Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
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Kapitel 4

   Der Wildmeister brauchte eine Weile, bis sein Kropf ihn wieder zu erquicklichem Atem kommen ließ. Wütend tat er einen grimmigen Fluch und sagte kleinlaut: „So was hätt ich meiner Seel dem netten Buben nit zugetraut! Aber sag doch, Mädel –“

   „Die Sach ist erledigt.“ Madda nahm das Hütl ab, warf die rot gebänderten Zöpfe über die Schultern und trat mit den Kindern ins Haus.

   Peter Sterzinger schnappte nach Luft und betrachtete gallig die fremde Magd, die zitternd auf der Hausbank saß. Als er in die Stube kam, war Madda schon beim Auspacken der Körbe. Ein freundlicher Raum. Fast den vierten Teil der Stube nahm ein Ungetüm von grünem Kachelofen ein, mit einer Bank herum, und in der Ecke ein Spinnrad, die Kunkel rot umbändert. drei winzige Fenster, von den Rosenstöcken verschleiert und mit roten Vorhängen, ließen nur spärliches Licht herein. Die vielen Geweihe, die an der weißen Mauer hingen, warfen trübe Schatten, und heimlich schimmerte in der Schüsselrahme das blanke Zinngeschirr. An einem Zapfenbrett neben der Tür hingen Wettermäntel und Armbrusten, Schneereifen, Luntengewehre, Jagdhörner und Raubzeugeisen. In dem Winkel zwischen den Fenstern stand von der Eckbank ein großer Tisch. Hier packte Madda den Korb aus, unter dem jubelnden Geschwatz der Kinder, die den Schreck von da draußen schon vergessen hatten. Die Jungfer hatte noch ein leises Zittern in der Stimme, und ihr feines, hübsches Gesicht war bleich. Ein bisschen gezwungen klang ihre Lustigkeit, während sie den Kindern ein Hahn produzierte, der krähen konnte, und einen hölzernen Affen, der an Stelle des Herzens eine stählerne Feder hatte und Purzelbäume schlug. Die Kinder schrieen vor Vergnügen. Auch Peter Sterzinger guckte eine Weile neugierig zu, bis er brummte: „Weiter jetzt, ihr kleine War! Ich muss mit der Schwägerin reden. Zeigt Eure Wunderviecher dem Schinagl!“

   Als die Kinder draußen waren, blieb’s in der Stube still. Man hörte nur das Klipp und Klapp des Kreuzschnabels, der in seinem winzigen Käfig ruhelos hin und her sprang – ein Vogel, der die Gesundheit im Haus verbürgte. Kam eine Krankheit unter Dach geflogen, so fiel sie zuerst den Kreuzschnabel an, und man konnte sich vorsehen.

   Madda nahm das Mäntelchen von den Schultern und setzte sich auf die Fensterbank. „Wie froh bin ich, dass ich erst gestern gefahren bin! Wär ich fürgestern fort, wie ich wollen hab, so wär ich zu bösem Morgen in die Stadt gekommen. Gestern in der Früh ist wieder ein Brand gewesen. Auf der Nonntaler Wies.“

   Peter Sterzinger blieb stumm.

   „Wie ich’s gehört hab, bin ich gleich in die Kirch und hab gebetet. – Schwager, Schwager, wie kann’s denn Leut geben, die dem Teufel zulaufen und so grausenvolle Sachen tun?“

   Den Wildmeister schien der Kropf zu drücken. „Reden wir lieber von was anderem.“ Er deutete mit dem Daumen nach der Richtung der Hausbank. „Hast Du denn was Besseres in der Stadt nit finden können? Hat’s denn grad eine sein müssen, die maultot ist?“

   „In vierzehn Häuser ist die Dingfrau mit mir gegangen. Herr Du mein, was hab ich da für Weibsleut geshene! Gut für alles, bloß zur Arbeit schlecht.“

   Peter Sterzinger murrte ein Wort, das sich für eine Stunde der Zärtlichkeit nicht geeignet hätte. „Wie bist Du denn auf die da draußen verfallen?“

   „Bei der Heimfahrt, zwischen Salzburg und Grödig, ist sie neben der Straß gesessen.“

   Jetzt fing der Wildmeister zu schreien an, dass der Kreuzschnabel erschrocken durch seinen engen Käfig flatterte. „Neben der Straß gesessen? Und so was packst Du gleich auf den Wagen?“

   Madda schüttelte den Kopf. „Fürsichtiger fürs Haus, als ich bin, kann nit leicht wer sein. Ich hätt das Mädel gar nit gesehen, weil ich allweil an was andres hab denken müssen. Da sagt der Hans: ‚Die hockt im graben, als tät sie einen Mühlstein auf der Seel haben!’ Wie ich hinschau und seh dem armen Mädel seine todtraurigen Augen, hat’s mich nimmer gelitten im Wagen.“

   „So?“ Peter Sterzinger, mit den Fäusten hinter dem Rücken, stellte sich vor die Mauer hin und guckte dem Kreuzschnabel zu, der einen Ausweg aus seinem Käfig zu suchen schien.

