Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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      Ludwig Ganghofer
         Der Mann im Salz
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Kapitel 2

   In dem Jäger brannte eine fiebernde Ungeduld nach seinem Ziel. Bei jeder Straßenbiegung spähte er, ob ihm der zurückweichende Wald nicht die Mauern und Türme des Stiftes zeigen möchte.

   Wie viel hundert Mal seit seinen Kinderjahren hatte er vom Mauerkranz des Buchberger Schlosses mit heißem Blick die fernen Berge gesucht, immer die Sehnsucht im Herzen: Dort, wo die Welt so blau ist, möcht ich leben! Vor zwei Jahren, als sein Herr den ‚Söllmann’ gekauft hatte, einen roten Schweißhund, der aus dem Zwinger des Berchtesgadener Stiftes kam, hatte Adelwart mit dem Klosterknecht, der den Hund gebracht, die ganze Nacht beisammen gesessen und hatte sich von ihm erzählen lassen: Wie hoch man zu Berchtesgaden das Weidwerk hielte und wie schön das Land wäre. Und vor drei Tagen, als der Freiherr zu Buchberg hinter der Kutsche, in der seine Frau und seine Kinder saßen, mit blassem Gesicht zum Schlosshof hinaus geritten war, um für sich und die Seinen irgendwo in evangelischem land eine neue Heimat zu suchen, da hatte Adelwart auf die Frage des Salzburger Vogts den Kopf geschüttelt: „Unter den neuen Farben mag ich nit dienen. Mein Herr ist fort, jetzt bin ich ein Freier. Ich geh nach Berchtesgaden.“ Noch in der gleichen Stunde hatte er sein bisschen Hab und Gut gepackt, hatte den kleinen Koffer über den Schlossberg hinuntergezogen, hatte ein letztes Mal das namenlose Grab seiner Eltern besucht und war auf einen Salzkarren gestiegen, der von der Donau heimkehrte in die Berge.

   Eine Nacht und einen endlosen Tag hatte die träge Fahrt gedauert. Als er Salzburg am Abend erreichte, war er, wirbelig von Lärm und Schauen, in den Straßen umhergelaufen, bis das Gebimmel der Bürgerglocke und das Trommelgerassel der Ronde die Leute in ihre Stuben trieb. Die Nacht in der Herberge zum ‚Goldenen Stern’ wurde für ihn zwischen Wachen und Schlummer zu einem dürstenden Traum von dem blauen Land seines Glückes.

   Schwül atmend blieb er stehen, die Wangen brennend vom heißen Marsch. „Die ganze Freud ist mir verdorben!“ Er presste den Arm über die Augen. „Wär ich nur da nit hinausgegangen! Hätt ich nur das nit sehen müssen!“

   Der lärmende Menschenhaufen, der am führen Morgen vor dem ‚Goldenen Stern’ mit Geschrei durch die Gasse gezogen war, hatte ihn mit hinaus gerissen zur Nonntaler Wiese. Das Wort, das er immer wieder hörte – „Hexenfeuer!“ – hatte ihn neugierig gemacht. Davon hatten seit seiner Kindheit im Buchberger Schloss alle Mägde getuschelt. Immer hatte er ungläubig den Kopf geschüttelt. Nun sollte er’s mit eigenen Augen sehen, wie die Hexen um das Feuer tanzen. Es war anders gekommen. Er hatte sehen müssen, wie das Feuer um die Hexen tanzt.

   Lange stand er auf der Straße, den Arm über die Augen gepresst. Zwischen wogendem Rauch und rauschenden Flammen sah er immer zwei große, dunkle, schöne Mädchenaugen, die in Zorn und Empörung blitzten. „Hätt ich nur das nit getan! Das wird ein Elend für mich.“ Wie war es denn nur geschehen? Er sann und grübelte. Wie ein Blitz herunterfährt, so war’s über ihn gekommen, dass er’s tun hatte müssen – wie eine dunkle Gewalt, die ihn zwang, wie ein mächtiger Zauber. Eine abergläubische Regung zuckte in ihm auf. Aus Zorn über diesen Gedanken schlug er mit der Faust in die Luft. Und atmete auf. Und lächelte. Was so hold und schön ist? Muss das nicht ein Heiliges sein? Woher sollte das kommen, wenn nicht aus des Herrgotts schenkender Hand? Und wenn des Herrgotts schönes Werk mit leiben Gewalten nach einem jungen Herzen greift? Ist das nicht wie im Frühling, wenn der Sonnenschein aus kaltem Boden die Blumen weckt? Ein Zauber! Einer, der heilig ist, und den der Herrgott will!

