt hatte, begannen sie ein Höhnen und Spötteln, dass Meister Köppel vor Scham nimmer wusste, wohin er gucken sollte. „Komm nur, Vater!“, sagte Adel mit verträumtem Lächeln. „Morgen wird das Ding ein ander Gesicht haben.“

   „Um Herrgotts willen! Bist Du denn krank aufs Leben?“

   „Ich bin gesünder als je.“

   Meister Köppel sagte kein Wort mehr. Erst droben vor der Gartentüre stammelte er: „Was wird das morgen für ein Tag!“

   „Ein guter!“ Adel trat in die Stube, in er auf dem gedeckten Tisch ein Talglicht flackerte. „Glück auf, Mutter!“

   Der Klang dieses Grußes war fürs Kätterle wie ein frohes Wunder. „Bub? Ist was Gutes geschehen?“

   „Morgen mach ich mein Gesellenstück als Häuer.“

   Da wurde der Abend mit dem bescheidenen Mahl für das Weibl zu einem heiteren Fest. Dass ihr Bub ein Gesellenstück liefern würde, wie man seit der Häuerprobe des David im Salzwerk keines mehr gesehen hatte, diese Überzeugung stand fürs Kätterle so fest wie Stein und Eisen. Mit zappelnder Geschäftigkeit trug sie alles zusammen, was Adel an Zehrung und stärkendem Trunk für die Doppelschicht mitzunehmen hatte. Und als er zur Ruhe ging, hängte sie sich an seinen Hals: „Glück auf, Bub! Deinem Leben und Deinem Herzl!“

   „Vergelts Gott, Mutter!“

   Adel schob in seiner Kammer den Riegel vor. Verwundert dachte das Kätterle: Warum tut er sich denn einsperren? Sie hörte ein Geklapper, als hätte der Bub en Deckel seiner Truhe gehoben, und hörte ein Klingen wie von stählernem Werkzeug.

   Die finstere Neumondnacht lag um das kleine Haus. Als der Tag zu grauen anfing, war der ganze Himmel in dichte Schleier gehüllt. Um die vierte Morgenstunde trat Adel geräuschlos aus dem Haus. Auf seinem Rücken hing ein gewichtig angepackter Bergsack; dazu trug er auf der Schulter etwas Langes und Schweres, das in einen Lodenfleck gewickelt war. Vor dem Garten blieb Adel stehen und blickte wie einer, der Abschied nimmt, über die kleinen, schwarzen Fenster hin. „Vergelts Gott, Mutter! Vergelts Gott, Vater!“

   Durch das Geklüft der grauen Wolken schimmerte eine irrende Röte, als Adel zur Achenbrücke kam. Auf der Straße blieb er stehen und blickte zu dem Birnbaum hinüber, der seine fruchtschweren Zweige über Maddas Fenster spannte. Dann eilte er über einen Fußsteig zum Markt hinauf. Schon wollte er am Pfarrhof die Glocke ziehen, als Süßkind im schwarzen Mantel heraustrat. Der alte Pfarrherr erschrak ein bisschen. „Was willst Du?“

   „Hochwürdiger Herr!“, sagte Adel, die Kappe ziehend. „Heut hab ich im Berg ein Tagwerk, bei dem es hergehen kann ums Leben. Da möcht ich beichten und den Leib des gütigen Herrn speisen.“

   Süßkind atmete erleichtert auf. „Da gehen wir gleich hinüber in die Sakristei.“ Als sie zum Kirchplatz kamen, guckte der Pfarrer sonderbar drein, weil neben dem Klagekasten zwei Spießknechte standen.

   „Was macht ihr zwei denn da?“

   „Wir müssen wachen!“ Am Abend hätte der geistliche Kommissarius wiederum keinen Zettel gefunden, dafür aber die Wahrnehmung gemacht, dass der Kastenspalt mit klebrigem Zeug beschmiert wäre. Da müssten Leute, die vor einer Klage nicht sicher wären, mit Leimruten geangelt haben.

   Missbilligend schüttelte Süßkind den grauen Kopf. „So was sollten die Leut aber doch nit tun!“

   „Dass es nimmer geschieht, drum müssen wir wachen. Aber froh sind wir, dass es Tag wird. Ist ein unheimliches Geschäft, das!“

   „Hat denn wer einen Zettel geworfen?“

   „Gekommen wär schon einer. Ganz schwarz hat er ausgeschaut. Wie er gemerkt hat, dass wir da sind, ist er davon wie der Teufel. Gestank hat sich keiner schmecken lassen. Da mein’ ich, es wär ein Hällinger gewesen, der klagen hat wollen.“

   „So, so?“ Herr Süßkind schmunzelte. „Da wachet nur fleißig in jeder Nacht!“

   Adelwart, mit Sorge in den Augen, fragte: „Herr? Ist so ein armes Frauenleut verklagt?“ Der Pfarrer schüttelte den Kopf. Und dem Buben schien ein Stein von der Seele zu fallen. Sie traten in die Sakristei.

