Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
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Kapitel 7

   Jonathan Köppel fuhr auf dem Hund ins Licht hinaus und ging hinüber zum Amt. „Glück auf, Herr Bergschreiber! Ich hab mir das Ding überlegt. Der Bub als Neuer wird einen harten Stand haben. Da tät ich die Sach am liebsten selber gleich dem gnädigen Herrn fürtragen.“ Dagegen hatte der Bergschreiber nichts einzuwenden. Er meinte nur, dass der Herr nicht leicht zu haben wäre, jetzt, wo diese causa gravis mit den Kommissaren schwebe. „Muss ich es halt versuchen.“ Mit dieser Absicht wanderte Köppel durch den rauschenden Föhn zum Stift hinauf. Der Staub wirbelte in solchen Massen, dass die Häuser wie unter einem Schleier standen – Staub, mit dem ein Stück vergangener Jahrhunderte davon wehte. Bei der Pfarrkirche wurden die alten Tore und die brüchig gewordenen Trutzmauern abgetragen, um Raum für den wachsenden Verkehr und Platz für neue Bauten zu schaffen.

   Aus dem von drei Seiten noch geschlossenen Stiftshof wollte der graue Qualm keinen Ausweg finden. Immer wieder peitschte ihn der sausende Drehwind an der Front des Münsters und an den hoch gefensterten Mauern des Stiftes hinauf. Die kleinen Scheiben der Trinkstube waren mit Staub ganz weiß behangen. Man sah nicht mehr hinein in die Stube, hörte aber die Stimmen der Chorherren, die beim Vespertrunk eine aufgeregte Debatte führten. Aus dem Gewirr der Stimmen klang eine gereizte Kehle heraus: „Er predigt, sag ich! Am Sonntag geht er auf die Kanzel und predigt gegen das Zauberwesen! Drei Maß verwett ich, dass er’s tut!“

   Meister Köppel hatte am Stiftstor die Glocke gezogen. Als ihm der Pförtner öffnete, surrte aus der Kellertür eine flinke Kugelgestalt heraus, in schwarzem Talar: Sebastian Süßkind, der alte Leutpfarrer von Berchtesgaden. Der sah im Widerspruch mit seinem Namen gar sauer drein. Das runde Gesicht brannte vor Zorn. Gegen den tobenden Wind vermochte der Greis kaum aufzukommen. Wie das rauschte, als der Föhn den Talar zu einer Glocke blähte! Und das Käppl flog davon, als wär’s eine Schwalbe. Der Hällingmeister rannte, um den schwarzen Vogel einzufangen. Herr Süßkind dankte kaum, als ihm der Meister die Kappe reichte. Verwundert sah der Alte dem Pfarrherrn nach, um dessen klobiges Köpfl die weißen Haare flatterten. „Was er heut haben muss? Ein Mensch so voller Güt! Und macht zwei Augen wie der Richter am Jüngsten Tag!“ Er ging zum Tor und wurde eingelassen. Der Pförtner meinte: „Wirst wohl nit fürkommen. Der geistlich Herr Kommissar ist droben.“

   Über eine breite Treppe ging’s hinauf. Als der Hällingmeister den langen Korridor des ersten Stockes erreichte, dröhnte ein dumpfer Knall, als hätte man eine Wallbüchse losgeschossen. Eine Tür wurde aufgerissen, und da dampfte ein brauner, übel riechender Qualm in den Korridor heraus. Aus der nächsten Tür klamm ein Chorherr im weißen Habit gelaufen, heilt die Hand vor die Nase und lachte: „He! Perfall? Lebst Du noch?“ Hustend erschien in dem Dampf ein greiser Chorherr, mit triefender Lederschürze über dem Talar: „Ich hab den weißen Schwan in die Glut gesetzt. Wie er sich rot gefärbt hat, ist er aufgeflogen.“

   „Ist wieder ein Finger mit?“

   „Nein, ich hab noch alle sieben.“

   Die beiden traten mit Räuspern in die qualmende Stube; es klirrten die Fenster, die sie aufrissen, und mit Sausen blies der einfahrende Wind den übel duftenden Rauch durch den ganzen Korridor. Noch ein paar andere Türen wurden geöffnet, die Chorherren schalten und zogen die Nasen wieder zurück, um diesem bösen Dampf zu entrinnen. Etwas Neues war das nicht für sie. In der Alchimistenküche, in die Herr Theobald von Perfall sein Kapitularenzimmer verwandelt hatte, krachte es fast jede Woche einmal.