   Und die Kutsche? Die in der Schellenberger Gasse verschwunden war? Die musste von Berchtesgaden gekommen sein. Das blaue Land, das da draußen in Schönheit leuchtete, musste ihre Heimat sein. Wie hell ihm plötzlich die Augen glänzten! Hastigen Schrittes folgte er der Straße. Die machte eine Biegung, und da hörte Adelwart ein grimmiges Schelten und Fluchen.

   Von einer Felswand sickerte eine Quelle in hundert blitzenden Fäden herunter. Das Wasser, das in der Sonne so silberig glitzerte, hatte die Straße in tiefen Morast verwandelt. Und da stak ein Salzkarren festgefahren bis an die Naben seiner Räder. Der Kärrner peitschte schimpfend auf die Maultiere los, die zitternd im Schlamm standen und nimmer ziehen wollten. „He! Fuhrmann!“, rief der Jäger. „Schlag doch nit so unsinnig auf die armen Viecher los! Lass gut sein, ich will Dir helfen!“ Der Zorn des Kärrners war flink beschwichtigt. „Ja, Bub! Da tät ich Dir ein festes Vergeltsgott sagen!“

   „Die Blach musst Du auftun! Ich mach mich fertig derweil. Wir müssen den Karren ein bissl leichtern.“ Während sich Adelwart auf einen Stein setzte und die Schuhe und Strümpfe herunterzog, stieg der Fuhrmann auf den Karren und schlug die weiße Blache über die Reifen zurück – ein magerer Kerl, schon über die Fünfzig, mit borstigem Grauhaar und einem roten Bart, der wie ein ausgezacktes Schurzfell um das verwitterte Gesicht herumhing. Dann watete Adelwart mit den nackten Beinen in den Schlamm. Selbander hoben sie ein halb Dutzend Salzsäcke vom Karren und trugen sie auf trockenen Boden. „So, jetzt nimm den Leitstrang!“, sagte der Jäger und warf auch noch den Spenser ab. „Ich tauch am Wagen an. Wenn ich Hopp schrei, lass die Häuter ziehen.“ Er stieg in den Sumpf und legte sich mit der Schulter gegen das Gestäng des Karrens. „Hopp!“ Der Fuhrmann schrie mit hoher Fistelstimme sein ‚Hjubba!’ und ließ die Peitsche niedersausen. Schnaubend zogen die Tiere an, und der Jäger schob am Karren, dass ihm die Stirn blau wurde. Erst machten die Räder in dem zähen Schlamm nur einen trägen Ruck. Dann fingen sie im Sumpf zu rollen an und rollten hinaus auf die trockene Straße.

   „Vergelts Gott, Bub!“ Der Kärrner lehnte die Peitsche an einen Baum. „Du musst Eisen in den Knochen haben!“

   Adelwart lachte. „Wenn’s sein muss, bring ich schon ein Bröckl fürwärts.“ Er guckte an sich hinunter. „Gut schau ich aus! Aber komm! Lass aufladen1“ Als sie den ersten Sack auf den Karren hoben, fragte er: „Bist Du in Berchtesgaden daheim?“

   „Nein, Bub, ich bin ein Passauer!“ Der Kärrner begann zu erzählen, dass er einen Kramladen hätte, ein braves, fleißiges Weib und sieben Kinder. Zwei Mal des Jahrs, im Mai und im Herbst, da kommt er mit seinem Karren den weiten Weg gefahren, um die vierzig Metzen Salz für seinen Laden zu holen. Und von dem Spielzeug, das sie zu Berchtesgaden schnitzen, bringt er jedes Jahr ein Kistl voll mit heim für ‚seine lieben kleinen Föhlen’.

