Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
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Kapitel 8

   Wie der erste Tag gewesen, so ging dem neuen Schlepper die ganze Woche hin: Finsternis und grüßendes Licht, Arbeit und müder Schlaf. Nach der tiefsten Erschöpfung, am vierten Tag, wuchs ihm wieder die Kraft, und er fühlte, dass ihm die Arbeit leichter wurde mit jeder Schicht. Er hatte das ‚Bergesicht’ bekommen: Ernste, tief liegende Augen unter einer bleichen Stirn.

   Bei der Rottschaft hatte er einen harten Stand. Immer sah er sich bedrängt von einer versteckten Quälerei. Eines Morgens, nach der Einfahrt, trat er vor die Häuer hin. „Was habt ihr allweil gegen mich? Lasst mir meine Ruh! Ich will schaffen. Sonst nichts.“

   „Der Bub hat recht!“, sagte der Ferchner. „Und wer kein Lump und Neidhammel ist, der lasst den Schlepper in Fried.“

   Von Stund an fiel kein Brocken mehr von der Decke, das Gestäng der Schleppe brach nimmer entzwei, Adel trat in kein Loch mehr, wo bei der letzten Schicht noch fester Boden gewesen, und dieses Kauderzeug und Gespöttel nahm ein Ende.

   Auch außerhalb des Stollens erlöste er sich von einer Pein. Bei jedem Schichtwechsel stand die Freimannstochter nicht weit vom Hällingeramt, immer bei dem gleichen Baum. Eines Abends ging er auf sie zu. „Mädel? Was soll das? Wenn Du’s nit aufgibst, muss ich mir Ruh durchs Amt schaffen.“ Sie blickte mit verstörten Augen zu ihm auf. Da sah er, dass sie blaue Male am Hals und an der Schläfe hatte. Ein Gefühl des Erbarmes überkam ihn. „Hat Dich einer geschlagen?“ Aus dem Klang seiner Stimme hörte sie, dass sein Zorn in Güte verwandelt war. Während sie lächelte, schoss ihr das Wasser in die Augen. „Du sollst mir sagen, ob Dich einer geschlagen hat?“ Sie nickte. „Von den Knappen einer?“

   „Da tät sich’s keiner nit trauen. So viel traut sich bloß mein Vater.“

   In diesen Worten lag ein Ton, dass Adelwart erschrocken zurücktrat. „Dein Vater? Warum schlägt er Dich?“

   „Weil ich nimmer bin, wie er mich haben möcht!“ Ganz leise sagte sie das und ging davon. Seit diesem Tag kam sie nimmer zum Hällingeramt.

   Adelwart hatte Ruhe. In der Schule der schweren Arbeit wölbte sich seine Brust, die Schultern wurden breiter, seien Gestalt schien sich mit jedem Tag noch zu strecken. Doch immer tiefer sanken ihm die in Sehnsucht träumenden Augen unter die Stirn. Und einen Glanz bekamen sie wie die Augen eines Fieberkranken.

   Das Kätterle verzappelte sich schier von Sorge und brachte den Jonathan durch halbe Nächte um seinen Schlaf. Er sagte: „Allweil fürcht ich, er hat das Stollenfieber.“ Sein Weib schüttelte den grauen Kopf. Ob der Bub nicht gebunden wäre? Ob ihm nicht eine die Zehrung ins Herz gewunschen hätte? Jetzt wurde Jonathan bös. Wie nur eins an solche Dummheiten glauben könnte! Gebunden wäre der Adel freilich, aber nicht durch unsauberen Zauber, sondern durch tiefe, reine Herzenskraft. Und die Jungfer, an die er sein Herz und Leben gehangen hätte, wäre aller Lieb in Ehren wert. Des Wildmeisters Madda!

   „Herr Jesus, Mann! Nach der Jungfer tut sich ja doch der Sekretarius um. Das muss man dem Buben sagen. Dass er sich fürsieht!“

   „Kätterle, tu das nit! Bei so was ist jedes Wörtl wie ein Feuerbrand im Stadel.“

   Durch mehrere Tage saß das Weibl vom Morgen bis zum Abend hinter dem Nähstock, hakte immer wieder ein Stückl Gewand an die Zeugangel, ließ Nähte aus und setzte Tuchstreifen an. Als der Bub nach er letzten Wochenschicht heimkehrte und bei weißem Mondschein in seine Kammer trat, lag auf der Kleidertruhe es Davids ganzer Feiertagsstaat: Der schwarze Knappenhut mit der weißen Feder, das schwarze Samtkoller mit dem Ledergurt und der Silberschnalle dran, die Glockenhosen mit der schwarzen Stickerei und das Leinenhemd mit schöner Krause.

