Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

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      Ludwig Ganghofer
         Der Jäger von Fall
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            Vorspiel
            Kapitel 1
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Kapitel 15

Hundert Mal war Hies auf dem Moos bewachsenen Waldboden von der Fährte abgekommen, die er verfolgte. Und immer, in seiner verbissenen Beharrlichkeit, hatte er sie wieder gefunden, auf zertretenem Gras, an aufgeschürften Mooslappen, an abgestoßenen Steinchen oder auf einem feuchten Erdfleck. Und wenn auch in dieser Fährte der Abdruck der neun Nägelköpfe fehlte – Hies kannte die Form dieses Fußes auch ohne das verräterische Zeichen von einst.

Weiterspürend von Schritt zu Schritt, war Hies hinübergekommen bis zu den Wassergräben des Lahnwaldes, dessen steile, lichter werdende Gehänge sich hinuntersenkten zu den Schluchten der Dürrach. Hier wucherte dieses Berggras, durchfilzt vom vorjährigen Laub der Buchen und Erlen. Vom strengen Verfolgen einer Fährte konnte da keine Rede mehr sein. Und was hätte Blasi hier suchen sollen? Die Äsungsplätze der Gämsen lagen höher, die Tagstände des Hochwildes tiefer, wo der Wald wieder dichter wurde. Blasi hatte diesen Weg wohl nur genommen, um den Stieg zu vermeiden, und war schon auf dem Heimweg. Sonst hätte er diese Richtung nicht eingeschlagen. Ob’s nicht ratsamer wäre, stiel durch die Deckung einer Wasserrinne hinunter zu gleiten. Da konnte der Jäger noch als erster die Dürrachbrücke erreichen, die Blasi passieren musste. Solang es noch heller Tag war, würde der Wildschütz diesen Weg nicht einschlagen; erst nach Anbruch der Dunkelheit. Da blieb dem Jäger noch reichliche Zeit, um zur Schlucht hinunterzuklimmen und einen geschützten Lauerposten bei der Brücke zu wählen.

Schon wollte Hies von der Bergrippe, über die er sich hinüber geschlichen hatte, schräg hinunterklettern in den steinigen Wassergraben. Da vernahm er aus den tiefer liegenden Büschen ein Geräusch, wie wenn ein Tier im dürren Laub und im Reisig scharrt. Blitzschnell duckte sich der Jäger. Sorgsam seiner Deckung achtend, schlich er im Graben abwärts, von Stein zu Stein, bis er mit dem Staudenbuckel, von dem er das Geräusch vernommen hatte, in gleicher Höhe war. Den Hut in die Joppentasche stopfend, machte er die Büchse schussfertig und schob zuerst den Lauf seiner Waffe, dann seine Stirn und die Augen über den Grabenrand hinaus. Auf dreißig Schritte, hinter dem Schleier der Buchenäste, gewahrte er einen Körper, der sich bewegte. Nun sah er in einer Lücke des Staudenwerks den sonnfleckigen Schimmer eines Mannsgesichtes und erkannte an dem aufgezwirbelten Schnauzer den Huisenblasi, der auf der Erde kniete, mit den Händen das dürre Laub beiseite räumte und unter den Steinen ein kurzläufiges, mit Tuchlappen umwickeltes Gewehr hervorzog. Unter einem Lächeln wilder Freude nahm der Jäger die Büchse an die Wange. „Lump, verdammter! In d’ Höh mit deine Pratzen! Oder es kracht!“

Blasis entfärbtes Gesicht tauchte über die Stauden herauf, nur einen Augenblick, dann verschwand es wieder. Die Deckung der Büsche nützend, warf der Wilddieb sich platt auf den Boden hin und wälzte sich flink in die Deckung einer Steinmulde. Als Hies, den übereilten Anruf bereuend, mit schussfertiger Büchse dem Geräusch entgegen sprang, hörte er den Huisenblasi hinter den Stauden schon über den Berghang hinunterflüchten.

Mit jagenden Sprüngen hetzte der Jäger hinter dem Fliehenden her. Mehr und mehr verringerte sich die Entfernung zwischen den beiden. Hies, der den Wilddieb ohne nutzbare Waffe wusste, brauchte sich nimmer zu decken und konnte auf geradem Weg durch den Wald hinunterstürmen, während Blasi, um Schutz zu finden, im Zickzack von Staude zu Baum und von Baum zu Staude huschen musste. Schon hörte Hies den keuchenden Atem des Fliehenden. Auf zwanzig Schritte sah er ihn über eine schmale Blöße rasen, ohne das Gewehr, das der Wilddieb auf der Flucht in die Büsche geworfen oder im Versteck zurückgelassen hatte. Jetzt ein Kollern von Steinen, ein lärmender Aufschlag. Blasi war verschwunden, war über die Felskante auf den Steig hinunter gesprungen.