   „Da wirst Du Dich in Berchtesgaden nit auskennen?“

   „Weg und Steg, die kenn ich wie meinen Jankersack. Jeds Mal bleib ich drei Tag. Da guckt man sich allweil ein bissl um.“

   Sie hoben den letzten Sack auf den Karren. Das war keine harte Müh. Dennoch brannte dem Jäger das Gesicht. „Hast Du in Berchtesgaden nie eine Jungfer gesehen, schön und lieb wie ein Gottestag? Augen hat sie wie Rädlen. Und ihre schwarzen Zöpf, die sind rot gebändert.“

   Der Passauer guckte ihn an und schmunzelte. „Nein, Bub! Auf Jungfern schau ich mich nimmer um.“ Er stieg auf den Karren und zog die Blache über die Reifen. Plötzlich hob er den Kopf. „Halt, Du! Vorigs Jahr, da hab ich so eine gesehen. Eine, so um die zwanzig Jahr. Am feinen Hälsl hat sie ein kleines, rotes Mal, als wär ein Hanniskäferlein hingeflogen. Ist das die?“

   „Das weiß ich nit.“

   Die Schnüre der Blache waren festgebunden, und der Passauer sprang vom Wagen. „Also Bub, Vergelts Gott!“

   Da sah der Kärrner, dass an Adelwarts Schulter ein paar rote Tropfen durch das Hemd heraus quollen. „Herrjöi! Bub! Da hast Dir weh getan! Um meintwegen!“

   Das hatte der Jäger gar nicht gemerkt. Er sah es erst jetzt und schob das Hemd zurück. Handbreit lief ein blauer Striemen über die Schulter, und ein Stückl Haut war abgeschürft. „Das tut nichts!“, sagte er und haftelte den Kragen wieder zu. „Fahr nur! Und guten Heimweg!“ Er setzte sich ans Ufer der Ache, wusch den Schlamm von den Beinen und schlüpfte in die Strümpfe. Der Kärrner strich ihm sacht mit der Hand über die wunde Schulter. „Ein Salwesblatt musst Du auflegen. Da ist’s gleich wieder gut. Und Vergelts Gott halt! Führt uns wieder einmal ein Weg überzwerch, und ich kann Dir was helfen, Bub, so sag’s!“ Er lachte. „Ich tu’s, und müsst ich für Dich dem Teufel ein Dutzend Borsten aus dem Schwanzquästl reißen.“

   Adelwart band die Riemen seiner Schuhe. „Hjubba!“, klang es hinter ihm. Ein Peitschenkanll. Dann zogen die Maultiere den rasselnden Karren davon. „Jetzt hab ich schon zwei, die mir helfen wollen!“ Einen heiteren Blick in den Augen, erhob sich der Jäger und sah dem Passauer mit einem Lächeln nach, als wär in ihm der Gedanke: Was wirst Du mir helfen können?

   Ganz ohne Hilfe war der Passauer nicht davongefahren. Bei der Arbeit, die der Jäger für den Karren getan hatte, war ihm alles Quälende aus den Gedanken gefallen. Als er einen Fußpfad am Ufer der Ache einschlug, sah er nur das schöne blaue Land, das ihn erwartete, und sah zwei große, dunkle Mädchenaugen, in denen sich der Zorn zu freundlichem Blick verwandelt hatte. „Die ist in Berchtesgaden daheim! Die seh ich wieder!“ Dieser Glaube machte ihm das Land seiner Sehnsucht noch schöner um ein helles Licht. Bei allem Schauen merkte er nicht, dass sich der Fußpfad, den er eingeschlagen hatte, immer weiter von der Straße entfernte, auf schmalen Steg die Ache übersetzte und im Tal durch die Wiesen ging, während die Straße drüben am Waldsaum zu stiegen begann.