   Auch der Hällingmeister, während er die Treppe zum anderen Stock hinaufstieg, hatte seine Nase mit der Mütze gepanzert. Wie jeder Mensch im Land Berchtesgaden, wusste auch Jonathan Köppel, dass Herr Theobald von Perfall seit vielen Jahren die Kunst des Goldmachens zu ergründen suchte. „Gott soll’s geben, dass er den gleißenden Löwen noch weckt! Sie könnten’s brauchen im Stift und in der Landschaft.“ Er meinte nur, was so übel röche, hätte noch einen weiten Weg zu machen, bis es verwandelt wäre zu geruchlosem Gold. Er wollte auf die Dekanatsstube zugehen, die am Ende des Ganges lag. Ein Diener hieß ihn stehen bleiben: „Seine Gnaden der geistliche Kommissarius mag’s nit leiden, wenn man nah bei der Tür ist.“

   Der hochwürdigste Doktor Pürckhmayer schien es aber doch bei seiner Unterredung mit Herrn von Sölln auf Heimlichkeiten nicht abgesehen zu haben. Er schrie sehr hörbar. Als die erregte Stimme plötzlich verstummte, wurde die Tür aufgerissen. Der Dominikaner trat auf die Schwelle und drehte das weiße Greisengesicht in die Stube zurück: „Ihr sollt Bedenkzeit haben bis zu dem feierlichen Bussamt, das ich am Sonntag lesen will.“ Kurzes Schweigen. Dann eine Stimme in Zorn und Kummer: „Nein! Und tausendmal nein! Jeden Kläger, der sich meldet, lass ich auspeitschen auf offenem Markt.“ Doktor Pürckhmayer erwiderte kein Wort, zog die Türe zu und ging zur Treppe, die Hände unter der Kutte, in deren Falten das Goldkreuz funkelte.

   Scheu zog Meister Köppel die Mütze und fraget den Diener: „Meinst Du, ich darf mich hineintrauen?“

   „Versuch’s!“

   Jonathan pochte, glaubte einen Laut zu hören und trat in die Stube. Da saß der alte Dekan gebeugt in einem Lehnstuhl, das Gesicht in die Hände vergraben. „Jesus! Mein guter Herr!“ Der Greis erhob sich und machte mit der Hand eine müde Bewegung. Er trat zum Fenster. Sooft ein Föhnstoß rauschte, zitterten und klirrten die kleinen Scheiben im Blei. Sonst war kein Laut in der Stube. Meister Köppel wagte kaum zu atmen. Bald sah er den schweigsamen Herrn an, bald wieder den plumpen Holztisch, der bedeckt war mit Pergamentrollen und aufgeschlagenen Büchern.

   Ein kühler, wenig freundlicher Raum, nur bestellt mit billigem Holzgerät. Herr von Sölln, der unter der Klage stand, als Dekan zum Schaden der Landschaft gehaust und die Schuldenlast des Stiftes vermehrt zu haben, wohnte nicht besser als der bescheidenste Bürger des Landes, das er für den in der Ferne residierenden Propst zu verwalten hatte. Von allem Gold und Silber und Kunstgerät, das einst diesen Raum geschmückt hatte, war kein Stück übrig geblieben. Was im Bauernkrieg der Zerstörungswut des revoltierenden Haufens entgangen war, hatte nach Salzburg zum Juden wandern müssen, um Geld zu werden.

