Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

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         Der Jäger von Fall
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Kapitel 13

Bei Modeis Hütte gellte wieder und immer wieder ein Schrei in die Sonne: „Lenzl! Lenzl!“

Nur das Echo an den nahen Felsen, nie eine Antwort.

Verzweifelt, wie in sinnloser Verstörtheit, rannte und suchte das Mädel. „Is auf der Weid net! Is net im Stall! Is bei die Schaf net! Wo is er denn? Lenzl, Lenzl!“ Zitternd an allen Gliedern kam sie zur Hüttentür, taumelte gegen die Balken und presste den Arm über die Augen. „Ich bin schuld! An allem bin ich schuld! Und wann er jetzt leiden muss –“

Denken konnte sie nimmer. Ohne zu wissen, was sie tat, dem Trieb des quälenden Augenblicks gehorchend, sprang sie in die Stube, riss das Arbeitsgewand herunter und kleidete sich, als wär’s für den Kirchgang. Ihr Hütl über die Zöpfe hebend, trat sie aus der Hüttentür, hetzte die Stufen hinunter und hatte einen Schreck, der sie völlig lähmte.

In verwittertem Anzug und dennoch schmuck, umschimmert von der Nachmittagssonne, stand der Huisenblasi zwischen den Stauden. Lächelnd sagte er: „Grüß dich Gott, Sennerin!“

Ein klangloser Laut in der Stille. „Du!“ Das Hütl fiel dem Mädel aus der Hand und kollerte über den Rasen.

Blasi lachte. „Hast dir an andern verhofft?“ Langsam trat er auf Modei zu. „Oder haltst ebba dös für a Wunder: Dass a Mannsbild, a gsunds, zu der guttätigen Sennerin kommt – bei der’s kei’ Gfahr net hat – und die sein Schatz is?“

Da wurde sie ruhig, streckte sich und sah ihn mit Zorn funkelnden Augen an. „Du musst dich verschaut haben in der Gegend. Die Monika hat ihren Burschen. Und bei der Punkl wirst ebba doch net ans Fenster mögen?“ Sie wollte gehen.

„Du, wart a bissl!“ Er sprang ihr in den Weg und musterte sie schmunzelnd. „Zu dir komm ich. Die alten Zeiten a bissl auffrischen.“

„Alte Zeiten?“ Das war ein Ton, aus dem der Widerwille klang. „Fahrt dir net ’s Blut ins Gsicht? – mach, dass d’ weiterkommst! Ich hab an Gang.“ Sie wandte sich gegen den Steig.

„Öha! Langsam!“, rief er und verstellte ihr wieder den Weg.

Hart fragte sie: „Was willst?“

„Ich muss dir doch a guts Wörtl sagen dafür, weil mir am ungfahrlichen Sonntag so an freundschäftlichen Schutzengel gmacht hast! A rassigs Weiberleut bist! Kreiz Teifi noch amal!“ Er lachte. „Wie du den Jager von Fall am Schnürl hast!“

Dunkel schoss ihr die Zornröte in die Stirn. „Mein’ Weg gib frei! Ich sag dir’s zum letzten Mal! Mit dir hab ich nix mehr z’ reden.“

„Aber ich noch a bissl ebbes mit dir!“ Er drängte sie Schritt um Schritt gegen die Hüttenstufen hin. Und immer behielt er den heiteren Ton. „Vergelts Gott, Schatzl! Soviel haushälterisch bist! Grad wie mein Vater! Der schnürt mir den Geldbeutel zu, und du hilfst mir Patronen sparen. Aber allweil kunnt’s dir net nausgehn mit der Knauserei. Und willst den Jager von Fall schön sicher durchfretten bis zur Hochzeit, so lass ihm an eiserns Gwandl machen, gelt! Ich bin net allweil so kugelarm. Und meiner Kugel springt er so gschwind net aus’m Weg als wie so eim Brocken Stein.“

„Jesus!“ Modeis Gesicht verzerrte sich. „Den Stein hast du – –“ Sie schlug die Hände vor die Augen. „Und so an Menschen gibt’s auf der Welt!“

„D’ Jager sind wie Schwaben und Russen. So an Ungeziefer dertrappt man, wo man’s derwischen kann. Schad, dass man diemal daneben trappt.“