Eine Sekunde der Überlegung. Dann wagte auch de rJäger den stubenhohen Sprung, gewnan den Steig und rannte den schmalen Pfad entlang, zur Rechten die immer steiler und höher werdende Felswand, zur Linken die tiefe Dürrachschlucht. Der Fliehende, schon vierzig oder fünfzig Schritt voraus, war nur manchmal für einen Husch zu sehen, weil der Steig in kurzer Wendung sich immer wieder herumdrückte um eine Steinkante. Doch immer hörte Hies die klirrenden Sprünge, häufig den rasselnden Atem des schon Erschöpften. Und jetzt, unter dem Klappern und Klirren der hetzenden Nagelsohlen und unter dem Knattern und Pfeifen der Steine, die hinuntersausten in die Dürrachtiefe, war immer wieder und immer schneller, immer näher, ein feiner, hübsch klingender Laut zu vernehmen, wie das Geläut einer kleinen, gut geschmiedeten Kälberschelle. Wilde Freude verzerrte das Gesicht des hetzenden Jägers, dem die Kräfte auch schon zu entrinnen drohten. Er wusste: Das war eine Hilfe. Kam da ein Stück Almvieh über den schmalen Steig herauf, dann war der Weg gesperrt, der fliehende Wilddieb eingeschlossen und gefangen.

Als Hies herumkeuchte um eine Felskante, sah er den Wilddieb auf halbe Schussweite in ratloser Verzweiflung gegen die Felswand taumeln. Auch der Huisenblasi schien zu wissen, was das hübsche, feine Gebimmel hinter der nächsten Steigwendung für ihn bedeutete – und sah den Jäger kommen, hatte die Augen eines Fieberkranken und wusste nur diese einzige Rettung noch: Er musste das bimmelnde Kalb, das von da drunten kam und auf dem schmalen Steinpfad nicht wenden konnte, durch einen jähen Schreck verstört machen und hinausstoßen über den Steig. Einen Felsbrocken aufraffend, jagte der Huisenblasi gegen die Wendung des Pfades und dem hübschen Gebimmel entgegen.

„Halt, du!“, brüllte der Jäger. „Zum letzten Mal: Halt! Oder hin bist!“ Er hob die Büchse. Da erschien, an der Biegung des Steiges, hinter dem Fliehenden, ein hemdärmeliger Mensch, ein weißhaariger Almhirt, der eine fein klingende Schelle an ledernem Gurt um die Brust hatte, gleich dem Bandelier eines Trommlers. „Jesus! Der Lenzl!“ Und erschrocken senkte der Jäger seine Büchse.

Dem Huisenblasi fiel unter keuchenden Sprüngen der Stein aus der Hand. „An d’ Wand hin, Lenzl, druck dich an d’ Wand hin, um Tausendgottswillen!“, schrie er mit gellender Stimme.

Und der Jäger kreischte: „Halt ihn auf! Halt ihn auf, den Lumpen!“ Dann rannte er mit dem Aufgebot seiner letzten Kraft, bis der Schreck ihm die Knie lähmte. Er hatte noch ein halb höhnisches, halb erschrockenes Auflachen des Hirten, einen flehenden Schrei des Huisenblasi und ein heftiges Gebimmel der feinen Schelle vernommen.

Nicht weit von der Stelle, wo der schwere, von Blasi ins Rollen gebrachte Felsklumpen den Schweißhund des Friedl zerschmettert und in die Tiefe geschleudert hatte, waren Blasi und Lenzl gegeneinander gestoßen. Was da geschah, vermochte der Jäger nicht zu erkennen. Wollte Lenzl den Huisenblasi die Flucht versperren? Oder wollte er ausweichen, sich an die Steinwand pressen, um dem Fliehenden freien Weg zu schaffen? Und verhängte sich der Schellengurt, die fein tönende Glocke, an der Joppe, an den Hosenträgern, an der Hemdbrust des Vorüberhuschenden? Die beiden waren plötzlich ein ringender, keuchender, unentwirrbarer, mit gellenden Lauten kreischender Knäuel. Sie taumelten und schlugen mit den Armen, verloren den Boden, einer riss den anderen mit sich, und unter schrillem Doppelschrei, in den sich ein halb ersticktes Gerassel der Schelle mischte, stürzten die zwei Aneinandergekrampften in die schattenblaue Tiefe.

