Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das Märchen vom Karfunkelstein

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      Ludwig Ganghofer
         Karfunkelstein
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Des Märchens erster Teil:

Warum der Zwergkönig Grawigrüweling
so traurig wurde, und wie er den ewig
leuchtenden Karfunkelstein gewinnen wollte.

   Es war einmal, vor tausend Jahren, ein reicher König der Zwerge, mit Namen Grawigrüweling. Der war so groß, wie eines Menschen kleiner Finger ist. Und weil er fünftausend Jahr alt war, vielleicht noch älter, war ihm der weiße Bart an die vierzig Ellen lang gewachsen. Und die Augenbrauen hingen ihm dick und zottig über die Augen herunter. Wollte der König Grawigrüweling etwas genauer sehen, dann mussten ihm vier Zwerge die Augenbrauen mit silbernen Krücken in die Höhe spreizen. Und wenn er von seinem goldenen Thron herunter steig, um sich ins kleine Zwergenbettlein zu legen, mussten vierhundert Zwerge seinen langen, weißen Bart vor ihm hertragen. Sonst hätte sich der kleine König mit den kurzen Füßchen in die vierzig Ellen Haare verwickelt und wäre auf die Nase gefallen. So was lieben die Könige nicht. Die wollten immer das gekrönte Haupt schön aufrecht tragen.

   Dieser König Grawigrüweling war unermesslich reich. Denn mit dem unzählbaren Heer seiner Zwerge hatte er vor tausend Jahren, vielleicht schon früher, den grausam reichen Riesen Naturiwus überwunden und ihm all seine kostbaren Schätze abgenommen. Nur ein einziges Kleinod aus dem Schatz des Riesen hatte der König Grawigrüweling nicht gewinnen können: Den herrlichen Karfunkelstein, der in der Krone des Riesen Naturiwus geleuchtet hatte wie eine rote Sonne. Denn als der Riese sah, dass ihm die siegreichen Zwerge alles, alles nahmen, all sein Gold und Silber, sein Eisen und Blei, seine Burgen und Berge, seien Wälder und Seen, da riss er, halb schon gefesselt, mit seinen Zähnen den leuchtenden Karfunkelstein aus seiner Krone und verschluckte ihn. Und so behielt der Riese, als ihn die Zwerge in Ketten legten, dieses kostbare Kleinod in seinem Besitz und drehte dem König Grawigrüweling mit Lachen eine lange Nase.

   Seit fünftausend Jahren, vielleicht noch länger, wohnte diese König Grawigrüweling in einem unterirdischen Palast, tief im Innern des Berges Wetterstein. Ihr wisst doch, wo der Wetterstein gelegen ist? Der liegt genau in der Mitte zwischen Berlin und Rom und steigt aus grünen Wäldern auf, eine schwindelnd steile Felsenburg, die ihre steinernen Türme hinauf hebt in das Blau der Lüfte. Das ist der Wetterstein. Der steht noch immer auf dem gleichen Fleck, seit vielen tausend Jahren. Und höher ist er, als die Wolken ziehen, höher, als ein Adler fliegen kann. Und an schönen Tagen, in der hellen Sonne, sieht er aus, so blank und weiß, als wäre er nicht aus Stein, sondern ganz aus purem Silber gebaut. Aber wisst ihr auch, warum er Wetterstein heißt? Weil er den tausend Menschen, die rings um ihn her in den grünen Tälern ihre kleinen, weißen Häuschen haben, das Wetter prophezeit. Denn lange, bevor ein böses Ungewitter kommen will, da macht der Wetterstein schon ein finsteres Gesicht und zeiht eine graue Wolkenhaube tief herunter über den steinernen Kopf. Und dann geht’s los! Ein Sausen und Heulen, ein Gießen und Schütten, ein Blitzen und Donnern, als ginge die Welt zugrunde.

   Aber wenn sich das böse Wetter ausgedonnert hat, und wenn der gute Berg sein lachendes Steingesicht herausschiebt aus der Wolkenhaube, und wenn der klare Abend kommt, und wenn die Sonne, bevor sie schlafen geht, noch einen hellen, goldenen Gruß über die Berge herunternickt in alle Täler – ach, wie schön ist das! Und vor tausend Jahren war’s noch tausendmal schöner! Und wenn dann erst die Zwerge im Wetterstein ihr Schmiedefeuer anzündeten! Wie herrlich ist das gewesen! Da lag der Wetterstein ganz dunkelblau in der blauen Dämmerung. Und plötzlich fing er zu glühen an, von den schwarzen Wäldern bis hinauf zu seinem Gipfel, immer heller, immer röter, bis der ganze steinerne Berg im blauen Abend brannte wie eine große, hohe, rote Flamme. Der Berg aber brannte nicht! Nein! Das war nur der Widerschein vom Schmiedefeuer der Zwerge, die als Untertanen ihres Königs im Berg Wetterstein bei der Arbeit waren. Die schliefen am Tag. Aber wenn der Abend kam, dann fingen sie die Arbeit an. Und schafften die ganze Nacht bis zum ersten Morgenlicht. Und weil das Silber und Gold, aus dem sie Kronen und Schwerter und Lanzen schmiedeten, so hart zu schmelzen war, drum mussten sie in ihrer Schmiedewerkstatt ein so mächtiges und heißes Feuer anzünden, dass sein Glanz aus dem Innern des Berges hinausleuchtete durch alle Felsen.

   Und all diese Zwerge, das waren kleine, winzigkleine, alte Männlein mit grauem Haar und eisgrauen Bärten. Und hatten graue Kittelchen an, bis zu den Knien, und jeder ein ledernes Schürzlein drüber. Sie guckten mit ernsten Augen drein; und niemals konnten sie lachen; und wussten nicht, was Freude ist. Denn die Zwerge waren so klug und mussten so fleißig arbeiten, dass sie zum Lachen und Frohsein keine Zeit hatten. Die armen Kerlchen!

   Und wisst ihr, wie die Zwerge in die Welt gekommen? Das ist eine sehr merkwürdige Sache. Passt mal auf, wie das zugegangen! Da saß der Zwergkönig Grawigrüweling mit der von Edelsteinen blitzenden Krone auf seinem goldenen Thron und dachte sich was. Und kaum hatte er sich was gedacht, da sprang ihm, hui, aus seiner Stirn ein kleiner Zwerg heraus, ein altes, graues, tausendkluges Männlein, das sich flink und ernst an die Arbeit machte und alles tat, was sich der Zwergkönig Grawigrüweling gedacht hatte.

Und weil der neugierige König seit fünftausend Jahren so schrecklich vieles dachte und alles, alles wissen wollte, und weil ihm bei jedem Gedanken solch ein alter, grauer, kluger Zwerg aus dem Kopf heraussprang, drum ist die Zahl seiner kleinen Zwerge so unzählbar groß geworden.

   Eines Morgens nun, vor tausend Jahren, als über dem Wetterstein die liebe, schöne, goldene Sonne aufging, saß der Zwergkönig wieder nach einer langen Arbeitsnacht auf seinem goldenen Thron. Und weil die Nacht so kalt war, hat’s ihn gefroren, dass ihm die Zähne klapperten. Aber statt sich am lichten Glanz der Sonne zu freuen, statt an ihren Strahlen die kalten Gliederchen und das kalte Königsherzlein zu wärmen, hat sich der Zwergkönig Grawigrüweling in seiner Neugier gedacht: „Ich möchte nur wissen, wie weit die Sonne von mir entfernt ist?“

   Hui, da sprang aus der Stirn ein Zwerg heraus, ein kleines, altes, kluges Männlein, und nahm einen Schießbogen und stieg auf den Gipfel des Berges Wetterstein und band einen langen, langen goldenen Spinnefaden an den Pfeil, und schoss den Pfeil so hoch hinauf, dass seine Spitze in der goldenen Sonne stecken blieb. Dann kletterte das Zwerglein hurtig an dem goldenen Spinnfaden in die Höhe, bis zur Sonne, und ließ sich wieder an dem goldenen Faden herunter und kam zum König gelaufen und sagte: „Großmächtiger König! Die Sonne ist von Eures Gedankens Majestät zehntausendbillionen Mal so weit entfernt, als meine Nase lang ist.“

   „So, so?“, sagte der Zwergkönig Grawigrüweling und strich seinen langen, weißen Bart. „Also, das weiß ich jetzt auch! Zehntausendbillionen Nasenlängen ist die Sonne von mir entfernt. So so so sooo?“ Und diese Weisheit machte ihn so ernst, dass er die kleine Stirn in hundert Falten legte. Und als er bei Anbruch des hellen, warmen Tages von seinem goldenen Thron herunterstieg, um sich ins kleine Zwergenbett zu legen, wobei vierhundert Zwerge seinen vierzig Ellen langen weißen Bart vor ihm hertrugen, da war dem Zwergkönig Grawigrüweling so schrecklich kalt, dass er zitterte an allen Gliedern. Sieben linde graue Mausfelle mussten die Zwerge herbeischleppen, um den frierenden König zuzudecken. Aber em König wurde nicht warm – doch die unzählbare Schar seiner klugen Zwerge hatte sich wieder um einen vermehrt. Und der bekam den Namen Sonnengucker.

