Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
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Kapitel 9

   Am folgenden Sonntag kam Adelwart, den man tags zuvor zum Hundstößer befördert hatte, so frühzeitig zur Kirche, dass er sich das Plätzl seiner Andacht nach Belieben wählen konnte. Er stellte sich an eine Säule, nicht weit von dem Betstuhl, in dem er am vergangenen Sonntag die Jungfer Barbière hatte knien sehen. Die Glocken läuteten, die Menschen kamen. Der Bestuhl des Wildmeisters blieb leer. Den Knappen befiel ein Zittern, dass er den Ledergurt umklammern musste, um seien Hände ruhig zu machen. Er überhörte das Geklingel des Ministranten und achte nicht auf das Getuschel, das in der ganzen Kirche entstand, als der Prediger auf die Kanzel stieg.

   Es war nicht der Leutpfarrer Süßkind, sondern der geistliche Kommissarius Doktor Pürckhmayer. Was er vor acht Tagen in der Stiftskirche den Chorherren und Beamten gepredigt hatte, das übersetzte er jetzt in derbe Noten, die für das Verständnis des ‚gemeinen Ohrs’ berechnet waren. Gleich ging er in medias res. Ob sich die Bürger und Landleute von Berchtesgaden noch nie gefragt hätten, wodurch dieser bösartige Krebsgang der Landschaft verschuldet würde? Der Misswachs der Felder? Aller Unfried und Hader im Land? Und die erschreckliche Mehrung aller heimlichen Ketzerei? Ob in dieser letzteren Frage nicht schon die Antwort läge? Aus der Wurzel des Unglaubens wäre ein Giftbaum aufgewachsen, in dessen Zweigen sich der Teufel ein bequemes Nest gebaut hätte. Von hier aus kommandierte er zu mitternächtiger Stunde die Rotte seiner Zauberschwestern, wie ein Hauptmann in Kriegszeiten seinen Soldaten das Morden befiehlt. Aber die Langmut des Himmels wäre erschöpft. Durch Gottes und eines gnädigen Fürsten Sendung wäre er, der geistliche Kommissar, ins Land gekommen als Retter in der Not.

   Zu ‚geziemender Vorbereitung’ begann der Hochwürdige ‚auf wissenschaftlichen Fundamenten’ das Laster des Hexenbrodels denen christlichen Gemütern vor die Augen zu stellen. Da wurde vor allem die Kapitalfrage aufgeworfen, warum die Hexerei häufiger beim weiblichen Geschlecht als beim männlichen gefunden würde. Die Antwort war nicht höflich gegen die Weibchen, deren Urmutter alles Unheil in die Welt brachte. Ein Weib wäre schwach an Verstand, darum leichtgläubig und mühelos zu betören; es wäre voll Eitelkeit und keinem Mittel abgeneigt, um seiner Hoffart zu frönen; und vor allem wären die Weiber neugierig, minder auf alles Gute denn auf jedes Laster. Was Wunder, dass der Teufel so leichtes Spiel mit ihnen hätte! Wie die Weiber das Wettermachen und Zaubern lernen, das Milchverschütten und Fruchtverderben, das Wurzelschneidern und Nestelknüpfen; wie sie für den Satan ihre neugeborenen Kinder zu einem gräulichen Süpplein kochen; wie sie auf ihren Besen, auf ihren Säuen und Kuchelbänken ausfahren zum Hexentanz – das alles malte der blumenreiche Kanzelredner mit einer Anschaulichkeit, dass den Frauen und Mädchen, die in der Kirche waren, nach dem bleichen Entsetzen die Glut der Scham in die Gesichter fuhr.

   Es gäbe wohl Menschen, die da leugnen, dass solche Dinge wahr wären – Menschen, welche nie an den Brüsten der Wissenschaft gesogen hätten und voll wären der gutherzigen Torheit. Die meisten aber leugnen die Hexerei, weil sie selber Dreck am Stecken haben und vor dem Richter zittern. Wenn einer spräche, es gäbe keine Hexen, das wäre von allen Indizien das schärfste. Auch sonst gäbe es noch viele Zeichen, aus denen man die fahrenden Hexen leicht zu erkennen vermöchte. Verdächtig sind die Schönen, denn ihrer begehrt der Teufel. Verdächtig sind die Hässlichen, weil sie nach Freuden dürsten. Verdächtig sind die Armen, die sich Reichtum wünschen, und verdächtig sind die Reichen, weil sie aus Gewohnheit zum Laster neigen. Verdächtig sind die Bresthaften und Hinfallenden, denn viele sind unter ihnen, die auf der Hexenfahrt einen Sturz getan. Und verdächtig sind die Gesunden, denn der Mensch ist zum Leiden geboren, und dauernde Gesundheit kann ur ein Ergebnis zauberischer Mittel sein. Doch ebenso zahlreich wie die Hexen selbst wären für einen guten Christen die schützenden medicamenta. Unter allen das sicherste wäre der Wille, keinen Verdacht vor der Obrigkeit zu verschweigen, sondern kräftige Beihilfe zu leisten, dass das Laster der Hexerei im Land ausgerottet würde. Da brauche sich keiner aus Angst vor den Hexen das Maul verbinden. Gott hätte das in seiner Weisheit so eingerichtet, dass kein Satan und keine Hexe dem Kläger schaden könnte. Nicht einmal nach dem Namen des Klägers dürfte ein Richter forschen! Drum würde mit dem heutigen Tag ein Klagekasten am Kirchtor aufgehangen. Wer einen begründeten Verdacht hätte, dürfe nur die Beschuldigung und den Namen der Verdächtigen auf ein Zettelein schreiben und das Zettelein, mit drei Zeichen des heiligen Kreuzes versehen, in den Klagekasten werfen. Dann würde die Obrigkeit schon ihres Amtes walten. So, mit Beihilfe aller guten Christen, würde es wohl gelingen, die Landschaft vor dem völligen Untergang zu bewahren. „Das wollen wir mit gläubigem Vertrauen hoffen, im Namen Gott des Vaters, Gott des Sohnes und Gott des heiligen Geistes, Amen!“

