Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

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      Ludwig Ganghofer
         Der Jäger von Fall
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Kapitel 10

Hinter Modeis Hütte saßen sie alle beisammen, denen Friedl sein lustiges Lied gesungen hatte. Freilich, mit dem Jäger war auch der rechte Frohsinn verschwunden. Die Art seines Abschiedes hatte allen zu denken gegeben. Aber keines sprach seine Meinung offen aus. Immer wieder stockte das Gespräch – und als Gori auf der Zither ein paar altersgraue Schnaderhüpfeln zum Besten gab, fand er wenig Anklang.

Modei war verloren für jede Unterhaltung. Kaum vermochte sie die Unruhe zu verbergen, die an ihr nagte. Unter dem Vorwand, den Tisch zu räumen oder was zu holen, verließ sie immer wieder ihren Platz. In der Almstube stand sie klopfenden Herzens vor der Kammertür und lauschte, ob nicht das Büberl erwacht wäre – oder sie trat geräuschlos in den kleinen, kühlen Raum, ließ sich auf den Boden nieder, hauchte einen Kuss auf die im Schlummer glühende Wange des Kindes und blieb, bis ihre wachsende Unruh sie wieder aus der Hütte scheuchte. Einmal traf sie an der Hüttenecke mit dem Bruder zusammen. „Lenzl!“, stammelte sie. „Ich halt’s schier nimmer aus vor lauter Angst.“

„Was? Angst?“ Seine Stimme hatte harten, fast boshaften Klang. „Um den ein’ oder um den andern?“

Mit ihren trauernden Augen sah sie ihn schweigend an, tat einen schweren Atemzug und ging zurück in die Hütte.

Unter leisem Lachen streckte sich der Alte, hob die Fäuste und knirschte gegen die Berghöhe: „Wart, Mannderl! Heut kunnt der Tanzboden ebba noch ausrucken!“ Wie ein Erwachender sah er um sich her und murmelte: „Wo bin ich denn wieder gwesen?“ Beim Kaffeetisch hinter der Hütte fand er einen lustigen Spektakel. Da hatten sie den Veri und die Punkl hintereinander gesetzt. Vor Zorn pippernd, mit den Fäusten rudernd, knirschte die Alte: „Was? Ich, sagst, ich soll schuld dran gwesen sein, dass selbigs Mal vor a zwanzg a dreißg Jahr mit uns zwei nix füranand gangen is? Ah na! Ah na!“

„Lass mir mei’ Ruh!“, knurrte der Nachtwächter von ehemals.

„Ah na! Ich bin allweil a verstandsams Weiberleut gwesen. Ich hab allweil begriffen, was für a kostbars Gut die Gsundheit is. Aber du warst der Unverstand. Du Leimsieder, du gsundheitsfeindlicher! Gar net a bissl ebbes hast dir traut. Gar nix, gar nix, noch viel nixer als gar nix. Mach Reu und Leid und sag aufrichtig, ob’s wahr is oder net!“

„Ah!“ Diese erbitterte Verneinung aus seiner Torkelseele herausgurgelnd, wälzte Veri sich auf die Seite, vergrub das Gesicht in den Armen und wurde heftig vom alkoholischen Bock gestoßen.

Weil seine Schulterstöße anzusehen waren wie das Zucken eines Schluchzenden, verwandelte Punkls Empörung sich in klagende Rührseligkeit. „Gelt, siehst es endlich amal ein, wie viel ich deintwegen leiden muss?“ Mit hohen Gicksern fing sie zu weinen an. „Wann den angstifteten Schaden wieder – gutmachen willst – nacher kann ich auch net so sein – und – in Gotts Namen –“ Während sie schnuffelnd mit der einen Hand über Augen und Nase fuhr, streckte sie versöhnlich die anderen fünf Finger. „Da hast – mei’ Hand – du reumütigs Mannsbild, du!“

Einen galligen Zug in der sonst so zufriedenen Säuferphysiognomie, wackelte der Bekneipte sich mühsam vom Rasen in die Höhe. „Mei’ Ruh lass mir!“ Die leere Kraxe wie ein Kinderwägelchen hinter sich herziehend, taumelte er über den Berghang hinauf.