   Und während sich der König frierend in sein kaltes Bettlein huschelte, hörte er mit seinen scharfen Ohren in weiter Ferne ein lustiges Singen und Jodeln. Das klang durch alle Felsen des Berges Wetterstein zu ihm herunter in die kalte Tiefe. Und der König fragte: „Wer mag das sein, der da droben dieses törichte Geräusch verursacht?“

   „Herr König, das ist der kleine Holdrio, ein junger Bub, der die Geißen hütet!“, sagte Sonnengucker. „Als ich an meinem goldenen Spinnefaden aus den Lüften herunterkletterte, sah ich den Holdrio in der Sonne sitzen. Und während seine dunklen Augen wie zwei helle Sterne glänzten, schnitt er sonderbare Grimassen und gab jene törichten Geräusche von sich.“

   Nachdenklich schüttelte der Zwergkönig Grawigrüweling den Kopf und sagte: „Diese Grimassen und Geräusche werden von den Menschen Lachen und Singen genannt. Und sie sagen, das wäre ein Zeichen von großer Fröhlichkeit. Aber dieser Geißbub weiß doch sicher nicht, wie weit die Sonne von ihm entfernt ist! Wie kann man so ungebildet sein? Und doch so froh dabei? Ich weiß so vieles! Und kann nicht lachen!“ Frierend drehte sich der König in seinem Bettlein um und konnte nicht schlafen und wurde immer ernster, je länger er an den lustigen Geißbuben Holdrio dachte.

   Und ein andermal, des Abends, als die Zwerge ihre Schmiedefeuer anzündeten, dass der ganze Berg Wetterstein in Glut zu leuchten anfing, stieg der König Grawigrüweling so ernst und grämlich, wie er immer war, auf seinen goldenen Thron. Und weil ihn dürstete, ließ er sich mit goldenem Becher ein Schlücklein Wasser aus dem Weisheitsbrunnen der Zwerge schöpfen. Das war ein Brunnen, dessen Quelle heraufsprudelte aus den dunklen Tiefen der Erde. Und als der König getrunken hatte, dachte er: „Fünftausend Jahre, seit Adam erschaffen wurde, fülle ich an jedem Abend mein goldenes Becherlein aus diesem Brunnen. Und immer ist der Brunnen noch nicht ausgetrunken, immer sprudelt das Wasser noch! Wie tief muss die Erde sein, aus der diese Quelle kommt? Das möcht ich wissen!“

   Hui, da sprang aus seiner Stirn ein kleiner kluger Zwerg heraus. Der stürzte sich in den tiefen Brunnen und tauchte hinunter, tiefer und immer tiefer. Lange musste der König warten, bis das Zwerglein Brunnenschlucker wieder zum Vorschein kam. Und als der Zwerg aus dem Brunnen heraus stieg und das Wasser von sich abschüttelte, sagte er: „Großmächtiger König! Zehntausendmillionen Purzelbäume hab ich durch das Wasser hinunter gemacht. Aber der Atem ist mir ausgegangen, bevor ich den Grund der Erde finden konnte.“

   „So so!“ Der König strich den langen weißen Bart. „Da hab ich noch lang zu trinken! Das weiß ich jetzt auch.“ Und diese Weisheit machte ihn so ernst, dass er die kleine Stirn in hundert Falten legte. Und auf seiner goldenen Tafel begann er auszurechnen, wie viel Jahre nötig wären, um den unergründlichen Brunnen leer zu trinken. Das wurde eine Zahl, so groß, dass sie auf der goldenen Tafel nimmer Platz hatte. Und während der König ernst und schweigsam rechnete, die Stirn bedeckt mit allen Runzeln seiner Weisheit, klang durch die Felsen herab ein frohes Lachen und Singen.

   „Dieser blöde Lärm da droben stört mich bei der Arbeit!“, sagte der König Grawigrüweling verdrießlich.

   Schon wollten sich die Zwerge Sonnengucker und Brunnenschlucker auf den Weg machen, um dem Geißbuben Hodrio das Lachen und Singen zu verbieten.

   Aber da rief der König: „Halt! Des Buben Frohsinn muss doch eine Ursach haben. Es könnte sein, dass er besser weiß als ich, wie weit die Sonne entfernt und wie tief die Erde ist? Steiget hinauf zu ihm und fragte ihn das!“

   Die beiden Zwerge kletterten durch die Klüfte der Felsen hinauf. Sie kamen zu einer schönen Bergwiese, die vergoldet war vom Glanz der sinkenden Sonne. Und da saß der junge Holdrio inmitten seiner ruhenden Geißen auf einem sonnbeschienenen Steinblock, sang und lachte, schlenkerte die nackten Beine und schnitt sich aus einem Erlenzweig eine Hirtenpfeife.

   Denkt euch, was für Augen der junge Holdrio machte, als da plötzlich die beiden winzigen, eisgrauen Männchen vor ihm standen! „Ei, Herr Jeggus!“, rief er und lachte. „Da sind ja wohl zwei saure Käslein lebendig worden!“

   Darüber waren die klugen Zwerge ein bisschen beleidigt. Freilich, wenn man die Höhe der Sonne und die Tiefe der Erde zu messen versteht und dabei für einen sauren Ziegenkäs angesehen wird, das ist nicht schmeichelhaft. „Du ungezogener Bub!“, sagten die Zwerge. „Hab Ehrfurcht vor uns! Wir sind die Abgesandten des Königs Grawigrüweling, der alles weiß.“

   Holdrio lachte. „Was weiß denn der?“

   „Hunderttausend Mal mehr wie Du! Oder weißt Du vielleicht“, fragte Brunnenschlucker, „wie tief die Erde ist?“

   „Freilich“, sagte Holdrio, „so tief wie ds grüne Tal da drunten, wo die Blumen wachsen.“ Er lachte. „Alte Leut, die sagen, dass die Erd noch tiefer wär um sieben Schuh. Aber bis ich so tief hinunter komm, da hat’s noch Zeit ein lustiges Leben lang! Juhuuu!“ Das war ein Jauchzer, dass im roten Abendglanz die Felsen hallten.

   „Und weißt Du denn auch,“ fragte der andere Zwerg, „wie weit die Sonne von Dir entfernt ist?“

   „Freilich“, sagte Holdrio und lachte, „so weit wie meine nackichte Haut von meinem Herzen. Wenn die Sonne weiter wär, da tät ich nicht spüren, wie warm sie ist. Die liebe Sonn, die kann man greifen.“ Und jauchzend griff er junge Holdrio mit seinen braunen Händen in den roten, warmen Glanz des Abends. Dann blies er auf seiner Hirtenpfeife ein lustiges Liedlein. Und als er das geblasen hatte, fing er mit heller Stimme zu singen an:

„Lieblich ist der Tag verglommen,
Kühlend will der Abend kommen,
Über Berg und übers Tal
Lacht die Sonne noch einmal!
   Holdrio! Holdrio!
Hei, wie ist das Leben froh!

