Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das Märchen vom Karfunkelstein

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Des Märchens dritter Teil:

Wie das Königstöchterlein von Ohlstadt den
Namen Holdria bekam und ein trauriges
Prinzesslein wurde.

   An einem sommerblauen Sonntag, pünktlich um die zwölfte Stunde, sollte das Prinzesslein von Ohlstadt getauft werden. Seit dem Morgengrauen war schon die ganze Stadt auf den Beinen – –

   „Wie? Die ganze Stadt?“, so fragt ihr verwundert. Denn ihr wisst vermutlich, dass Ohlstadt zwischen Murnau und Eschenlohe liegt, zehn Stunden vom Gipfel des Berges Wetterstein entfernt. „Und das ist doch keine Stadt, das ist doch nur ein Dorf!“

   Heute, freilich! Aber die Geschichte da, die spielt doch vor tausend Jahren! Und wenn Ohlstadt immer ein Dorf gewesen wäre, wie hätt’ es denn plötzlich den Namen Ohlstadt bekommen können? Da muss es doch einmal eine Stadt gewesen sein! Aber wie es dann kam, dass die große schöne Stadt in die Erde versank, und dass ein Dorf da gebaut wurde? Ja, das ist eine wunderliche Geschichte. Aber in tausend Jahren können doch die sonderbarsten Dinge passieren! Oder nicht? Und wenn ihr’s nicht glauben wollt, dass Ohlstadt vor tausend Jahren die herrliche Residenz des Königs Edelring und der Königin Rosewitt gewesen ist, und dass die Königsburg auf jedem Turmdach einen goldenen Turmhahn hatte – wenn ihr das nicht glauben wollt, da braucht ihr nur im Sommer nach Ohlstadt zu reisen und bei Mondschein ein tiefes Loch in den Boden zu graben! Und da werdet ihr ganz bestimmt einen goldenen Turmhahn finden, der vor Alter völlig schwarz geworden! Und wenn ihr weitergrabt, dann findet ihr bestimmt ein Dach! Und hebt ihr aus diesem Dach ein paar Ziegel heraus, dann könnt ihr vielleicht hinuntergucken in die schöne Kinderstube, in der die Prinzessin von Ohlstadt am Morgen ihres Tauftages in goldener Wiege schlummerte, von Spitzen dun Seide fein umkräuselt.

   Und neben der Wiege saß die Königin Rosewitt, eine schöne junge Frau. Die trug ein himmelblaues Kleid und hatte eine goldene Krone um die Stirne. Und die blonden Haare lagen ihr um die Schultern her wie ein Silbermantel. Und zwischen den grünen Zweigen eines Rosenbäumchens, das mit hundert weißen Rosen zu Häupten der Wiege blühte, hatten zwei schneeweiße Täubchen ihr Nest gebaut. Und um die Wiege, um die Königin Rosewitt und um das Rosenbäumchen war ein goldenes Gitter gezogen, damit die Bürger von Ohlstadt und die Landleute, die das Königskind bewundern durften, der Wiege nicht zu nahe kamen.

   Zehn Leibwächter des Königs in scharlachfarbenen Wappenröcken und mit blitzenden Hellebarden standen vor der Türe, um bei diesem Gedränge die Ordnung zu wahren. Denn die Untertanen des Königs, Männer, Frauen und Kinder, kamen zu Tausenden herbei und wollten das Prinzesslein sehen, das goldblonde Ringelchen um das Köpfchen hatte, und ein Näslein wie eine Rosenknospe, und ein kirschrotes, winziges Mündlein. Und weil das kleine Prinzesslein so süß war und so herzig, brachten ihm die reichen Leute allerlei Geschenke: Goldene Becher und silberne Löffel, seidene Tücher und weiße Leinewand. Und die Bauersleute brachten Hühner und Gänse, Butter und Eier. Und wer so arm war, dass er nichts zu verschenken hatte, brachte im Herzen einen lieben Segenswunsch für das Königskind. Und wenn so ein Armer vor dem goldenen Gitter stand und mit guten Augen auf das Kind in der Wiege blickte, fing das Taubenpaar auf dem Rosenbäumchen mit den weißen Flügeln zu schlagen an. Und plötzlich flogen die Tauben aus dem Rosenbäumchen heraus und flatterten um die Wiege und gurrten über dem Köpflein es Königskindes:

„Prinzesschen, Prinzesschen,
Gurrruuh, gurriguh,
Da ist einer kommen,
Der hat keine Schuh,
Kein’ Herd und kein Haus,
Kein Gärtlein dabei,
Und hat doch ein Herzlein
Voll goldiger Treu,
Und grüßt Dich mit Freunde
Und lachet Dir zu
Und meint Dir’s am besten,
Gurrruuh, gurriguh!“

   Aber die Königin Rosewitt verstand die Taubensprache nicht – denn immer ist das so, dass die Königinnen und Könige die Stimme missverstehen, die das Gute sagt. Die Königin sah nur, dass hinter dem goldenen Gitter, im Gedränge der vielen Leute, ein junge Bub mit glänzenden Augen stand, der barfüßig war und ganz mit Staub bedeckt, als wäre er einen weiten Weg gelaufen. Lachend schob er die Nase zwischen die goldenen Gitterstäbe, guckte das Prinzesslein an und rief in Freude: „Herr Du mein, was für ein liebes Dinglein ist das Königskind!“ Dann nahm er ein Blumensträußchen von seinem Hut und blies den Staub von den Blüten. Und sagte: „Schau, Prinzesslein, da hab ich was für Dich! Das sind Almenröslein und Edelweiß von meinem Wetterstein! Die bringen Dir Glück, wirst sehen!“ Und da warf der Bub das Sträußlein über das goldene Gitter. Die Blumen fielen mitten in die Wiege – und das Königskind erschrak und fing zu weinen an. Jetzt gab’s einen schönen Aufruhr! Alle Leute schalten den Buben, ein Ratsherr packte ihn am Ohr, ein Schulmeister zauste ihm die Haare, und die Leibwächter kamen mit ihren Spießen gelaufen, um den Buben festzunehmen und ins Gefängnis zu werfen. Aber die Königin Rosewitt sagte: „Tuet dem Buben nichts zuleide! Der hat es gut gemeint!“