Entgeistert guckte ihm die Alte nach. Als sie den lustigen Rumor der anderen hörte, drehte sie sich wütend um. „Was is denn jetzt dös für a dumms Glachter? Heut hat er halt a bissl z’viel aufgladen, der Meinig. Wann er morgen sein Räuscherl ausgschlafen hat, so wird er schon mit ihm reden lassen.“

Da gewahrte Monika den Lenzl, der die Hände als Sonnenschirm über den Augen hatte und immer gegen den Bergwald hinaufspähte. „He, du, was speggalierst denn allweil da auffi?“

„Ich? So schauen tu ich halt a bissl – kunnt sein, dass heut noch a Wetter kommt! A grobs!“

„Was? A Wetter?“, lachte Gori. „Geh, du Narr! Aus’m Tirol glanzen die Berg ummi wie Glas. Und die verwunschene Alm schaut her, so weiß wie a frisch gwaschens Jungfernhemmed.“

Alle guckten sie zu der breiten Bergscharte hinauf, durch die aus blauer Weite die Zillertaler Gipfel mit ihrem silberweißen Ferner herüberblickten. Und Philomen fragte: „Was muss denn auf der verschneiten Alm da drüben passiert sein, dass man’s die verwunschene heißt?“

In erregter Heiterkeit antwortete Lenzl: „Dö Gschicht, dö hat sich vor tausend Jahr schon zutragen. Da musst die Punkl drum fragen. Dö is selbigs Mal schon Sennerin gwesen.“

Die Schwerhörige, mit dem Rest der Kaffeekanne beschäftigt, hatte ihren Namen vernommen. „Was hast gsagt?“

Philomen schrie ihr ins Ohr: „Dö Gschicht von der verwunschenen Alm sollst verzählen!“

„Ja, ja, dös is a schöne Gschicht. Tut senk herhocken! Jaaa, da drüben, wo jetzt der ewige Schnee liegt, da is vor viele hundert Jahr die schönste Alm gwesen. ’s Viech hat glanzt vor lauter Fetten, is kugelrund gwesen und hat Milli geben, ich kann gar net sagen, wie viel!“

Modei kam aus der Hüte. In ihrer quälenden Unruh hörte sie nicht, was am Tisch geredet wurde. Und immer irrten ihre Augen.

„Jaaa, Leutln, auf der selbigen Alm, da sind drei Sennbuben gwesen, einer a gottsfürchtiger, und zwei waren grausame Sünder.“

„Die schlechten sind allweil die mehrern!“, nickte Philomen.

„Was dö alles trieben haben! Dös is gar net zum glauben. Mit Kaaslaibln haben s’ d’ Hütten pflastert aus Übermut, und Kegel habens s’ gschoben mit die Butterballen.“

„Dös hat net weh tan“, meinte Gori, „wann’s dem Kegelbuben auf d’ Füß gangen is.“

Die Punkl hatte sich bekreuzigt um der Sünde willen, von der sie da erzählen musste. „So haben sie’s trieben, ja! Aber wann a hungriger armer Teufel kommen is, haben s’ Steiner ins Wasser glegt und haben s’ ihm geben als Nachtmahl. Oft hätt so a Verirrter verschmachten müssen, wann ihm der Gottsfürchtige net heimlich a Trumm Kaas zugschoben hätt. Deswegen haben ihn dö zwei Sündhaften wieder gmartert, den Gottsfürchtigen. Und dös hat sich gstraft.“

Die Spannung am Tisch erhöhte sich.

Den Zwiebelkopf zwischen die Schultern ziehend, machte Punkl sonderbare Bewegungen mit dem Zeigefinger. „Amal, auf’n Abend zu, is wieder a Fremder in d’ Hütten kommen, a magrer, langer, langer, endslanger Kerl –“

„Jöises“, staunte Philomen, „der is ja so lang, dass er gar nimmer aufhört!“

„Rappenschwarze Haar hat er ghabt und zwei Mordstrumm Augen wie brennheiße Glutbrocken –“

„Net schlecht!“, warf Binl ein. „Dös wär einer für der Punkl ihr Gsundheit gwesen.“

„Und der hat gsagt –“ Punkl fiel ins Hochdeutsche. „Üch habe ain Verlangän.“

Gor schüttelte den Kopf. „Wann er die Alte gsehen hätt, glaub ich kaum, dass er’s gsagt hätt.“

„Üch habe ain Verlangän, hat’rrr gsagt, gäbet mür zu ässen und zu drünken! Und da haben ihm die zwei Sündhaften wieder Wasser mit Steiner geben. Und selber haben s’ die größten Brocken Kaas verschluckt.“

In Monika rührte sich die barmherzige Seele. „Dö müssen schön Magendrucken kriegt haben.“

„Und auf amal –“ Geheimnisvoll ließ Punkl den Zeigefinger kreisen. „Auf amal, da fangt er zum Lachen an, der lange, lange Lange –“ Sie ahmte mit tiefer Stimme ein diabolisches Gelächter nach. Es klang, wie wenn ein Rehbock schreckt. „Und gsagt hat er:

Heut auf d’ Nacht
Werds alle umbracht.
Zwei werden gschunden grausi,
Den dritten schmeiß ich durchs Hüttendach außi!