   Es kam ein Sonntagmorgen, ganz in blauen Duft und schimmernden Glanz getaucht, wie ihn nur der Frühling in den Bergen erwecken kann.

   Als Adel in der Feiertagstracht die kleine Stube betrat, begannen dem Kätterle die Augen zu tröpfeln. „Jesus! Mein ganzer David!“ Sie hängte sich an den Hals des Buben, als wäre er leibhaftig ihr eigenes Blut geworden. Jonathan, bei dem die Freude still nach innen ging, mahnte endlich: „So lass ihn doch aus ein bissl! Es steht die Supp schon da. Und gesungen muss auch noch werden.“ Auf dem Tisch lag das evangelische Liederbuch schon aufgeschlagen. Sie knieten auf die Dielen nieder, alle drei, und während Adel das Kreuz schlug und den Maiengruß betete, legte das Kätterle dem Jonathan den Arm um die Schultern, und so guckten die beiden Wange an Wange in das Liederbuch und sagen mit halblauten Stimmen:

„Es ist das Heil uns kommen her
Von lauter Gnad und Güte –“

   Wie gut und friedlich das Lied der Alten und das Gebet des Buben, jedes ein deutscher Herzklang, sich miteinander vertrugen! Als der Hällingmeister aufstand und das Buch schloss, sagte er: „Könnt’s denn im ganzen Reich nit sein als wie bei uns?“

   Als sie zum Kirchplatz kamen, standen in der Sonnenstille an die hundert Menschen vor der Kirche, die Gesichter gegen das offene Portal gewendet. „So“, stammelte Adelwart, „jetzt kommen wir nimmer hinein.“ Da schmiegte sich das Kätterle an ihn und flüsterte: „Nach dem Hochamt stellen wir uns auf ein Platzl hin, wo Du alle sehen kannst, die in der Kirch gewesen.“

   Während die drei Verspäteten zu den anderen traten, erschien der alte Mesner im weißen Chorhemd unter dem Portal: „Natürlich! Steht schon wieder ein Trutzhäufl vor der Kirch heraußen! Nur herein da! Es ist noch allweil Platz. Und was der hochwürdige Herr heut predigt, das tut Euch Not!“

   Ein kleines, nicht allzu eifriges Gedränge entstand; jeder schien dem anderen die Freude gönnen zu wollen, dass er die Predigt des Pfarrers besser hören möchte. Nur Adelwart, dem es ernstlich um den Einlass zu tun war, gelangte bis zum Portal. Weil er auf der Schwelle stand und um einen halben Kopf die anderen überragte, konnte er die Altäre sehen und die mit Andächtigen besetzten Betstühle. Eine heiße Blutwelle schoss ihm ins Gesicht. Gleich mit dem ersten Blick hatte sein Jägerauge die Eine gefunden, nach der die Sehnsucht seines Herzens gedürstet hatte durch Tage und Nächte. Er sah den Pfarrer nicht auf die Kanzel steigen und verstand kein Wort der Predigt. Nichts anderes sah er als dieses grüne Hütl mit der weißen Federzier und diesen roten Bänderschimmer im schwarzen Haar der Jungfer Barbière.

   Alle anderen Leute begannen zu lauschen. Herr Süßkind predigte von der Gütigkeit der Gottesmutter. So recht als Schutzpatronin des Berchtesgadener Landes hätte sie sich erwiesen. Während der fluchwürdige Hexenschwindel durch alle Lande hinzapple, die Kerker bevölkere, den Henker fett und das Brennholz teuer mache, wäre das Berchtesgadener Land durch den Schutz der Himmelskönigin verschont geblieben von solchem Elend. Er, als treuer Hirte seiner tausendköpfigen Gemeinde, würde seine alten Hände ruhig auf glühendes Eisen legen, zum Beweis dafür, dass in seiner Herde keine Hexe wäre, kein Zauberlehrling der Hölle. Und wenn da einer, beraten von aller Schlechtigkeit des Lebens, zu ihm in den Pfarrhof käme und klagen wollte: Meinen Nachbar Hänsel oder meine Nachbarin Urschel hab ich zaubern sehen und Wetter machen – zu solchem Kläger würde er sagen: Du Lügner vor Gottes Angesicht! Aus Bosheit oder Eifersucht, aus Dummheit oder Habgier redest Du! Hinaus mit Dir! Oder ich lass Dich mit dem spanischen Röhrl karbatschen, bis aus Deiner vergifteten Seel die stinkende Lüg herausfliegt, wie zur Nacht die Fledermaus aus ihrem schwarzen Loch!

