Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
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Kapitel 6

   Über Nacht war Föhnwetter eingefallen. Am Himmel jagten dichte, stahlblaue Wolken. Die Wipfel des Bergwaldes sangen ein brausendes Lied. Das rauschte so laut, dass die zwei Männer, die auf einem Waldweg niederstiegen zur Ache, das Reden hatten einstellen müssen, weil sie einander nicht verstanden in diesem Tosen des Sturmes: Jonathan Köppel, der Hällingmeister, und Adelwart, der das grüne Jägerkleid vertauscht hatte gegen das schwarze Leinengewand der Hällinger.

   Als der Wald lichter wurde und das Rauschen an Kraft verlor, legte Adelwart dem Alten die Hand auf den Arm. „Das musst Du mir noch sagen, Meister, wie’s gekommen ist, dass Dein David so jung hat sterben müssen.“

   „Er ist zu Grödig auf einen Baum gestiegen.“

   „Und heruntergefallen?“

   Schwer atmend schüttelte der Hällingmeister den Kopf. „Der Schmied von Grödig hat ihn herunter geschnitten.“

   „Jesus!“, stammelte Adelwart.

   „Der Bub hat sein junges Herz an ein Mädel zu Grödig gehangen. Die war dem Schmied sein einziges Kind. Eine saubere, fleißige Dirn! Unser Bub ist selig gewesen. Bloß warten hat er noch müssen, bis er Häuer wird und ein Hausrecht kriegt. Am Palmsonntag, vor acht Jahr, hat ihm das Hällingeramt sein Recht gegeben. Und am Ostermontag ist der Bub von Grödig heimgekommen wie ein Narr: Man hätt sein Lenle in Salzburg eingezogen zum roten Malefiz, weil sie Buhlschaft gehalten hätt mit dem Teufel und schwanger wär.“

   Adelwart fragte mit zerdrückter Stimme: „Meister? Wie kann denn so ein Gered unter Menschen kommen?“

   „Wird’s wohl ein Weibsbild angegeben haben, aus Eifersucht. Der Bub ist hinein auf Salzburg und hat’s zugestanden, dass er sich heimlich mit dem Lenl gefunden hätt. Aber man hat den Buben in Salzburg nit zum Schwur gelassen. Ich denk halt, weil er mein Bub gewesen ist.“

   „Meister? Dein Bub? Das hätt doch Grund sein müssen für guten Glauben.“

   Jonathan bückte sich, hob vom Weg einen dürren Ast, den der Sturm gebrochen hatte, und warf ihn über den Waldsaum. „Da könnt eins drüber stolpern in der Nacht!“ Dann ging er weiter. „Nach dem weißen Sonntag hat’s geheißen, dass dem Lenle sein Prozess zum Guten stünd. Das Mädel ist dreimal fest geblieben bei der scharfen Frag und hat nur einbekannt, sie wär meinem Buben gut gewesen. Da hat ein Freimannsgesell drei Kröten vor dem Richter hergewiesen: Die hätt das Lenle geboren im Hexenturm.“

   „Barmherziger Herrgott! Das ist doch Narretei!“

   „Die studierten Herren glauben’s, Bub! So ist das Lenle verbronnen worden. Und mein David, vor dem Lenle seinem Fenster, ist auf den Birnbaum gestiegen, der nit weit von Grödig steht, müsst über Nacht einmal der Frieden und das lautere Gottesreich herunterfallen auf die armen Menschenseelen. Das glauben die Leut schon tausend Jahr! Der Weg zum lauteren Gottesreich ist kürzer als bis zum Walser Feld. Bloß sieben Schuh hinunter! Mein David kennt das Sträßl. Der ist, wo ewig der Frieden hauset.“

   Adelwart sah umher, als wäre ihm der Glaube an das Bild der Welt zerbrochen. Was seine Blicke fanden, war auch in Sturm und Kampf noch schön, unter den stahlblauen Schleiern des trüben Tages. Und die hoffende Jugend in seiner Brust begann sich zu wehren gegen das Kalte, das sein herz zu umklammern drohte. Er schlang den Arm um die Schulter des Meisters. „Ich will Dich lieb haben! Dich und Dein Weib! Und will Euch sein wie ein rechter Sohn. Das därf ich, gelt?“

   „Vergelts Gott, ja! Mein Weib hat eh schon ihr hungriges Mutterherz für Dich aufgetan wie einen Brunnen.“

   „Ich hab’s in Freuden gemerkt.“

   „Heut in der Früh, da hat sie noch gesagt zu mir, Du tätst so einen langen Namen haben. Wenn Dir’s recht ist, tät sie Dich Adel heißen.“

   „Die Mutter soll mich heißen, wie’s ihr passt!“

   „Nachher sag ich halt auch so, gelt?“

   Sie reichten sich einander die Hände.