Und wie er’s gsagt ghabt hat, da is er verschwunden – fffft – weg is er gwesen.“

Den Mädeln wurde gruslig zumut, und Monika konstatierte: „Dös war der Tuifi.“

„Jöises“, fieberte Philomen, „wird’s da nach Schwefel gstunken haben.“

„Dös kannst dir denken!“, nickte Punkl. „Und in der Nacht, wie’s auf zwölfe gangen is, da kommt a schauberhafts Unwetter.“ Ihre Hand machte eine flinke Bewegung im Zickzack. „A Blitz fahrt abi, und nacher tut’s an Kracher –“ Punkl schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch, dass die Löffel hüpften und die Tassen klingelten. Im gleichen Augenblick fiel droben im Wald ein Schuss – jener zweite Schuss des Wildschützen – und wie Donner rollte das Echo über die Felswände. Die drei Sennerinnen kreischten in ihrem abergläubischen Schreck. Dann herrschte beklommenes Schweigen am Tisch, und eines guckte das andre an.

Modei tastete nach einer Stütze. „Schwester!“, stammelte Lenzl und umschlang die Wankende. „Was hast denn?“

„Mir is net gut!“ Mit geschlossenen Augen fiel ihr Kopf auf die Schulter des Bruders.

„Was is denn mit der Modei?“, fragte Monika und erhob sich.

„Nix, nix!“, brummte Lenzl. „’s Madl is halt a bissl schreckhaft.“ Er wandte sich zur Schwester. „Komm, ich führ dich in d’ Stuben eini! Da kannst dich niederhocken in Ruh und a Tröpfl Wasser trinken.“ Er führte sie um die Hüttenecke.

„Kunnt sein, sie hat a schlechts Gwissen?“, kalkulierte Philomen. „Dös druckt allweil auf’n Magen, wann vom Tuifi d’ Red is.“ Ungeduldig schrie sie in Punkls Ohr: „Tu weiterverzählen! Gar net derwarten kann ich’s, bis er ihnen ’s Gnack umdraht. So ebbes is soviel schön!“

„Du!“, flüsterte Gori seinem Kameraden zu. „Da droben, mein’ ich, kunnt’s ebbes geben haben!“ Der andere zwinkerte mit den Augen und nickte.

„Wo war ich denn gleich?“ Um die Sinne zu sammeln, fasste Punkl mit beiden Händen ihren Kopf. „Ja, also, an Kracher hat’s tan, und d’ Hüttentür springt auf, und der rappenschwarze, lange, lange Kerl kommt eini –“

Monika schnatterte: „Mar’ und Joseph!“

„Kommt eini! Und packt den Gottsfürchtigen bei die Haxen und schmeißt ihn aussi durchs Hüttendach. Aber gar nix hat er gspürt, der Gottsfürchitge. Und gahlings is er dringlegen im schönsten Gras, so gmütlich, grad als ob er einigfallen wär zu mir ins Bett.“

„Vor so ebbes soll mich unser Herrgott behüten!“, sagte der Schnaderer-Hans von Winkel und bekreuzigte sich fromm unter dem Staunen der anderen.

„Jaaaa, Leutln“, erzählte Punkl, „und in die Lüft, da ha’ts zum Schneien angfangt, dass alles weiß war in der Nacht. Und aus der sündhaften Hütten hat der Gottsfürchtige zwei schauderhafte Brüller ghört –“

„Jetzt hat s’ der Tuifi in der Arbet!“, pipperte die aufgeregte Philomen, die ebenso reichlich mit Phantasie wie mit Speck gesegnet war. „Jetzt hat er s’ beim Gnack! Jetzt hat er s’! Herrgott, is dös ebbes Schöns!“

„Und alle Knöcherln hat er ihnen auf Bröserln druckt, grad dass man’s hören hat können – gnaaak, draaak, gwaaak – und nacher is a Schnee gfallen, und Schnee, und Schnee, und Schnee –“

Monika schauderte: „Geh, hör auf, es tut mich schon völlig frieren!“

„Und Schnee und Schnee und Schnee! Und wo ehnder amla die schönste Alm war, da hast nix mehr gsehen als lauter Schnee. Den hat kei’ Sonn nimmer gschmolzen, und z’ mittelst im Sommer liegt er da, wann umundum alles blüht. Und heutigentags noch heißt man’s die verwunschene Alm. Jaaa, Leutln, oft sagt einer: Dös is net wahr! Aber ich glaub’s, ich glaub’s, ich glaub’s – ich glaub alles!“ Hurtig fischte sie aus der Schüssel eine knusprige Nudel heraus und biss hinein, dass es krachte.