   Dumpfe Stille war in der Kirche. Man hörte nur die auf den Steinfliesen klingenden Schritte des hochwürdigen Doktor Pürckhmayer.

   Pfarrer Süßkind, der wie gelähmt in seinem Chorstuhl gesessen hatte, stürzte in die Sakristei. Als der Prediger eingetreten war, schlug Süßkind die schwere Türe zu und fassten den Doktor mit beiden Fäusten am Chorhemd. „Herr! Könnet Ihr das verantworten vor Gott?“

   „Vor Gott? Ja!“, sagte der Kommissar mit Ruhe. „Doch meinem Untergebenen steht es nicht zu, in solcher Art zu fragen. Und was ich als Priester –“

   „Du! Ein Priester?“, brach es in Zorn aus dem zitternden Greis heraus. „Wie ein anderer Udo von Magdeburg bist Du, von dem Fulogosus im zwölften Kapitel des neunten Buches geschrieben, dass ihm der Satan den Hals hat umdrehen müssen, um die Christenheit von einem solchen Bischof zu erlösen.“

   „Süßkind! Solch ungemessener Zorn macht Euch verdächtig.“ Ohne weiter auf den Pfarrer zu hören, ließ sich der Kommissar zum Hochamt kleiden und schritt, derweil die Orgel zu rauschen begann, mit dem Kelch zum Altar.

   Wortlos, zittern an allen Gliedern, ließ sich auch Herr Süßkind das Messgewand anlegen. Als er durch ein schmales Gässl zwischen den knienden Leuten einem Seitenaltar zuschritt, sah er viele erschrockene Weiberaugen mit der glichen angstvollen frage auf sich gerichtet. Und neben einer Säule sah er einen jungen Hällinger stehen, mit einem Gesicht so bleich wie der Tod. Adelwart hielt die Augen geschlossen, ohne sich zu regen. Plötzlich griff er mit beiden Händen vor sich hin und begann sich durch die Leute zu drängen. Er kam zum Tor. Draußen, inmitten des Trutzhäufleins, stand das Kätterle. „Jeuss! Bub?“ Adelwart hörte nicht. Meister Köppel sprang ihm nach. „So red doch, Adel!“

   „Nimmer bleiben hab ich können!“, stieß der Bub heraus. „Allweil hab ich as Salzburger Feuer gesehen und hab den Rauch geschmeckt und das verbronnene Fleisch.“

   „Komm, Bub!“, flüsterte Köppel. „Tu Dich zwingen. Heut wär das Fortlaufen eine schieche Sach.“

   Als sie wieder zu den Leuten traten, die das Kirchtor umstandne, sagte er zu einem Bauer, so laut, dass es auch andere hören konnten: „Der Bub hat schwere Schichten gefahren. Er ist ein Neuer im Berg und kann das Stollenwetter nit vertragen. Jetzt hat’s ihm gählings einen Treff gegeben.“

   Das Kätterle hielt den Arm um den Buben gelegt. Als man zur Wandlung läutete, fiel Adel auf die Knie und verschlang die Hände vor dem Kinn. In seinen Augen brannte das Gebet, das heiß in seiner Seele war. So blieb er auf den Knien liegen, bis das Hochamt zu Ende ging.

   Wie sich heut die Leut aus der Kirche drängten, das war anders als sonst. Ohne viel zu reden, gingen sie ihrer Wege. Die Frauen und Mädchen hatten was Hastiges. Zwei Menschen nur waren anders als die anderen – Meister Josua Weyerzisk und das Trudle. Die hielten sich gleich einem jungen Liebespaar bei den Händen gefasst und gingen wie glücklich Träumende durch alle Sorgenschwüle dieses Morgens.

