Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

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      Ludwig Ganghofer
         Der Jäger von Fall
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Kapitel 14

In der goldschönen Nachmittagssonne qualmte der blaue Herdrauch durch das wettergraue Schindeldach der Grottenhütte. An den Türbalken, die schon beschattet waren von der Ausladung des Daches, spielte der rötliche Flackerschein des Feuers, über dem die Pfanne mit Lenzls Mahlzeit dampfte.

Kaum ein Laut war in der flimmernden Stille des Almfeldes. Der Brunnen plätscherte leise, manchmal bimmelte irgendwo eine Kälberschelle, und von Zeit zu Zeit klang aus dem tieferen Wald herauf das Hämmern eines Spechtes. Drunten in der Talsohle rauschten die fernen Dürrachfälle so sanft, dass es sich anhörte, wie wenn eine Hand über starre Seide gleitet.

Noch war der Himmel rein. Doch über den schattseitigen Waldgehängen begannen schon weißliche Flocken aus dem Blau herauszuwachsen, zarte Wolkenkinder, so fein wie Apfelblüten. Manche verschwanden wieder, andere erschienen und wuchsen zu luftigen Bällen, die sacht im Blau zu schwimmen begannen. Wenn zwei einander nahe kamen, schmiegten sie sich Seite an Seite, ließen immer voneinander und schmolzen in eins zusammen. Liebe und Sehnsucht auch da droben!

Nun ließ sich, erst ferne, dann immer näher, in gleichmäßigen Zwischenräumen von der doppelten Dauer eines Menschenschrittes, ein klirrendes Geräusch vernehmen, als käme über den Steig aus der Tiefe des Waldes einer langsam heraufgestiegen, der nicht auf zwei genagelten Sohlen wanderte, nur auf einer.

Mit suchenden Augen tauchte Friedls Gesicht aus dem Steingewirr der Steigstufen. Es war ihm anzusehen, welch eine schwere Mühsal dieser Bergweg für ihn geworden. An seinem rechten Fuß hatte sich der Filzschuh in eine so unförmliche Sache verwandelt, dass man den Jäger – wär’ es Mitternacht und finster gewesen – für den berühmten Hinkenden mit dem Pferdefuß hätte halten können. In der Sonne sah dieses Fußknappen eher drollig als unheimlich aus. Friedl, die Zähne übereinander beißend, gab sich auch alle Mühe, so fest und aufrecht wie möglich zu schreiten. In Unruh und Sorge spähten seine huschenden Augen. Als er den Rauch sah, der aus den Schindeln qualmte, dachte er: Eine barmherzige Nachbarin ist da, die Monika oder die Punkl, um für die Kranke zu kochen. Erst tat er noch einen tiefen Atemzug und trocknete die Perlen seiner Plage vom erhitzten Gesicht. Dann ging er auf die Hüttenstufen zu .

Aus der Sennstube scholl eine klingende Stimme: „Geh, Bruder, komm eini! Die’ Mahlzeit is fertig.“

Dem Jäger war es anzumerken, dass ihm das Herz herauf schlug bis in den Hals. Dabei glänzten ihm die Augen in froher Erleichterung. „Dös Stimmerl is gar net krankhaft. Da kann’s doch so weit net fehlen, Gott sei Lob und Dank!“

Nun wieder dieser gesunde Klang: „Wo bleibst denn, Lenzl? So komm doch eini!“

Erst jetzt fiel es dem Jäger auf, dass Modei mit dem Bruder redete, der in Lenggries beim Doktor war, um das „heilsame Trankl“ zu holen. In Verwunderung weiteten sich Friedls Augen. „Dös kommt mir a bissl gspassig für –“ Bevor er dieses Klarstellende zu Ende denken konnte, befiel ihn ein anderer Gedanke mit fürchterlichem Schreck: „O heilige Mutter, dös Madl weiß nimmer, was mit ’m Bruder is! Dös Madl fiebert!“ Er machte ein paar Sprünge, bei denen er wieder die Zähne übereinander beißen musste, kam bis zu den Hüttenstufen – und im gleichen Augenblick trat Modei, ein bisschen blass, sonst aber kerngesund, aus dem schwarzen Türschatten in die goldwarme Sonne heraus.