   Wie schmuck die Jungfer gekleidet war! Nur schmuck, nicht reich. Sie musste eines Bürgers Kind sein. Wär’ sie aus eines Herren Haus, so hätte sie die Straußenfeder oder die Reihengranen auf dem Hut getragen oder ein seltsam Federwerk, wie es aus der indianischen Welt herüberkommt. Ob sie nicht gar eines Jägers Kind ist? Das schoss ihm durch den Kopf. Denn der Federstoß auf ihrem Hut, das waren die weißen Schäufelchen eines Birkhahns. Käme nur ein Mensch, den er fragen könnte! Der Pfad, so weit er sich überschauen ließ, war leer. Doch nein, in den Erlenbüschen am Ufer des Baches bewegte sich was. Dort saß einer mit der Angelgerte, in Hemdärmeln, mit einer bunt gestreiften Hose, wie die Landsknechte sie getragen hatten, als der Jäger noch ein Kind war.

   Wo der Fischer saß, bildete der Bach einen großen Kolk. Über dem Wasser schwamm die Schnur mit dem Federspliss, nach dem der Fischer guckte. Ein Mann, schon an die Sechzig, klein und wohl genährt, mit einem gut gepolsterten Wanst, über dem der Hosenbund nicht mehr zusammenging. Die runden, wasserblauen Augen saßen in einem fetten Gesicht mit Schlotterbacken. Ein grauer Schnauzer hing ihm über die Mundwinkel, und wie ein dicker Dorn stach aus dem breiten Doppelkinn der Knebelbart heraus. Ein Fischer von Beruf? Den macht sein Handwerk mager. Adelwart reit: Ein Bäcker oder Müller. Die pflegen sich bei gutem Verdienst zu runden. Aber eine Mühle war Bach auf und ab nicht zu sehen. Auf einen Steinwurf von der Ache entfernt, zwischen Erlen und blühenden Obstbäumen, stand ein kleines, aus Steinen gebautes Haus mit geweißten Mauern, bis über die Fensterhöhe von einer dichten Bretterplanke umzogen, an der auch die Fugen der Bretter wieder mit Latten vernagelt waren.

   Beim Rauschen der Ache hatte der Fischer die Schritte des Jägers überhört. Jetzt zuckte er die Schnur aus dem Wasser, so geschickt, dass ihm die Forelle, die gebissen hatte, gleich in den Schoß fiel. Wie er den Fisch packte! Mit dieser kleinen, weibisch gerundeten Hand. Das war ein Griff, so merkwürdig sicher! Und vergnügt, mit schmalzigem Gemecker, rief er zum Haus hinüber: „Huldla!“ Ich hab schon wieder einen!“ Dann riss er dem Fisch die Angel aus dem Schlund, dass die ganze Zunge der Forelle am Haken hängen blieb. „Aber Mensch!“, sagte Adelwart geärgert. „Man kann dem Fisch das Eisen doch sänftlich auslösen.“ Mit flinker Bewegung hob der Fischer das Fettgesicht, sah den Jäger verwundert an, maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen und schmunzelte, wie ein erfahrener Greis zur Weisheit eines Kindes lächelt.

   Vom Haus herüber kam mit hölzernem Kübel ein junges Mädel gelaufen, ein paar Jahr über die Zwanzig; sie war barfüßig und trug nur ein kurzes, schwarzes Röckl über dem Hemd; in wirren Zotten hingen ihr sie schweren, rostbraunen Haare um das bleichsüchtige, hagere Gesicht, das nicht hässlich war, trotz der galligen Vergrämtheit und der hungernden Sehnsucht in den scheuen Augen. Erschrocken stand das Mädel, starrte den Jäger an wie ein Wunder und stammelte: „Vater –“

   „Siehst Du den Ferch nit? Da, im Gras!“

   Das Mädel bückte sich nach dem Fisch, der keinen Zuck mehr tat, und legte ihn in den Kübel. Zögernd ging sie davon und drehte immer wieder das Gesicht.

   Der Fischer hatte die Zunge der Forelle als Köder benützt und einen Wurm dazugespießt. Den beköderten Haken tauchte er in einen kleinen Napf, der ein weißliches Fett enthielt.“

   „Gelt, das ist Reiherschmalz?“, fragte Adelwart, der von den Künsten der Fischerei was verstand.

