Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das Märchen vom Karfunkelstein

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Des Märchens zweiter Teil:

Wie der Riese Naturiwus mit hundert Stimmen
Redete, und wie der Zwergkönig Grawigrüweling,
als er der Pate des Prinzessleins von Ohlstadt
geworden, die höchste Weisheit zu kosten bekam.

   Als König Grawigrüweling das kleine, gekrönte Köpflein durch das Felsenloch hinausstreckte in den hellen Tag, da stach ihn der ungewohnte Sonnenglanz in die Augen, dass er zwinkern und blinzeln musste. Und da sah er auf dem grünen Gras der schönen Bergwiese den jungen Holdrio liegen, in dem grauen, groben Hemd und in den kurzen Lederhöschen, mit den nackten, sonnverbrannten Beinen. Das runde, gesunde Gesicht des Buben lachte und brannte in der Sonne, mit tausend glänzenden Ringelchen hing ihm das Braunhaar um die Ohren, und während er die Hände über dem Kopf verschlungen hielt und die frohe Weise seines Liedes vor sich hin pfiff, guckte er mit seelenvergnügten Augen hinauf zu den kleinen, weißen Wölklein, die wie silberne Lämmer auf der blauen Himmelswiese weideten.

   Schon wollte der König Grawigrüweling aus alter Gewohnheit befehlen: „Spreizt mir die Augenbrauen in die Höhe, dass ich ihn besser sehen kann!“ Aber da fiel ihm ein, dass er die langen Augenbrauen nimmer hatte. Und weil ihn die Sonne blendete, hob er die Hände über die Augen und stieß dabei mit dem Ellenbogen an einen Grashalm an.

   Das hörte der junge Holdrio. Denn er hatte so feine Ohren wie ein Mäuschen. Und als er flink die Augen drehte, sah er zwischen den Gräsern das goldgekrönte Zwergenköpflein mit dem runzligen Greisengesicht, mit den nackten Augenbogen und den gelben Stoppeln des verbrannten Bartes. „Ach, Herr Jeggus“, rief er lachend, „solch ein sonderbares Käferlein hab ich meiner Lebtag nicht gesehen! Das muss ich mir fangen!“ Er machte eine hohle Hand und holte langsam aus, wie wenn man eine Fliege fängt. Doch als er, husch, das sonderbare Käferlein greifen wollte, zog der König Grawigrüweling erschrocken seinen Kopf in das Loch zurück, und die Maurerzwerge verstopften es flink mit ihrem Mörtel.

   Verwundert guckte Holdrio im Gras herum. „Wo ist denn das Käferlein hingekommen?“ Und weil er meinte, das Käferlein wäre davongeflogen, hob er das Gesicht und schaute umher. Und da sah er etwas, dass ihm vor Staunen die Augen übergingen.

   „Jerum, je! Was ist denn da geschehen?“, rief er. „Ist denn, seit ich mein Liedlein gesungen hab, ein neuer Berg gewachsen und ein neuer Wald?“

   Doch was er für Wald und Bäume hielt, das waren die Haare und der Bart des reisen Naturiwus, und was ihm als ein neuer Berg erschien, das war des Riesen Leib mit Armen und Beinen, der lang ausgestreckt in der Sonne lag. Und während der junge Holdrio noch immer guckte, sah er seine Geißen wie in Angst nach allen Seiten rennen und hörte seine weiße Lieblingsziege Schimmermilch gar kläglich meckern: „Hilf mir, Holdrio! Komm und hilf! Da will mich einer fressen!“

   Hei, wie da der junge Holdrio seinen Stecken packte! Und da merkte er, dass der neue Berg und Wald ein riesengroßes Mannsbild war, das mit beiden Fäusten die Ziege Schimmermilch zu seinem aufgesperrten Mund zog. Aber so groß der Riese war – der kleine Holdrio hatte keine Furcht. „Du Lümmel!“, rief er. „Willst Du gleich meine Geiß in Ruh lassen!“ Und schwang den Stecken, um den Riesen tüchtig auf die Finger zu klopfen. Doch er schlug nicht. Denn in der großen seeblauen Augen des Riesen sah er das Feuer eines heißen Durstes brennen. „Ach so? Du willst nur trinken?“, sagte Holdrio freundlich und streichelte die kläglich meckernde Ziege. „Schimmermilch, da musst Du stillhalten! Wenn einer Durst hat, muss er trinken dürfen!“

   „Freilich“, meckerte die gute Schimmermilch, „da muss er trinken dürfen!“ Und sie ließ den Riesen an ihrem Euter saugen. Doch die sieben Schoppen Geißmilch, die sie gab, die waren für den Durst des Riesen wie ein Tröpflein, das nicht reichte.

   „Wart“, sagte Holdrio, „ich treib Dir die anderen her!“ Das tat er auch und der Riese trank der ganzen Herde des Holdrio die Euter leer. „Du hast aber einen guten Zug.“, meinte der Bub mit Lachen, „einen solchen Durst hat nicht einmal mein Bauer am Sonntag! Und gelt, ein bissel Hunger hast Du wohl auch?“ Er holte alles Brot, das in seiner Hütte war und dreißig Ziegenkäse, die unter dem Hüttendach zum Trocknen standen. Doch für den Riesen war das nur ein Schnapp. Und Holdrio lachte: „Ei, das geht, wie wenn der Fisch die Mucken fangt.“ Und als er das sagte, fiel ihm ein: „Da drunten ist ein Bach, und wenn Dich noch hungert, Mann, so fang ich Dir einen großen Fisch.“ Die Ärmel seines grauen Hemdes an die Schultern stülpend, sprang er zum rauschenden Bach hinunter, und seine ganze Ziegenherde hopste mit läutenden Schellen hinter ihm her.

