Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
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Kapitel 5

   Das kleine Haus es Josua Weyerzisk war ohne Flur; man trat vom Garten gleich in den Raum, der als Wohnstube und Werkstatt diente. Neben dem Hausgerät stand allerlei Arbeit umher, Schnitzwerk für Kirchen und Kapellen; über der langen Hobelbank, die sich unter zwei niederen Fenstern hinzog, war die Mauer bedeckt von Werkzeugkästen und Schablonen. Eine Ecke des Raumes war wie ein kleines Reich der Zärtlichkeit: Das Fensterbrett bestellt mit blühenden Blumen; zwischen Efeuranken hingen fliegende Engelchen an Fäden von der Decke herunter; ein Spinnrad stand vor einem Lehnstuhl; und die Messingknäufe des Stuhles, die Gläschen und Bilderchen an der Wand, der winzige Silbertand, das blanke Zinn, die vergoldete Ampel vor dem Kruzifix, alles schimmerte fein in der Helle, die von der Werkbank herüber fiel in diesen kindlichen Winkel.

   Die Stirn grell beleuchtet vom Schein der Öllampe, die ihr Licht durch eine mit Wasser gefüllte Glaskugel warf, saß Josua Weyerzisk vor der Werkbank, so versunken in die Betrachtung eines halb vollendeten Schnitzwerkes, dass er Madda gar nicht kommen hörte. Ihr Gruß erst weckte ihn. Hastig warf er ein Tuch über die aus weißem Holz herauswachsende Figur.

   Madda blieb bei der Türe stehen. „Komm ich ungelegen?“

   „Ihr? Nein, Jungfer! Das ist eine Arbeit, die ich noch nit fertig hab.“ Josua dämpfte die Stimme. „Hat sich in der Stadt für mein Trudle was finden lassen?“

   Sie stellte die kleine Schachtel auf die Werkbank und begann die Schnurr zu lösen. „Wo ist denn das Trudle?“

   „Ich hab sie schon zur Ruh bringen müssen. Gestern am Abend hab ich noch gedacht: Jetzt käm ein Wandel zum Guten. Da hat sie was Schönes gehört und eine Freud gehabt. Aber sie muss so elend sein, dass sie auch die Freud nimmer verkraften kann. Gleich auf die Freud nauf hat sie das wilde Schreien gekriegt, so arg, wie’s noch nie gewesen ist.“ Ein verzweifelter Blick war in seinen Augen. „Ich weiß mir keinen Rat nimmer. Und so viel lieb hab ich mein Weib! Die halben Nächt lang schau ich in der Finsternis allweil hin auf das Fleckl, auf dem sie ruhlos ihr Köpfl dreht.“

   „Nur an der Hoffnung festhalten, Meister! Draußen ist Frühling worden. Der hat schon so viel Wunder getan. Vielleicht tut er eines am Trudle.“

   Schwer atmend schüttelte Josua den Kopf.

   Tränen glänzten in Maddas Augen. „Schauet doch, lieber Joser, unser Herrgott kann Tote auferwecken. Ich hab das Zutrauen. Er wird einen Rat finden, wird helfen.“

   „Der Herrgott?“ Ziellos irrte sein heißer Blick. „Was für einer? Mein neuer, der gut katholisch ist? Oder mein alter, der evangelisch gewesen?“

   „Meister!“, sagte Madda ernst. „Gott ist allweil Gott. Der hat keine Fürwörter wie die Weiberröck, von denen man redet: Das ist mein alter, das ist mein neuer.“

   Josua schwieg eine Weile. Dann sagte er bekommen: „Allweil muss ich denken, dass unser Unglück wie eine Gottesstraf gekommen ist, weil ich mich im Glauben verwendt hab.“