   „Reiherschmalz?“ Der Fischer guckte auf, mit seinem vergnügten Gemecker. „Reiherschmalz? Freilich, da beißen sie gern. Aber das da? Das ist was Besseres. Da schnappen sie wie närrisch.“ Er warf die Schnur ins Wasser. „Reiherschmalz? Da hast Du Dich um ein paar Buchstäblen verredet!“ Lustig blinzelte er an dem Jäger hinauf. „Das ist Räuberschmalz.“

   „Schau, jetzt hab ich was gelernt!“, sagte Adelwart. „Dass die Talgzähren, die an einem Kerzenlicht vom glostenden Räuber tropfen, ein guter Köder auf Ferchen sind, das ist mir neu.“

   Der Fischer schnellte schon wieder eine Forelle aus dem Wasser und rief über die Schulter: „Huldla!“ So flink war das Mädel zur Stelle, als hätte sie auf diesen Ruf gewartet. Jetzt trug sie ein geblumtes Miederchen aus gelber Seide, hatte blau gezwickelte Strümpfe und niedliche Pantöffelchen an den Füßen. Die Haare waren zurückgestrichen und in einem Knoten gebändigt. Immer sah sie den Jäger an, und heiße Flecke brannten ihr auf den bleichen Wangen. „Vater“, fragte sie, „soll ich gleich auf den nächsten warten?“

   Aus dem Fettgesicht des Fischers schwand die lustige Gemütlichkeit. „Geh ins Haus!“, sagte er grob. Kaum war das Mädel verschwunden, da lachte der Alte wieder. Und während er die Angel frisch beköderte und in das Tiegelchen tauchte, schwatzte er vor sich hin: „Da beißen sie wie närrisch. Und das da ist besonders gut, weil’s von einem Sakrileger ist. Den hab ich vor drei Wochen schinden müssen, weil er in der Ramsauer Kirch die Monstranz gestohlen hat.“

   Erbleichend stammelte der Jäger: „Mensch! Wer bist denn Du?“

   „Du bist ein Fremder, gelt? Sonst tätst Du den Jochel Zwanzigeißen kennen.“ Der Dicke warf die Schnur ins Wasser. Dann hob er lachend das runde, glänzende Gesicht. „Ich bin der Freimann von Berchtesgaden.“ Erheitert über den Schreck, mit dem der Bub vor ihm zurückwich, fragte er:

   „Hast Du vielleicht ein schlechtes Gewissen?“

   Durch das Grauen, das den Jäger befallen hatte, zuckte ihm der Gedanke: Wie kann man so fett werden und so lustig sein? Bei dem Handwerk! Das Gewirbel der Bilder, die quälend wieder in ihm erwachten, zwang ihn zu der Frage: „Hast Du auch schon Hexen verbronnen?“

   „Freilich. Weit über die Hundert schon. Muspere Weiblen sind dabei gewesen. Der Teufel hat einen feinen Gusto.“ Schmunzelnd beobachtete der Dicke den auf dem Wasser tanzenden Federspliss. „Wie ich noch Gesell zu Bamberg und in Salzburg gewesen bin, haben wir fleißig brennen müssen. Seit ich zu Berchtesgaden bin, hab ich Feierabend.“ Das lustige Gemecker des Dicken hatte plötzlich einen anderen Klang. „Meine Herren im Stift und unsere Patres Franziskaner denken so viel gut von der bäurischen Menschheit. Die glauben allweil, es gäb im Berchtesgadner Land keine Hexen. Tät einer fester hinschauen –“ Den Hals streckend, schwieg er und guckte schärfer nach dem Federkiel, der auf dem Wasser zu zittern begann.

