Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Mann im Salz

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         Der Mann im Salz
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Kapitel 1

   Die Leute, die zu Grödig vor den Häusern standen, sahen ihm verwundert nach. Ein junger, schmucker Bursch, hoch gewachsen und schlank, von Gesundheit strotzend, mit festen Schultern. Dazu ein Gesicht, erschöpft und bleich, mit verstörten Augen. Und Schritte machte er wie ein Flüchtling, hinter dem der Blutbann her ist.

   „Mensch“, sagte ein alter Bauer über die Gartenplanke zu seinem Nachbar, „der hat entweder ein böses Stück getan oder will eins tun!“

   „Kann auch der beste sein!“, meinte der andere, ein Schmied in rußigem Schurzfell, mit tief liegenden Augen in einem verbitterten Gesicht. „Heutigentags muss oft einer rennen, auf den unser Herrgott herunterschaut mit guten Augen. Was ist mein Mädel für ein braves Ding gewesen!“ An den Wimpern des Schmiedes glitzerte was.

   Der alte Bauer machte scheue Augen und setzte das Gespräch nicht fort. Er guckte dem jungen Menschen wieder nach. „Der muss ein Jäger sein!“

   Das war am Weidgehenk und an der grünen Tracht zu erraten. Auf der Hubertuskappe saß die Weihenfeder, die nur der weidgerechte Jäger tragen durfte. Und schmuck sah das aus: Dieser schlanke Körper in den wehenden Pluderhosen und in dem kurzen, schmiegsamen Spenser, über den sich der weiße Leinenkragen breit herauslegte. Ein kräftig gebildetes Jünglingsgesicht, die Wangen umkräuselt von einem jungen, dunkeln Bart, mit braunen Augen, so nussbraun wie die Haarsträhne, die, von Schweiß durchfeuchtet und mit Staub behangen, dick unter der grünen Kappe heraus quollen. Bei einer Biegung der Straße bleib der Jäger wie ein müd Zerbrochener stehen, presste die Fäuste auf seine Brust, wandte das verstörte Gesicht und blickte über die Straße zurück, gegen Salzburg.

   Es war ein schöner Frühlingstag mit reiner Sonne, die aus der Mittagshöhe über den Untersberg herunterlachte auf das junge Grün der Wiesen und Felder. Am blauen Himmel keine Wolke. Dennoch lag es da draußen über den stolzen Zinnen der Bischofsfeste wie ein trüber, schwerer Dunst. Das war anzusehen, als wäre in der windstillen Luft der Rauch einer großen Brandstatt über den Dächern von Salzburg hängen geblieben.

   Dem Jäger lief ein Schauer über den Nacken. In seinen Augen war ein entsetzter Blick, und jagenden Schrittes eilte er auf der Straße davon, den Bergen zu. Als er den Wald erreichte, der sich vom Untersberg auf steilen Gehängen nieder schwang zu den ebenen Feldern, blieb er stehen. Er wollte sich nicht umschauen. Doch er musste! Und als er über der Stadt da draußen dieses Dunkle wieder sah, das in den Lüften hing wie ein Riesenvogel mit grauem Gefieder, schlug er die Hände vor die Augen, sprang von der Straße in den Schatten des Waldes, wie ein Irrsinniger, warf sich zu Boden und drückte das Gesicht ins Moos. Die Bilder, die ihn verfolgten, ließen sich nicht ersticken, nicht verjagen. Er dachte an alles, was ihm schön war an seinem jungen Leben. Aber kein Schönes, an das er sich zu denken zwang, verscheuchte ihm das Grauenvolle dieses Morgens. Immer sah er die quirlenden Wolken des schwarzen Rauches, die schürenden Freimannsknechte in ihren roten Wämsern, die lodernden Scheiterhaufen, und an den Feuerpfählen die vier brennenden Menschen. Immer sah er dieses junge Mädchen in den Stricken hängen, sah, wie das Hexenhemd und das rote Haar zu einer schnellen Flamme wurde und wie für einen Augenblick der nackte, schöne Leib erschien, bevor ihn das Feuer umschleierte. Und immer sah er das: Wie der Kopf der alten Frau in die Luft flog, als die Pulvertasche explodierte, die man ihr aus Gnade zur Erleichterung des Feuertodes um den Hals gebunden. Und immer sah er dieses Kind – ein siebenjähriges Mädchen, das in seiner Marter nur einen einzigen Schrei noch hatte: „Muter, hilf mir!“ – und dann in Ohnmacht fiel und stumm verbrannte.

