Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

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      Ludwig Ganghofer
         Der Jäger von Fall
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            Vorspiel
            Kapitel 1
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            Kapitel 8
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Kapitel 8

Anderen Tages, am Sonntag, wurde es in Fall mit aller Frühe laut und lebendig. Schon um fünf Uhr morgens knallte der Wirtsknecht mit seiner Peitsche neben dem Wagen her, auf dem er in der Nacht das frische Bier von Tölz gebracht hatte; dann rasselte die Fassleiter, und dröhnend kollerten im Wirtshaus die schweren, vollen Banzen über die Flursteine. Vater Riesch, in großen Pantoffeln und mit winzigem Hauskäppl, einen kalten Zigarrenstummel zwischen den Zähnen, stand dabei, um das Abladen zu überwachen. Benno kam und erkundigte sich angelegentlich nach dem Fässchen Hofbräu, das er von München mit nach Tölz gebracht und dort in der Post eingestellt hatte. Vater Riesch zuckte die Achseln: Davon wisse er nichts, das Fässchen müsse wohl vergessen worden sein. Benno war außer sich. Da tröstete ihn der Wirt mit Lachen: „Haben S’ kein Angst, es liegt schon drunt im Keller, kalt einschlagen in nasse Tücher!“

Flink sprang Benno die Treppe zum ersten Stock des Wirtshauses hinauf und weckte die drei Holzknechte, die der Förster herbeordert hatte, um die Schießstätte zu richten. Das kleine Sommerhaus des Wirtes, das über der Straße drüben am Ufer der Isar lag, sollte zur „Schützenhalle“ umgewandelt werden. Von da aus wollte man über den Fluss hinüber schießen nach einem etwa hundertfünfzig Schritt entfernten Felsen, der drüben am Ufer kahl aus dem Waldgehäng hervorsprang, eine leichte Aufstellung der Scheibe gestattete und dem Zieler Schutz vor den Kugeln bot. Benno wies an Ort und Stelle den Holzknechten die Arbeit an, rannte zum Forsthaus zurück, in dem er wohnte, und warf sich in festlichen Staat.

Als er wieder kam, war im Sommerhaus die Arbeit schon in vollem Gang. Die Holzknechte hatten sich noch ein paar Leute zur Aushilfe geholt; nun wurde hier gesägt und gehämmert, dort wurden Pfähle eingerammt, hier wurden aus breiten Brettern die Scheiben geschnitten, dort hockte einer auf der Erde und schnitzelte aus Weidenästen kleine Holzklötzchen zum Verschließen der Schusslöcher, und vom Wirtshaus herüber kamen die einen und anderen, um nach den Fortschritten der Arbeit zu sehen. Ganz Fall war Leben und Bewegung; um neun Uhr sollte ja schon das Schließen beginnen. Der Eifrigen Eifrigster war Benno; er zirkelte die Scheiben aus, bemalte die Kreise mit schwarzer und weißer Leimfarbe und gab dem Sohn des Wirtes Anweisung, wie mit Tannenreis die „Schützenhalle“ am hübschesten zu schmücken wäre. Dann nagelte er die seidenen Fahnen, um die er eigens nach München gefahren war, an blau und weiß geringelte, Gold beknaufte Fahnenstangen und steckte sie rechts und links vom Eingang der „Festhalle“ in den Rasen, wo die Tücher lustig im leichten Winde flatterten und ihre Seide in der Sonne schimmern ließen.

Zwischen den klatschenden Hammerschlägen und dem Ächzen der Holzsäge schollen vom Garten des Forsthauses herüber hallende, von rollendem Echo begleitete Schüsse. Da drüben probierten der Förster und die Jagdgehilfen ihre Büchsen. Und draußen an der Scheibenstatt übte sich der Jüngste des Wirtes mit Juhschreien und Purzelbäumen in seinem Beruf als gewissenhafter Zieler.

Als auf dem Schießplatz alles fix und fertig war, ging es mit der Zeit schon knapp auf neun Uhr. Bald war auch die kleine Schützengesellschaft versammelt: Der Förster, Hies und die anderen Jagdgehilfen mit ihren Pirschstutzen; Vater Riesch mit seinem Vorderlader alten Kalibers; der „Herr Götz“, ein Elsässer, der an der Isar zwischen Fall und Lenggries eine Papierfabrik stehen hatte, und sein auf Besuch anwesender Bruder, die zusammen mit einem funkelnagelneuen Martinigewehr zu schießen gedachten; und schließlich Benno mit seinem bewunderten Scheibenstutzen. Nur Friedl fehlte noch. Ein paar Mal schon hatte Benno nach ihm gefragt; niemand wollte ihn gesehen haben. Und Friedl kam nicht, obwohl der Beginn des Schießens immer näher rückte. Punkt neun Uhr, als der Böller krachte, gab’s auf der Schießstätte einen fidelen Jubel. Benno war mit einer letzten, bis zu diesem Augenblick geheim gehaltenen Überraschung herausgerückt. Während seines Aufenthaltes in München hatte er einen ihm befreundeten Maler aufgesucht, und das Ergebnis dieses Besuches war eine prächtige Ehrenscheibe, deren Bild die Schlussszene von Bennos letzter Gamsjagd darstellte. Über dem Bilde stand in fetten Buchstaben: „Jagdschießen zu Fall, 1881.“ Und am untersten Rande war im Bogen auf die Scheibe geschrieben: „Gewidmet vom freiwilligen Jagdgehilfen Benno Harlander.“

