Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

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      Ludwig Ganghofer
         Der Jäger von Fall
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            Vorspiel
            Kapitel 1
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Kapitel 9

Als Friedl die Hütte umschritten hatte, fand er eine kleine Gesellschaft, die im Schatten des vorspringenden Daches beisammen hockte.

Auf einer Holzbank, die man aus der Almstube herbei getragen hatte, saßen Punkl, Monika und ihre Freundin von der Scharfreiteralm, die Philomena. Die war so breit, wir ihr Name lang war. Vor den dreien stand der Tisch, dessen Alter erst eine Stunde zählte: Zwei in den Boden gerammte Pfähle und ein darüber genageltes Brett. Auf dem Tisch, in dessen Mitte die mächtige Schüssel mit den frisch gebackenen, appetitlich aussehenden „Schucksen“, prangte, standen vier Kaffeetassen von verschiedener Qualität: Die eine wollte nicht mehr gerade stehen, an zweien fehlte der Henkel, und bei der vierten ließen nur noch kleine Flimmerchen am Rand erkennen, dass sie vorzeiten einen schmalen Goldreif besessen hatte. Die vier Blechlöffel, die zwischen den Tassen lagen, zeigten eine schaufelartige Größe.

Der alten Punkl gegenüber, auf einer zweiten Bank, saß die andere Sennerin vom Scharfreiter, ein schlank gewachsenes, pfiffiges Mädel, die Binl, zwischen zwei Bauernburschen, dem Schnaderer-Hans von Winkel und dem Gauveitl-Gori von Achental. Während Lenzl auf dem Rasen ein bequemes Plätzchen gewählt hatte, deutete eine umgestürzte Wasserbutte an der Schmalseite des Tisches den Platz an, der für Modei bestimmt war.

In kummervollen Klagetönen, unter dem Schmunzeln der lauschenden Gesellschaft, erörterte Punkl die medizinischen Schwierigkeiten ihres leidvollen Daseins. „Ich sag’s enk, Madln, lasst senk verwarnigen von mir, solang’s noch Zeit is, und tuts an enker kostbare Gsundheit denken! Wann a Mensch da ebbes versaumt, da kommen zwidere Folgen. Die ganze Nerviatur verschlagt sich aufs Konstiduziament. Dös is a Naturgesetz, hat der Doktermartl gsagt. Und da hab ich an argen Gsundheitsversaumnisfehler verübt. Soviel reuen tut mich dös. Und spaternaus wird’s allweil rarer mit die Kurglegenheiten.“ Sie seufzte tief. „Auf’n gestrigen Abend hätt ich soviel Zutrauen ghabt. Aber es hat halt net mögen, es hat net mögen.“

„Was mich anbelangt, ich sorg allweil fleißig für mei’ Gsundheit!“, erklärte Philomen mit ernster Breite. „Eh dass ich da ebbes versaum, bleib ich lieber amal von der Kirch daheim.“

„Ah, was, geh“, stichelte die Binl, „wer wird denn so unchristlich sein! Für’n Herr Pfarr muss man allweil ebbes übrig haben.“

Da gewahrte Lenzl den Jäger und sprang mit einem Jauchzer vom Rasen auf. „Ah, schu, der Friedl! Gar net träumen hätt ich mir’s lassen, dass du heut noch da auffi kommst.“ Er kicherte und wurde leise: „Ich wart schon allweil seit in der Fruh!“

Auch von den anderen wurde Friedl munter begrüßt. Nur Punkl schien in schlechte Laune zu geraten, weil sie durch den Anblick des Jägers an den unbarmherzigen Hies und an die Enttäuschung des verwichenen Abends erinnert wurde. „Du, dein Kamerad, dös is a schiechs Luder!“, schimpfte sie erbost. „Äpfelschmarren kann er fressen. Aber sonst kann er nix.“

„Da tust d’ Mannsbilder unterschatzen“, sagte Philomen, „wann s’ mögen, können s’ alles.“

Noch hatte Friedl mit Gruß und Handschlag die Runde nicht gemacht, als Modei den Kaffee brachte. „Sooo!“ Sie stellte das Geschirr auf den Tisch. Die Punkl fuhr gleich mit der Nase schnuppernd in den Duft. Als sie zugriff, um die Tassen zu füllen, sah man es ihrem Eifer an, dass sie flinker den eigenen Genuss als den ihrer Freundinnen beschleunigen wollte. „Zucker! Zucker! Wo is denn der Zucker?“

„Geh, Lenzl“, sagte Modei, „drin am Herd steht er.“ Lachend sprang sie dem Bruder nach und flüsterte: „Schau a bissl ins Kammerl eini! Aber stad!“