   Und als die Königin das sagte, fingen die großen Glocken des Domes von Ohlstadt und die Glocken aller anderen Kirchen zu läuten an. Denn es war zwölf Uhr Mittags geworden und die Stunde war gekommen, in der man das Königskindlein taufen wollte. Und da kam ein langer, glänzender Zug von Hofherren und Hofdamen in prachtvollen Gewändern, und an der Spitze des Zuges ging der König Edelring von Ohlstadt im schleppenden Königsmantel, mit Krone und Schwert. Das war ein ernster, bärtiger Mann. Doch er hatte eine freundliche Stimme. Und sagte zur Königin: „Meine teure Gemahlin, komm, jetzt wollen wir unser Kindlein taufen lassen auf den segensreichen Namen, den die Weisheit seines Paten auserwählte.“

   Während die Obersthofmeisterin das Prinzesslein aus der Wiege hob und mit feinem Silberschleier bedeckte, sprach die Königin: „Ich sehe nirgends die Abgesandten des Paten Grawigrüweling?“

   Da kam durchs offene Fenster etwas Schimmerndes herein geflogen. Wie ein großer, wundersamer Schmetterling war es anzusehen und funkelte in allen Farben. Und das war ein kleines, aus Edelsteinen gebautes Wägelchen, das keine Räder hatte, sondern von zwanzig schwirrenden Johanniskäfern gezogen wurde. Und in dem Wägelchen saßen die Zwerge Sonnengucker und Brunnenschlucker, Kernzwacker und Schalenknacker. Die guckten nicht so ernst und grämlich drein wie sonst, sondern hatten vergnügte Äuglein und fröhliche Gesichter. Und auf den grauen Kittelchen und auf den ledernen Schürzen hatten sie kleine rote Fleckelchen vom Saft der Kirschen.

   Eine Hofdame rümpfte das Näschen und flüsterte: „Die hätten sich zum heutigen Fest wohl feierlicher kleiden können!“

   „Nein, mein gnääädiges Fräulein“, belehrte sie der Rektor Magnifikus der Hohen Schule von Ohlstadt, der sich unter den Gästen befand, „kein fürstliches Gewaaand kann würdevoller sein als diiieses1 Denn es ist die Arbeitstraaacht der fooorschenden Weisheit.“

   „Nun ja“, meinte die Hofdame, „aber es könnte doch ein bisschen reinlicher sein!“

   Missbilligend zog der Gelehrte die buschigen Augenbrauen in die Höhe. „Was das gnääädige Fräulein für Flecken zu haaalten scheint, sind Eeehrenzeichen! Denn es sind die Spuren vom Bluuut eines menschenfeindlichen Riiiesen, den die siiiegreiche Weisheit des Königs Grawigrüweling überwaaand!“

   Die Zwerge, als sie den gelehrten Herrn so sprechen hörten, stießen sich mit den Ellbogen an und schmunzelten. Doch höflich verneigten sie sich vor dem König Edelring und der Königin Rosewitt und stiegen auf einem goldenen Tisch aus ihrem funkelnden Wägelchen heraus. Und jeder der Zwerge legte einen blitzenden Edelstein vor dem Königskin nieder.

   Sonnengucker brachte einen wasserklaren Diamant und sagte:

„Unser König, Dich zu grüßen,
Legt Dir diesen Stein zu Füßen.
Tröstend wird sein Licht Dir funkeln,
Wenn des Lebens Nächte dunkeln!“

   Brunnenschlucker brachte einen grünen Smaragd und sagte:

„Mag der Wälder Glanz auch schwinden,
Dieses Grün wird nie erblinden!“

   Schalenknacker brachte einen himmelblauen Saphir und sagte:

„Mag Dich alle Treu verlassen,
Dieses Blau wird nie erblassen!“

   Kernzwacker brachte einen blutroten Rubin und sagte:

„Wenn die Rosen Dir verblühen,
Dieses Rot wird ewig glühen!“

   Wieder verneigten sich die Zwerge vor dem Königskind und dann sprachen sie miteinander:

„Was wir da gespendet haben,
Kindlein, das sind kleine Gaben!
   Denn das Beste
   Zu Deinem Feste,
   Das liegt verschlossen,
   Mit Stahl umgossen,
   In Gold geschmiedet,
   Ans Kettlein gegliedet.
Das ist ein Zauber, der wirket leise,
Der macht Dich klug, und der macht Dich weise!
   Der rote Karfunkel
   Wird leuchten im Dunkel,
   Dir alles zeigen,
   Dir nichts verschweigen,
   Dich lösen und retten
   Aus drückenden Ketten,
   Aus Schmerzen Dich leiten
   Zu Seligkeiten,
Und wird Dir weisen an grünen Hecken
Viel Haselkerne, die dir schmecken,
Und spenden Deiner Herzensnot
Das rote, süße Lebensbrot!“

   Als die Zwerge das gesprochen hatten, wollte das Sonnenguckerchen vergnügt zu singen anheben: „Holdirio! Und das leben ist…“ Aber Brunnenschlucker gab dem fidelen Brüderchen heimlich einen Puff mit dem Ellbogen, und das Sonnenguckerchen drückte erschrocken die Hand vor das bärtige Mäulchen.

   Inzwischen hatte die Königin Rosewitt dem Zwerglein Kernzwacker, das den glühenden Rubin gebracht hatte, zum Dank den feinen, kleinen Finger hin geboten. Und während die Hofdamen ihre Lorgnetten vor die schläfrigen Augen hoben, um die Edelsteine zu betrachten, sagte der König Edelring: „Wir beklagen nur, dass Unser fürstlicher Bruder Grawigrüweling verhindert ist, dem Fest beizuwohnen. Doch wie wir hörten, ist seine Weisheit mit der Erforschung eines tiefen Geheimnisses beschäftigt?“

   „War beschäftigt!“, rief das Schalenknackerchen etwas vorlaut. „Gestern am Abend haben wir die Sache fein herausgekitzelt!“

   „Allerdings! Das heißt…“, fiel das Zwerglein Brunnenschlucker mit philosophischer Feinheit ein. „Unser weiser König hat die Lösung dieses wundersamen Rätsels nur zur Hälfte gefunden. Die Lösung, die er entdeckte, gilt nur für den Sommer. Doch in dieser Nacht hat ein gesunder Schlaf seinen Geist gestärkt. Und seit dem Morgen grübelt er unermüdlich darüber nach, wie es zu machen wäre, dass man auch im kalten Winter reife, süße Kirschen hätte.“

   „Ei? Wie? Ich bitte?“, mischte sich der Rektor Magnifikus ins Gespräch. „Das ist ein Probleeem der Wiiissenschaft, von dem ich niiie gehört habe.“