   Herr Süßkind machte eine Pause und trocknete mit dem blauen Taschentuch den Schweiß von seinem Gesicht. Dann begann er wieder zu reden: Der Zorn hätte ihn überwältigt, obwohl er seine Schäflein sicher wisse vor jeder verleumderischen Niedertracht. Aber es wäre eines jeden Christen Pflicht, aus seiner Seele keinen Widerhaken herauszudrehen, auf dem die unsterbliche Dummheit ihren Unsinn aufspießen könnte, wie der Fischer die Heuschrecken auf die Angel spießt. Drum sollten die Berchtesgadener allem gotteswidrigen Aberglauben entsagen, wenn einer Kuh die Milch versänke, wenn die Schermaus im Garten oder der Kleefraß auf dem Acker wäre, wenn ein Wetter aufzöge, wenn einer den zehrenden Wurm im Finger hätte oder Warzen im Gesicht oder eine verdrehte Lieb im Herzen. Besser als alles Beschreien und Besprechen, als alles Binden und Wurzelschneiden, besser und hilfreicher als alles heidnische Narrenzeug, as noch keinem Notigen über den Weg geholfen hätte, wäre das rechte Gottvertrauen und ein mutiger Herzenssprung, mit dem sich eine hoffende Christenseele aus allem Weh des Lebens hinauf schwänge zum barmherzigen Heiland und zur gnädigen Gottesmutter.

   Es war wie der Klang eines betenden Kindes, als Herr Süßkind, die Hände faltend, seine Predigt mit der Bitte schloss: „O Du liebreiche Himmelskönigin, die Du auf Erden aller Schmerzen Glut empfunden! Nimm unser Ländl und seine guten Kinder in deinen festen Schutz! Und behüt uns vor Unverstand und Grausen!“

   Die Orgel fing zu rauschen an, und der alte Pfarrherr kletterte über die steile Kanzeltreppe herunter.

   Eine seltsame Unruh war in der Kirche. Dieses Getuschel und Gesichterdrehen setzte sich nach dem Hochamt auch in der Sonne draußen fort, während der bunte Strom der Kirchleute am Hällingmeister, am Kätterle und an Adelwart vorüberflutete. Wenn Knappen vorbeigingen, grüßten sie den Meister; nur der Michel Pfnüer drehte das Gesicht auf die Seite. Von den geputzten Mädchen guckte manches mit Neugier und Wohlgefallen nach dem stattlichen Buben. Sooft das Kätterle solch einen Blick gewahrte, versetzte es dem Adel immer einen Puff mit dem Ellbogen. Nie verstand er diese mütterliche Zeichensprache. Als aber das Kätterle einmal nicht puffte, da fuhr ihm das Blut in die Stirn. Mitten im Strom der Leute kam die Jungfer Madda gegangen, gekleidet wie damals im Gärtl zu Schellenberg. An jeder Hand führte sie eins von den Kindern. Peter Sterzinger mit dem blinkenden Hirschfänger ging nebenher, eine verdrossene Miene im Gesicht , ein grelles Glanzlicht auf der Ausbuchtung seines Kropfes.

   Ein Blick in Sehnsucht und Liebe muss etwas sein wie ein geheimnisvoller Ruf. Madda, als wäre sie von unsichtbarer Hand berührt, hob plötzlich die Augen und sah den Adel stehen. Erst war’s wie Schreck und Staunen in ihrem Blick. Dann blitzte der Unmut. Während sie fester die Hände der Kinder fasste, sah sie nichts anderes mehr als nur noch den Weg vor ihren Füßen. Peter Sterzinger, seiner Verdrossenheit vergessend, schmunzelte ein bisschen und machte den Specht. Dann sagte er merkwürdig laut: „Da steht der Hällingmeister. Dem muss ich von Amts wegen ein Wörtl sagen.“ Er trat auf den Alten zu. „Meister! Für die Zeit, wenn die Hirsch verschlagen, ist im Stift ein fürnehmer Jagdgast angemeldet. Dem muss ich im Wimbacher Seeboden ein Treiben richten. Da soll mir das Hällingeramt eine Rott von zwanzig Knappen zur Jagdfron stellen!“ Die Nähe des jungen Schleppers schien für den Wildmeister etwas Ungemütliches zu sein. Drum zog er den Hällingmeister Schritt um Schritt am Janker mit sich fort und flüsterte: „Stell mir den Buben mit zur Fron! Aber tu den Schnabel halten!“ Antwort wartete der Wildmeister nicht ab. Während er seine Schwägerin und die Kinder einholte, zuckte was Vergnügliches in seinem Gesicht, obwohl er die grimmige Miene wieder aufzusetzen versuchte.

   Im Münster des Stiftes war das Hochamt noch nicht zu Ende, und man hörte den brausenden Klang der Orgel.

