Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

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      Ludwig Ganghofer
         Der Jäger von Fall
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Kapitel 11

Benno hatte sich über Friedls Verschwinden beim Scheibenschießen bös geärgert. Und als auch die Preisverteilung am Nachmittag vorüber gegangen war, ohne dass Friedl sich sehen ließ, hatte Benno verdrossen ein Wägelchen bestellt, um einen Ausflug nach dem Achensee zu machen. Dort unterhielt er sich so gut, dass er seinen Aufenthalt im sanglustigen Rainerhof über fünf Tage ausdehnte. Dann wanderte er durch den Bergwald zurück nach Fall.

Es wurde späte Nacht, bis er seine Sommerstation wieder erreichte. Im Forsthaus war alles schon in Schlaf und Ruhe. Erst nach langem Klopfen öffnete ihm die Försterin das Haus.

„Da bin ich wieder! Schlaft denn der Förster schon?“

„Ah na! Der is gar net daheim. Im Rauchenberg muss er Aufsicht halten, seit der Friedl liegt.“

„Liegt? Der Friedl?“

„Ja! Was sagen S’, Herr Doktor! Mit’m Friedl sind schöne Gschichten passiert! Am selbigen Abend, wie S’ davonkutschiert waren – ich bin grad vor der Haustür gstanden –, da kommt der Friedl hergrennt von der Dürrachklamm. Kein’ Hut hat er ghabt, über und über blutig im Gsicht, a Kindl am Arm – und auf kein’ Ruf hat er ghört, und fortgrennt is er, allweil zu, und eini in seiner Mutter ihr Haus. Natürlich, der Förster und ich, wir springen gleich ummi. Und drüben in der Stuben steht dös alte Weibl, ’s Kind am Arm, vor lauter Schrecken halber narret. Und der Friedl liegt am Boden im Blut und macht kein’ Muckser nimmer!“

„Ach, du lieber Himmel!“

„Ja, dös sind Gschichten gwesen! Und kein Mensch hat sich denken können, was passiert is! Da hat’s jetzt gheißen: Zugreifen! Ich und mein Mann, wir haben den Friedl aufpackt und ummitragen aufs Bett. Und wie ihm der Meinige den Schuh vom Fuß zieht, is ’s Blut nur so gstanden drin, und der Fuß hat grausam ausgschaut. Gleich hat der Meinige einspannen müssen und einifahren auf Lenggries und den Dokter holen. Und der Friedl hat kein’ Menschen nimmer kennt, vor lauter Fieber, und so liegt er jetzt schon im sechsten Tag.“

„Und weiß man, was da geschehen ist?“

„Wissen! Was heißt wissen? Freilich weiß man was – und weiß wieder nix! Der Friedl selber hat noch net reden können. Dafür reden d’ Leut umso mehr. Dös Büberl drüben, wissen S’, dös is der Modei ihr Kind. Und der Friedl hat ihr ’s Büberl am Sonntag auf d’ Alm auffitragen. Und jetzt sagen halt d’ Leut, der Friedl müsst schon lang mit der Modei im Gspusi sein und wär der Vater von ihrem Kind. Aber was am Sonntag auf der Alm droben geschehen is? Auf’m Heimweg hat ihn halt a Steinschlag troffen. Aber d’ Leut plauschen so hin und her, und a jede denkt ebbes anders. Jetzt ich denk mir gar nix. Ich kann’s abwarten, ’s wird schon noch alles aufkommen! Also, gut Nacht! Und schlafen S’ Ihnen ordentlich aus!“

Das war keine gute Nacht für Benno. Was er gehört hatte, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen.

Am Morgen nahm er sich kaum Zeit für das Frühstück. Ohne Hut, in den Hausschuhen, sprang er hinüber zu Friedl. Als er in den Flur trat, kam die Bäuerin gerade aus der Kammer ihres Buben. In ihrem Gesicht stand der Kummer zu lesen, mit allen Zeichen durchwachter Nächte. Und bei Bennos Anblick schossen ihr gleich die Tränen in die Augen.