   Doch der Oberstzeremonienmeister, der in dieser festlichen Stunde ein Gespräch über wissenschaftliche Dinge nicht am Platze fand, stieß mit dem goldenen Stab energisch auf den Boden. Und da ordnete sich der Zug, um das Prinzesslein zur feierlichen Taufe in den Dom zu bringen. Dreißig Pagen in silbernen Wappenröcken schritten voran. Dann kamen die Ritter in ihren Harnischen, mit roten Fähnlein an den Lanzen und mit weißen Rosen um die Helme; dann die Hofherren in ihrem seidenen Glanz und mit den zierlichen Degen. Die Fürsten von Murnau und Eschenlohe trugen auf goldenem Schild die Patengabe des Königs Grawigrüweling: Das stählerne Kästlein, das keine Fuge und keine Ritze hatte. Jetzt kamen die Zwerge in ihrem funkelnden Wägelchen geflogen, und gurrend flatterte das weiße Taubenpaar um das verschleierte Königskind, das die Obersthofmeisterin mit steifer Würde auf den Armen trug. Der König Edelring von Ohlstadt führte die Königin Rosewitt an der Hand – und alle Leute verneigten sich in Ehrfurcht vor dem königlichen Paar. Dann kamen die Hofdamen. Die hatten die weißen, spitzigen Näschen hoch in der Luft und hoben vorsichtig die Schleppen auf. Denn die Domstraße von Ohlstadt war nicht besonders reinlich! Trotz der schönen Sonne! Klar und lachend strahlte sie aus dem reinen Blau herunter und machte dem jubelnden Volk von Ohlstadt die entblößten Köpfe heiß. Und die Glocken läuteten. Und die Orgel brauste. Und die Weihrauchwolken dufteten aus dem mit Blumen geschmückten Tor des Domes.

   Der war schon dicht gefüllt mit Leuten. Nur eine schmale Gasse war in diesem Gedränge noch frei geblieben für den Zug. Und ganz zuvorderst, in der ersten Reihe, hatte sich der junge Holdrio mit seinen kräftigen Ellbogen einen Platz erkämpft. Sein Gesicht glühte und seine Augen glänzten. Doch er sah nicht den Bischof im glitzernden Ornat; sah nicht den herrlichen Tauftisch, der mit grünem Buchs geschmückt und mit Seidenbändern in den wundersamsten Farben umwunden war; und hatte kein Ohr für das zauberschöne Lied, das von drei weiß gekleideten Frauen mit engelszarten Stimmen gesungen wurde; und sah nicht, dass ein grauer Schleier alle die heiligen Bilder der Altäre zu verhüllen schien, und dass ein unfühlbarer Hauch die Flammen all der tausend brennenden Kerzen zu ersticken drohte, als das stählerne Kästlein des Königs Grawigrüweling in die Kirche getragen wurde. Für nichts anderes hatte der junge Holdrio Augen, als nur für das königliche Kind in den schneeigen Kissen. Und als er sah, dass die Obersthofmeisterin sich bückte, um das Prinzesslein den Zwergen auf die Arme zu legen, rief der Bub erschrocken: „Herr! Wie sollen denn die sauren Käslein so ein Kindl tragen! Die lassen mir heilig das liebe Dinglein fallen!“ Und sprang auf den Tauftisch zu und sagte: „Da muss ich helfen! Komm her, Du Weiblein, Du liebes!“ Und nahm das Prinzesslein keck auf seine braunen Arme.

   Sieben Hofdamen fielen vor Schreck in Ohnmacht, und der Oberstzeremonienmeister bekam einen Gallenkrampf. Doch der König Edelring und die Königin Rosewitt nickten dem Buben freundlich zu. Und Brunnenschluckerchen sagte: „Das ist der weise Lehrmeister unseres Königs! Den müsst ihr gewähren lassen! Der ist klüger als wir alle.“

   Missbilligend schüttelte der Rektor Magnifikus den Perückenkopf, und der Oberstzeremonienmeister schnappte nach Luft und machte noch einen Versuch, die spanische Etikette zu wahren. Doch der Bischof hatte seine Rede schon begonnen. Die war sehr schön und fromm! Aber lang! Dem Sonnenguckerchen fielen die Augen zu – und als der Bischof dem Königskind das geweihte Wasser über das Köpflein goss, da lispelte der kleine Zwerg in seinen schmunzelnden Träumen:

„Ach, wie gut, ach, wie gut,
Ach, wie warm geht das ins Blut!“

   Aber das Königskindlein, als es das kühle Wasser spürte, fing zu greinen an. Und während das Prinzesslein leise weinte, sprach der Bischof: „Te baptizo nomine Sanctae … Sanctae …“ Da wusste er nicht weiter und fragte die Königin: „Majestät? Wie heißt die Heilige, auf deren Namen ich das Kindlein taufen soll?“

   „Sancta Holdria!“, flüsterte die Königin Rosewitt.

   Und der Bischof, obwohl er von einer Heiligen dieses Namens nie gehört hatte, sprach zu dem Kinde: „Nomine Sanctae Holdriae!“

   Schade, dass der junge Holdrio nicht lateinisch verstand. Da hätte er in diesem Augenblick eine große, schöne Freude erlebt! So aber hatte er keine Ahnung von der Ehre, zu der sein Name gekommen war!

   Die Taufe war vollzogen, und mit einem Blick der Empörung wollte die Obersthofmeisterin das Prinzesslein aus den Armen des Buben nehmen. Doch der junge Holdrio sagte: „Geh doch, Du Alte, lass mich das liebe Dinglein noch ein bissl anschauen!“ Lachend guckte er der kleinen Prinzessin Holdria in die großen, blauen Augen und flüsterte dem Kindlein ins Ohr: „Gelt, wenn Du einmal groß wirst, und Du brauchst einen tapferen Kriegsmann oder einen braven Knecht, dann tu mich nur holen lassen!“ Er wollte noch sagen: „Ich bin der Holdrio, der auf dem Wetterstein die Geißen hütet.“ Aber da hatte ihm die Obersthofmeisterin das Prinzesslein schon aus den Armen gerissen.

   Und draußen, rings um die Mauern des Domes, fing ein Brausen an, als wäre ein gewaltiger Sturm gekommen. Und man hörte einen Schritt, der wie das Waffengeklirr eines ganzen Heeres war. Und ein schwarzer Schatten fiel über die Fenster des Domes, und droben in der Höhe des Kirchenschiffes wurde die große Kuppel vom Dach gehoben, und durch die Öffnung blickte ein ungeheures Gesicht herunter, mit Haaren, die wie Bäume waren, und mit riesengroßen, seeblauen Augen.