Was den beiden beim gegenseitigen Anblick über die Gesichter blitzte? War es Freude, Verblüffung, Schreck? Oder alles zugleich?

„Friedl!“

„Modei!“

Zwei Namen, zwei Stimmen, und doch nur ein einziger Laut aus gleichem Gefühl. Dann standen sie stumm, und jedes hing mit dürstendem Blick an den Augen des andern, bis die Verlegenheit sich störend dazwischen schob. Im Verlaufe dieses Schweigens schienen sich die Empfindungen der beiden ein bisschen nach verschiedener Richtung zu entwickeln. Während Modei ratlos das Geheimnis des deformierten Filzkübels betrachtete, regten sich Verblüffung und Misstrauen im Jäger. Jener böse Sonntag, dem Bennos kluge Ratschläge den Giftzahn schon ausgebrochen hatten, wurde neuerdings bedrohlich, Friedl vergaß aller guten Vorsätze, und was nach diesem Purzelbaum in seinen taumelnden Sinnen noch übrig bleib, war eigentlich eine ganz vernünftige Sache, aber gerade deshalb für Glück und Liebe verhängnisvoll: Die Feststellung des Tatsächlichen, die übel schmeckende Witterung einer Unwahrheit. Ein bisschen rautönig brach der verdutzte Jäger das Schweigen: „Mit deiner gfahrlichen Krankheit kann’s doch net gar so gfahrlich ausschauen? Weil schon wieder so munter auf die Füß bist?“

„Krankheit?“, fragte sie scheu. „Wieso? Was meinst denn da? Wie kommst denn drauf, dass ich krank sein soll?“

Er wurde heftig. „Is dös am End gar net wahr?“

Sein Ton und die Bitterkeit dieser Worte machten sie hilflos. „Mit ’m besten Willen, da weiß ich nix davon.“

„So so? Und da schreit man auf der sonnscheinigen Straßen: Jesus Maria, Jesus Maria!“ Ein kurzes Lachen. Mir scheint, da bin ich wieder amal ’s gutmütige Rindviech gwesen – und kann wieder umkehren.“ Friedl wandte sich rasch. „Pfüe Gott!“

Erschrocken die Hände streckend, jagte Modei über die Stufen herunter. „Mar’ und Joseph!“

Friedl war blind und taub. Wesentlich verständiger benahm sich in diesem Augenblick der grausam misshandelte Filzkübel, der sich als hilfreicher Freund erwies, indem er rutschte. Der Jäger machte eine gaukelnde Bewegung, brach auf der leidenden Seite halb ins Knie, verbiss den quälenden schmerz und versuchte zu lachen.

„Hast dir weh tan?“, stammelte das Mädel in Sorge. „Am Fuß?“

„Ich?“ Dieses Fürwort erinnerte im Klang an das „Ah“ des ehemaligen Nachtwächters von Lenggries. Dabei guckte Friedl halb über die Schulter, noch immer krampfhaft lachend. „Meine Füß derleiden schon a bissl ebbes.“ Er wollte wandern. Das ging nicht. Mit blassen Lippen sagte er: „Gleich marschier ich wieder. Aber a Recht zum Rasten hat der Mensch allweil, wann der Weg weit is. Und an kühlen Trunk muss ich haben – mir is, als müsst mir einwendig alls verbrennen.“ Er schleppte sich zum Brunnen hinüber. Modei blieb ratlos stehen und sah ihm nach, sah immer den knappenden Fuß an. Dabei gewahrte keins von den beiden, dass am unteren Saum des Almfeldes die Blässin und zwei Kälber aus dem Wald heraufgaloppierten. Die Blässin rasselte mit der großen Schelle, eins von den Kälbern bimmelte. Das andre kam stumm gesprungen – es war irgendwo im Wald, bei der Dürrach drunten, an einer Staude hängen geblieben und hatte den ledernen Schellengurt vom Hals gerissen.