Sie sah ihn an, mit irrendem Blick. „Blasi! Dein Kind hat er tragen.“

„Mein Kind?“ Er zuckte die Achseln. „Protokolliert hab ich’s noch allweil net, dass ich der Vater bin.“

Aus verstörten Augen rannen ihr langsame Tränen über die blassen Wangen. Sie wandte sich ab, gegen die Hütte hin, und drehte das entfärbte Gesicht über die Schulter. „Gstorben bist mir gwesen. Und begraben. Mir! Schon lang. Von heut an is meim Kind der Vater verfault. Und wann’s mich fragt amal, nacher weiß ich nimmer, wie er gheißen hat.“ Modei machte einen müden Schritt. „Schlecht wird mir, wann ich dich anschau. Geh, sag ich dir!“

Ein wunderliches Staunen in den Augen, spottete Blasi nach kurzem Schweigen: „Ah na! Jetzt bleib ich erst recht. So gut wie heut hast mir noch nie net gfallen. D’ Weibsbilder sind allweil am feinsten, wann ihnen ’s Blut a bissl aufwurlt. Ja, jetzt hab ich wieder an Gusto auf dich.“ Er fasste mit eisernem Griff ihren Arm. „und hätt’s auch kein’ andern Verstand, als dass ich dem Jager die süße Schüssel versalz.“ Lachend riss er das Mädel an sich.

Ekel und Entsetzen lähmten ihre Zunge. Mit verzweifeltem Widerstand suchte sie sich loszureißen. Ihre Kraft erlahmte unter dem Druck dieser stählernen Arme. Kaum dass sie noch ihr Gesicht vor Blasis Lippen zu schützen vermochte. Sie wollte schreien. Seine Hand erstickte ihren ersten Laut. Und lachend zerrte er sie gegen die Stufen hin, während sie den Haarpfeil aus den Zöpfen riss, die ihr über die Schultern fielen.

Da keuchte Lenzl über den Steig herauf, ohne Hut, mit dem klirrenden Bergstock, das kleine Hirtenfernrohr am Gürtel. „Was is denn da?“

Den Kopf drehend, ließ Blasi das Mädel fahren.

Wie ein Besessener hetzte Lenzl auf den Burschen zu. „Du Herrgottsakermenter! Rühr mir d’ Schwester noch amal an mit deine drecketen Pratzen – und ich renn dir den Bergstecken durch und durch.“

Atemlos, das Haar ordnend, sagte Modei: „Da brauchst dich net plagen! In d’ Hütten hätt er mich net einibracht. Da hätt er schon ehnder mein’ Haarpfeil im Hals drin ghabt.“

Erheitert war Blasi ein paar Schritte zurückgetreten. „Ui jegerl! Da kunnt’s ja gar gfahlrich werden, da heroben. Und da schau an! Der Lenzl als Hulaner mit’m Spieß! Oder bist ebba gar der dümmste von die sieben Schwaben?“ Er lüftete auf nette Art das Hütl. „No also, pfüe Gott für heut! An anders Mal wieder.“ Und gemütlich sagte er zu dem Alten: „Wie, du, hol mir mein Büchsl aussi, dös ich beim letzten Bsuch vergessen hab!“

„So?“, knirschte Lenzl in bebender Wut. „Und sonst willst nix? Da kannst abschieben! Dö Büchs, dö kriegt bloß a Jagdghilf oder der Förster.“

Blasi schoss einen funkelnden Blick auf den Alten. Dann verzog er den Mund zu einem spöttischen Lächeln. „Is a teuflisch guts Gwehrl! Da kann der Jager sei’ Freud dran haben. Muss ich halt nachschauen, ob mei’ alte Büchs da drüben im Lahnwald unter die Steiner net rostig worden is seit’m Hahnfalz. Ohne Gamsbock geh ich heut net heim.“ Schmunzelnd sah er die Sennerin an. „Wann einer fallt, so bring ich dir d’ Nieren. Dö kannst dir bachen im Schmalz.“ Leise lachend sprang er in die Stauden.