   Ruhig erzählte Madda. Zuerst hätte sie gar nicht gemerkt, dass die Marei stumm wäre, hätte nur gedacht, dass sie vor scheu nicht reden möchte, weil ihr was Schweres auf dem Herzen läge. Als aber Madda dem Mädel freundlich zugesprochen, hätte Marei die beiden Arme um Maddas Knie geschlagen und mit einem Blick zu ihr hinaufgebettelt, wie ihn nur das tiefste Elend in den Augen hat. Und da brachte nun Madda durch fragen alles heraus. Den Namen – Marei – erriet sie gleich. Aber die Heimat? Das Mädel hätte immer gedeutet: Von weit her! Ihr Vater, ein Hufschmied, wär schon vor Jahren gestorben, ihre Mutter erst vor wenigen Tagen. Und das Mädle hätte nicht Haus und Herd, nicht Geschwister und Gefreundschaft. Harte Menschen hätten das vereinsamte Ding aus der Heimat fortgetrieben und ihm nur die Kleider auf dem Leib gelassen.

   „Woher weißt Du denn alles?“, knurrte Sterzinger. „Wen das Mensch nit reden kann!“

   „Mit den Fingern redet sie gut. Da hab ich mir alles zusammenklauben können. Und dass die Marei ein fleißiges Leut ist, kann man an ihren Händen sehen.“ Zu jeder Frage, die Madda wegen der Arbeit in Haus und Küche stellte, hätte die Marei genickt, dass sie alles gut verstünde. Und als sie hörte, dass im Haus zwei Kinder wären, hätte aus den traurigen Augen der Marei was Frohes herausgeleuchtet. Während Madda so erzählte, war es dämmerig in der Stube geworden. „Gelt, Schwager, jetzt hol ich sie herein? Die muss sich ja schier verzehren vor lauter Angst.“

   Peter Sterzinger versuchte noch einen letzten Widerstand. Aber Maddas Güte stellte ihm den vorsichten Verstand auf den Kopf. Er kannte diese siegende Güte nicht erst seit der letzten Stunde. Seit die junge Wildmeisterin vor drei Jahren beim Maitanz an einem kalten Trunk gestorben war. Hatte Peter Sterzinger die Kraft dieser Güte an seinen mutterlosen Kindern und an seinem eigenen Leben erfahren. „In Gottes Namen!“, sagte er. „Wenn Du Zutrauen zu ihr hast, da wird’s ja soweit nit fehlen. Dass sie maultot ist, das hat auch einen Fürzug: Da kann sie nit ratschen. Was bei uns geschieht, darf freilich jedermann wissen. Aber die Zeit ist so, dass man fürsichtig sein muss. Hol sie halt! Merk ich was an ihr, was mir nit passen tät, nachher kehr ich aus mit dem groben Besen.“

   „Das wird’s nit brauchen, Schwager! Alles an einem Menschen kann lügen. Nur die Augen nit.“

   „Meinst Du?“

   „Ja, das mein’ ich. Wie ich der Marei gesagt hab, dass ich ihr ein Heimatl geben will und Arbeit und Verdienst, da hat sie meine Händ genommen und hat mich mit ihren nassen Augen angesehen. Schwager, das ist gewesen, als tät ich bei Nacht in eine Kirch hineinschauen, in der die Kerzen brennen. Wirst sehen, wir fahren gut mit dem Mädel!“

   Madda ging aus der Stube und trat hinaus in die blaue Dämmerung des Abends. Während man von der Scheune her den Schinagl lachen und die Kinder lärmen hörte, zuckte die fremde Magd von der Steinbank auf. „Komm, Marei! Der Schwager will Dich behalten, wenn Du brav bist.“ Die Jungfer streckte die Hand. Marei nahm sie nicht gleich. Sie zitterte und tat einen tiefen Atemzug. Dann ließ sie sich führen. Vor der Schwelle streifte sie die schweren Pantoffel herunter. Und barfuß trat sie in das Haus.