Mit Steinen werfend, hetzte Lenzl hinter den drei eingeholten Flüchtlingen her. Und gleich gewahrte er das Paar beim Brunnen. Sich duckend, kicherte er seine Freude vor sich hin und huschte gedeckt zur Hütte hinauf. „Mir daucht, da muss ich noch a bissl schieben. Bei der Lieb liegt allweil der Verstand überzwerch.“

Friedl hatte Gewehr und Bergstock an die Brunnensäule gelehnt, ließ sich hinfallen auf den Trog, schöpfte Wasser mit der hohlen Hand und schlürfte gierig.

Da sprang das Mädel auf ihn zu und riss ihm die Hand von den Lippen. „Du! Dös tust mir net! In d’ Hitz eini so a kalts Wasser trinken.“

„Ah was! Der Schlag wird mich net gleich treffen. So verzartelt bin ich net. Mich haben ganz andere Sachen ent umgworfen.“ Ein wehes Schwanken war in seiner Stimme. „Und ’s Wasser is allweil ebbes, wo man sich drauf verlassen kann. Wann ’s Wasser klar is, weiß man: Da därfst trinken davon. Und wann’s trüb is, kennt man sich auch gleich aus. Da is nie ebbes Unsichers dran, wo man net weiß, was man sich denken soll.“ Weil er an ihren Augen sah, wie nah ihr diese Worte gegangen waren, stammelte er erschrocken: „Deswegen brauchst net so traurig dreinschauen. Ebbes Bsonders hab ich mir net denkt dabei. Bloß a bissl beispielmaßig hab ich gredt. Und jetzt hab ich mich gut abkühlt, jetzt kann ich wieder marschieren.“ Nach dem Gewehr greifend, erhob er sich.

„Na, Friedl!“ Sie war ruhig geworden. „So därfst mir net fort – mit deim armen Fuß –“

Er wurde ungeduldig. „Fuß, Fuß, Fuß? Was willst denn allweil mit meim Fuß? Der is schon lang wieder gut.“

„Wie kann er denn gut sein, wann noch allweil kein’ Schuh net tragen därfst?“

„Muss denn der Mensch an Schuh tragen? Dös ghört noch lang net zur ewigen Glückseligkeit. Im Himmelreich laufen d’ Leut mit die nacketen Füß umanand. Oder hast vielleicht in der Kirch schon amal an Engel gsehen mit gnagelte Schuh oder mit Röhrenstiefel?“ Weil ihm das Stehen sauer wurde, hockte er sich wieder auf den Brunnentrog, blickte kummervoll in den Sonnenglanz und sagte, um Modeis Sorge zu beschwichtigen: „Mein, a bissl aufgangen hab ich mich halt.“

Was war an diesem Wort, dass es in Modei eine so tiefe, deutlich merkbare Erschütterung hervorrief. Und dann huschte ein stilles, schönes Lächeln über ihr vergrämtes Gesicht. „Friedl!“, sagte sie leise. „Dös war wieder eins von deine Wörtln.“

„Meine Wörtln?“, maulte er und betrachtete sie verdutzt. „Ich weiß net, was d’ meinst. So ebbes kann jeder sagen.“

„Na, Friedl!“ Immer froher wurde ihr Lächeln. „So ebbes sagst bloß du, sonst keiner.“

„Geh, lass mich aus!“ In Unbehagen rührte Friedl die Schultern. „Und wann ich amal sag, ich hab mich aufgangen, so hab ich mich aufgangen. Da shclupft einer gern in an Filzschlorpen eini, der net druckt. Und von Fall bis da auffi, dö lausigen drei Stündln, da brauchtman noch lang keiN’ gnagelen Schuh.“

„Von Fall? Bis da auffi?“ Jetzt erlosch ihr Lächeln. „Kommst denn du net vom Rauchenberg ummi?“