„So ein’ musst anschaun!“ Lenzl fieberte vor Zorn. „Und da sagt man, unser Herrgott hat d’ Leut derschaffen! So a Gottslästerung! Under Herrgott muss sich schön geärgert haben, wie der erste Haderlump aussigwachsen is aus der Mistgruben.“ Ruhiger werdend, stellte er den Bergstock fort und legte den Arm um die Schwester. „Geh, komm! Tu dich a bissl niederlassen! Zitterst ja an Händ und Füß.“

Sie ließ sich zu den Stufen führen. „Wegen dem da, meinst? Ah na! Heut plagt mich ebbes anders –“ Da sah sie die müde Erschöpfung im erhitzten Gesicht des Bruders. „Was hast denn? Wo bist denn gwesen den ganzen Tag?“

Er kicherte. „So umanand steigen hab ich halt müssen – bei der Hüterei.“

„Gott sei Dank, dass daheim bist!“ Sie erhob sich. „Heut auf’n Abend muss mei’ Arbet machen. Ich hab an Weg.“

Lenzl stutzte. „Was? An Weg hast? Wohin denn?“

„Nach Fall muss ich abi. Es leidt mich nimmer. Ich muss –“ Die Stimme zerriss ihr. „Dem Friedl is ebbes Unguts zugstoßen. A Grenzer hat mir’s verzählt.“

Erst erschrak der Alte. Dann fand er ein Lachen. „Geh, lass dich net anschmalgen! Is ja net wahr!“

Die Schwester sah ihn eine Weile schweigend an. „Weißt denn du was davon?“

„No ja – im Wald drunt hat a Holzknecht so narrisch dahergredt, dass ich selber derschrocken bin. Aber wie ich nacher ummikommen bin am Rauchenberg –“

„Du? Und am Rauchenberg?“

„A Träupl Schaf hat sich verloffen, auf’n Rauchenberg ummi. Dö hab ich suchen müssen, ja, und da bin ich net weit von der Jagdhütten gwesen, hab ’s Spektiv aufzogen, hab ummigschaut – und da is er gmütlich vor der Hütten gsessen, der Friedl, und hat in der Sonn sei’ Pfeifl gruacht.“

Tief aufatmend, sagte Modei: „Dem Herrgott sei Lob und Dank!“ Sie sah hinüber zum Rauchenberg. „Wie d’ Leut aber lügen können!“

„Jaaa!“ Lenzl schmunzelte. „Dö lügen wie druckt – wann’s sein muss.“

Modei wollte in die Hütte treten und wandte sich wieder, von einem Misstrauen befallen. „Lenzl –“

„Was?“

Sie sprach nicht weiter, sondern blickte zu den Stauden hinüber, in denen Blasi verschwunden war. Der hatte doch auch gesagt: Dass Friedl dem fallenden Stein aus dem Weg gesprungen wäre. Sie bekreuzigte sich aufatmend, und wieder suchten ihre Augen den blauen, plumpen Buckel des Rauchenberges. Eine wehe Trauer schnitt sich um ihren Mund. „So a Sprüngl, so a kleins!“ Ein versunkener Laut. „Und kommt net ummi1“

Lenzl musste das Lachen verstecken. „Er wird halt kei’ Zeit net haben.“

Modei nickte. „Für mich!“ Sie holte ihr Hütl, das zwischen den Steinen lag. „Geschieht mir schon recht. Wer ’s Taubenhaus net verwahrt, der muss riskieren, dass der Marder alles auffrisst, was lebendig bleiben möchte.“ Müden Schrittes, noch einmal die Augen zu dem blauen Berg hinüberwerfend, trat sie in die Sennstube.

Nachdenklich nahm Lenzl den Kopf zwischen die Hände. „Sakra, sakra – dö arme Seel, dö verzehrt sich ganz – was tu ich denn da? Soll ich a Wörtl reden, oder muss ich den Schnabel halten?“ Auf der untersten Hüttenstufe sitzend, schlang er die Arme um das Knie und sann ins Blaue hinaus. Nach einer Weile raunte er vor sich hin: „So is dös allweil – hat sich a Wetter verzogen, so scheppert’s noch lang, wann d’ Luft schon sauber is und a jedweds Blüml wieder sein Köpfl hebt.“ Nun saß er unbeweglich und stumm, einen seltsam kindhaften Blick in den Augen, ein scheues Lächeln kindhaften Blick in den Augen, ein scheues Lächeln um den welken Mund. Wie Staunen und Spannung erwachte es in seinen erschöpften Zügen, wie der Ausdruck eines Menschen, der auf etwas wunderlich Klingendes in seinem Innern hört. Dann fingen seine Augen zu gleiten an und hafteten an vielen Dingen, als sähe er sie zum ersten Mal. Nun plötzlich ein Aufzucken, ein Erinnern. „Höi! Schwester!“