   „Maddle?“, fragte das kleine Mädel. „Warum tust Du denn so traurig schauen?“

   „Wenn ich meines Vaters Orgel hör, das geht mir allweil so weh ins Herz.“

   Peter Sterzinger schnackelte, dass das Glanzlicht seines Kropfes hin und her tanzte. „Es muss Dir auch unlieb sein, dass der unverschämte Kerl noch allweil um den Weg ist. Ich mein’, ich sag dem Hällingmeister ein Wörtl, dass er den Buben mit Laufpass über die Grenz weist.“

   Ohne das Gesicht zu heben, schüttelte Madda den Kopf. „Der ist gestraft genug! Meintwegen soll er bleiben, wo er mag.“ Die Jungfer ließ die Händchen der Kinder fahren und huschte durch das Gedräng der Leute. Sie hatte den Josua Weyerzisk und das Trudle gewahrt. Mit erregter Zärtlichkeit legte sie den Arm um die junge Meisterin. „Grüß Dich, Trudle! Bist auch in der Kirch gewesen?“ Das sprudelte sie hastig und heiß heraus. „Heut ist aber auch ein Tag, so schön, wie lang schon keiner gewesen!“

   Die junge Meisterin nickte und bot in ihrer Scheu einen schmucken Anblick. Das lichtblaue Gewand umkleidete lind den schlanken Körper, die Krause am feinen Hälschen war wie Schnee, und unter der weißen Frauenhaube zitterten die blonden Locken heraus und warfen zarte Goldschatten auf die Wangen, die, so schmal sie noch waren, doch schon angehaucht erschienen von einer wiederkehrenden Freude am Leben. Und Josua stand dabei, die Augen strahlend vor Glück und Stolz. Leise plaudernd gingen die drei durch die Stiftshöfe zum Marktplatz.

   Es war Ein Brauch seit langer Zeit, dass sich die Bürgersleute mit den Bauern an Feiertagen nach dem Hochamt auf dem Marktplatz zusammenfanden, um allerlei Geschäfte zu besprechen, Einkäufe zu machen, vom Viehhandel und von der Holzarbeit zu reden. Ein buntes, prächtiges Bild, diese paar tausend Menschen im Sonnenglanz, in ihren Trachten, mit den gesunden und braunen Gesichtern. Und ringsumher der Riesenkranz der schönen Berge, die grünenden Almen und die von Sonnenduft umwobenen Wälder.

   An diesem Sonntag wurde nicht viel von Flößerei, von Salzfracht und Viehhandel geredet. In allen Gruppen, die beisammen standen, schwatzte man von der merkwürdigen Predigt des Herrn Süßkind. Und ein Aufsehen gab’s, als die Leute kamen, die dem Hochamt in der Franziskanerkirche beigewohnt hatten. Die erzählten, dass heut der Prior Josephus, der sonst das behagliche Sitzen im Chorstuhl dem Predigen vorzuziehen pflegte, streitbar auf die Kanzel gestiegen wäre und gegen den Aberglauben und das Zaubersprechen, gegen die falschen Zeugen und die Hexenkläger gepredigt hätte. Zu allem Gerede setzte es noch einen schreienden Aufruhr. Die Burschen, die sich gerne einen Krug Klosterbier vergönnt hätten oder ihrem Mädel ein Gläsl Süßen vorsetzen wollten, fanden im Leuthaus und in allen Herbergen einen verriegelten Schrank. Der geistliche Kommissar, Herr Doktor Pürckhmayer, hatte unter Androhung schwerer Strafen verboten, dass in den Wirtshäusern auch nur ein Tropfen verzapft würde; der Sonntag gehöre dem Himmel, der frommen Erbauung, nicht aber dem Zithergedudel, dem unzüchtigen Tanz und den verschwenderischen Saufgelagen; die Bürger und Bauern sollten ihre Kreuzer zusammenhalten, statt jeden Silberknopf durch die Gurgel zu jagen; dann könnten sie auch die Steuern bezahlen, und dem leidigen Geldmangel des Gemeinwesens wäre bald abgeholfen.

   Der Dominikaner machte sich zu Berchtesgaden durch diese Verfügung nicht populär. Hätte er alle Urteile hören können, die auf dem Marktplatz über ihn gesprochen wurden, so hätte ihm das linke Ohr an diesem Sonntag dröhnen müssen wie eine Wetterglocke.

