Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Das Märchen vom Karfunkelstein

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Karfunkelstein
            1. Teil
            2. Teil
            3. Teil
            4. Teil

Des Märchens froher Beschluss:

Welches Unheil der Splitter des
Karfunkelsteines anrichtete, und wie der
Junge Holdrio die Prinzessin Holdria
Zu einer lachenden Königin machte.

   Und wiederum sieben Jahre wartete der junge Holdrio. Doch die Prinzessin Holdria schien keinen treuen Knecht zu brauchen und keinen tapferen Kriegsmann. Denn die hunderttausend mal tausend Kirschbäume, die aus den kleinen Kernen herangewachsen waren, blühten Jahr um Jahr wie ein weißes Meer, und noch immer wollte von der Königsburg kein Bote kommen, um den schlanken, schmucken Holdrio zu holen, der auf dem Berg Wetterstein die Geißen hütete.

   Der reiche Goldbauer, den das Zipperlein in die Zehen biss, der hatte eines schönes Tages gesagt: „Jetzt beiß ich auch einmal!“ Und da hatte er ins Gras gebissen. Und seine Tochter, die so stark und groß war und so reich, die hatte längst schon einen Mann genommen und einen starken Knecht dazu. Denn im Goldhof war es wie in all den anderen Höfen. Bei dem Wohlstand, den in Heimlichkeit das menschenfreundliche Werk der Zwerge schuf, wuchs auch die Arbeit. Und da brauchte man Leute! Und musste freundlich sein mit den Knechten, wenn man wollte, dass sie blieben! Denn all die armen Leute waren reich geworden bei dem Segen, der so still um alle Felder, so heimlich durch alle Häuser und Gärten schritt. Die sonst gebettelt hatten, saßen unter schönem Dach und konnten fröhlich sein und lachen, konnten singen vom Morgen bis zum Abend. Manchmal taten sie’s im Wirtshaus auch die ganze Nacht. Und häufig waren sie dabei verschiedener Meinung: Welcher von ihnen der reichste wäre? Und weil diese Glücklichen weder Papier noch Pergament hatten, schrieben sei einander ihre Meinung auf die Köpfe. Und dann mussten die guten Zwerge fleißig springen, um all die heilsamen Kräuter herbeizuholen, die da nötig waren.

   Unter all diesen tausend Reichen gab es nur einen einzigen, der arm geblieben und gar nicht fröhlich war! Der hatte noch immer keine Schuh, keinen Garten und kein Haus dazu. Und all sein munteres Singen schien er ganz verlernt zu haben – weil die Prinzessin Holdria keinen treuen Knecht und keinen tapferen Kriegsmann brauchte. Und wenn er am blauen Morgen oder am roten Abend zwischen den ruhenden Geißen auf der schönen Bergwiese saß und mit dürstender Sehnsucht still hinausblickte in die Ferne, wo er die goldenen Turmhähne der Königsburg von Ohlstadt schimmern sah, dann tat er oft einen Seufzer, so tief und schwer, dass die Geißen erschrocken aufsprangen aus dem Gras und all ihre heiteren Possen spielten, um ihren stillen Hirten froh zu machen. Doch ob auch Großvater Kleebeiß mit seinen alten Knochen die drolligsten Sprünge versuchte – der stille Holdrio wollte nicht lachen. Und wenn das Enkeltöchterchen der Ziege Schimmermilch das weiße Köpflein schmeicheln an seine Wange schmiegte, schob er das Tierchen von sich und sagte ernst: „Ach geh doch, Schimmerlein, lass mich in Ruh!“

   Dann schüttelte wohl die Großmutter Schimmermilch in tiefen Gedanken den grauen Kopf und sprach:

„Wer, mecker lemäh,
Versteht, was ich seh?
Was kann ihn denn plagen?
Was muss er denn tragen?
   Ich find’s nicht!
   Ich wind’s nicht!
Ich weiß keinen Grund!
Wir all sind gesund,
Und die Sonn ist so lind,
Und die Nacht so geschwind,
Und besser als je
Ist heuer der Klee!
Lemecker lemäh,
Was tut ihm denn weh?“

   Und da war es in der schönen Zeit, in der die Kirschen reif sind und an allen Ecken die grüne Schale der Haselnuss sich härten und bräunen will. Da saß der stille Holdrio im roten Abendglanz auf seiner Wiese und blickte mit dürstender Sehnsucht in die leuchtende Ferne hinaus, in der die goldenen Turmhähne der Königsburg von Ohlstadt schimmerten. Und plötzlich fing er zu singen an, ganz leise:

„Ich weiß ein junges Königskind,
Mit Locken, wie die Sonn sie spinnt!
Hat sieben Sternlein silberweiß –
Die sind verdorrt zu dürrem Reis!
Hat sieben Röslein rot und grün –
Die sind verweht, weiß nit, wohin!
   Und sieben Herzen,
   Die sind mein!
   Und sieben Schmerzen
   Die sind drein!“

   Und derweil der junge Holdrio so traurig sang, kam ein Geraschel und Gehuschel durch die Gräser der Wiese herauf. Von überall wimmelten zu Hunderttausenden die kleinen Zwerge herbei und kletterten auf die biegsamen Halme, die in der roten Sonne wie goldene Sprangen anzusehen waren, und immer hundert kletterten einem ruhenden Geißlein auf den Rücken und schmuggelten sich behaglich in das linde Fell. Und zwischen den Gräsern klangen zirpende Stimmen: „Hussa! Hoppla! Hüo!“ Und tausend silberne Wägelchen kamen angefahren, die beladen waren mit reifen Haselnüssen und karfunkelroten Kirschen. Und auf einem Wägelchen, so groß und schwer, dass die Zwerge tausend von ihren schwarzen Rossen als Vorspann hatten nehmen müssen, brachten sie eine sonderbare Maschine herbei gefahren. Die hatte der weise König Grawigrüweling erfunden – und das war eine Maschine, mit deren stählernen Zangen man die härtesten Nüsse ohne Mühe knacken konnte. Ja, wahrhaftig, das war der erste Nussknacker, den es auf der Welt gegeben hat!

   Mit dieser Maschine fingen die Zwerge gleich ein flinkes und lustiges Knacken an, und die milchweißen Bröselchen der Kerne wurden verteilt unter das ganze Heer der kleinen Männer. Und während sie unter kicherndem Jubel den süßen Saft der Kirschen in die blauen, gelben und roten Kelche der Blumen drückten, erschien der König Grawigrüweling in festlichem Gewande. Statt der schweren, goldenen Krone trug er ein allerliebstes Kränzlein aus winzigen Blumen um die Stirne. Und sein weißer Bart, der war im Lauf der Jahre schon wieder so lang gewachsen, wie eines Mädchens blonde Zöpfe sind. Aber die Augenbrauen trug er kurz geschoren, um klaren Blick zu haben und alle schönen Dinge der Welt und die liebe Sonne besser sehen zu können. Und kein Runzelchen hatte er mehr im Gesicht, sondern hatte runde, rosige Wänglein. Und Augen dazu, so hell und froh, wie einst die Augen des jungen Holdrio gewesen. Und ganz so gesund und munter, wie der kleine König, waren all die hunderttausend mal tausend kleine Zwerge um ihn her.

   Doch als der König Grawigrüweling hinaufkletterte auf das Knie des großen, schlanken Holdrio, da musste er gehörig schnaufen und tüchtig schwitzen. Denn von all den milchfeinen Nusskernen, die er im Lauf der Jahre geknappert hatte, und von all dem süßen Kirschsaft, der ihm durch das Gurgelchen geronnen war, hatte der kleine König ein rundes, dickes Bäuchlein bekommen. Hundert Kletterzwerge mussten von rückwärts schieben und stemmen, um ihren König Grawigrüweling hinauf zu helfen auf das Knie des Holdrio. Sobald er aber droben hockte, fing er lustig mit den Beinen zu zappeln an, und ließ sich ein blaues Becherlein mit rotem Kirschwein reichen, und trank dem Holdrio zu, und sagte: „Also, da wären wir wieder einmal!“ Und lachte.