   Das Grausen verstörte ihm alle Sinne. Mit verhülltem Gesicht bleib er liegen, wohl eine Stunde lang. Die warmen Sonnenlichter, die durch das junge Laub der Buchen fielen, zitterten um seinen schlanken Körper. Ein feiner Duft war um ihn her, von Veilchen und Glockenblumen, von roten Steinnelken und gelben Aurikeln. Goldenes Leuchten war in allen Dingen, und mit sanfter Murmelstimme floss ein Bach in der Nähe vorüber. Wie alles blühte, alles zusammenklang und ineinander leuchtete, war es ein wundersames Lied, das der Frühling summte an diesem Tag.

   Der Jäger hatte sich aufgerichtet und ging auf den kleinen Wildbach zu. Er trank aus der hohlen Hand. Und wusch das Gesicht und das verstaubte Haar. Und schüttelte sich, dass von den feuchten Strähnen die blitzenden Tropfen flogen. Mit der Kappe in der Hand, damit sein nasses Haar in der Sonne trocknen könnte, ging er schräg durch den Wald hinaus. Als er die Straße erreichte, blickte er sich um und atmete auf wie ein Erlöster, weil die grüne Mauer des Wales ihm die Rückschau in das ebene Land versperrte. Er wandte sich und spähte über den Weg voraus, der sich am Ufer der rauschenden Ache hineinzog in die Berge. Warme Röte stieg ihm in die bleichen Wangen. Der Weg, der da vor ihm lag, war der Weg in das neue Leben, das er suchen kam. Der Weg war schön. Wie wird das Leben sein, zu dem er führt?

   Zur Linken die Ache und waldige Hügel, zur Rechten die steilen Gehänge des Untersberges, dessen steinerne Türme manchmal heruntergrüßten über die Wälder. Lärmend kam ein Zug von Salzkärrern, die unter Geschrei ihre Maultiere trieben und mit den plumpen, von weißen Blachen überspannten Karren auf der schrundigen Straße ein schweres Fahren hatten.

   Nach einer Stunde erreichte der Jäger die Grenze des Berchtesgadener Landes. Da war ein breiter Streifen durch die Wälder gehauen, und an der Straße war das Wappen des Fürstpropstes zu Berchtesgaden auf einen überhängenden Stein gemalt. Mit frischen Farben hatte man das alte, halb erloschene Bild erneuert, und unter dem Schild standen zwei Jahreszahlen – eine, die schon ganz verwittert war: 1595 – und die zweite in neuer Farbe: 1618. Neben den gekreuzten Schlüsseln, dem Wahrzeichen des gefürsteten Stiftes, zeigte das Wappen den bayrischen Löwen und das Rautenfeld. Ein Wittelsbacher, Herzog Ferdinand, war Fürstpropst des Berchtesgadener Landes. Aufmerksam betrachtete der Jäger den bunten Schild: Das Wappen des Herrn, dem er dienen wollte.

   Der Friede war in dieses Herren Land nicht immer heimisch gewesen. Denn der Jäger kam zu den Trümmern eines Tores, das einst seine festen Bogen über die Straße gespannt hatte. Daneben sah man die Reste einer gebrochenen Mauer und die mit leeren Fenstern gähnende Ruine eines niedergebrannten Hauses. Nur der mächtige Turm war unversehrt noch übrig von der ‚Burghut am hangenden Stein’, die Wolf Dietrich, der Erzbischof von Salzburg, vor acht Jahren in Scherben geworfen hatte.