   Auf dem Marktplatz blieben heut nur wenige stehen; die einen schweigend, die anderen mit scheuem Geflüster. In einer Gruppe, in welcher der Michel Pfnüer stand, wurde laut gesprochen und gelacht. Und von den jungen Hällingern einer reif einem schmucken Mädel zu: „Was ist denn, Margretle, hast auch den Besen schon einmal geschmirbt?“ Der Bub hatte kaum ausgesprochen, da bekam er eine fürchterliche Maulschelle. Und der Ferchner, der diese flinke Justiz geübt hatte, rief mit schrillender Stimme in den Lärm: „Wenn einer klagt und einen Zettel wirft, der ist ein Lump!“

   Während dieser Auftritt spielte, war Meister Köppel mit seinem Kätterle und dem Buben schon weit auf der Straße drunten. Adelwart wurde immer langsamer, je näher sie dem Wildmeisterhaus kamen. Hinter der grünen Hecke war alles still. Nur die Hunde lärmten in ihrem Zwinger.

   „Vater! In des Wildmeisters Haus muss eines krank sein. Heut ist der Meister nit in der Kirch gewesen. Und von den Kindern keines. Und niemand.“

   Als Köppel dem Buben ins Gesicht sah, musste er aus Erbarmen sagen: „Geh derweil voraus mit der Mutter! Ich mach mir einen Dienstweg zum Wildmeister und frag, was los ist.“

   Kaum hundert Schritte ging Adel mit dem Kätterle. Beim Waldsaum hielt er das Weibl fest und wartete. Es dauerte nicht lang, da kam der Alte: Im Jägerhaus wäre nur der alte Schinagl und ein Weibsbild daheim, der Wildmeister hätte mit seiner Schwägerin und den Kindern eine Lustfahrt nach Reichenhall gemacht.

   Adelwart atmete auf. Aber das Kätterle merkte, dass Jonathan was verschwieg. Als sie daheim waren und der Bub in seine Kammer ging, fragte das Weibl: „Mann, was ist denn?“

   „Der Bub mit seiner verschenkten Seel erbarmt mich. Vor acht Täg hat des Wildmeisters Schwägerin mit dem Besenrieder Verspruch gehalten. Heut sind sie miteinander auf Reichenhall, wo sie einkaufen für das Brautzeug.“

   Keins von den beiden Alten hatte den Mut, dem Buben das zu sagen. Sie gingen ihm den ganzen Tag nicht von der Seite, taten ihm alles zuliebe. Als die Sonne am Nachmittag schon Gold bekam, riss Adel heimlich aus und rannte durch den Wald hinunter. Bei der Achenbrücke blieb er stehen und griff sich an den brennenden Kopf. Dann fuhr ihm ein wilder Schreck ins Blut, weil er auf der Straße den Jochel Zwanzigeißen mit seiner Tochter kommen sah. Er wich von der Brücke zurück und sprang hinter das dichte Weidengebüsch.

   Wie ein wohlhabender Bürger war der Freimann gekleidet. Auch seine Tochter ging in schmucker Tracht. Ihr Gesicht war von Erregung verzerrt. Während sie neben dem Vater über die Brücke schritt, bohrte sie den funkelnden Blick in das Weidengebüsch. Jochel Zwanzigeißen ließ ein fettes Lachen hören. „Heut machen die Angsthasen flinke Füß. Da ist doch einer auf der Bruck gestanden? Wo ist er denn hingekommen?“

   „Mir scheint, der Vater hat über den Durst getrunken?“, sagte das Mädel hart. „Auf der Bruck ist keine Menschenseel gewesen. Augen hab ich auch.“

   Dem Freimann fiel was Starres in den Speck seiner Züge. „So? Augen hast Du auch?“

   „Die hab ich! Ja! Und ich hab auch gut gesehen, warum die alte Käserin im Schustergäßl droben den Fall getan hat. Neue Schuh hat sie angehabt und ist mit dem glatten Leder auf einen hailen Wasen getreten. Den Vater hat die Käserin gar nit gesehen.“

   „So?“ Jochel Zwanzigeißen schmunzelte. „Ich hab gesehen, dass die verdächtige Vettel aus Angst vor mir in die Knie gebrochen ist.“

   Während der Freimann das sagte, riss die Tochter mit einer blitzschnellen Bewegung ein fadendünnes Goldkettl von ihrem Hals und verbarg es in der Rocktasche. Dann lachte sie gereizt. „Seit der Vater mit dem Kommissar geredet hat, fahren die Hexen schockweis umeinander. Guck, da fliegt schon wieder eine!“ Mit einem Kichern, das von unheimlicher Bosheit war, deutete das Mädle einer Schwalbe nach, die sich schönen Fluges durch die Feuerglut des Abends schwang. „So hupf doch, Vater! Fang die Hex! Da kannst Du fünf Gulden Sportel verdienen.“

   „Du!“ Der Jochel Zwanzigeißen drehte das Gesicht; ein Zittern kam in seine Hängebacken. „Zum letzten Mal sag ich Dir’s! Tu Dich nit spielen mit mir!“

   Das Mädel lachte, sah zu der Schwalbe hinauf, griff an ihren Hals und sagte wie erschrocken: „Herr und Tod, jetzt hab ich mein goldenes Kettl verloren!“