   Auch Peter Sterzinger, als er mit dem Doktor Besenrieder zusammentraf, knurrte kurzatmig: „Herr Sekretari! Was ist denn los im Land? Was sind denn das für Predigen? Und was soll denn das Schankverbot? Dass man einen Riegel schiebt vors Übermaß, das lass ich gelten. Aber man muss den Leuten doch nit glich die Gurgel zunähen.“

   Herr Besenrieder hob beschwichtigend die weiße Hand, warf einen ehrfürchtigen Blick auf Madda und zog den schwarzen Hut, über dessen Rand eine aus weißem Zwirn gedröselte Feder heruntertrauerte. „Wenn es dem Herrn Wildmeister genehm ist, möchte ich seine liebwerte familiam gern ein Stück Weges komitieren.“ Genehm war das dem Peter Sterzinger nicht. Doch er nickte. Madda hatte stumm gegrüßt, ein bisschen beklommen. Dann zog sie die Kinder an sich und ging den beiden Männern voran.

   Doktor Besenrieder, ein Mann um die Dreißig, machte trotz der ‚Windigkeit’, die Peter Sterzinger an ihm auszusetzen hatte, keinen ungünstigen Eindruck. Er war ganz in Schwarz gekleidet, mit einem dünnen Seidenmäntelchen um die Schultern. Das einzig Farbige an ihm waren die roten Schuhe und das Hellblau seiner runden Augen, die unter dem glatt in die Stirn geschnittenen Blondhaar vorsichtig herausblickten. Als Sohn eines Stiftsbeamten hatte er einst mit einem jährlichen Stipendium von siebenundfünfzig Gulden die hohe Schule von Ingolstadt bezogen, und hatte vier Jahre so fleißig studiert und so rechtschaffen gehungert, dass ihm zwischen Haut und Knochen aller Speck heraus geschwunden war. Während seine Augen an Madda hingen, wie man ein heiliges Bild betrachtet, begann er halblaut zu sprechen, damit die vorübergehenden Bauern keines seiner hochwichtigen Worte erhaschen könnten. Im Stift, so vertraute er dem Wildmeister, wäre die zwischen dem Dekanat und dem Kapitel entstandene causa invidiosa so ziemlich wieder beigelegt. Die Kapitularen hätten die Wahrnehmung machen müssen, dass sich mit dem angefeindeten Dekan viel besser fahren ließe als mit dem geistlichen Kommissar, bei dem sie vom Regen in die Traufe gerieten. Es wäre ja schließlich auch dem edeln Herrn von Sölln kein anderer Vorwurf zu machen, als dass er sich in blindem Vertrauen durch einen ungetreuen Beamten seit Jahren hätte betrügen lassen, und dass er gegen die säumigen Steuerzahler von allzu großer Langmut gewesen wäre.

   „So?“, knurrte Peter Sterzinger. „Was kann denn ein Guter dafür, dass ein Schlechter schlecht ist? Und dass der Herr so viel Geduld übt, ist das Beste, was ihm einer nachreden kann. Unsere Bauern haben ein hartes Leben. Wer soll denn christlich und barmherzig mit ihnen sein, wenn nit ihr Herr?“

   Doktor Besenrieder nickte. Aber solche Barmherzigkeit, eben weil sie christlich wäre, sollte sich im Wachstum des klösterlichen Gutes als von Gott belohnt erweisen. Doch die Steuerfähigkeit und der ganze Vermögensstand des Landes liefe immer mehr bergab. Jede Wirkung müsse eine Ursache haben. Und der geistliche Kommissarius hätte diese Ursach heut von der Kanzel der Stiftskirche ohne Umschweif ausgesprochen.

   Jetzt spitzte Peter Sterzinger die Ohren, dass sein Kropf durch die Verlängerung des Halses merklich an Rundung verlor.

   „Vor der Predigt“, sagte Besenrieder, „muss in der Sakristei zwischen dem geistlichen Kommissar und dem Herrn von Sölln eine Meinungsverschiedenheit bestanden haben. Man hat die heftig irritierten Stimmen herausgehört bis in das Kirchenschiff. Dann ist der hochwürdigste Doktor auf die Kanzel gestiegen. Gleich war zu merken, dass man einen Meister der bene dicendi scientiae vor sich hatte. Jeder Satz wie aus Erz gegossen. Blumenreich wie der Frühling. Meisterhaft in der forma. These und Antithese mit solcher Schärfe –“

   „Davon versteh ich nichts!“, unterbrach der Wildmeister mit grober Ungeduld. „Sagt mir lieber, was er gepredigt hat!“

   Mit einer dialektischen Schärfe ohnegleichen hätte Doktor Pürckhmayer in seiner Predigt deduziert, dass die Vergiftung der Landverhältnisse nicht mit rechten Dingen zugehen könne. „Ex animi mei judicio muss ich ihm beistimmen, wenn er eine Ursach hiefür in der Zunahme der verhüllten Ketzerei erblickt, in der laxen Anwendung der antireformatorischen Maßregeln. Im Anschluss an diese Meinung zitierte der Hochwürdigste den Satz: ‚Eines Ketzers Fußpfad ist die Fahrstraße aller dunklen Mächte.’ Die Nähe der Hölle wirkt auf die verlorenen Seelen wie die Flamme auf die Motten. Ein Schritt noch, und wir haben das Hexenwerk, das jede irdische Wohnstatt verunglimpft. Ist es da nicht heilige Pflicht der Obrigkeit, die Augen offen zu halten? Und nach strengen Rechten zuzugreifen, wo sich ein Schuldiger entdecken lässt?“