Als Lenzl zurückkam, schmunzelte sein ganzes Gesicht. „Jesses, Modei –“

Die Schwester tuschelte: „Sei stad und sag nix! Sonst rennt mir die ganze Gsellschaft eini und weckt mir’s Kindl wieder auf.“ Sie wandte sich zum Tisch. „Also, greifts zu! Jeder muss selber schauen, dass er ebbes kriegt. Zureden, dös gibt’s net bei mir.“

Punkl griff mit beiden Händen in den Schucksenberg. „Wer trutzt bei der Schüssel, der schadt sich am Rüssel. Essen muss der Mensch. Dös is a Grundbedingnus für alles, was Gsundheit heißt.“

Während die Gäste sich mit ihrem Kaffee und den frisch gebackenen Nudeln beschäftigten, über deren Vorzüglichkeit sie sich in langen Lobsprüchen ergingen, ließ sich vom Steig ein lautes Putzen und Schnaufen hören. Veri bog um die Hüttenecke, die leere Kraxe auf dem Rücken. Bedenklich schwanke der Alte hin und her. Gori sagte: „Mir scheint, der möchte seiltanzen und kann’s noch net recht. Kerl, du hast ja an Rausch!“

„Ah!“, verneinte der Alte energisch.

„A schöns Quantl musst aufgladen haben“, meinte Monika, „wann du’s net amal bis da auffi wieder ausgschwitzt hast!“

„Lass mir mei’ Ruh!“, brummte Veri, während er die Kraxe ablud und sich neben Lenzl in das Gras plumpsen ließ.

Friedl trat vor ihn hin. „Wann ich von dir nur amal an anders Wörtl hören möchte als dien ewigs ‚Ah’ und dein ‚Lass mir mei’ Ruh’. Was denkst denn eigentlich du den ganzen Tag?“

„Nix!“

„A bissl ebbes musst doch denken!“

„Wann du so dumm bist, ich net!“

Ein schallendes Gelächter. Und an Veris Worte knüpfte sich eine lange Debatte, ob der Alte mehr Ursache hätte, von sich zu sagen: Ich bin net so dumm, als ich ausschau! Oder: Ich schau viel dümmer aus, als ich bin!

Veri kümmerte sich wenig um die Unterhaltung, die auf seine Kosten geführt wurde. Lang ausgestreckt lag er auf dem Rasen, hielt die Hände unter dem Nacken verschlungen, guckte mit steifen Augen in den blauen Himmel und machte einen Versuch, zu pfeifen, sooft der Gauveitl-Gori an den Saiten der Zither zupfte, die er neben sich auf der Bank hatte.

„Was is denn, Gori?“, sagte Monika. „Zupf net allweil unterm Tisch! Leg s’ auffi, die Klampfern, und spiel a bissl ebbes! Und gsungen muss werden! Nacher wird’s erst fidel!“

„Was hast gsagt?“, fragte Punkl.

„Dass man ebbes singen soll!“

„Ja, ja, wer fangt denn an?“

„Du, weil du die Schönste bist!“

Ein kokettes Lächeln grinste über das Gesicht der Alten. „Na, schön bin ich net, aber –“

„Tugendhaft, mager und wüst!“, rief Monika lachend.

Gori hatte die Zither auf den Tisch gestellt und seinem Kameraden zugenickt. Nun begannen die beiden jenes alte, im ganzen Hochland gern gesungene Lied: Vom Hütterl beim Baum am Bacherl.

„Bei eim Bacherl steht a Hütterl,
Bei dem Hütterl steht a Bam,
Und sooft ich da vorbeigeh,
Find und find ich halt net ham.

In dem Hütterl haust a Maderl,
Is so frisch als wie a Reh.
Und sooft ich ’s Maderl anschau,
Tut mir ’s Maderl anschau,
Tut mir ’s Herzerl halt so weh!

Und dös Maderl, dös hat Äugerln,
Wie am Himmel drobn die Stern,
Und sooft ich d’ Äugerln anschau,
Möchte ich halber narrisch wern!