Sie kam aus der Hütte, schon wieder in ihren Arbeitskleidern. „Was?“

„Dös muss ich dir sagen: Sei gscheid, Schwester! Und tu dich net kümmern! Solang der Mensch noch schnauft, geht ’s Leben allweil wieder auf a Lachen zu.“

„Geh, du!“ Sie sah ihn verwundert an und sagte müd: „Amal, da hast mir versprochen, dass d’ Sonn allweil wiederkommt.“

Er lächelte. „So schau halt auffi! Steht s’ net droben?“

„No ja, freilich – aber du meinst es allweil anders als wie ich.“

„Sooo?“ Lenzl kicherte heiter. „Ah ja, d’ Menschenleut! Sooft man so a dumms Häuterl anschaut, muss man lachen. In Geduld kann der Mensch auf alles warten, was ihm weh tut. Aber d’ Freud? Da meint er allweil, dö muss gleich bei der Hand sein.“

In Staunen schwieg das Mädel eine Weile. „Lenzl?“

„Was?“

„Reden tust – ich weiß net, wie – als tätst völlig an andrer sein, als d’ allweil gwesen bist.“

Er nickte ernst. „Gelt, ja?“ Und fasste sie mit raschem Griff bei einer Rockfalte. „Schwester! Komm! Hock dich her a bissl zu mir!“ Als Modei neben ihm auf der Stufe saß, begann er leise und langsam zu reden, wie ein Träumender. „Die ganzen Täg her such ich allweil ebbes in meim Hirnkastl und kann’s net finden. Und alls is mir anders, als wie’s gwesen is. D’ Leut, und die ganze Welt, und d’ Luft in der Höh – alls schaut sich anders an. Sein tut’s mir, als wär ich noch halb a Kind, und als hätt ich gschlafen, ich weiß net, wie lang. Und ebbes hat mich aufgweckt. Und da merk ich, dass ich an alter Mensch bin, möchte traurig sein und muss doch lachen drüber, als ob ich a Kindl wär.“ Er kicherte vor sich hin.

In Schreck und Freude stammelte Modei: „Jesus – Lenzl –“

„Dös hat angfangt am selbigen Abend, weißt, wo ich deintwegen so schauderhaft derschrecken hab müssen. Und wie mich der Blasi bei der Gurgel ghabt hat, dass ich gmeint hab, ich muss dersticken – da hat mir allweil a schiechs Fuier vor die Augen bronnen. Und allweil a schiechs Fuier vor die Augen bronnen. Und allweil hab ich a Stimm ghört – a Stimm, wie d’ Mutter ghabt hat, weißt – und dö Stimm hat allweil gschrien: ‚D’ Schwester musst aussitragen, d’ Schwester musst aussitragen!’“ Sich zurückbeugend, sah er sie an und lachte herzlich. „Wie dich ausgwachsen hast! Heut kunnt ich dich nimmer tragen.“ Er wurde wieder ernst, und seine Augen suchten. „Jetzt musst mir ebbes sagen, Schwester! Allweil is mir so a Wörtl im Verstand, und ich weiß net, wo ich hin muss damit –“

„Was für a Wörtl?“

„Hast mir net du amal die letzten Täg her ebbes verzählt – von eim Tanzboden?“

Mit erweiterten Augen sagte sie zögernd: „Freilich, ja – da hab ich gredt davon.“

„Tanzboden? Tanzboden? Gar nimmer einfallen tut’s mir. – Wie war denn dös?“

„So gredt haben wir halt – vom selbigen Unglück.“

„Unglück?“ Lenzl furchte sinnend die Augenbrauen. „Was für an Unglück?“

„Wie –“ Die Stimme wollte ihr nicht gehorchen. „No ja, wie der Tanzboden einbrochen is!“

„Wart a bissl!“ Er nickte eifrig. „Jetzt kriebelt mir im Hirnkastl ebbes in d’ Höh. Du meinst den Tanzboden, der einbrochen is und a paar Leut derschlagen hat?“