   Der junge Holdrio kam zu dem rauschenden Bach und sah gleich mit dem ersten Blick im klaren Wasser eine großmächtige Forelle schwimmen, die den silberweißen Bauch geschwollen nach oben drehte und sich mit aufgesperrtem Rachen immer schüttelte, als hätte sie was Schwerverdauliches im Magen. „Du kommst mir aber grade recht!“, dachte Holdrio und wollte die Forelle haschen. Aber da stand der Riese neben ihm und schob die Hände des Buben fort – so zärtlich, wie ein Vater sein Kind vor Schaden und Gefahr behütet – und packte die Forelle und schlitzte mit dem Daumennagel den Silberbauch des Fisches auf.

   Und da wusste der junge Holdrio plötzlich nimmer, wie ihm war. Denn alles in der Runde fing gar wundersam zu klingen und zu singen an. Und ein glühender Schein fiel um den Holdrio her, ein Leuchten, dass die ganze Welt von diesem Glanz zu brennen schien. Zitternd, mit gesträubten Haaren, standen die Geißen in diesem Feuer. Und Holdrio war bleich vor Schreck, das frohe Lachen schwand von seinem Mund, in seinen Augen erlosch die Freude, und sein Gesicht sah aus, als wäre der junge Holdrio ein alter Mann geworden.

   Und plötzlich wieder war alles vorbei – denn der Riese hatte die Forelle und das leuchtende Ding verschlungen, das im Bauch des Fisches brannte – und Holdrio atmete auf, als wäre ein drückender Stein von seinem Herzen gefallen, und stotterte: „Herr Du mein, was war denn das für ein grausiges Ding? So kalt und weh ist mir die Seel noch nie gewesen, derzeit ich leb!“

   Da hörte er den Riesen freundlich lachen. Doch in Sorge guckte Holdrio an ihm hinauf und fragte: „Mann? Ums Himmels willen! Wirst doch nicht den schiechen Fisch gefressen haben? Hast Du denn nicht in seinem Bauch die giftige Flieg gesehen, die er verschlungen hat? Die giftigen, weißt, die glänzen alle so!“

   Der Riese lachte, dass im klaren Bach die Wellen klangen.

   „Mann! So red doch! Spürst Du denn keinen Schaden von dem Gift?“

   Der Riese lachte, dass auf dem Berg Wetterstein die Wälder sangen.

   „Mann? Was bist denn Du für einer? Warum denn lachst Du allweil?“

   Da beugte sich der Riese zu dem kleinen Holdrio nieder und streichelte fein und sacht mit seiner großen Hand das Haar des Buben. Und da bekamen die braunen, wirren Ringelchen des Holdrio einen Glanz wie dunkles Gold. Und lind und zärtlich streichelte ihm der Riese das Gesicht – und da blitzten die Augen des Buben wie der Blick eines Falken, und auf seinen Wangen glühte das gesunde Blut wie rote Rosen. Dann legte der Reise mit festem Druck die beiden Hände auf die Schultern des Holdrio und strich ihm über die Arme hinunter und bis hinunter zu den Knien. Und da streckte sich der Bub, als wäre sein junger, schlanker Leib zu Stahl geworden – und während er sich reckte, rief er jauchzend aus: „Ach, Mann, mir ist so wohl und froh, ich weiß nicht wie!“

   Der Riese lachte, dass die Wellen sangen und die Wälder klangen.

   „Mann? Du bist so gut zu mir! Warum denn redest Du kein Wörtl? Bist Du stumm?“

   Da lächelte der Riese, ein ganz klein bisschen nur, und schüttelte den Kopf. Er sprach kein Wort. Doch alle stummen Dinge, die den jungen Holdrio umgaben, hatten plötzlich Sprache, die zu seinem Herzen redete. As Wellengeplätscher des Baches war wie feines Saitenspiel und sang ihm eine frohe Weise; das Rauschen der Wälder war wie der Jubelbraus einer Orgel und weckte schöne Andacht in des Buben Seele; die blaue Ferne stimmte leise ein Lid der Sehnsucht an und erzählte ihm von herrlichen Dingen; aus den Kelchen aller Blumen, die ihren süßen Duft um seine Wangen hauchten, klangen lispelnde Stimmen:

„Lass dich streicheln,
Lass dir schmeicheln,
Holdrio, du bist uns lieb!
Sollst uns pflücken,
Dich zu schmücken,
Holdrio, du Herzensdieb!“

   Und mit tiefer Stimme, die wie das Rollen von Steinen tönte, sprach das Felsenhaupt des Berges Wetterstein aus blauen Lüften zu ihm herunter:

„Ich bin die stolze, steinerne Welt,
Für ewig ins blühende Tal gestellt!
Ich bin so groß, und ich bin so schön,
Was Schönres kannst du nimmer sehn!
Und guckst du lachend zu mir herauf,
Geht fröhlich und frei das Herz Dir auf.
Ich bin Dir gut, du kleinwinziger Mann,
Und schau Deine Freude mit Freuden an,
Und wenn Du mich grüßest mit Gesang,
So geb ich Antwort mit hallendem Klang.“

   Und während der hohe Berg so redete zum jungen Holdrio, schüttete die liebe Sonne ihren goldenen Schein auf ihn herab und herzte ihn mit ihren Strahlen und sang ihm jubelnd aus der schimmernden Höhe zu:

„He! Heia! Holdrio!
Du kleiner Wicht!
Komm, lass Dich baden
In Schimmer und Licht!
Ich leuchte, leuchte
Für Dich allein,
Mein goldenes Gold
Ist alles Dein!
Guck doch! Guck mir,
Ins goldne Gesicht!
Guck nur! Guck nur!
Dich blend ich nicht!
Will Dir das Herzlein
Mit Glanz umgießen,
Die Wange Dir kosen,
Die Seele grüßen!
He! Heia! Holdrio;
Duliöh! Duliwitt!
Hörst mich nicht jauchzen?
Tu mit! Tu mit!“

   Dem jungen Holdrio, als er in der schönen Runde all diese leiben Stimmen hörte, wurde so wohl und selig ums Herz, wie er’s im Leben noch nie empfunden hatte. In seiner lachenden Freude schlug er einen Purzelbaum und kugelte sich im grünen Gras, und schleuderte sein Hütlein nach der Sonne hinauf, und schrie einen klingenden Jauchzer in die schimmernden Lüfte:

„Holdrio! Holdrio!
Hei, wie ist das Leben froh!“

   Und dreimal gab ihm der Berg Wetterstein die hallende Antwort aus der Ferne: „Froh! … Froh! … Froh!“

   Holdrio aber meinte, das große Mannsbild hätte ihm das zugerufen. Doch als er sich umguckte, war der Reise nimmer zu sehen.