   Die ganze Hofgesellschaft wurde von einem grauenvollen Schreck befallen; der Bischof schwang den Weihwasserwedel und betete den Teufelsbann; die Ritter scharten sich mit gezückten Schwertern um das Königspaar, die Hofherren bekamen käsfarbene Gesichter, und jene von den Hofdamen, die etwas stärkere Nerven hatten und nicht in Ohnmacht gefallen waren, hoben flink die Riechfläschchen an ihre weißen Nasen. Denn sie hatten den Reisen Naturiwus in ihrem Leben nie gesehen. Die Zwerge aber, die ihn kannten, druckten sich scheu in einen Winkel, und der Rektor Magnifikus kroch auf allen Vieren unter den Tauftisch.

   Doch das gemeine Volk, das im Dom versammelt war, sah gleichgültig zu dem Gesicht des Riesen hinauf, als wäre das eine alltägliche Sache, über die es nichts zu staunen gab. Und der junge Holdrio rief: „Das ist ja mein großes Mannsbild mit den hundert lieben Stimmen!“

   Das Gesicht da droben verschwand, und um die Mauern des Domes dröhnten wieder die schweren Schritte. Aber für den Reisen Naturiwus gab es keinen Weg in die Kirche. Das größte der Domtore reichte ihm nur bis an die Knie, und das breiteste der Fenster war schmäler als des Riesen Arm. Darum guckte er wieder durch die Öffnung der Kuppel hinunter in das Kirchenschiff. Sein Mund war stumm; doch aus den großen, seeblauen Augen sprach es wie Trauer und Sorge.

   Die Hofdamen schlotterten vor Angst, und der Rektor Magnifikus, der seine Verkleinerungsgläser auf die Nase geklemmt hatte, streckte den Perückenkopf unter dem Tauftisch heraus und dozierte stotternd: „Nur keine Aaangst, meine Daaamen! Was Sie zu seeehen glauben, ist in Würklichkeit nicht vorhaaanden! Dieser scheinbare Riiiese kann nicht sein, wo wir sind. Vor tausend Jaaahren schon hat ihn die Weisheit der Zwerge überwuuunden und gefesselt. Für mich und die Wiiissenschaft ist dieser Riese längst beseitigt! Er existiiiert nicht mehr…“ Doch da zog der gelehrte Herr die Perücke erschrocken unter den Tauftisch zurück – denn der Reise Naturiwus griff mit seinem langen Arm durch die Öffnung der Kuppel in die Kirche herunter.

   Wie das die Hofdamen kreischten! Auch die Königin Rosewitt war bleich geworden, und der König runzelte die Stirn. Das Prinzesslein Holdria aber hob die winzigen Händchen aus den Kissen und griff in die Höhe, als käme von da droben ein schönes Spielzeug herunter. Die Obersthofmeisterin bekam vor Entsetzen einen Schüttelfrost, als die mächtige Hand des stummen Riesen sacht und zärtlich über die Finger des Kindes strich. Der junge Holdrio aber lachte: „Musst Dich nicht fürchten, Königskindlein! Der ist gut! Der tut Dir nichts!“ Doch auch der Bub erschrak, als er sah, dass die Faust des Riesen plötzlich mit dem Griff eines Raubtieres das stählerne Kästlein erfassen wollte, das den Splitter des Karfunkelsteines umschloss und keine Fuge und keine Ritze hatte.

   Alle die Ritter deckten ihre Schilde über das kostbare Kleinod und zückten die Lanzen und Schwerter nach der Hand des Riesen. Und der König fragte in Zorn: „Du Ungeschlacht! Warum willst Du mein Kind berauben?“ Und der junge Holdrio klammerte sich an des Riesen kleinen Finger, wie man mit den Armen einen Baum umklammert, und rief: „Ei, Narr, was tust Du denn da? So lass doch dem leiben Kindlein seine schönen Sachen!“ Die Ritter stießen mit den Schwertern und Lanzen zu – das fühlte der Reise wie hundert Nadelstiche – und als er mit einem wunderlich klingenden Lachen seine Hand zurückzog, wurde der junge Holdrio, der an des Reisen kleinem Finger hing, mit hinaufgezogen in die Höhe des Domes.

   Hören und Sehen waren dem Buben bei dieser Luftreise vergangen. Und als er wieder zur Besinnung kam, da saß er auf seiner schönen Bergwiese, mitten zwischen seinen ruhenden Geißen. Verwundert guckte er um sich her und dachte: „Jetzt weiß ich nimmer, bin ich bei der Taufe des Königskindleins gewesen? Oder hab ich das nur geträumt?“ Aber da sah er, wie der Riese, der den Buben in der hohlen Hand vom Dom zu Ohlstadt bis zum Berg Wetterstein getragen hatte, lachend hin schritt über die grünen Wälder und über die weißen Gipfel der Berge.

   Holdrio blieb im Gras sitzen, und der schöne Abend kam. Aber heute sah der Bub nicht, wie die Wälder leuchteten und wie die Felsen glühten. Er sah nur immer ein kleines, feines Kindergesicht mit blauen Augen und goldblonden Ringelchen. So saß er und träumte, bis ihn die meckernden Geißen mahnten, dass er sie melken sollte. Das hatte er immer mit Singen getan. Doch heute tat er es schweigend. Und als er das Fässlein mit der schäumenden Milch zu seiner Hütte trug, da fühlte er plötzlich an seinem nackten Fuß einen stechenden Schmerz. Er dachte: „Da muss ich in ein Dörnlein getreten sein!“ Doch als er sich hinsetzte, um den Dorn aus der Wunde zu ziehen, fand er keinen Dorn, nur ein Tröpflein Blut und eine Wunde wie von einer Nadelspitze. Und das tat nimmer weh. Aber im Herzen hatte er ein Gefühl, als wäre ihm was Schweres ins Leben gefallen.

   Still und müde tat er seine Arbeit, bis es Nacht wurde. Und als er in seiner Hütte beim Feuer fand und im kupfernen Kessel die Milch der Geißen sott, um Käslein daraus zu machen, stand mit einem Mal der Zwergkönig Grawigrüweling neben der Feuerstatt und fragte: „Holdrio? Weißt Du einen Garten, wo es auch im Winter reife Nüsse und Kirschen gibt?“

   „Die Nussen kann man aufheben“, sagte der junge Holdrio schläfrig, „aber süße Kirschen wachsen nur im Sommer.“

   „Holdrio? Was hast Du? Warum singst Du nicht? Und warum lachst Du nicht?“

   „Ich weiß nicht, Königlein! Aber mir ist das Blut so heiß wie Feuer, mir ist das Herz so schwer wie Stein…“ Und als der junge Holdrio das gesagt hatte, fiel er plötzlich um und war wie tot.