   „Gott grüß Dich, Königlein Fingerlang!“, erwiderte Holdrio mit einem tiefen Seufzer. „Was willst Du denn bei mir mit all Deinem lustigen Volk?“

   Der König machte verwunderte Augen. „Aber! Bub! Heut jährt sich doch die süße Kirschnacht wieder! Die leibe Nacht, in der ich die höchste Weisheit fand!“

   „Ach sooo?“ Und wieder seufzte der Bub. Und flüsterte ganz leise vor sich hin: „So jährt sich heut der liebe Tag, an dem das Königskind zur Welt gekommen!“

   Das konnte der König Grawigrüweling trotz seiner feinen Ohren nimmer hören. Denn die hunderttausend mal tausend Zwerge, denen vom süßen Kirschwein schon die Augen funkelig wurden, schlugen in der Freude ihres Lebens einen Lärm und Jubel auf, dass es klang, als hätten sich auf der schönen Bergwiese alle Grillen der Welt zum Singen eingefunden. Übermütig fingen sie auf all den biegsamen Gräsern ein tolles Schaukeln an; und die den ruhenden Geißen auf dem Rücken saßen, schlugen Purzelbäume durch das linde Fell und stellten sich auf die Köpfe; und sangen dazu mit jauchzenden Stimmen:

„Ach, wie gut, ach, wie gut,
Ach, das geht so süß ins Blut!
   Wie feurig Räderchen
   Läuft’s durch die Äderchen,
   Wirbelt im Köpflein
   Wie glühende Tröpflein!
Ach, wie gut, ach, wie gut,
Ach, wie warm ist das im Blut!“

   Und König Grawigrüweling tat einen Juhschrei – „Heisa, juhei!“ – und sagte zum stillen Holdrio: „Nimm Dein Pfeiflein, Bub! Und blas uns einen Lustigen auf! Wir wollen tanzen!“

   Mit einem Seufzer griff der schlanke Holdrio nach seiner Hirtenpfeife und begann zu blasen.

   Und da fingen die lustigen Zwerge rings um ihn her ein Hopfen und Springen an, als wäre wieder einmal die ganze Bergwiese lebendig und verrückt geworden.

   Die Sonne, bevor sie sinken wollte, lachte noch mit rotem Kirschgesicht über den Grat des Berges Wetterstein herunter. Und silberweiß wie ein geschälter Nusskern stieg von der anderen Seite der schmunzelnde Mond herauf und goss all seinen milden Schimmer über das frohe Volk der Zwerge hin.

   Immer toller trieben es die kleinen Männchen; und die Geißen taten mit und sprangen und bockten, dass die Zwerge, die wie Kletten im Fell der Ziegen verklammert hingen, bei diesem Gerüttel und Geklunker helle Tränen lachten und der Stunde denken mussten, in der sie auf dem hüpfenden Bauch des Riesen jene gefährlichen Räder geschlagen hatten.

   Doch inmitten dieses fröhlichen Jubels warf der schlanke Holdrio plötzlich die Hirtenpfeife fort und drückte das Gesicht in die Hände und fing gar bitterlich zu schluchzen an.

   Da hättet ihr sehen sollen, wie mit einem Nu im silbernen Mondschein aller Jubel stumm und alle Freude der kleinen Zwerge still und schweigsam wurde! Und alle die winzigen Männchen und die großen Geißen und die kleinen Zicklein, alle standen sie um den Buben her und guckten mit Trauer und Erbarmen zu ihm auf.

   Ganz erschrocken hatte König Grawigrüweling den Blumenbecher mit dem Kirschwein fallen lassen. Dann kletterte er trotz seines dicken Bäuchleins flink auf die Schulter des Buben hinauf und hob sich auf die Fußspitzen – und während der milde Abendwind dem Holdrio den weißen Bart des Königs um die Wange wehte, flüsterte Grawigrüweling dem Buben ins Ohr: „Ach, Holderchen! Mein lieber, guter! Magst Du mir nicht sagen, warum Du weinen musst?“

   Da ließ der Bub die Hände sinken – und im silbernen Mondschein war’s, als hätte er zwei große, schimmernde Perlen an den Augen hängen. Und sagte mit einer Stimme, so weh und heiß wie sieben Schmerzen sind: „Schau, König Fingerlang, schau her, ich bin dem Königskind so gut und treu … und das will mich noch immer nicht holen lassen als braven Knecht und tapferen Kriegsmann … und vor Sehnsucht muss ich schier versterben!“

   In Jammer schlug der König Grawigrüweling die Hände über dem Kopf zusammen und rief: „Herr jerum jemine! Und ich, mit all meiner Weisheit, ich kann Dir nicht helfen in Deinem Weh! Und wäre meine Weisheit noch hunderttausend Mal größer, so wäre sie noch immer machtlos über ein Menschenherz.“ Doch als der kleine König das gesagt hatte, fiel ihm etwas ein. „Sei ruhig, Holderchen! Wo alle Weisheit versagt, da gibt’s noch immer Einen, der helfen kann!“ Er zupfte den Buben am Ohr. „Flink! Nimm mich auf Deine Hand! Und hebe mich hoch hinauf in die Lüfte!“

   Und Holdrio setze das Königlein auf seine Hand und hob es mit gestrecktem Arm hinauf in den silbernen Mondschein.

   Da höhlte der König Grawigrüweling die Hände um den Mund und rief, so laut er rufen konnte: „Riiieseee!“

   Ganz leise gaben am Berg Wetterstein die Felsen Antwort: „Iiiiseeee!“

   Wieder rief der König: „Riese! Komm! Da ist ein Herz in Not!“ Und kaum er das gerufen hatte, schienen überall in der Runde die Wälder lebendig zu werden, und alle Felswände begannen sich zu bewegen und schienen verwandelt in die Arme und Beine eines ungeheuren Körpers – und droben am Himmel riss der Mond vor Neugier die silbernen Augen auf – und über die steilen Almen kam der Riese mit dröhnendem Schritt heruntergestiegen zur schönen Wiese, so riesengroß, dass seine schwarzblauen Haare den Mond an der Wange kitzelten. Und schweigend beugte er sich nieder und machte sich so klein, dass er dem Holdrio in die nassen, sehnsuchtsvollen Augen schauen konnte. Und richtete sich schnaubend wieder auf und fing in der schönen Silbernacht zu lachen an – und während er lachte, griff er mit seiner mächtigen Faust hinaus in die Ferne, in der ein roter Schein von all den tausend Lichtern war, die in der Königsburg zu Ohlstadt brannten.

   Stumm und staunend guckten die Zwerge, die Geißen und die Zicklein an dem Riesen hinauf. Und König Grawigrüweling begann sich auf der Hand des Holdrio behutsam um sich selbst zu drehen, machte Verbeugungen nach allen Himmelsgegenden und murmelte in den wehenden Bart:

„Die Stunde will kommen,
Die Stunde ist nach!
Die Stunde ist mächtig,
Der Riese ist da!
   Karfunkel
   Im Dunkel,
Im stählernen Schrein,
   Zersprenge
   Die Enge
Mit leuchtendem Schein!
   Mein Wille
   Enthülle
Den Bann Deiner Macht!
   Erglühe!
   Und sprühe!
Erhelle die Nacht!“

   Und während der König Grawigrüweling diesen Zauber flüsterte, tat der Reise mit Lachen einen riesenlangen Schritt – und stand im Tal drunten. Einen zweiten tat er – und hatte die Hälfte des Weges zwischen Ohlstadt und dem Berg Wetterstein zurückgelegt. Und noch einen dritten tat er, und da stand er vor der Königsburg, aus der man Pauken und Trompeten hörte, und aus deren hundert Fenstern ein Lichtgefunkel schimmerte, als wäre im Thronsaal des Königs Edelring die Sonne aufgegangen.