   Dachte Herr von Sölln an versunkene Zeiten? Während er hinausblickte in die föhnblaue Weite, nickte er vor sich hin: „Du schönes, liebes Land! Was ist schon hingegangen über Dich! Was soll noch kommen?“ Seufzend wandte er sich in die Stube zurück, ließ sich nieder und wies nach einem Sessel. „Lieber Meister, was bringst Du?“

   Jonathan strich das graue Haar in die Stirne. „Schauet, Herr, da hab ich einem braven Buben zulieb ein Stück getan, das wider mein Amt ist. Der Bub wird Unfried haben. Drum hab ich mir gedacht: Du bringst die Sach mit dem Herren selber auf gleich.“

   „Lass hören, Meister!“

   Jonathan erzählte von jener Begegnung auf der Schellenberger Brücke, von des Buben Ähnlichkeit mit dem David und von der Freude des Kätterle, für dessen hungriges Mutterherz ein Bröselein Tod’ wieder auferstanden wäre zum Leben.

   „Den Buben hab ich gesehen!“, unterbrach ihn der Dekan. „Soll der nicht Jäger werden bei uns?“

   „Heut ist er auf meines Davids Recht als Schlepper eingefahren in den Berg.“

   Grad und offen berichtete der Meister alles. Was im Gärtl des Schellenberger Leuthauses geschehen war, das schien der greise Dekan viel weniger grimmig zu nehmen, als es Peter Sterzinger genommen hatte. Er schmunzelte sogar ein bisschen, als er von dem Donnerwetter hörte, das auf den Buben niedergefahren war. „Freilich“, sagte er, „eine rechtschaffene Jungfer will das Blütenstöckl ihrer jungen Tugend gut gezäunt wissen.“ Da glaubte der Hällingmeister, dass es nötig wäre, die Tat des Buben nach Kräften weiß zu malen. „Schauet, Herr, dem Adel ist der gähe Hunger nach einer lieben Freud heraus gebronnen aus dem tiefsten Grausen. Am selbigen Morgen hat er in Salzburg sehen müssen, wie man auf der Nonntaler Wies –“

   Der greise Chorherr ließ den Meister nicht zu Ende reden, sondern sprang vom Sessel auf, als wäre ihm der Zorn eines Jünglings heiß in die alten Glieder gefahren. Wortlos, die unruhigen Fäuste hinter dem Rücken, schritt er um den mit Büchern und Pergamenten bedeckten Tisch. Erschrocken hatte sich auch Jonathan erhoben. Weil er meinte, dass dieser Zorn dem Buben gälte, stammelte er: „Um Christi Lieb, Euer Edlen! Es wird doch der Bub nit büßen sollen, was ich im besten Vermeinen geredet hab!“ Herr von Sölln schien nicht zu hören. In Erregung schritt er immerzu durch die Stube. Plötzlich blieb er am Tisch stehen und stieß dem Meister ein großes Buch hin, das offen zwischen den Schriften lag. „Schau her, Du! Das Bild da schau Dir an!“ Dem Hällingmeister ging ein Erblassen über das Gesicht – in dem Buch zeigte ein Holzschnitt den nackten Körper eines Weibes, das gefesselt und mit verrenkten, nach rückwärts gebogenen Gliedern wie eine lebendige Waagschale an vier Stricken hing.

   „Kannst Du lesen?“

   Jonathan nickte.

   „So lies, was drunter steht!“

   „Widerwillig beugte sich Köppel über das Bild und buchstabierte: „Zeiget, wie die Hexe, nachdem sie in Christi und der Evangelisten Namen zur Entkräftigung des höllischen Beistandes fürsorglich enthaaret ist, zum anderen Mal aufgezogen wird, um ihren teuflischen Trutz zu beugen.“

   „Lies noch das gottselige Versl!“

   Jonathan las:

„Wo du geduldt hast in der Pein,
So wird sie dir gar nutzlich sein,
Drum gib dich gut und willig drein,
Bekenn, und Gott wird gnädig sein!“

   Mit einem Lachen, das übel klang, warf Herr von Sölln den Deckel des Buches zu und schlug mit der Faust darauf. „Und der das gottverlassene Buch geschrieben, geht noch wütiger ins Zeug als der Hexenhammer, noch blinder als Bodinus und Binsfeld, noch grausamer als Martinus Delrio und Nikolaus Remigius, der sich berühmen konnte, in einem Dutzend Jährlein an die tausend Menschen wegen Zauberei zum Tod verdammt zu haben!“ Die Stimme des Greises begann zu schrillen. „Und weißt Du, wer das Buch da geschrieben hat?“

   Der Hällingmeister schüttelte stumm den Kopf.