„Wie geht’s dem Friedl?“

„Ich dank schön, a bissl besser! Seit gestern am Abend hat sich ’s Fieber glegt. Aber schwach is er halt, arg schwach.“

„Darf man zu ihm hinein?“

„Ja, Sie schon! An Ihnen hängt er gar arg!“

Benno trat in die Krankenstube und drückte lautlos hinter sich die Tür wieder zu. Wenn auch draußen die Sonne niederglänzte über Fall und seine Häuser, so füllte doch ein tiefes Dunkel den kleinen, stillen Raum. Nur durch die schmalen Klumsen der geschlossenen Fensterläden stahlen sich feine Lichtbündel herein in die kühle Dämmerung und zeichneten goldene Linien und farbige Punkte auf die gegenüberliegende Wand.

Jedes Geräusch vermeidend, ging Benno zum Bett und hörte einen schweren Atemzug. Im Zwielicht sah er auf geblumten Kissen das blasse, verpflasterte Gesicht des Jägers liegen, mit einem weißen Bund über Stirn und Augen.

„Friedl?“, fragte er leise.

Keine Antwort. Es schien nur, als würde dem Kranken das Atmen leichter.

„Kennst du meine Stimme?“

Der Jäger nickte. Dann ein flüsterndes: „Gott sei Lob und Dank!“

„Um’s Himmels willen, Bub, was ist denn geschehen mit dir?“

Der Atem des Kranken schien sich wieder zu erregen. Das Gesicht auf die Seite drehend, sagte er mühsam: „Der Dokter hat mir ’s Reden verboten.“

„Na also, dann folg nur schön! Ich bleibe bei dir.“ Benno ließ sich neben dem Bett auf einen Sessel nieder. In das einförmige Ticken der Schwarzwälderuhr, die neben dem Türstock hing, mischte sich ein heiteres Kinderlachen, das von der Wohnstube durch die beiden geschlossenen Türen gedämpft herüber klang.

Da knarrte die Bettlade, und der Kranke hob sich halb aus dem Kissen.

„Friedl? Willst du was?“

„A Tröpfl Wasser, ich bitt schön!“ Der Jäger fiel wieder zurück au fdie Kissen.

„Ich hol es dir frisch vom Brunnen herein.“ Als Benno die Tür öffnete, fiel ihm das Licht von draußen hell ins Gesicht. Wohl traten seine Schuhe vorsichtig auf die Steinplatten des Flurs. Dennoch hörte Friedls Mutter in der Stube das Geräusch. Zehrende Sorge in den Augen, kam sie gelaufen und fragte, was denn wäre. Benno beruhigte sie. „Bleiben Sie bei dem Kindl, Mutter! Der Friedl braucht nur einen frischen Trunk. Den hol ich ihm schon.“ Als er vom Brunnen zurückkam, stand die alte Frau noch immer auf der Stubenschwelle. Er nickte ihr lachend zu und trat in die Kammer des Jägers.

Mit dürstenden Zügen leerte der Kranke das Glas und flüsterte matt: „Gott vergelt’s Ihnen tausendmal!“

„Schon recht, Friedl! Aber der Herrgott hat was anderes zu tun.“

„Man sollt’s meinen, ja! Aber diesmal muss ihm sei’ ewige Fürsorg a bissl schief durchanand rumpeln. Sonst tät’s anders zugehn auf der Welt.“

Benno drückte die zitternden Hände des Jägers auf die Bettdecke nieder. „Halte den Schnabel, Bub, und reg dich über die Weltregierung nicht auf! Unser Herrgott wird schon zurechtkommen.“ Er nahm seinen Platz wieder ein, blieb bis in die Nacht, gab die Krankenpflege nimmer aus der Hand und verließ die kleine, dunkle Stube nur, um zu essen und ein paar Stunden zu schlafen, oder um einen Wunsch des Jägers zu erfüllen.

Zwei Tage vergingen. Und wenn die Besserung des Kranken merkliche Fortschritte machte, so hatte es den Anschein, als wäre es Bennos stete Gegenwart, die im Verein mit Friedls kräftiger Natur die Genesung beförderte. Solange Benno neben dem Bett saß, lag der Kranke ruhig. Sobald aber Benno die Kammer verließ, wurde Friedl seltsam erregt und fragte die Mutter immer wieder: „Kommt er net bald?“

Soviel Freude Benno über diese Anhänglichkeit des Jägers empfand, sowenig vermochte er sie zu begreifen. Er war immer gut und freundlich mit Friedl gewesen, aber das konnte das Herz des Jägers doch nicht so fest verpflichten. Die Lösung des Rätsels war: Dass Friedl in Benno einen Vertrauten für alle Sorgen seines Herzens zu finden hoffte und nur den Mut nicht hatte, offen von seinem Kummer zu reden. Schließlich kam aber doch die Stunde, die diesen verschlossenen Brunnen der Schmerzen öffnete.