   Lachend hockte sich der Riese auf die Weisen nieder und blickte über die hohen Mauern und spitzen Dächer der Stadt hinunter in die Straßen, die von tausend Pechfackeln und Feuerstößen taghell erleuchtet waren. Bunte Fahnen wehten von allen Giebeln, Kränze von brennenden Lichtern waren um alle Fenster geschlungen, und mit Jubel drängte sich das wimmelnde Volk durch alle Straßen. „Hoch der König!“, schrieen die Leute. „Hoch die Königin! Es lebe die Prinzessin Holdria!“ Denn die Hofgesellschaft, die einen Rundgang durch die beleuchtete Stadt gemacht hatte, kehrte gerade zur Königsburg zurück – voran die Pagen in den roten Wappenröcken und mit Wachslichtern, dann die Ritter mit roten Fähnchen an den Lanzen und mit weißen Rosen um die Helme, dann die Hofherren in ihrem seidenen Glanz, die Hofdamen in den gehobenen Kleidern und mit den spitzen Nasen in der Luft – und dann die Prinzessin Holdria zwischen dem König Edelring und der Königin Rosewitt.

   Ach, Kinder, wie schön und lieblich war die Königstochter! Wer sie ansah, musste vor Freue jauchzen und weinen. Und sie trug ein Kleid, aus Silber gewoben. Aber das sah man nicht. Denn ihre Lockenhaare lagen darüber her wie ein goldener Mantel, vom feinen Köpflein bis hinunter zu den Knien. Und so sonnengoldig glänzten diese Haare, dass man den Goldreif nimmer schimmern sah, der die Stirne der Königstochter umspannte. Und zwischen den kleinen Löcklein, die um ihre Wangen zitterten, sah man das schmale, rosenblasse Gesicht mit dem roten Krischenmund und den stillen, blauen, traurigen Augen. Und um das zarte, weiße Hälschen hatte sie ein seidenes Band geknüpft, an dem die Edlesteine der Zwerge blitzten in Feuer und Glanz: Der blaue Saphir, der grüne Smaragd, der rote Rubin und der wasserklare Diamant. Und wo sie ging und stand, da flatterten mit wunderlicher Unruh, scheu und aufgeregt, zwei silberweiße Tauben um sie her und gurrten immer – doch bei dem lauten Jubel des Volkes konnte niemand hören, was die Tauben sagten.

   Wie die Leute schrieen! Wie sie jubelten und jauchzten! Und was an Blumen gewachsen war in allen Gärten der Stadt, auf den Wiesen und im Wald, das streuten sie in ihrer Freude auf den Weg der Königstochter Holdria.

   Manchmal schien es, als möchte sich die Prinzessin nach einem Sträußlein bücken. Aber das konnte sie nicht – weil ihr silbernes Kleid so schwer war und so steif gewoben. Und winzig kleine Schritte musste sie machen – weil ihr der goldene Schuh das Füßchen drückte.

   Heiß erschrocken blieb sie stehen, als sie unter den Blumen, mit denen das jubelnde Volk ihren Weg bestreute, etwas Rotes leuchten sah. Aber als sie merkte, dass es roter Mohn war, schüttelte sie das Köpfchen, dass all ihre goldenen Locken bis hinunter zu den Knien zitterten.

   „Mein Herzkind?“, fragte die Königin Rosewitt, die noch immer schön war, aber schon kleine Fältchen um die Augen hatte. „Warum bist Du so erschrocken?“

   „Ich weiß nicht, liebe Mutter!“, sagte die Prinzessin Holdria. „Das hab ich immer so, wenn rote Blumen fallen.“

   Und als im Blumenregen ein Sträußlein weißer Gänseblümchen vor ihr niederfiel, da schlug sie die Augen zu Boden und tat einen tiefen Seufzer.

   „Mein Kind, warum so traurig?“, fragte der König, dem das Haar schon grau geworden.

   Zwei kleine Tränen rollten der Prinzessin Holdria über die Wangen, als sie leise sprach: „Es war einmal … da sind vom Himmel sieben silberweiße Sterne gefallen …“

   „Nein, mein Kind! Das hast Du geträumt. Die Sterne fallen nicht. Die sind am Himmel festgewachsen.“

   Kaum aber hatte der König das gesagt, da fiel vom dunkelblauen Himmel mit Glanz ein brennender Stern herunter.

   Niemand sah, wohin er fiel. Doch als Volk von Ohlstadt fing zu jubeln an. Und tausend Stimmen riefen: „Das bedeutet Glück! Das ist eine Stunde, die Segen bringt!“ Und weil im gleichen Augenblick der junge Prinz von Murnau, der vom Königspaar zum Gatten der Prinzessin Holdria ausersehen war, mit klingenden Trompeten und mit einer klirrenden Reiterschar zum Stadttor hereingeritten kam, war alles Volk der Meinung, dass der fallende Stern das Glück des jungen Paares verkündet hätte. Und die Leute jubelten: „Es lebe die Prinzessin Holdria! Vivat hoch der Prinz von Murnau!“

   Aber das Königskind begann zu zittern, dass ihm ein feines Geriesel über die goldenen Locken ging. Das bleiche Gesichtlein wurde noch bleicher, als es zuvor gewesen, und die traurigen Augen der Prinzessin füllten sich mit Tränen.

   Im Goldgefunkel seiner Rüstung war der Prinz von Murnau aus dem Sattel gesprungen und wollte schon mit stolzem Lächeln vor der königlichen Braut die Knie beugen. Doch da scholl aus dem Tor der Königsburg ein hundertstimmiger Lärm, und schreiende Menschen kamen gelaufen, mit rauchenden Fackeln in den Händen. Und der Oberstzeremonienmeister, ganz atemlos, tat vor dem König einen Kniefall und fing zu stottern an: „Mmmmajestättt! In Allerhöchstdero Schaschaschaschatzkammer … muss sich etwas Wuwuwuwunderbares ereignet haben … durch die eiserne Türe dringt ein Lllllicht heraus … ganz mimimirakelhaft … und ein Sssssingen und Klingen ist zu hören … wuwuwuwundervoll …“

   Da gab es ein Rennen und Springen bei der ganzen Hofgesellschaft. Niemand dachte mehr an die spanische Etikette – die Hofherren verwickelten sich mit den Füßen in ihre Degen, und die Hofdamen traten einander die Schleppen aus der Naht.

   „Das Patengeschenk des Königs Grawigrüweling!“, rief König Edelring. „Das stählerne Kästlein muss sich geöffnet haben!“ Und in Freude fasste Königin Rosewitt die Hand ihres blassen Kindes. „Töchterlein, komm! Die Prophezeiung Deines weisen Paten wird sich erfüllen! Lieblicher bist Du geworden, als je ein Mägdlein war! Und der rote Karfunkel wird Dich weiser machen, als je ein Königskind gewesen! Und Deine Traurigkeit wird sich verwandeln in frohes Lachen!“

   Da hob die Prinzessin Holdria das schwere Silberkleid und fing mit den engen, goldenen Schuhen ein so flinkes Springen an, dass hinter ihrem Nacken das leuchtende Goldhaar wehte wie eine in Brand geratene Fahne. Und als sie den Hof der Königsburg erreichte, konnte sie schon das wundersame Klingen und Singen hören – und auf der Marmortreppe des Königshauses quoll ihr durch alle Mauern ein gleißender Glanz entgegen, als wäre die Morgensonne gekommen und gösse ihren Schein durch alle Steine.