Zwischen dem Gepolter und Sausen fallender Steine vernahm der Jäger einen dumpfen Aufschlag. Vor Grauen wirbelten ihm die Sinne, dass er sich gegen die Felswand lehnen musste. Diese Verstörtheit dauerte nur ein paar Augenblicke. Dann sprang der Jäger hinüber zur Unglücksstelle, warf sich auf die Knie und beugte sich über den Absturz. „Lenzl!“, schrie er. „Lenzl! Lenzl!“ Das Rauschen des Bergwassers war die einzige Antwort, die aus der Tiefe heraufkam. „Heiliger Herrgott!“, lallte der Jäger und bekreuzigte das aschfarbene Gesicht. „Dös hab ich net wollen.“ Er schien sich über das eigene Wort zu ärgern und knirschte einen Fluch in die Zähne. „Freilich, so is dös allweil auf der Welt! Wann einer an Unsinn macht, so raunzt er a jeds Mal: Dös hab ich net wollen.“

Er begann über die Wand hinunterzuklettern, kehrte aber wieder um, weil er sich sagen musste, dass er allein da drunten, wenn Hilfe überhaupt noch möglich war, nicht helfen konnte. Und weil er die nächsten Menschen in den Almhüten wusste, rannte er über den Steig hinauf, den letzten Rest seines Atems erschöpfend. Die Gedanken, die ihn auf diesem Weg begleiteten, begannen ihn verdrießlich zu machen. Allen inneren Kampf, den sie ihm verursachten, wehrte er mit dem galligen Wort von sich ab: „Ah was! Is halt a Marterl mehr auf der Welt! Und a Lump und a hirnkranks Mannsbild weniger!“ Der Hies war keine mit überflüssigen Sentimentalitäten belastete Seele. Doch als er in der schönen Goldsonne des beginnenden Abends hinauf kam auf das Almfeld und die zwei jungen Menschen in ihrem träumenden Glück vor der Hütte sitzen sah, da gab es ihm doch, wie der Volksmund zu sagen pflegt, einen Riss. Auch fuhr ihm erst jetzt die Erkenntnis durch den Sinn, dass es die Schwester war, an die er die erste Botschaft vom Unglück des Bruders auszurichten hatte. An den Huisenblasi dachte der Hies schon nimmer, der war für ihn erledigt. Während Hies im Goldschimmer des Abends auf die Hütte zuging, nahm er schwül schnaufend den Hut herunter, so, wie er es immer tat, wenn er an einem Feiertag zu Lenggries in die Kirche musste.

Modei löste sich aus dem Arm des Jägers. „Da kommt einer!“, sagte sie leise. Unter einem Lächeln, das ihr Gesicht verjüngte, strich sie mit beiden Händen langsam über ihre glühenden Wangen.

Friedl, der im Gesicht seines Kameraden zu lesen wusste, sprang erschrocken auf. „Jesus! Hies! Wie schaust denn aus! Hat’s ebbes geben?“

„A bissl ebbes, ja!“ Der Jäger warf sich auf einen Steinblock hin. Mühsam pumpte seine Brust. Als er Atem hatte, sagte er’s mit zwanzig Worten, von denen er meinte, dass sie barmherzig wären.

Modei konnte das Entsetzliche nicht fassen. Der Umschlag aus der Freude in den Jammer war zu jäh über sie hergefallen. Sie zitterte unter stummen Tränen, als Friedl sie umschlang und an seinem Herzen hielt. Auch er vermochte eine Weile nicht zu reden. Dann sagte er zu dem Jäger: „’s Madel is die Meinige, weißt!“ Und sagte zu Modei: „Komm, Herzliebe! ’s Klagen hilft da nix. Da muss man helfen.“ Seine ernste Festigkeit und der zärtliche Klang seiner Worte gaben ihr Mut und Kraft. Sie nickte. Und nun konnte sie gleich an alles denken. „Der Hies muss rasten. Ich spring zu die andern Hütten auffi und hol den Veri und d’ Monika und der Punkl ihren Hüter. Und du Friedl – Jesus, dein kranker Fuß!“

„Der vertragt schon noch a Bröserl. Ich spring zum Grottenbach ummi. Da schaffen zwei Holzknecht. Die haben alles, was man braucht!“ Weil Modei seine Hand nicht lassen wollte, sagte Friedl: „Da ummi geht’s abwärts. Da tu ich mich leicht. Und mit die Holzknecht komm ich gleich auf’n Dürrachsteig.“ Er humpelte flink davon.

