Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

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      Ludwig Ganghofer
         Der Jäger von Fall
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Kapitel 12

Das waren stille, schwermütige Tage in der Hütte auf der Grottenalm.

Modei ging bleich und vergrämt herum; wortkarg tat sie ihre Arbeit, und wenn Punkl oder Monika in der Hütte zusprachen, bekamen sie nicht viel anderes zu hören als ein „Grüß Gott!“ und „Pfüet dich!“ Auch mit dem Bruder redete Modei nur, was die gemeinsame Arbeit verlangte. Und bei der Verstörtheit, die ihr Gemüt umklammert hielt, hatte sie keinen Blick für die seltsame Wandlung, die sich von Tag zu Tag immer deutlicher im Wesen des Bruders vollzog. Die Wahnbilder seines irren Erinnerns schienen in ihm erloschen zu sein. Immer befand er sich in einem Zustand verträumten Suchens, redete wunderliche, nicht zusammenhängende Dinge und wurde schließlich von einer verdrossenen Gereiztheit befallen, weil ihm dieses trübselige Zusammenleben mit der wortkargen Schwester täglich unleidlicher wurde. Und wenn er einen Versuch machte, von jenem Sonntag und seinen Folgen zu reden, wurde Modei noch stiller und verschlossener.

Oft, wenn er unter Tags auf die Schwester zutrat, musste er sehen, wie sie hastig das Gesicht auf die Seite drehte, um ihre Tränen zu verbergen. Wenn er in der Nacht erwachte, hörte er sie leise weinen und beten. Nach schlaflosen Nächten hatte sie zerbrochene Tage, und die sonst so Fleißige wurde bei der Arbeit müde. Und kam jemand zur Hütte, hörte sie einen Schritt, so fuhr sie erblassend zusammen und stammelte: „Der Förstner wieder? Oder der Hies?“

Als Lenzl eines Abends vom Weideplatz heimkehrte, fand er die Schwester am Herd, mit nassen Augen, ganz in sich versunken. Da fing er zu schelten an. „Is dös an Art und Weis? Statt dass dich a bissl zammklaubst, an vernunftbaren Schritt machst und dö ganze Sach wieder auf gleich bringst, derweil hockst den ganzen Tag umanand und flennst und reibst dir d’ Augen! Mit’m Wasserpritscheln is freilich nix profitiert!“

„Du hast gut reden!“, sagte Modei mit erloschener Stimme. „Du spürst es net, wie’s ich spür. Drum red mir nix drein! Dös hat mir halt unser Herrgott aufgladen als Buß. Und so muss ich’s tragen!“

„Freilich! Weil unser Herrgott nix anders z’ tun hat, als dass er d’ Menschen plagt?“

Lenzl sah ein, dass hier nur ein einziger zu helfen vermöchte. Und der muss her, dachte er, soll’s gehen, wie’s mag! Ein paar Tage später, als er abkommen konnte, ohne dass die Arbeit Schaden litt, schlich er sich im Morgengrau, während Modei noch schlief, aus der Hütte. Er erinnerte sich, von Friedl gehört zu haben, dass der Jäger in diesen vierzehn Tagen die Aufsicht auf dem Rauchenberg zu führen hätte. Es war das ein weiter Weg, den Berg hinunter bis ins Tal und drüben wieder hinauf bis zur Jagdhütte, die hoch da droben auf der Bergschneide lag. Der Schwester zulieb wäre Lenzl auch bis ans Ende der Welt gelaufen.

Er brauchte fünf Stunden, um das Ziel seiner Wanderung zu erreichen. An der Jagdhütte fand er die Läden geschlossen und die Tür versperrt. Da nahm er von einer alten Feuerstatt ein Stücklein Kohle und schrieb mit großen, steifen Buchstaben and ie Hüttentür: „Bin dagwest, i, da Lenzl. Kommscht ummi, gell!“ Damit Friedl auch sicher käme, schrieb er noch darunter: „Weils grank is!“

Dann schritt er die Bergschenide entlang zu der eine halbe Stunde entfernten Hochalm. Auch hier fragte er vergebens nach Friedl. Die Sennerin konnte ihm nur den guten Rat geben, sich bei den Holzknechten, die auf dem tieferen Gehäng des Berges arbeiteten, nach dem Jäger zu erkundigen. Als er auch bei den Holzleuten von Friedl keine Nachricht hörte, lief er kurz entschlossen durch den steilen Bergwald hinunter nach Fall. Am Waldsaum musste er sich verstecken, weil der schwerbäuchige Grenzaufseher Niedergstöttner schnaufend und schwitzend auf dem Waldweg gegen die Schlucht der Dürrach hintappte, unter kummervollen Selbstgesprächen, die jede Mühsal des buckligen Weges drei Mal verfluchten.