   Peter Sterzinger unterbrach seine grübelnde Wanderung durch die Stube, auf deren Tisch eine Kerze flackerte, und stellte sich musternd vor die Fremde hin, die immer heftiger zitterte.

   „Musst Dich nit fürchten, Marei, der Schwager ist gut!“, sagte Madda. „Jetzt richt ich Dir ein bissl was zusammen, Wäsch und Gewand, dass Du Dich ordentlich kleiden kannst.“ Sie zündete ein Öllämpchen an und ging aus der Stube.

   Die Kinder kamen hereingesurrt, zogen den hölzernen Affen auf und ließen ihn Purzelbäume schlagen, während Peter Sterzinger eine scharfe Frage um die andere an Marei zu richten begann. Sie nickte oder schüttelte den Kopf. Und zitterte. Sooft der purzelnde Affe in die Nähe ihrer Füße kam, fuhr sie erschrocken zusammen und starrte das Spielzeug an wie etwas Unheimliches. Da läuteten die Glocken der Stiftskirche den Abendgruß. Peter Sterzinger, während er betete, ließ die Fremde nicht aus den Augen. Sie hatte sich auf die Knie geworfen und die Hände vor dem Kinn ineinander geklammert. Der Wildmeister dachte: So heiß und demütig hab ich noch nie einen Menschen beten sehen! Als die Glocken schwiegen, sagte er: „In Herrgottsnamen, so bleib halt! Sei christlich und fleißig, versorg mir die Kinder gut und folg der Schwägerin aufs Wort, so wirst Du auch über mich nit klagen müssen! Und jetzt komm her da! Jetzt muss ich noch eine Prob machen.“ Er deutete auf den Käfig des Kreuzschnabels. „Das ist ein geweihter Wehdamsvogel. Tät ein Mensch, der was Schlechtes auf der Seel hat, den Käfig anrühren, so tät der Vogel maustot vom Spreißel fallen. Auf der Stell! Verstehst? Und jetzt geh hin und rühr den Käfig an!“

   Rasch ging Marei auf die Mauer zu und streckte die Hand nach dem Käfig. Der Kreuzschnabel flatterte, wurde aber gleich vertraut und fing an den Fingern der Marei zu knappern an, als hätte man ihm süße Rübchen in den Käfig gesteckt. Dennoch schien Peter Sterzinger nicht in gute Laune zu kommen und setze sich brummig auf die Ofenbank, als Madda in die Stube trat. „Komm, Marei, ich zeig Dir Deine Schlafstatt.“ Draußen im dunkeln Flur tastete die Fremde taumelnd nach der Mauer, als wäre sie von einer Schwäche befallen.

   Madda öffnete eine kleine Kammer. Viel war nicht drin; weil alles so eng beisammen stand, sah der Raum ganz freundlich aus. „Das Bett ist gut“, die Jungfer stellte das Öllämpchen auf den Tisch, „und schau, da hab ich Dir hergelegt, was ich an Wäsch und Zeug in der Schnelligkeit hab finden können. Einen Krug Wasser hab ich Dir auch geholt. Jetzt tu Dich waschen und zopfen, dass Du sauber zum Anschauen bist. Nachher komm hinaus in die Küch, dass ich Dich einweis’ in die Arbeit.“ Madda wollte gehen. Da sah sie, dass das Gesicht der Fremden schmerzhaft verzerrt war. „Marei? Fehlt Dir was?“ Die Stumme schüttelte den Kopf, in den Augen einen Blick voller namenloser Angst. Madda lächelte und strich ihr mit der Hand über die zuckende Wange. „Jetzt tu Dich nimmer fürchten! Wirst sehen, bei uns ist gut sein.“