   Der Waldweg führte zu einer Wiese, die ein hoch gezäuntes Gehöft umschloss. Weil der Bauer, der da hauste, dem Hällingeramt als Fuhrmann diente und jede Woche nach Salzburg karrte, trug ihm Meister Köppel auf, den Koffer des Buben aus dem ‚Goldenen Stern’ zu holen. Dann stiegen die beiden zur Ache hinunter. Der Hällingermeister guckte, ob niemand in der Nähe wäre. Dann sagte er leise: „Wenn die Leut hören, dass Du bei mir im Haus bist, wird Dich manchmal einer anreden. Der wird die Hand auf seine Augen legen, wird die Hand wieder fallen lassen und hinaufschauen zum Himmel.“

   „So hat der Bauer getan, den ich in der Nacht gefragt hab nach Deinem Haus.“

   „Der hätt gern wissen mögen, ob Du evangelisch bist. Mein Weib und ich, wir sind’s.“

   „Ich hab’s gemerkt, wie ich Euch in der Morgenstund hab beten hören!“, sagte Adelwart. „Das soll keine Mauer sein zwischen Dir und mir. Lass mir meinen Herrgott, ich lass Dir den Deinigen. Sollen’s die zwei miteinander ausmachen. Wir Menschenleut wollen fest zueinander halten.“

   Der Hällingmeister legte die Hand auf den Arm des Buben. „Tät jeder denken wie Du, so wär Fried im Land. aber das mag man nit. Jeden Seelenbalg wollen sie über das gleiche Brettl ziehen. Die luthrischen Pastoren grad sowie die römischen Pfarrherren. Derzeit ich ohne Prediger auskomm, freut mich mein Glauben erst. Und keiner macht mich irr!“

   Adelwart schien nur mit halbem Ohr zu hören. Sein Blick war hinüber geglitten zu den Birnbäumen, unter deren Laubdach sich das Haus des Wildmeisters an den Stiftsberg schmiegte. Und da tat er einen Atemzug, dass der enge schwarze Janker in allen Nähten krachte.

   Inzwischen redete der Hällingermeister mit leiser Stimme weiter: „Mein Vater selig hat mir’s oft erzählt – vor die siebzig Jahr, da ist die evangelische Gemeind im Berchtesgadener Land an die vierzehnhundert Seelen stark gewesen, mit einem luthrischen Prediger, wie man’s den Evangelischen nach dem Bauernkrieg im Salzburger Landfrieden zugestanden hat. Ewigen Streit hat’s abgegeben zwischen dem Prediger und dem römischen Pfarrherrn. Halbe Tag lang haben sie lateinisch gefochten und Disputates gehalten. Derweil sind die alten Leut gestorben, Kinder sind zur Welt gekommen und die Menschen sind froh oder elend geworden.“ Der Alte lachte müde vor sich hin. „Am End haben die Stiftsherren den Hader satt gekriegt. Man hat den Prediger zum Land hinausgeschmissen und hat den Janker wieder umgedreht. Viel hundert Leut sind unter Not und Zwang wieder römisch worden, mancher mit Haut und Seel, die mehrsten bloß mit dem Daumen. Ich hab das Kreuz noch nie gemacht. Lieber soll mir der Arm verdorren. Mich lassen sie auch in Ruh. Weil sie mich brauchen. Ich kenn den Salzberg wie meine Stub. Sie täten sich schwer im Hällingeramt, wenn ich nimmer wär. Drum drucken sie zwei Augen zu. Im Kirchbuch, sagt der Pfarrherr, steh ich als römisch drin. Meinetwegen! Was hat ein Federspritzer mit meiner Seel zu schaffen? Tät man die Heimlichen zählen, so müsst man viel hundert Strich durch das römische Kirchbuch machen.“

   Die beiden erreichten die Straße, die von der Achenbrücke zum Hällingeramt und zum Salzberg führte. Sausend pfiff der Föhn über die Wiesen hin. Einen schweren Holzblock auf der Schulter, ging einer mit jagendem Schritt an den beiden vorüber, der Brücke zu. Wie lachendes Träumen sprach es aus seinem heißen Gesicht, aus seinem leuchtenden Blick. „Gotts Gruß, Meister Weyerzisk!“, rief ihm der Alte nach. „Heut schaust Du aber hell ins Leben!“

   „Gelt?“ Josua drehte sich um. „Mein Trudle hat einen Tag, so gut, wie schon lang nimmer!“ Jetzt erkannte er den Buben in den schwarzen Knappenkleidern und sah ihn verwundert an. Er schien was sagen zu wollen, ging aber davon, als könnte er’s nicht erwarten, da hinüber zu kommen, wo das kleine Haus unter den rauschenden Ulmen stand.