Das Kapellenglöckl läutete die Mittagsstunde, als Lenzl hinter den Weidenstauden der Dürrach hinunter schlich zur Isar. Wie ein Fuchs, der einer Henne an den Hals will, pirschte er gegen den kleinen Garten, den Friedls Mutter mit ihren rastlosen Händen dem steinigen Hügel abgerungen hatte. Lautlos an den Heckenstauden entlang huschend, spähte er durch das dichte Gezweig und kicherte vor sich hin: „Jetzt hab ich’s troffen.“

An der Mauer saß der marode Jäger auf einem Bänkl und sonnte den heilenden Fuß, während seine dürstenden Augen immer in der blauen Höhe suchten. Auf dem Schoß hatte er das Fernrohr liegen. Das hob er immer wieder und richtete es nach den Rasenwellen der Grottenalm wie ein Jäger, der Gämsen sucht.

Da richtete Friedl sich plötzlich auf. Er hörte klappernde Schritte und eine keuchende Stimme, die immer, wie in atemloser Angst, die zwei gleichen Worte wiederholte: „Jesus, Maria – Jesus, Maria – Jesus, Maria –“

Erschrocken zuckte der Jäger vom Bänkl auf, ohne seines kranken Fußes zu denken. „Mar’ und Joseph!“, stammelte er, weil er die Stimme zu erkennen glaubte. „Is denn dös net der Lenzl?“

Richtig! Der war’s! Wie ein Besessner kam der Alte mit flatterndem Weißhaar von der Dürrach über die Straße hergelaufen und wollte am Gärtl des Jägers vorübersausen. „Jesus, Maria – Jesus, Maria – Jesus, Maria –“

„Lenzl!“ Mit hinkendem Fuß machte Friedl ein paar wilde Sprünge gegen die Heckenstauden. „Um Christi willen! Lenzl! Was is denn? So komm doch her zu mir! So lass doch reden a bissl!“

„Ich kann net – Jesus, Maria!“, keuchte der Alte und sprang. „Ich hab kei’ Zeit net, ich muss zum Dokter aussi nach Lenggries. Mei’ Schwester is soviel krank! Dö braucht a Trankl, a heilsams! Ich muss zum Dokter aussi – Jesus, Maria –“ Und weg war der Alte, verschwand an der Straßenbiegung, sprang aber nicht „aussi nach Lenggries“, sondern huschte kichernd in die Stauden der Dürrach und lief geduckt hinüber gegen den Waldsaum.

Als Friedl allein war, fingen ihm die Hände so heftig zu zittern an, dass er sie hinter den Hosengurt stecken musste. Wie ein Verrückter humpelte er zur Haustür hinüber, trat langsam in die Stube, warf einen Sorgenblick auf das schlafende Büberl und sagte ruhig: „Mutter, jetzt musst mir a Krügl Bier ummiholen. Soviel dürsten tut mich!“

Das alte Weibl zappelte flink davon. Als sie mit dem Krügl vom Wirtshaus kam, war keiner mehr da, der Durst hatte und trinken wollte. Auch Friedls linker Nagelschuh war verschwunden; nur der rechte stand noch unter dem Ofen. Und verschwunden war des Jägers Hut, sein Rucksack, seine Büchse und sein Bergstock. „O du heilige Mutter!“, stammelte die alte Frau erschrocken, rannte vors Haus und fing zu schreien an.