„Ich? Na. Ich komm von daheim.“

„Jetzt kenn ich mich aber gar nimmer aus.“

„Da geht’s dir grad so wie mir.“

Schwer atmend legte Modei den Arm an die Stirn, als befände sich die Ursache dieser sonderbaren Dunkelheiten unter ihren Zöpfen. „Ganz verschoben is mir alles – und wann’s wahr sein tät, dass dich bloß aufgangen hast, so müsst mich der ander anglogen haben.“

„Anglogen?“ Friedl wurde unruhig. „Was? Wer?“

„A Grenzer hat mir gsagt: Wie mein Kindl tragen hast, da is dir –“ Sie konnte nicht weiter sprechen, „Da dir a Stein über’n Fuß gangen – hat er gsagt.“

Wütend fuhr Friedl auf: „So a schafhaxeter Ochsenschüppel! Was muss denn der söllene Sachen reden und muss dich aufregen für nix und wieder nix.“ Er wurde ruhiger. „Ich hab mich aufgangen. Punktum. So sag ich und so bleibt’s.“

„Friedl!“ Nun fand sie ihr glückliches Lächeln wieder. Dabei wurden ihr die Augen feucht. „Lügen? Dös heißt doch net: Gut sein.“

Dem Jäger fuhr das Blut in den Kopf. „No ja, wann schon meinst, es muss a Stein gwesen sein, in Gotts Namen, so war’s halt einer. Steiner gibt’s gnug in die Berg. Da is schon oft einer gfallen. Deswegen brauch ich noch lang net lügen. Deim Kindl is nix passiert. Dös is rund und gsund. Und dös is d’ Hauptsach. Und geht sich an andrer überm Stein auf, so hab halt ich mich unterm Stein aufgangen. Da wird der Unterschied net so schauderhaft sein. Marschieren kann ich auch schon wieder. Dös wirst gleich merken.“ Er wollte aufstehen.

„Du!“ In Sorge fasste Modei seinen Arm und hielt ihn fest. „Jetzt tust mir sitzen bleiben! Auf der Stell!“

So verblüfft, dass sein Gesicht sich völlig veränderte, guckte Friedl an ihr hinauf. „ah, die schau an!“ Er befreite seinen Arm. „Aufbegehren tät s’ auch noch! Und sagt: Ich tu lügen! Sagst vielleicht du allweil d’ Wahrheit? Vom letzten Sonntag –“ Dieses rote Kalenderwort zerdrückte ihm die Stimme. „Da will ich net reden davon. Kunnt allweil sein, dass er recht hat – der Herr Dokter – mit seim guten Menschenglauben.“ Friedl schien sich dem einsichtsvollen Augenblick mit Gewalt entreißen zu wollen. „Aber heut wieder? Dös mit deim Kranksein? Is dös ebba net glogen gwesen?“

„O du heiliger –“, klagte Modei. „So red doch endlich amal a Wörtl, dös man verstehn kann! Wer soll denn krank gwesen sein?“

„Du!“

„Ich? Wer hat denn dös gsagt?“

„In Fall drunt hat mir’s der Lenzl einigjammert übern Zaun.“

Zuerst ein hilfloser Blick, dann ein frohes Aufleuchten in Modeis Augen. Und ihre Hände griffen zum leuchtenden Himmel hinauf. „O du heilige Mutter! Jetzt glaub ich dran, dass er sei’ lichte Vernunft wieder hat!“

„So? Da kannst dich noch freuen drüber?“, murrte Friedl in Zorn. „Und ich bin derschrocken, dass ich gmeint hab, jetzt hab ich kein Tröpfl Blut nimmer in der Haut. Schier narrisch bin ich worden. Und im Filzschlorpen hab ich auffi müssen zu dir – da hat nix gholfen –“ Immer heißer wurde seine Empörung. „Und so kann mich einer anlügen! No, Gott sei Lob und Dank, Madl, weil nur gsund bist! Aber so lügen können! So lügen!“