   Was hundert andere zu Berchtesgaden getan hatten, unter dem Druck, der von Köln und Salzburg her im Land herrschte, das hatte auch Josua Weyerzisk getan. Wäre er bei seinem evangelischen Glauben geblieben, so hätte er die Gertrud nicht bekommen. Die war als Waise bei den frommen Schwestern erzogen worden, hinter einer Türe, die sich für einen Ketzer nicht öffnete. Bei einem Maitanz hatte Josua ihr ins Ohr geflüstert: „Wenn Du mich lieb hast, Trudle, so lauf mit mir davon!“ Sie hatte ihn lieb, von Herzen. Doch für das stille, sanfte Dingelchen ging der Weg zu einem christlichen Glück nur durch die Kirche. Josua konnte ohne das Trudle nicht leben. Da hatte er das Kreuzmachen gelernt. Dass er es hatte tun müssen, das hatte Madda immer begriffen. Jetzt stand sie aber doch erschrocken vor dem Wort, das Josua gesprochen. „Nein, Meister! So ein unsinniges Wörtl lass ich nit gelten. Gott, wenn er strafen müsst, bringt nit die schuldlosen Kinder um.“

   Da drückte Josua mit einer jähen Bewegung das Gesicht in die Fäuste. Madda hörte keinen Laut. Nicht nur das Kreuzmachen hatte Josua Weyerzisk gelernt, auch das lautlose Weinen.

   „Meister!“ In Erbarmen suchte ihm Madda die Hände vom Gesicht zu ziehen.

   Langsam richtete er sich auf und blickte nach der Kammertür. Mit ganz erloschener Stimme sagte er: „Ich steh wie ein Müder am Kreuzweg, weiß nimmer, wohin ich greifen soll, und muss doch suchen nach Hilf! Weil ich schon nimmer weiß, welcher Herrgott der meinige ist, drum hab ich mein zutrauen auf die heilige Gottesmutter gestellt. Die weiß doch, was Mutterschmerzen sind. Und da hab ich das Verlöbnis getan, dass ich ein Bildstöckl der Mutter Maria in die Pfarrkirch stiften will. Nichts anderes soll mir die Gottesmutter geben drum, als dass sie meinem Trudle ein Lachen schenkt und ein bissl Ruh. In der Osterwoch hab ich angefangen. Es wird wohl Spätsommer werden, bis ich fertig bin. Mein Weib soll nichts merken davon, und so kann ich nur allweil schneiden dran. Wenn das Trudle zur Ruh gegangen ist.“ Er zog das Tuch von dem Schnitzwerk und rückte die Wasserkugel dicht vor das Flämmchen der Öllampe. Die gesammelte Helle fiel um das Schnitzwerk her, gleich einem Glorienschein.

   Unter leisem Laut schlang Madda die Hände ineinander. Dann stand sie schweigend, das geschnitzte Bild betrachtend, das mit ergreifender Lieblichkeit wirkte, obwohl die Figur erst aus dem Groben herausgeschnitten und nur das Köpfchen vollendet war.

   Auf einer Kugel, nicht wie in irdischer Schwere, sondern wie getragen von unsichtbaren Schwingen, steht die Gottesmutter in mädchenhafter Jugend, schlank und fein, und ihr Fuß geht über den Kopf einer Schlange hin. In Demut und Ergebung sind die Hände über dem knospenden Busen gefaltet, der träumende Blick ist zur Höhe gerichtet, ein Lächeln voll der tiefsten Freude erblüht um den leicht geöffneten Mund, die gelösten Haare fluten über die Schultern, und um die Glieder fließt das Kleid in seidenweichen Falten, mit denen ein sanfter Frühlingshauch zu spielen scheint. Das war nicht die Arbeit eines Handwerkes, sondern die Schöpfung eines Künstlers, den nur der Zufall seines Lebensganges zwischen engen Mauern und bei der Lederschürze festgehalten hatte.

   „Meister! Ach, Herr Du mein! Wie schön ist das!“

   Aufatmend sagte er: „Der Schmerz ist allweil ein gutes Holz. Da kann einer viel herausschneiden.“

   Madda betrachtete wieder das Bildnis. „Warum habt Ihr der Gottesmutter das Jesukind nit auf den Arm gegeben?“

   Er schüttelte den Kopf.

   Und plötzlich beugte sich Madda näher gegen das Bild, erschrocken: „Joser! Das ist ja dem Trudle sein Gesichtl!“

   Der Meister nickte. „Die Himmelskönigin wird’s nit übel nehmen, weil ich zu ihrem Bild ein Stückl Leben nachgeschnitten hab, das mir lieb ist. Das Trudle ist doch auch eine Mutter mit sieben Schmerzen worden.“

   Da klang aus der Kammer eine matte Stimme: „Mann? Redest Du mit Dir selber? Oder ist wer da?“

   Der junge Meister warf das hüllende Tuch über die Figur und schob sie hinter einen Truhendeckel, an dem er bei Tag schnitzte. Dann sprang er zur Kammertür. „Wildmeisters Jungfer ist auf ein Sprüngl herübergekommen.“

   „Wart, da steh ich auf.“

   „Geh, bleib! Die Jungfer nimmt’s nit übel, wo Du heut den ganzen Tag so elend gewesen bist?“

   „Ich komm.“ Man hörte einen müden Seufzer und das Ächzen einer Bettlade.