Das konnte Friedl noch hören, obwohl er den Triftsteg an der Dürrach schon erreicht hatte. Ohne das Gesicht zu drehen, sprang er wie einer mit gesunden Beinen. Drüben über dem Wasser, auf dem steigenden Waldweg, ging es langsamer. Alle paar hundert Schritte musste er stehen bleiben, um den schmerzenden Fuß rasten zu lassen. Und weil der plumpe Filzschuh, den er am kranken, dich verbundenen Fuß hatte, beim Steigen immer rutschte, musste Friedl sich hinsetzen, eine Schnur aus dem Rucksack nehmen und den lockeren Filzkübel verlässlich an den Knöchel binden. Ein paar Schlingen der Schnur legte er auch um die Sohle, damit er einen festeren Tritt bekäme. Als er, zitternd vor Ungeduld, sich erhob, blickte er über den steilen Bergweg hinauf, den er zu überwinden hatte. Und da gewahrte er in der Höhe, nicht weit von der Grottenalm, eine sonderbare Sache. Da droben war ein feines Blitzen und Gefunkel, als spiegelte sich die Sonne in vielen, beweglichen Glassplittern.

Dieses Funkeln und Strahlenschießen kam von den Uniformknöpfen und vom Bajonett des schwerbäuchigen Grenzaufsehers Niedergstöttner, der sich schon mit Schwitzen und Fluchen über den ganzen Waldsteig hinaufgezappelt hatte und der Alm schon nahe war.

Er hatte, um Luft zu bekommen, die grüne Uniform aufgeknöpft, nicht nur den Rock, auch die Hose. Die großschirmige Mütze hatte er an das Bajonett seines königlich bayrischen Grenzkarabiners gehängt, den er bald auf die rechte, bald auf die linke Schulter lupfte. Ein großes, geblumtes Taschentuch, fleckig durchfeuchtet, bedeckte als Sonnenschutz die Glatze und warf noch einen Zipfelschatten über das erhitzte, krebsrote Vollmondgesicht. Trotz seiner dritthalb Zentner war Herr Niedergstöttner von qucksilberner Beweglichkeit. Und ebenso flink, wie er die kurzen dicken Beine rührte, schwatzte er beim Steigen die Monologe seiner Bergverzweiflung vor sich hin.

„Tuifi, Tuifi, Tuifi, is dös a Hitz! Is dös a Hitz! Und schnaufen muss ich, grad schnaufen, schnaufen, schnaufen.“

Hurtig kletterte er über die letzten Steigstufen hinauf, drehte sich um, guckte in die Tiefe und fand, wenn auch ein bisschen asthmatisch, das Lachen eines Glücklichen.

„Gott sei Lob und Dank! Jetzt bin ich heroben! Is dös an Arbeit gwesen! Verfluchte Berg, verfluchte Berg!“ Er zerrte das Taschentuch von der Glatze, trocknete Gesicht und Hals, dehnte sich wie ein Schlangenmensch vor der Produktion und zog das Knie in die Höhe. „Die ganze Muschkelatur hint aussi is mir krämpfig! Allweil d’ Füß heben, allweil d’ Füß heben! Unser Herrgott muss an böshäftigen Hamur ghabt haben, wie er die Berg derschaffen hat! Verfluchte Berg, verfluchte Berg! Und an Durst kriegt man, jöööises, an Durst, an Durst, an Durst! Da wär jetzt a Maßerl fein, a Maßerl, a Maßerl!“ Sehnsüchtig guckte er auf dem almfeld herum und betrachtete Modeis stille Hütte. „He da! Was is denn? Is dö bucklete Welt da heroben ausgstorben? Und gibt’s denn da gar net a bissl ebbes, was kühl is? Aaaah, da is ja a Brünndl, a Brünndl, a Brünndl!“ Er zappelte auf den Brunnen zu und legte lachend das Gewehr ab. „Wasser! Brrrrr! A schauderhafte Sach! Da ghört a Kurasch dazu, a Kurasch, a Kurasch, a Kurasch.“ Hurtig steckte er das Dampfnudelköpf in den Brunnentrog, pritschelte und spritzte, scheuerte die zinnoberfarbene Glatze und schüttelte die Tropfen von sich ab, was ihm leicht gelang, da er keine Haare hatte, in denen das Wasser hätte hängen bleiben können.

Weil er eine Sennerin von der Almhöhe herunterkommen sah, knöpfte er als Kulturmensch unverweilt die klaffende Hose zu, machte säuberliche Amtstoilette und setzte die Mütze auf.