Kleinlaut sagte Monika: „Da mach ich a heiligs Glöbnis drauf – ich lass kein’ nimmer bei der Hütten vorbei, a jeder kriegt ebbes zum Essen, a jeder därf schlafen bei mir.“

„Da komm ich heut noch!“, schmunzelte der Hansl und bekam von seiner Binl einen festen Puff. „Weiter“, mahnte das Mädel, „heim, heim, heim! Mir brennt der Boden unter die Füß.“ Auch die Philomen ließ ihren Groi nimmer aus und tuschelte ihm an den Hals: „Heut Nacht, da bleibst bei mir in der Hütten. Sonst muss ich mich fürchten.“ Sie bekreuzigte sich ununterborchen, so lang, bis alle zum Aufbruch fertig waren, ausgenommen die alte Punkl, die beharrlich hochen blick und eine Nudel um die andere verschluckte. „Du“, schrie ihr die Monika ins Ohr, „kriegst denn gar net gnug?“

Traurig kauend, klagte die Alte. „Was hilft’s mir? Gsund machen tut’s mich doch net.“

Als die Wandergäste zur Hütte kamen, fanden sie Modei auf der Bank neben der Türe. „No, wie schaut’s denn aus mit dir?“, fragte Philomen. „Is dir a bissl besser?“

„Ah ja!“, nickte Modei. Ein müdes Lächeln verzerrte ihren Mund. „Wollts denn schon fort?“ Sie erhob sich und streckte die Hand. „An andersmal halt! Ich will en knet aufhalten. Ös habts an weiten Heimweg.“

Lenzl kam aus der Hütte, man schwatzte noch eine Weile, und dann wanderten die zwei Paare vom Scharfreiter über den Steig hinunter, während Punkl und Monika hinaufstiegen zu ihren Hütten. „Dö Geschichte hättst net verzählen sollen!“, sagte das Mädel. „So schön lustig war’s ehnder. Und jetzt! Völlig kalt is mir’s in der Magengrub.“

Noch immer kaute die Alte. „Was hast gsagt?“

Monika presste die Hand auf die Mitte ihres runden Lebens und brüllte: „Da drinn – ebbes Kalts tu ich allweil spüren, ebbes Kalts.“

„Ah naaa!“, grinste Punkl verschämt. „So dumm bin ich net. A bissl ebbes versteh ich schon von der Lieb. Jaaa, d’ Lieb is ebbes Warms – sagen d’ Leut.“

Die beiden verschwanden hinter den Latschenstauden, bis zu deren Nadelfahnen schon der Waldsaum sein langes Schattengezack herüberwarf.

Auch die Hütte war halb schon vom schleichenden Abendschatten umwoben.

Lenzl saß auf der Stubenschwelle. Flackernde Unruh in den Augen, lauschte er immer gegen die Kammer hin. Dort sang die Schwester. Das klang nicht wie ein Lied, es war wie ein leises Stöhnen in müder Qual. Nun schwieg die Stimme. Und nach einer Weile kam die Schwester und flüsterte: „’s Kindl schlaft wieder, Gott sei Dank!“

Der Bruder blieb stumm. Er sah nur die Schwester immer an.

Da trat sie aus der Hüttentür und krampfte die Hand in seine Schulter. „Lenzl! Halb umbringen tu mich d’ Angst!“

„Ah so? Wegen dem zweiten Schuss, meinst?“ Nach kurzem Schweigen sagte er hart: „Da brauchst net Angst haben! Der Blasi is a Feiner. Heut, am Sonntag, wird er gmeint haben, sind alle Jagdghilfen beim Scheibenschießen.“ Er lachte dünn. „Da hat er sich a bissl täuscht. Aber Angst? Ah na! Dem Blasi passiert net so leicht was.“

Unwillig schüttelte Modei den Kopf. „Ich mein’ ja net –“ Sie stockte, und die Blässe ihres Gesichtes verwandelte sich in Glut.

Schmunzelnd erhob sich Lenzl, wandte der Schewster den Rücken und machte sich mit dem Brennholz zu schaffen, das unter dem Schutz des vorspringenden Daches zum Trocknen an der Hüttenwand aufgeschichtet war. Schnell und eindringlich sagte er: „Arg gern muss dich der Friedl haben. Sonst hätt er dös schwere Kindl net bis da auffi tragen.“ Ein kurzes Lachen. „Oder meinst, es hätt sich der ander so plagt für dich?“

Lautlos presste Modei den Arm vor die Augen und ließ ihn wieder fallen, von einem Schauer gerüttelt. „Ich muss in d’ Hütten eini. Mein Kindl muss ich anschaun – oder ich halt’s nimmer aus.“ Sie wandte sich, blieb stehen, hob lauschend den Kopf und sah hinüber zu der Felshöhle, die nicht weit von der Hütte aus dichten Almrosenbüschen aufstieg.