Brauch kein Bettlein wie die Grafen,
Leg mich zu den Geißen schlafen,
Steigt der Morgen hell herauf,
Weckt die liebe Sonn uns auf.
   Holdrio! Holdrio!
Hei, wie ist das Leben froh!

Haselnussen, die mir schmecken,
Hangen an den grünen Hecken!
Und am Baum die Kirschen rot
Sind mein süßes Sommerbrot!
   Hodrio! Holdrio!
Hei, wie ist das Leben froh!“

   Als die Zwerge den jungen Buben so lustig singen hörten, guckten sie mit ihren klugen, grämlichen Gesichtern ganz verwundert drein. Und sagten: „Wie weit die Sonne entfernt und wie tief die Erde ist, das weiß unser König besser. Aber wie man so ungebildet und arm sein kann als Du, und so froh dabei, das versteht er nicht. Und das möcht er wissen!“

   „Da soll er halt kommen und soll mich fragen!“ Holdrio lachte. „Ich sag’s ihm schon. Doch Euer König wird das nicht verstehen, wenn er nicht weiß, warum die Haselnussen eine harte Schale haben und die Krischen einen harten Kern.“ Dabei zwinkerte der junge Bub gar lustig mit den Augen. „Weiß er das?“

   Erschrocken sah Brunnenschlucker den Sonnengucker an und Sonnengucker den Brunnenschlucker, und einer fragte den anderen: „Weiß er das?“ Und weil sie in ihrem Schreck so drollige Gesichter schnitten, fing der junge Holdrio zu lachen an, so laut und übermütig, dass seine schlafenden Geißen munter wurden. Die sprangen auf, und als die weiße Ziege Schimmermilch das Zwerglein Brunnenschlucker sah, da meckerte sie: „Ei, guck doch, ein Schwammerling!“ Und fraß den beiden winzigen Männchen die grauen Hütlein von den Köpfen herunter. Und der schwarze Geißbock Kleebeiß schnupperte an den Zwergen und blies die Luft durch seine Nase, dass die käsehohen Kerlchen von dem starken Wind über den Haufen geblasen wurden und Hals über Kopf die steile Weise hinunterkugelten.

   Ganz atemlos waren sie, als sie unterirdischen Säle ihres Königs Grawigrüweling erreichten. Der saß auf seinem goldenen Thron und rechnete noch immer auf seiner goldenen Tafel. Mit Kopfschütteln hörte er die Zwerge an, die ihm erzählten, wie nach der junge Holdiro die Sonne hätte, und dass die Erde für ihn nicht tiefer wäre als das grüne Tal. „So ein dummer Bub! Und kann bei solcher Dummheit doch so fröhlich sein?“

   „Dahinter scheint ein wunderbares Geheimnis zu stecken!“, sagte Brunnenschlucker. „Das will der junge Holdrio nur Dir allein verraten, großmächtiger König, wenn Du kommen und ihn fragen willst.“

   „Das ist doch eine Frechheit!“, schrie der König in Zorn und schlug mit der Faust auf den goldenen Thron. „Ich, der König Grawigrüweling, der alles weiß! Ich, der ich schon fünftausend Jahre aus dem Weisheitsbrunnen der Zwerge trinke! Ich soll in die Schule gehen bei einem dummen Geißbuben?“

   „Und sein Geheimnis“, stotterte Sonnengucker, „sein Geheimnis wirst Du nur verstehen, sagt er, wenn Du weißt, warum die Haselnuss eine harte Schale hat und die Kirsche einen harten Kern. Aber Du, großmächtiger König, Du, der alles weiß, Du wirst auch dieses wissen!“

   Da hättet ihr sehen sollen, was der weise König Grawigrüweling für ein dummes Gesicht machte! Gewöhnlich tun das die Könige nicht. Aber manchmal doch!

   „Nein!“, sagte er. „Das weiß ich nicht!“ Und greinte: „Das will ich wissen!“

   Da sprangen ihm, hui und hui, zwei kleine, kluge Zwerge aus der Stirne heraus. Die hießen Schalenknacker und Kernzwacker. Und die machten sich gleich an die Arbeit, um für den König auszuforschen, warum die Haselnuss eine harte Schale hat und die Kirsche einen harten Kern. Sie zogen aus dem Hofstall seiner Majestät des Königs Grawigrüweling zwei silberne Lastwagen, jeder wie ein Schneckenhaus so groß, und spannten vor jeden Wagen zwanzig von jenen schwarzen Käfern, die dem Zwergenvolk als Rosse dienen. Dann kutschierten sie davon und brachten auf dem einen Wagen eine reife Kirsche, auf dem anderen eine Haselnuss herbei gefahren.

   Schalenknacker nahm noch hundert kluge Zwerge zu Hilfe. Die hoben die Haselnuss auf einen Ambos und zerschlugen mit stählernen Hämmern ihre Schale. Und während sie mit neugierigen Augen die harten Schalentrümmer untersuchten, kam ein feines weißes Mäuschen von irgendwo aus den Felsen geschlupft und verspeiste den süßen Kern, der in kleinen Bröselchen vom Ambos auf die Erde gefallen war.

   Auch Kernzwacker hatte hundert kluge Zwerge zu Hilfe genommen. Die schabten mit stählernen Messerchen das rote Fleisch vom Kern der Kirsche herunter. Und während sie den runden, harten Kirschkern mit einer Zange in das Schmiedefeuer heilten, um ihn weich zu glühen, kam ein feines weißes Schlänglein von irgendwo aus den Felsen geschlupft und leckte mit hurtigem Zünglein den süßen roten Kirschsaft auf, der in großen Tropfen auf der Erde lag, und verspeiste das süße rote Fleisch der Kirsche, das in kleinen Fasern von den stählernen Messerchen der Zwerge gefallen war.

   Inzwischen saß der König auf seinem Thron und fragte immer wieder mit Ungeduld: „Was ist denn? Wird’s bald? Wird’s bald?“

   „Verzeih, Großmächtiger!“, flehten die Zwerge im Schweiß der Arbeit. „Wir haben bis jetzt nur herausgebracht, dass die Nussschale und der Kirschkern hart sind. Aber warum, warum, warum? Das können wir noch immer nicht finden.“

   Da machte der König Grawigrüweling, um die Ungeduld zu beschwichtigen und die Zeit zu vertreiben, einen Spaziergang durch sein unterirdisches Reich. Vierhundert Zwerge trugen seinen langen weißen Bart vor ihm her. Da kam er zuerst in den wunderbaren Saal der Edelsteine. Hier waren die Wände von grünem Smaragd, der Boden von gelben Topasen, die Decke von blauen Saphiren, als Sonne brannte ein großer Diamant, eine Perle glänzte als runder Mond, und Millionen von roten Rubinen flimmerten als Sterne an der blauen Decke. Von allen Edelsteinen der Erde fehlte nur ein einziger: Der leuchtende Karfunkelstein, den einst vor vielen Jahren der Reise Naturiwus in seiner Krone getragen hatte. Alles andere Blitzgeschmeide der Erde war in diesem Saal gesammelt. Und diamantene Tafeln waren aufgestellt, auf denen geschrieben stand, wie dünn die Strahlen der Sonne sind, wie viel Pfunde der silberne Schein des Mondes wiegt und wie viel Sterne in jeder Nacht vom Himmel fallen.

   All diese Herrlichkeiten sah der König. Doch er hatte keine Freude, und seine Augen guckten traurig durch die zottigen Brauen. Denn er musste, warum die Haselnuss eine harte Schale hat und die Kirsch einen harten Kern.

   Dann kam er in den goldenen Saal des Lebens. Da waren alle Tiere der Erde nachgebildet aus purem Gold, das Wild der Wälder, die Vögel der Lüfte, die Fische des Meeres und all das kleine Gewimmel. Und goldene Tafeln waren aufgestellt, auf denen geschrieben stand, wie viel Haare die Tiere haben, wie viel Federn die Vögel und wie viel Schuppen die Fische.