   „He! Du Mann mit den hundert leiben Stimmen! Wo bist Du? Ich will Dir ein Vergeltsgott sagen!“

   Da klang ein Lachen von der Höhe des Berges her – und als der junge Holdrio zum Wetterstein hinaufblickte, sah er den Reisen mit einem langen Schritt über alle Wälder steigen. Und noch drei Schritte machte der Reise, dann stand er auf dem Gipfel des Berges und stieß mit dem Kopf beinah an den blauen Himmel an.

   „Herr Jeggus“, rief der Bub, „so hab ich meiner Lebtag noch keinen bergsteigen sehen!“

   Und Kleebeiß, der Geißbock, sagte: 2So möcht ich kraxeln können! Dann tät ich mir jeden Tag die süßesten Bergkräutlein von da droben herunterholen. Guck mal, Schimmermilch, guck mal, wie der große Lümmel springen kann!“

   Doch die Ziege Schimmermilch hatte was Wichtigeres zu tun, als hinter einem Riesen herzugucken. Sie musste fleißig fressen, um das leere Euter wieder zu füllen. Und die anderen Ziegen machten es wie die brave Schimmermilch und rupften emsig das saure Gras und den süßen Klee.

   Der junge Holdrio aber stand mit großen Augen und sah dem Riesen Naturwus nach, der im Sonnenglanz über die Berge wanderte, mit jedem Schritt von einem Gipfel zum andern. Je mehr der Reise in die Weite kam, umso blauer wurde sein Haar und Bart, sein ganzer Leib. Und während Holdrio schon nimmer unterscheiden konnte, wo der blaue Reise aufhörte und der blaue Himmel anfing, begannen drunten im grünen Tal die Glocken aller Dörfer zu läuten. Das klang und bimmelte, als wäre mitten im Sommer ein Ostertag gekommen. Und aus den grünen Tälern klang ein tausendstimmiges Jauchzen herauf. Und in das Geläut der kleinen Dorfglocken tönte von fernher ein tiefes Brummen und Summen. Das war die große Glocke, die man im Dom zu Ohlstadt läutete.

   Verwundert lauschte der junge Holdrio. Und da kam ein Jäger über die Bergwiese heraufgestiegen. „He, Jäger! Was ist denn?“, rief der Bub. „Warum denn juchzen die Leut so freudig? Warum denn läutet man mit allen Glocken?“

   „Weil der König und die Königin von Ohlstadt ein Prinzesslein bekommen haben!“, sagte der Jäger. „Ein Freudenreiter hat uns die Botschaft hergebracht!“

   Mit glänzenden Augen blickte Holdrio in die blaue Ferne hinaus, in der die goldenen Turmhähne der Königsburg von Ohlstadt schimmerten. „Herr, was muss das ein liebes Dingelchen sein! Das möcht ich sehen!“ Und jauchzend hob er die beiden Arme in die Sonne und rief: „Du Königstöchterlein! Dich soll der Himmel hüten! Und soll Dir ein Leben schenken, das wie ewiger Maien ist!“ Und dass sein Wunsch sich gewiss erfüllen möchte, hob er zwei weiße, blanke Kiesel von der Erde und warf sie kreuzweise über die Schultern. Und da verwandelten sich die beiden Kieselsteine in zwei silberweiße Tauben, die mit schnellen Flügeln in die blaue Weite flogen, zur Königsburg von Ohlstadt hin.

   Schon hatten sie den halben Weg zurückgelegt, als auf der Straße, über die sie flogen, eine glänzende Reiterschar in blinkenden Harnischen geritten kam, mit roten Fähnlein an den Lanzen und mit weißen Rosen um die Helme. Der Hauptmann, der die Reiter führte, sah die Tauben fliegen und rief hinauf zu ihnen:

„Täublein silberweiß!
Wohin geht die Reis’?“

   Die Tauben gurrten im Flug:

„Wir fliegen zu einem Königskind
Mit einem Wunsch, der gut gesinnt,
Der ist aus reinem Herzen kommen,
Wird dem Königskindlein frommen!“

   Dann flogen sie zur Königsburg von Ohlstadt. Und die Reiter ritten zum Berge Wetterstein und ritten durch eine Felsenschlucht, in der ein wildes, weißes Wasser wirbelte, und kamen zu einem großen, eisernen Tor. Dreimal pochte der Hauptmann mit seiner Lanze an die Eisenpforte und sprach:

„Zwergkönig Grawigrüweling,
Uns schickt der König Edelring!
Dem wurde heut im Sonnengold
Geboren ein Prinzesslein hold.
Und weil Dich jeder, der Dich kennt,
Den Weisesten der Weisen nennt,
Sollst Du des Kindleins Pate sein1
Tu auf das Tor und lass uns ein!“

   Da sprangen mit donnerndem Hall die Flügel des eisernen Tores auf, und die Reiter ritten hinein in die Tiefe des Berges Wetterstein und kamen in die große Halle, darin der König Grawigrüweling auf seinem goldenen Thron saß, umgeben von der unzählbaren Schar seiner kleinen Zwerge. Die hatten zum Empfang der Gäste ihre grauen Kittelchen und die Lederschürzen angezogen. Aber gar übel sahen sie aus. Die einen hinkten und die anderen konnten den Arm nicht rühren; um die blutig geschlagenen Knie und Ellbogen hatten sie weiche Moosfäden gewickelt, und die Beulen an ihren Köpfen hatten sie mit grauen Spinnwebtüchelchen verbunden.