   Erst war in den Augen des Jochel Zwanzigeißen nur der Schreck des Geizigen. „Allmächtiger! Das Kettl ist venedisch gewesen, zwölf Gulden hab ich dem Juden zahlen müssen.“ Nun wurde sein Misstrauen wach. Das Blut stieg ihm zu Kopf. „Verloren? So? Verloren hast Du’s?“ Er fasste das Mädel am Arm. Das war wie der Griff einer eisernen Zange. „Gesteh’s! Du hast mein Kettl verschenkt. An einen Buben. Dass er die Augen zumacht und über die Unehr zu Dir hinüber springt.“

   Ruhig befreite sie ihren Arm. „Dem Vater ist wohl der Verstand verhext? Bist Du nit dabeigestanden, wie ich vor dem Spiegel das Kettl umgetan hab. Und droben im Leuthaus hab ich’s noch allweil gehabt.“

   „So geh und such! Kommst Du mir ohne das Kettl heim, so schlag ich Dich grün und blau.“

   Lächelnd ging die Freimannstochter den Weg zurück. Eine Strecke folgte sie wie suchend der Straße. Als sie für den Blick des Vaters gedeckt war, sprang sie in den Wald und rannte über den Berghang hinauf. Inmitten einer Blöße stand eine große Buche, die bis zum Wurzelstock herunter mit starken Ästen bewachsen war. Diesen Baum schien die Freimannstochter zu kennen. Sie sprang auf ihn zu und kletterte über die Äste hinauf bis in die Krone. Da konnte sie gerade noch sehen, wie drunten im Tal der junge Hällinger über die Achenbrücke ging und in den Garten trat, der das Haus des Josua Weyerzisk umschloss.

   Ein Abend war’s, als hätten alle Feuerstimmen der Natur sich vereinigt zu einem glühenden Loblied auf den Schöpfer. Alles brannte und leuchtete. Der Himmel war wie ein gleißender Schild. Die Berge, die nach der Sonne blickten, waren von rotem Glanz umflossen. Auch die Schatten, die der Wazmann und seine steinernen Kinder warfen, waren noch getränkt mit flimmerndem Purpur. In der Stille des Abends klang das Rauschen der Ache. Von überall hörte man den Schlag der Drosseln, und die huschenden Schwalben ließen immer wieder seltsam feine, hoch zirpende Schreie hören, als wäre ihr Gezwitscher nicht mehr ausreichend für alle Freude dieser brennenden Stunde.

   In dem kleinen Garten, in dem die Rosenknospen sich zu öffnen begannen, saßen Josua und das Trudle auf einer Bank. Der junge Meister wandte das Gesicht, weil er Schritte vernahm. Unmutig stand er auf und sah den jungen Hällinger an. „Wer bist Du?“

   Adelwart zog die Kappe. „Ich hab Dir einmal versprochen, dass ich kommen und hürnen will, weil’s Deinem Trudle so gut gefallen hat.“

   „Jesus!“, stammelte der Meister, „bist Du der Jäger? Freilich, ja, ich hab Dich schon gesehen als Hällinger. Mit dem alten Köppel, gelt? So schau nur, Trudle! Der gute Bub! Jetzt ist er kommen. Ich lauf zum Wildmeister und lass mir ein Waldhorn geben.“ Lustig nickte er dem Trudle zu und rannte davon.

   Schweigend stand Adel vor der jungen Frau, die ein bisschen verlegen war. Nach einer stillen Weile rückte sie ans Ende der Bank. „Komm!“, sagte sie mit ihrer leisen Stimme. „Da ist Platz genug. Tu Dich setzen!“

   Adelwart ließ sich nieder. „So viel schön ist der Abend heut. Und gelt, mit Deinem Gesund geht’s wieder in die Höh?“

   Der jungen Meisterin glänzten die Augen. „Ein Frühsommer, wie er heuer ist – da muss allweil wieder Leben kommen.“ Nun stand sie auf. „Ich darf Dir schon einen Trunk holen? Wir haben einen Roten, von Tirol her. Der ist gut.“

   „Das muss nit sein, Meisterin!“

   „Wart nur ein bissl!“ Die Weyerziskin huschte ins Haus. Dann kam sie sacht gegangen, umflossen von der goldroten Sonne, in der Hand den blinkenden Zinnbecher, in dem der rote Wein gestrichen bis zum Rand ging. Ein paar Tröpfchen verschüttete sie. Die rannen ihr wie Blutperlen über die weißen Finger. „Nimm, Bub! Und trink! Gott soll’s gesegnen!“

   Adel stand auf. „Magst Du mir Bescheid tun, Meisterin?“

   Das Hälschen vorstreckend, berührte sie mit ihren Lippen den Rand des Bechers.

   „Eurem Glück, Meisterin! Gott soll’s hüten!“ Adelwart nahm den Becher und leerte ihn.

   Da kam der Josua mit dem schimmernden Waldhorn gelaufen. „Gleich das allerschönste hab ich in des Wildmeisters Stub heruntergerissen vom Zapfenbrett.“

   Adelwart stellte den Becher auf die Bank und griff mit zitternden Händen nach dem Horn. „Das schönste, aber nit das Beste“, sagte er, „das ander, mit dem ich selbigs Mal gehürnet hab, das wär mir lieber gewesen.“

   Die Weyerziskin hob den Zinnbecher auf ein Fenstergesims. Dann saßen die drei auf der Bank. Josua legte den Arm um das junge Weib: „Jetzt lus aber auf! Der kann’s!“

   Erregt, dass ihm die Wangen brannten, setzte Adel das Horn an die Lippen und schloss mit der Faust den Schallbecher. Eine sanfte, lang gehaltene Note zitterte. Aus ihr löste sich die Weise eines alten Liedes:

„Es geht ein dunkle Wolken ’rein,
Mich däucht, es werd ein Regen sein,
Ein Regen aus den Wolken,
Wohl in das grüne Gras!