   „Ein evangelischer Pastor!“, schrie der Dekan.

   Dem alten Köppel fuhr eine Röte über die Stirn, als hätte er einen Faustschlag bekommen. Er tat einen tiefen Atemzug. „Ob römisch oder evangelisch, es bleibt doch allweil jeder noch ein Mensch mit aller Torheit und Narretei.“

   „So? So?“ Mit beiden Fäusten packte Herr von Sölln den Hällingmeister am Lodenkittel. „Wozu dann die Verheißung, wo kein Erfüllung ist? Wozu der Umsturz in der ganzen Welt, wenn hinter ihm kein Aufrichten kommt? Wozu das Neue, wenn die Menschen allweil die alten bleiben? Das sag mir, Du!“

   Jonathan wusste keine Antwort, sah nur erschrocken den greisen Priester an, dessen Gesicht der Zorn entstellte.

   „Und solch ein Buch! Das legen sie mir für! Ad demonstrandum, wie lau mein Eifer wäre! Ad demonstrandum, dass ein Feind der Kirche fleißiger in Gottes Weinberg jätet, als ein treuer Jünger des Guten und Barmherzigen, der für die Menschheit geblutet hat am Kreuz. Er hat geblutet! Das steht geschrieben, Meister! Das Wort ist da. Wo ist der Sinn? Wo ist die Güte? Wo die Barmherzigkeit?“ Den weißen Kopf zwischen die Hände fassend, rannte Herr von Sölln durch die Stube. Dann blieb er vor dem Hällingmeister stehne und ließ die Arme fallen. „Köppel? Wie sind wir denn auf solche Reden gekommen? Richtig, ja! Mit Deinem Buben, gelt? Das hat er in Salzburg mit ansehen müssen? Wie sie das fremde Weib verbronnen haben? Die schöne Schreiberstochter? Und das Kind! Das Kind! Und den Eschenthal, den Chorherrn! Der im Feuer noch das Heilands Wort gebetet hat: O Herr, vergib ihnen! Das hat er sehen und hören müssen, Dein Bub? Ach, lieber Christenmensch, wie gut versteh ich’s, dass er in seinem Grausen ein holdseliges Stückl Leben an sein herz hat reißen müssen!“

   „Gelt, Herr?“ Der Hällingmeister atmete auf.

   „Dem Buben will ich gut sein. Was wir geredet haben, das lassen wir unter uns. Da kann ich ihm leichter helfen. Aber dem Wildmeister musst Du ein Wörtl sagen: Dass er nichts ausredet über den Buben. Sag ihm nur, ich will’s. Und der Peter tut es.“ Dem Greis wurden die Knie schwach, er fiel auf den Sessel hin. „Geh, Meister! Gottes Segen auf Deine warme Lieb!“

   „Vergelts Gott, Herr!“ Auf den Fußspitzen ging der Meister zur Türe.

   „Hast Du mir nicht gesagt, der Bub wär römisch?“

   „Ja, Herr! Und gut!“

   „Da tu mir den Buben nur nicht irr machen, gelt!“

   Jonathan schüttelte den Kopf.

   Draußen war noch immer der üble Duft zu spüren, den die Goldküche ausgespieen hatte. Der Hällingmeister dachte nimmer an den Alchimisten mit den sieben Fingern. Er wischte sich mit dem Ärmel den kalten Schweiß von der Stirn und murmelte: „Was geht im Land denn für? Was muss denn unterwegs sein?“