   Vor der Tür der Wachtstube, die in das ebenerdige Geschoss des alten Turmes eingebaut war, saßen zwei stutzerhaft gekleidete Musketiere beim Kartenspiel. „Hex!“, schrie der eine und schlug die Schellensau auf die Bank. „Und Teufel!“, lachte der andere, der mit dem Schellenober stach. Als er den eingestrichenen Gewinn in dem flatternden Wust von buntem Tuch verschwinden ließ, aus dem seine Hose bestand, gewahrte er den Fremden. „Der ist von auswärts!“, sagte der Musketier, nahm das Feuerrohr mit der glimmenden Lunte von der Mauer und sprang auf die Straße hinunter. „Arreet Monscheer!“ Dem Fremden schienen die beiden Worte nicht zu gefallen. Er wollte weitergehen, als hätte er nichts gehört. „Halt!“, schrie der Musketier.

   Der Jäger nickte. „Jetzt hab ich verstanden. Ich bin halt bloß ein Deutscher, weißt!“

   Die Ruhe dieser Antwort dämpfte das martialische Gebaren des Musketiers. Etwas sänftlicher fragte er: „Woher des Lands? Und wohin?“

   „Von Schloss Buchberg komm ich und will nach Berchtesgaden ins Stift.“

   „Was suchst Du im Stift?“

   „Das sag ich schon, wenn ich dort bin.“

   Es blinkerte dem Musketier in den Augen. Dieses Wort hatte ihn an der Galle gekitzelt. Aber die Vorsicht war stärker in ihm als der Zorn. Erst musterte er den Fremden. Dann legte er, wie zu friedlicher Gesinnung beredet, die Muskete quer über den Arm. „Ihr müsst einen Pass weisen!“

   Der Jäger griff in den Spenser und reichte dem Musketier ein Blatt, das er aus einem ledernen Täschl genommen.

   Der andere las. Das war Arbeit für ihn, die langsam vorwärts ging. Er nickte. „Der Pass weist, dass Ihr römisch sied. Aber ich muss Euch proben. Das ist Fürschrift. Ein Evangelischer geht bei uns nit ein ins Land. Schlagt das Kreuz!“

   Eine Furche grub sich zwischen die Braunen des Fremden, während er das Gesicht und die Brust bekreuzte.

   „Passiert!“, sagte der Musketier und gab das Blatt zurück. „Freilich, mancher reißt ein Kreuz um das ander her. Und doch lügt er.“

   Dem Jäger fuhr das Blut ins Gesicht. Seine Augen blitzten. „Willst Du sagen, dass ich lüg?“

   Der Musketier schmunzelte. „Ich hab nicht von Euch geredet. Mancher, hab ich gesagt, ganz deutlich und deutsch. Eurem Kreuz muss ich glauben.“

   Der Jäger schritt die Straße hinaus, der Ortschaft entgegen, deren Kirchturm herlugte über einen grünen Hügel. Als er schon hundert Schritte gegangen war, schrie ihm der Musketier mit Gelächter nach: „Bonschur, Monscheer!“ Der Jäger sah sich um und schob die Daumen hinter den Gurt seines Weidgehenkes. „Vergelts Gott! Das hat kommen müssen: Hinter dem Grausen die Narretei!“ Er lachte. Aber lustig klang das nicht. In seinen Zügen blieb ein brütender Ernst. Als er die Brücke erreichte, auf der sich die Straße über das Bett der rauschenden Ache schwang, vernahm er das Rollen von Baumblöcken und hallende Beilschläge. Da arbeiteten an die zwanzig Leute, um einen Bergrutsch einzudämmen, der den Lauf des Baches zu verschütten drohte. Neben der Brücke stand ein alter Mann, der die Arbeit überwachte. Er war in schwarzes Tuch gekleidet, mit hohen Stiefeln. Auf der schwarzen, schirmlosen Kappe trug er eine weiße Feder. Ein struppiger Bart umhing das welke Gesicht, und sein Rücken war gekrümmt wie unter schwerer Last. Als er den Gruß des Fremden hörte, sah er sich um, und da fiel es ihm wie Schreck ins Gesicht. Seine Augen starrten, als käme ein Gespenst auf ihn zugegangen. „Bub? Wer bist Du?“