Und kommst Du, liebe Sonn, nit bald,
So weset alls im grünen Wald,
Und all die lieben Blumen,
Die haben müden Tod!“

   Der letzte Ton verklang. Josua, der das Liedchen kannte, sagte mit Lächeln: „Das sollt aber einer doch nit tun, dass er in Bangen hürnet um die Sonn, derweil sie um uns her ist wie der Himmelsglanz.“ Das sagte er, und der Schatten des Abends war ihm schon herauf geschlichen bis an die Brust.

   Adelwart blieb stumm und strich mit der Hand über das Mundstück des Hornes.

   Lachend hatte Josua das Trudle an sich gedrückt. Als er sich vorbeugte, um ihr in die Augen zu schauen, sah er die glitzernden Tränen auf ihren Wangen: „Schau nur, jetzt heinet das Weibl!“

   Zärtlich schmiegte sich das Trudle an ihren Mann und lispelte: „Heinen um ein schönes Ding, ist süßer als wie ein Lachen.“

   Da blieb es still in dem kleinen Garten. Weit draußen im Westen tauchte die Sonne schon hinunter hinter den ‚Toten Mann’. Die waldige Kuppe des Berges war umwoben wie von blitzendem Feuergespinst.

   Adelwart hatte das Horn gehoben. Er blies einen schmetternden Weidmannsruf, der überleitete zu einem flinken, fröhlichen Jagdlied.

   Droben an der Straße, wo die kleinen Häuser standen, traten die Leute vor die Haustüren und lauschten. Auf einer alten Bastei des Stiftes stand ein Chorherr in seinem weißen Habit und sah wie ein funkelndes Goldfigürchen aus, weil da droben noch Sonne war. Draußen vor den Holunderhecken des Gartens blieben die Leute stehen und setzten sich auf das Geländer der Achenbrücke. Und über dem Wasser drüben, hinter den Weiden, stand ein Mädel, allein.

   Adel wurde nicht müde. Seine grünen Lieder schmetterten, bis die stahlblaue Dämmerung ins Tal geflossen kam, und bis sich der Stiftsberg und seine Dächer und Türme als schwarze Silhouetten in den brennenden Himmel hoben.

   Bei diesem Hall und Klingen kam ein Gefährt über die Straße her, ein mit Schimmeln bespannter Leiterwagen, über den drei Bretter gelegt waren. Auf dem ersten Brett saß der Kutscher, auf dem zweiten die Jungfer Barbière mit den beiden Kindern, auf dem dritten Peter Sterzinger und der Sekretarius. Der Wildmeister, dem die Augen in einer Anwandlung von Bosheit funkelten, machte ein ums andere Mal den Specht. Trotz dieses untrüglichen Zeichens guter Laune fing er grimmig zu schelten an. Das müsste doch eins von seinen Hörnern sein? Und ein Horn nur so vom Zapfenbrett zu nehmen und dem Teufel ein lustiges Ohr wegzublasen? Das wäre doch eine Frechheit! Als man unterscheiden konnte, dass dieses Geschmetter aus dem Garten des Weyerzisk herausklang, sagte Madda mit einer müden Stimme: „So gut versteht sich keiner von unseren Jägern aufs Hürnen. Das muss ein fahrender Musikus sein. Den wird der Joser ins Haus gebeten haben. Weil dem Trudle alles lieb ist, was schönen Klang hat.“ Ehe der Wagen noch stand, war Peter Sterzinger schon herunter gesprungen, lief ins Haus und war im Nu wieder da. „Gotts Tod und Teufel! An meinem Zapfenbrett fehlt richtig ein Horn!“ Ohne viel Umstände schob er den Sekretarius beiseite. „Da lauf mir aber flink hinüber, Schwägerin1“ Merkwürdig, dass er in seinem Grimm noch lachen konnte! „Ich möcht doch wissen, wer da auf meinem Waldhorn hürnet.“

   Den Gruß für den Bräutigam vergessend, schürzte Madda das blaue Kleid und sprang durch die Wiese hinüber zum Haus des Josua Weyerzisk. Als sie den Garten betrat, klang in der Abendfülle das Lied vom beharrlichen Jäger, der sein Glück mit den Windhunden erjagt, die Treu und Liebe heißen:

„Ein Jäger jagt geschwinde
Und findet vor dem Holz
Mit seinem schnellen Winde
Ein Wild gar hübsch und stolz.
Auf einer grünen Heiden
Er da sein Wild ersach,
Mit seinen Winden beiden
hetzt er dem Wilde nach –
‚Vom Gspür will ich nit scheiden!’
Derselbig Jäger sprach.“

   Ehe die Strophe zu Ende war, verstummte der schmetternde Klang. Und Adelwart sprang auf.