   „Meister!“, flüsterte Madda. „Lasset das Trudle nur aufstehen!“ Sie öffnete die kleine Holzschachtel, die sie gebracht hatte. „Wir machen ihr eine Freude. Ich weiß doch, wie lieb ihr alles ist, was klingt. Und in Salzburg hat’s der Zufall wollen, dass ich in einem Laden ein Singerkästl gefunden hab.“

   „Hat denn das Geld gereicht, das ich Euch mitgegeben?“

   Madda hatte zwei Gulden draufgezahlt. Aber sie sagte: „Freilich! Grad ist’s aufgegangen, auf den Kreuzer!“ Sie nahm die Spieldose aus der Schachtel. „Zwei Stücklen kann’s machen: Das Rösl auf der Heiden und das Lied vom Lindenbaum im Tal, das Euer Trudle als Jungfer allweil gesungen hat. Auf dem Heimweg hab ich mir das so ausgesonnen: Dass wir das Kästl spielen lassen, und das Lied vom Lindenbaum. Das hab ich ein bissl verstellt, dass es besser auf das Trudle passt. Das sing ich. Gelt?“

   Dem jungen Meister brannte vor Erregung das Gesicht. Er sprang zur Kammertüre. „Trudle? Kommst Du?“

   „Ja, Joser! Ich komm.“

   Auch Madda war von Erregung befallen. Während sie bei der Werkbank stand, mit der Hand an der Spieldose, um gleich auf den Anlasser drücken zu können, ging ihr alles Leid dieses jungen, verstörten Weibes durch die Gedanken. Mit grauenvoller Deutlichkeit sah sie jenen Morgen wieder. Sie stand im Garten, sah hinüber zum Nachbarhaus und musste denken: Ein Dach, unter dem das junge Glück hauset, wie der Frühling im Tal! Und da hört sie plötzlich von da drüben ein grillendes Geschrei. Aus der Küchentür der Weyerziskin sieht sie eine Dampfwolke qualmen, wie von einer Brandstatt. „Fuirio!“, schreit die Jungfer. „Fuirio! Fuirio!“ Und rennt hinüber, um zu helfen. Aus der weißen Dampfwolke springt der Joser heraus, ein Irrsinniger, schreiend wie ein Tier. Immer brüllt er den Namen des Magisters Krautendey. „Jesus, Jesus“, jammert die Jungfer, „was ist denn geschehen, dass Ihr den Physikus brauchet?“ Joser taumelt davon. Und immer schreit er: „Den Krautendey! Den Krautendey!“ Die Jungfer will durch das Gärtl springen. Da wankt aus der dampfenden Tür das Trudle hervor, schier nimmer zu kennen, die nackten Füße so weiß wie Schnee, weiß von den Brandblasen, das Röckl bis zu den Knien rauchend und triefend von dem kochenden Wasser, das aus dem umgestürzten Kessel geflossen war. Schreien kann die Weyerziskin nimmer, sie hat keinen Laut mehr in der Kehle, nur die Verzweiflung in den Augen, as Entsetzen im Gesicht. Und auf den Armen trägt sie etwas Fürchterliches, das sich noch bewegt und doch schon dem Tod gehört – – –

   Das Grauen dieser Erinnerung schüttelte die Jungfer am ganzen Leib.