   Adelwart blieb schweigsam. Das war die Stelle, an der ihm der edle Herr von Sölln begegnete. Hier hatte seine Freude begonnen, sein frohes Hoffen. Über die gleiche Stelle ging der Weg, der ihn hinunterführte in die Nacht. Um bleiben zu können, hatte er nach dem Dienst gegriffen, den ihm der Hällingmeister geboten. Das Scheiden von der Freiheit, vom grünen Wald und vom hellen Himmel wurde ihm schwer. Stumm blickte er über das Gehäng des Salzberges hin, an dessen Fuß ein schwarzes Stollentor gähnte, in der Ferne klein wie ein Maulwurfsloch.

   Der Alte schien zu erraten, was in dem Buben vorging. „Vor dem Berg musst Du keine Scheu nit haben! Es dauert nit lang, und Du hast ihn lieb. Da drunten ist allweil ein Wunder um Dich her. Jedes glitzrige Steinl hat eine Zung, die von Gottes Allmacht redet. Und die Nacht da drunten macht Dir den Tag umso lieber. Sooft Du ausfahrst und das Taglicht glänzen siehst, das ist Dir allweil, als tätst Du neu geboren werden. Jedes Mal tut Deine Seel den Schrei: Herr Gott im Himmel, wie schön ist Dein Werk!“

   Den beiden kam auf der Straße ein Weibsbild entgegen, den Kopf mit einer Kapuze bedeckt, in einen weiten Lodenmantel gehüllt. Seine Falten rauschten im Wind. Nun blieb sie stehen, wie erschrocken.

   Jonathan Köppel fasste den Buben am Arm und zog ihn von der Straße weg in die Wiese. „Komm! Es soll unser Schuh weg in die Wiese. „Komm! Es soll unser Schuh den Staub nit treten müssen, durch den das Weib da geht!“

   Adelwart erkannte die Freimannstochter. Der Wind hatte ihr die Kapuze vom Kopfe gestreift und blähte den Mantel auf, dass das scharlachfarbene Röckl und das gelbgeblumte Mieder herausleuchteten. Ihr Gesicht war bleich geworden, die Augen funkelten vor Zorn, und mit der Hand machte sie eine Bewegung, als möchte sie einen Stein von der Straße raffen, um ihn nach den beiden Männern zu schleudern. Ein heftiges Zittern befiel ihren Körper, und der Ausdruck hilflosen Kummers sprach aus ihren verstörten Zügen. So stand sie mit schlaffen Armen. Dann sprang sie wie eine Irrsinnige in die Wiese und fasste Adelwart mit zuckenden Händen an der Brust. Ganz von Sinnen, als hätte die Kränkung dieses Augenblicks alle Bitterkeit ihres Lebens aufgerüttelt, schrie sie an ihm hinauf: „Was gehst Du mir aus dem Weg? Bin ich ein wütiger Hund? Oder bin ich die Pest? Was kann ich dafür, wenn mein Vater tun muss, was ihm die Herren befehlen? Unchristen, ihr! Zwinget die Leut nit, dass sie morden! So brauchet ihr keinen, der sie schindet und henkt. Wenn einer hungert, so gebt ihm Brot! Da muss er nit stehlen. Wenn einer leidet, den machet gesund! Da muss er nit hassen. Was kann ich dafür? Bin ich nit Fleisch und Blut wie Du? Hab ich nit auch ein Herz, das dürstet und brennt? Hab ich nit grad so ein Recht auf Güt und Freuden? Was gehst Du mir aus dem Weg? Was tust Du mir weh in die Seel hinein? Was hab ich verschuldet an Dir?“

   Adelwart fasste sie bei den Händen und schob sie von seiner Brust. „Ich hab Dir nit wehtun wollen!“, sagte er ruhig. „Ich seh, dass Du leidest, will Dir nimmer aus dem Weg gehen und will Dich grüßen wie jeden, der mir auf der Straß begegnet.“

   Die Freimannstochter starrte den Buben an wie ein Ding, an das man nicht glauben will. Und als die beiden davongingen, fiel sie nieder ins Gras, drückte das Gesicht in die Hände und brach in Schluchzen aus.

   Bevor Adelwart aus der Tiefe hinaustrat, sah er sich um. „Was kann das armselige Ding dafür, dass sie Blut ihres Vaters ist.“ Da tauchte die Erinnerung an die Fische in ihm auf und an das Fett, mit dem sie gefangen waren. Ein Grauen rüttelte seine Schultern.