Lang umstand man das hübsche Bild; dann wurde es, bis es seinem Zwecke dienen sollte, in der „Schützenhalle“ aufgehängt.

Das Schießen begann. Benno als Festgeber tat den ersten Schuss, dann knallte und knallte es in ununterbrochener Folge, und das kleine Tal war angefüllt mit Donner und Echo. Doch Benno wollte, so fröhlich es um ihn her zuging, nicht in die richtige Festlaune kommen, weil Friedl noch immer fehlte. Als er wieder einmal geschossen hatte, lief er zum Haus des Jägers hinüber. Die alte Frau machte ihm die Haustür auf. „Was ist denn, Mutter? Ist der Friedl gestern nicht heimgekommen?“ Zu einer Antwort blieb der alten Frau keine Zeit. Hinter den beiden knarrte das Zauntürchen, und als Benno sich umblickte, stand der Jäger vor ihm, auf den Armen ein Kind, das die kleinen Ärmchen fest um seinen Hals geschlungen hielt.

„Friedl?“, fragte Benno. „Bei wem bist denn du als Kindsmädel eingestanden?“

„Seit gestern bei mir selber!“, lachte Friedl.

„No, wenn auch das Kindsmädel ein bissl massiv geraten ist, so ist das Kindl umso netter und feiner! Geh, du kleines Kerlchen mit deinen Haselnussaugen, gib mir ein patscherl!“ Das Kind löste einen Arm von Friedls Hals und steckte Benno das Händchen hin. „Schau, wie schön du das kannst!“, scherzte Benno, während er dem Bübchen freundlich die Wange streichelte. Dann sagte er zu Friedl: „Jetzt mach aber, dass du nüberkommst, sonst schießen dir die andern die schönsten Preise vor der Nase weg!“

„Ja, ja! Von aller Weiten hab ich’s schon krachen hören. Lassen S’ Ihnen net aufhalten, Herr Doktor! Ich komm gleich.“

Benno ging und hörte die alte Frau noch sagen „Geh, komm zu mir, Schatzerl!“ Sie nahm den Kleinen von Friedls Arm. „Na, so was Liebs! Gelt, Herzerl, jetzt bleibst bei uns, und so gut sollst es haben, so gut –“

Als Benno wieder in die Schützenhalle trat, klang ihm lauter Jubel entgegen. Vater Riesch hatte einen Punkt geschossen. „So an alter Kalfakter!“, brummte der Förster. „Gehen und hören tut er bloß halb. Aber beim Scheibenschießen wackelt er’s allweil noch eini. In der Schusslisten steht ein Dreier um den andern drin.“

Nun, der Förster selbst, ebenso wie jeder andere, war auch zufrieden mit seinem Erfolg. Und als Friedl kam und den ersten Schuss mitten hinein ins Schwarze brannte, war ihm das eine gute Verheißung für den weiteren Verlauf. Nur der „Herr Götz“ – du mein Gott – der hatte ein Kreuz mit seinem funkelnagelneuen Martinigewehr. Bald versagte ein Schuss, dann wollten sie nicht aus dem Lauf. Und krachte der Schuss, so ging das Gewehr bald zu hoch, bald zu tief, bald zuviel rechts, bald zuviel links. Der „Herr Götz“ wurde ärgerlich und klagte: „Heiliger Chrischtof! Jetzt macht mi aber die Sach mit dem Schtutze schon bald e bissele schtutzig!“

Die Schützen lachten, und es lachten auch die Bauern und Burschen, die den Eingang der Schützenhalle umdrängten. Da stand der Lenggrieser Bauer, der seine Alm besuchen wollte, der Flößer, der von Tölz zurückgewandert kam, nachdem er seinen Floß gut an den Mann gebracht, da stand der eine und der andere Bursch, den auf die Nacht sein Schatz in der Sennhütte oder in einem fernen Dorf erwartete, da stand auch ein Tiroler Hausierer, den Warenkasten auf dem gekrümmten Rücken – und alle lachten sie. Besonders einer lachte so laut, dass man ihn aus allen heraushörte, ein rohes, hölzernes Lachen.