   Er kam durch den alten Gesindhof des Klosters. In der Wachtstube saßen die Musketiere beim Würfelbecher. Die alte Wärtelkammer neben dem Tor war ein leeres Mauerloch mit unverglasten Fensterhöhlen. Da saß kein Pförtner mehr. Das Tor des frei regulierten Herrenstiftes blieb offen bei Tag und Nacht. Auf dem Marktplatz, beim Marmorbrunnen, dessen dünne Wasserstrahlen im Wind zersprühten, standen Frauen und Mägde mit Lachen und Schwatzen beisammen. Der Hällingmeister, als er vorüberging, streifte die lustigen Weibsleute mit einem Blick der Sorge. Dann schritt er die Straße hinunter, die im Bogen den halb ausgefüllten Wallgraben der alten Festungswerke umzog. Jungfer Madda kam dem Meister entgegen, begleitet von Marei, die einen Henkelkorb am Arm trug. Madda plauderte und schien der Magd die Wege zu weisen. Das tat sie in einer ruhigen, fast müden Art. Ihr hübsches Gesicht war nicht so frisch und farbig wie sonst; aber schmuck sah sie aus in dem grünen Röckl und in dem Miederchen aus braunem Hirschleder. Der Föhnwind ringelte ihr die rot gebänderten Zöpfe wie schwarze, feuergetupfte Schlänglein um Wangen und Schultern. Freilich, dachte Meister Köppel, die kann einem Buben das Blut zum Sieden bringen!

   „Komm!“, sagte Madda zur Marie. „Jetzt zeig ich Dir den Bäck und den Metzger.“

   Marei, in dem guten Kleiderzeug, das ihr Madda geschenkt hatte, sah nicht übel aus. Die Sorgfalt, mit der sie das rote Kopftuch um das gezopfte Haar geschlungen hatte, verriet ein bisschen Eitelkeit. Auch hatte ihr die Nachtruh unter sicherem Dach das verhärmte Gesicht mit leiser Röte angehaucht. In ihren Augen war noch immer jener scheue Blick. Als sie unter dem Tor des Stiftes einen Musketier erscheinen sah, machte sie erschrocken eine zuckende Handbewegung nach den Rockfalten der Jungfer.

   Während die beiden am Brunnen vorübergingen, kam gerade der weltliche Kommissar, Herr Preysing, von zwei Jägern begleitet, heimgeritten von der Jagd, zierlich in Grün gekleidet. Zwei Birkhähne baumelten am Sattel seines Pferdes. Ritt und Bergstieg schienen den Freiherrn ermüdet zu haben. Plötzlich richtete er sich auf, als müsste er zeigen, dass er trotz der Vierzig noch Jugend in den Adern hätte. Mit wohlgefälligem Staunen ruhte sein Blick auf Madda. Der Jungfer stieg das Blut ins Gesicht, und sie machte flinke Schritte. Bei aller Eile konnte sie noch hören, wie Herr Preysing einen Jäger fragte: „Wer ist das hübsche Ding?“ –

   Es ging schon auf den Abend zu, als Madda und Marei von ihrem Kaufgang heimkehren. Das Brausen des Föhnwindes hatte nachgelassen; über den Bergen, die den Königssee umgaben, fiel grau der Regen; von Westen glänzte die sinkende Sonne her und säumte das stahlblaue Gewölk mit feuerroten Bändern. Von diesem brennenden Glanz bekam das ganze Tal einen flimmernden Widerschein. „Schau nur, schau, Marei! Wie alles flammet dar droben!“ Madda konnte sich nicht satt schauen an dieser wundersamen Glut der Höhe. Marei warf keinen Blick zum Himmel. Mit halb geschlossenen Augen heilt sie das bleiche Gesicht auf die Brust gesenkt.

   Über die Hecken klang das laute Lachen des Wildmeisters.

   „Der Schwager muss Heimgart haben!“, meinte die Jungfer. Als sie in den Garten trat, saßen Jonathan Köppel und Peter Sterzinger auf der Hausbank. Der Wildmeister, als er die Schwägerin kommen sah, kniff den anderen flink in den Schenkel. Verwundert sah Madda die beiden Männer an. Da musste irgendetwas sein! Peter Sterzinger schmunzelte und hatte was Absonderliches in Blick und Stimme, als er sagte: „So? Bist Du wieder da? Komm, hock Dich ein bissl her zu uns!“

   „Was will der Hällingmeister?“

   „Der ist kommen, weil er mit mir was reden hat müssen von wegen der Holztrift. Gelt, Meister, von wegen der Holztrift?“

   Ehe Köppel antworten konnte, kam einer flink auf aufgeregt durch das Heckentürl gesprungen: Der Josua Weyerzisk. Sein Gesicht lachte. „Jungfer! Das müsset Ihr sehen!“ Er hatte Madda bei der Hand gefasst und zog sie auf die Straße.