   „Die müssen an Zahnweh leiden“, dachte sich der Hauptmann der Reiterschar, „freilich, hier unten ist’s kühl und feucht.“ Und als er aus dem Sattel gesprungen war, stülpte er den Kragen seines silbernen Panzerhemdes über den Hals hinauf, um sich in der kühlen Tiefe nicht zu erkälten. Dann trat er vor den König hin und verbeugte sich ehrfurchtsvoll, obwohl der König Grawigrüweling, seitdem er seinen weißen, vierzig Ellen langen Bart verloren hatte, keinen besonders königlichen Eindruck machte.

   Doch mit Würde sagte der gekrönte Zwerg: „Das Vertrauen Deines Herrn und Königs ehrt mich. Leider kann ich zur Taufe seines Kindes nicht erscheinen, weil ich augenblicklich damit beschäftigt bin, das tiefste Geheimnis der Welt und des Lebens zu erforschen. Aber ich werde zu der feierlichen Taufe meine Stellvertreter senden. Und alle guten Wünsche meiner Weisheit werden das königliche Kind umschweben. Und was ich der Prinzessin wünsche, wird sich erfüllen. Schöner und lieblicher soll sie werden, als je ein Menschenkind auf Erden war. Und reicher wird sie werden, als je ein Fürstenkind der Welt gewesen. Denn als Patengabe wähl ich ihr unter allen Schätzen, die ich besitze, das herrlichste Kleinod aus. Das ist ein wasserklarer Diamant, so blitzend wie die Sonne und so groß, wie kein zweiter noch gefunden wurde in den Tiefen der Erde.“

   Der König wandte sich an die Zwerge, die zunächst an seinem Thron standen. „Man hole aus meiner Schatzkammer…“

   Aber da verstummte der König Grawigrüweling. Denn im gleichen Augenblick brachten die tausend Schmiedezwerge, die ohne Augen aus des Königs Stirn gesprungen waren, ein wundervolles stählernes Kästlein herbei getragen, das keine Fuge und keine Ritze hatte. Und der älteste der blinden Schmiedezwerge, der den neunhundertneunundneunzig anderen Zwergen voranging, sprach zum König Grawigrüweling:

„Die Kapsel ist geschmiedet,
Das Kettlein ist gegliedet,
Das Kleinod liegt verschlossen
Und fest mit Stahl umgossen.
Von seinem Glanz und Schimmer
Erschaust Du keinen Flimmer,
Bevor Dein weiser Wille nicht
Den Stahl in Stücke bricht.“

   Lange schwieg der König Grawigrüweling und machte mit der Hand eine Bewegung, wie um den Bart zu streichen, den er nimmer hatte. Dann sprach er zum Hauptmann der Reiterschar: „Dem Kindlein Deines Königs und Deiner Königin versprach ich als Patengabe das herrlichste Kleinod unter allen Schätzen, die ich besitze. Das Wort ist gesprochen und ich muss es halten. Nicht der wasserklare Diamant, der wie die Sonne leuchtet, ist das kostbarste Kleinod unter meinen Schätzen, sondern der Splitter des Karfunkelsteins, der in eine goldene Kapsel geschmiedet ist und verborgen liegt in diesem stählernen Kästlein. Dieses unschätzbare Kleinod sollst Du meinem Patenkind bringen!“

   „Herr König“, sagte der Hauptmann, „das Kästlein hat keinen Deckel, wie macht man es auf?“

   Und der König sprach: „Es wird von selbst sich öffnen, wenn die rechte Stunde kommt. Und dann wird Euer Königskind so weise sein, wie nie ein Mensch und nie ein König war. Doch weil die Weisheit ernst und traurig macht, und weil es die Menschen lieben, froh zu sein, drum sollt ihr die Prinzessin auf den Namen Holdria taufen. Dieser Name muss ihr Segen bringen, muss ihr blühende Gesundheit schenken, fröhliche Lieder, lachende Freude und ein Glück, das reicher ist, als je ein Glück auf Erden war!“

   Nun schwieg der König, blickte wie in schweren Träumen vor sich hin und strich die gelben Stoppeln des verbrannten Bartes. Er sah nicht, wie die Reite sich verneigten, wie sie das stählerne Kästlein nahmen und mit klirrenden Waffen aus der Halle ritten.

   In Sorge standen die Zwerge um ihres Königs her und betrachteten sein trauriges Gesicht. Und sagten scheu zu ihm: „Großmächtiger! Sieh, droben sinkt die Sonne, und unser Tag beginnt. Sollen wir nicht an die Arbeit gehen? Wir wollen messen, wie dick am Abend ein Strahl der Sonne ist und wie groß die Augen der Flöhe sind, die uns plagen im Schlaf. Und unermüdlich wollen wir in den Tiefen der Erde nach neuen Schätzen graben…“

   Doch der König schüttelte den Kopf. „Das alles ist umsonst! Bin ich nicht reicher an Schätzen als der junge Holdrio? Und ich bin traurig! Er kann lachen und singen! Warum? Weil er von aller Weisheit die beste weiß! Die werd ich nie erforschen. Um mein königliches Wort zu halten, musste ich das Kleinod verschenken, das mir geleuchtet hätte auf den dunklen Wegen, die zur höchsten Weisheit führen. Die find ich nimmer in Ewigkeit. Und will ich Rast und Ruhe haben, so muss ich meinen Königsstolz bezwingen, muss hinaufsteigen zu dem lachenden Buben und muss ihn bitten, dass er mich lehrt, warum die Haselnuss eine harte Schale hat und die Kirsche einen harten Kern. Das muss ich wissen! Ich muss! Ich muss!“ Der König erhob sich von seinem goldenen Thron. „Alle meine Zwerge sollen mich begleiten! Brunnenschlucker, Kernzwacker und Schalenknacker, ordnet die Scharen. Und Du, Sonnengucker, der Du den Holdrio auf der grünen Wiese fandest, Du sollst uns führen!“

   Habt ihr schon einmal gesehen, wie im Wald eine Karawane von Ameisen über den Fußweg läuft? Da könnt ihr stundenlange schauen und gucken – doch der kribbelnde Zug der fleißigen Tierchen nimmt kein Ende.