   Peter Sterzinger, der durch die Nase schnaufte, blieb stumm. In diesem Schweigen hörte man den Miggele sagen: „Maddle, schau doch, was da der liebe Gott für ein schönes Blüml hat wachsen lassen!“

   „Ja, Kindl!“, klang die leise Stimme der Jungfer. „Das tu nit abreißen! Das muss auch noch für ander Leut eine Freud sein.“

   „Gelt“, fragte die kleine Bimba, deren Kosename noch ein Erbstück von aller Zärtlichkeit der Mutter war, „alles, was ist auf der Welt, hat der liebe Gott den Menschen zur Freud erschaffen?“ Das Kind musste sich verwundert nach dem Vater umgucken, der merkwürdig lachte.

   Mit grober Hand hatte der Wildmeister den Doktor Besenrieder am seidenen Ärmel gefasst. „Und Ihr, Herr Sekretari? Könntet Ihr als Gerichtsperson dazu helfen, dass man solch ein unglückliches Mensch auf den Holzstoß bindet?“

   Dem Doktor stieg eine leichte Röte in die Stirn. „Eine überführte Hexe ist kein unglückliches Weib, sondern eine Verbrecherin. Auch fühl ich mich obligiert, Euch aufmerksam zu machen, dass der Malleus maleficarum eines der bedenklichsten Indizien in auffälliger Parteinahme erblickt. Ein Mann wie Ihr steht weit von allem Verdacht. Aber die Zeit hat Wolken. Ihr solltet einige Fürsicht in Euern Äußerungen walten lassen.“

   Der Wildmeister wollte was sagen. Es blieb ihm in der Kehle stecken. Nach einer Weile schnackelte er mit krebsrotem Gesichte vor sich hin: „Eine schöne Predigt! Ich möcht nur wissen, was der edel Herr von Sölln zu einem solchen Evangeli sagt!“

   „Seine Gestreng der Herr Landrichter erzählte mir, dass dem gnädigen Herrn in seinem Chorstuhl vor Rührung ein Zährlein ums andere über das Gesicht geflossen wäre.“

   „Vor Rührung? So?“

   „Uns beiden steht es nicht zu, die observationes Seiner Gestreng zu interpretieren.“ Während der Sekretarius das erklärte, ging ein Erbleichen über sein hageres Gesicht. Er sah, dass Madda raschere Schritte machte, als möchte sie das Heckentor des Wildmeisterhauses so flink wie möglich erreichen. Auch Doktor Besenrieder beschleunigte den Schritt. „Weil ich schon Ursach fand, Euch eine Verwarnung zukommen zu lassen, möcht ich zu unser beider Wohl auch noch ein ander Ding besprechen. Im Markt redet man allenthalben davon, dass der edle Herr von Preysing Euer Haus in auffälliger Häufigkeit mit seinem Besuch ornieret.“

   „Was soll ich denn machen?“, platzte Peter Sterzinger heraus, dem der kurze Atem noch kürzer wurde. „Der Graf als Kommissar ist halb wie der Herr im Land.“

   „Einer Jungfrau Ruf ist wie ein Spiegel. Jeder Hauch kann ihn trüben. Auch will es mich unter Kümmernis bedünken, als wäre das sonst so heitere Wesen Eurer Schwägerin merklich vexieret von Unruh.“

   „Da hab ich noch nichts gemerkt davon.“

   „Wer mit dem Herzen sieht, hat scharfe Augen.“ Die Stimme des Doktor Besenrieder bekam einen wärmeren Klang. „Ihr habt wohl observiert, dass es eine Hoffnung meines Herzens ist, die liebe Jungfer als Hausfrau zu gewinnen.“

   Der Wildmeister griff nach seinem Hals, mehr nach der linken Seite hin, wo er was Ausgiebiges in die Hand bekam.