   „Was ist denn, Joser?“

   „Das müsset Ihr sehen, Jungfer! Wie fleißig und froh mein Trudle im Garten schafft.“ Er zog das Mädchen zu dem kleinen Haus hinüber. Der Vorgarten war weiß von den Holunderblüten, die der Föhn von den Stauden geschüttelt hatte.

   „Wo ist denn as Trudle?“

   „Die ist bei den Rosenstöcken, hinter dem Haus! Kommet, Jungfer, wir gucken durchs Kammerfenster.“

   Sie sahen da draußen eine Hecke von Weiden, die am Ufer der Ache wuchsen. Neben einem mit Blütenflocken bestreuten Weg war ein langes Beet bepflanzt mit kleinen Rosenstücken, die ihre jungen Blätter schoben. Auf dem Weg kniete die Weyerziskin. Sie trug das graue Kleid wie sonst, doch die Jacke war sorgsam genestelt, das frische Linnen puffte zwischen den Schnüren heraus, ein weißes Krausenkrägl war um die Schultern gelegt, und unter dem nonnenhaften Frauenhäubchen quollen die blonden Zitterlocken hervor. der rote Schimmer des Abends war um die junge Frau, die flink und fleißig schaffte, die geknickten und verdorrten Ästchen von den Rosenstöcken löste und die schwachen Zweige aufband an einen weißen Stab. Nun hielt sie inne in der Arbeit und beugte das Gesicht zu einem Stock. An einem der Äste musste sie eine Knospe gefunden haben. Zärtlich umschloss sie mit beiden Händen die Zweigspitze und küsste die werdende Blume.

   Madda hörte hinter sich einen schluchzenden Laut. Als sie sich umblickte, sah sie, dass dem Weyerzisk die Tränen über den Bart rollten. „Aber Meister! Warum denn weinen? Freuet Euch doch!“

   Da stürzte Josua auf die Knie und umklammerte die Jungfer. „Vergelts Gott! Tausendmal Vergelts Gott! Wie ein liebes Wunder ist Eure Hilf gewesen. Das muss Euch einkommen an Eurem eigenen Glück!“

   Lächelnd strich ihm Madda mit der Hand über das wirre Haar. „Komm, Joser, wir gehen zum Trudle.“ Als sie hinaustraten in den roten Abendglanz, kam der Schinagl gelaufen: „Jungfer, Ihr sollet heimkommen! Gleich! Fürnehmer Besuch ist da. Der edel Herr Kommissar!“

   Auf der Straße ging der Hällingmeister vorbei, zur Achenbrücke hinüber. Er stieg durch den Bergwald nur noch ein sachtes Rauschen war in den Wipfeln, um die der Rotglanz des Abends flimmerte. Ehe der Hällingmeister sein Haus erreichte, war dieses Leuchten erloschen. Ein schwer geschlossenes Gewölk bedeckte den Himmel. In der Nacht ging ein brausender Regen über Tal und Berge nieder. Dann brachte der Morgen klares Wetter.

   Vor der Frühschicht, gegen sechs Uhr, fuhr Jonathan in den Salzberg ein, um Adelwart abzuholen. Die Erstlingsschicht des Buben hatte achtzehn Stunden gedauert, um zu proben, was die Kräfte des neuen Schleppers aushielten. Als er Meister bei der Förderstelle das angeschleppte Gestein untersuchte, nickte er zufrieden vor sich hin. Kein tauber Brocken war darunter. „Auf den ist Verlass!“ Er stieg über den Leitergang hinauf in den Schacht; die Schläge der Spitzhauen klangen, in dem rötlichen Zwielicht schoben sich die dunkeln Gestalten durcheinander, und die nackten Oberkörper der Häuer schimmerten von Schweiß. Adelwart schleppte die Steine. „Wie ist’s gegangen, Bub?“

   „Nit schlecht.“ Man hörte aber doch die Erschöpfung aus Adels Stimme.

   „Du hast Dich besser gehalten als sonst die Neuen. Die sind allweil bergfertig gewesen nach der zwölften Stund.“ Jonathan ging auf die Häuser zu. „Ist wider den neuen Schlepper eine Klag?“

   Der Ferchner sagte: „Meister, an dem Buben hat das Hällingeramt einen Guten gefischt. Der schafft, als tät er nit wissen, was Müdigkeit ist.“ Da lachte der Michel Pfnüer.