   Mit flinken Beinchen sprang der König Grawigrüweling in den Mondschein hinaus und brachte ein Kräutlein und ließ von dem weißen Saft der Pflanze einen Tropfen auf die kleine Wunde fallen, die er an des Buben Fuß gefunden hatte, und murmelte:

„Heile, heile, Segen!
Drei Tag Regen!
Drei Tag Wind!
Heile, heile geschwind!“

   Drei Tage lang weinte der Regen, drei Tage lang wehte der Wind. Und als die Sonne wieder kam, schlug Holdrio die Augen auf und fragte: „Ist dem Königskindlein nichts geschehen?“

   „Nein!“, sagte der Zwergkönig Grawigrüweling, der in der Hütte das Feuer schürte und für den Buben eine Suppe kochte. „Aber Dich hat eine giftige Natter in den Fuß gestochen.“

   Holdrio hat einen tiefen Atemzug. „Und da leb ich noch allweil?“

   „Weil ich Dir geholfen habe.“

   „So weise bist Du?“ Ganz ehrfürchtig guckte der junge Holdrio an dem Zwerg hinauf und sagte: „Ach, Herr König, bei uns im Tal versterben so viel gute Leut am giftigen Schlangenbiss! Da könntest Du großen Segen stiften mit Deiner Weisheit! Und tätst Dich freuen dran!“

   Der König Grawigrüweling dachte sich was. Und da sprangen ihm, hui und hui, an die tausend kleine, graue Männlein aus der Stirn und huschelten in die Sonne hinaus und sammelten versteckte Kräutlein und trippelten von der schönen Bergwiese hinunter in das Tal, in dem die Menschen wohnte.

Mit singen wollte der junge Holdrio zu seiner Arbeit gehen und trat hinaus vor das Hüttlein. Da sah er tausend Zwerge um die grünen Hecken springen und Nüsse sammeln für den Winter. Und sah die Zwerge Sonnengucker und Brunnenschlucker und Kernzwacker und Schalenknacker und tausend andere Zwerge in der schönsten Sonne sitzen. Und jeder Zwerg bewachte ein kristallenes Krügelchen, darin der rote Kirschsaft in der warmen Sonne kochte.

   „Herr Jeggus“, rief der Bub mit Lachen, „was treibt ihr denn da in der Sonn?“

   Die kleinen Männlein kicherten: „Wir machen den Winter froh!“

   Und König Grawigrüweling, dem der weiße Bart schon wieder zu wachsen anfing, wanderte schmunzelnd hin und her und guckte in jedes funkelnde Krüglein und zwitscherte wie ein Fink im Maien:

„Die Sonn hat’s geben,
Die Sonn macht’s leben,
Die Sonn macht’s gar,
Die Sonn macht’s klar
Und süßet das Jahr,
Das ganze Jahr!“

   Und überall, wo die Sonne auf ein schönes Flecklein Erde nieder leuchtete, sah der junge Holdrio tausend und tausend Zwerge bei der Arbeit, wie sie mit ihren Nasen runde Grübchen in die schwarze Erde stupften und mit Lachen die roten Kirschkerne in den Boden legten.

   „Herr Jeggus“, rief der Bub, „da wachsen uns schöne Zeiten!“ Er fing zu singen an und wollte die Arbeit beginnen, die er drei Tage lang versäumt hatte. Aber da sah er mit Staunen, dass alle Arbeit schon getan war. Die Geißen waren gemolken, und die weißen Käslein standen zum Trocknen in der Sonne.

   „Ach, Du guter und weiser König“, sagte der Bub, „Deine kleinen Männlein, die so geschickt und fleißig sind, die könnten den armen Leuten da drunten im Tal das Leben leicht und freudig machen!“

   Der König Grawigrüweling lachte. Und weil er sich was gedacht hatte, was Gutes und Frohes, sprangen ihm, hui und hui, an die hunderttausend kleine, gute, frohe Männlen aus der Stirne heraus und trippelten von der schönen Bergwiese flink hinunter in das Tal, in dem die Menschen wohnten.

   Ach, Kinder! Da kamen herrliche Zeiten für die Leute, die rings um den Fuß des Berges Wetterstein ihre weißen Häuschen hatten! Das waren Zeiten, in denen ich hätte leben mögen! Niemand starb mehr am Biss einer giftigen Natter. Alle Hecken waren so schwer von Nüssen, dass sich die Zweige bogen. Überall wuchsen junge Kirschbäume aus der grünen Erde, dass im Frühling das Tal ganz weiß von ihren Blüten war. Die Geißen gaben doppelte Milch, und auf den Feldern wuchsen mannshoch die Ähren. Doch die Ernte kostete keinen Schweiß. Denn alle Arbeit tat sich so leicht, als wär’s ein Lachen, und alle Mühe war den Menschen wie ein frohes Lied. Und kam der Winter mit Frost ins Land, und hatten die Leute im tiefen Schnee ein hartes Wandern, und musste ein Müder auf seinem kalten Weg zittern und rasten, dann war im Nu ein kleiner, guter, froher Zwerg zur Stelle, mit kristallenem Krügelchen, und ließ den Frierenden ein süßes Tröpflein ums andere schlürfen, bis ihm das Blut wieder warm, der Weg wieder leicht und fröhlich wurde. Da ging der Winter hin, man wusste nicht wie. Und kam der Frühling wieder mit Blumen und Klee, dann saß an jedem schönen Abend, wenn die Felsen glühten vom Schmiedefeuer des Zwergenvolkes, der Reise Naturiwus auf dem Gipfel des Berges Wetterstein und blickte lachend hinunter ins Tal der Menschen; und lauschte träumend dem Lied, das der junge Holdrio seinen ruhenden Geißen vorblies auf der Hirtenpfeife. Und manchmal an solchem Abend, wenn der Zwergkönig Grawigrüweling auf dem Knie des jungen Holdrio saß und lachend mit ihm schwatzte, griff der Reise mit seiner großen Hand herunter und hob das gekrönte Zwerglein zu sich hinauf in die roten Lüfte und flüsterte ihm ganz leise was ins Ohr. Dann nickte der kleine König ernst vor sich hin und strich mit der Hand den weißen Bart, der schon wieder so lang gewachsen war, wie eines Kindes junge Locken sind. Und sagte: „Schau nur, schau, das hätt ich mit all meiner Weisheit nie gefunden! Da lass mich nur gleich hinunter! Da kann ich den Menschen wieder was Gutes tun!“ Und wenn ihn dann der Reise sanft hinuntersetzte in das Gras der Bergwiese, sprangen dem König Grawigrüweling tausend gute, frohe Männlein aus der Stirne und huschten auf allen Wegen davon.