Hastig drehte Friedl den Kopf. Alles Blut wich ihm aus dem Gesicht – der Lacher war der Huisenblasi! Breit stand er unter der Tür, den Hut schief gesetzt, den Schnurrbart aufgedreht und die Daumen in die gestickten Hosenträger eingehakt. Den Augen Friedls begegnete ein stechender Blick, und ein spöttisches Lächeln zuckte um den Mund des Burschen.

In Friedl kochte das Blut, seine Hände zitterten und krampften sich um den Gewehrschaft. Mit Gewalt musste er sich zur Ruhe zwingen, um nicht auf den Burschen loszustürzen. Auch in seiner glühenden Erregung sah er ein, wie widersinnig und nutzlos das wäre. Auf frischer Tat muss der Jäger den Wilddieb fassen, mit dem Gewehr in der Hand, wenn seine Anklage Wert und Kraft haben soll. Jede Unvorsichtigkeit des Jägers hätte den Blasi nur zur Vorsicht gemahnt oder ihn veranlasst, die räuberische Büchse für lange Zeit wieder an den Nagel zu hängen, während sie wohl jetzt noch droben in der Grottenbachklamm versteckt lag unter Moos und Steinen.

Auch der Förster und die anderen Jagdgehilfen hatten Blasi bemerkt und waren von seiner Gegenwart unerquicklich berührt. Sie dachten jener Geschichte, die sich vor Jahren an der Isar abgespielt hatte. Wenn sie auch vermuteten, dass Blasi vom Wildern nicht völlig kuriert war, so hatten sie doch nicht die leiseste Ahnung von dem, was Friedl wusste: Dass die beiden Füße dort in den sauberen Feiertagsschuhen auf den Bergen droben jene langen, breiten Spuren traten, jene Spuren mit den neun Nägelköpfen. Friedl hatte, was er wusste, vor dem Förster verschwiegen wie vor den anderen Jagdgehilfen. Er allein wollte mit dem Blasi Abrechnung halten. Da hatte er keinen Helfer nötig. Und als ihn am Schießstand wieder die Reihe traf, als er die Büchse zum Schuss an die Wange legte, schwamm es ihm vor den Augen – das Rauschen der Isar wurde zum Rauschen des Bergwaldes, statt der Scheibe sah er Bäume und ragende Felsen, und dort im Schatten einer überhängenden Wand lag ein verendender Hirsch. Über das Wild gebeugt, mit schief gesetztem Hut und aufgedrehtem Schnurrbart, stand ein schwarzhaariger Bursch, der in Schreck das Gesicht hob, hineinspähte zwischen das Dunkel der Bäume, dann in langen Sätzen hinunter flüchtete über Geröll und Latschenbüsche – nun krachte Friedls Schuss – und der Jäger sah nur noch die Scheibe da draußen und den Zeilerbuben, der vergeblich den Treffer des verhallten Schusses suchte.

„Aber Friedl“, brummte der Förster, „jetzt sollst dich aber doch schamen! A Jager, und d’ Scheiben fehlen!“

Friedl hörte das Gelächter nicht, das sein schlechter Schuss bei allen Schützen hervorgerufen hatte. Und als er, das rauchende Gewehr in der Hand, seinem Platz am Ladetisch zuschritt, sah er nur wieder den Huisenblasi und sein spöttisches Lächeln.

Es war ihm, als vermöchte er keinen Augenblick länger auf dem Fleck Erde auszuharren, auf dem auch jener andere stand. Verjagen konnte er den andern nicht. Drum wollte er selber gehen. Er nahm die Büchse auf den Rücken und sagte zu Benno, dass er heim müsse, um den Lauf, in dem sich, nach dem schlechten Schuss zu schließen, wohl ein „Brand“ angesetzt hätte, mit heißem Wasser wieder sauber zu wischen.

Als er zur Türe kam, sah er, dass Blasi verschwunden war. Und hörte noch, wie Hies dem Förster zuflüsterte: „Wann der Blasi die ganze Zeit nimmer gangen is, so geht er heut – wo er gsehen hat, dass keiern von uns im Revier is!“ Dem Jäger fuhr eine Sorge durch den Kopf, doch er wurde ihrer nicht recht bewusst, weil hinter ihm ein fideles Gebrüll von der Schießstätte herüber scholl. Hier war der schwerbäuchige Grenzaufseher Niedergstöttner, der alles drei Mal sagte, mit seinem ratzenkahlen Dampfnudelköpfl und seiner fiskalischen Kugelspritze als Scheibenschütz erschienen. Das weckte ein Gelächter ohne Ende. Und wenn die Zwerchfelle im Dutzend wackeln, kann sich in einem Menschen, der das hört, eine Sorge nicht bedrohlich auswachsen.