Auch Lenzls Augen spähten da hinüber – Augen, in denen ein wildes Feuer brannte.

Droben, über dem Rand der Felsen, klang es wie flüchtige Sprünge auf lockerem Gestein. Nun kam es näher. Jetzt tauchte ein Kopf aus den Stauden.

„Blasi!“, schrie das Mädel erblassend.

Wie der Wilddieb herunterkam über die Wand, in der einen Hand die Büchse, mit der anderen da und dort nach einer Stütze haschend – das war kein Niedersteigen, es war wie ein Fallen und Stürzen. Kies und Erdstücke kollerten hinter ihm her, und pfeifende Steine schlugen in die Büsche. Und wie er aussah! An Brust und Armen war das Hemd zerrissen, und wo die Fetzen niederhingen, war die Haut bedeckt von blutigen Schrunden. Die Haare klebten ihm nass und wirr an den Schläfen, und das erschöpfte, mauerbleiche Gesicht war übergossen von Schweiß.

Keuchend wankte er auf die Hütte zu. „Modei! Verstecken musst mich! Der Jager is hinter mir!“

Unbeweglich, mit verstörtem Gesicht, mit schlaff hängenden Armen, stand das Mädel gegen den Pfosten der Hüttentür gelehnt. Und neben ihr schrillte in grausamer Freude die Stimme des Bruders: „Haben s’ dich amal! So hat’s kommen müssen! Hörst es rumpeln über deim Haardach? Tanzboden! Tanzboden, heut kriegst an Arbet!“ Unter irrem Lachen krampfte Lenzl die Faust um den Arm der Schwester. „Lisei! Her da zu mir! Dir lass ich nix geschehen –“ Seien erwachenden Augen irrten.

Atemlos hetzte Blasi über die Hüttenstufen herauf. „Mit jedem Schnaufer geht’s um mein’ Hals! Ich hab bloß noch a Schrotpatron in der Büx –“ Sein Blick huschte zum Wald hinüber. „Und der ander hat a Kugel im Lauf.“ Er taumelte zu dem aufgebeugten Holz hinüber und stieß die Büchse hinter die Scheiterbeuge. „Modei! Verstecken musst mich!“

Sie sagte tonlos: „Ich wüsst net, wo.“

„Bei dir im Bett. Da sucht mich keiner.“ Er wollte zur Hüttentür. Bevor er die Schwelle erreichte, sprang ihm Lenzl in den Weg und stieß ihn mit den Fäusten zurück. „Langsam a bissl! Solang ich da bin –“

„Du Narr! Meinst ebba, du zählst?“ Mit der Linken packte Blasi den Alten am Genick, mit der Rechten, presste er ihm den Mund zu und stieß ihn rücklings in die Hüttenstube, in deren Dunkel die lallenden Laute des Gewürgten erstickten. Modei wollte den beiden folgen, wollte wehren – und hörte hinter der Hütte einen jagenden Schritt. Eine Sekunde stand sie ratlos. Dann flog es wie ein Blitz der Erinnerung und des Entschlusses über ihr blutleeres Gesicht. Rasch zog sie die Hüttentür ins Schloss, riss Blasis Gewehr aus dem Versteck, klappte den Lauf auf, wie es ihr der Jäger einmal gezeigt hatte, zerrte die Patrone heraus, schleuderte sie hinunter in die Büsche und stieß das Gewehr wieder hinter die Scheiterwand.

Friedl erschien an der Hüttenecke. Beim Anblick des Mädels erzwang er seine Ruhe. „Modei?“

„Was?“ Wie versteinert war sie.

„Is da grad einer vorbei?“

„Kann sein – ich weiß net –“ Da sah sie das Blut an seiner Wange, und vor Schreck versagte ihr fast die Stimme. „Friedl! Jesus! Was hast denn?“

Er versuchte zu lachen. „Was soll ich denn haben?“

Sie jagte über die Stufen hinunter, mit erloschenem Laut. „Du blutest!“

„Ich? Bluten?“

Wortlos streckte sie die Arme.