Als die acht Menschen eine halbe Stunde später an der Unglücksstelle zusammentrafen, schrie Modei wie von Sinnen einen gellenden Laut in die rote Glut des Abends. Friedl musste sie stützen. „Herzliebe, sei stark! Jetzt heißt’s den Kopf in der Höh halten!“ Er legte Gewehr und Rucksack ab und teilte jedem seine Arbeit zu. Monika und Modei mussten mit den Beilen der Holzknechte zu einer gangbaren Waldstelle laufen, um Fichtenzweige für eine Tragbahre abzuhauen. „Der Hies und a Holzknecht bleiben auf’m Stieg. Der ander Holzknecht mit die zwei Hüter muss über d’ Wand auffi – da haben s’ mehr Platz, haben Bäum zum Einspreißen und haben mehr Kraft zum Halten und Ziehen. Ich, weil ich a bissl schwach auf die Schuh bin, ich lass mich anseilen.“

„Aber Mensch!“, warnte Hies. „Dös is die härteste von aller Plag!“

„Mein Fuß kann rasten dabei.“ Mit einer Doppelschlinge, die nicht würgen konnte, band sich Friedl das Ende des langen Seiles um die Brust und nahm noch ein zweites Seil in den Rucksack. Dann gab er den Hut fort, sprach mit leiser Stimme ein Vaterunser und warf noch einen Blick nach der Waldstelle, von welcher Modeis Beilhiebe herüber klangen.

Das Seil wurde straff gezogen, Friedl rutschte vom Steig ins Leere und schwebte über dem Abgrund, mit gespreizten Füßen von der Steinwand sich abstemmend, um ein Aufscheuern des Seiles an den Felskanten zu verhüten.

In der Tiefe, bis übers Knie im Wildwasser stehend, musste er zuerst die Hände über die Augen decken, um das Grauen des Anblicks zu überwinden, der sich ihm bot.

An einem halb aus dem Wasser ragenden Felsen hing Blasis Leichnam, bis zur Unkenntlichkeit zerschmettert; das gurgelnde Wasser spülte weg über seinen Kopf; die starre Faust umklammerte einen zerfetzten Ledergurt mit einer breit gequetschten Schelle, die von den schießenden Wellen gegen den Stein gesprudelt wurde und noch immer klingen wollte.

Hinter dem Fels lag Modeis Bruder, bis zu den Hüften ins Wasser getaucht, mit dem Rücken und den im Nacken verschlungenen Armen gegen die Steinwand gedrückt. Seine Augen waren geschlossen, Blutschaum quoll aus den Mundwinkeln.

Friedl watete durch den schäumenden Bach auf Lenzl zu und trug den leblos Scheinenden zu einer freieren Stelle des Ufers. Auf den Knien liegend, riss er sein Halstuch herunter, tauchte es in das kalte Wasser, wusch dem Lenzl das Gesicht und schrie vor Freude, als ein tiefer Atemzug die Brust des Ohnmächtigen schwellte.

Droben rief eine Stimme: „Um Gottes willen, was is denn?“

„Der Lenzl lebt!“, schrie Friedl hinauf und sah, dass der Blutende die Augen öffnete. Die glitten langsam in der Schattendämmerung der engen Schlucht umher und blieben am Gesicht des Jägers haften.

Ein mattes Lächeln. „Mir scheint – da kenn ich mich aus – da hat’s an End mit der Sonn – und d’ Nacht is da – und d’ Schwester –“ Die Stimme erlosch im Rauschen des Wassers. Ein Seufzer. Und die Augen schlossen sich wieder.

Jäher Schreck befiel den Jäger, und erschüttert stieß er vor sich hin. „Gscheider, er wär a Narr blieben!“ Die Brust des Bewusstlosen atmete weiter. Und Friedl hoffte wieder. Gebete stammelnd, riss er aus seinem Bergsack den Strick heraus, den er mitgebracht hatte, band den Lenzl an die eigene Brust, schnürte die schlaffen Arme des Ohnmächtigen um seinen Hals, rüttelte am hängenden Seil und schrie zur Höhe: „Auf!“

Straff spannte sich das Seil im Zug der doppelten Last. Ruck um Ruck schwebten die zwei empor, und Friedl musste seine ganze Kraft und Besinnung aufbieten, um beim Schwanken und Drehen des Seiles jeden Anprall an die Felsen zu verhindern.

Als man die beiden bis zum Schluchtrand hinaufgezogen hatte, wanden sie über der Felswand Stehenden das Seil um einen Baum, so dass der Holzknecht und Hies auf dem Steig die Hände frei bekamen, um den Jäger mit seiner Last über die Steinkante heraufzulupfen. Als Friedl das Seil von seiner Brust löste, flüsterte Hies: „Und der ander?“

„Da musst unsern Herrgott fragen!“, sagte Friedl ernst. „Wir müssen schauen, dass wir den Lenzl heimbringen. Jeder Verzug is Gfahr für sein Leben.“

Hies und der Holzknecht trugen den Bewusstlosen hinunter bis zur Dürrachbrücke. Als sie ihn dort ins Gras legten, kam die Schwester, Stangen und Zweige schleppend. Sie warf sich neben dem Bruder zu Boden und presste zuckend das Gesicht an seine Schulter.