   Das Geläut einer Glocke scholl von irgendwo durch das Bergwerk. „Schichtwechsel. Komm, Bub!“ Adelwart hob den Stein, nach dem er sich gebückt hatte, noch auf die Schleppe. Dann fuhren sie aus. Die Höhe, von der sie bei der Einfahrt hinunter geglitten waren, mussten sie auf Leitern ersteigen. Adelwart atmete auf, als sie den Fahrschacht erreichten und den Hund bestiegen. Mit sachtem Rollen ging es auf der Holzbahn durch die Finsternis hinaus. Die einfahrenden Rotten mit ihren schwankenden Grubenlichtern begegneten dem Hund. „Glück auf!“ Ungeduldig spähte Adelwart durch die Finsternis. Da blinkte etwas in der Ferne wie das Glanzlicht in einem Menschenauge. Es wuchs und wurde wie ein silberweißer Stern, wurde wie das Gleißen eines Fensters, in dem sich die Sonne spiegelt, immer größer, immer weißer, immer strahlender. „Allgütiger!“, stammelte der Bub. „Das Licht! Das Licht!“

   Jonathan legte ihm den Arm um die Schultern. „Spürst Du die Bergmannsfreud? Die allweil droben leben, die kennen das nit. Aus der Tief muss einer aufsteigen. Da weiß er erst, was er hat am Licht.“

   Sie fuhren hinaus in den schönen Tag. Hinter den beiden, in langer Reihe fuhren die Knappen aus. Die einen traten den Heimweg an, die anderen gingen zur Knappenstube, um sechs Stunden zu ruhen; ihre Frauen oder Kinder, die vor dem Stollentor warteten, hatten ihnen in Körben und Töpfen das Frühmahl gebracht. Draußen, vor dem Gehöft, regungslos an einen Baum gelehnt, stand die Freimannstochter, als wäre auch sie gekommen, um aus die Ausfahrt eines Knappen zu harren. Ihre Nähe reizte die Weiber zu lauten Schmähungen. Ein halbwüchsiger Bub nahm einen Stein von der Erde und warf nach ihr. Dicht vor ihren Füßen fiel der Stein ins Gras. Sie rührte sich nicht. Die Augen weit offen, spähte sie nach der Stelle, wo der Hällingmeister bei dem Buben stand.

   Der sah mit dürstendem Blick in den leuchtenden Morgen hinaus. Alle Farben waren rein und frisch, um alle Bäume zitterte das Licht der Morgensonne, und an den Blättern hingen vom nächtlichen Regen noch die glitzernden Tropfen. Kleine weiße Wolken schwammen am Himmel, und Glanz und Bläue war um die Berge gewoben.

   Jonathan sagte: „Glück auf, Bub! Jetzt geh zur Mutter heim und lass Dir’s wohl sein! Zwölf Stunden hast Du Zeit. Zur Abendschicht musst Du wieder einfahren.“ Da sah er das eingetrocknete blut am Nacken des Buben. „Jesus, was ist Dir denn geschehen?“

   „Ein Brocken ist von der Deck gefallen.“

   „Und ich hab Dich in einen Stollen getan, wo ich geschworen hätt, dass Du sicher bist! Lass Dir von der Mutter am Abend des Davids ausgenähte Kapp geben. Dann fahr ich zur Nachtschicht mit Dir ein, und wir schaffen in einem bösen Schacht, dass Du hören lernst, wie das Gestein kreistet und warnt.“

   „Ja, Meister! Glück auf!“

   Drüben, auf der anderen Seite des Gehöftes, sprang die Freimannstochter über die Straße und den buschigen Hang hinauf. Oberhalb des Stollentores leuchtete das scharlachfarbene Röckl zwischen den Erlen.