Es war gegen Abend. Durch die Ritzen der Fensterläden fielen die schimmernden Strhalen. Sie waren rot geworden, und ihre Lichter, die im Lauf der Stunden die ganze Wand entlang gewandert waren, lagen wie große Mohnblumen auf der weißen Bettdekce. In dieses rote Geflimmer hatte der Kranke seine beiden Hände gelegt. Sie sahen aus wie von Blut übergossen. Mit halb geschlossenen Augen blickte Friedl auf dieses brennende Rot, während Benno erzählte, dass bei der lange dauernden Hitze sich auf den Almen die Seuchenfälle zu mehren begännen, und dass man in den herzoglichen Jagden schon gefallens Wild gefunden hätte. „Im heurigen Sommer hat die Sonne viel auf dem Gwissen!“

„Und es is doch so was Schöns ums Sonnenlicht! Von der Sonn, da kommt doch ’s ganze Leben auf der Welt!“ Friedl seufzte. „Aber freilich, wo Licht is, da findst auch den Schatten gleich bei der Hand. Da hab ich schon oft drüber nachdenkt. Der liebe Herrgott muss doch hundert Mal gscheider sein als aller Menschenverstand? Warum hat er’s denn nacher auf der Welt so eingricht, dass alles Schöne sei’ wilde Seiten haben muss, und dass dem Menschen in der liebsten Freud der härteste Wehdamm net erspart bleiben kann? Schauen S’, Herr Dokter, wann ich so allein draußen war in die Berg, da hab ich oft so sinnieren müssen – und da sind mir oft Sachen eingfallen, wo ich mich gfragt hab, wie unser allmächtiger Herrgott so ebbes zulassen kann. Es is grad, als ob er diemal mit seine Engel und Heiligen so viel Schererei hätt, dass er auf uns arme Menschenleut ganz vergisst.“

Benno fühlte sich seltsam berührt von diesen Worten. Das war Pessimismus in seinem naivsten Urzustand! Schon wollte er zu Friedl in einfachen, verständlichen Worten von dem Trost reden, den der Mensch gegenüber der dunklen härte des Schicksals aus dem Bewusstsein des eigenen Wertes schöpfen muss. Da fühlte er seine Hand umfasst. Und Friedl sagte: „Herr Dokter, ich hätt a Bitt!“

„Was denn, Friedl?“

„Wann S’ so gut sein möchten und den Fensterladen aufmachen, dass ich d’ Sonn a bissl sehen kunnt!“

„Aber gern!“ Benno ging zum Fenster. Die Scheiben klirrten. Und die Läden knarrten in ihren Angeln, als Benno sie aufstieß, dass sie polternd an die Außenwand der Hütte schlugen. Breit und rot flutete die Abendhelle in das Stübchen und über Friedls Lager. Gerade dem Fenster gegenüber stand die Sonne, halb schon verschleiert von den Bäumen eines fernen Berggrates.

Vor der ersten blendenden Lichtfülle hatte Friedl die Hand über die Augen decken müssen. Als aber Benno wieder bei ihm saß, blickte der Jäger mit leuchtenden Augen in den Rotglanz des sinkenden Gestirnes.

„Schauen S’ hin, Herr Dokter! Sieht’s net aus, als ob von der Sonn ’s dicke Blut niederfließet über Bäum und Felsen. Wann ich dös so betracht, da kommt’s mir für, als ob uns der Teufel ’s Licht net vergunnt und Tag für Tag die schöne Sonn abischießt vom Himmel. Und d’ Sonn steigt hinter die Berg, wie d’ Leut sagen: Ins Meer – grad wie a kranker Hirsch, der ’s Wasser sucht in der Nacht, dass er z’ morgenst mit frische Kräft wieder aufsteigen kann nach der Höh.“ Friedl richtete sich in den Kissen auf, um die Sonne länger zu sehen, die langsam hinuntertauchte hinter die brennenden Baumwipfel.