Und ich kann’s halt ne vergessen,
Ob ich wach bin, ob ich tram,
Allweil denk ich an dös Hütterl
Bei dem Bacherl, bei dem Bam.“

In Friedls heitere Stimmung schien das Lied mit seiner fast schwermütigen Melodie nicht recht zu passen. Immer klopfte er mit den Fäusten auf die Knie, um den Takt des Liedes zu beschleunigen. „Ich glaub gar, ös zwei seids eingschlafen!“, rief er den beiden Burschen zu, als sie das Lied beendet hatten. „Auf d’ Alm ghört ebbes Lustigs!“ Er griff nach der Zither. Da fuhr ihm was Flinkes und Schnaubendes auf den Schoß herauf. „Jesses, mein Bürschl!“ Lang und rot ließ der Hund die Zunge zwischen den Zähnen heraushängen und keuchte, dass ihm die Flanken zitterten; dazu schnappte er freudig winselnd an der Brust seines Herrn hinauf, der den Kopf wenden und den Hals recken musste, damit ihm Bürschl mit der zärtlichen Schnauze nicht ins Gesicht käme. „Du Tropf du! Bist am End gar daheim durch d’ Fensterscheiben aussi? Ich glaub, du hast es schon heraus, dass von mir keine Schläg net fürchten musst? Aber jetzt mach weiter!“ Lachend streckte der Jäger die Knie, so dass der Hund auf die Erde rutschte. Dann rückte Friedl die Zither zurecht und sang in flottem Tempo:

„Ich bin halt vom Gebirg,
Und ich hab a frisches Blut,
Und ich hab a treues Herz
Und schöne Federn auf’m Hut.
Schöne Federn auf meim Hut
Stehn mir sakrisch gut,
Und a Schnurrbart dazua,
Bin a lustiger Bua!“

Bei den letzten vier Zeilen hatte sich der Taktschlag der Melodie noch verschnellert, und während Friedl spielte und sang, patschten Lenzl und die beiden Burschen die Hände zusammen, und die Mädchen schlugen im Takt mit den Blechlöffeln an die Kaffeetassen.

„A Sennrin, dö hat’s gern,
Hat’s gern, wann einer kimmt,
Der neue Liedeln kann
Und schöne Sträußerln bindt;
Der schön jodelt und schön singt
Und sein Hütl lustig schwingt,
Der schön jodelt und schön pfeift,
Und um d’ Almen ummaschleift.

Der Bua klopft leise an
Bei der Sennrin ihrer Tür:
Liebe Sennrin, geh, mach auf
Und lass mich ’nein zu dir!
Ja ja, so sagt die Sennrin gleich,
Komm eini, Herzensbua;
Wir kochen uns a Rahmsuppen,
Und alles haben mer gnua!

Sie bleiben da beisamm
In stiller Einsamkeit,
Bis fruh die Sonn aufgeht
Und bis der Kuckuck schreit!
Und wann der Kuckuck kugezt hat,
Geht’s wiederum vom Platz,
Gschwind noch a Busserl, oder zwei,
Und pfüet dich Gott, mein Schatz!“

Ein klingender Jodler, in den die andern einfielen, schloss sich an das Lied. Dann schwiegen plötzlich die Saiten und der Jodler verstummte – von den Bergen hallte ein Schuss, und rollend ging das Echo über die Wände hin.

Weiß wie die Mauer, war Friedl aufgesprungen. Der da geschossen hatte, das war der Förster nicht und keiner von den Gehilfen. Die waren drunten in der Schützenhalle zu Fall! Friedls Augen blitzten über den Berg hinauf. Wo der Schuss gefallen war, das konnte nicht weit sein, kaum eine halbe Stunde von der Alm. Und nun sprang der Jäger wortlos vom Tisch und verschwand um die Hüttenecke.

Modei, als sie den ersten Schreck überwunden hatte, wollte ihm folgen. Da kam Friedl ihr schon wieder entgegen, die Büchse in der Hand, den Rücksack über die Schultern ziehend.

„Friedl? Was is denn?“

„Fort muss ich!“

Sie umklammerte seinen Arm. „Jesus! Wo musst denn hin?“

„Fort, fort!“, keuchte der Jäger, während sein Blick die Höhe suchte. „Ich muss! Der Förster – ja, der Förster wartet da droben auf mich. Und da wird er gschossen haben, weil ich so lang net komm!“ Er wand seinen Arm aus Modeis Händen und sprang auf den Steig zu, der hinaufkletterte gegen die Berghöhe. Bürschl, der schlafend unter der Bank gelegen, fuhr knurrend auf und folgte in flinken Sätzen dem Jäger.

Regungslos stand Modei an der Hüttenecke. Da kam der Bruder zu ihr und flüsterte: „Dös war net der Förster!“ Modeis Gesicht verfärbte sich.

Friedl war schon eine Strecke emporgestiegen; ohne die Hast seiner Schritte zu mindern, bückte er sich und legte um Bürschls Hals die Schlinge der Hundsleine, die in den Tragriemen des Rucksackes eingeknotet war. Und jetzt verschwand der Jäger im Bergwald.