   Gegen sechs Uhr kamen truppweise die Hällinger, die zum Bergwerk wanderten. Weiber und Kinder waren mit ihnen, um sich den Häuergesellen anzugucken, der sich solch eines unsinnigen Fürhabens vermessen hatte. Und weil der Bergschreiber den seltsamen Vorfall im Dekanat rapportiert hatte, wurden zwei Herren zum Hällingeramt geschickt um den Adelwart Köppel zu fragen, ob er auf diesem aberwitzigen Protokoll bestehen bliebe. An die zweihundert Leute hatten sich vor dem Stollentor angesammelt. Meister Köppel stand auf der Straße, bleich, und guckte sich die Augen nach dem Buben aus. Endlich kam Adel mit seiner schweren Last durch die Wiesen her. „Bub! Wo bist Du denn gewesen?“

   „In der Kirch.“

   Diese Antwort schien den Meister ruhiger zu machen. Nun sah er den plumpen Bergsack. „Was hast Du denn da so Schweres?“

   Der Bub lächelte. „Den neuen Steinschlägel, der mir helfen soll.“

   „Wo hast Du den her?“

   „Den hab ich von Salzburg geholt.“

   Der Meister machte Augen, als wäre das alles ein verworrener Traum. „Wann bist Du in Salzburg gewesen?“

   „Am Sonntag.“

   „Alles Häuerwerkzeug kenn ich doch. Was soll das für ein Schlägel sein?“

   „Der ist neu im Berg. Den hat man bis heut nur allweil gebraucht, um aufs Leben loszuschlagen. Jetzt soll er einen Schlag tun, der zum Guten ist.“

   „Und was hast Du denn auf der Achsel?“

   „Meine neuen Spitzhauen.“

   „Das sieht doch aus wie eiserne Stangen?“

   „Ja, Vater! Die hat mir nach meiner Weisung der Schmied von Grödig gehämmert, derweil ich vor Deines Davids Birnbaum ein Vaterunser gebetet hab.“ Da sah der Bub den weißen Stiftsherrn und den anderen im schwarzen Gewand mit den roten Schuhen. „Vater? Wer sind die Herrenleut?“

   „Das ist Herr Adam von Reizenstein, der Kapitelherr, der über das Hällingeramt die Aufsicht führt.“

   „Und der ander?“

   „Das ist –“

   „Wer, Vater?“

   „Der Sekretarius Besenrieder.“

   Adels Augen erweiterten sich. Erschrocken fasste ihn Meister Köppel am Arm und flüsterte: „Besinn Dich! Stell Dein Fürhaben ein! Sag, Du wärst gestern fiebrig gewesen!“

   Schweigend befreite Adel seinen Arm. Vorüber an den Leuten, die sich lachend herbeidrängten, als käme ein Gaukler mit seinem tanzenden Bären, ging er auf den Sekretarius zu. „Ich bin der Adelwart.“ Seine Stimme hatte einen Klang wie Stahl. „Und stell mich zum Gesellenstück, wie’s geschrieben ist im Protokoll.“

   „Wir wollen in die Amtsstube gehen!“, sagte Doktor Besenrieder. Während sie ins Haus traten, flüsterte er dem Stiftsherrn in lateinischer Sprache zu: Was dem Gesellen aus den Augen spräche, wäre die offenkundige Geistesverwirrung. In der Schreiberstube machte er mit ernsten Worten den Versuch, Adelwart zum Rücktritt von diesem sinnlosen Unterfangen zu bewegen. Der Bub blieb fest. Auf die Frage nach der Art seines Fürhabens verweigerte er jede Antwort; was er fürhätte, wäre ein neues Ding im Bergbau; am Abend würde er Rede stehen. Doktor Besenrieder neigte zu der Ansicht, dass man die geheimnisvolle Probe als eine res incerta von Amts wegen verbieten müssen. Doch Herr von Reizenstein erklärte: Aus dem Gesellen spräche so viel Zuversicht, dass man die wunderliche Sache, die bei gutem Ausfall der Landschaft einen Vorteil verspräche, nicht unversucht lassen dürfe. Da läutete die Schichtglocke. Die Herren traten aus dem Haus, und Herr von Reizenstein wählte drei alte Häuer, die den Sonderschacht bestimmen, den Gesellen einmauern und darüber wachen sollten, dass der Prüfling keinen heimlichen Beistand bekäme.

   Adel hatte, unbekümmert um das Geschrei, das ihn umgab, seien Last auf einen Hund gehoben. Als er das brennende Grubenlicht an seinem Gürtel befestigte und den Hund zu stoßen begann, sah er auf einem Fleck, den die anderen mieden, den Jochel Zwanzigeißen stehen. Wie vergnügt er lächelte! Hinter ihm stand seine Tochter mit heißem Gesicht. Als sie sah, dass Adels Blick auf sie gerichtet war, hob sie die Fäuste mit den eingezogenen Daumen. Nur mit den Augen nickte Adel einen Gruß. Es war ihm in dieser Stunde ein wohltuendes Gefühl unter den hundert Spöttern eine Seele zu wissen, die ihm Gutes wünschte.

   Schon tauchte der Hund in die Dämmerung des Schachtes. Da trat der Hällingmeister neben den Buben. „Lass Dir helfen! Mir ist, als müsst ich ersticken. Aber Du hast den Glauben. So wünsch ich Dir halt aus ganzer Seel: Glück auf!“

   „Glück auf!“

   Schulter an Schulter stießen sie den rollenden Hund hinein in die Finsternis des Schachtes.

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