   In der Schatzkammer strahlte die eiserne Türe wie in roter Glut, die Riegel sprangen entzwei, und die Flügel der Türe taten sich auf wie durch ein Wunder. Immer mächtiger tönte das rätselvolle Klingen und Singen, das in allen Wänden war, in der Luft und in der Erde. Alles Gold der Kammer und alle Juwelen, die da gesammelt waren, erschienen grau und wertlos in dem blendenden Glanz, der das stählerne Kästlein des Königs Grawigrüweling umzitterte. Das war zersprungen in zwei Stücke, und inmitten des zauberhaften Scheines, wie von unsichtbaren Händen getragen, schwebte das goldene Kettlein mit der goldenen Kapsel klingend der Prinzessin Holdria entgegen und legte sich um ihren weißen Hals.

   Da war im Nu der schöne rote Schein erloschen, das wundersame Singen und Tönen war verstummt, und wie ein grauer, hässlicher Schleier fiel es plötzlich über alle Dinge und über die Menschen nieder. Und die Prinzessin Holdria fing zu frieren und zu zittern an, als wäre ihr ganzer Leib von Eis und Schnee umgeben bis an den Hals herauf.

   Zu Tod erschrocken blickte sie um sich her. Und als sie ihren Verlobten sah, den schönen Prinzen von Murnau, streckte sie angstvoll die Hände vor sich hin und schrie: „Du! Rühr mich nicht an! Hinweg von mir! Ich sehe, wie kalt und leer Dein Herz ist! Sehe den Hochmut und die Habgier hinter Deiner Stirn! Nur meines Vaters Schätze willst Du haben! Nur die Krone! Fort! Erlöst mich von ihm! Ich sehe den Hass in seinen Augen! Er will mich ermorden!“

   Um Schutz zu finden, eilte die Prinzessin auf die treuen Knechte ihres Vaters zu – und wich entsetzt vor ihnen zurück. Auf jeder Stirn sah sie das Zeichen einer bösen Tat. Un von Grauen geschüttelt, schrie sie jedem Knecht seine Sünde ins Gesicht: „Du bist ein Dieb, Du hast gestohlen! … Du bist ein Schurke, Du hast betrogen! … Dein Wort ist Lüge! … Dein Blick ist Heuchelei! … An Deinen Händen seh ich Blut! … Dir brennen die Finger, weil Du falsch geschworen!“ In Verzweiflung rang sie die Hände. „Weh mir! Wehe! Leb ich zwischen Füchsen und Wölfen? Wie soll ich mich retten? Wohin mich flüchten?“

   Wie ein Reh, das die Raubtiere hetzen im finsteren Wald, sprang die Prinzessin Holdria die Treppen auf und nieder, durch alle Stuben und Kammern. Mit Geschrei und Jammer rannte ihr alles Gesinde des Hofes nach. Und die Prinzessin, um schneller fliehen zu können, schleuderte die drückenden Goldschuhe von den Füßen und riss das schwere, steife Silbergewand von ihrem Leib. Den Kronreif warf sie von der Stirn – und weil ihr der Atem versagte, zerrte sie das Band mit den blitzenden Edelsteinen von ihrem Hals. Was half ihr der rote Rubin, seit alle Rosen des Lebens vor ihren Augen bleich geworden? Was der blaue Saphir, seit sie die Treue verschwunden sah? Was der grüne Smaragd, seit aller Frühling ihrer Jugend frieren und zittern musste wie in Eis und Schnee? Und was der Glanz des wasserklaren Diamanten, seit alle Hässlichkeit des Lebens um ihre Seele dunkelte?

   „Pate! Pate!“, schrie sie verzweifelt. „Wie hast Du schlecht geschenkt! Nimm Deine Schätze wieder! Nimm die Weisheit, die mich quält! Und gib mir Freude! Gib mir Glück!“ Sie wollte auch das goldene Kettlein mit der goldenen Kapsel von ihrem Hals reißen; doch das unheilvolle Kleinod schien durch Zauber wie verwachsen mit ihrem Leib und Leben.

   Umflattert von ihrem Goldhaar, frieren und zitternd in dem dünnen, weißen Unterkleidchen, floh sie durch alle Räume der Königsburg und kam in ihres Vaters großen Thronsaal, der wie eine funkelnde Kirche war und an der langen Mauer fünfzehn mächtige Fenster hatte. Und als sie den Saal erreichte, drängte von der Marmortreppe schon das schreiende Gesinde her. Mit käsigen Gesichtern schoben sich die Hofherren scheu in den Saal herein, kreischend kamen die Hofdamen mit ihren übel derangierten Schleppen herbeigetrippelt und riefen händeringend alle Heiligen an. In Verzweiflung und Angst wich die Prinzessin Holdria vor allen zurück, die ihr nahen wollten, und umklammerte einen Fuß des goldenen Thrones – denn in jedem Herzen sah sie das böse Zittern einer Schuld, unter jeder Stirn einen hässlichen Gedanken.

   Da klang aus allem Getümmel und Lärm von der Treppe her der schluchzende Ruf des Königs Edelring: „Mein Kind! Mein armes Kind!“ Und ein jammervoller Schrei der Königin Rosewitt: „Barmherziger Himmel! Hilf meinem Herzenskind!“

   Schon atmete die Prinzessin Holdria auf, als sie die lieben, sorgenvollen Stimmen des Vaters und der Mutter hörte. Aber da zeterte draußen im Treppenhaus der Oberstzeremonienmeister: „Meine Pflicht über alles! Die Majestäten mögen bedenken … die Majestäten sind Allerhöchst Ihres Lebens nicht mehr sicher vor dem eigenen Kind! Ihre Hoheit die Prinzessin haben den Verstand verloren! Ihre Hoheit haben sich die Kleider vom Leib gerissen und rasen wie ein wildes Tier! Man muss Ihre Hoheit in Gewahrsam bringen!“

   „Nein! Ich will zu meinem Kind!“, rief die Königin Rosewitt.

   Doch von den Knechten einer, in dem das Schuldbewusstsein und die Furcht vor Strafe zitterte, fing zu kreischen an: „Ohooo! Nur ins Gefängnis? Die Person ist staatsgefährlich! Die rüttelt an den Säulen des Thrones! Das ist Hochverrat! Den Scharfrichter muss man holen! Der soll kommen mit seinem langen Schwert! Und soll ihr den Kopf herunterschlagen!“

   Gleich hundert Stimmen schrieen es nach: „Den Kopf herunter! Den Kopf herunter!“ Und jener Knecht, dem die Finger brannten, weil er falsch geschworen hatte, wollte flinke Arbeit machen. Er zog das breite Schwert aus der Scheide, fasste die Prinzessin Holdria an ihrem goldenen Haar und hob das blitzende Eisen zum Todesstreich.

   Da klang durch die fünfzehn Fenster des Saales ein tiefes, mächtiges Lachen herein, so laut, dass die Königsburg in allen Mauern bebte. An dem Fenster in der Mitte drückte der Riese mit seiner Nasenspitze die Butzenscheiben in Trümmer, und am letzten Fenster zur Rechten sah man sein linkes, am letzten Fenster zur Linken sein rechtes Auge blitzen. So breit war sein Gesicht!