   „Maddle!“, rief die Weyerziskin. „Gott grüß Dich, Maddle! Wie fein, dass Du kommst! Deiner Lebtag hast Du so was Liebes noch nie gehört.“ Madda, zu Tode erschrocken, wehrte die junge Frau von sich ab und jagte davon, als wäre was Gefährliches hinter ihr. „Jesus“, lispelte die Weyerziskin, „was ist denn da?“

   „Ich weiß nit“, sagte Josua, „oder es müsst nur sein, dass die Jungfer nit heimgarten will mit einem jungen Buben, weil sie Braut ist mit dem Sekretari.“

   Klirrend fiel das Waldhorn auf die Steine nieder.

   Josua und die Weyerziskin sahen erschrocken den Buben an, der in der Dämmerung an die Hausmauer gelehnt stand, das Gesicht so weiß wie Kalk. „Allmächtiger!“, stammelte der Meister. „Was ist denn mit Dir?“ Adel gab keine Antwort. Er hob das Waldhorn vom Boden auf, schob es auf die Bank und verließ den Garten.

   Joser und das Trudle standen ratlos. Jetzt sahen sie einander an. Und plötzlich umschlangen sie sich, wie unter dem gleichen Gedanken, unter dem Sorgenschreck vor dem tiefen Leid, das stumm zu ihnen geredet hatte aus einem blassen Menschengesicht. Zitternd umklammerte die Weyerziskin den Hals ihres Mannes. „Ich bin froh, Joser! In mir ist Glück! Ich muss Dir was sagen, Joser, dass muss ich Dir sagen heut –“

   „Was, Du Liebe?“

   Sie grub das Gesicht in seine Brust. „Ich glaub, dass ich Mutter bin!“

   „Jesus!“ Zwischen Lachen und Schluchzen hob Joser den zarten Körper des Trudle auf seine Arme, als sollte der Fuß seiner jungen Frau keinen Stein und Grashalm mehr berühren.

   Im Dämmerglanz des Himmels funkelte schon ein erster Stern.

   Unter dem niederen Dach das neu erblühende Glück. Und droben, im Nachtschatten des Bergwaldes, rang ein zuckendes Herz mit aller Marter des Lebens. In der Finsternis, die unter den Buchenkronen war, lag Adelwart auf den Waldboden hingestreckt, das Gesicht in die Arme vergraben. Und wenige Schritte von ihm entfernt, im tiefsten Schatten, saß dunkel eine Weibsgestalt, so regungslos an einen Baum gedrückt, als wäre sei ein Teil des Stammes.

   Auf den Türmen des Marktes schlugen immer wieder die Glocken. Falbe Helle floss über den nächtlichen Himmel, und ein weißes Glänzen wob sich um die Wipfel der Bäume. Im Wald ein sachtes Geraschel, dann der Sprung eines fliehenden Wildes, das die Menschennähe gewittert hatte. Wie ein aus Bewusstlosigkeit Erwachender richtete Adelwart sich auf, lauscht ein den Wald und vergrub das Gesicht wieder in die Hände. Was in ihm tobte und schrie, das wollte nicht schweigen. Wirre, zügellose Gedanken schossen ihm durch das gemarterte Hirn. Dann ein irrsinniges Träumen von großen, unerhörten Taten, die er vollführen würde, um stolz zu sagen: „Das hab ich getan, jetzt belohnt mich, gebt mir die Eine, ohne die ich nicht leben kann!“ Irgendein Wunderbares musste geschehen! Es musste! Ob das nicht möglich wäre: In heiliger Stunde den von Zauber umschleierten Schacht zu finden, der in die Tiefen des Unterberges führte, zum Marmeltisch des schlafenden Kaisers und zu den tausendjährigen Schatzkammern, darin die Goldbarren in endlosen Reihen stehen und die Edelsteine mit Scheffeln gemessen werden? Oder ein anderes Wunder? Schreiend wirbelte diese Frage in ihm, bis ein vernünftiger Gedanke die sinnlosen Sehnsuchtsbilder seiner brennenden Seele verwehte. Wenn er in des Wildmeisters Haus käme, um zu werben? Welche Antwort musste er hören von einem redlichen Mädchenherzen, das in Liebe einem anderen gehörte? Das war sein Elend! Das! Nur das!

   Stöhnend warf er sich wieder auf den Waldboden hin, auf dem die Mondlichter um die Halme spielten. Da war ihm, als hätte er in seiner Nähe einen Seufzer gehört. Seine scharfen, an das Dunkel gewöhnten Augen fanden die regungslose Gestalt, die im schwarzen Schatten der Buche saß. Zuerst befiel ihn eine abergläubische Regung. Die Bilder der Predigt, die er am Morgen gehört hatte, zuckten ihm durch den Kopf. Das schüttelte er von sich ab, sprang vom Boden auf und ging mit raschem Schritt durch einen weißen Streifen des Mondlichtes zur Buche hinüber.