   Und da führte Josua das Trudle über die Schwelle der Kammer heraus. So muss die Tochter des Jairus ausgesehen haben, als sie die Augen öffnete und sich aufrichtete von der Bahre. Die Weyerziskin trug das graue Kleid, das an der Brust nur halb genestelt war. Ihre Füße waren nackt. Die Haare hingen ihr auf die Schulter herunter, in zerwirrten Strähnen. Das feine, schmale Gesicht war bleich und erschöpft. Die Augen weit offen, fast regungslos. Sie nickte der Jungfer zu und wollte sprechen. Da drückte Madda auf den Anlasser der Spieldose. Ein zartes, metallenes Klingen zitterte durch die Stube. „Lus, Herzlieb!“, sagte Josua leise. „Das Singerkästl hat Dir die Jungfer aus Salzburg mitgebracht.“

   Mit ausgestreckten Händen blieb die Weyerziskin bei der Türe stehen und lauschte wie eine Träumende diesem zärtlichen Geklinge. Sanft zog der junge Meister sein Weib auf den Antritt nieder, auf dem inmitten des kindlichen Krames der Lehnstuhl und das Spinnrad standen, schlang den Arm um das Trudle und sagte: „’s Rösl auf der Heiden! Weißt Du noch, wann Du’s zum letzten Mal gesungen hast?“

   Sie nickte. Lauschend hielt sie die blasse Wange an seine Schulter geschmiegt. Als die Spieldose verstummte, und das Uhrwerk einen leisen Knax machte, hob das Trudle den Kopf ein wenig und lispelte müd: „Wie schad!“

   „Magst Du’s noch einmal hören?“, fragte Madda.

   Wieder klang das Lied. Josua presste in scheuer Zärtlichkeit sein Weib an sich, sah sie mit fragenden Augen an und suchte in ihrem starren Gesicht zu lesen, ob auch in ihr das Denken an die Worte des Liedes wäre:

„Wie dürstet mich nach deinem Mund!
   Rösl auf der Heiden!
Ein Kuss von dir aus Herzensgrund,
So stünd mein Herz in Freuden!
Beschütz dich Gott zu jeder Zeit!
Und sei’s im Glück und sei’s im Leid –
Liebst du mich, so lieb ich dich,
   Rösl auf der Heiden!“

   Die Weyerziskin schien die stumme Zärtlichkeit ihres Mannes nicht zu fühlen. Ihre Arme hingen wie leblos herab, die blichen, mageren Hände lagen unbeweglich im Schoß, und mit toten Augen sah sie vor sich hin, wie hinunter in eine versunkene Zeit.

   Da begann die Spieldose das Lied von der Linde im Tal. Eine schwermütig träumerische Weise. Und Madda sang mit halblauter Stimme, den Blick in Sorge auf das Trudle gerichtet:

„Es steht eine Lind im Tale,
Ach Gott, was tut sie da?
Sie will mir helfen trauren,
Weil ich kein Kindl hab.“

   Erschrocken sah Josua zur Jungfer hinüber. Und die Weyerziskin hob das verzerrte Gesicht. Madda tat einen tiefen Atemzug, und tapfer sang sie weiter:

„In ihrem kühlen Schatten,
Da war’s, dass ich entschlief;
Da traumet mir, dass süße
Mein Kindl zu mir lief.“

   Mit erwürgtem Schrei vergrub die Weyerziskin das Gesicht an ihres Mannes Burst. Josua winkte der Jungfer zu, dass sie schweigen möchte. Aber Madda sangt:

„Das hat mich lieb umfangen,
Und gab mir viel der Freud,
Sprach: Mütterlein, im Himmel,
Da hab ich gute Zeit!

Da wachsen tausend Röslen,
Die Englen singen schön,
Und ’s Mütterlein auf Erden,
Das kann ich allweil sehn!“

   Ein stöhnender Laut erschütterte den Körper des jungen Weibes.

„Und als ich auferwacht,
Da war das alles nicht,
Als nur am blauen Himmel,
Da war ein helles Licht;
Und nur viel rote Röslen,
Die lachten auf mich her,
Ein jeds mit rotem Mündl,
Als ob’s mein Kindl wär.
Mein Liebster kam gegangen
Und brach so viel er fand,
Und gab die roten Röslen
In meine weiße Hand,
Und macht mir draus ein Kränzl
Und setzt mir’s auf mein Haar –
Das ist kein Traum gewesen,
Sein’ Treu und Lieb ist wahr!“

   Da brach die Weyerziskin an ihres Mannes Brust in heißes Schluchzen aus. Das war kein Schreien in Qual, war das Weinen eines gepressten Herzens, das sich in Tränen erleichtert. Josua fühlte das. In Freude umklammerte er sein Weib: „Herzliebe! Mich hast Du! Mein Leben und Seel und alles ist Dein!“