Staunend hatte Benno das Gesicht des Jägers betrachtete, diesen dürstenden Mund, diese heißen, in Sehnsucht träumenden Augen. Der weiße Bund, der die Stirn des Kranken deckte, war vom Schein des Abends rot überhaucht. Doch was die sonst so blassen Wangen jetzt so glühend rötete, das war nicht nur die Sonne.

„Friedl? Wie kommst du zu solchen Gedanken?“

Ein müdes Lächeln zuckte um den Mund des Jägers. „Ich glaub, sie kommen zu mir. Da druckt’s mir allweil d’ Seel und ’s Herz a bissl zamm, und nacher hab ich so ebbes im Kopf drin.“ Er deutete nach der Sonne. „Schauen S’ hin, wie s’ verblutet! ’s letzte Tröpfl rinnt ihr aus! Und allweil tiefer geht’s abi. Und die goldigen Wölkerln ziehen hinter ihr nach, als wären s’ verliebt drein! Verliebt! Da – d’ Sonn is drunt – und d’ Nacht kommt. Pfüet dich Gott, du liebe Sonn!“ Er sank in die Kissen zurück, und tiefe Atemzüge hoben seine Brust. „Grad so is mein bissl Glück versunken“, sprach er flüsternd vor sich hin, „versunken in d’ Nacht! Grad, wie ich denkt hab, es scheint mir am allerschönsten!“

Aus diesen Worten klang eine Wehmut, die Benno ans Herz griff. Er glaubte, der Jäger meine seine Lebenssonne und fürchte, dass er nicht mehr genesen würde. Drum sagte er: „Geh! Wer wird denn so unvernünftige Gedanken haben! Es geht ja schon ganz gut mit dir! Lass nur noch acht Tage vorbei sein, dann springst du wieder auf deine Berge hinauf wie der Gesündeste!“

„Freilich, ja! Aber ich sag meim Leben kein Vergeltsgott net! Mei’ Herzenshoffnung war mein Leben, und seit ich kein Bröserl nimmer hoffen därf, bin ich a Gstorbener, und müsst ich auch auf der Welt noch rumlaufen hundert Jahr! Weswegen hab ich denn dös verdient? Ich brauchet nix fürchten für meine Seelenheil, und wann mich unser Herrgott an Ewigkeit lang brennen lassen möchte für jeden unguten Gedanken, den ich gegen dös Mald im herzen tragen hätt. Sie war mein Denken und Schnaufen, sie war mein Weg und Steg, sie war mein Auf und Nieder seit meiner Kindheit an. Muss man denn in der Welt sein Glück noch teurer zahlen, als wie’s ich hab zahlen müssen? ’s Madl und ’s Kind – ich weiß net, wer mir da lieber gwesen is. Und am selbigen Tag noch, in der Fruh, da war ich der glücklichste Mensch von der Welt! Und auf d’ Nacht –“ Friedl bedeckte das Gesicht mit den Händen. „Ich hab’s doch selber erlebt – und trotzwegen will’s mir noch net eini in mein’ harten Schädel! Allweil und allweil rührt sich ebbes in meim Herzen und redt – und ich kann net glauben, wo ich doch glauben muss!“

„Aber Friedl? Was ist dir denn?“, fragte Benno bestürzt, während er dem Kranken die Hände herunterzog.

Mit heißen Augen sah Friedl zu ihm auf. „Ah ja! Sö wissen noch net, wie d’ Menschen sind! Und wie man bedankt wird auf unserer Welt. Ich will’s Ihnen verzählen. Und wann S’ alles wissen, nacher sagen Sö mir an Rat. Ich selber weiß mir kein’.“

Mit erregten Worten sprach er weiter, und Benno lauschte der leidvollen Geschichte dieses treuen Herzens.

Die Schatten des Abends schlichen durch das Fenster herein. Als Friedl zu Ende gesprochen hatte, lag schon die tiefe Dämmerung in der Stube.