   Im ersten Schreck war dem Knecht das Schwert aus der Hand gefallen. Und als der Reise mit seinen Händen durch die zerklirrenden Fenster herein griff, rannten nach der einen Seite die Knechte und der ganze Hofstaat Hals über Kopf davon, und nach der anderen Seite sprang die Prinzessin Holdria geängstigt in den großen Turm hinaus und jagte die Treppe hinunter und rettete sich in den wunderlichen Garten. Aber da war der Reise schon im Mondschein hinter ihr her und drücke die Bäume nieder, die den Tieren glichen, und die Säulen, die geformt waren wie Bäume. Sein tappender Fuß zertrat die Blumen, die man für bunte Vögel nahm, und die künstlichen Vögel, die das Aussehen von Blumen hatten, wenn der Wind sie bewegt. Die Arme zur Rechten und zur Linken streckend, sperrte er der flüchtenden Prinzessin Holdria jeden Weg, der ihm nicht gefiel. Mit einem Fußtritt warf er das hohe, eiserne Gitter nieder, damit die fliehende ins Freie fände, auf die duftenden Weisen hinaus und in den träumenden Wald. Und dann bückte er sich klein herunter, fing ganz leise zu lachen an und machte mit den ungeschlachten Händen plumpe Bewegungen – wie ein Kind, das ein Mäuschen fangen will. Und da musste die Prinzessin Holdria in ihrem weißen, luftigen Kleidchen springen, wohn der Reise wollte.

   Erst zitterte ihr das junge, verstörte Seelchen in verzehrender Angst. Doch als sie plötzlich, tief im Wald, über ihrem dunklen Weg die beiden silberweißen Tauben fliegen sah, ganz still, mit ruhigem Flug, da wurde auch der Prinzessin Holdria das pochende Herzlein still und ruhig.

   Hinter dem finsteren Wald kam ein heller Wiesenplan, auf dem der schmunzelnde Mond mit seinen durchsichtigen Strahlenhänden die gebeugten Gräser streichelte. Und da blieb die Prinzessin Holdria stehen, fasste Mut und blickte sich nach dem Riesen um. Und weil sie noch immer das goldene Kettlein und die goldene Kapsel mit dem Splitter des Karfunkelsteines um das Hälschen hatte, sah sie in der ungeheuren Brust des Riesen ein reines, heißes, liebevolles Herz – und unter seiner berghohen Stirn sah sie große Gedanken glänzen, schön und klar wie die Frühlingssonne an einem Maientag.

   Da schrie die Prinzessin Holdria einen klingenden Jauchzer in die stille Silbernacht und fing zu springen an, so übermütig wie ein junges Häschen, das nach hartem Winter den ersten grünen Klee gefunden.

   Kein Graben und kein Bach war ihr zu breit. Hinüber, hui! Und ob auch die seidenen Strümpfe schon längst in Fetzen waren – dennoch spürten die kleinen, flinken Füßchen keinen Dorn und Stein. Je länger dieses frohe Springen währte in der weißen Mondnacht, umso leichter atmete die junge Brust, und umso wohler war es der Prinzessin Holdria in allen Gliedern.

   Sie wusste gar nicht, wie’s gekommen war – sie sah nur plötzlich, dass sie vor den steinernen Knien eines hohen Berges stand, inmitten einer schönen Wiese. Schlummernde Geißen lagen im Gras umher – und zwischen den rührsamen Halmen war ein feines Gehuschel und Geraschel von den hunderttausend mal tausend winzigen Männchen, die sich mit Gewisper heimwärts schlichen.

   Lauschend streckte die Prinzessin Holdria das Köpfchen vor, dass ihr das Goldhaar mit zwei langen Wellen über die Wangen herunterfiel bis auf die Gräser.

   „Solch ein goldenes Fädlein muss ich haben!“, pisperte das Zwerglein Brunnenschlucker, das sich als Philosoph doch immer gleich was Gutes dachte – und fasste mit beiden Fäusten von den seidenen Härchen eines an der Spitze und tat einen flinken Zuck. Und rannte.

   „Ach!“

   So leise das geklungen hatte – ein stiller Schläfer, der im Gras lag, vernahm es in seinem Traum und seufzte.

   Das Brunnenschluckerchen aber, derweil es davon sprang, wickelte das gestohlene Goldhaar um seinen grauen Bart und fing zu kichern an.

   Und die Prinzessin Holdria, ein bisschen erschrocken, sagte mit feinem Stimmchen: „Einer hat mich am Haar gezupft!“ Sie guckte nach allen Seiten. „Riese? Wo bin ich?“

   Da flogen die beiden weißen Tauben still herunter in das Gras und waren in zwei weiße, silberweiße Kieselsteine verwandelt, die der Mond beschien.

   „Riese? … Hörst Du mich nicht?“ Und das Prinzesschen atmete ganz seltsam tief. „Wo bin ich?“

   Doch der Riese schwieg. Er lachte nur, so leise, dass es war wie das Murmeln einer Quelle. Und setzte sich behaglich auf die Wiese hin.

   Der König Grawigrüweling aber, der von all seinem kleinen Volk als einziger zurückgeblieben, trippelte bis zum Ohr des schlummernden Buben und zog ihn am Läppchen und flüsterte: „He, holla! Holderchen! Wach auf!“

   Da öffnete der schlanke Holdrio die Augen und tat einen brunnentiefen Seufzer. Und halb sich aufrichtend bedeckte er das Gesicht mit den zitternden Händen und sagte voller Wehmut: „Ach, Königlein Fingerlang! Warum denn hast Du mich wecken müssen? So was Schönes hab ich geträumt! Mir ist gewesen im Traum, als wär ein goldener Stern vom Himmel gefallen! Und mir ins Herz hinein! Und da hab ich was im Traum gesehen … das ist so schön gewesen … wenn ich auch reden könnt, wie das große Mannsbild mit den hundert lieben Stimmen redet, schau, so könnt ich’s noch allweil nicht sagen, wie schön das war!“

   „Aber Holderchen, so guck doch!“, kicherte das Zwerglein. „Guck doch, wer gekommen ist!“

   Der schlanke Holdrio ließ die Hände fallen und blickte um sich her in der stillen Mondnacht. Da sah er den Reisen sitzen, groß wie ein Berg – und auf der Wiese sah er etwas Weißes stehen. Das leuchtete im Silberschein des Mondes. Und um das Weiße war ein goldener Schimmer her, so goldig, wie an schönem Morgen das Lachen der Sonne auf den klaren Wellen liegt.

   Dem Holdrio begann das Herz zu pochen wie ein fleißiges Hämmerlein. Und süß erschrocken fragte der schlanke Bub: „Was steht so weiß und goldig in der Silbernacht?“

   Ein feines Lachen klang – viel tausendmal feiner, als der Reise lachen konnte. Und das Weiße, das so goldig war, kam auf den Holdrio zugegangen.

   Der stammelte: „Wie ist mir? Träum ich denn noch allweil? Oder ist mein Traum lebendig worden?“ Denn er sah im Mondschein aus der goldenen Lockenflut, die bis hinunter rieselte zu den Gräsern, ein süßes, freudiges Gesichtlein gucken und zwei blaue, strahlende Augen. Hui, wie da der Bub vom Boden aufsprang! Flinker noch, als die Zwerge aus der Stirn ihres Königs springen! Ein Weilchen blieb er stumm, ganz stumm. So heiß und mächtig war die Freude in seinem Herzen! Dann rief er aus: „Und wenn ich gleich versterben müsst, so glaub ich jetzt, Du bist das Königskind und bist zu mir gekommen!“

   Wieder lachte die Prinzessin Holdria. Und mit ihrem feinen Stimmchen sagte sie: „Es war einmal, da hat mir einer sieben rote Röslein in den Schoß geworfen. Den hab ich suchen müssen sieben lange Jahr! Und wenn ich gleich vor Freuden sterben müsst, so glaub ich jetzt, ich hab den Richtigen gefunden!“

   Kein Wörtlein sagte der schlanke Bub. Und die Prinzessin Holdria stand schweigend vor ihm da. Und weil sie das goldene Kettlein mit der goldenen Kapsel um das Hälschen hatte, sah sie unter der Stirne des Holdrio die Gedanken seiner Freude, die noch reiner glänzte, als der wasserklare Diamant des Königs Grawigrüweling. Und in seinem pochenden Herzen sah sie ihr eigenes Bild, noch tausendmal schöner, als sie im Leben war. Und sah seine blaue Treue, blauer noch als der blaue Saphir! Und sah die klaren Tiefen seiner Seele, und all seine frohe Kraft, und alle Redlichkeit, die in ihm wohnte. Und da brannte in ihrem Herzen das Glück und die Freude, heißer und röter noch, als der rote Rubin gefunkelt hatte. Und ihr junges Leben fing in der weißen Nacht zu grünen an – so hell und grün, wie kein Smaragd der Zwerge schimmern konnte.