   Der Hällingmeister blickte finster vor sich hin. „Dass sie Blut ihres Vaters sein muss, ist nit ihr ganzes Elend. Oder erst recht ihr ganzes! Eine Jungfer. Und hat ein Weibsgesicht. Mich geht ein Schauder an, sooft sie mir über den Weg läuft.“ Ein paar Schritte ging er schweigend die Straße hin. Dann sagte er hart: „Der Zwanzigeißen ist Freimannsknecht in Salzburg gewesen, wie sie meinem David sein Glück verbronnen haben. Sechs Jahr ist’s her, da ist er bei uns im Land der Freimann worden und hätt hinter jedem Kuchelfenster eine Hex gesehen. Die Hexensportel ist hoch. Drum hat er die Leut zum Klagen angestiftet. Aber wie der erste gekommen ist und hat geklagt, da hat der edel Herr von Sölln den Kläger peitschen lassen auf dem Markt. Derzeit ist’s keinem mehr eingefallen, dass er bei uns im Land eine Hex gesehen hätt.“

   Ein tiefes Rollen klang im Brausen des Föhns die Straße einher, der dumpfe Lärm der Mühle, in der die Salzsteine gebrochen wurden. „Da ist das Hällingeramt!“, sagte der Alte. „Wirst Du Dich nit verschnappen, Bub?“

   Adelwart schwieg.

   „Das Lügen ist Dir ein hartes Stückl, gelt?“

   Der Bub nickte.

   „Mir selber auch. Aber wenn Du bleiben willst, so geht’s nit anders.“ Sie sprachen kein Wort mehr, bis sie zur Tür des Hällingeramtes kamen. „Tu warten, bis ich mit dem Bergschreiber geredet hab.“ Der Meister trat in das stattliche Haus. Zu ebener Erde lag die Stube des Bergschreibers, in der die Wände mit großen Karten des Salzberges und seiner Schächte behangen waren. Dieser Berg schien seine Geheimnisse zu haben. Auf der Karte liefen die festen Striche häufig in punktierte Linien aus, Kreise waren eingestichelt wie die Ufer mutmaßlicher Seen, und große Flächen waren weiß, wie auf Karten unerforschter Länder. Beim Fenster, vor einem Pult, stand der Bergschreiber. Sein Haar war mit dem Brenneisen gelockt, und ein weißer Spitzenkragen lag säuberlich über das schwarze Wams gebogen. Das Gesicht war gutmütig und heiter. Er steckte die Kielfeder hinters Ohr. „Glück auf, Meister! Ist was in Fürlauf?“

   Der Alte fing ruhig zu sprechen an: Wie die Herren wüssten, wär’ bei seinem Haus ein Häuerrecht; und wie die Herren wüssten, wären von seinem Vater selig drei Geschwister außer Lands gezogen – warum, das wüssten die Herren auch. Zwei Schwestern wären mit ihren Ehmännern hinunter ins preußische Land; der jüngste Bruder wär’ zu Passau geblieben und einem schmucken Mädel zulieb wieder römisch geworden.

   „Meister, da hättet Ihr sagen sollen: Dem wahren Gott zulieb.“

   „Freilich! Ein Studierter setzt die Wörtlein fürsichtiger als unsereins.“

   Und da wären nun die zwei, die sich um des wahren Gottes willen lieb gewonnen, bald hintereinander gestorben. Und ein Bub wär da. Der hätte als Jäger gedient. In seiner Einschicht hätt er sich auf den Vetter zu Berchtesgaden besonnen. „Ich hab den Buben lieb. Weil er meinem David so viel gleichschaut. Und so geb ich aufs Protokoll, dass ich dem Buben meines Davids Häuerrecht vererben will. Das ist mein Recht. Ich hab den Buben gleich mitgebracht, dass er einfahren soll zur Schicht.“

   „Da redet kein impendimentum dagegen.“

   „Eine Bedingung muss ich machen: Dass mein Vettersbub nur vierzehn Tag als Schlepper dient, vierzehn Tag als Hundstößer, und dass ihm die Herren nach einem Monat das Häuerrecht zusprechen.“

   Der Bergschreiber zog die Brauen in die Höhe. „Kann nit sein, Meister! Wär gegen alles Herkommen.“

   „Wird aber doch geschehen müssen. Ich bin kein junger Has nimmer. Die Herren wissen, dass ich den Salzberg kenn wie keiner. Das hat sich von Urgroßvaters Zeiten her bei uns vererbt: Wo die alten Stollen und Sunken liegen, und wo der Berg noch Jungfer ist. Mir hat’s mein Vater gewiesen, und ich hätt’s meinem David gesagt. Jetzt will ich’s dem Buben vererben. Wie bälder er Häuer ist, so bälder haben die Herren einen künftigen Meister, der den Salzberg kennt, und auf den sich das Stift verlassen kann.“

   Der Bergschreiber zog die Kielfeder unter dem Lockendächl hervor und kraute sich mit der Fahne die Nasenspitze. Es handelte sich da um ein schwerwiegendes Ding. Tatsache war es, dass es zumeist schief ausgegangen war, wenn man wider den Rat des Hällingmeisters ein neues Sinkwerk angelegt hatte. Man musste den Alten vorsichtig behandeln, um seine Wissenschaft dem Stift nutzbar zu erhalten. „Was Ihr da fürbringt, lieber Meister, ist ein casus, über den ich allein nit dezidieren kann. Von meiner Seite aus soll der Bub kein Impediment erfahren. Bringet also Euren Patruelen ruhig her!“