   „Ein Jäger. Ich will zu Berchtesgaden einen Dienst suchen. Der Ort da drüben? Ist das schon Berchtesgaden?“

   Lang schwieg der alte Mann. Noch immer wollte sich die Erregung nicht beruhigen, die ihm aus den Augen sprach. Dann sagte er: „Dich wird der Wildmeister nimmer auslassen. Das wird für mich ein hartes Stück werden, Dich allweil sehen müssen.“ Er nahm die Kappe herunter und strich mit der zitternden Hand über das graue Haar. „Jetzt soll mir unser Herrgott sagen, wie das sein kann! Ein Gesicht, das zweimal auf die Welt kommt! Hätt ich meinen Buben nit selber hinuntergelegt und tät ich nit wissen, dass er acht Jahr schon unter dem Wasen fault – ich tät drauf schwören, Du wärst mein Bub!“

   Der Jäger fand keine Antwort. Er streckte dem Alten die Hand hin. Der nahm sie, scheu und zögernd. Nach einer Weile sagte er: „Das da drüben ist Schellenberg. Bis auf Berchtesgaden streckt sich der Weg noch zwei gute Stund. Und des Wildmeisters Haus, das steht im alten Hirschgraben, gleich unter dem Stift. Aber sag mir, Bub, wie heißt Du?“

   „Adelwart.“

   „Der meinig hat David geheißen. Der ist schon Häuer gewesen mit zwanzig Jahr. Und Du bist Jäger? Da hast Du ein Leben in Licht und Sonn. Mein Leben ist halb in der Nacht. Wir zwei, mein’ ich, laufen nit of aneinander hin. Aber wenn sich’s gibt, Bub, dass ich Dir einmal was helfen kann, da komm zu mir! Ich bin der Jonathan Köppel, der Hällingmeister zu Berchtesgaden.“ Weil ihn die Arbeitsleute riefen, ging der Alte zur Ache hinunter. Alle paar Schritte sah er sich nach dem Buben um.

   Noch lange blieb Adelwart auf der Brücke stehen, in einem Widerspiel von Gedanken. Die Worte des alten Mannes hatten ihn erschüttert, und dabei empfand er es wie warme Freude, dass er, ein Einsamer in der Fremde, an der Schwelle seines neuen Lebens einen Menschen gefunden hatte, der ihm Freund geworden. In Sinnen versunken, ging er der Straße nach. Und erschrak, als er aufblickte und den schwarzen Rauch sah, der bei der Kirche heraufstieg über die Dächer. Alles Grausen dieses Morgens stand ihm wieder vor Augen. Mit beklommener Stimme rief er einen Knaben an, der neben der Straße saß und aus den Stielen der Schlüsselblumen ein Kette flocht: „Was raucht denn da?“

   Das Bübl sah nach dem Dorf hinüber. „Die Pfannhauser Öfen.“

   „Gott sei Lob und Dank!“

   Adelwart wanderte dem Dorf entgegen. Immer sah er die Blumen der Wiese an, um diesen Rauch nicht sehen zu müssen. Der wurde dünner; als er ganz verschwunden war, blieb über dem stielen Schindeldach des Salinenhauses nur das weiße Qualmen des Wasserdampfes, der aus den Salzpfannen stieg und durch das Dach hinaus quoll in die Sonne.