   Ganz leise, auf den Zehenspitzen, schlich der König Grawigrüweling zu dem Riesen hinüber und lehnte sich an seinen Fuß, wie sich ein Gräslein an den Sockel eines Turmes schmiegt.

   Da sagte die Prinzessin Holdria mit ihrem feinen, herzensfrohen Stimmchen: „Einer hat mich in der Silbernacht an meinem goldenen Haar gezupft! Das bist wohl Du gewesen?“

   „Ich? Herr Jeggus!“, stammelte der Bub. „Wo nähm ich nur den Mut her? So was Keckes tät ich mich nicht trauen, nein, im Leben nicht!“

   „Warum nicht?“, sagte die Prinzessin. „Was ich hab, ist alles Dein!“ Mit beiden Armen hob sie die goldenen Haare wie die Falten eines Mantels von den Gräsern auf und legte das schimmernde Gold dem Holdrio auf die Hände. Und beugte sich mit frohem Lächeln zu ihm hin, dass all der goldene Glanz dem Buben um die Wangen fiel und um die Schultern.

   „Königskind, was tust Du?“, lispelte der Bub erschrocken. „Ach, was tust Du mir! Ganz schwindlig wird mir unter Deinem goldenen Haar!“ Und da hob er den Kopf aus all dem schimmernden Gold heraus und tat einen Jauchzer, dass in der Silbernacht die Felsen klangen. Und fing zu lachen an und hob die Prinzessin Holdria so leicht wie ein Federlein auf seine starken Arme und sprang in seiner Freude wie närrisch über die Wiese hin. Doch plötzlich bleib er stehen und sagte: „Ach, Herr Jeggus! Königskind! Mein Hüttlein, das ist klein und rußig! Und kein Bettlein hab ich drin! Nur dürre Streu! Da kann sich doch ein Königskind nicht schlafen legen, wenn es Nacht wird! Nein! Was tu ich denn? Wo krieg ich denn für Dich ein lindes Bettlein her?“

   Da griff der Riese, während er leise lachte, mit den ungeschlachteten Händen zärtlich über die Wiese hin und hob die beiden jungen Menschenkinder auf seine Arme und ließ sie ruhen an seiner Brust.

   „Vergelt’s Gott tausendmal, du großes Mannsbild!“, sagte Holdrio. „Wie wohlig ist die Ruh an Deinem Herzen!“ Und das Prinzesslein kicherte und nickte: „Ja! In meines Vaters Königsburg, da hab ich ein Bettlein, das auf goldenen Füßen steht, mit seidenen Decken und mit Daunen in den Kissen. Und hab doch meiner Lebtag nie so lind und süß geruht!“ Das sagte sie – und legte das Ärmchen um den Hals des Holdrio. Und huschelte sich an die Brust des Riesen und tat die Augen zu. Und schlummerte.

   Doch die Augen des Holdrio – die blieben offen! Immer sah er das Prinzesslein an. Und seufzte immer tiefer. Und guckte zu dem Gesicht des Riesen hinauf. Und sagte leise: „Ach, Riese! Schau, ich kann mir nimmer helfen! Dass ich dem Königskind das rote Mündlein küssen dürft… das ist in mir wie heiße Sehnsucht und wie Durst, der mir das Herz verbrennen will.“

   Langsam beugte der Reise den Kopf herunter und sprach das erste Wort. Fein leise sagte er’s dem Holdrio ins Ohr: „Wenn einer Durst hat, muss er trinken dürfen.“

   Da küsste Holdrio dem Königskind den roten Mund. Und sagte lachend. „So, jetzt kann ich schlafen!“ Und legte die Wange in das Goldhaar der Prinzessin Holdria.

   Nach einem stillen Weilchen pisperte der kleine König Grawigrüweling zu dem Riesen hinauf. „Jetzt schlafen sie alle zwei. Jetzt kann ich mich beruhigt in mein Bettlein legen!“

   Der Reise nickte. „Ja, Du Königlein Fingerlang, gehe heim mit Deiner Weisheit!“

   Weil die Nacht schon ein bisschen kühl geworden, wickelte König Grawigrüweling den weißen art wie ein Seidentüchlein um seinen Hals. „Morgen“, sagte er, „wenn die Sonne kommt, dann bring ich den König Edelring und die Königin Rosewitt zu ihren Kindern her!“ Dann trippelte der König der Zwerge hinunter zu dem unterirdischen Palast im Berg Wetterstein.

   Und als der Riese mit dem schlummernden Pärchen ganz allein war, griff er langsam in den Himmel hinauf und holte den silberweißen Nusskern des Mondes herunter. Und wie man Kirschen von einem Baum pflückt, so pflückte er die roten Sterne vom Firmament und steckte sie mit dem Mond in seine Tasche.

   Die Gestirne zappelten wie gefangene Käferchen durcheinander und begannen zu schelten: „He! Was ist denn das für eine Narretei! Wir müssen doch leuchten, leuchten, leuchten!“ Doch der Riese klopfte freundlich mit der Hand auf die große Tasche und sagte: „Morgen wieder! Morgen wieder!“ Und da waren die Sterne und der Mond ganz still und zufrieden.

   Schwarz und schweigend lag die Nacht über all den tiefen Tälern und über dem Berg Wetterstein.

   Ein Schlummerliedchen summend, das wie sanftes Rauschen der Wälder tönte, wiegte der Riese das schlafende Pärchen an seiner Brust. Und weil die Prinzessin Holdria im Schlummer ein bisschen unruhig wurde und zu seufzen begann, als ginge ihr ein böser Traum von den ungetreuen Knechten ihres Vaters und von den leeren Herzen des Hofgesindes über die Stirne hin, drum griff der Riese sachte nach ihrem schlanken Hälschen und zwickte mit den Fingernägeln das Kettlein entzwei, als wär es nicht aus hartem Gold geschmiedet, sondern aus feinen Gräsern geflochten.

   Da wurde die Prinzessin Holdria gleich wieder ruhig und schlummerte süß und tief an der Seite des Holdrio. Und der Reise, dessen große, seeblaue Augen in der Finsternis so scharf und deutlich sahen wie am Tage, sah in der schwarzen Nacht das frohe, glückliche Lächeln, das dem Königskind bei schönen Träumen um die kirschroten Lippen spielte.

   Lautlos hob der Reise die Hand an seinen Mund und zerknackten mit den Zähnen die goldene Kapsel.

   Ein gleißend roter Schein fuhr wie die Helle eines Blitzes durch die Nacht. Alle Dinge sangen und klangen, die Felsen glühten, alle Wälder schienen zu brennen, und wie der Glanz einer mächtigen Flamme flog es um die Brust des Riesen, über die Wangen des schlummernden Pärchens und über das Goldhaar der Prinzessin Holdria. Doch das dauerte nur einen Augenblick. Dann lag schon wieder die Nacht mit dunklem Schweigen über dem Berge Wetterstein.