„Das ist freilich eine sorgenschwere Geschichte!“, unterbrach Benno das lange Schweigen, das nach dem letzten Wort des Jägers entstanden war. „Aber dir macht sie keine Unehr, Friedl! Und schau, nach allem, was du mir erzählt hast, will es mir nicht in den Sinn, dass das Mädel so falsch an dir hätte handeln können, wie es freilich den Anschein hat. Wer kann wissen, ob sich der Blasi nicht auf irgendeine Weise den Eintritt in die Hütte erzwungen hat? Und schau – wer kann in der Hast und Aufregung immer gleich das Richtige finden. Menschen, die das können, sind selten. Und denk nur: Was wär dir selber alles erspart geblieben, wenn du kurz entschlossen nach deiner Dienstpflicht gehandelt und den Blasi vor dem gespannten Gewehr heruntergeführt hättest zum Förster.“

Friedl wollte sprechen, aber Benno ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Das soll für dich kein Vorwurf sein! Ein Sprichwort sagt: der hat gut reden, der weit vom Schuss ist. Ich kann mir vorstellen, was dir bei deiner Liebe zu dem Mädel da droben durch den Kopf gefahren ist. Und doch hast du getan, was ein anderer schwer versteht. Kann es so ähnlich nicht auch bei der Modei gewesen sein? Das ist doch leicht zu denken, dass ein Mädel bei so was stumm und ratlos wird vor Angst und Schreck. Vielleicht hat sie selber den Blasi in die Hütte hinein geschoben, um ein Zusammentreffen mit dir zu verhindern, bloß weil sie sich um dich gesorgt hat, um dich allein!“

Friedl umklammerte Bennos Hand. „Herr Dokter, wann ich Ihnen so reden hör, is mir grad, als ob mir jeds Wörtl an Zentner vom Herzen nähm! Am liebsten möcht ich noch in der jetzigen Stund auffispringen auf d’ Alm und zum Madl sagen: ‚Schau, an andrer hat besser denkt von dir als ich –s ag mir, dass er recht hat, und durchs ganze Leben will ich’s abbüßen in Lieb und Treu, was ich an dir versündigt hab!“

„Langsam, langsam, Friedl!“, fiel Benno ein, der in Sorge war, dass er zuviel des Guten gesagt und in Friedl eine trügerische Hoffnung erweckt hätte. „Brennt bei dir schon wieder die Lieb mit der Einsicht durch? Hoff du fürs erste nichts, gar nichts! Aber nimm dir vor, mit ruhigem Blut der Wahrheit nachzugehen, sobald du wieder frisch und gesund auf genagelte Sohlen kommst.“

„Wann’s nur so leicht wär, Herr Dokter: Ein’ Tag um den andern so hinwarten müssen –“ Friedl schwieg und blickte zur Tür hinüber.

Seine Mutter trat ein und brachte einen Teller mit Suppe. „So, Bub, da hast a bissl ebbes!“

Während Friedl aß, stand sie zu Füßen des Bettes und plauderte mit Benno über das merklich gebesserte Aussehen des Sohnes.

Nun reichte ihr Friedl den leeren Teller. „Wer is denn drüben beim Kind?“, fragte er.

„Niemand. Es hockt am Boden und häuselt.“

„Geh, bring mir’s a bissl ummi!“

Die alte Frau verließ die Kammer.

„Herr Dokter“, sagte Friedl, schwer atmend, „Sö haben mir a Wörtl gsagt, dös mir hart auf d’ Seel gfallen is. Ich hätt nach meiner Dienstpflicht den Blasi runterführen müssen zum Förster! Und ich – ich hab ihn laufen lassen! Der Modei z’ lieb. Schon selbigs Mal am Heimweg hab ich mir denken müssen, dass ich mich am Dienst versündigt hab. Und seit ich aus’m Fieber aufgwacht bin, lieg ich allweil in der ewigen Angst, ob net der Förster jede Minuten da einikommt zur Tür und ’s Verhören anfangt –“

„Da mach dir keine Gedanken!“, unterbrach ihn Benno. „Der Förster ist heute gar nicht daheim, und wenn er kommt, will ich ihn abfangen und in aller Ruhe mit ihm reden.“ Er stand vom Sessel auf. „Für heut haben wir schon ein bissl zuviel miteinander geschwatzt. Ich will hoffen, dass es dir nicht von Schaden ist. Schau jetzt, dass du schlafen kannst! Und mach dir keine unnötigen Sorgen! Es wird alles noch recht werden! Also, gut Nacht!“