Während die letzte Rotglut des Abends auf den Gipfeln und hohen Wänden brannte, band man im dämmrigen Waldschatten eine Tragbahre zusammen.

Die zwei Hirten stiegen zu ihren Hütten hinauf, und Monika sage zu Modei: „Um ’s Vieh brauchst dir kei’ Sorg net machen. Ich bin schon da. Und alls wird in Ordnung sein.“ Bei der Brücke bleiben nur die beiden Holzknechte, um auf die Mannsleute zu warten, die ihnen Friedl zur Hilfe heraufschicken wollte; dann sollten sie in der Nacht den anderen aus der Tiefe heben und hinaustragen nach Lenggries.

Die beiden Jäger schleppten die Bahre. Das ging langsam. Und Friedl, auch auf der besseren Straße, musste alle hundert Schritte rasten. Immer wollte ihn Modei ablösen. Das litt er nicht. „Dich braucht der Lenzl.“ Neben der Bahre gehend, tauchte sie, sooft eine Quelle kam, das Tuch ins Wasser und kühlte die Stirn des Bruders. Und immer betete sie, während ihr die Tränen über die Lippen kollerten.

Beim schweren Tragen mit dem zerweichten, häufig rutschenden Filzschuh zitterte Friedl immer merklicher. Vergelts Gott, dachte er, weil’s nur allweil finster wird! Da kennt sich ‚s Madl net aus.

Als die viere auf fünf Füßen und einem halben unter spärlichen Sternen nach Fall kamen, war er schon so still und dunkel, dass niemand den Zug gewahrte, der sich langsam dem Haus des Jägers näherte.

Während Modei und die erschrockene alte Frau in Friedls Kammer den Bewusstlosen betteten und wuschen, sprang Hies zum Förster hinüber. Und Friedl brachte noch die hundert Humpelschritte bis zum Wirtshaus fertig, um Benno zu bitten: Er möchte nach Lenggries zum Doktor fahren und dem Huisenbauer ein barmherziges Wörtl sagen.

Schweigend, ohne eine Frage zu stellen, sah Benno immer den Jäger an, der sich mit der Schulter an die Mauer lehnte.

„Komm, Friedl! Lass dich führen!“

„Ich find schon weiter. Fahren S’, Herr Dokter! Dös pressiert.“

Als Friedl heimkam, war er mit seiner Kraft zu Ende, in seiner Kammer fiel er auf die Ofenbank. „Wie geht’s ihm denn?“

„Ich glaub, net schlecht!“, flüsterte Modei, den Umschlag des Ohnmächtigen wechselnd. Und die Mutter sagte: „Auswendig sieht man gar net viel. Aber einwendig muss ihm ebbes fehlen. Allweil wieder kommt Blut. Beim Waschen is er aufgwacht und hat gfragt nach dir. Aber gleich war’s wieder aus. Da muss man Geduld haben – und muss an alles denken.“ Sie wollte ihrem Sohn den schlammstarrend Filzklumpen vom Fuß herunterschälen.

Eine Hand schob die alte Frau beiseite. „Mutter, dös musst mir lassen!“

Als Modei den heißen, von Blut überkrusteten Fuß des Jägers zwischen ihren Händen hielt, begann sie heftig zu zittern, beugte jäh das Gesicht hinunter und küsste das schwarz gewordene Blut.

„Jesus, Madl“, stammelte Friedl erschrocken, „was tust denn!“

„Was ich müssen hab!“ Sie hob die nassen, schimmernden Augen zu ihm auf.

Er tat einen wohligen Atemzug und sagte leise, mit einem aus der Tiefe seines Herzens klingenden Laut: „Dös heilt mich.“

Ein Rascheln in den Kissen drüben. Ein sachtes Gleiten der dürren sonnverbrannten Hirtenhand, die auf der wollenen Decke lag. Lenzls Augen blieben geschlossen. Nur der blutende Mund bewegte sich: „Mein Glöckl, gelt – dös hast mit auffibracht?“ Das Zucken seiner Lippen wurde ein Lächeln. „Grad hab ich’s – läuten hören – so ebbes Schöns!“ Dieses frohe Lächeln erlosch nicht mehr. Es blieb und wurde wie Wachs, wie weißer Marmor.

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