   Der Riese hatte den Splitter des Karfunkelsteines verschlungen, und alle Gliederchen der goldenen Kette und alle Bröselchen der goldenen Kapsel. Und des Reisen Murmelsang war wie das ferne Dröhnen eines Wasserfalles:

„Stein der Wahrheit, Stein der Qualen,
Ewig lösch ich deine Strahlen!
Sei versunken, bleib verborgen
Bis zum letzten Weltenmorgen!
Leuchtender Karfunkelstein,
   Du bist mein!
   Du bist mein!

Nimmer soll ein Auge schauen
Deiner Wunder Glanz und Grauen!
Ewig sollen, die dich suchen,
Ihrer leeren Mühe fluchen!
Leuchtender Karfunkelstein,
   Du bist mein!
   Du bist mein!

Menschlein! Guck, wie ich dich liebe,
Wie ich helfe, stütze, schiebe,
Bis du helle Wege schauest
Und dem Glück ein Hüttlein bauest!
Alles Lebens warmer Schein,
   Der ist dein!
   Der ist dein!

Wahrheit sie dir: Was dich freuet!
Weisheit ist: Was dir gedeihet!
Lernst du glauben an das Helle,
Wird die dunkeltiefste Quelle
Deinem Durst ein Brunnen sein,
   Süß und rein!
   Süß und rein!

Menschlein, guck, die Nacht will schwinden
Und der Tag sein Licht verkünden!
Aus der Schatten kaltem Schoß
Löst die Sonne warm sich los!
All ihr goldner Funkelschein,
   Der ist dein!
   Der ist dein!

   So sang der Riese, da der Morgen kam, und wiegte das träumende Pärchen sanft an seinem herzen. Und als die nahende Sonne ihre goldenen Hände schon heraufstreckte über die Berge und tausend leuchtende Rosen hinwarf über die große, steinerne Welt – da stand der Riese ganz behutsam auf und legte das schlafende Pärchen sacht ins Gras. Und tat einen Schritt und stand schon droben über den höchsten Wäldern. Lachend bückte er sich nieder. Und wie man Veilchen pflückt, so brach er sieben turmhohe Fichtenbäume von der Erde und flocht und wand ihr Gezweig als grüne Krone um seine Stirn. Und als er mit dem geschmückten Haupt hinaufstieg über den Gipfel des Berges Wetterstein, da kam gerade die ganze, runde, lachende Sonne herauf – und ich sag euch, Kinder, das sah genau so aus, als wäre die Sonne ein blitzender Edelstein, den der Riese Naturiwus in seiner Krone trug.

   Und drunten, durch den blauen Schatten des Tales, kam auf der Straße von Ohlstadt her ein glänzender Zug, den der König Grawigrüweling führte.

   Am Fuß des Berges deutete der kleine König auf das Weglein, das die Füße der hunderttausend mal tausend Zwerge im Gras ausgetrippelt hatten. Und sagte: „Soooo! Nur da hinauf, schön langsam! Und allweil der Nase nach! Dann kommt ihr schon hin, wo sie schlafen!“ Und als er das gesagt hatte, lachte er vergnügt – und war verschwunden.

   Da sprang der König Edelring von seinem reich geschirrten Ross, alle Ritter und Hofherren schwangen sich aus den Sätteln, und die Königin Rosewitt und die Hofdamen schlüpften aus den vergoldeten Sänften.

   So wanderten sie den Berg hinauf. Bei dem steilen Weg wurde jeder Dame das Miederchen zu eng. Und der dicke Oberstzeremonienmeister musste grausam schwitzen, denn er hatte noch nie einen Berg bestiegen. Da könnt ihr euch denken, wie er aufatmete, als er durch die grünen Haselnusshecken endlich die schöne Wiese und das junge Pärchen sah, das lachend zwischen Blumen in der hellen Sonne saß.

   Die beiden waren vor einem kleinen Weilchen erst, als die Sonne so warm gewordne, aus dem Schlaf erwacht. Noch immer hatten sie kein Wort geredet. Sie hielten sich schweigend bei den Händen, waren froh und glücklich, und guckten einander lachend in die Augen, bis die Prinzessin Holdria mit feinem Stimmchen mahnte: „Aber, Holderchen, so sag doch was!“

   Da strich der junge Holdrio dem Königskind das goldene Haar zurück und legte seine braune Wange an das rosige Wänglein der Prinzessin Holdria. Und flüsterte: „Ach, sag mir, Holderchen! Schau, brave Knechte und tapfere Kriegsleut hast Du ja genug! Aber brauchst u nicht einen guten, treuen Mann?“

   „Ei freilich!“, nickte das Prinzesslein flink. „Den brauch ich nötig, weißt Du! Und in meines Vaters ganzem Volk ist keiner, der so lieb und treu und gut ist als wie Du!“ Und lachend legte sie dem Holdrio die Arme um den Hals und küsste seinen Mund.

   Das tat sie just in dem Augenblick, als die ganze Hofgesellschaft durch die grüne Haselnusshecke auf die schöne Wiese trat. Die Hofherren und Hofdamen wollten natürlich nichts gesehen haben und guckten in die blaue Luft hinauf, als wäre irgendwo da droben ein sonderbarer Vogel geflogen. Der König Edelring aber und die Königin Rosewitt blickten mit Freuden auf ihr Kind, das sie so rosig und froh, so glücklich und lachend wieder sahen – und waren mit dem schmucken, schlanken, stattlichen Sohn, den sie dazu bekamen, sehr zufrieden.

   Heiß erschrocken sprang die Prinzessin auf, als Vater und Mutter und all die vielen Leute vor ihr standen. Aber sie hielt die braune Hand des Holdrio in ihrem weißen Händchen fest. Und dann lachte sie wieder. Und war nur ein wenig verlegen, weil sie doch unter den goldenen Haaren nur so ein bisselchen was Weißes anhatte und zerrissene Strümpfe an den Füßen trug.

   Aber die Königin Rosewitt legte ihr lächelnd den himmelblauen Mantel um die Schultern, küsste sie auf beide Augen und sprach: „Der Himmel segne Dein junges Glück!“

   Und König Edelring nahm die Krone von seinem grauen Haupt und sagte: „Mich hat sie schwer gedrückt! Aber Du, in Deiner Kraft und Jugend, wirst sie leichter tragen!“ Und da setzte er die Krone dem jungen König Holdrio auf das braune Haar.

   Der war zuerst ein bisschen erschrocken. Aber dann streckte er sich, legte den Arm um seine junge, lachende Königin und sagte: „Wenn’s nicht anders geht, in Gottes Namen, muss ich halt das Krönlein mit in den Kauf nehmen.“

   Jetzt kamen die Hofherren, die Ritter und Hofdamen herbei, um nach spanischer Etikette zu gratulieren. Aber König Holdrio sprach zu ihnen: „Solche Kratzbuckel kann ich nicht brauchen! Die macht mein Geißbock besser. Soo mir jeder grad in die Augen gucken und soll mir fest die Hand geben!“

   Weil er so kräftig redete, sprach die junge Königin Holdria umso freundlicher mit den Leuten. Und das konnte sie! Jetzt trug sie ja nimmer das goldene Kettlein mit der goldenen Kapsel um den Hals – und da sah sie nur Gutes in allen Augen, nur helle Freude in allen Gesichtern.

   Natürlich merkten auch die Geißen, dass mit ihrem guten Hirten etwas ganz Besonders geschehen war. „Ei, guck doch“, meckerte die Großmutter Schimmermilch, „mir scheint, jetzt werden wir Hofmilchlieferanten.“ Und flink begann sie sich das Fell zu lecken, um vornehmer auszusehen. Und ihr Enkeltöchterchen Schimmerlein und Großvater Kleebeiß, und all die anderen Geißen fingen sich zu putzen an.