   Draußen im Garten ein Schritt. Dann wurde ans Fenster gepocht und der Schinagl rief: „He, Jungfer!“ Weiter kam er nicht. Madda, die seinen schritt gehört hatte, war schon draußen und schob ihn fort: „Sei still und geh! Da drinnen in der Stub ist eine heilige Stund.“

   „Ihr sollet heimkommen, das Essen ist fertig. Und der Herr hat mir aufgetragen, ich soll euch sagen –“

   „Weiß schon: Dass er seinen Verstand wieder beisammen hat.“

Während der Knecht den Garten verließ, trat Madda auf Fußspitzen zum Fenster. Durch die dicken, klein in Blei gefassten Scheiben sah sie nur einen unbestimmten Umriss der beiden Menschen, die noch immer auf der gleichen Stelle saßen und sich umschlungen hielten. Sie hoffte, dass ihr glücklicher Einfall für die Schwermut des jungen Weibes eine Wendung zum Guten gebracht hatte. „Gott soll’s geben! Und die heilige Mutter!“ In ihrem Herzen war ein warmes und frohes Gefühl. Tief atmend, trank sie den Duft des blühenden Holunders. Die Nacht war finster geworden. Mit hellem Feuer zitterten in der stahlblauen Höhe die tausend Sterne. Und hundert kamen noch im Tal dazu: Die erleuchteten Fenster des Stiftes und die kleinen Lichter des Marktes.

   Madda huschte über die Straße. In der Dunkelheit stand ein Mensch und sperrte ihr mit ausgestreckten Armen den Weg. „Ein Wort, Jungfer!“

   Sie erkannte ihn. Nicht an der Stimme. Die war anders, als sie am Abend geklungen hatte. „Aus meinem Weg, Du!“, fuhr es ihr in Zorn heraus. „Oder ich schrei meinem Schwager.“

   „Das soll mir recht sein. Da soll der Wildmeister hören, was ich Euch sagen muss.“

   Madda schien von einem Hilfeschrei nach ihrem Schwager nicht viel Gutes zu erwarten, wollte sich selber helfen und versuchte in die Wiese zu flüchten. Ehe sie den Rand der Straße erreichte, hatte der Jäger sie schon an beiden Handgelenken gefangen. „Unmensch!“, stammelte sie mit einem Wehlaut. „Druckst mir ja meine Händ in Scherben!“

   Sein Griff wurde linder, doch es gelang ihr nicht, sich frei zu machen.

   „Das Reißen und Zerren wird der Jungfer wenig helfen!“, sagte Adelwart. „Will die Jungfer in Ruh das Wörtl anhören, das ich Ihr sagen muss, so braucht’s kein Halten.“

   Sie besann sich und blickte scheu an ihm hinauf. „Gut! Ich will. Weil ich muss.“ Da waren ihre Hände frei. Sie rieb die Gelenke. „Also?“

   Er stand so nah vor ihr, dass sie trotz der Dunkelheit sehen konnte, wie entstellt und bleich sein Gesicht war. Mit beiden Händen fasste er den Gurt seines Weidgehenkes. Dann begann er zu sprechen, hart und ruhig. „Vier Tag ist’s her, da bin ich nach Salzburg zugewandert. Mein Fürhaben ist’s gewesen, dass ich mir im Berchtesgadener Land einen Dienst such und ein redliches Leben. Ich hab nit Vater und Mutter, ich weiß nit, was Heimat ist. Mich hat’s daher gezogen, wo die Berge so blau sind. Ein guter Jäger bin ich, ein Mensch, auf den Verlass ist. Nit für ein Federl hab ich Gewicht auf meiner Seel. Mich reut auch nit, was ich in Schellenberg getan hab. Wenn’s mir auch gleich das Leben zerschlagen hat! Wenn einer tut, was er muss, da ist kein Fürwurf dran.“

   Madda schwieg. Die Art, wie er redete, umklammerte ihr die Kehle, wie seine Faust ihr Handgelenk umklammert hatte, so fest, dass es schmerzte.

   „Am Morgen, wie ich von Salzburg fort bin auf Berchtesgaden, hat mich ein Menschenhauf mit hinaus gerissen zur Nonntaler Wies.“

   „Jesus!“, stammelte sie.