Scheu stammelte Modei: „Den Grubertoni –“

„Jetzt haben wir’s! Ja! Der arme Teufel! Jetzt fallt mir alles wieder ein. Und zwei Madln hat man wegtragen müssen. Net? Auf eine kann ich mich ganz gut bsinnen. So a kleine. Mit lustige Äugerln.“ Er sah ins Leere, ernst, doch ruhig. „Ja, Schwester, so geht’s! Junge, lustige Leut! Und laufen der süßen Freud nach. Und gahlings is d’ Nacht da. Und alls hat an End.“ Mit raschem Griff umklammerte er die Hand des Mädels. „Schwester! Solang er noch schnaufen därf, der Mensch, muss er sich anhalten an der lieben Freud – ’s kunnt allweil die letzte sein.“

Die Heilung des Bruders erkennend, sprang Modei auf und hob unter Weinen und Lachen die Arme. „Vergelts Gott! Jesus! Vergelts Gott! Tausend Mal Vergelts Gott!“

„Schwester?“ Verwundert guckte Lenzl an ihr hinauf. „Was hast denn?“ Flink erhob er sich.

Erschüttert und in Freude klammerte sie den Arm um seinen Hals. „Dös musst ja doch selber spüren –“

„Was?“

„Dein Verstand is wieder licht. Dös merk ich, Bruder – dös muss ich doch merken –“

„Verstand? Und merken? Was?“ In drolligem Misstrauen sah er die Schwester an und begann zu lachen. „O du Schlaucherl! Spannst a bissl ebbes? Gelt, von die ganz Dummen bin ich keiner. Und heut – Schwester – allweil glaub ich, heut bin ich einer von die ganz Gscheiden gwesen. Und wie’s mir eingfallen is in der Fruh, da hab ich a Freud ghabt – ich kann dir’s gar net sagen!“ Wieder das muntere Lachen. „Ah, der hat gschaut – wie ich so gsprungen bin auf der Straßen. Und allweil: Jesus, Maria, Jesus, Maria! Und derschrocken is er – aaah, dös is ihm gsund! Da schmeckt ihm nacher d’ Freud umso besser.“

In Modei, als sie den Bruder so unverständlich reden hörte, erwachte die Sorge wieder. „Lenzl? Was denn? Was denn?“

„Öha, langsam!“, scherzte er. „Net gar so pressieren! A bissl Geduld musst allweil haben.“ Schmunzelnd guckte Lenzl zum Steig hinüber. „Aber lang wird’s nimmer dauern. Da kunnt ich wetten drauf.“ Er sah die Schwester an und zwinkerte lustig mit den Augen. „A Mordstrumm Weg hab ich machen müssen. Und hungern tut mich. Seit der Fruh hab ich nimmer aufs Essen denkt. Hast net a Bröckl für mich?“

Halb noch ratlos, zwischen Sorge und Freude, sprang Modei über die Stufen hinauf. „Aber freilich, ja! Gleich koch ich dir ebbes auf. Und ’s Allerbeste, was ich hab.“ Sie raffte ein paar Scheite Brennholz zwischen die Hände und verschwand im Dunkel der Hüttentür.

Der Alte lachte. „Und an Trunk muss ich haben. An festen. Wie Fuier is mir der Durst im Hals.“ Er ging zum Brunnen. „Da drunt im Faller Tal, da hat’s a Hitz ghabt zum Verschmachten.“ Er trank am Brunnenstrahl. Dann guckte er sinnend in den Wasserspeigel des Troges. „So ebbes Gspaßigs! Da schaut an alts und a lustigs Gsicht aus’m Wasser aussi. Mit weißgraue Haar und mit schieche Falten. Und wie ich ’s letzt Mal einigschaut hab, da hab ich zwei junge, traurige Augen ghabt. – Ah na! So kann’s net sein! – Bin ich amal jung gwesen? – Es kommt mir so für, als wär ich schon alt auf d’ Welt kommen? Und hätt a Ruh ghabt vor allem, was für junge Leut a Plag is.“ Versunken in Gedanken, immer murmelnd, ging er zur Hütte, blieb stehen, sah zu den Standen des Waldsaums hinüber und wurde unruhig.

Da drüben wand sich der Jäger Hies aus den Büschen heraus, mit Bergstock und Büchse, den Kopf gebeugt, immer zur Erde spähend. Von seiner munteren Art war nichts an ihm zu gewahren. Eine eiserne Härte war in seinem Gesicht, in jeder Bewegung, die er machte. Und immer näher kam er den Hüttenstufen.