   „Wie meinem eigenen Herzen, wird es auch der Sicherheit Eurer Schwägerin dienen, wenn ich heute nach der Vesperandacht mit meiner Mutter in Eurem Haus erscheine, um das Jawort der Jungfer Maddalena zu erbitten.“

   „Viel Ehr!“, keuchte Peter Sterzinger. Er wollte was sagen. Da machte der Sekretarius flinke Schritte, um Madda noch einzuholen, die hinter dem Kindern durch die Heckentür verschwinden wollte. „Liebe Jungfer!“ Madda blieb stehen. Als Doktor Besenrieder sie erreichte, leuchtete in seinen Augen ein Glanz, der verriet, dass sein Herz nicht so kühl war wie seine Art zu reden. Die Jungfer erschrak. „Soll es mir nicht vergönnt sein, Madda, uns ein Wiedersehen zu wünschen? Recht ein frohes und glückliches?“

   Sie reichte ihm die Hand, mit einem irrenden Lächeln. „Das soll Euch gern vergönnt sein, Herr Sekretari. „Ich muss nur schauen, dass ich flink ins Haus komm.“ Ihre Hand befreiend, suchte sie sich mit einem Scherz zu helfen: „Den Schwager macht das Beten allweil so viel hungrig. Steht nach dem Kirchgang nit gleich die Supp auf dem Tisch, so haben wir grob Wetter den ganzen Tag.“ Sogar ein Lachen gelang ihr, während sie flink durch das Heckentürl huschte. Als sie den Hausflur erreichte, presste sie die Hände auf die Brust, als müsste sie etwas Quälendes zur Ruhe bringen.

   In der Stube klang das vergnügte Schwatzen der Kinder. Mit leuchtenden Strahlenbändern fiel die Sonne durch die kleinen Fenster herein und warf ein schimmerndes, von den feinen Schatten der Rosenstöcke durchsponnenes Goldquadrat über den blau gedeckten Tisch, auf dem ein Strauß von roten Aurikeln und goldgelben Schlüsselblumen prangte. Marei, die sauber gekleidet war, stellte die Zinnteller zurecht. Das heiße Rot, das auf ihren Wangen brannte, war wohl der Hitze des Herdfeuers zuzuschreiben. Aber es war auch zu merken, dass Marei sich heimisch zu fühlen begann. Jenen scheuen Blick hatte sie völlig verloren und schien gespannt, wie der schöne Blumenstrauß auf die Jungfer wirken würde. Freundlich nickte Madda. „Wie schön Du das gemacht hast! Bist ein gutes und braves Ding!“ Ein Glanz von Freude leuchtete in den Augen der Magd.

   Peter Sterzinger, mit zinnoberrotem Gesicht betrat die Stube. Schweigend schnallte er den Hirschfänger herunter. Die Blumen sah er nicht. Schnaufend setzte er sich auf die Ofenbank und schlug mit der Faust aufs Knie. „Jetzt möcht ich nur wissen, was sich da einer denken soll! In der Pfarrkirch böllert der Süßkind wider den Aberglauben, und in der Stiftskrich predigt der geistlich Kommissar: Die Landschaft wär verzaubert, Hexen wären im Land, und man müsst die Schuldigen vors Malefiz bringen.“ Die stumme Marei machte eine Bewegung, als hätte sie einen Fauststoß auf den Leib bekommen und könnte sich vor Schmerz nicht wieder aufrichten. Der Zinnteller, den sie in der Hand gehalten, fiel zu Boden. „Du Patsch und Unschick!“, brüllte Peter Sterzinger. „Glaubst Du, der ist aus Holz?“ Als er sah, wie bleich das Gesicht der Marei war, knurrte er etwas sänftlicher: „Wenn er eine Dull hat, muss sie halt der Schinagl wieder ausklopfen.“ Bevor er das noch gesagt hatte, war die Magd schon draußen.

   Madda, während sie das Hütl herunternahm, fragte mit zerdrückter Stimme: „Hat der Sekretari was geredt?“

   „Gotts Tod und Teufel!“ blitzte Peter Sterzinger los. „Mehr als mir lieb ist! Nach der Vesperandacht will er Anfrag halten.“

   Maddas Gesicht bekam einen müden Zug. „Meintwegen! Da hab ich endlich einmal Ruh. Vor dem einen wie vor dem anderen.“

   „Guck, wie viel Dir um die Ruh ist!“ Ein zorniges Lachen. „Aber tu Dich nit schneiden, gelt! Vor dem gnädigen Herrn wirst Du freilich Ruh kriegen. Aber der ander? Wie kühl er tut und wie windig als er ausschaut – bei dem ist Feuer unterm Kittel. Gar so ruhig wirst Du’s nit haben bei dem.“