   „Ja, Jungfer! Da muss eins den Himmel anrufen!“, sagte er ernst. „Im Nonntal hab ich sehen müssen, wie man zwei Weiberleut, ein liebes Kind und einen Chorherren verbronnen hat. Ein Grausen ist über mich hergefallen, dass ich schier gemeint hab, ich muss den Verstand verlieren. Keinem Menschen hab ich mehr ins Gesicht schauen können. Auf und davon bin ich, als wären alle verfluchten Teufel hinter mir her. So komm ich auf Schellenberg. In der Leutstub streiten die Besoffenen um Gottes Güt. Und wie mir der Leutgeb den Lammsbraten herstellt, und ich riech das verbronnene Fleisch – da hat’s mir einwendig alles um und um gedreht. Vor Schauder hab ich gemeint, ich müsst aus der Welt hinaus. So komm ich ins Gärtl. Die Herzensschlüsselen blühen! Alles ist grün und lebt. Auf dem Bänkl sitzt die Jungfer, so lieb und fein wie das allerbest, was unser Herrgott hat leben lassen. Mir ist gewesen wie einem, der in einem schwarzen Brunnen versinken muss, und da wirft ihn ein liebes Wunder grad auf ein Rosenstäudl hin. Schauet, Jungfer, da greift er halt zu und weiß wieder, wie schön das Leben ist. Oder wie schön es sein könnt!“ Er atmete schwül und senkte den Kopf. „Meinen Verstand hab ich gehabt, ich weiß nit wo! Aber kein frecher Mutwillen ist dabei gewesen. Das hab ich Euch sagen müssen. Der Wildmeister ist grob mit mir umgesprungen. Soll mein Leben halt hin sein! Aber ich tät’s nit leiden, dass hinter meiner ein schlechtes Denken bleibt. Und nichts für ungut jetzt!“ Adelwart rückte die Kappe und schritt in die Finsternis hinaus.

   Zitternd stand die Jungfer, streckte die Hände und ließ sie wieder fallen.

   „He!“, klang es von der Hecke. „Das Essen steht seit einer Ewigkeit auf dem Tisch. Was ist denn, Mädel? Willst Du Fledermäus fangen?“

   Langsam ging sie zur Heckentür.

   „Hast Du mit wem geredet?“, fragte Peter Sterzinger, der in Sorge an den Sekretarius dachte.

   Madda trat stumm in den Garten.

   Schon wollte der Wildmeister das Trüchen schließen. Da hörte er von der Straße eine Stimme: „Gottes Gruß, Bauer! Magst Du mir nit sagen, wo der Hällingmeister Köppel sein Haus hat?“

   Peter Sterzinger spitzte die Ohren, tat einen leisen Pfiff und machte den Specht.

   Draußen auf der Straße sagte der Bauer: „Da musst Du über die Bruck hinüber und drüben am Berg das Sträßl hinauf! Das vierte Häusl, zu dem Du kommst, ist dem Hällingmeister das seinig.“

   Adelwart wollte zur Brücke. Bei dem Ulmen blieb er stehen. Obwohl die Ache rauschte in der Nacht, hatte sein Ohr ein feines Klingen vernommen. Das kam aus dem Haus des Josua Weyerzisk, und Adelwart kannte das Lied:

„Es steht eine Linde im Tale,
Ach Gott, was tut sie da?
Sie will mir helfen trauren,
Dass ich kein Buhlen hab!

Ich kam wohl in ein Gärtl,
Da war’s, dass ich entschlief,
Da träumte mir, dass süße
Mein Feinslieb zu mir lief.“

   Bitter lachte Adelwart in die Nacht hinaus und wollte gehen. Da fasste ihn der alte Bauer, der ihm den Weg gewiesen, mit der Linken an der Schulter, deckte die Rechte über die Augen, ließ die Hand wieder fallen und sah zu den Sternen hinauf.

   „Mensch!“ Adelwart schüttelte die Hand von sich ab. „Bist Du nit bei Verstand?“

   „Mehr wie Du!“, sagte der Bauer. „Verguckt hab ich mich alt!“ Er ging und rief über die Schulter: „Schau halt, dass Du einen Weg findest in Deiner Nacht!“ Das Rauschen der Ache verschlang in der Finsternis die Schritte des alten Mannes.

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