   Der Bub wurde in die Stube geholt. Vor Erregung war ihm die Stimme ein bisschen heiser, als er seinen Namen zu Protokoll gab: „Adelwart Köppel!“ Seine Ähnlichkeit mit dem David war so überzeugend, dass der Bergschreiber über einige Dunkelheiten des Jägerpasses leicht hinüberkam. Adelwart musste vor dem Kruzifix seinen römischen Glauben bekennen und den Knappeneid schwören. Dann wurde er als Schlepper aufgenommen. Der Alte führte ihn hinüber in die Knappenstube, schnallte ihm das Fahrleder um die Hüften und hakte ihm das brennende Grubenlicht an den Gürtel. „Tu das Licht wahren, Bub! Das Licht ist unser Segen in der Tief.“ Sie schritten über den Hof, dem mit rotem Marmor ausgemauerten Tor eines Schachtes zu. „Glück auf!“, sagte Meister Köpppel, als er, in der Hand das Grubenlicht, den dunkel gähnenden Schacht betrat. „Das ist unser Gruß im Berg. Das Glück ist das mindere Wörtl dabei, das bessere Wörtl ist das Auf! So musst Du’s sagen: Glück a u f!“

   Dem Buben, dem dieser Bergmannsgruß wie eine Verheißung klang, war das Blut ins Gesicht gestiegen. „Glück a u f, Meister!“

   Voraus der Alte, Adelwart hinter ihm, so schritten sie schweigend in die Finsternis hinein, immer entlang der hölzernen Hundsbahn. Die beiden Grubenlichter warfen nur eine matte Helle auf den feuchten Boden und gegen die ausgemauerte Schachtwölbung. Manchmal ein feines Geglitzer an den Wänden, ein Gefunkel der weißen Sickergebilde, die aus den Fugen der Deckenwölbung herausgewachsen waren. Und immer das leise Rauschen und Glucksen der zum Pfannhaus führenden Solenleitung und der in Röhren gefassten Schadwässer. Wohl hundertmal drehte Adelwart das Gesicht zurück nach dem Stollentor. Immer kleiner wurde die Helle, die der Tag herein warf in die Finsternis, doch immer weißer wurde sie, immer strahlender; jetzt war’s wie ein Blinkschein der Sonne auf einem Fenster, jetzt wie ein silberweißer Stern, jetzt wie das Glanzlicht in einem Menschenauge – und jetzt erlosch der winzige Schimmer, als hätte das freundliche Auge, das den beiden von da draußen nachschaute, sein Lid geschlossen.

   Der Weg, den die beiden gingen, wollte kein Ende nehmen. Bei diesem stummen Hinschreiten durch die Finsternis erwachte in Adelwart alles Erlebnis der verwichenen Nacht. Wie ihm das Herz gehämmert hatte, als er zu Madda das letzte Wort gesprochen! Das letzte? Wenn es das letzte wäre, warum dann blieb er? Wozu hätte er in der Nacht das Haus gesucht, in dem er Hilfe zu finden hoffte? Mitten im Wald stand es. Die winzigen Fenster leuchteten. Er pocht. Der Hällingmeister kommt heraus, hält den Buben lang bei den Händen, geht ins Haus und Adelwart hört ihn sagen: „Kätterle, denk, jetzt steht da draußen der Bub, der unserem David so viel gleich schaut!“ Ein leises Gestammel: „Jesus! Wo ist er denn?“

   Eine kleine weiße Stube. Neben dem Tisch ein gebeugtes Weibl, mit erschrockenen Augen, die an dem Buben hängen und sich nit satt schauen können an seinem Gesicht. In der vereinsamten Mutterseele erwacht ein Funke der unerloschenen Liebe. Das Kätterle läuft und bringt, was es zu geben hat. Während der Meister den Buben an den Tisch nötigt, rennt das Kätterle und richtet die kleine Kammer, die seit acht Jahren unbewohnt gestanden hat. Ganz verheulte Augen hat das Weibl, als es wieder in die Stube kommt. Zitternd rückt sie dem Buben alles hin, streift ihm zaghaft übers Haar, wird immer zutraulicher und redet sich hinein in die Täuschung, als wäre nach allem Tod ein warmer Herzschlag ihres Glückes wieder lebendig worden. Und wie der Meister keinen Rat weiß, wo für Adelwart ein Dienst zu suchen wär’, findet das Kätterle gleich den Ausweg: Dass man dem Buben das Davids Häuerrecht vererben könnte! „Geht’s im Graden nit, so muss man halt die Sach ein bissl biegen!“ Der Hällingmeister schüttelt den Kopf. Aber das Kätterle sagt: „Da tät ich dem Teufel ein Ohr weglügen, bloß dass wir den Buben haben dürfen im Haus.“