   Dabei geschah es einmal, dass der schlanke, schmucke Holdrio den König frage: „Du, was hat Dir denn das große Mannsbild schon wieder gesagt?“

   Das gekrönte Zwerglein schmunzelte. „Gefragt hat mich der gute Riese, ob Du noch allweil an das Königskindlein denkst?“

   Da blieb der Bub so stumm, wie es sonst der Riese war. Und schweigend blickte er hinaus in die Abendferne, in der die goldenen Turmhähne der Königsburg von Ohlstadt schimmerten. Und blieb, als ihn der König Grawigrüweling verlassen hatte, ganz still im gras sitzen und schob die Zeige Schimmermilch von sich fort, die ihm schmeicheln wollte. Doch als es Nacht geworden und der Mondschein gekommen war, da stieg der junge Holdrio hoch in die Felsen hinauf. Und brachte was herunter. Und legte das in sein Ränzelein. Und hängte das Ränzlein um die Schultern und stieg ins Tal hinunter und wanderte die ganze Nacht.

   Als er durch einen Wald kam, hörte er eine klagende Stimme und sah ein Murmeltierchen, das sich in dichtem Dorngestrüpp verwickelt hatte.

   „Wart, ich helf Dir!“, sagte Holdrio und befreite das Tierchen.

   Das schnupperte an seiner Wade und tat einen Pfiff:

„Wer nimmt, muss geben!
Ich dank’s Deinem Leben!“

   Und als es davonlief, sagte Holdrio noch: „Ist gern geschehen!“ Und wanderte weiter. Und kam in der schönen Morgenfrühe zur Königsburg von Ohlstadt. Doch vor dem Burgtor streckten ihm zehn Wächter die Lanzen gegen die Brust und einer schrie: „Verbotener Weg!“

   „Öha, langsam!“, sagte Holdrio lachend. „Nur nicht glich so grob! Es wird unverbotene Weglein auch noch geben!“

   Immer guckend umwanderte er die ganze Burg mit ihren hohen Mauern und kam zu einem großen, eisernen Gitter, das einen wunderlichen Garten umzog. Da sah er Bäume, die wie Tiere aussahen, und graue Säulen, die geformt waren wie Bäume. Und Blumen gab es, die wie bunte Vögel waren, und auf den Zweigen flatterten künstliche Vögel, die bunten Blumen glichen, wenn der Wind sie bewegt. Und auf einer silbernen Schaukel, die nicht schwingen wollte, saß die kleine Prinzessin Holdria in seidenem Kleidchen, mit goldenen Schimmerlocken um das liebliche Gesicht, und bettelte mit süßem Stimmchen: „Höher! Höher! Ach, nur ein bisschen höher!“

   „Eure Königliche Hoheit könnte schwindlig werden!“, sagte die Hofdame und zog an der Schaukel, als hätte sie einem Gänseblümchen die Blätter auszurupfen.

   „Nein, ich mag nicht mehr, das ist langweilig!“, greinte das Prinzesslein und sprang von der Schaukel. „Ich will lieber das goldene Hähnchen krähen lassen!“ Aber da fiel vor ihren Füßen was auf die Erde, und als sie hinguckte, lagen sieben weiße Sterne im grünen Gras. Und das Prinzesslein sah erschrocken zum Himmel hinauf. „Es ist doch Tag! Da gibt’s doch keine Sterne! Wie können sie herunterfallen?“

   „Aber geh, das ist doch Edelweiß!“, klang die lachende Stimme des jungen Holdrio vom eisernen Gitter her. „Das hab ich für Dich heruntergeholt vom Wetterstein.“

   Lächelnd, mit weißen Fingerchen, hob die Prinzessin Holdria die silbernen Blütensterne aus dem Gras und ging mit neugierigen Augen auf das eiserne Gitter zu. Im leisen Wind bewegten sich ganz fein ihre goldenen Locken, und zwei schneeweiße Tauben kamen ihr auf die Schultern geflogen und fingen zu gurren an.

   „Ich bin die Prinzessin Holdria!“, sagte das Königskind. „Und wer bist Du?“

   Doch der junge Holdrio, dem vor Freude über diesen Namen das heiße Blut ins Gesicht geflogen war, stand vor dem eisernen Gitter draußen, so stumm, wie sonst der Reise war. Und immer musste er dem Königskind in die stillen, blauen Augen schauen.

   „Was willst Du?“, fragte das Prinzesslein.

   Da drückte der junge Holdrio das glühende Gesicht an die Gitterstäbe und sagte ganz leise: „Königstöchterlein? Brauchst Du nicht einen treuen Knecht?“

   Die Prinzessin Holdria schüttelte das Köpfchen. „Nein, weißt Du, treue Knechte hab ich so viel, wie Männer sind in meines Vaters Volk. Aber magst Du nicht hereinkommen in meinen Garten und mich ein bisschen höher schaukeln?“

   „Freilich“, sagte der junge Holdrio und kletterte flink am Gitter in die Höhe. „Pass auf, ich will Dich hutschen, so hoch, dass Du lachen und jauchzen musst!“

   Aber da kamen zehn Wächter gelaufen, stießen den junge Holdrio mit ihren Lanzenschäften über das Gitter hinunter und schrieen: „Verbotener Weg!“ Und die Hofdame sagte: „Pfui, das schickt sich nicht!“ Und zog das Prinzesslein fort, das sich mit nassen, traurigen Augen umblickte nach dem jungen Holdrio und mit dem weißen Händchen noch immer die sieben Blütensterne umklammert hielt.

   Das wurde für den Holdrio ein unlustiger Heimweg zum Wetterstein. Immer musste er an die kleinen, blinkenden Tränen denken, die das liebe Königstöchterlein in den traurigen Augen hatte.