   Und als sich der glänzende Zug der Hofgesellschaft in Bewegung setzte, trabten die Geißen hinter der schön vergoldeten Sänfte her, in der man das junge Königspaar zur Königsburg nach Ohlstadt brachte. Dort wurde den Geißen der wunderliche Garten, den der Reise gar übel zugerichtet hatte, bis an ihr Lebensende als Ruhestatt angewiesen – und da waren jetzt die Bäume, wie sie eben wuchsen, und die Vögel, wie sie geflogen kamen, und die Blumen, wie der Frühling sie erschuf. Und zu Ohlstadt waren die ältesten Leute der Meinung, dass des Königs Garten noch nie so schön gewesen wäre wie jetzt.

   Und wie das Volk von Ohlstadt seinen jungen König liebte! Und die junge lachende Königin! Jedem Bedürftigen ihres Volkes war sie wie ein schenkendes Mütterchen, jedem Leidenden wie eine gute Schwester. Und König Holdrio wurde von den guten Fürsten einer, wie sie selten reifen am Baum des Lebens: Gütig und stark, gerecht und barmherzig, fröhlich und klug.

   Aber freilich, er hatte ein leichtes Regieren! Und das war dem Reisen Naturiwus zu danken. Denn bei der Hochzeit des jungen Königspaares, die mit Glanz und Jubel gefeiert wurde, war mit dem König Grawigrüweling und dem ganzen Volk der guten Zwerge auch der Reise zu Gast geladen. Für die kleinen Leckermäulchen hatte man Haselnussplätzchen und Kirschkuchen gebacken; und für den ungeheuren Hunger des Riesen wurden in einer Pfanne, sie so groß war wie ein Zirkus, über die tausend fette Ferkelchen gebraten. Aber so flink, wie dem lachenden König Grawigrüweling die lustigen Zwerge aus der Stirne sprangen, so flink verschwanden im gähnenden Hungertor des Riesen die tausend winzigen Ferkelchen – ein Hui, und nur ein bisselchen Brühe war noch in der Pfanne. Und da packte der Riese einen ungetreuen Knecht um den anderen, tunkte die zappelnden Bröcklein in die Brühe und schob sie zwischen die Zähne. Auch ein paar Höflinge und Hofdamen rutschten mit hinunter.

   Denkt euch, wie entsetzt da die Leute dreinguckten, und wie erschrocken der junge König von der Hochzeitstafel aufsprang!

   Doch der Riese erklärte: „Sooo! Das hat ausgegeben für hundert Jahr!“ Dann nahm er einen Glockenturm, stocherte mit dem spitzigen Dach die Knöchelchen aus seinen Zähnen und sagte lachend:

„Guck, wie viel Beinelchen
Hat so ein Schweinelchen!“

und stellte den Glockenturm wieder schön an seinen Platz.

   Dem jungen König brannte der Zorn auf der Stirn. „Du großes Mannsbild!“, rief er und griff nach seinem Schwert. „Dir hab ich mein Glück zu danken! Aber glaubst Du, dass ich von Dir mein gutes Volk verschlucken lasse?“

   Da sah ihn der Riese mit ernsten Augen an. Und blickte über die Köpfe der erschrockenen Menschen hin. Und sprach mit seiner Donnerstimme:

„Die Guten, die lass ich wohlgeraten!
Die Schlechten, die fress ich ungebraten!“

   In dem Schweigen, das diesen Worte folgte, rieb sich der wiese König Grawigrüweling die Hände und schmunzelte:

„Mir daucht, mir dünkt, mir scheint,
Der hat’s wieder gut gemeint!
Dem brennt der Karfunkel im Blut!
Der weiß, was er tut!“

   Und allen Bösen und Ungetreuen, die noch nicht gefressen waren, fuhr ein heiliger Schreck in die Glieder.

   Sie machten flink in ihrem Herzen Reu und Leid und besserten sich, und wurden brave, redliche Leute, so dass man bald im Reich von Ohlstadt alle Richter und Wächter pensionieren und die Gefängnisse in Badestuben verwandeln konnte.

   Kein Wunder, dass dem jungen König Holdrio und seiner glücklichen Königin inmitten eines so braven und reinlichen Volkes das Regieren eine Freude war!

   Die Prophezeiung des weisen Königs Grawigrüweling erfüllte sich getreu an diesen beiden: Sie wurden reicher in ihrem Glück, als je ein Menschenpaar auf Erden gewesen.

   Und Jahr um Jahr, so oft die Krischen reiften und die Haselnüsse sich zu bräunen begannen, zog der junge König Holdrio mit seiner lachenden Königin Holdria und mit seinem ganzen fröhlichen Volk im roten Abendglanz zur schönen wiese auf dem Berg Wetterstein. Und Holdrio legte den Königsmantel ab und schlüpfte in den Hirtenkittel; und pflückte auf den Almen sieben rote Röslein für das schlanke Hälschen seiner lachenden Königin, die barfuß auf der Weise stand; und holte von den höchsten Felsen sieben silberweiße Sterne für das Goldhaar seiner schönen Frau. Dann kamen jauchzend die hunderttausend mal tausend kleinen Männchen mit ihrem König Fingerlang heraufgestiegen aus der Tiefe, schmunzelnd setzte sich der Riese mit seiner grünen Krone auf den Gipfel des Berges – man knackte fröhlich die milchfeinen Haselnüsse und schmauste die süßen Kirschen – und wenn der Mond herauf schwamm durch die Silbernacht, dann fing der König Holdrio das Lied vom frohen Leben zu blasen an, und alles tanzte mit Lust nach seiner Pfeife: Der Reise, die Zwerge, das ganze Volk und seine Geißen. Und die Königin Holdria drehte sich flink im Kreis und war in der Silbernacht mit dem Strahlenkranz ihres wehenden Goldhaars anzusehen wie eine lachende Sonne.

   Hundert Jahre und sieben tage sind der König Holdrio und seine Königin jung geblieben. Und sieben schmucke, wohlgeratene Kinder blühten wie ihr Vater und ihre Mutter.

   Und weil im frohen Reich von Ohlstadt niemand altern konnte und keiner sterben wollte, sagte der Riese eines Tages mit Lachen zum König Fingerlang: „He! Du! Das geht doch nicht! Was lebt, muss sterben. Aber die von Ohlstadt sind gesund für hunderttausend Jahre. Die muss ich wohl lebendig in die Ewigkeit hinüberschaffen!“

   „Freilich“, sagte der kluge König Grawigrüweling und strich sich den weißen Bart, der schon zehn Ellen lang gewachsen war, so dass ihn hundert Zwerge tragen mussten. „Freilich! Schick sie nur herunter zu mir! Dann kommen goldene Zeiten in meinem Reich!“

   Da schlug der Riese mit seiner mächtigen Faust auf die Berge hin. Und die Erde tat sich auf, und das lachende Königspaar mit Kindern und Kindeskindern, mit dem schönen garten und der Königsburg, mit allem Volk und mit der ganzen, fröhlichen Stadt versank in die blauen Tiefen der Ewigkeit.

   Das ist so wahr, wie dass die Sonne unsterblich ist!

   Neunhundert Jahre sind vergangen – und wo die große Stadt gestanden, hat man ein kleines Dorf gebaut. Doch der tausendjährige Name ist geblieben. Und wo sich einst die Königsburg erhob, das Flecklein Erde, auf dem das ewig junge Glück des Holdrio und seiner lachenden Königin grünte – dieses schöne Flecklein Erde blieb gesegnet bis auf den heutigen Tag.

<

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.