   Jetzt Lächelte der Hällingmeister. „Was eine Mutter ist, kann lügen und stehlen für ihr Kind, und meint noch allweil, es wär eine Guttat, für die ein Lob ist droben im Himmel.“

   „Es gibt viel Lügen“, sagt das Kätterle, „die besser sind, als Wahrheit ist!“ Und wer kann denn schwören drauf, dass der Bub nicht Blut wär von ihrem Blut? Es muss doch eine Ursach haben, dass er dem David gleichschaut wie ein Bruder? Jetzt wird auch der Hällingmeister nachdenklich. „Freilich, die Lebensweg laufen überzwerch wie die Schächt im Berg.“ Seines Vaters jüngster Bruder, das weiß er, ist vor zwanzig Jahren in Passau gestorben. Aber von des Vaters Schwestern hat er im leben keinen Laut mehr gehört. Da kann mancherlei geschehen sein. Der Meister rechnet. Das will nicht stimmen. Keine Vermutung will mit Adelwarts Geschichte klappen. Seine sterbende Mutter hat doch in einer fremden Sprache geredet. Ob der Bub nicht das Kind vornehmer Leute wäre, die, glich hundert anderen, ein Opfer der bösen Zeit geworden? Das wollten schon im Buchberger Schloss die schwatzlustigen Mägde dem Buben immer einreden. Er hat auf solch ein müßiges Spintisieren nie hören wollen. „Was hinter mir liegt, ist tot und begraben. Ich will mein Leben fürwärts suchen.“ Und diese Ähnlichkeit mit dem David? Vor Jahren hat ihm der Schlosskaplan einmal gesagt, dass in der Welt an jedem Tag hunderttausend Menschen sterben und hunderttausend und hundert geboren werden. Wenn der Herrgott an jedem Tag so viele Menschengesichter machen muss, da kann ihm das gleiche Gesicht wohl zwei- und dreimal einfallen. Und warum des Buben Vater und Mutter erschlagen wurden? Als unerschütterlicher Glaube saß es in seinem Herzen, dass sein Vater kein schlechtes Stück getan haben könnte. Die Zeiten sind hart, große Herren sind leicht geärgert, und im Deutschen Reich sind die Straßen ein Totenacker worden, auf dem nur die Grabsteine und Kreuze fehlen. Kann auch sein, dass des Buben Vater und Mutter, als fremdländische Leute, um ihres Glaubens willen flüchten mussten, und dass ein ketzergericht hinter ihnen her war.

   Wie der Bub das ausspricht, sehen sich der Hällingmeister und das Kätterle plötzlich an und bleiben stumm.

   Adelwart presst die Hand an seine Stirn. „Solche Fragen kommen mir oft. Es hat keinen Nutzen nit. Wo der Hirsch in einen See gestiegen, ist die Fährt verloren, und da muss man das Suchen aufgeben.“ Jetzt hat er den Herrgott, den ihm eine barmherzige Kindheit im Buchberger Pfarrhaus ins Herz gelegt. An dem will er festhalten. Und deutsche Luft hat er geatmet, ist groß gewachsen im deutschen Wald, redet mit deutscher Zunge, spürt in seinem Herzen die deutsche Not und will seiner deutschen Heimat zugehören in Weh und Freuden.

   Das Kätterle sagt beklommen: „Freilich, die Zeit ist so, dass sie alltags aus tausend Menschen was anders macht. Was für Volk ist alles, derzeit ich leb, durchs Berchtesgadener Land gelaufen, böhmisch und spanisch, italienisch, französisch und ungarisch. Deutsche Leut haben gefremdelt, und Fremde sind Deutsche worden. Wie’s gehen kann, hat man an Wildmeisters Weib und Schwägerin gesehen.“

   Dem Buben fliegt es heiß über die Wangen. Mit Herz und Ohren horcht er auf.

   Da hat in der Nacht einmal zu Berchtesgaden vor dem Leuthaus ein Karren gehalten. Ein mageres Männlein mit langem Schwarzhaar ist ausgestiegen und hat zwei Kinder bei sich gehabt, ein fünfjähriges Mädchen und ein winziges Dingelchen, das noch nicht laufen konnte. Der Vater hat schlechtes Deutsch geredet und italienisch geflucht. Weil er keinen Kreuzer Geld hatte, wollte ihn der Leutgeb nicht ins Haus lassen. Ein Spießknecht führte den scheltenden Mann mit seinen Kindern in die Vagantenstube des Klosters. Tommaso Barbière hieß er, ein Musikus und Instrumentenmacher. Seit zehn Jahren war er in Sachsen Organist in einer Kirche gewesen. Da hatten sie die Geigen, die Flöten und Pauken, die ganze schöne Musik aus der Kirche hinausgeworfen. Tommaso Barbière hatte keine Stelle mehr gefunden und wollte sich in seine Heimat durchschlagen. In Berchtesgaden hielten sie den Fremden fest. Er sollte in der Stiftskirche die Orgel reparieren, deren Pfeifen und Bälge noch an den Schäden litten, die sie im Bauernkrieg abbekommen hatten. Des Wildmeisters Mutter fühlte Erbarmen mit den beiden mutterlosen Kinderchen – Teresa und Maddalena hießen sie – und räumten ihnen und ihrem Vater eine Dachstube ein. Drei Jahre hatte Tommaso Barbière zu arbeiten, bis er die verdorbene Orgel wieder zu schönem Klang brachte. Da tat er, am letzten Tag nach vollendeter Arbeit, auf der Chortreppe einen Fehltritt, an dem er sterben musste. Teresa und Maddalenchen blieben im Haus der Wildmeisterin. Zehn Jahre später nahm Peter Sterzinger die Teresa zu seinem Weib. Ein kurzes Glück! Bei einem Maitanz starb die junge, blühende Frau an einem kalten Trunk. Und Madda – –