   Mit jagendem Schritt ging Adelwart davon. Als ihm dichtes Erlengebüsch das Haus des Freimanns schon verdeckte, hörte er noch die lustige Stimme: „Huldla! Ich hab schon wieder einen!“ Kaltes Grauen rüttelte seinen Leib. Er rannte über die Wiesen und hielt erst inne, als er zu einem Sträßl kam, auf dem er Fuhrwerk und Menschen gewahrte. Aufatmend drückte er die Fäuste auf die Brust. „Meinem Herrgott dank ich, dass ich den nit gefragt hab um die Jungfer!“ Zögernd wandte er das Gesicht und sah bei den Erlenbüschen die Freimannstochter stehen, in der Ferne so klein, dass ihr gelbes Mieder im Grün wie ein Blüml aussah. Da musste er an die Fische denken – und sah, wie die beiden, Vater und Tochter, bei der Schüssel hockten. Den Ekel fuhr ihm in alle Knochen.

   Er sprang auf die Straße, stand wie angewurzelt, und alles Zittern seiner sinne war ihm verwandelt zu heißer Freude. Weit offen in der Sonne lag das herrliche Tal mit allen Bergen vor ihm, mit dem Riesenzahn des Wazmann, ein grünes Wunderland, überwölbt vom reinen Blau. Von den smaragdenen Wiesenhöhen, die sich zur Rechten gegen die Wälder des Untersberges hoben, grüßte der mächtige Bau des Stiftes mit blinkenden Fenstern. Wie die Schäfer bei der Herde stehen, hoben sich die Türme des Münsters und zweier Kirchen über das sonnbeglänzte Dachgewirr des Marktes. Kleine Gärten mit blühenden Obstbäumen hingen zwischen Mauern auf dem steilen Geländ, und auf der Höh schob sich überall der Bergwald mit lichten Buchen und leuchtendem Felsgeschröf bis dicht an die Häuser her. Den grünen Hügeln zu Füßen, am Ufer der blitzenden Ache, lag ein großes Gebäude, das Pfannhaus der Saline Frauenreut, und ein Gewirbel feinen Wasserdampfes quoll über das hoch gegiebelte Dach hinaus und verwehte mit zarten Schleiern in der Sonne. Überall im Tal, so weit man sehen konnte, lagen umzäunte Gehöfte einsam zwischen Wiesen und Wäldchen; hoch im Bergwald droben, auf kleinen Geräumten, leuchteten die grauen Dächer, und über dem Kranz der Almen, die zu grünen begannen, stiegen die Wände ins Blau, noch halb übergossen von Schnee und gleißend wie Silber. „Herr Du mein! O Du schönes Land Du!“, stammelte der Jäger. Und während er dem Sträßl folgte, hingen seine staunenden Augen immer an den weiß gemäntelten Reisen da droben, am Wazmann und seinen steinernen Kindern.

   Nur weil er unter Bäume kam, deren Kronen ihm das Bild der Ferne verhüllten, fand er auch einen Blick für die Nähe. Da stand auf der einen Seite der Straße ein stattliches Gebäude, das neue Hällingeramt, auf der anderen Seite die Salzmühle, in der es rauschte, rasselte und pochte. Dunkle gähnte am Berghang das Tor eines Stollens. Auf hölzerner Rollbahn kamen mit flinkem Schuss die mit rötlichen Salzsteinen beladenen ‚Hunde’ herausgefahren; erst hörte man nur das dumpfe Rollen, ohne dass in dem finsteren Schacht was zu sehen war; dann plötzlich schoss der Wagen heraus in den Tag, und der Hundsmann, der ihn führte, mit dem rußenden Grubenlicht am Gürtel, zwinkerte die Augen zu, weil ihn die Sonne blendete. „Das muss ein trauriges Schaffen sein, da drinnen in der schwarzen Tief!“ Bei diesem Gedanken suchten die Augen des Jägers den Wald und die freien Berge.

   Als er die Straße hinauswanderte, schoss ihm jäh das Blut in die Wangen. Er sah einen greisen Priester kommen, im weißen Habit der Augustiner, mit einer pelzverbrämten Kappe über den grauen Haarsträhnen, die dünn herunterhingen auf die Schultern. Ein feines, bleiches Gesicht mit dem Ausdruck tiefen Kummers und mit brütender Sorge in den Augen. Adelwart las nicht die Sprache dieses Gesichtes, sah nur das Kleid, und brennend war der Gedanke in ihm: Von meinen Herren einer! Aber nicht der Propst! Das merkte er gleich. So allein geht doch ein Fürst nicht über den Weg. Er zog unter stammelnden Gruß die Kappe. „Herr? Möget Ihr aus Gütigkeit erlauben, dass ich eine Frag an Euch tu?“

   Mit zerstreutem Blick hob der Priester das Gesicht.