   „Bub?“, klang es leise. „Magst Du mir nit sagen, warum Dir so weh ist in der Seel?“

   An der Stimme erkannte er die Freimannstochter. Der Zorn glühte in ihm auf, um sich jäh in ein anderes, fast herzliches Gefühl zu verwandeln. War dieses verlorene Geschöpf nicht eine Schwester seines Leides? Was diese Ruhelose bei Tag und Nacht auf seine Fährte hetzte, war das nicht das gleiche Elend, das in seiner eigenen Seele glühte? Was hatte sie ihm angetan? Nichts! Als dass sie ihn lieb hatte und in Sehnsucht nach ihm brannte. Ruhig fragte er: „Bist Du schon dagewesen, wie ich gekommen bin?“

   Sie schüttelte den Kopf.

   „So hast Du mir wieder aufgelauert und bist mir nachgeschlichen? Das solltest Du nimmer tun!“ Seine Stimme hatte warmen Klang. Er bot der Freimannstochter die Hand hin, die sie mit gierigem Griff erfasste. Kein Schauer, kein Ekel fiel ihn bei dieser Berührung an. „Sei gescheit, Mädel! Ich bin Dir nit Feind. Aber gut, so wie Du’s meinst, das kann ich dir auch nit sein.“

   Unter der Buche ein Laut, fast wie ein Lachen. „Das brauchst u mir nimmer sagen! Ich bin nit blind. Meinst Du, ich hätt’s nit gemerkt, warum Du heut Abend so dürstig gehürnet hast?“

   „So red nit drüber!“, sagte er mit erwürgter Stimme. „Tu meinem Herzen keinen Schimpf! Ich bin doch eh schon elend genug.“

   „Du? Und elend? Du Narr! Dich muss doch eine lieb haben!“

   Er befreite seien Hand und ging durch den leise rauschenden, von Mondlichtern überwobenen Wald davon.

   Das Mädel blieb in der Finsternis unter der Buche sitzen, zusammengeduckt, die Arme um die Knie geschlungen. Plötzlich sprang sie auf, rannte durch den Wald hinunter und auf der mondhellen Straße über die Achenbrücke. Von den Holunderstauden, die aus dem Garten des Weyerzisk heraushingen, brach sie einen dünnen Zweig und schlich zum Heckentor des Wildmeisters. Die Fäuste vor sich hingestreckt, stand sie im Mondschein, hielt die Holundergerte zum Kreis gebogen und murmelte mit bebender Stimme:

„Rütl, ich bieg dich,
Herzfieber, lass mich,
Hollerast, heb dich auf,
Herzelend, heb dich auf,
Ich hab dich einen Tag,
Hab du die heiße Plag
Ein Jahr lang und tausend Nächt,
Gott Vater, Gott Sohn und Geist,
Die machen es recht.“

   Die Hunde im Zwinger schlugen an und lärmten immer wütender; auch in nahen und fernen Gehöften wurden die Kettenhunde laut. Das war in der mondhellen Nacht ein Gekläff, als zöge das wilde Gejaid durch die Täler von Berchtesgaden.

   Neben der Flurtür des Wildmeisterhauses, im Schatten des vorspringenden Daches, saß Madda auf der Steinbank, die Hände im Schoß, den Kopf mit den gelösten Haaren an die Mauer gelehnt. Sie hatte keinen Schlaf gefunden und war aus der schwülen Dachstube heruntergeflüchtet in die kühle, schöne Nacht.

   Im Zwinger schwiegen die Hunde, allmählich verstummte auch das Gebell in der Ferne, und es wurde wieder so still, dass Madda den surrenden Flug eines Lindenschwärmers hören konnte, der um das Beet der roten Aurikeln schwirrte. Madda erhob sich, um ins Haus zu treten. Da hörte sie leises Geräusch. Aus dem finsteren Flur kam die stumme Magd herausgegangen, barfüßig, im Hemd, und schlich mit vorgestreckten Händen langsam über den mondhellen Sandweg gegen die Blumenbeete. „Um Gottes willen!“, stammelte die Jungfer. „Marei!“ Die Magd taumelte, als hätte sie einen Schlag bekommen. Madda hatte sie schon umfasst. „Was tust Du denn da? So guck, jetzt bist Du im Schlaff herausgetorkelt aus Deiner Kammer.“ Heftig zitternd, erst halb bei Besinnung, sah die Magd zu der Jungfer auf, mit Augen, die im Reflex des Mondlichtes wie Glas erschienen. „Marei! So komm doch ein bissl zu Dir! Und schau nur, wie Du bist, Du musst Dich ja verkühlen in der Nacht.“ Madda flüsterte das, weil sie Sorge hatte, dass der Schwager erwachen könnte. Jedes Geräusch vermeidend, führte sie das stumme Geschöpf ins Haus. Die Flurtür wurde geschlossen und der Riegel klirrte.

   Träumend lag die stille Nacht im Tal und über den Wäldern. Langsam wanderte die abnehmende Scheibe des Mondes mit reinem Glanz über den klaren Himmel, wie ein schöner Gedanke durch eine ruhige Seele geht. Der Morgen begann zu dämmern, und rote Glutlinien säumten die blauschwarzen Zinnen der Berge.