   Adelwart schrak aus seinen Gedanken auf. Ein dumpfes Dröhnen hallte von irgendwo durch den finsteren Schacht. „Schichtwechsel!“, sagte der Hällingmeister. Gleich darauf rollten vier Hunde an den beiden vorüber, auf jedem Wagen sechs Knappen mit ihren Grubenlichtern. Eine Weile noch wanderten sie. Dann gähnte vor Adelwarts Füßen etwas wie eine schwarze Brunnentiefe. „Da fahren wir ein.“ Der Hällingmeister setzte sich rittlings auf einen schrägen Balken. „Setz Dich her hinter meiner, tu den linken Arm um mich und pack das Seil mit der Rechten! Die Hand musst Du mit dem Faustleder wahren, sonst brennt Dir das Seil die Finger weg.“ Der Bub gehorchte. „Glück auf!“, sagte der Meister. Dann ging’s mit sausender Fahrt hinunter in die Tiefe. Nun standen sie wieder auf festem Boden. Der trübe Schein der Grubenlichter verlor sich in einer weiten Halle. Wundersame Gebilde hingen von der flachen Wölbung nieder, und den beiden zu Füßen schimmerten Hunderte von beweglichen Punkten: Zitternde Lichtreflexe auf einem schwarzen, leicht bewegten Wasser. „Jesus!“, stammelte Adelwart. „Ein See!“

   „Da ist vor Jahren ein Sinkwerk nieder gebrochen. Ich hab’s ihnen fürgesagt, aber sie haben nit gehört auf mich. Unter dem Sinkwerk ist alter Bau gewesen, alles muhrig im Berg. Droben im Licht, da steht ein Wald. Vor fünfhundert Jahr ist droben noch alles ein Sumpf und Moor gewesen. Selbigs Mal ist der edel Graf von Sulzbach beim Gejaid in die Muhren eingebrochen. Sein Ross ist versunken, aber der Graf ist wieder in die Höh gekommen und hat ein Verlöbnis getan. Gehalten hat er’s nit. Erst seine Kinder haben zum Vergelts Gott das Berchtesgadener Land an den heiligen Martin geschenkt.“

   Aus der weiten Halle lief ein Stollen in den Berg hinein. Dann ging es, neben einem Gleitschacht für das Gestein, über hölzerne Leitern hinauf. Der Stollen erweiterte sich zu einem Bruchraum, in dem man die Spuren frischer Arbeit sah. Drei Grubenlichter hingen an der flimmernden Steinmauer, in dem man die Spuren frischer Arbeit sah. Drei Grubenlichter hingen an der flimmernden Steinmauer, und die frisch gebrochenen Salzsteine waren mit dem tauben Gestein zu großen Haufen übereinander geworfen. „So, Bub! Glück auf zum Werk!“ Der Hällingmeister begann die Unterweisung für die erste Arbeit, die Adelwart zu leisten hatte: Das salzhaltige Gestein von dem tauben Bruch zu sondern und auf einer Holzschleppe hinüberzuziehen zum Gleitschacht, durch den es zur Förderstelle hinunterfuhr. Das war bald gelernt. Schweigend schaffte der Bub. Manchmal heilt er für ein paar Augenblicke inne: Wenn er unter den rotgelben Salzsteinen einen kristallklaren Brocken fand. Das schimmerte beim Grubenlicht so glasigbunt, dass sich Adelwart nicht satt schauen konnte. Man hörte Stimmen vom Leiterschacht. Der Hällingmeister sagte leise: „Vergiss nit, was ich Dir gesagt hab! Lass Dich mit den Hällingerleuten in kein Reden und Streiten ein! Heut bis Du der Mindest unter ihnen. Über vier Wochen bist Du Häuer!“ Man hörte Getrappel auf der Leiter. „Tu Deine Arbeit und kümmer Dich um nichts. Sorg brauchst Du keine haben. Der Platz ist sicher.“