   Er kam in den Silbersaal der Blüte. Da waren alle Bäume und Blumen und Gräser der Erde nachgebildet aus purem Silber. Und silberne Tafeln waren aufgestellt, auf denen geschrieben stand, wie viele Blätter auf jedem Baum wachsen, wie viele Körnlein Blütenstaub aus jeder Blume fallen, und wie oft der Wind an einem Tag den Grashalm beugt.

   Er kam in eine blaue, mächtige Höhle. Da gingen tausend Löcher in die Felsen, und hunderttausend mal tausend Zwerge waren fleißig bei der Arbeit, um die Edelsteine aus der Erde zu graben, das Gold und Silber, das Blei und Eisen. Und jedem Zwerglein, das sich schwitzend mühte, brannte auf der Stirn ein winziges Licht, um den Weg im Dunkel der Höhle zu erhellen.

   Und der König kam in eine rote, weite Halle. Da standen zu Tausenden die Essen umher, in denen die Schmiedefeuer brannten. Und vor tausend Ambosen waren hunderttausend mal tausend Zwerge mit Zangen und Hämmern bei der Arbeit, um aus Gold und Silber und Eisen die Schüsseln und Becher zu formen, die Kronen und Ringe, die scharfen Schwerter, die spitzen Lanzen und die rasselnden Ketten. Von all den Hammerschlägen war ein Tönen und Hallen an den Felsen, das wie Donner klang.

   All diese Herrlichkeit des Fleißes sah der König, doch sein frierendes Herz war ohne Freude, und traurig spähten seine Augen durch die zottigen Brauen.

   Beim Wandern durch sein Reich war ihm die Nacht vergangen – schon waren die Zwerge von der Arbeit müde, und die Schmiedefeuer wollten schon erlöschen mit roter Glut. Durch die Klüfte des Berges sah der König droben in der Höhe den weißen Tag des jungen Holdrio erwachen. Er ballte vor Zorn die Fäuste und hatte Tränen in den traurigen Augen. Und schrie: „Ich möchte wissen…“

   Da kamen atemlos zwei graue Zwerge gelaufen, der kleine Schalenknacker und der kleine Kernzwacker. Sie fielen vor dem König auf die Knie. „Herr! Großmächtiger König!“

   „Habt ihr’s gefunden?“, rief der König mit Ungeduld. „Soll ich endlich wissen, warum die Haselnuss eine harte Schale hat und die Kirsche einen harten Kern?“

   „Herr, wir haben die harte Schale der Nuss in sieben mal sieben Feuern geglüht und den harten Kern der Kirsch ein sieben mal sieben Gluten gesotten, haben sie geschlagen mit hundert Hämmern, mit hundert Zangen gezwickt, mit hundert Feilen zerrieben…“

   „Und was habt ihr gefunden?“

   „Nur die eine große Wahrheit, Herr, dass die Nuss eine harte Schale hat und die Kirsche einen harten Kern. Aber warum, warum, warum? Das konnten wir nicht erforschen.“

   „Weh mir! Wehe!“, klage der König, und wie Bächlein stürzten ihm die Tränen seines Kummers aus den traurigen Augen. „Weh! Was ist mir alle meine Weisheit nutz! Ein Geißbub auf dem Berg Wetterstein weiß mehr als ich! Ein Bub, der keine goldene Krone auf seinem Haupt trägt, kein goldnes Ringlein am Finger! Der niemals aus dem Weisheitsbrunnen der Zwerge trank! Der sich von hartem Brot und saurem Käse nährt! Und der weiß mehr als ich, der König Grawigrüweling! Und ist so weise, dass er lachen und singen kann!“

   Als die Zwerge ihren traurigen König so kläglich jammern hörten, kamen sie erschrocken von allen Seiten herbeigelaufen, um ihn zu trösten. Die Schmiedezwerge warfen die Hämmer fort, die Feuerbläser ließen ie glühenden Kohlen im Stich, aus allen Erdlöchern stiegen die Schatzgräber herauf, und während sie die Tränenperlen, die der König Grawigrüweling weinte, in diamantenen Schalen sammelten, sagte ihm jeder einen schönen Trost. Das war ein Gelispel von tausend mal tausend feinen Stimmen:

„O Herr, o König, o weine nicht!
Du bist die Weisheit, bist das Licht!
Du weißt, wie viel der Schimmer wiegt,
Der still vom Mond zur Erde fliegt,
Du weißt es, wenn aus blauer Welt
Ein goldner Stern zur Erde fällt!
Du hast am Löwen wie am Schwein,
Gezählt ein jedes Härchen fein!
Und wenn sein Lied der Sturmwind geigt,
Weißt Du, wie oft ein Halm sich beugt!
Du, dem es kein Geheimnis ist,
Wie oft ein Gockel scharrt im Mist,
Du weißt auf Nasenlänge schier,
Wie weit die Sonne ist von Dir!
Und sieh, Du hast in Müh und Qual
Herausgerechnet eine Zahl –
Nur tausend Nullen fehlen noch,
Dann weißt Du auch, wie tief das Loch,
Aus dem der Weisheitsbrunnen quillt,
Der Deinen Durst nach Wissen stillt!“

   Doch der traurige König Grawigrüweling weinte bitterlich. „Was hilft mir das? Ich möchte wissen, warum die Haselnuss eine harte Schale hat und die Kirsche einen harten Kern!“

   Von allen Zwergen, die gekommen waren, um den weinenden König zu trösten, war ein einziger stumm geblieben, in Nachdenken versunken, mit dem Zeigefinger an der Nase. Das war der kleine Brunnenschlucker. Der hatte, als er die Tiefe der Erde messen wollte, im Weisheitsbrunnen so viel Wasser geschluckt, dass er ein Philosoph geworden war. Der machte plötzlich einen Purzelbaum. „Ich hab’s!“ Und kam auf den König zugestürzt. „Großmächtiger! König und Herr! Deines Geistes Licht war über mir! Was sieben Feuer und sieben Hämmer und sieben Zangen nicht erforschten, hab ich durch beharrliches Nachdenken herausgebracht.“

   „Rede, Du mein Liebling!“, rief er König Grawigrüweling.

   „Herr, Dass die Haselnuss eine harte Schale hat und die Kirsche einen harten Kern, das kann nur eine Bosheit sein, die der Riese Naturiwus in seinem Hass wider die Menschen ersonnen hat. Diese sonderbaren Geschöpfe in ihrem ewigen Hunger pflegen doch wie Kinder nach allem zu greifen, was auf Bäumen wächst. Und drum dachte sich der Reise Naturiwus in seiner Bosheit: Ich will der Haselnuss eine harte Schale geben und der Kirsche einen harten Kern, damit sich diese dummen Menschen an der zähen Nussschale die Stockzähne ausbeißen, und damit sie zur Strafe Magenschmerzen bekommen, wenn sie den harten Kirschkern verschlucken!“

   Die tausend mal tausend Zwerge, als sie diese unerhörte Weisheit vernahmen, rissen staunend die kleinen Mäuler auf. Der König aber weinte nicht mehr, sondern nickte wohlgefällig vor sich hin. „Die Sache leuchtet mir ein!“ Er lächelte und strich den weißen Bart. „So so so sooo! Also, das weiß ich jetzt auch! Da kann ich mich beruhigt in mein Bettlein legen!“

   Vierhundert Zwerge trugen ihm den langen weißen Bart voran und deckten den frierenden König mit warmen, grauen Mausfellen sorglich zu. Dann gingen auch die Zwerge zur Ruhe, und im Reich des Königs Grawigrüweling begannen die Schmiedefeuer zu erlöschen.