   So war es anzusehen, als König Grawigrüweling mit seinen Zwergen hinaufwanderte zur schönen Wiese auf dem Berg Wetterstein.

   Die Sonne, die schon sinken wollte, stand wie eine feuerrote Kugel über dem Berg, von ihrem Schimmer brannten alle Wälder, und jeder Grashalm auf der Wiese schien verwandelt in eine goldene Spange. Und mitten in diesem Glanz saß der junge Holdrio und blies auf seiner Hirtenpfeife den ruhenden Ziegen ein Lied. Ganz still war es um ihn her, kein Lüftlein wehte durch den schönen Abend. Und dennoch begannen sich plötzlich alle Gräser zu bewegen. Die Ziege Schimmermilch hob den Kopf und guckte mit runden Augen zwischen die Halme. Dann sprang sie erschrocken auf und meckerte: „Fort da! Fort! Die Ameisen kommen! Die mag ich nicht! Die beißen!“ Sie sprang davon, und die ganze Herde mit bimmelnden Glocken sprang ihr nach, und droben am Waldsaum blieben sie alle stehen und äugten herunter.

   Auch Holdrio war aufgesprungen. Vor dem Riesen hatte er keine Furcht gehabt. Aber Ameisen! Das ist was anderes! Vor denen darf auch der tapferste Geißbub Reißaus nehmen.

   Schon wollte er lange Beine machen. Aber da sah er die winzigen Kerlchen, die sich zwischen den Gräsern hindurch schoben, wie sich große Menschen durch dichtes Buschwerk zwängen.

   „Herr Jeggus“, rief er lachend, „da kommen ja wieder die sauren Käslein von neulich angezappelt! Und hundert Brüder haben sie mitgebracht! Nein, tausend! Hunderttausend! Noch mehr! Die kann ich ja nimmer zählen!“

   Ganz verwundert hockte er sich nieder ins Gras und guckte – und da wimmelte schon die ganze Weise um ihn her von den kleinen grauen Männchen. Die kletterten im roten Sonnenglanz an allen Gräsern empor und setzten sich auf die gebeugten Halme, immer sieben auf jeden Halm. Köpflein drängte sich an Köpflein – und das war anzusehen, als hätte man einen großen Sack voll Erbsen ausgeschüttet über die ganze Weise. Und zwischen Holdrios Knien hatten hundert Kletterzwerge, von denen einer dem anderen auf den Rücken kraxelte, einen lebenden Sessel aufgebaut, auf dem zuoberst der König Grawigrüweling saß, gerade dem Nasenspitzl des jungen Holdrio gegenüber.

   „Herr Jeggus, Jeggus! Da ist ja mein sonderbares Käferlein wieder!“, lachte Holdrio und wollte eine hohle Hand machen.

   Doch der kleine König hob erschrocken die Arme vor sich hin und rief: „Aber nein! Ich bin ja doch kein Käferchen! Ich bin der König Grawigrüweling, der Herr des Zwergenvolkes!“

   Ganz leise pfiff der Bub vor sich hin. „Ei, guck, ein König bist Du? Da muss ich ja Respekt haben!“ Er lachte.

   „Ein König bin ich! Und komme zu Dir mit einer Bitte. Wenn Du mir die erfüllest, will ich Dich reich machen…“

   „Reich?“ Der junge Holdrio schüttelte den Kopf. „Der Goldbauer im Dorf da drunten, der ist reich. Und darf keinen Apfel nimmer essen, weil er einen kranken Magen hat. Und kann nimmer springen und tanzen, weil ihn das Zipperlein in die Zehen zwickt. Ich dank schön, nein! Da blieb ich lieber arm!“

   „So will ich Dich mächtig machen!“

   „Mächtig?“ Holdrio schüttelte den Kopf. „Der Vogt im Dorf da drunten, der ist so mächtig, dass er die Leut ins Turmloch sperren kann. Aber wenn er in der Finsternis vom Wirtshaus heimgeht, passen ihm die Buben auf und klopfen ihm die Hosen aus, dass er eine Woch lang nimmer sitzen kann. Ich dank schön, nein! Da will ich lieber nicht mächtig sein! Und alle Bauern haben eine Wut auf ihn. Aber mir ist’s lieber, dass alle Leut mich gern haben! Nein, Du kleines Königlein Fingerlang! Wenn Du was haben willst von mir, ich geb’s umsonst. Da brauchst Du nur sagen, was Du willst.“

   „So verrate mir“, und vor Neugier machte der König Grawigrüweling ganz große, runde Augen und streckte das magere Hälschen lang aus den Schultern heraus, „verrate mir die große Weisheit, die Dich so fröhlich macht, dass Du immer lachen und singen kannst! Und erkläre mir das tiefe Geheimnis: Warum die Haselnuss eine harte Schale hat und die Kirsche einen harten Kern?“

   Erst guckte der junge Holdrio verwundert drein. Dann lachte er. „Richtig, da drüber hab ich ja neulich mit den zwei kleinen, sauren Käslein geredet!“ Und mit schelmischen Augen blinzelte er den König der Zwerge an. „Ja, mein liebes Königlein, wenn ich Dir zeigen soll, warum die Haselnussen harte Schalen haben und die Kirschen harte Kerne… das ist leichter getan, als gesagt… da brauch ich eine Handvoll Haselnussen dazu und einen Hut voll Kirschen!“

   „Freilich, freilich“, nickte der König, „alle Wissenschaft muss ihr Werkzeug haben.“ Er winkte von seinem lebendigen Thron herunter, und tausend Fuhrmannszwerge machten sich flink auf den Weg, um hundert silberne Wagen zu holen und die Krischen und Haselnüsse herbeizubringen.