   Als die Jungfer gegangen war, sprang Marei mit einer schreckvollen Bewegung auf die Türe zu und schob den Riegel vor. Dann stand sie zitternd, immer heftiger geschüttelt an allen Gliedern. Plötzlich stürzte sie zu Boden, wie von einer Keule niedergeschlagen, und wälzte sich in Zuckungen auf den Dielen. Es dauerte lang, bis der Krampf sich löste, der ihren Körper befallen hatte. Als ihr die Sinne wiederkamen, trocknete sie den Schaum von den Lippen und wischte von den Händen das Blut der kleinen Wunden fort, die ihr die Fingernägel ins Fleisch gegraben hatten. Das erschöpfte Gesicht von Tränen überronnen, fing sie zu beten an, mit aller Inbrunst einer verzweifelten Menschenseele. Dieser stumme Schrei zum Himmel schien sie zu beruhigen. Das Gesicht bekreuzend, stand sie auf, wusch sich und flocht die Zöpfe. Ein mattes Lächeln erhellte ihr verstörtes Gesicht, während sie sich mit dem guten, sauberen Zeug bekleidete, das ihr Madda aufs Bett gelegt. Sogar nach einem Spiegel guckte sie aus. Sie fand keinen. An der Mauer hing nur ein kleines Bild: Die Gottesmutter mit dem Kind. Beim Anblick dieses Bildchens kam etwas grauenhaft Wildes und doch unsagbar Zärtliches über die stumme Marei. Sie riss das Täfelchen von der Mauer, und während sie das Gesicht der heiligen Frau mit Küssen bedeckte, lallte ihre schwere Zunge: „Mua – Mua –“ Dann schrak sie auf, weil sie die Stimme Maddas, hörte, die ihr rief. Hastig hängte sie das Täfelchen an die Wand, verschlang es noch mit einem zärtlichen Blick und eilte aus der Kammer. Erschrocken fuhr sie vor der Feuerhelle zurück, die den Flur erfüllte. Das war der Schein der Herdflamme, die in der Küche brannte. Und Madda rief: „So komm doch, Marei! Ich hab schon gefeuert und hab Dir alles hergestellt. Jetzt zeig, wie Du kochen kannst!“

   In der Stube klang der heitere Lärm der Kinder. Peter Sterzinger hatte das Kerzenlicht auf die Ofenbank gestellt und säuberte das Luntengewehr, mit welchem Adelwart den Probeschuss nach dem Kieselstein getan hatte. Was für Gedanken ihn dabei beschäftigten, das verriet er, als Madda in die Stube trat. „Ein netter Tausch, das! So ein Weibsleut ins Haus kriegen! Und so einen Buben verlieren müssen! Mit dem hätt ich Staat machen können in der Jägerei!“ Ein stummer Zornblick der Schwägerin veranlasste ihn, etwas kleinlaut beizufügen: „Freilich, wie er sich geführt hat gegen Dich – da ist mir nichts andres übrig geblieben, als dass ich ihm einen Deuter hab geben müssen. Und was für helle, gute Augen hat der Bub gehabt! Schwören hätt einer mögen, dass in ihm nichts andres ist als Treu und Ehrsamkeit. Da siehst Du, wie Menschenaugen lügen können!“ Verdrossen begann er mit einem Lappen den Schaft des Gewehres zu scheuern. Nach einer Weile sagte er ein bisschen spöttisch: „Heut in der Früh ist der Sekretarius wieder dagewesen. Der geht freilich nit so scharf ins Zeug. So viel sanftmütig hat er geredet! Und aufgeputzt ist er gewesen wie der Gockel, dem die neuen Federn wachsen.“

   Langsam drehte die Jungfer das Gesicht. „Ich möcht nit haben, dass der Schwager ungut von ihm redet.“

   Dem Wildmeister schien eine Sorge in den Kopf zu fahren. „Mädel1“ Er legte das Gewehr auf die Ofenbank und fasste die Kinder bei den Schöpfen. „Geht mit Eurem Affen ein bissl hinaus und machet Bekanntschaft mit der Marei!“ Als die Kinder aus der Stube waren, trat er auf Madda zu. „Mädel! Den hast Du doch nie noch ernst genommen. So ein Manndl, das der Wind von der Gassen blast!“

   „Es kann nit jeder zwei Zentner wiegen. ER ist ein rechtschaffener Mensch, hat sein Ansehen und sein Auskommen. Droben im Stift, da meinen sie’s gut mit ihm. Sonst hätten ihm die Herren nit das Stipend für die hohe Schul zu Ingolstadt gegeben. Allweil ist er auf der Schul der Erst gewesen. Warum sollt er denn grad bei mir der Letzte sein?“

   Peter Sterzingers Kurzatmigkeit schien sich bedenklich verschlimmert zu haben. „Jesus Maria! Bist Du denn schon so weit mit ihm?“

   „Geredet hat er noch nichts. Aber mit der Zeit wird’s wohl werden.“

   Ganz still war’s in der Stube. Nur das Klapp und Klipp des Kreuzschnabels und das Geraschel, das Madda beim Auspacken der Körbe machte.