Mit der ledernen Salztasche um die Hüften kam Modei müd und versonnen über das Weidefeld herunter. Als sie die Uniform sah, erschrak sie, dass ihre Lippen weiß wurden. Dann merkte sie: ein Grenzaufseher, kein Gendarm. Und mit halber Ruhe konnte sie sagen: „Grüß Gott, Herr Grenzer! Was schaffen S’ bei mir?“

„Aufschreiben, aufschreiben, wie viel als d’ Vieh hast.“ Niedergstöttner zog ein Ungestüm von grünledernem Notizbuch heraus. „Aber sag, du saubers, du herzliebs Maderl, hast net ebba aus gottsgütigem Zufall a Flascherl Bier da heroben? Für a Flascherl Bier kunnt ich dem Tuifi heut mein ewigs Leben verschreiben.“

„Mit Bier kann ich net aufwarten. Aber a Schüssel Milli wann S’ mögen?“

„Milli?“ Der Grenzer schnitt in groteskem Schreck eine Grimasse, die jedem Zirkusclown einen Beifallssturm eingetragen hätte. „Marrriandjosef! Sprich dös gfahrliche Wörtl nimmer aus! Sonst trifft mich a Verstandeslähmung, und um fall ich und bin a Leichnam, a Leichnam, a Leichnam!“ Er richtete einen klagenden Blick zum Himmel, erledigte unter drolligen Scherzen das amtliche Geschäft, notierte die Zahl der Ochsen, Kühe, Rinder und Schafe, aus denen Modeis Almherde bestand, verwahrte das Notizbuch wieder, trocknete mit dem Taschentuch das Dampfnudelköpfl und setzte sich auf den Brunnentrog. „Soviel plagen muss sich der Mensch! Malefiz Arbet! Wie schön wär d’ Welt, wann d’ Arbet net wär, dö gottverfluchte Arbet.“

„Nach jeder Arbet kommt a Ruh.“

„Net wahr is, aaaah, net wahr is! Nach der Arbet kommen d’ Schweißtröpfln, a höllischer Durst und der Muschkelkrampf.“

„Seids ös von der Station in Fall drunt? Lang müssts noch net da sein, weil ich enk noch nie net gsehen hab.“

„A paar Wochen erst, a paar Wochen. Ehnder, da bin ich z’ Münka gwesen, z’ Münka, in der Haupt- und Rrrrassidenzstadt, beim Oberzollamt.“ Niedergstöttner bekreuzigte sich, wie es eine alte Bäuerin bei heftigem Blitzschlag macht. „Daaaa hat’s Arbet geben! So viel, wie der Hund Flöh hat! Und d’ Arbet vertrag ich net, ich vertrag’s halt net! Wann’s einer vertragt, da kann er Minister werden. Ich hab’s net dersitzen können. ’s Hirn is mir allweil kleiner worden und ’s Fundament allweil breiter, allweil breiter. Und so a sitzende Betätigungsweise – jöi, jöi, jöi – da tut sich allweil Salz entwickeln im Inkreisch, zwischen Nabel und Schattseiten. Und da hast nacher allweil Durst, allweil Durst, Durst, Durst, Durst. Drum haben mich die Gottsöbersten da aussi versetzt nach Fall. Dö haben gmeint, da heraußen tät ich weniger bimseln, weil ’s Bier so schlecht is, weißt. Ja, Schnecken, Schnecken! Da heraußen muss ich noch viel mehrer bürsten, weil ich allweil schwitzen muss, allweil schwitzen, allweil schwitzen.“

Modei konnte ein bisschen lachen. „Aber sonst gfallt’s enk bei uns da, gelt?“

„Ui jeeegerl, jegerl, jegerl! Schau mein Ranzerl an, mein Ranzerl! Und söllene Berg dazu! Und allweil muss ich auffi, allweil auffi, auffi, auffi, wie a verlassene Wanzen an der nacketen Kirchenwand! O du heiliger, heiliger Geist der Schöpfung! Deine Welteinrichtung hat verdächtige Buckeln.“

Das Mädel tat einen schweren Atemzug. „Ich kann mir noch ebbes Härters denken als wie ’s Bergsteigen.“

„Soooo? Und wann ich ausrutsch? Und wann’s mich abireißt? Dös is ja gar net zum ausdenken, was ich da für a Loch ins Tal einischlag. Söllene grauslichen Gfahren haben s’, dö verfluchten Berg, dö verfluchten Berg! Da muss einer schon aufpassen, der ’s Bergsteigen los hat! A Jager, a Jager, der kann doch ’s Bergsteigen, net? Und jetzt schau amal an, was dem Jager von Fall passiert is, dem Jager von Fall!“