Friedl griff nach seiner Wange, sah die Hand an und lachte. „Is schon wahr – so a bissl!“ Er ging zum Wassertrog und wusch das Blut von seinem Gesicht und lachte wieder. „Wird mich halt an Astl gstreift haben. Net amal gspürt hab ich’s. Und fort muss ich wieder. Gleich. Der Förstner, weißt –“ Während er hinüber sprang zum Talsteig, schwatzte er über die Schulter: „Wann ich net da bin bis um fünfe, muss der Lenzl unser Büberl abitragen – auf der Alm dürf ’s Kindl über Nacht net bleiben, es kunnt sich verkühlen. Pfüe Gott derweil!“

Aus ihrer Lähmung erwachend, sah Modei in tiefer Erschütterung den Jäger an, staunend in Qual und Freude. „Mensch! Was bist denn du für einer! Du bist wie der Christophorus.“

Lautlos öffnete sich die Hüttentür, Blasi sprang über die Schwelle, riss das versteckte Gewehr hervor und hob es an die Wange. Da schrillte hinter ihm die Stimme Lenzls mit gedrosselten Lauten: „Friedl! Decken musst dich!“ An Blasis Büchse knackte der Hahn. Und während Friedl sich wandte und das Gewehr zum Anschlag hinauf riss, starrte der Wilddieb in Bestürzung die versagende Waffe an, ließ sie aus den Händen fallen, sprang über die Stufen hinunter und brach vor Modei in die Knie. Das Gesicht in den Rock des Mädels wühlend, keuchte er: „Jetzt bin ich hin!“ Und droben bei der Hüttenschwelle schrillte das Gelächter des Alten.

Unter tonlosem Laut bedeckte Modei das Gesicht mit den zitternden Händen.

Langsam ließ Friedl die Büchse sinken. „Ah so?“ Sein Gesicht entfärbte sich, dass es wie Asche war. Nur der Blutfaden, der ihm von der Streifwunde über den Hals heruntersickerte, hatte Lebensfarbe. „Die alten Strick, scheint mir, heben noch allweil a bisserl.“ Er lachte heiser. „So ebbes kann dem gscheidesten Menschen passieren – einmal in der Wochen muss er a Schaf sein. Und heut hat’s mich troffen.“ Er ging zur Hütte und drehte auf den Stufen das Gesicht über die Schulter. „Da kannst jetzt denken, was d’ magst – ich tu, was ich muss.“ Während er über die letzte Stufe hinaufstieg, griff er nach seiner Wunde und sah die Hand an. „Blut? Is schon der Müh wert drum!“ Das Gewehr unter dem Arm, wollte er in die Hütte treten.

Von der Schwelle schrillte ihm die Stimme des Alten entgegen: „Friedl? Bin ich der Narr? Oder bist du einer? Mach kein’ Unsinn! Pack ihn zamm, den Saukerl, den gottverfluchten!“

„Wie, ruck a bissl!“, sagte der Jäger ruhig, schob den Alten mit dem Ellbogen beiseit und trat in die Sennstube.

Verdutzt hob Blasi den Kopf und sperrte die Augen auf.

Einen Schritt vor ihm zurückweichend, sagte Modei mit stählernem Laut: „Du – mach, dass d’ weiterkommst. Der Wasboden, über den a richtiger Mensch gangen is, vertragt kein’ söllenen, wie du einer bist.“

Blasi schnellte sich vom Boden auf, sprang zu den Stauden hinüber und blieb stehen. „Den hast dir aber gut dressiert! Pass auf, da komm ich bald wieder – wann’s bei dir so ungfahrlich zugeht.“ Lachend verschwand er hinter den Latschenbüschen.

Modei stand unbeweglich, mit dem Arm vor den Augen. Und über den Stufen droben setzte Lenzl sich auf den Stangenzaun und hob die gespreizten Hände zum Himmel. „O du heiliger Unverstand!“ Er ließ die Arme fallen und kicherte: „Jetzt hab ich allweil gmeint, dass ich verruckt bin. Derzeit sind’s alle andern – und ich bin der einzige mit Verstand!“

Der Jäger kam aus der Sennstube, hemdärmelig, hinter dem Rücken das Gewehr, auf dem Arm das schlafende Kind, über das er die Joppe gedeckt hatte. Mit dem Fuß stieß er Blasis Büchse beiseite, die auf den Stufen lag. „Sooo? Hat er schon flinke Füß gmacht? Freilich, Kurasch muss der Mensch haben. In Gotts Namen – und ’s Büberl trag ich wieder abi – es kunnt sich ebbes zuziehen da heroben.“ Als er an Modei vorüberging, sagte er bitter: „Heut bin ich a bissl unglegen kommen, gelt? Von morgen an hast die’ Ruh vor mir. Pfüe Gott!“

„Aber Mensch!“, kreischte Lenzl. „Sunst fallt dir gar nix ein?“

„Na!“ Der Jäger ging hinüber zum Steig.