   Schwarze Gestalten, jede mit dem Grubenlicht am Gürtel, kamen von der Leiter her. „Glück auf!“ Den Meister kannten sie, den neuen Schlepper sahen sie verwundert na. Eine grobe Stimme sagte: „Das ist doch ein Fremder? Dass man einen Fremden her tut in unseren Berg, ist wider das Heimrecht von uns Hällingern.“ Alle die dunklen Gesichter drehten sich nach dem Buben hin, während der Meister antwortete: „Das ist der Adelwart Köppel, ein Bub von meinem Vatersbruder. Der ist eingefahren auf meines Davids Recht.“ Ohne zu antworten, machten sich die Knappen an die Arbeit. Einer hob das Grubenlicht und ließ den Schein auf das Gesicht des Buben fallen. Ein raues Lachen. „Guck, Du! Willst Du fuchsgraben im Salzberg?“ Adelwart richtete sich auf. Da ging der andere schon davon. In diesem Gezitter zwischen Finsternis und Zwielicht, in diesem Durcheinander der schwarzen Gestalten fand der Bub den rechten nimmer heraus. Die Stimme hatte er deutlich erkannt. Es war der Michel Pfnüer, dem Adelwart im Garten des Leuthauses die Hosen gelupft hatte. Nun wusste er, dass er in diesem Dunkel einen Feind hatte, vor dem er sich hüten musste. Er hob so schwere Steine, dass die anderen Schlepper verdutzt nach seinen eisernen Armen lugten. „So! Schaff nur, Adel!“, sagte der Hällingmeister. „Bis zum Schichtwechsel komm ich wieder.“ Mit dem Grubenlicht am Gürtel ging er davon.

   Eine Weile taten die Knappen schweigend ihre Arbeit. Dann fingen sie mit kurzen Worten zu schwatzen an. Immer, wenn der Michel Pfnüer was sagte, lachten die anderen. Dem Buben stieg das Blut in den Kopf. Dieses sonderbare Kauderzeug verstand er nicht und fühlte doch: „Jedes Wort ist eine versteckte Bosheit gegen mich!“ Plötzlich trat er auf den Michel zu. „Lass mich in Fried!“ Der Pfnüer drehte nur das dunkle Gesicht, während die anderen Knappen verdrossen gegen den Buben losfuhren. Was ihm denn einfiele? Das ginge nicht an, dass ein Schlepper wider einen Häuer aufmucke. Wortlos kehrte Adel zu seiner Arbeit zurück. Und schaffte. Eine Stunde um die andere. Als er sich wieder einmal bückte. Spürte er am Hinterkopf einen Schlag, dass er taumelte. Ein paar von den Knappen lachten spöttisch. Einer sagte: „Da ist ein Brocken von der Deck gefallen.“ Und der Michel Pfnüer, während er die Spitzhaue schwang, plauderte gemütlich vor sich hin: „Im Berg muss einer Ohren haben! Man muss die Brocken kreisten hören, eh sie fallen, und muss den wehleidigen Grind auf die Seit tun.“ Er lachte. „Wildbretschießen wär leichter.“

   Adel biss sich auf die Lippe und schwieg. Er spürte einen brennenden Schmerz und griff an den Nacken. Da lief es ihm warm über die Finger. Beim Grubenlicht besah er seine Hand. Ganz rot war sie. Ein alter, graubärtiger Knappe, der sich am Schwatzen und Lachen der anderen nicht beteiligt hatte, kam auf ihn zu. „Blutest Du, Bub?“ Schweigend wies im Adel die Hand. „Komm, ich führ Dich zum Wasser.“ Sie stiegen durch den Leiterschacht hinunter zum See. Das salzige Wasser brannte in der Wunde, aber das Blut war bald gestillt, und der Knappe half noch mit einer Talgsalbe, die er in einer kleinen Holzkapsel bei sich trug. „Vergelts Gott!“, sagte Adelwart. „Der Stein ist nit gefallen. Den Brocken hat einer geworfen.“

   „Ich mein’ doch, dass er gefallen ist.“ Der Alte lauschte in die Finsternis der weiten Halle. Dann hob er mit der Linken die Grubenlampe, deckte die rechte Hand über die Augen, ließ sie wieder fallen und richtete den Blick zur Höhe.

   „Du tust Dich irren!“, flüsterte Adelwart. „Sorg musst Du nit haben, weil Du Dich verraten hast. Ich bin Dir gut.“ Die Hand in den Nacken pressend, blickte er über das schwarze, von Lichtgeflimmer überzitterte Wasser. „Sag mir Deinen Namen!“

   „Ich bin der Ferchner. Lass Dir raten, Bub! Der Meister soll Dich einer anderen Rottschaft zuweisen. Mit dem Pfnüer wirst Du Unfried haben.“

   Adel schüttelte den Kopf. „Ich bleib, wo Du bist, Ferchner! Komm!“ Sie gingen zum Leiterschacht hinüber.

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