Zwischen den ersten Bäumen blieb er stehen, streifte die Schuhe herunter und steckte sie in den Rucksack. Nun sah er die Patronen in seiner Büchse nach und lauschte vorgestreckten Halses hinein in den steilen, von hohem Gestrüpp durchwucherten Wald. Er hörte nur das leise Rauschen der Wipfel und das matte Gurgeln einer nahen Quelle. Doch der Hund, der an allen Gliedern fieberte, streckte den Kopf und spähte mit funkelnden Augen zwischen die Bäume, während seine zitternden Augen zwischen die Bäume, während seine zitternden Nüstern den Wind einsogen, der ihm durch die Büsche entgegen strich. Friedl machte einen sachten Ruck an der Leine, und leise klang von seinen Lippen ein mahnender Zischlaut zu Bürschl nieder. Scheu wich der Hund hinter Friedls Füße zurück, schüttelte die Ohren und starrte wieder in die Büsche.

Langsam, Schritt für Schritt, jedes dürre Reis vermeidend, schlich Friedl unter den Bäumen hin. Seine Augen suchten, während er die Büchse schussfertig in den Händen hielt. Manchmal warf er einen unwilligen Blick auf den Hund, wenn unter Bürschls trippelnden Füßen das Reisig raschelte.

Die Stelle, wo der Schuss gefallen, konnte nicht mehr weit sein.

Dort drüben, nur ein paar hundert Schritt entfernt, wo sich die Bäume enger aneinander schlossen und kleine Felswände sich heraushoben aus dem buschigen Grund, da hielten die Gamsen gern ihre Mittagsrast, wenn sie aus der Sonne nieder zogen, um den Schatten zu suchen.

Je mehr sich Friedl dieser Stelle näherte, desto vorsichtiger wurde sein Schritt, desto achtsamer sein Aug und Ohr – desto unruhiger wurde aber auch der Hund.

Als der Jäger die erste der kleinen Felswände erreichte, gewahrte er auf feuchtem Grund eine frische Gamsfährte. Aus der Fährte musste Friedl schließen, dass die Gämse in der Flucht gewesen, entweder aufgeschreckt vom Schritt des Wilddiebes oder schon getroffen von seiner Kugel. Ja, getroffen! An den Blättern eines Almrosenbusches hing in roten Tropfen der frische Schweiß.

Bürschl war kaum mehr zu halten; er hatte die Fährte schon angenommen und hing mit gesenktem Hals an der straff gespannten Leine. So ließ sich Friedl von dem Hunde langsam auf der Fährte fortziehen, während er die Blicke forschend voraus sandte in jeden Busch, nach jeder Wandecke und in den Schatten eines jeden Baumes. Sein scharfes Auge war jetzt sein Leben.

Nun ein Laut wie das Klirren einer Messerklinge, die auf Stein fällt. Und hinter dem Astgewirr eines Latschenbusches gewahrte Friedl einen beweglichen weißen Schimmer. Es konnte nicht anders sein: Dort auf der Erde kniete einer, der die Joppe abgelegt hatte und mit den Händen an einem Etwas hantierte, das vor ihm auf dem Boden lag. Wer war das? Ein deutliches Erkennen war durch die Büsche hindurch nicht möglich – aber eine Ahnung, nein, eine untrügliche Stimme nannte dem Jäger den verhassten Namen.

Rasch entschlossen hob Friedl die Büchse. Schon wollte er die Lippen öffnen zum Anruf, da klang aus dem Busch das Röcheln eines verendenden Tieres. Heulend machte Bürschl einen wilden Satz und überschlug sich im Rückprall der Leine. Friedl wankte. Taumelnd fasste er, um nicht zu stürzen, nach einem Ast. Hinter den Latschen da drüben tauchte ein Kopf herauf und ein Büchsenlauf – ein Blitz, ein Knall – und Friedl spürte ein Brennen an der linken Wange. Er fuhr mit der Hand ins Gesicht und fühlte das Blut, das zu rinnen begann.

Dort drüben brachen die Äste, und die Steine kollerten unter den Füßen des Raubschützen, der in wilder Flucht den Berghang hinunterstürmte.

Noch einen Augenblick stand Friedl regungslos. Dann riss er das Messer aus der Tasche, durchhieb mit einem Streich die Hundeleine, in deren Schlinge Bürschl sich würgte. Winselnd sauste der Hund den Büschen zu, und Friedl stürmte, seiner nackten Füße nicht achtend, durch den Wald hinunter, in dem die Sprünge des Flüchtigen verhallten.

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