   Im Dorf begegnete ihm der reiche Goldbauer, der keinen Apfel mehr essen konnte und das Zipperlein in den Beinen hatte. Und als der Bauer den schlanken Buben sah, der so groß und stark geworden, fragte er: „Du, magst Du nicht mein Knecht werden? Ich zahl Dir jeden Sonntag einen Goldgulden.“

   „Das geht nicht“, sagte Holdrio, „ich muss warten, ob mich nicht das Königskindlein braucht als treuen Knecht.“

   Sieben Jahre lang wartete der junge Holdrio. Dann stieg er eines Abends, als der Mondschein kam, hinauf zu den hohen Almen, auf denen der Reise immer die Füße stehen hatte, wenn er droben hockte auf dem Gipfel des Berges Wetterstein. Und von da droben brachte der Bub was heim. Das tat er in sein Ränzlein und stieg ins Tal hinunter und wanderte die ganze Nacht.

   Als er durch einen Wald kam, hörte er ein lautes Flattern und sah einen Specht; der hatte den Kopf in ein Baumloch gesteckt und brachte ihn nimmer heraus.

   „Wart, ich helf Dir!“, sagte Holdrio und stieg auf den Baum hinauf und machte mit seinem Messer das Loch in der Rinde so groß, dass der Specht den Kopf ganz leicht herausbrachte. Und da pickte der Specht den Buben ans Ohr und piepste:

„Wer nimmt, muss geben!
Ich dank’s Deinem Leben!“

   Und als der Specht davongeflogen war, stieg Holdrio vom Baum herunter, wanderte weiter und erreichte beim ersten Sonnenstrahl die Königsburg von Ohlstadt. Doch bei allen Toren standen die Wächter mit ihren Lanzen. Und im Garten ließ sich, obwohl der junge Holdrio bis zum Abend wartete, kein Prinzesslein hinter dem eisernen Gitter sehen. Nur die Blumen standen da, die wie bunte Vögel waren und auf den Zweigen saßen die künstlichen Vögel, die aussahen wie bunte Blumen, wenn der Wind sie bewegt. Und die Wächter mit ihren Lanzen gingen hinter dem eisernen Gitter auf und nieder.

   „Herr Du mein, das Königskind wird doch am End nicht krank sein?“, dachte Holdrio. Und das war ein Gedanke, der ihm wie ein scharfes Messer das Herz durchbohrte. „Ich will ein Lied singen“, meinte er, „dann hört mich das Prinzesslein vielleicht und kommt heraus.“ Nach allen Toren und Fenstern guckend, fing er zu singen an:

„Ich weiß ein junges Königskind,
as lieb ist, wie die Röslein sind.
So oft ich in den Himmel schau,
Denk ich an ihre Augen blau!
   Heia hulla Holdria!
Der Dich lieb hat, der ist da!

Ich weiß ein junges Königskind
Mit Löcklein, wie die Sonn sie spinnt!
Und wie der Kirschen Sommerbrot,
So ist ihr Mündlein kirschenrot!
   Heia hulla Holdria!
Der Dich lieb hat, der ist da!“

   Beim Klang des Liedes kamen die Wächter gelaufen, stießen mit ihren Lanzen durch das Gitter hinaus und schrieen den Buben an: „Hier ist das Singen verboten!“

   „Öha, langsam, nur nicht gleich so grob!“, sagte der Bub. „Es wird doch auch noch Leut geben, die gern ein Lied hören!“ Dann lachte er gar hell und froh. Denn droben am Fensterlein eines hohen Turmes hatte er was wehen und leuchten sehen wie goldene Locken. Aber das war gleich wieder verschwundne. Und nur zwei silberweiße Tauben sah er noch mit Gurren um das Fenster flattern.

   „Da droben, das ist ihr Stüblein!“, dachte Holdrio. „Wenn ich dem Königskind meine Blumen bringen will, so muss ich da hinauf!“

   Der hohe Turm, der hätte dem Holdrio keine Angst gemacht. Aber wie sollte er durch den Garten kommen, ohne dass ihn die Wächter sahen?

   „Wär ich nur erst beim Turm! Ich gäb mein Leben drum!“

   „Wart, ich helf Dir!“, pfiff zu Holdrios Füßen ein Stimmchen. Und das Murmeltierchen war da und fing wie närrisch in der Erde zu graben an. Und grub einen unterirdischen Gang durch den ganzen Garten, bis zum Fuß des hohen Turmes. Und bevor es verschwand, da pfiff es noch:

„Duriwitt, Duriwitt!
Wir zwei sind quitt.“

   Es war schon blauer Abend geworden, als der junge Holdrio heraus stieg aus dem Boden. Und da sah er, dass die Mauer des Turmes so glatt war, wie das Eis im Winter ist. Und droben im Fensterlein, da blinkerte ein helles Licht.

   „Wie komm ich nur da hinauf? Ich gäb mein Leben drum!“

   „Wart, ich helf Dir!“, zwitscherte ein feines Stimmchen. Und der Specht war da und klopfte mit seinem Schnabel wie närrisch auf die glatte Mauer los, und meißelte hundert Löcher in den Stein und piepste noch:

„Kiliwitt, kiliwitt,
Wir zwei sind quitt!“

   Da konnte Holdrio mit Händen und Füßen in die glatte Mauer greifen und konnte hinaufklettern bis zum Fensterlein der Prinzessin Holdria.

   Die saß in ihrem Stübchen und ihr rotes Seidenkleid war wie ein schönes Feuer. Gleich einem goldenen Mantel hingen ihr die blonden Locken um die Schultern her. Doch ihr feines, liebliches Gesichtlein war so müd und blich! Und traurig schauten die blauen Augen drein.

   An ihrer Seite saß die Hofdame mit spitziger Nase und so steif, als hätte sie eine eiserne Stange verschluckt. Und auf dem Tisch lagen hundert aufgeschlagene Bücher. Und der Rektor Magnifikus, mit der Brille auf der roten Nase, sagte zur Prinzessin Holdria: „Geruuuhen Eure Königliche Hoooheit mir zu saaagen, warum das U ein Häubchen haaat, und das I ein Tüüüpfelchen?“

   Die Prinzessin schwieg und blickte scheu und unruhig hinüber zum Fenster, vor dem der schöne Abend blaute.

   Der Rektor Magnifikus zog die buschigen Brauen in die Höhe: „Geruuuhen Eure Königliche Hoooheit niiicht zum Fenster zu schauen, sondern in das Buuuch.“

   Seufzend, mit süßem Stimmlein, sagte die Prinzessin: „Herr Rektor, ich hab ein Lied gehört!“

   „Ein Lied ist niiichts Besonderes, Königliche Hoooheit! Das ist nur eine Fooolge von niiichtssagenden Wooorten, die sich in bestimmten Tooonabstuuufungen aneinaander reihen. Königliche Hoooheit mögen geruuuhen mir zu saaagen, warum das U ein Häubchen…“

   „Schafskopf!“, unterbrach ihn die Prinzessin mit Zorn in den Augen.