„Jesus“, stammelte Modei erschrocken, „was is denn mit’m Friedl?“

„Friedl heißt er, ja, Maderl, Friedl, Friedl, Friedl!“

Verstört umklammerte Modei den Arm des Grenzers. „Um Herrgotts willlen, so red doch, Mensch!“

„Der Jager, weißt, der Jager, der Jager, der hat a Kindl abitragen vom Berg, a Kindl, a Kindl a kleins –“

Sie nickte in Angst. „Ja, ja –“

„Und drunt bei der Dürrach hat ihn a Steinschlag troffen, a Steinschlag am Fuß. Und allweil, allweil, mit’m halbert verdruckten Fuß, da is er noch allweil gsprungen, und heim mit’m Kindl, und heim, und in d’ Stuben eini zur Mutter. ‚Nimm ’s Kindl!’ sagt er, und da hat’s ihn hinghaut am Boden – Jesses, Maderl, was hast denn, was hast denn? Du bist ja kaasweiß im Gsichtl! Was hast denn?“

Modei, nach Sprache ringend, lallte einen unverständlichen Laut. Dann griff sie mit den Händen ins Leere, schrie den Namen des Bruders, jagte zur Hütte hinunter und verschwand um die Balkenmauer.

Niedergstöttner guckte mit kreisrunden Augen. „Hab ich ebba da a Rindviecherei gmahct? Ja? Mir scheint, mir scheint, mir scheint.“ Zu dem ehrlichen Kummer, der in seiner sanften, mit Speck wattierten Bierseele Einzug hielt, gesellte sich der Jammer über den weiteren Verlauf seines Amtsweges. Zu Punkls Hütte ging es steil in die Höhe. Bei der Musterung dieses Weges machte Niedergstöttner ein Gesicht wie ein Kater, wenn er Salmiak riechen muss. „Allweil wieder auffi, auffi, auffi und auffi! Hat denn d’ Welt nach auffi gar keine Grenzen, gar keine, gar keine?“ Während er zu krabbeln anfing, klagte er noch: „O du armseligs Mitglied der königlich bayrischen Zollnarretei!“ Als er den Hüttenzaun erreichte, blieb er blasend stehen. „He da! Was is denn? Rührt sich da gar nix, gar nix, gar nix?“

„Waaaaas?“, klang in der Stube der heisere Alt der Sennerin. „Hat da a Kalbl plärrt? Oder kommt ebbes Menschligs?“ Punkl erschien auf der Schwelle. Der überraschende Anblick von drei Zentnern unbezweifelbarer Männlichkeit verwandelte die Säure ihres Zwiebelgesichtes in grinsende Freude. „Jesses, a Grenzer!“ Sie buckelte, als wäre ein königlicher Prinz bei ihr erschienen. „Dös freut mich aber! Grüß Gott, grüß Gott! Mit was kann ich aufwarten?“

„Aufschreiben muss ich, aufschreiben, wie viel Vieh als d’ hast!“

„Jesses, jesses, so a liebs Mannsbild!“, staunte die Alte. „Zu dem kunnt man Zutrauen haben.“ Wieder buckelte sie. „Grüß Gott, Herr Grenzer!“ Sie zappelte ihm entgegen, stütze den Schnaufenden und schob ihn nach aufwärts. „Gschwinder a bissl! Aufkochen tu ich, aaaah, grad nobel! Und in der Kellergruben hab ich noch a drei, vier Flascherln Bier.“

„Was!“ Der Erschöpfte machte eine Zuckbewegung, wie durchrissen von einem elektrischen Strom. „A Bier hast? A Bier? A Bier?“

„Fünf, sechs Flascherln, jaaaa!“

So einladend kann auch Evas Apfel auf den Adam nicht gewirkt haben. In Niedergstöttner flammte eine zärtliche Begeisterung. O du Herzkäferl, du benedeits! An Kniefall mach ich! Dir verschreib ich mei’ Seel! A Bier, a Bier! O Himmelreich, o Paradeis, Paradeis, Paradeis, o irdische Glückseligkeit!“

Die drei zollämtlichen Zentner tauchten am Arm der überirdisch grinsenden Jungfrau in den Dusterschein der Sennstube.

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