   Wo die Schellenberger Gasse begann, stand neben der Straße ein zerstörtes Haus. Über der leeren Türhöhle trug die Mauer das aus Stein gemeißelte Salzburger Wappen, von Beilhieben zerhackt. Spielende Kinder tollten in den kahlen Räumen umher, und auf den roten Marmorstufen der Hausschwelle waren zwei Buben sich in die Haare geraten. Die rauften wie junge Bären.

   „He! Wollt ihr Ruh geben!“

   Die heißen Kämpfer überhörten diesen Mahnruf. Da spürten sie plötzlich einen festen griff an ihren Ohren. Während sie mit verdutzten Augen dreinschauten, hielt ihnen Adelwart eine kleine Standrede über die Segnungen des Friedens. Weil es der Jäger haben wollte, reichten sie einander die Hände. Kaum war er davongegangen, da schwoll ihnen wieder der Kamm ihres Zornes. Die kleinen Fäuste nach hinten gestreckt, rückte einer dem andere dicht vor die Nase.

   „Wie, trau Dich her, Du!“

   „Meinst vielleicht, ich fürcht mich vor so einem lutherischen Siech?“

   „Du römischer Pfaffenwedel!“

   Und zur Bekräftigung ihres Glaubensbekenntnisses spuckten sie einander ins Gesicht.

   Die Frühlingssonne lachte auf die Buben herunter, vergoldete die Trümmer des zerstörten Hauses und spiegelte sich in den Pfützen der langen Gasse. Hier und dort im Schatten der vorspringenden Schindeldächer sah man Weiber vor dem Spinnrad sitzen, mit weißen Krausen um die Hälse. So dürftig ihr Leben war, die Mode, die sie an den Salzburger Frauen sahen, machten die Schellenbergerinnen immer mit. Kein Mann in der langen Gasse. Die Männer waren im Pfannhaus, im Bergwerk, auf den Feldern.

   Vor dem Leuthaus stand ein Dutzend rastender Salzkarren, deren Gäulen und Maultieren die Futtersäcke umgebunden waren. Zwei wohlgenährte Schimmel, die aus einem Barren gefuttert hatten und jetzt von einem Knecht getränkt wurden, standen an der Deichsel einer kleinen Kutsche.

   „Hans? Können wir fahren?“, klang von der Tür des Leuthauses eine Mädchenstimme.

   „Ein paar Vaterunser lang wird’s allweil noch dauern, Jungfer“, gab der Knecht zur Antwort, „ich muss zum Schmied, der Handgaul hat ein Eisen locker.“

   „Aber eil Dich, gelt! Wir müssen in Salzburg sein, solang die Läden offen sind.“

   Adelwart, der auf der Straße vorüber wollte, hatte beim Klang dieser Stimme aufgeblickt. Eine von jenen Stimmen war’s, denen man gerne lauscht, weil sie zu singen scheinen, wenn sie reden. Er machte einen raschen Schritt, um zwischen den Salzkarren eine Lücke nach der Tür zu finden, und sah ein junges, schlankes Mädchen in das Leuthaus treten, schmuck in dunkles Blau gekleidet, ein kurzes Mäntelchen um die Schultern, und über dem reichen Schwarzhaar ein hellgraues Hütl mit flacher Krempe und weißem Federbusch. Zwei schwere Zöpfe, mit roten Schnüren durchflochten, hingen über der weißen Krause auf die Brust herunter und ließen, als die Jungfer in die Türe trat, von ihrem Gesicht nur einen schmalen Streif der rosigen Wange sehen.