   „Seehr richtig!“, sagte der gelahrte Herr und verbeugte sich. „Königliche Hoooheit haben meine Frage mit bewuuundernswertem Scharfsinn beaaantwortet. Also: Schaf und Kopf! Seeehr richtig! Das U gleicht einem Schafsgesiiicht, und das Häubchen ist wie die Ooohren darüber. Und das Tüüüpfelchen, seeehr richtig, das ist der Kooopf auf jedem Iiiiii!“

   Da sprang die Hofdame mit entsetzten Augen auf und deutete nach dem Fenster und schrie: „Der Riese kommt! Der Riese!“ Und fiel in Ohnmacht. Und der Rektor Magnifikus zeterte: „Mörder! Diebe!“ Und packt das größte der Bücher, um es in Sicherheit zu bringen, und rannte davon.

   Auch die Prinzessin Holdria war ein wenig erschrocken, als sie im Fenster das Gesicht des Buben sah. Dann aber lächelte sie ein bisschen und fragte: „Wer bist Du?“

   Dem Holdrio leuchtete die Freude in den Augen. „Kennst Du mich nimmer?“ Lachend warf er der Prinzessin Holdria ein Sträußchen zu und sagte: „Schau, da bring ich Dir was!“ Und im Schloss des Königskindes lagen sieben rote Almenrosen, deren Kelche noch röter waren als das rote Seidenkleid.

   Jetzt lachte das Prinzesslein, fein und süß. Und sprach: „Es war einmal, da ließ im grünen Garten einer sieben silberweiße Sternlein vor mir niederfallen. Bist Du der gewesen?“

   „Ja, Prinzesslein!“

   Wieder lachte das Königskind, ein bisschen lauter und froher als zuvor, und sammelte aus ihrem Schoß die sieben roten Rosen in das weiße Händchen. Und trat mit kleinen Schritten auf das Fenster zu und beugte voller Neugier das Gesichtchen vor, dass ihr die Locken wie zwei lange, goldene Schleier über die weißen, schmalen Wangen herunterfielen.

   Und der schlanke, schmucke Bub, der draußen an der Mauer hing, der musste das Prinzesslein immer anschauen. Und zitterte in seiner Freude, dass er kein Wort mehr über die Lippen brachte.

   „Was willst Du?“, fragte die Prinzessin. „Sprich zu mir!“

   Da legte der junge Holdrio die heiße Wange auf das Gesimse des Fensters und sagte ganz leise: „Königstöchterlein? Brauchst Du nicht einen tapferen Kriegsmann?“

   Die Prinzessin Holdria schüttelte die goldenen Locken. „Nein, weißt Du, tapfere Ritter hab ich so viel, wie Edelmänner sind in meines Vaters Volk. Aber magst Du nicht…“ Das Königskind verstummte plötzlich. Und während von der Turmtreppe lautes Waffengeklirr und polternde Schritte klangen, sah die Prinzessin Holdria dem jungen Holdrio so neugierig in die Augen, als wäre da was drin, was sie nie im Leben noch gesehen hatte.

   Und der junge Holdrio sah zu dem stillen Königskind mit solchen Freuden auf, als wäre so was Schönes nimmer zu schauen in der ganzen Welt. Und während er schaute und guckte, flogen ihm die beiden silberweißen Tauben auf die Schultern und gurrten ihm ins Ohr:

„Gurrruuh, gurriguh,
Ja, guck nur, Du!
Guck nur und schau!
Die wird Deine Frau!“

   Nicht, weil des Königs Ritter mit ihren Lanzen in das Stübchen gesprungen kamen, sondern weil dem Holdrio die weißen Tauben seiner Wünsche solch ein wunderliches Lied gesungen hatten, wurden ihm plötzlich die Hände so schwach, dass er sich nimmer halten konnte und rücklings hinunterstürzte in die Nacht.

   Doch während die Prinzessin Holdria in Schreck und Jammer mit ihren goldenen Locken die nassen, traurigen Augen verhüllte und zu Boden fiel, als hätte ihr ein Pfeil das Herz durchstochen – stand im Garten drunten der lachende Riese, so schwarz in der Nacht wie ein riesiger Baum, und fing mit seinen Armen, die wie linde Zweige waren, den stürzenden Holdrio auf und stellte ihn auf den Boden nieder und ging mit Lachen durch die Finsternis davon.

   Aber da kamen mit Laternen und blinkenden Spießen die Wächter des Gartens gelaufen. Und das eine der silberweißen Täubchen gurrte in Sorge:

„Gurrruuh gurriguh,
O blutige Not!
Gurrruuh gurriguh,
Die stechen ihn tot!“

   Das andere aber hatte ein Gurren, das wie lustiges Kichern war:

„Gurrruuh, gurriguh,
Der ist doch stark!
Gurrruuh, gurriguh,
Hat Knochen und Mark!“

   Und da sagte der junge Holdrio zu den Wächtern: „Öha, langsam, nur nicht gleich so grob! Ich muss doch morgen meine Geißen melken!“ Und schlug mit der Faust die Spieße aus seinem Weg und puffte die Wächter vor sich nieder – recht vorsichtig, damit das Königskind von seinen treuen Knechten keinen verlieren sollte. Dann schwang er sich über das eiserne Gitter und wanderte die ganze Nacht und sang dazu, bis es Morgen wurde.

   Im Dorf, als just die Sonne kam, begegnete dem Holdrio der reiche Goldbauer, der keinen Apfel nimmer essen konnte und das Zipperlein in den Beinen hatte. Und weil er sah, wie stark und groß und schmuck der Bub geworden, sagte er zu ihm: „He, Du! Ich hab eine Tochter. Die ist groß und stark und reich. Und braucht einen Mann. Magst Du nicht mein Eidam werden?“

   „Nein, das geht nicht!“, sagte der junge Holdrio. „Weil ich warten muss, ob nicht des Königs Tochter einen tapferen Kriegsmann braucht.“

   Dann stieg er hinauf zum Berg Wetterstein und sang in den goldenen Morgen und in den blauen Tag:

„Ich weiß ein junges Königskind,
Mit Locken, wie die Sonn sie spinnt!
Und sieben Sternlein silberklar,
Die flecht ich ihr ins goldne Haar!
Und sieben Rosen, rot und heiß,
Die leg ich um ihr Hälslein weiß!
Und wären sieben Herzen mein,
Die müssten all ihr eigen sein!“

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