Lenzl richtete sich auf und tat ein paar flinke Sprünge gegen den Jäger. „Hies!“

Der Jagdgehilf zuckte mit dem schwarzbärtigen Kopf in die Höhe. „Ah so, du bist da? Grüß dich Gott!“

In Erregung fragte Lenzl: „Was suchst denn da?“

„An Hirsch hab ich gspürt.“

„– – An Hirsch?“

„Ja. Und an ganz guten.“ Der Jäger lächelte. „Wann ich den derwisch – der freut mich.“ Es blitzte in seinen Augen.

„Hast dich net ebba verschaut? D’ Hirsch kommen so weit net abi. Bei der Hütten mögen s’ net grasen. Den Leutgruch derleiden s’ net.“

„D’ Leut stinken halt.“ Ein kurzes und hartes Lachen. „Den Hirsch, den spür ich. Dös redst mir net aus.“ Der Jäger wandte sich gegen den Waldsaum, den Stauden zu, zwischen denen der Huisenblasi verschwunden war.

„Hies!“ Flink, nach einem Sorgenblick zur Hüttentür, huschte Lenzl gegen den Jäger hin.

„Was willst?“

Der Alte flüsterte: „Hast vom Friedl ebbes ghört – vom selbigen Sonntag, mein ich?“

Der Jäger lachte. „A bissl ebbes, ja!“

„Meinst, der Friedl hat an Unsinn gmacht?“

Es zuckte spöttisch um den schwarzbärtigen Mund. „A jeder macht’s halt, wie er muss.“

„Und du? Wie tätst es denn du nacher machen?“

Die Gestalt des Jägers streckte sich. „Da müsst mir erst amal a gute Glegenheit dastehn auf hundert Gäng. Nacher kunnt ich dir’s gnau sagen – wie’s ich mach.“

Da mahnte der Alte ernst: „Geh, Hies, sei gscheid! Ruh schaffen? No freilich, ja! Aber a Hirsch is a Hirsch, a Gams is a Gams – und a Mensch bleibt allweil a Mensch.“

„So? Meinst? Aber diemal kommt’s halt, dass man Viech und Mensch nimmer recht ausanand klauben kann. Und dass eim ’s Viech no allweil besser gfallt als so a zweifüßige Kreatur.“ Der Jäger schob sich zwischen die Stauden und tauchte um eine Felskante.

Lenzl streckte die Hände. „Jesus, Hies, so lass dir doch sagen –“ Er wurde stumm. Und nach kurzem Schweigen raunte er in Erregung vor sich hin: „Meintwegen! Was geht’s denn mich an. Ich bin net der Weltregent. Wann’s unser Herrgott anders haben will, soll er’s halt anders machen. Er wird’s halt einrichten, wie’s ihm taugt. Auf sei’ ewige Grechtigkeit kann man sich allweil ausreden.“

Von der Höhe, die hinaufstieg zu den anderen Hütten, klang in der Sonnenstille die kreischende Stimme der alten Punkl: „Monika! Monerl! Hast net an Grenzer gsehen?“

Dann die lachende Stimme des Mädels: „Was soll ich gsehen haben?“

„Ob net an –“ Der Alten schien die Luft zu entrinnen. Dann pfiff sie im höchsten Diskant: „Herr jesses, so sag mir doch, hast net an Grenzer gsehen?“

„Was schreist denn a so? Ich hör ja ganz gut.“

Lenzl guckte und trat zur Hüttenecke. Ein paar Schritte hinter dem Almbrunnen standen die beiden Weibsleute beisammen, in der Sonne leuchtend wie goldene Figürchen.