   Schon wollte der müde König in Schlummer sinken. Da klang von der schönen Bergwiese, auf der es lichter Morgen wurde, das lustige Lied des jungen Holdrio herunter:

„Haselnussen, die mir schmecken,
Hangen an den grünen Hecken,
Und am Baum die Kirschen rot
Sind mein süßes Sommerbrot!
   Holdrio! Holdrio!
Hei, wie ist das Leben froh!“

   Der König hörte das. Er setzte sich erschrocken in seinem Bettlein auf und kratzte sich hinter den Ohren. „Die Sache kann nicht stimmen!“, sagte er. „Wenn das mit der Bosheit des Riesen Naturiwus seine Richtigkeit hätte, könnte doch der Bub da droben von den Haselnüssen und Kirschen nicht so lustig singen! Da müsste sein Liedlein lauten:

Weh, wie mir die Zähne reißen,
Von dem harten Nüssebeißen,
Und der Kirschkern, den man schlückt,
Liegt im Magen schwer und drückt.
   Jerum, jerum, jemine!
Ach, mir tut der Bauch so weh!“

   Zitternd kroch der König Grawigrüweling aus seinem Bett und brummte: „Die Sache stimmt nicht, stimmt nicht, stimmt nicht!“ Hurtig schlüpfte er in die Königshöschen und zog am Strang einer Glocke, deren Ton durch alle Säle des unterirdischen Palastes hallte.

   Habt ihr schon einmal gesehen, wie das kribbelt und krabbelt, wenn man einen Stein in einen Ameishaufen wirft? So hub im Berg Wetterstein ein Rennen und Gewimmel an. Die Zwerge sprangen aus ihren kleinen Betten, und weil sie vor Schreck und Eile vergaßen, sich anzukleiden, kamen sie in den Schlafmützen und in den weißen Nachthemdchen gelaufen.

   Der König aber steig auf seinen Thron, vierhundert Zwerge trugen ihm den weißen Bart voran – und als der König Grawigrüweling auf seinem goldenen Thron saß, befahl er: „Schleppt den Riesen Naturiwus herbei aus seinem Kerker, in dem ich ihn gefangen halte an die tausend Jahr!“

   Da liefen die Zwerge in ihren weißen Hemdchen davon, mit tausend mal tausend Seilen, die aus Spinnfäden geflochten waren, mit tausend mal tausend Ketten, die sie aus stählernen Drähten geschmiedet hatten.

   Es dauerte nicht lange – dann klang ein Schritt, wie wenn die Berge fallen, und ein Schnauben ließ sich hören, wie wenn der Sturmwind bläst.

   Und da befahl der König: „Spreizt mir die Augenbrauen in die Höhe, dass ich den Riesen besser sehen kann!“

   An tausend mal tausend Seilen und Ketten brachte die unzählbare Schar der Zwerge den gefesselten Reisen Naturiwus herbeigeschleppt. Der war so riesengroß, dass ihm der größte aller Zwerge nicht bis zum Nagel der kleinen Zehe reichte.

   Des Königs Thronsaal ragte aus den Tiefen der Erde hinauf bis unter den höchsten Gipfel des Berges Wetterstein. Und dennoch musste sich der Reise bücken, um mit dem Kopf nicht an die Decke zu stoßen. Tausend Elefantenhäute waren zusammengenäht, um des Riesen Leib zu kleiden. Jedes Haar auf seinem Haupt und jedes Haar in seinem Bart war ein Baum. Des Riesen blaue Augen waren wie zwei blaue Meere – und als er lachte, war sein Mund wie eine Höhle, in der die Drachen wohnen.

   „Warum lärmst Du so sinnlos?“, fragte der traurige König.

   Der Riese schwieg – und lachte, dass die Felsen bebten.

   „Du sollst mir Antwort geben!“, schrie der König in Zorn. „Eh meine Weisheit mich so mächtig machte, dass ich Dich bezwingen konnte, warst Du Herr und König auf Erden. Was in den grünen Tälern wächst und lebt, was in den Klüften der Berge blitzt und funkelt, das alles war Dein eigen. Und die Menschen und Tiere waren Deine Knechte, die Du mit Härte quältest und mit Hass verfolgtest, bis meine Weisheit sie befreite aus den Klauen Deiner Bosheit.“

   Der Riese schwieg – und lachte, dass die Mauern der Berge dröhnten.

   „Du sollst nicht diese törichten Geräusche machen! Antwort sollst Du mir geben!“, kreischte der kleine König, dem vor Wut der lange weiße Bart bis in die Spitzen der Haare zitterte. „Sag mir, ob es wahr ist, dass Du aus Bosheit gegen das Menschengeschlecht die Kirsche mit hartem Kern und die Haselnuss mit harter Schale wachsen ließest?“

   Der Riese schwieg – und lachte, dass es wie Donner durch alle Tiefen der Erde rollte.

   Vor Zorn darüber, dass der Riese nicht sprechen wollte, begann der König Grawigrüweling den weißen Bart zu raufen. Da trat vor seinen Thron ein eisgraues Männlein hin. Das war der Anführer der hunderttausend Zwerge, die den Riesen Naturiwus seit tausend Jahren, vielleicht noch länger, in seinem Kerker zu bewachen hatten. Und der sagte zum König: „Großmächtiger! Gedenke jener Nacht, in der wir den Reisen Naturiwus im Schlaf bezwangen. Als er aufwachte und sich gefesselt sah, zerriss er die Hälfte der hunderttausend mal tausend Seile und Ketten, mit denen wir ihn gebunden hatten – und ehe wir es hindern konnten, brach er mit den Zähnen einen leuchtenden Karfunkelstein aus seiner Krone, verschluckte das herrliche Kleinod und lachte, dass vom Hall seines Gelächters alle Tiefen der Erde erschüttert wurden.“

   „Das weiß ich!“, greinte der König. „Warum erinnerst Du mich daran?

   „Weil es mit diesem Karfunkelstein eine geheimnisvolle Bewandtnis haben muss! Denn manchmal in den Nächten, während Dein fleißiges Volk bei der Arbeit ist und goldene Schätze schmiedet, liegt der gefesselte Reise still und geduldig im Schlaf. Und da hör ich ihn manchmal leise im Traum singen. Das klingt wie das Murmeln einer Quelle und klingt wie das Säuseln der Bäume, wenn der Morgenwind durch ihre grünen Blätter weht.“

   Der König horchte auf. „Wie lautet dieses Lied?“

   Und das eisgraue Männchen begann zu murmeln:

„All mein Gold und meine Krone
Nahm der Zwerg zum Siegeslohne!
Du nur, Licht in allem Dunkel,
Ewig leuchtender Karfunkel,
Wundersamer Zauberstein,
   Du bist mein!
   Du bist mein!

Tief in meines Bauches Schlünden
Wird kein Zwerg dich jemals finden,
Um mit Wonne und mit Grauen
Aller Wahrheit Glanz zu schauen!
Leuchtender Karfunkelstein!
   Du bist mein!
   Du bist mein!

Wer dich hätte, wer dich fände,
Könnte spähn durch alle Wände!
Stein des Wissens, Stein der Helle,
Aller Wahrheit letzte Quelle,
Glühender Karfunkelstein,
   Du bist mein!
   Du bist mein!

   Als der König Grawigrüweling dieses Traumlied des Reisen hörte, sprang er von seinem Thronsitz auf und schrie: „Den Stein will ich haben! Wenn das der Stein des Wissens ist, und wenn ich ihn besitze, dann weiß ich alles, alles, alles! Dann muss ich auch wissen, warum die Haselnuss eine harte Schale hat und die Kirsche einen harten Kern! Ergreift den Riesen, werft ihn zu Boden, schneidet den Karfunkelstein aus seinem Bauch!“

   Da begannen die Zwerge aus Leibeskräften an den hunderttausend mal tausend Seilen und Ketten zu ziehen, mit denen der Riese gefesselt war. Zu Tausenden standen sie an jedem Seil, an jeder Kette, und zogen, dass ihnen der Atem verging und dass ei vor Anstrengung blaue Nasen bekamen. Doch der Reise stand so fest auf den Füßen, wie ein Berg. Und während er mit den großen Riesenaugen umherguckte, musste er immer lachen. Denn dieses Gezappel um seine Füße herum, dies Gedränge der unzählbaren Zwerge in ihren Schlafmützen und weißen Nachthemdchen war anzusehen, als wäre ein turmhoher Mehlsack ausgeronnen und all sein Mehl mit Gewimmel lebendig geworden. Und wenn von den Seilen eines entzwei riss, purzelten die tausend Zwerge, die an ihm gezogen hatten, zu einem Häuflein übereinander und streckten mit Geschrei die nackten Beinchen in die Luft. Der Riese lachte, dass ihm vor Lachen die Tränen kamen. Und während es ihm so nass um die Augen flimmerte, konnte er nicht sehen, dass tausend Zwerge mit Ölkannen gelaufen kamen. Sie gossen das Öl dem Reisen unter die Sohlen, und weil von dem vielen Öl der Boden ganz schlüpfrig wurde, glitt der lachende Riese plötzlich aus und stürzte der Länge nach auf den Rücken hin. Das tat einen Plumps, als wäre ein Berg in das Tal gefallen.