   ‚Was muss das ein liebes Ding sein!’, dachte Adelwart. ER wollte seiner Wege gehen. Da rief ihn aus einem offenen Fenster der Leutgeb an: „He! Jäger! Willst Du nit zukehren? Grad zapfen wir an.“ Adelwart zögerte. Dann trat er lächelnd in die Leutstube. Noch auf der Schwelle warf er einen raschen Blick über die Tische hin. Hier saßen, mit Geschrei, nur die zechenden Salzkärrner hinter ihren Branntweinstutzen und Bierkannen, ein paar Salzknappen und Bauern dazwischen. Beim Ofen schwatzte ein invalider Spießknecht mit der Harfenistin, die unter wenig melodischem Getön die Saiten schnurren ließ. Als der Jäger in die Stube trat, dämpfte sich der Lärm ein wenig, und alle Gesichter guckten nach ihm. Dann hub das Geschrei wieder an, die Fäuste trommelten und die Würfel rollten. Während der Leutgeb für den neuen Gast schon den Brotlaib und die Bierkanne brachte, setzte sich Adelwart an einen Tisch, an dem ein Bauer und ein Salzknappe in eine aufgeregte Debatte verflochten waren. Sie stritten mit so heißen Köpfen, als ginge es um den teuersten Besitz ihres Lebens. Was die beiden so in Feuer brachte, war eine Meinungsverschiedenheit über Gottes Güte. „Dass unser Herrgott gut ist“, schrie der Knappe, „ist das wahr oder nit?“

   „Wird wohl wahr sein!“ Der Bauer wetterte die Faust auf den Tisch. „Aber wenn er zornig ist, rebellt er auf!“

   Der Leutgeb, als er vor den Jäger einen Holzteller mit einem dampfenden Stück Lammsbraten hinstellte, mahnte die heißblütigen Gottesstreiter zur Ruhe. Das half nicht viel. „Meinst Du, unser Herrgott, ist, wie Du bist?“, kreischte der Knappe. „Unser Herrgott farbelt nit und bleibt bei der Stang. Ist er gut, so muss er’s allweil sein und gegen alle. Gerechte und Ungerechte müssen teilhaben an seiner Gütigkeit.“

   „Ketzerei! Ketzerei!“, brüllte der Bauer. „Wenn Gottes Güt überall wär in der Welt, was tät denn übrig bleiben für des Teufels Regiment? Wo kämen die Flöh und Wanzen her, die Maden und Blindschleichen, die Hexen und Zauberleut?“

   Da warf der Jäger die Gabel aus der Hand und schob, von Ekel befallen, den Holzteller mit dem Braten fort. Bei dem Wort des Bauern und dem Geruch des gebratenen Fleisches wurden die Bilder dieses Morgens mit so quälendem Grauen in ihm wach, dass er aufsprang und aus der Stube rannte. In der Tiefe des dämmerigen Hausflurs sah er das leuchtende Viereck einer offenen Gartentür und draußen die Sonne, das Grün. Die Arme streckend, sprang er dieser Helle zu. Das waren nur wenige Schritte. Für das Entsetzen, das ihn erfüllte, war’s eine endlose Zeit. Immer die tausendköpfige Menge vor seinen Augen, die Richter in schleppenden Talaren, die Wolken des Rauches, die lohenden Feuerstöße, die brennenden Menschen in ihrer Marter! Er hatte ein Gefühl, als stünde er dem Feuer so nahe, dass ihm die Hitze das Haar versengte. Und deutlicher als alles andere, sah er hinter dem wogenden Flammenschleier das schöne, leichenbleiche Greisengesicht des Chorherren, den sie als Teufelsbündler verbrannten, weil er drei gefangenen Lutheranern zur Flucht aus dem Hexenturm verholfen hatte – und hörte seine Stimme aus dem Rauschen der Flammen das Wort des Heilands hinrufen über die Menge: „Herr, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun!“ Das wirbelte dem Jäger durch Herz und Sinne, als er hinaustaumelte ins Freie, ins Grün, in die Sonne.