   Im Grau der ersten Frühe trat die Weyerziskin in den Garten mit einem Korb und einer kleinen Schaufel. Das graue Kleid unterschied sich kaum merklich von dem Grau der Tau beschlagenen Büsche. Nur das weiße Häubchen hob sich deutlich aus dem stumpfen Zwielicht. Am Ufer des Baches begann sie eine kleine Rosenstaude, an deren Zweigen viele Knospen waren, mit großem Erdballen aus dem Boden zu graben. So zärtlich tat sie das, dass ihr vor Achtsamkeit immer die Finger zitterten. Die Staude mit dem Erdklumpen hob sie vorsichtig in den Korb, legte ein blechernes Kännchen dazu, nahm den Korb auf die Schulter, die Schaufel in die Hand und huschte davon, über einen steilen Wiesenweg hinauf zum Makrt. Die Last des großen Erdballens wurde für die schwachen Kräfte der Weyerziskin zu schwer; sie atmete mühsam. Als sie den Markt erreicht hatte und sich bei einem Brunnen bückte, um Wasser in die blecherne Kanne zu schöpfen, vermochte sie sich kaum mehr aufzurichten und schleppte sich weiter, gebeugt wie ein altes Weiblein.

   Alle Häuser waren noch still, die Türen geschlossen, die Straßen leer. Nur der Mesner war schon auf den Beinen und trat in die Kirche, als die Weyerziskin den Friedhof erreichte. Ein kleines Grab, grün überwachsen, mit einem eisernen Kreuzl drauf. Hier ließ sich die Weyerziskin nieder und stellte den Korb zu Boden. So blieb sie eine Weile, um sich von ihrer Erschöpfung zu erholen. Dabei betete sie mit verschlungenen Händen. Je länger sie den kleinen grünen Hügel betrachtete, desto mehr entstellten sich ihre Züge wieder zu dem Ausdruck jener Schwermut, von der dieses junge Leben schon gerettet schien. Die Turmglocke begann den Morgengruß zu läuten. Wie ein schönes Lied des Friedens schwamm der sanfte Glockenhall hinaus in die Stille des erwachenden Tages, der rosig schon die Spitzen der Berge färbte. In der Seele des jungen Weibes schien sich ein Wunder zu vollziehen. Es war, als hätte eine tröstende Himmelsstimme zu ihrem Schmerz gesprochen. Wie ein Leuchten der Freude war’s in ihren nassen Augen, und eifrig pflanzte sie die knospende Rosenstaude auf das kleine Grab. Die Glocke schwieg. Immer schaffte das Trudle mit flinken Händen. Jedes Krümlein Erde, das sie aus dem Grab gehoben, sammelte sie um die Wurzeln der Rosenstaude und deckte die Bodennarbe so achtsam mit dem ausgestochenen Rasen zu, dass es aussah, als wäre die Staude nicht frisch gepflanzt, sondern mit dem Frühling auf dem Grab gewachsen.

   Einen Schlüsselbund in der Hand, kam der alte Mesner aus der Sakristei und erschrak vor der grauen Gestalt, die über das Grab gebeugt war. Als er die Wirklichkeit erkannte, ging er lachend auf die stille Gärtnerin zu. „Liebe Weyerziskin, was tust Du denn da?“

   Sie hob die feuchten, glänzenden Augen. „Meinem Kindl hab ich ein Rosenstäudl gebracht.“

   „Das hast Du so früh gemacht, dass die Sonn dem Stäudl nit schadet, gelt?“

   „Ja, Mesner! In der Sonn hätt’s dürsten müssen!“ Der Weyerziskin glitt das blonde Haargeringel unter er Haube hervor, als sie sich niederbeugte, um aus der blechernen Kanne das Wasser mit dünnem Strahl über den Wurzelballen der Staude auszugießen.

   Der Mesner blieb noch eine Weile stehen. „Ein schönes Stäudl! Das wird Rosen tragen!“, sagte er. „Guten Morgen, liebe Meisterin!“ dann ging er davon.

   Die Weyerziskin betete. Als sie auf dem Heimweg am Pfarrhof vorüber kam, trat der alte Süßkind, in einen schwarzen, faltenreichen Mantel gewickelt, auf die Straße, guckte nach allen Seiten und steuerte mit hurtigen Zappelschritten der Kirche zu.

   Am Portal des Gotteshauses war ein kleiner schwarzer Kasten mit zwei eisernen Bändern festgemacht. Der Deckel, der einen fingerbreiten Schlitz hatte, trug ein plumpes Vorhängeschloss.

   Herr Süßkind, vor dem Kirchtor stehend, spreizte mit den Ellbogen den Mantel auseinander, und während seine linke Hand mit dem Schlüssel am Schloss des Tores klapperte, tauchte seine Rechte vorsichtig eine dünne, mit Vogelleim bestrichene Gerte in den Schlitz des Klagekastens. Die Gerte fischte keinen Zettel, der Kasten war leer. Aufatmend drehte der alte Pfarrer im Schloss des Tores den Schlüssel um und trat in die kühle Dämmerung der stillen Kirche.

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