Da klang es mit lustigem Kichern um die Hüttenecke: „Wann ich net glogen hätt, wärst ja zum Madl net auffi, du Narr!“

Beklommen staunte Friedl: „Heut stellt sich d’ Welt am Kopf! Der da – und sagt Narr zu mir!“ Er sah zu dem kichernden Alten hinüber. „Wer von uns zwei der Gscheidere is –“

„Friedl!“, fiel Modei unter glücklichem Lachen ein. „Da kunnt man heut doch a bissl in Zweifel sein.“

Das heitere Lachen der beiden schien den Jäger noch um den letzten Rest seiner klaren Besinnung zu bringen. „Mir isnet lacherisch z’mut. Und ich sag dir’s, Madl –“

Sie legte ihm die Hand auf die Schulter, und ihre Augen glänzten. „Brauchst mir gar nix nimmer sagen. Alles weiß ich schon. Dein Filzschuh hat mir alles verzählt.“

„O du verruckter Strohsack!“, schimpfte Lenzl. „Lass doch amal sein’ Fuß in Ruh. Und wann er net selber ’s richtige Wörtl findt, so musst ihm halt du ebbes sagen, was Verstand hat!“

„Ja, Friedl!“ Modeis Stimme bekam einen Klang, dass dem Jäger die Hände zu zittern begannen. „Dös muss ich dir sagen – weil ich weiß, dass dir alles a Freud wird, was für mich a Freud is. Friedl, heut is ebbes Heiligs hergfallen über uns. Ebbes Glückhafts hat sich zutragen mit meim Bruder –“

„Jöises, jöises!“ Lenzl schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Jetzt fangt s’ von mir zum reden an! Dös is ja doch zum Verzweifeln!“ Mit klappernden Schuhen kam er über die Hüttenstufen herunter.

Ratlos stotterte Friedl: „Was hat er denn, der?“ Und Modei lachte leise: „Verstand hat er.“

Jetzt stand der Alte vor den beiden und schalt: „An Ewigkeit wart ich schon allweil drauf, dass eins von enk zwei ’s richtige Wörtl findt. Oder muss dös ebba so sein in der Welt: Dass ’s Allerleichteste allweil ’s Allerhärteste wird? Bloß fragen brauchst: Wie is denn dös gwesen am Sonntag? Und ’s ander, dös braucht bloß sagen: So! Und alls is gut. Aber na! Net zum derleben! Der Mensch is allweil an ungscheider Lapp. Und soll er noch ganz vertäppen, da muss ihm d’ Lieb noch an Schubbser geben und muss ihm den Verstand durchanand beuteln wie ’s Millifett im Butterfassl. Meiner Seel, der Narr muss kommen und nachhelfen.“ Er griff in den Hosensack. „Du! Da schau her!“ Auf der flachen Hand heilt er dem Jäger eine Schrotpatrone vor die Nase hin.

„Jesus!“, stammelte Modei in Schreck und dennoch aufatmend. Und Friedl fragte perplex: „Was macht er denn da schon wieder für an Unsinn? Dös is ja a Schrotpatron –“

„Dö ich gfunden hab, ja! Da drüben in der Stauden. Wo s’ d’ Schwester einigschmissen hat – am Sonntag. Verstehst jetzt bald?“

Bis in den Hals erblassend, richtete Friedl sich auf. „Modei?“

Weil sie wortlos stand, versetzte Lenzl ihr einen derben Puff an die Schulter. „Herrgott, so sag’s ihm doch amal!“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann net reden!“ Mit brennendem Gesicht, den Arm vor die Augen schlagend, ging sie hinüber zu den Hütenstufen.