   „Was tun wir aber, bis die Nussen und Kirschen da sind?“, sagte Holdrio. „Ihr alle macht ja so verdrießliche Gesichter, wie die sauren Holzäpfel, wenn sie im kalten Winter runzlig werden! Wisst Ihr, was! Ich blas Euch ein lustiges Lied!“ Und er nahm seine Hirtenpfeife und fing zu blasen an, ein gar feines, munteres Liedchen.

   Wie da die Zwerge ihre kleinen Ohren spitzten! Ihre winzigen Äuglein glänzten, ihre grämlichen Gesichter wurden munter, und im lustigen Takt des Liedes begannen sich die Zwerge auf den biegsamen Gräsern zu wiegen und wurden so vergnügt, wie Kinder sind, die auf der Schaukel sitzen. Und der König schmunzelte, als er sah, wie munter seine Zwerge wurden. Und sagte: „Das möcht ich auch probieren!“ Und hui, da saß er schon auf einem biegsamen Halm, und sieben Zwerge, die ihm schmunzelnd aus der Stirne gesprungen waren, begannen aus Leibeskräften den Grashalm hin und her zu ziehen, dass der König Grawigrüweling auf und nieder schaukelte wie verrückt. Zuerst gefiel ihm das, aber dann riss er die Augen ängstlich auf und kreischte: „Nicht so fest! Nicht so fest! Herr jemine! Mir wird ganz übel!“ Und plumps – da flog er schon mit einem Purzelbaum herunter und hätte sich das gekrönte Köpflein übel aufgeschlagen, hätte ihn der junge Holdrio mit der hohlen Hand nicht aufgefangen und wieder auf den lebendigen Thron gesetzt.

   „Ich danke Dir, Holdrio! Bist ein guter Bub!“ Und während sich der König Grawigrüweling schnaufend mit seinem Königsmäntelchen den kalten Angstschweiß von der Stirne trocknete, sagte er atemlos: „Sehr lustig, das! Ungemein lustig! Aber … das will geübt sein!“

   Holdrio wollte schon wieder zu blasen beginnen, doch da hörte man aus dem von Zwergen wimmelnden Wald der Gräser ein tausendstimmiges: „Hussa! Hoppla! Hüo!“ Und auf den hundert Silberwagen, die von den schwarzen Käfern zwanzigspännig gezogen wurden, brachte das Fuhrmannsvolk die Krischen und Haselnüsse über die Bergwiese herauf gefahren.

   „Herr Jesus!“, rief der junge Holdrio und lachte. „Was habt ihr denn da vor Eure Wägelchen gespannt? Das sind ja Mistkäfer!“

   König Grawigrüweling runzelte die Stirn, als er die edle Zucht seiner Rosse mit diesem wenig ehrenvollen Namen bezeichnen hörte. Doch er war dem jungen Holdrio schon so gut geworden, dass er ihm ernstlich nimmer zürnen konnte. Auch war er allzu gespannt auf die Enthüllung der geheimnisvollen Weisheit. „Messet haargenau!“, befahl er. „So ernste Sache will mit Ernst behandelt sein! Genau eine Handvoll Nüsse! Genau ein Hut voll Kirschen!“

   „Ach nein, Herr König!“, sagte Holdrio. „So genau braucht man nicht zu messen! Es dürfen auch mehr sein! Wie mehr, wie besser!“ Und als er die Hand gehäuft voll Haselnüsse hatte und den Hut gehäuft voll Kirschen, setzte er sich vergnügt ins Gras – und auf all den hunderttausend Halmen streckten die hunderttausend mal tausend Zwerge in der roten Sonne neugierig die kleinen Köpfe, um nur ja kein Quentlein von der Weisheit zu verlieren, ie es da zu schauen gab. Und König Grawigrüweling passte auf wie ein Haftelmacher, als Holdrio flink und lustig mit den weißen, gesunden Zähnen die Haselnüsse zu knacken begann. Und das Zwerglein Schalenknacker sagte ernst zum Zwerglein Kernzwacker: „Du, der kann’s noch besser, als wir mit unseren Hämmern, Zangen und Feilen!“ Um das herrliche Kunststück nachzumachen, stibitzte er flink eine Haselnuss. Doch er konnte das Mäulchen so weit nicht aufreißen, um die Nuss hineinzubringen – denn die Haselnuss war größer als sein Kopf.

   Und König Grawigrüweling zitterte vor Aufregung und Wissbegier – doch als er sah, dass Holdrio die Nusskerne in der Hand sammelte und die zerbissenen Schalen achtlos zwischen die Biene fallen ließ, da schrie der König mit Schreck: „Du irrst Dich, Holdrio! Nicht um die Kerne dreht sich das Geheimnis. Sondern und die Schalen! Die wirfst Du ja fort! Und sammelst die zwecklosen Kerne!“

   Holdrio guckte den König an, als hätte er nicht recht verstanden. Dann lachte er: „Ja sag nur, Königlein, ums Himmels willen, hast Du denn noch nie eine Nuss gekostet?“

   König Grawigrüweling schüttelte das gekrönte Köpfchen. „Nein!“

   „Und am End auch nie noch reife Kirschen gegessen?“

   „Nein! Noch niemals in fünftausend Jahren! Ich und meine Zwerge, wir nähren uns nur von dem klaren Wasser aus dem Brunnen der Weisheit!“

   „Herr Jeggus, Jeggus, Königlein, da tust Du mir aber leid!“, rief Holdrio ganz erschrocken. Gleich aber lachte er wieder. „Jetzt weiß ich freilich, warum ihr alle so sauer und runzelig ausschaut! Frisches Brunnenwasser ist was Gutes, wenn man Durst hat. Aber allweil Wasser schlampen? Fünftausend Jahr lang! Brrrr! Da tät mir grausen! … Ja sag nur, Königlein, so weißt Du wirklich nicht, wie milchig fein die Nusskern schmecken, und dass der Kirschsaft süß ist, wie ein Kuss von meiner lieben, seligen Mutter war?“