   Mit raschen Schritten folgte Adelwart seinem Weg. Als er zu einer Höhe kam, die ihm freien Ausblick gewährte, ließ er sich im Schatten einer Buche nieder. Deutlich konnte er das Haus des Wildmeisters und einen Teil des Gartens überschauen. Er sah das Beet mit den roten Aurikeln. Das Gehöft war leer. Nur manchmal ließ sich beim Scheunentor der Schinagl blicken. Da kam ein Reiter die Straße her, von einem Knecht begleitet. Vor dem Heckentürl des Wildmeisters sprang er aus dem Sattle, und der Knecht führte das Pferd davon. Peter Sterzinger kam aus dem Haus gelaufen, machte tiefe Bücklinge und geleitete den vornehmen Gast zur Tür. Im gleichen Augenblick sah Adelwart auf dem Wiesengehänge hinter dem Haus was Weißes blinken. Das Blut schoss ihm heiß in die Wangen. Sein scharfes Jägerauge hatte die Jungfer erkannt. Gegen den Stiftsberg klomm sie hinauf, verschwand in dem Holundergestrüpp, das auf dem Gehänge wucherte, und kam nicht wieder zum Vorschein. Er wartete und spähte immer hinüber. Die Erschöpfung zitterte ihm in den Muskeln, und das warme Schmeicheln der Sonne machte ihm die Lider schwer. Mit Gewalt überwand er den Dusel und erhob sich. Da flog ihm was Lindes gegen die Brust, und ein Veilchensträußl kollerte an ihm hinunter. Er guckte umher. Es war still im Wald. Lächelnd hob er die Blumen aus dem Gras und steckte sie auf die Kappe. Dann stieg er durch den Wald hinauf.

   Das alte Kätterle wartete schon vor der Hecke. „Bub! Wo bleibst Du denn so lang? Seit einem Stündl feuer ich allweil, dass Dir die Supp nit kalt wird.“ Sie zog ihn am Arm in das kleine Haus, belud den Tisch, setzte sich zu dem Buben, schob ihm alles zehnmal hin, guckte ihn immer an und erzählte vom David, bis sie sah, dass dem Adel die Augen zufielen vor Müdigkeit. Da schob sie ihn in die Kammer, in der das Bett schon gerichtet war. Ein dumpfer, bleierner Schlaf, zehn Stunden lang, bis zum Abend. Eine Stunde vor der Schichtzeit weckte das Kätterle den Buben. Sie hatte schon wieder gekocht und hatte ihm des Davids gepolsterte Stollenkappe zurechtgelegt. Während er den Imbiss nahm, fragte das Kätterle scheu: „Was hast Du auf Deiner Kapp für ein Sträußl getragen?“ Er sagte ihr, wie er zu den Blumen gekommen wäre. Das Kätterle bekam eine rote Stirn: „Die Veiglen hat Dir eine geworfen, die Dich binden hätt mögen.“

   „Binden? Mich?“

   „Ein dürres Zaunrübl hat sie hineingesteckt in das Sträußl. Ich hab mit einer silbrigen Nadel siebenmal durchgestochen und hab’s ins Feuer geworfen.“

   Ein wehes Lächeln zuckte um den Mund des Buben. „Da tu Dich nit sorgen, Mutter! Mich bindet keine.“

   Im Glanz des versinkenden Tages stieg er ins Tal hinunter, um zur Abendschicht in das Salzwerk einzufahren. Nicht weit vom Hällingeramt stand die Freimannstochter an einem Baum. Als sie den Buben kommen sah, ging sie ihm entgegen. Er grüßte. Da sah er das Aufbrennen ihrer hungrigen Augen, den huschenden Blick nach seiner Kappe. Der Zorn fuhr ihm ins Blut. Er trat auf sie zu. „Hast Du mir den Buschen geworfen?“

   Sie zitterte. Und schwieg.

   „Wenn Du redlich bist, so sag’s!“

   Sie nickte, sprang in die Wiese hinaus und rannte, dass der scharlachfarbene Rock um ihre Glieder flackerte wie eine Flamme. Als sie die deckenden Stauden erreichte, drückte sie die Zweige auseinander, spähte zur Straße hinüber und keuchte: „Kommen musst Du! Kommen! Zu mir! Und über den Weg! Und über den Steg! Du bist gefunden, Du bist gebunden! Dir ist’s im Blut! Und mir ist’s gut!“ Ein heißes Auflachen. Dann verschwand sie hinter den Stauden.

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