„Friedl!“, schrie Modei mit erwürgtem Laut, rannte ihm wie eine Irrsinnige nach und umklammerte seinen Arm. „Lass dir doch sagen – Jesus, Maria –“

In Zorn befreite er sich von ihren Händen und wurde wieder ruhig. „Ja ja, is schon gut! Um ’s Kindl brauchst dich net sorgen. Dös is gut aufghoben bei meiner Mutter.“ Er räusperte sich, als wäre ihm was in die Kehle geraten, und ging mit jagendem Schritt davon.

Modei wollte schreien und hatte keinen Laut mehr. Sie wollte dem Jäger nachlaufen, taumelte mit zitternden Knien und strauchelte. Lenzl kam von der Hüttentür gesprungen, half der Schwester vom Boden auf und führte sie. Als sie auf die Stufen hinfiel und in Schluchzen ausbrach, sagte er: „No also! Jetzt tröpfelt ’s Wasser. Der Himmel is blau – und doch is a Wetter da!“ Sich aufrichtend, strich er langsam mit der Hand über seine Stirn. „Und was mit mir sein muss? Als wär mir ebbes aussigfallen aus’m Hirnkastl! Wie mich der Blasi drosselt hat – in der Stuben drin – da hab ich allweil a Fuier gsehen. A großmächtiges Fuier!“ Er machte eine wunderlich wilde Bewegung – wie einer, der ansetzt zu einem lebensgefährlichen Sprung. Dann löste sich plötzlich alle Spannung seines Körpers, und er hatte die Augen eines ruhig Erwachenden. „He? Schwester? Was is denn?“ Er rüttelte sie an der Schulter. „’s Wasser tröpfeln lassen? Und sunst kannst gar nix?“ Ein leises Lachen. „Hättst ihn halt net gehen lassen! Aber no, es wird schon so sein müssen, dass eim die besten Einfäll erst kommen, wann ’s Glöckl schon gschlagen hat.“ Er wandte das Gesicht zum Steig hinüber, und etwas Scheues, Feierliches war im Klang seiner Stimme. „Schwester! Jetzt weiß ich, was für an Menschen ’s Allerschwerste is.“

Sie klagte: „’s Elend tragen müssen, dös man verschuldt hat?“

„Na, Schwester! ’s Allerschwerste für an Menschen is: Verstehn, was gut sein heißt.“

Während sie langsam das Gesicht hob, ging er hinüber zum Steig und blickte hinunter in die Waldtiefe. Der Jäger war nimmer zu sehen; nur den Klapperschlag seiner Schuhe auf dem steinigen Bergweg hörte man noch. Lenzl lachte ein bisschen. „Von der Sonn weiß ich’s gwiss: Morgen kommt s’ wieder.“ Über die Schulter sah er zur Schwester hinüber. „Und der Mensch, sooft’s ihn abdruckt in d’ Nacht, der ruckt sich allweil wieder auffi. Drum muss er ebbes haben in ihm, was mit der Sonn a Verwandtschaft hat.“ Wieder spähte er hinunter in die schattige Tiefe. Dann schrie er einen klingenden Jauchzer in den Abend hinaus, dessen Himmel zu leuchten begann.

Diesen frohen Schrei hätte Friedl noch hören müssen, wenn seine Ohren nicht so taub gewesen wären, wie seine Augen blind. Er hetzte mit solcher Hast über den steilen Waldweg hinunter, dass er oft dem drohenden Sturz nur entging durch einen noch flinkeren Sprung. Nie des Weges achtend, immer mit dem Blick im Leeren, drückte er mit den Armen das wach gewordene, verschüchterte Kind an sich, als müsste er dieses kleine, hilflose Leben mit Gewalt hineinpressen in seine zuckende Seele. Unter seiner Stirne war ein Wirbel von Gedanken – keinen konnte er fassen und halten; an seinen Schläfen hämmerte das Blut; und die Streifwunde auf seiner Wange fing zu brennen und zu schmerzen an.

Als er zu einer Quelle kam, hielt er das Kind auf dem rechten Arm, tauchte mit der linken Hand sein Taschentuch in das Wasser und presste es auf die Wunde. Das tat ihm wohl. Die Kälte des nassen Tuches beruhigte ein wenig das tobende Blut. Aber je freier sein Kopf wurde, umso dumpfer fühlte er eine lähmende Müdigkeit in allen Gliedern. Und immer schwerer wurde die Last des Kindes auf seinem Arm.

Immer wieder blieb er stehen und lehnte sich zu kurzer Rast an einen Baum. Er fand keine Ruh, es trieb ihn heim. Kalte Schauer liefen ihm über den Rücken. Und es war doch die Sonne, nachdem sie schon gesunken, in einer Bergscharte wieder herausgetaucht und goss ihre warmen Strahlen auf ihn nieder durch das Gewebe der Äste!