   Ein kleiner Garten. Schmale Beete mit roten Aurikeln, die man ‚Liebherzensschlüssel’ nannte. Und im Schatten eines blühenden Birnbaumes saß jenes junge Mädchen auf einer Bank, die ausgebreiteten Arme über die Lehne geschmiegt. Das Hütl hatte sie auf die Bank gelegt; die schwarzen rot durchflochtenen Zöpfe hingen über die ruhig atmende Brust. Ihre Augen waren geschlossen. Sie schlief nicht, hatte nur die Lieder zugetan, um in Behagen das linde Spiel von Schatten und Sonne auf ihrem Gesicht zu fühlen. Gleich schwarzen Monden lagen die Wimpern auf den leicht gebräunten Wangen, und halb geöffnet, wie in lächelndem Dürsten, atmeten die roten Lippen.

   Der Jäger stand vor ihr, von einem Zittern befallen, das für ihn Erwachen und Erlösung, Schreck und Freude war. Was ihn trieb, das wusste er nicht. War es die Sehnsucht, nach allem Grauen dieser verwichenen Minute das schöne, blühende Leben zu umklammern? War es der bange Gedanke: Du bist ein Weib, auch dir kann drohen, was den anderen geschah? War es ein jäh erwachter Wille seines Herzens? Er wusste das nicht. Er tat nur, was er musste, umschlang sie mit beiden Armen, hob sie an seine Brust und küsste in Glut ihren Mund.

   Das Mädchen wehrte sich in stammelndem Schreck. Mit kräftigen Fäusten stieß sie ihn zurück, und der Zorn blitzte in ihren dunklen Augen. Schweigend warf sie die Zöpfe übe rdie Schultern, nahm den Hut von der Bank und verließ den Garten.

   Adelwart stand mit blassem Gesicht und griff an seine Stirn, als müsste er sich besinnen, was da geschehen war. 2Jungfer, ich bitt Euch, Jungfer –“ Ratlos sah er im leeren Garten umher.

   Aus dem Haus, von der Leutstube, hörte man einen wüsten Lärm. Allen Spektakel übertönte eine schrille Stimme: „Ein Ketzer! Ein verkappter Lutherischer ist er! Von Gottes Gütigkeit sagt er –“

   Der Jäger hörte das nicht. Er sprang in den Flur. Seine Augen suchten.

   Da gab es in der Leutstube ein wildes Rumoren, ein wirres Kreischen. „Jesus Maria!“ Mit langen Sprüngen jagte einer im Bauernkittel auf den Platz hinaus, ein paar Salzkärrner und Knappen waren hinter ihm her, und der ganze Flur füllte sich mit drängenden, schreienden Leuten. Als sich Adelwart einen Weg schaffen wollte, fiel sein Blick in die Stube. Da lag der Knappe auf dem Lehmboden, die Stirn von Blut überströmt, und neben ihm lag eine zinnerne Bierkanne, die aus der Form geraten war. „Parieren hätte er müssen“, erklärte der invalide Spießknecht mit einer Armbewegung, „so hätt er parieren müssen!“ Und ein alter Bauer schimpfte: „Allweil sag ich’s, das ganze Deutsche Reich wird noch in Scherben fallen, weil jeder von Gottes Gütigkeit ein anderes Prämissl hat!“

   Von dem Gedränge, das den Flur erfüllte, wurde Adelwart zur Haustür hinausgeschoben und sah in der langen Gasse die Kutsche mit den zwei Schimmeln um eine Ecke biegen. Da fühlte er an seinen Spenser einen derben griff. Der Leutgeb sagte zu ihm: „Jäger, das Zahlen hast du vergessen!“ Bleich mit zitternden Händen, holte Adelwart ein Silberstück aus dem Geldbeutel und warf es dem Leutgeb hin. Als er durch die Sonne hinunterging zur Berchtesgadener Straße, klang aus allem Lärm, der in der Leutstube war, ein wirres Saitengeklirr heraus. Da hatte einer das Instrument der Harfenistin umgeworfen.

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