„Weißt, a Grenzer“, schnatterte Punkl, „a Grnezer is bei mir in der Hütten gwesen. So a liebs Mannsbild! Ah, der hat mir gfallen! Und gleich hab ich ihm a fünf a sechs Flascherln Bier aus’m Keller auffigholt. Und derweil wir so gredt haben mitanand – no ja, und diemal a bisserl medazinisch, weißt – da hat er gahlings gmeint, ich soll ihm a frisch gmolchene Milli einiholen vom Stall. Was braucht er denn a frisch gmolchene Milli, hab ich mir denkt, wann er bei mir a Bier haben kann? Und alls, was er mag? Aber no, wann a Mannsbild, a liebs, ebbes haben will, da tut man’s doch gleich. Gelt ja? Und wie ich mit der frisch gmolchenen Milli einikomm in d’ Hütten, is mein Grenzer nimmer da! Is nimmer da! Und gar nimmer zum finden is er! Jesses, jesses, ich kann mir gleich gar nimmer denken, was da passiert sein muss! Geh, komm! Und hilf mir a bissl suchen!“

Die Monika lachte. „Is er ebba so zwirnsfadendünn, dass er hart zum derschauen is?“

„Ah na! Der hat a noblige Breiten.“

Erheitert wollte Lenzl zum Brunnen hinüber. Da hörte er hinter sich in den Stauden ein Gekoller von Steinen, ein Rumpeln und Rascheln.

Die fiskalische Mordwaffe über der Hemdbrust, unter dem linken Arm den Uniformrock und den Bergstecken, in der rechten Hand eine Bierflasche, rutschte der Grenzaufseher Niedergstöttner schwitzend und mit angstvollen Augen aus den Stauden heraus und flüsterte: „Stad sein, stad sein, stad sein! Verrat mich net, Mensch! Dös Weibsbild därf mich net finden, net finden, net finden!“

Im gleichen Augenblick gewahrte Punkl den Alten an der Hüttenecke und kreischte: „Höi! Du da drunten! Lenzerl! Hast net an Grenzer gsehen?“

Abwehrend fuchtelte Niedergstöttner mit der Bierflasche. „Verrat mich net! Um Gottschristi Barmherzigkeit willen! Verrat mich net! Dö hat mich – hat mich – hat mich für an Dokter ghalten, weißt! Ah na, Da dank ich schön!“ Er zappelte sich aus den Stauden heraus, setzte die Flasche an den Mund, nahm einen Stärkungsschluck und hopste in der Sonne hurtig über das Almfeld, den tiefer stehenden Bäumen zu. Es war ein sehr auffallender Vorgang. Punkl konnte die springenden drei Zentner nicht übersehen. „Mar’ und Joseph!“, zeterte sie. „Da hupft er ja!“ Der Sinn dieses flinken Ereignisses konnte ihr nicht verschlossen bleiben. „O jöises, jöises“, klagte sie, „fünf Flascherln hat er ausbichelt, ’s sechste hat er noch mitgnommen – – und so viel Zutrauen hab ich ghabt. Wann d’ Mannsbilder söllene Feigling sind – da gib ich’s auf! Da muss ich krankhaft bleiben bis an mein gottseligs Absterben!“

Lachend trommelte Lenzl mit den Fäusten auf seine Schenkel. „O du verruckte Welt! Der Ernst und d’ Narretei, und Tag und Nacht, a junge Freud und der letzte Schnaufer – und alls geht Ellbogen an Ellbogen!“ Wie ein lustiger Junge, der Freude am Springen hat, tollte der Alte zum Waldsaum und guckte kichernd dem hemdärmeligen Zollkürbis nach, der zwischen den schütter stehenden Bäumen flink hinunterkollerte ins sichere, unmedizinische Tal.

Da drunten war, wenn der Sonnenwind schärfer aufwärts zog, das Läuten einer großen Kuhschelle und das Gebimmel von zwei kleinen Glocken zu hören. „Mar’ und Joseph!“, murmelte Lenzl erschrocken. „Da is ja die Blässin drunt! Und a paar von die Kalbln! No also, jetzt hab ich’s! So geht’s, wann einer herlauft hinterm Glück, statt dass er sei’ Schuldigkeit bei der Arbet tut!“ Am Vormittag hatten die drei Stück Vieh, als sie unbehütet waren, den Almzaun durchbrochen und hatten sich verlocken lassen durch die saftigen Grasflächen, die vom Gehänge der Dürrachschlucht heraufschimmerten. „Dö muss ich auffitreiben! Und gleich! Da kunnt sich a Stückl derfallen!“

Seiner Mahlzeit vergessend, die auf ihn wartete, hetzte Lenzl durch den steilen Wald hinunter mit dem gellenden Hirtenschrei: „Kuh seeeh, Kuh seeeh, Kuh seeeh!“

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