   „Gelt, Ihr seid von den Herren einer, aus dem Kloster droben?“

   Der Stiftsherr nickte.

   „So sagt mir, Herr, welchen Weg ich machen muss, dass ich mit dem gnädigen Fürsten zu reden komm?“

   Ein wehes Lächeln zuckte dem Stiftsherrn um die schmalen Lippen. „Das kann ich Dir nicht sagen. Wüsst ich da einen Weg, so würd ich ihn selber machen. Noch heut!“ Er wollte gehen. Da sah er die Ratlosigkeit im Gesicht des Jägers. „Bist Du fremd? Weißt Du nicht, dass Seine Liebden Herzog Ferdinand, unser Fürst, der Erzbischof zu Köllen am Rhein ist? Seit wir ihn zum Fürsten wählten, hat er sein Land nicht gesehen.“ Die Stimme des greisen Priesters zitterte. „Seit zweiundzwanzig Jahren.“

   „Jesus!“ Der Schreck war dem Jäger in alle Glieder gefahren. „Was soll ich denn da jetzt tun?“

   Schweigend betrachtete ihn der Stiftsherr. In seinen sorgenvollen Augen erwachte ein freundlicher Blick.

   „Was wolltest Du beim Fürsten?“

   „Ach, Herr!“ Dem Jäger sprudelte die ganze Geschichte seiner blauen Träume aus dem Herzen. „Da komm ich jetzt von so weit! Und möcht Eurem Fürsten dienen als Jäger. Das darf ich sagen ohne Hochmut: Ich bin kein schlechter. Was tu ich jetzt? Wenn Euer Fürst zu Köllen hockt! Ich kann doch nit durchs ganze Deutsche Reich hinunterlaufen bis an den Rhein. Und möcht doch blieben. Ums Leben gern!“

   Mit einem Blick des Wohlgefallens legte der Stiftsherr dem Jäger die Hand auf die Schulter. „Dazu brauchen wir den Fürsten nicht. Geh hinüber zum Wildmeister! Da drüben am Stiftsberg, as Haus bei den Birnbäumen, da wohnt er. Wenn er Dich tüchtig findet in allem Weidwerk, wird sein Antrag, Dich als Jäger zu dingen, bei mir ein williges Ohr finden.“ Er nickte lächelnd und ging seiner Wege, wieder mit dieser grübelnden Sorge in den Augen.

   Dem Jäger glühte die Freude ins Gesicht. Einen Knappen, der von der Saline kam, fasste er am Arm. „Du, ich bitt Dich, sag mir, wer das ist: Der gute Herr dort!“

   „Der edel Herr von Sölln, unser Kanzler und Dekan.“

   „Jesus! Da ist mein Glück gemacht!“

   Wie heiß auch in Adelwart das Frohgefühl dieser Stunde rumorte, wie ungeduldig er auch das Haus des Wildmeisters zu erreichen suchte – er musste, als er die Achenbrücke überschritten hatte, doch stehen bleiben und ein Menschenpaar betrachten. Unter dem Schatten großer Ulmen stand ein kleines Haus, inmitten eines gut gepflegten Gartens. Auf grauer Steinbank, zwischen blühendem Holunder, saß eine junge, zarte Frau in grauem Kleid, ein weißes Häubchen um das Haar gebunden, von dem sich zwei blonde Locken noch heraus stahlen unter der Leinwand; ein schmales, bleiches Gesicht, dessen Augen regungslos und traurig ins Leere schauten. Wie eine Kranke sah sie aus, die ein schweres Leiden überstanden hat und nicht an Genesung glauben will. Während sie so saß, wie ein steinernes Bild, mit den Händen im Schoß, kam aus dem Haus ein Mann, noch jung, kaum über die Dreißig hinaus, schwarzbärtig, mit dicken Haarbüscheln um das ernste Gesicht. Vor der Brust trug er eine Lederschürze, und kleine Holzspäne hingen an seinem Gewand. Er nahm die Hand der Frau. „Geh, Trudle, komm herein ins Haus! Die Sonn geht bald hinunter, da wird der Abend kühl.“ Sie hob das Gesicht zu ihm: „Mir ist auch kalt in der Sonn.“