   Und da begannen die Zwerge ein Rennen und Springen, ein Klettern und Klimmen – – das hättet ihr sehen sollen! Zu Hunderttausenden kletterten sie dem Riesen über die Schenkel und an den Armen hinauf, und purzelten wieder herunter, dass die weißen Nachthemdchen pluderten, und rappelten sich wieder auf und kletterten dem Riesen auf die Brust und auf den Bauch.

   Und immer lachte der Riese, so lustig, wie ein guter, zärtlicher Vater lacht, wenn ihn seine Kinder, die ihm auf den Schoß geklettert sind, am Bart zausen.

   Doch dieses Lachen des Riesen wurde für die Zwerge eine gefährliche Sache. Wenn der Bauch des Riesen vom Lachen hüpfte, war es für die Zwerge wie ein Erdbeben; sie schlugen Räder und wurden in die Luft geschleudert, als wären sie kleine Gummibälle, die der Riese auf der Trommel seines Bauches tanzen ließ. Und wenn sie der Nase und dem Mund des Riesen zu nahe kamen, wurden sie von seinem heißen Atem scharenweise in die Luft geblasen. Ach, die armen Kerlchen! Die Ellenbogen und Knie schlugen sie sich blutig, die Schlafmützen verloren sie, ihre weißen Nachthemdchen gingen in Fetzen, ihre kleinen Köpfe bekamen große Beulen, und an den grauen Bärten starrten die Haare durcheinander, als hätte man sie verkehrt gebürstet.

   Aber wenn sie auch tausendmal von des Reisen Bauch herunterpurzelten – immer wieder klommen und kletterten die Zwerge hinauf, um die Befehle ihres Königs auszuführen, der ihnen zuschrie: „Vorwärts! Vorwärts! Schneidet ein Loch in des Riesen Bauch! Heraus mit dem Karfunkelstein! Ich will ihn haben! Ich will ihn haben!“

   Mit Zangen und eisernen Haken klammerten sich die Zwerge am hüpfenden Bauch des Riesen fest. Mit blitzenden Schwertern und scharfen Äxten durchschlugen sie an seinem Kleid eine Naht der Elefantenfelle, und mit hunderttausend Messern begannen sie die Magengrube des Riesen aufzuschneiden. Und das kitzelte den Riesen, dass er wie närrisch lachen musste. Doch die Zwerge schnitten immer tiefer. Das machte ihnen harte Arbeit! Denn die Haut des Riesen war wie ein siebenfacher Panzer seines Lebens. Zwar, die erste Haut war leicht zu schneiden und so lind wie Brot; doch die zweite war so zäh wie Leder, die dritte fest wie Tannenholz, die vierte wie ein Eichenbrett, die fünfte war wie Stein, die sechste hart wie Eisen und die siebente wie Stahl.

   Noch immer lachte der gefesselte Riese. Doch als die Zwerge mit tausend diamantenen Meißeln dicht an seinem Herzen die stählerne Haut durchschlugen, tat er einen brüllenden Schrei, dass vom Hall seiner Stimme alle Berge wankten. Dann schloss er die Augen und seufzte tief. Und aus seinem aufgeschnittenen Bauch kam ein Schein heraus, so stark und gleißend, dass die Zwerge erschraken, ihre diamantenen Meißel fallen ließen und mit den Armen die Augen bedeckten, um von diesem Glanz nicht blind zu werden. Und alle die Mauern der unterirdischen Königshalle fingen plötzlich gar wundersam zu klingen an, als wäre jeder Fels des Berges Wetterstein verwandelt in eine tönende Saite.

   „Der Stein! Der Stein!“, schrie König Grawigrüweling auf seinem goldenen Thron und streckte in zitterndem Verlangen die Hände. „Der leuchtende Karfunkelstein! Der Stein des Wissens! Holt ihn heraus! Ich will ihn haben!“

   Da sprangen dem König, hui und hui, weit über tausend kleine, graue, kluge Zwerge aus der Stirn heraus. Die hatten blaue Brillen vor den winzigen Augen, damit sie vom Glanz des Karfunkelsteines nicht geblendet würden. Und die stürzten auf den Reisen zu und wollten hinunter stiegen in die Höhle seines Bauches. Doch der Glanz, der aus der Herztiefe des Riesen heraufblitzte, dämpfte sich plötzlich und wurde rot, so rot, wie am Abend die Sonne scheint, wenn ihre Strahlen durch weiße Nebel schwimmen. All das wundersame Klingen wurde still. Und aus dem offenen Bauch des Riesen quoll sein Blut heraus wie ein mächtiger Strom. Und dieses Blut war nur so rot vom roten Glanz des Karfunkelsteines! Denn wo es über die Erde rann, da war es so weiß und klar, wie das Wasser aller Quellen ist, die auf dem Berg Wetterstein aus den Felsen sprudeln.

   „Vorwärts!“, schrie der König Grawigrüweling. „Den Stein! Holt mir den Stein heraus!“

   Zu Hunderttausenden sprangen die Zwerge – die mit den blauen Brillen und die mit den weißen Schlafmützen – in den leuchtenden Bauch des Riesen hinunter. Doch der Strom seines Blutes schwemmte sie davon.

   Ihr habt doch schon gesehen, wie der Sturmwind im Frühling, wenn die Kirschbäume blühen, die weißen Kirschblütenblätter in den Bach hineinweht, dass sie wie zahllose weiße Schifflein auf den Wellen tanzen? So schwammen zu Hunderttausenden die kleinen Zwerge in ihren weißen Nachthemdchen und mit den weißen Bärten auf dem Strom des silberklaren Riesenblutes, und zappelten und kreischten, und pusteten und spuckten und suchten sich zu retten, wie es ging.

   „Der Stein!“, schrie König Grawigrüweling. „Den Stein will ich haben! Den leuchtenden Karfunkelstein!“ Und weil das Blut des Riesen wie ein großer See den Thronsaal zu erfüllen begann, zog König Grawigrüweling die Füßchen auf den Thron herauf. Denn auch die Könige werden vom Schnupfen geplagt, wenn sie nasse Füße bekommen. Und dann schrie er wieder: „Den Stein! Wer holt mir den Stein heraus?“

   Von all der unzählbaren Schar der Zwerge wagte nur noch ein einziger die kühne Tat. Das Zwerglein Brunnenschlucker! Das hatte sich, als es in den Weisheitsbrunnen der Zwerge gesprungen und ein Philosoph geworden war, ans Wasserspeien so gewöhnt, dass es keine Furcht vor dem Strom des Riesenblutes hatte. Mutig schloss der kleine, graue, kluge Zwerg die Augen, drückte mit den Händen die Ohren und Nasenlöcher zu, nahm die Backen voll Luft und sprang kopfüber in den sprudelnden Bauch des Riesen hinunter. Als er mit dem Kopf da drunten gegen was Hartes stieß, blinzelte er ein bisschen mit den Augen, sah einen herrlichen, wundersamen, roten Glanz und griff mit beiden Händen zu. Und als er ein rundes Ding zu fassen bekam, so groß wie eine Kirsche, stülpte er flink die Schlafmütze drüber, wickelte noch die Lappen seines Nachthemdleins ringsherum und tauchte wie ein Frosch aus dem sprudelnden Riesenblut heraus an die Luft. Durch den Blutsee watend, hob der Zwerg mit beiden Händen das gefundene Ding über den Kopf empor und schrie vor Schmerzen, weil er ein glühendes Feuer an seinen Fingern spürte. Und durch die Schlafmütze und durch die Lappen des Nachthemdchens quoll ein roter Schein heraus, heller und leuchtender als alle die hunderttausend mal tausend Schmiedefeuer der Zwerge, heißer und schöner als der Glanz der Sonne an ihrem schönsten Tag.