   Schwer schnaufend hängte der Wildmeister das Gewehr an den Zapfen. „Willst Du Deine Zukunft an den Sekretari binden, so musst Du fürsichtig sein! Der ist heikel. Da schnauf nur kein Wörtl von der Schellenberger Dummheit!“

   „Warum? Da ist nichts zu verschweigen dran.“

   „Freilich, es ist gut ausgegangen! Wer ist denn dazugekommen und hat Dir geholfen?“

   „Da hab ich keinen Helfer gebraucht.“

   „Aber Mädel! Du allein bist doch nit Herr worden über so einen Kerl, der dasteht wie ein Baum? Und Fäust von Eisen hat?“

   Jetzt begriff sie, dass Peter Sterzinger die Sache viel übler sah, als sie in Wahrheit gewesen. Der Zorn blitzte in ihren Augen. „Der Schwager muss nit wissen, mit wem er redet? Und da braucht’s kein Vertuscheln.“ Zwei Tränen kollerten ihr von den Wimpern. „Im Schellenberger Leuthaus, im Gärtl, bin ich auf der Bank gesessen. Da hat er mich wie ein Narr um den Hals genommen und hat mir ein Bussel gestohlen.“

   „Ein Bussel?“ Peter Sterzinger riss die Augen auf. „Und deswegen muss ich einen Buben aus dem Haus werfen, den ich am liebsten mit sieben Strick an mein Leben gebunden hätt?“

   Der Jungfer verschlug’s die Rede. Ein Bussel schien bei ihr schwerer zu wiegen als in Peter Sterzingers billiger Schätzung.

   Der wetterte in seinem kurzatmigen Ärger: „Ein Bussel! Ein Bussel! Das beißt doch der Ehr keinen Faden ab. Wirst ihm halt gefallen haben! Und da hat er halt zugegriffen. Bei Deiner Schwester, vor sieben Jahr, hab ich’s auch nit anders gemacht. Ich hab halt auch mein Weib beim Schöpfl gepackt und hab ihr ein Festes hinaufgepappt aufs liebe Göschel. Aber die Tresa hat keinen so narrischen Lärm geschlagen. Die hat gelacht. Und schlecht geraten ist’s ihr auch nit. Hätt sie mir unser Herrgott nur gelassen! Da wären wir in Glück und Seligkeit alte Leut geworden.“ Dem Wildmeister ging die Luft aus. „Und das kann ich Dir sagen: Ein Bub, wie der ist, wär mir als Schwager hundertmal lieber gewesen als so ein Zwetschgenmanndl und Federfuchser.“

   Da fasste Madda eine kleine Schachtel, die sie aus dem Korb gekramt hatte, und ging zur Türe.

   „He?“, rief Peter Sterzinger verdutzt. „Wohin denn?“

   Madda sah dem Schwager fest in die Augen. „Aus der Stub muss ich. Und der Weyerzisk hat mich gebetn, dass ich seinem Trudle was mitbring. Das will ich nübertragen. Und ich bleib so lang, bis mir der Schwager sagen lasst, dass er seinen Verstand wieder zusammengeklaubt hat.“ Als sie in den Flur trat, hörte sie aus der Küche die vergnügten Stimmen der Kinder. Mit Händeklatschen kreischte das Mädel: „Jeggus, Jeggus, jetzt frisst er den Fuchs! So schau nur, jetzt frisst er ihn auf mit Haut und Haar!“ Dieser sonderbare Ausruf veranlasste Madda, in die Küche zu gucken. Vor dem Herdfeuer saß Marei auf den Fließen. Neben ihr knieten die beiden Kinder und hatten ihre jubelnde Freude an dem Schattenspiel, das die Magd mit ihren flink beweglichen Händen an der weißen Mauer entstehen ließ. Da sperrte ein Wolf den Rachen auf und biss einem Fuchs den Kopf herunter. Im Nu warne die Tiergestalten verwandelt in ein altes Weibl, das einen Pack Scheitholz auf dem Rücken trug. Dann war’s ein Hanswurst, der neugierig in einen Topf guckte, ein Gockel, der mit den Flügeln schlug und zum Krähen den Hals streckte, und so ging zur Freude des kleinen Paars das lustige Schattenspiel immer weiter. Madda strich der Magd übers Haar und sagte: „Schau, jetzt hast Du die Kinder auch schon für Dich!“ Dann verließ sie das Haus.

   Zu Tausenden funkelten die Sterne in der klaren, kühlen Nacht. Als Madda über die Straße hinüberhuschte, rührte sich was im schwarzen Schatten der Weißdornhecke. Da saß einer im Straßengraben, ganz in sich zusammengekrümmt, das Gesicht zwischen den Händen. Die Jungfer sah ihn nicht. Sie war schon drüben beim Gärtl des Weyerzisk und verschwand im Dunkel der Holunderlaube, die den Eingang überdachte.

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