   „Nein!“, sagte der König ärgerlich. „Das will ich auch nicht wissen! Deshalb bin ich nicht zu Dir gekommen! Du sollst mir das Geheimnis nennen, das Dich immer fröhlich macht! Und sollst mir sagen, warum die Haselnuss eine harte Schale hat und die Kirsche einen harten Kern!“

   Holdrio lachte. „Pass auf! Das zeig ich Dir jetzt!“ Und während er ein paar Nusskerne zwischen die Zähne schob und vergnügt zu schmausen anfing, warf er eine Handvoll Schalensplitter über das Gewimmel der kleinen Köpfe hin, dass die von den schalen getroffenen Zwerge zu Hunderten über die Grashalme hinunterkugelten. Und während er mit Behagen die reifen Kirschen schmauste, schnipste er aus den Fingern die schlüpfrigen Kerne den Zwergen ins Gesicht, dass die kleinen Männchen auf Stirn und Backen und Nasen rote Flecken bekamen.

   Die von den Kernen und Schalen getroffen wurden und kopfüber von den schwankenden Halmen hinunterpurzelten, die ärgerten sich freilich. Aber die anderen hatten ihre Freude drüber. Und da wollten sich die Blessierten rächen und auch ihren Spaß haben, und holten die Kerne und Schalensplitter aus dem Gras heraus und begannen zu werfen und zu schnipsen – hin und her, und her und hin – und das wurde auf der grünen Wiese und im roten Glanz der Sonne ein so lustiges Gefecht, dass der ernste König Grawigrüweling zum ersten Mal ins einem Leben lachte. Und wenn ein Kirschkern oder Schalensplitter geflogen kam, dann duckte er lachend das kluge Köpflein. Auf der Höhe seines lebendigen Thrones hatte er guten Ausblick und fühlte sich ganz sicher. Doch ein Kletterzwerg, der eine von den Stützend es Thrones war, wurde von einem Kirschkern in die Kniekehle getroffen, dass er wackeln musste; und da wackelten auch alle die anderen Kletterzwerge, die Rücken auf Rücken standen, und der ganze Thron geriet ins Rutschen, und von seiner fürstlichen Höhe sauste König Grawigrüweling hinunter in das linde Gras.

   Kichernd hob der junge Holdrio den kleinen König auf seine linke Hand und guckte ihm in die Augen. „Merkst Du was, Königlein?“

   Und der König sagte, halb noch im Schreck und halb mit Lachen: „Meinst Du, dass die Nüsse so harte schalen und die Krischen so harte Kerne haben, dass man sie den Weisheitsschluckern, die von den Haselkernen und vom süßen Kirschsaft nichts verstehen wollen, an die dummen Köpfe wirft?“

   „Jaaa, Du weises Königlein“, nickte Holdrio. „Und noch was besseres will ich Dir sagen! Die Nussen haben harte Schalen, dass uns die Kernfrucht umso besser schmeckt, je härter wir knacken müssen! Und die süßen Kirschen haben harte Kern’ … die muss man in den Boden stupfen, dass neue Kirschbäum wachsen, die wieder Kirschen tragen, süße Kirschen! Und weil ich weiß, dass allweil wieder Nussen und Kirschen wachsen, drum bin ich so froh, dass ich lachen und singen kann zu jeder Stund! … So, Herr König, und jetzt mach einmal Dein Mäulchen auf und streck das Züngelchen her!“

   Da sperrte der König Grawigrüweling den Schnabel auf, wie es die jungen Spatzen machen, wenn die Mutter Spätzin zum Nest geflogen kommt, und streckte das rosige Zünglein heraus. Und Holdrio legte ihm ein Bröselchen Nusskern drauf. „So, Königlein, jetzt beiß einmal!“

   „Nicht übel!“, sagte der König. „Gar nicht übel1“ Und schluckte. „Gib noch einen festen Bissen her!“

   „Bitte, mir auch!“, piepserte das Zwerglein Brunnenschlucker aus dem Gras herauf. „Mir auch!“, bettelte das Zwerglein Sonnengucker. Und hundert und tausend Stimmchen ließen sich hören: „Mir auch! Mir auch! Mir auch!“

   Zwischen zwei flachen Kieselsteinchen zerbröselte Holdrio die Nusskerne und warf, wie man die Tauben füttert, die Handvoll Bröselchen über die Wiese hinaus, mitten hinein in das Gewimmel der Zwerge. Tausend Händchen fuhren in die Höhe. Und das gab ein Geschrei! Ein Raufen und Balgen um jedes Körnlein! Unter Jubel und Lachen!

   Da nahm der junge Holdrio eine Kirsche aus dem Hut und sagte zum König: „Auf das Mäulchen! Und her mit dem Zünglein!“ Und als sich der königliche Schnabel gehorsam auftat, drückte Holdrio an der Kirsche und ließ dem König einen süßen, roten Tropfen auf die Zunge fallen. Langsam schlürfte der König Grawigrüweling und drückte wohlig und behaglich die Augen zu – und als er geschluckt hatte, sagte er: „Ach, lieber Holdrio! Quetsch doch noch ein bisselchen! Aber fester! Fester! Dass mehr herauskommt aus Deinem süßen Karfunkelstein!“ dann sperrte er das Mäulchen auf.