   „Mein Stein! Mein Stein des Wissens!“, jubelte der König Grawigrüweling und fasste mit beiden Händen das verhüllte Kleinod. Und in seiner Gier, zu schauen und zu wissen, schob er die Schlafmütze und die weißen Lappen, die den Karfunkelstein verhüllten, ein wenig zurück. Aber da schrie er vor Schmerz, weil ihm die Finger brannten und schrie vor Schreck, weil ein Flammenstrahl im Nu seine zottigen Augenbrauen und seinen weißen vierzig Ellen langen Bart verzehrte, dass kein Härchen mehr übrig blieb. Erschrocken und geblendet hatte er die Augen geschlossen. Und obwohl er die Augen geschlossen hatte, sah er plötzlich alle Geheimnisse der Erde, sah die Adern des Goldes in der Tiefe und die Schichten des Silbers im Gestein; er hörte die Gräser wachsen und die Mücken sprechen; sah, wie die großen Bäume stiegen aus dem kleinen Samenkorn und wie im Ei das Hühnchen lebendig wird; und wusste alles, was in weiter Ferne geschah; und sah, dass in dieser Stunde dem König und der Königin von Ohlstadt ein Prinzesslein geboren wurde; und wusste, warum die Sonne so heiß ist und der Mond so kalt; und sah hinunter in die Tiefe der Welt, die ohne Boden war, und hinauf in die Himmelshöhe, die kein Ende nahm; und sah den Herzschlag aller Dinge und verstand das Unerklärlichste. Und eben wollte er noch schauen, warum die Haselnuss eine harte Schale hat und die Kirsche einen harten Kern. Doch weil ihm von der Glut des Karfunkelsteines das Fleisch seiner Finger schon verbrannt war bis auf die Knöchelchen, ließ er, schreiend vor Schmerz, das leuchtende Kleinod aus seinen Händen fallen. Das fiel in den Blutsee, dessen Wellend en goldenen Thron des bartlosen Königs umwirbelten, und zischte in der Flut, und brannte unter den Wellen und rollte mit dem rauschenden Strom des Riesenblutes davon und wurde hinuntergewirbelt in die Schlucht eines Bergbaches. Eine große Forelle, die in dem Bergbach wohnte, sah das glänzende Ding und kam geschwommen und schnappte zu und verschlang den leuchtenden Karfunkel, den sie für einen rot geflügelten Heuschreck hielt.

   Der weise König Grawigrüweling aber saß auf seinem Thron, zitternd, und mit Augen, die noch trauriger waren wie sonst. Er wollte seinen langen, weißen Bart streichen, den er nicht mehr hatte und guckte traurig die verbrannten leeren Hände an.

   Da klang ein Lachen, dass alle Felsen der weiten Halle dröhnten. Mitten im klaren See seines Blutes saß der Reise Naturiwus und reckte die Arme, von denen zu Hunderttausenden die zerrissenen Seile und die gesprengten Ketten nieder hingen. Lachend streckte er die Hände, riss von der Decke der Halle einen mächtigen Felsen los und verstopfte mit ihm die Wunde an seinem Bauch. Sein Blut begann zu versiegen, der See um den Thron her wurde seicht – und die Zwerge, als sie den erwachten und befreiten Riesen sahen, drückten sich triefend und zitternd vor Angst in alle Winkel.

   „Riese!“, sagte der König Grawigrüweling mit klagender Stimme. „Ich bin so reich, wie ich nie gewesen, und bin so arm, wie ich niemals war. Alle Tiefen der Erde kenn ich jetzt, und alle Höhen des Himmels hab ich geschaut. Und dennoch hab ich keine Freude. Und bin so traurig, dass ich weinen möchte. Denn das größte aller Geheimnisse versteh ich noch immer nicht: Warum die Haselnuss eine harte Schale hat und die Kirsche einen harten Kern. Erkläre mir das, und ich will Dir die Freiheit schenken!“

   Doch der Riese schwieg. Er lachte nur. Und richtete sich lachend auf. Und drückte mit seinen mächtigen Schultern ein Loch in die Decke der Felsenhalle, dass mit den niederpasselnden Steinen das schöne Licht des Tages herunterfiel in den unterirdischen Palast des Königs Grawigrüweling. Und durch das Loch schob der Reise seinen Kopf hinaus in die liebe Sonne und stemmte sich mit den Armen in die Höhe.

   „Ergreift ihn!“, schrie der König. „Lasst ihn nicht entwischen! Er soll mir Rede stehen!“

   Zu Hunderttausenden hängten sich die Zwerge in ihren triefenden Nachthemdchen an die Füße des Riesen und an die zerrissenen Seile und Ketten, die von seinen Knöcheln niederbaumelten. Doch der Riese schlenkerte nur ein bisschen mit den Beinen und da flogen die Zwerge kopfüber in alle Winkel des Thronsaales und kollerten mit Geplätscher durch das wasserklare Riesenblut, das den Boden der Halle noch bedeckte.

   Wie wir Menschen in die Höhe staunen, wenn ein Luftballon hinaufschwebt in den blauen Himmel, so guckten die Zwerge und ihr bartloser König den Sohlen des Reisen nach, die sich immer höher hoben, bis sie ganz verschwanden. Jetzt fiel nur noch ein Stücklein des Schattens, den der Riese in der Sonne warf, durch das Loch herunter auf den Thron des Königs. Und in diesem schwarzen Schatten sahen die Zwerge auf der untersten Stufe des Thrones etwas leuchten mit wunderbarem Schein. Das war ein Ding, so klein wie ein Sonnenstäubchen, und glänzte doch so herrlich wie eine ganze, große Sonne.

   „Ein Splitter des ewig leuchtenden Karfunkelsteines!“, rief der König. „Als ich das Kleinod aus meinen Händen fallen ließ, ist dieser Splitter von ihm abgesprungen!“ Er bückte sich, um den glänzenden Schatz zu erhaschen – doch bevor er den leuchtenden Splitter noch berührte, zog er erschrocken die verbrannten Finger zurück. Und rief: „Ihr Schmiedezwerge! Herbei! Und fasset den Splitter mit stählernen Zangen! Und schmiedet ihn fest in eine goldene Kapsel! Und schmiedet die Kapsel an eine goldene Kette, die ich tragen will um meinen Hals!“

   Die Schmiedezwerge kamen gelaufen, hoben mit stählernen Zangen den leuchtenden Splitter in eine diamantene Schale und rannten davon und schürten die Schmiedefeuer an, um die Arbeit zu beginnen.

   Der König aber, weil ihn die verbrannten Hände schmerzten, ließ sich eine wundertätige Salbe um die Finger gießen und die Hände mit Spinngeweben verbinden. Und weil der Thronsaal vom Blut des Reisen so feucht geworden, dass der König schon zu niesen anfing – und weil die Sonne, die durch das Loch in der Decke hereinfiel, seine Augen blendete, verließ er die Königshalle und wanderte durch die Säle seiner Schätze. Da hatten die vierhundert Zwerge, die ihm sonst den weißen, vierzig Ellen langen Bart voran zu tragen pflegten, keine Arbeit mehr und konnten sich in ihre Bettlein legen, um den versäumten Schlummer dieses Tages nachzuholen. Wie froh sie waren, dass sie aus den triefenden Hemdchen und in trockene Federn kamen!

   Der König betrat den Saal der Edelsteine und sah die diamantenen Tafeln, auf denen geschrieben stand, wie dünn die Strahlen der Sonne sind, wie viel Pfunde das Licht des Mondes wiegt und wie viel Sterne in jeder Nacht vom Himmel fallen. Und da schüttelte er mit traurigem Blick den Kopf.