„Dö Patron hat d’ Schwester dem andern aussigrissen aus der Hinterladerbüchs, derweil er sich gwalttätig verstecken hätt mögen in der Hütten drin!“ Der Alte lachte. „Verstehst noch allweil net?“

„Mar’ und Joseph! Und ich!“ Nach einigen zwecklosen Armbewegungen fasste der Jäger seinen Kopf zwischen die zitternden Fäuste und fing zu hinken und zu humpeln an, immer flinker. „Jesus, Jesus, was bin ich für a Narr!“

Lenzl kicherte: „Wie halt a jeder einer is, der umanandwuzelt auf zwei Menschenfüß!“

Noch ehe Friedl die Hüttenstufen erreichen konnte, sprang Modei erschrocken auf ihn zu. „Um Gotts willen! Wie kannst denn so umanandhupfen! Mit deim kranken Fuß!“

„Macht nix! Macht nix!“

„Geh, dös muss dir ja schauderhaft weh tun!“

„Was? Weh tun? Is ja net wahr!“ Er fand das Lachen seines Glückes. „Wohl tut’s mir, wohl tut’s mir.“ Jauchzend machte er mit seinem Filzkübel einen Sprung wie der schneidigste Schuhplattltänzer. „Mir is, als müsst ich versaufen in lauter Freud! Und alles draht sich, und die ganze sonnscheinige Welt is wie an ewige Seligkeit! Madl, jetzt hab ich dich! Madl, jetzt lass ich dich nimmer aus!“ Mit beiden Armen griff er zu und riss die Stammelnde an seine Brust mit so heißer Kraft, dass sie stöhnen musste.

Dann sprachen die beiden kein Wort mehr. Als wäre das Glück, das auf ihre Herzen gesunken, zu gewichtig, um es aufrechte zu tragen, so fielen sie auf die Hüttenstufen nieder, stumm, eins an die Brust des anderen gewachsen.

„So!“, nickte Lenzl. „Dö zwei, dö brauchen mich nimmer.“ Er guckte zur Hüttentür. „Jetzt kunnt ich mir d’ Mahlzeit schmecken lassen! Ah na! Dös hat noch Zeit! Ebbes Schöns, dös muss eim allweil wichtiger sein als wie der Magen. Dös Glöckl muss her!“ Er meinte die Schelle, die eines von den beiden Kälbern im Wald bei der Dürrach drunten verloren hatte. „So viel fein is dös Glöckl im Almgläut allweil gwesen! Dös Glöckl muss her! Und wann i suchen müsst bis eini in d’ Nacht. Ich kunnt net schlafen, wann ich mir denken müsst: Dös feine Glöckl is hin. Ah na! Dös Glöckl muss her! Und heut noch!“

Einen Jauchzer gegen die Sonne schreiend, sprang er hinunter zum Waldsaum.

Das sahen die beiden auf den Hüttenstufen nicht. Wohl hatte der klingende Schrei sie aufgeweckt aus ihrer stummen Versunkenheit. Doch sie lösten sich nur voneinander, um Aug in Auge und Hand in Hand zu bleiben. Keine Zärtlichkeit fiel ihnen ein. Sie dachten nicht daran, sich zu küssen, fühlten nur, dass sie einander gehörten, Herz an Herz, für Leben und Sterben. Das zu wissen, war ihnen von allem Guten das Beste. Und als sie ruhiger wurden und sich ausgesprochen hatten, bleiben sie noch immer so sitzen, Wange an Wange, und träumten mit leuchtenden Augen hinaus in den schönen Tag.

Von seiner Schönheit sahen sie nicht viel. Die ganze grüne, steinerne Welt, die da in der Sonne um sie her war, versank ihnen als etwas Leuchtendes im ruhigen Traum ihres neu gewonnenen Lebens und ihres gefesteten Glücks.

Kleine weiße Wolken schwammen hoch im Blau, an ihren westlichen Rändern wie beschlagen mit goldenen Buckeln. Und ihre Schatten glitten sacht über das Almfeld und über die Felswände. Das war anzusehen, als hätte die Erde, die um alle Dinge des Lebens weiß, in der Sonnenfreude dieser schönen Stunde auch dunkle, schwermutsvolle Gedanken.

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