Als könnte er diesen roten Glanz nicht ertragen, so schloss er immer wieder die Augen. Er tat es nur, um das Bild zu verjagen, das ihn quälte und nicht weichen wollte – das Bild des Mädels, dem die Angst aus den entstellten Zügen redete, die Angst um den Vater ihres Kindes, der sie verraten hatte – und dem zuliebe sie jenen verriet, dessen Herz ihr gehörte mit jedem Blutsstropfen!

Dann wieder war ihm, als hätte er nur einen wüsten Traum, aus dem er plötzlich erwachen müsste, um die liebe Wirklichkeit und das lachende Gesicht seines Glückes zu schauen. Aber die harten Steine auf seinem Weg, sie schreiende Qual in seinem Herzen, die brennende Wunde auf seiner Wange, das Kind auf seinen Armen – alles mahnte ihn: Das ist Wahrheit! Und dennoch konnte er diese Wahrheit nicht fassen, nicht begreifen. Er wusste nur, was er getan. Warum er so getan, und wem zu Nutz und Leibe – auf diese Frage fand er keine Antwort. Was musste ihm nur da droben durch den Kopf gefahren sein, dass er, im Augenblick der Entscheidung, seiner geschworenen Rache vergessen konnte, seines Jägerblutes und seiner Dienstpflicht, die ihm gebot, den Wilddieb zu fassen und vor den Richter zu liefern!

Die Hälfte des Weges hatte Friedl schon zurückgelegt, und in der Tiefe sah er schon die dunklen Felsklüfte der Dürrach. Da hörte er hinter sich die leichten Sprünge eines Tieres. Er brauchte sich nicht umzuschauen, um zu wissen, dass es sein Hund war, der wohl droben im Bergwald die von Blasi erlegte Gämse aufgespürt und nach langem Harren und Tot verbellen die Fährte seines Herrn gesucht hatte.

Friedl brachte es nicht über sich, dem Hund einen Blick zu gönnen. Bürschl trug die meiste Schuld, dass alles so gekommen war. Im ersten Groll, den Friedl gegen das Tier empfand, hätte er am liebsten die Büchse von der Schulter gerissen und dem Hund eine Kugel durch den Kopf gejagt! Doch er trug das Kind auf den Armen – und dann wieder schalt er sich selbst um dieser Regung willen. Er hätte voraus bedenken müssen, dass der Laut des Hundes ihm gefährlich werden konnte. Und war es denn nicht gerade die Treue des Tieres gewesen, die es bellend aufspringen machte gegen den Feind seines Herrn?

Auch Bürschl schien mit der Zurücksetzung, die er erfahren musste, nicht einverstanden. Winselnd stieß er immer wieder seine Schnauze an die Wade des Jägers.

„Hörst net auf!“ So hatte Friedl schon ein paar Mal hinunter gescholten zu dem Hund, dessen Zudringlichkeit ihn beim Gehen hinderte. Bürschl wollte nicht Ruhe geben. Unweit der Dürrachbrücke, wo rechts vom Pfad die Felsen sich niedersenken zur Tiefe des Bergwassers, während sie zur Linken steil emporsteigen, ließ Friedl sich endlich erweichen, beugte sich zu dem Hund hinunter, tätschelte ihm die fiebernden Flanken und hieß ihn durch eine Geste voraus springen auf dem schmalen Weg.

Als der Jäger sich aufrichtete, hörte er über der Felswand ein Knistern und Rascheln. Er blickte hinauf und sah einen großen Felsblock sich neigen, von dessen Rand zwei Hände sich lösten und verschwanden. Mit lautem Schrei wich Friedl einen Schritt zurück und deckte noch schützend seinen Arm über den Kopf des Kindes. Dann krachte und prasselte es nieder über die Steinecken der Wand, vor seinen Augen vorüber auf den Steig, den zerschmetterten Hund mit hinunter reißend in die Dürrachschlucht.

Auf Kopf und Arme waren dem Jäger die Steinsplitter geflogen, und ein schwerer Felsbrocken hatte seinen Fuß getroffen.

Grauen befiel ihn. Er jagte den Steig hinunter, wie von Sinnen die Arme um das Kind geklammert.

Die Wälder sah er tanzen und die Berge laufen. Und als er die Häuser erreichte, machten sie Purzelbäume – alle gegen seinen Kopf hin über das Franzerl weg.

Da war seine Stube – seine Mutter – er streckte ihr das Kind entgegen – „Jesus, Maria!“, dann brach er zusammen und stürzte mit Blut übergossenem Gesicht auf die weißen Dielen.

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