   „Gelt“, lachte Holdrio, „jetzt kommst Du auf den Gusto?“ Er drückte an der Kirsche, dass der rote Saft dem König das ganze Gesicht bespritzte. Und während der rot getupfte König hurtig mit dem Zünglein schlapperte, rief das Zwerglein Schalenknacker im Gras: „Bitte, mir auch!“ Und das Zwerglein Kernzwacker bettelte: „Mir auch!“ Und hundert und tausend feine Stimmen ließen sich hören: „Mir auch! Mir auch! Mir auch!“

   Aber Holdrio wehrte die neugierigen Schleckerbartelchen von sich ab. „Ja, glaubt Ihr denn, ich kann einem jeden von Euch ein Tröpfl Kirschsaft auf das Züngl drucken? Ihr seid so viele, dass ich Arbeit hätt bis sieben Jahr nach der Ewigkeit!“

   Da bewies das Zwerglein Brunnenschlucker, dass den Philosophen manchmal doch was Gescheites einfällt. Denn es rupfte flink eine Glockenblume ab und hob den blauen Kelch dem Holdrio hin und sagte: „Da drück hinein! Wenn der Becher voll ist, können wir unser Hundert davon trinken!“ Im Nu standen auch Sonnengucker und Kernzwacker und Schalenknacker und noch ein Hundert Zwerge mit Glockenblümchen vor Holdrio, und alle hoben die blauen Becher an ihm hinauf. Und der junge Holdrio holte lachend eine Kirsche nach der anderen aus seinem Hut und quetschte ihre Säfte in die kleinen Kelche. Und die blauen Becherlein mit dem roten Kirschwein gingen von Hand zu Hand, von Mund zu Mund – und je tiefere Züge die Zwerge machten, umso lustiger wurden sie. Behaglich rieben sie die Bäuchlein und zwinkerten mit seligen Augen – und schlugen vor Übermut die Beinchen in die Höhe und begannen zu singen:

„Ach, wie gut, ach, wie gut!
Ach, das geht so süß ins Blut!
   Wie heiße Räderchen
   Läuft’s durch die Äderchen!
   Und steigt in das Köpflein
   Wie feurige Tröpflein!
Ach, wie gut! Ach, wie gut!
Ach, wie warm ist das im Blut!“

   Und König Grawigrüweling, der dem Holdrio auf die Schulter geklettert war und ein ganzes Becherlein Kirschwein für sich allein bekommen hatte, strampelte fidel mit den kurzen Beinen, warf sein Königsmäntelchen in die Luft, weil ihm zu heiß wurde, und wirbelte das goldene Krönlein um den Zeigefinger, wie wenn es ein Spielreif wär! Und als er aus seinem blauen Kelch das letzte Tröpflein heraus geschlückert hatte, rief er mit jauchzendem Stimmchen: „Heda, Fuhrleut! Fortfahren! Fortfahren! Und Kirschen holen! Und aufladen, was die Rösslein ziehen können!“ Und wie dann die Fuhrleute mit den schwer beladenen Wägelchen kamen, brauchte sich Holdrio mit dem Kirschenquetschen nimmer zu plagen, denn die lachenden Zwerge hatten die rote Kunst gar flink erlernt und drückten immer wieder die blauen Becher voll – und nippten und sogen – und als ihnen Holdrio auf seiner Hirtenpfeife einen heiteren Ländler blies, da begannen sie zu jauchzen wie die Grillen im Mia, und fingen rings um den Holdrio zu hopsen und zu tanzen an – und König Grawigrüweling kletterte mit einem Juhschrei dem Holdrio an den Hemdfalten und über die Hose herunter und tanzte seinem fidelen Völklein mit Jauchzen voran – und sang dazu:

   Juheisa,
   Juhei!
Jetzt hab ich die Weisheit,
Jetzt weiß ich das Best’!
Mein Blut, das hat Sonntag,
Mein Herzl ein Fest!
   Holdirio!
Und mein Leben ist froh!

   Juheisa,
   Juhei!
Du roter Karfunkel,
Jetzt hab ich dich ganz!
Und die Erd und der Himmel
Ist alles ein Glanz!
   Holdirio!
Und das Leben ist froh!

   Jetzt denkt euch, was am Waldsaum droben die Ziege Schimmermilch und der Geißbock Kleebeiß und all die anderen Geißen für Augen machten zu diesem Singen, Hopfen und Springen, das sich ansah, als wäre die ganze Bergweise lebendig und verrückt geworden! Doch weil sie ihren guten Hirten Holdrio so heiter blasen hörten, fingen auch die Geißen wie närrisch zu springen an und tollten und bockten, dass ihre Schellen ein lustiges Gebimmel machten.

   Und die rote Sonne streckte lachend im Niedersinken noch ein letzte Mal das glänzende Kirschgesicht über den Rücken des Berges Wetterstein herauf, um das vergnügte Volk der Zwerge zu schauen. Und von der anderen Seite schwamm der schmunzelnde Mond so silberweiß wie ein geschälter Nusskern am schönen Himmel empor. Und droben auf dem Gipfel des Berges Wetterstein, da sah man plötzlich den Riesen Naturiwus sitzen, halb im Silberschein des steigenden Mondes und halb im roten Glanz der Sonne. Über die schwindelnd hohe Felswand ließ er die langen Beine herunterbaumeln, klatschte mit den Händen auf die Knie und lachte so freundlich auf die Freude der kleinen Zwerge herab, als hätten sie ihm ihr Lebetag nur gutes erwiesen.

   Die Zwerge in ihrem Übermut, die hätten am liebsten so weitergetollt die ganze Nacht. Doch als im Dorf drunten die Glocke zehn Uhr schlug, und als man den Nachtwächter tuten hörte mit dem Kuhhorn, sagte Holdrio: „Marsch weiter, ihr lustige War! Jetzt machen wir Feierabend! Morgen ist auch wieder ein Tag!“

   Arm in Arm, mit Singen und Jauchzen, wanderten die Zwerge im silbernen Mondschein über den Berg hinunter, plünderten auf dem Heimweg alle Haselnusshecken, stibitzten aus den Bauernhöfen die reifen Kirschen und schleppten die süßen Karfunkelschätze heim in den unterirdischen Palast ihres Königs. Und als sich hinter dem letzten der Zwerg schon das eiserne Tor geschlossen hatte, hörte man noch in der stillen Silbernacht aus der Tiefe des Berges Wetterstein die hundert und tausend zirpenden Stimmchen:

„Ach, wie gut, ach, wie gut!
Ach, wie warm ist das im Blut!“

   Und nun sagt mir! Aber ehrlich! Glaubt ihr, dass die Zwerge des Königs Grawigrüweling in dieser Nacht besonders fleißig nach goldenen Schätzen gruben?

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