   Adelwart stand bei der Hecke und sah die beiden langsam zwischen dem blühenden Holunder davongehen und im Haus verschwinden. Er fühlte: Da geht ein tiefes Elend unter Dach! Um den Schauer seines Erbarmens zu überwinden, musste er an die frohe Hoffnung denken, die ihm die vergangene Minute geschenkt hatte. Die Kappe zurückschiebend, sprang er über die Straße und zum Haus des Wildmeisters. Das lag am Fuß des Stiftsberges in einer Wiesenmulde, die sich ansah wie ein aufgefüllter Wallgraben. Überall in der Nähe gewahrte man halb abgetragene Festungsmauern, noch mit Schießscharten in den übrig gebliebenen Resten. Um das Gehöft des Hauses zog sich eine beschnittene Weißdornhecke, so hoch, dass man mit der Hand kaum hinaufreichte an den Saum. Über der Hecke sah man die Kronen blühender Birnbäume und ein Stein beschwertes Schindeldach mit einem Hirschgeweih am First.

   Im lebenden Zaun eine hohe Brettertür. Die war verschlossen. Als Adelwart an der Klinke rüttelte, erhob sich hinter der Hecke ein Kläffen und Bellen vieler Hunde. Die Tür wurde von innen aufgeriegelt, ein gellender Pfiff machte die Hunde schweigen. Vor Adelwart stand der Wildmeister Peter Sterzinger in grünen Bundhosen und im hirschledernen Wams, um den Hals einen breiten Leinenkragen, der ein weites Maß hatte. Böse Zungen konnten behaupten, dass der Atem des Wildmeisters durch einen linksseitigen Kropf beengt wäre. Für ein nachsichtiges Urteil war’s nur jene Ausbuchtung der Halslinie, die der Volksmund als ‚Wimmerl’ bezeichnet. Über diesem doppelt faustgroßen Kröpfl saß ein fester Eisenkopf mit kurz geschorenem Haar. Kleine, kluge Augen blitzten in dem braunen Gesicht, dessen Kinn und Wangen rasiert waren, während über dem Mund ein dicker Schnauzbart sein dunkles Dächl struppte. Ein hurtiger Blick musterte den Jäger. Und eine strenge, kurzatmige Stimme fragte: „Wer bist Du? Was willst?“

   Adelwart zog die Kappe. „Gottsgrünen Weidmannsgruß, Herr Wildmeister! Ein Jäger bin ich und tät gern dienen unter Euch. Mit dem edlen Herrn von Sölln, den mir eine gute Stund über den Weg geschoben, hab ich schon geredet. Der tät mir ein willig Ohr geben, hat er gesagt, wenn Ihr mich gerecht findet in aller Jägerei.“

   Wieder flog der Blick des Wildmeisters über die Gestalt des Jägers auf und nieder. Dann machte er eine merkwürdig flinke Zuckbewegung mit dem Kopf, wie ein Specht, der den Schnabel in eine Baumrinde schlägt. Das kannten die Leute an ihm und sagten: „Er schnackelt!“ – oder sie sagten auch: „Er macht den Specht!“

   „Komm!“, schnackelte Peter Sterzinger. „Da muss ich Dir mit fester Zang an die grüne Leber greifen.“

   Adelwart trat hinter dem Wildmeister ins Gehöft und bekreuzte sich. Soweit hatte er den Peter Sterzinger bereits kennen gelernt, um zu wittern, dass es ein scharfes Examen absetzen würde. Baut man auch in solcher Stund auf seine gute Kraft, so ist doch des Himmels Beistand nie von Schaden.

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