„Gut Nacht, Herr Dokter! Und tausend Mal Vergeltsgott!“ In den Augen des Jägers leuchtete ein dankbarer Blick. „Aber gelt, morgen kommen S’ wieder ummi zu mir?“

„Natürlich! Also gut Nacht jetzt!“

„Gut Nacht!“

Benno ging, während die Mutter das Franzerl brachte, das lachend und zappelnd die Ärmchen nach dem Jäger streckte. –

Am andern Morgen durfte Friedl für ein paar Stunden aufstehen. Die wunde an seiner Wange fing zu verharschen an, so dass er den Verband ablegen konnte. Mit dem Fuß sah es noch übel aus; der schmerzte auch beim vorsichtigsten Auftreten noch empfindlich; das käme nur von einer Sehnenschwellung, meinte der Arzt, die sich bei mäßiger Bewegung rascher beheben würde als in der Ruhe. –

Gegen Abend kam der Förster nach Hause. Benno, der ihn an der Tür erwartet hatte, ging ihm nicht mehr von der Seite. Und nach dem Abendessen, als die beiden mit ihren qualmenden Pfeifen allein waren, erzählte Benno dem Förster alles, was er wusste, und schilderte ihm die drückende Sorge, die dem Friedl das Jägergewissen beschwerte.

„Du mein Gott, ich kann ihm den Kopf auch net abireißen!“, meinte der Förster. „Ich hab mir’s eh gleich denkt, dass so a verruckte Liebsgschicht dahinter steckt. Und der Lenggrieser Dokter hat’s natürlich kennt, dass der Friedl am Backen an Streifschuss hat. Wie mir die Alte gsagt hat, dass der Friedl am selbigen Nachmittag bei der Modei droben war, hab ich mir denkt: Da musst a bissl nachschauen! No ja, und da bin ich nacher auffi auf d’ Alm. Meiner Seel, ’s Madl hat mich erbarmt – so verweint hat’s ausgschaut. Und kaum a Wörtl hab ich aussibracht aus ihr. Lang hab ich allweil so rumgredt, bis ich am End kurzweg gfragt hab, ob’s wahr is, dass der Friedl am Sonntag heroben war. ’s Mald hat bloß an Deuter gmacht. ‚Und was war denn nacher?’, hab ich gfragt. Da hat’s mich angschaut mit kugelrunde Augen, hat d’ Händ vors Gsicht gschlagen und hat zum zittern angfangt wie an arme Seel, dö ’s Fuier spürt und net weiß, ob’s in d’ Höll kommt oder bloß ins Fegfuier. Was hab ich da weiter machen können? Ich hab mir halt denkt: Wartst es ab, bis der Friedl selber redt! Und bin wieder abgeschoben.“

„Haben Sie dem Mädel gesagt, was mit dem Friedl auf dem Heimweg passiert ist?“

„Gott bewahr! So gscheid war ich schon, dass ich den Schnabel ghalten hab. Dö Gschicht mit’m Steinschlag is mir net plausibel gwesen. Ich hab mir eh gleich denkt: Da stinkt ebbes in der Fechtschul. Hat ’s Madl a Schuld dran, so hätt ihr jeds unfürsichtige Wörtl bloß an Weg zum Aussilügen aufgwiesen. Kann aber ’s Madl nix dafür – so hab ich mir denkt – und hat’s ebbes mit’m Friedl, da kunnt ’s an schauderhaften Schreck davon haben. Umsonst muss man d’ Leut net plagen. ’s Maulhalten is gscheider.“

„Und jetzt, da Sie alles wissen – was wollen Sie tun?“

„Dem saubern Herrn Blais wird vor allem ’s Handwerk glegt. Gleich morgen schick ich an Bericht nach Tölz eini! Also, sei’ Büchsen hat er droben bei der Hütten liegen lassen? Wer weiß, ob er’s schon gholt hat? Jedenfalls schick ich bei Glegenheit den Hies drum auffi. Wann der Blasi ans Wiederkommen denken möchte, soll’s ihm der Hies versalzen! Und jetzt kommen S’, Herr Dokter, jetzt schauen wir mitanand a bissl ummi zu dem verleibten Heuschniggl!“

Als sie hinüberkamen und in die Stube traten, saß Friedl am Tisch und baute dem Franzerl ein schönes Kartenhaus.

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