   Die Jungfer sah den Schwager an, als verstünde sie nicht, von wem er spräche, und ging aus der Stube. Der Flur war leer, in der Küche knisterte das Feuer, und in der Kammer der Marei war ein Gepolter, als wär ein Stuhl auf die Dielen gefallen. Seufzend stieg Madda über die Holztreppe hinauf und trat in ein kleines Giebelzimmer. Wie eine Laube sah es aus. Die Ranken der Efeustöcke hatten die Decke und die halben Wände mit Blättern besponnen; das weiße Bett war wie von einem grünen Baldachin überhangen. An der Wand hingen alte Lauten und Geigen, Erbstücke vom Vater. Ein bunt bemalter Kasten für die Kinder; daneben ein Ladenschrein und drauf ein wächsernes Jesuskind. Neben dem winzigen Tischl ein Spinnrad. Wie ein Bild hing an der Wand ein Rahmen, und da war unter Glas ein altes Büchelchen zu sehen, auf dessen Pergamentdeckel in verblasster Rotschrift geschrieben stand: „Fioretti di San Francesco!“ Dieses Buch war das einzige, was Madda von ihrer Mutter noch besaß. Lesen konnte sie es nimmer, die Sprache der Mutter verstand sie nicht mehr. Und überall in der Stube dieser kleine, bunte, glitzernde Kram, als hätte Madda der Weyerziskin die Freude an den winzigen Sächelchen abgelernt. Draußen vor dem Doppelfenster stand ein großer Birnbaun, der seine Äste bis dicht an die Scheiben streckte. Ein seltsames Gewirr von knorrigem Gezweig! Jährlich musste man da die neuen Triebe absägen, damit der Baum nicht ganz heranwüchse an die Mauer.

   Madda nahm das Hausgewand aus dem Kasten und begann sich zu entkleiden. Eine Haftel ihres Spensers verfing sich in dem rot gebänderten Zopf. Mit zitternden Händen quälte sie sich und brachte die Haftel nimmer los. „Marei!“, rief sie. Niemand kam. Und Madda begann das Nesteln und Zerren wieder. So ungeduldig wurde sie, dass ihr die Tränen kamen. „Marei! Marei!“ Da kam die Magd über die Stiege heraufgepoltert und trat in die Stube. Ihr Gesicht war so erschöpft wie nach schwerer Mühlsal, das Haar zerrauft, das Gewand bestaubt. „Komm her, Marei!“, sagte die Jungfer. „Da ist mir das Spenserhaftl hängen geblieben in meinem Zopf. Geh, sei so gut und hilf mir!“ Das ging auch bei der Marie nicht flink. Endlich war’s getan. Da stieß die Magd einen dumpfen Laut aus und rührte mit zitterndem Finger an Maddas Hals, an dem ein winziges Mal zu sehen war, so rot wie ein Johanniskäferchen. „Hast Du das noch nie gesehen?“, fragte Madda. „Das rote Knöspl ist mir ein liebes Denken an den Vater. Einmal, derweil ich noch ein Kind gewesen, hat der Vater Orgelpfeifen gegossen. Da ist mir ein Tröpfl von dem Heißen Zinn an den Hals gespritzt. Seit demselben Tag –“ Die Jungfer verstummte. Halb verwundert, halb erschrocken, sah sie der stummen Magd ins Gesicht. „Marei? Was hast Du?“

   Aus den weit geöffneten Augen der Stummen redete was die namenlose Sorge.

   „Marei! So tu doch deuten! Was ist denn mit Dir?“

   Die Magd schüttelte den Kopf und verließ die Stube. –

   Es war um die gleiche Zeit, dass Doktor Besenrieder auf die Straße dem Freiherrn von Preysing begegnete, der vom Markt herunterkam, in kostbarem Gewand, seidengebändert und mit Spitzen behangen. Der Sekretarius, dem es heiß in die Backenknochen fuhr, machte höflich seine Reverenz, begann ein fein geschliffenes Gespräch über das schöne Wetter und erzählte, dass er von einem Sonntagsbesuch bei seiner liebwerten Braut und zukünftigen Hausfrau käme.

   „Eure Braut?“, fragte Herr Preysing ohne sonderliche Neugier. „Wer ist das?“

   „Die ehrsame Jungfer Madda Barbière.“

   Unbehaglich berührt, trat der Freiherr einen Schritt zurück. „Sieh doch, wie man sich täuschen kann in den Menschen! Ich hätte der feinen Jungfer einen besseren Geschmack zugetraut.“ Lachend machte er eine so rasche Schwenkung, dass sein Degen klatschend dem Doktor Besenrieder gegen die Wade schlug.

   Der Sekretarius war kreidebleich geworden. Dennoch atmete er auf. Denn Freiherr von Preysing, statt den Weg zum Haus des Wildmeisters fortzusetzen, hatte kehrt gemacht und ging dem Markt zu.

   Am Nachmittag, nach der Vesperandacht, gab Madda Barbière dem Doktor Besenrieder das Jawort.

   Wenn der weltliche Herr Kommissar von nun an etwas über die Jagd zu reden hatte, ließ er den Wildmeister ins Leuthaus befehlen.

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