   Und als er in den Saal der Blüte kam und die silbernen Tafeln betrachtete, auf denen geschrieben stand, wie viel Blätter die Bäume haben, wie viel Blütenstäubchen aus jeder Blume wehen, und wie oft ein Halm sich beugt im Sturm – da fing der bartlose König vor Trauer zu schluchzen an. Und schrie in Zorn: „Herbei, ihr Hammerzwerge! Zerschlagt mit euren Hämmern die silbernen Tafeln, zerschlagt die goldenen und zerstört die diamantenen! Was da geschrieben steht, ist falsch! Als ich den leuchtenden Karfunkelstein in meinen Händen hielt, da hab ich alles anders gesehen. Wie alle ist, das weiß ich nimmer. Ich hab’s gesehen und hab’s vergessen. Weiß nur, dass alles anders ist, als es hier geschrieben steht! Alle Arbeit, die wir taten in fünftausend Jahren, war umsonst. Was wir erforschten, ist Torheit und Lüge! Alles ist anders! Anders! Anders! Zerschlagt die Tafeln! Wir müssen die Arbeit von neuem beginnen und müssen graben und grübeln, zählen und rechnen, forschen und sinnen, schmieden und schreiben! Zerschlagt die Tafeln! Und an die Arbeit, Zwerge!“

   Da schlugen die Hammerzwerge mit ihren Hämmern auf die Tafeln der Weisheit los, und das gab ein Geklirr und Geklapper, wie wenn der Hagle an einem großen Haus alle Fenster in Scherben wirft.

   Aber so groß dieser Lärm auch war, es scholl ein größerer noch herüber aus der Schmiedewerkstatt der Zwerge: Ein Schimpfen und Fluche, ein Kreischen und Heulen von hunderttausend wütenden Stimmen. Und als der König unter das Tor der roten Halle trat, in der zu Tausenden die Essenfeuer brannten, sah er auf einem Amboss mit Glanz und Schimmer den Splitter des Karfunkelsteines liegen –und sah die hunderttausend Schmiedezwerge in einem balgenden Haufen durcheinander zappeln. Jeder drosch mit den Fäusten auf die Köpfe der anderen los, in Fetzen rissen sie einander die triefenden Hemdchen von den Leibern und zausten sich mit Geschrei an den grauen Bärten, dass die Haarbüschel nur so herumflogen. Und aus dem Lärm der Rufenden klangen die kreischenden Stimmen:

   „Denkst Du von mir, dass ich ein Dummkopf bin?“

   „Wie kannst Du glauben, dass ich lüge?“

   „Du Tropf! Wie darfst Du Schlechtes von mir denken?“

   Das schrie und heulte und kreischte durcheinander, dass es dem König wie ein Sausen in den Ohren war. „Ruhe!“, befahl er mit zornigem Ruf. „Welcher Irrsinn ist Euch in die Köpfe gefallen? Seitdem Ihr aus meiner Stirne gesprungen, habt Ihr immer in friedlicher Eintracht Eure Arbeit getan! Und jetzt…“ Der König war näher getreten. Da fiel vom Splitter des Karfunkelsteines ein blitzender Strahl in seine Augen. Und König Grawigrüweling fuhr zornig auf und begann in zitternder Wut zu schreien: „Schurken seid ihr! Und Hochverräter! Wie könnt ihr so schlecht von Eurem König denken! Glaubt ihr, ich wäre kein König mehr, weil mir der Bart verbrannte? Liegt die Würde eines Königs nur in seinem Bart? Habt ihr keine Ehrfurcht vor der Weisheit, die unter seiner Stirne wohnt?“

   „Weisheit?“, schrieen die Zwerge mit höhnischem Gelächter. „Wo ist denn Deine Weisheit? Wir sehen unter Deiner Stirne nur ein großes, schwarzes Loch. Du weißt ja nicht einmal, warum die Haselnuss eine harte Schale hat und die Kirsche einen harten Kern! Ein dummer Bub, er droben die Geißen hütet, weiß mehr als Du!“

   Vor Zorn erbleichend über diese Majestätsbeleidigung, fasste der König einen Schmiedehammer und wollte losschlagen auf die schmähenden Zwerge. Doch seine verbrannten Hände waren ohne Kraft. Im Schwung flog der Hammer aus des Königs schwacher Faust, und als sich die Zwerge erschrocken duckten, fiel der Hammer auf den Amboss hin und bedeckte mit seinem Stiel den leuchtenden Splitter des Karfunkelsteines. Wie durch einen Zauberspruch verstummte aller Lärm in der Halle, und der König und seine Zwerge sahen einander verwundert an, als verstünde keiner, was da geschehen war.

   Doch das Zwerglein Brunnenschlucker, das zitternd unter dem Tor der Halle gestanden, hatte sich als Philosoph gleich was gedacht. Und kam gelaufen. „König und Herr! Großmächtiger! Ich hab’s! Ich hab’s! Der Irrsinn, der hier gewaltet hat, ist eine von den verderblichen Wirkungen des Sonnenlichtes. Durch das Loch, das der feig entflohene Riese in den Berg gebrochen, fällt es dick herunter zu uns. Das ist ungesund! Wir sind an die Arbeit in der kalten Nacht gewöhnt. Das warme Sonnenlicht verwirrt uns den Verstand!“

   „Man soll das Loch vermauern“, befahl der König, „so fest, dass auch kein Härchen eines Sonnestrahles mehr herunterfällt in unser Reich!“ Und hui, da sprangen aus des Königs Stirn tausend kleine, graue, kluge Zwerge, die sich mit Kellen und Mörtelkufen gleich an die Arbeit machten, um der Sonne den Weg zu sperren.

   Doch der König schüttelte den Kopf und murmelte: „Die Sache stimmt nicht, stimmt nicht, stimmt nicht! Schon zu hunderttausend Malen hab ich meine Zwerge hinaufgeschickt, wenn es Arbeit da droben in der Sonne ab. Und keiner ist vom Sonnenlicht verrückt geworden. Sie alle sind mit hellen Augen und mit roten Backen heimgekehrt. Der Irrsinn, der mir so übel mitspielte, muss andere Ursach haben!“ Und der sinnende Blick des Königs glitt zu dem Amboss hin, auf dem der Splitter des Karfunkelsteines unter dem Hammerstiel verborgen lag.

   Der König Grawigrüweling dachte sich was.

   Und da sprangen ihm, hui, aus seiner Stirne tausend Schmiedezwerge heraus, die keine Augen hatten. Und blind begannen sie die Arbeit, um für den Splitter des Karfunkelsteines die goldene Kapsel und das goldene Kettlein zu schmieden.

   Während sie schmiedeten, wurde das Sonnenlicht, das von da droben herunterfiel, immer schwächer und schwächer. Als der König in den Thronsaal zurückkehrte, war das Loch, das der Reise in die Decke gebrochen hatte, schon so weit vermauert, dass man den Himmel nur noch wie ein kleines, blaues Ringlein sah. Und durch die winzige Lücke klang eine fröhlich singende Bubenstimme herunter:

Haselnussen, die mir schmecken,
Hangen an den grünen Hecken,
Und am Baum die Kirschen rot
Sind mein süßes Sommerbrot!
   Hodrio! Holdrio!
Hei, wie ist das Leben froh!“

Welt, was hast du gute Sachen!
Schenkst mir jeden Tag ein Lachen!
Und im Traum, der weil ich schlaf,
Bin ich König, Fürst und Graf!
   Holdrio! Holdrio!
Hei, wie ist das Leben froh!“

   Mit Trauer in den Augen, stand der König und lauschte dem frohen Lied des Holdrio. Und sagte: „Den Buben, der so dumm ist und doch die höchste Weisheit kennt, den muss ich mir einmal betrachten!“ Hui, da sprangen aus der Stirn des Königs tausend kleine, flinke Kletterzwerge erhaus, von denen einer dem anderen auf den Rücken kraxelte, höher und höher, bis der letzte droben war bei dem kleinen, blauen Loch in der Decke des Saales. Und über die geduldigen Köpfe der tausend Zwerge stieg der König Grawigrüweling hinauf, wie über eine Leiter mit tausend Sprossen, und schob das gekrönte Köpflein sacht hinaus in die Helle Sonne.

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