Aufatmend, halb erlöst von einer drückenden Last, trat Friedl in den Flur seines Hauses und hängte die Büchse an das Zapfenbrett. In der Stube, vor dem blank gescheuerten Tisch, der zwischen den beiden Eckfenstern stand, kniete seine Mutter auf den Dielen. Über die eine Hand hatte sie ein weißes, an drei Enden geknüpftes Taschentuch gezogen und ahmte am Rand des Tisches die Bewegungen einer Marionette nach, während sie dazu mit tiefer Stimme eine selbst erfundene Rede sprach. Auf dem Tisch saß Modeis Bübchen und guckte auf das bewegliche Spiel der drei weißen Tuchzipfeln, jauchzend vor Freude und mit den nackten Ärmchen zappelnd.

Wohltuend legte sich der Anblick des heiteren Bildes auf das erregte Gemüt des Jägers. Als er näher trat, streckte ihm das kleine Franzerl die Ärmchen entgegen und jubelte: „Att, Atti1!“ Und deutete nach dem weißleinen Theaterhelden, als wollte es den Jäger einladen, an seiner Freude teilzunehmen.

Schon am Morgen, auf dem Heimweg von Lenggries, hatte Friedl ein frohes Staunen darüber empfunden, mit welch rascher Zärtlichkeit das Kind sich an ihn anschloss. Und da es ihm jetzt so herzlich entgegenlachte und den kindlichen Liebesnamen rief, erwachte in ihm ein warmes Gefühl. Er hob das Kind an seine Brust und küsste ihm Mund und Wangen. Doch ein Schatten fiel über seine Freude, als die Mutter sich erhob und fragte: "Was is denn, Bub, warum kommst denn heim? Bist schon fertig mit'm Schießen?"

„Es hat mich drüben nimmer glitten!“ Verstummend sah er an dem Kind vorüber auf das irdene Schüsselchen, in dem ein paar Fliegen von dem spärlichen Rest einer Milchsuppe naschten. Als seine Mutter den Napf in die Küche trug, setzte Friedl sich auf die Bank. Während das Kind mit den runden, Grübchen übersäten Fingerchen in seinem Bart wühlte, spähte er forschend in die von kindlicher Freude überhauchten Züge. Er mühte sich, darin eine Ähnlichkeit mit jenem anderen zu finden. Das gelang ihm nicht. Wohl war das Haar des Kindes dunkel und gelockt, aber das war nicht jene schwarze krause Wolle, es waren die gleichen dunkel glänzenden, seidenweichen Löckchen, wie sie unter Modeis Flechten sich hervor stahlen und um ihre Schläfen ringelten. Mit linder Hand strich Friedl dem Kind über das Köpfchen und hielt das liebe, frische Gesichtl neben das Bild, das er lebendig in seinem herzen trug. Und als ihm aus den Zügen des Kindes immer nur die Züge der Mutter entgegenblickten, stieg in seinem Herzen eine dürstende Sehnsucht nach der Geliebten auf, die er lange Tage nimmer sehen sollte. Warum nicht? Erst der kommende Morgen rief ihn wieder zu seinem Dienst. Den heutigen hatte er frei. Er wollte ihn nützen.

Was kümmerte ihn da drüben die Schießstätte, von welcher Schuss um Schuss herüberhallte! Um Modei zu sehen, hätte er noch anderes geopfert als die Hoffnung auf eine seidene Fahne für einen guten Schuss.

Ob Modei sich freuen würde über seinen unerwarteten Besuch? Was hinderte ihn, sich diese Freude zu erzwingen, wenn er der Geliebten nicht nur einen Gruß von ihrem Kind – wenn er ihr das Kind selbst brachte, das sie seit Monaten nicht mehr an ihr Herz hatte drücken können!

Friedl sprang auf und rief in den Flur hinaus: „Mutter! Gschwind! Komm eini!“

„Was is denn?“ Die Mutter kam gelaufen und guckte verwundert auf ihren Sohn, der in Hast seine gute Feiertagsjoppe gegen die mürbe Dienstjoppe vertauschte.

„Mutter, sei so gut und zieh dem Franzerl a bissl ebbes an!“ Friedl brachte flink seinen Rucksack in Ordnung. „Ich will zur Modei auffi und will ihr ’s Büberl auf a Stündl mitbringen. Jetzt geht’s auf elfe, um zwei bin ich droben, und wann ich bis um fünfe abschieb von der Alm, da bin ich gut wieder herunten, eh d’ Nachtkühlen da is!“

„Aber Bub! Was fallt dir denn ein! Du bist ja net gscheid!“

Friedl ließ sich sein Vorhaben nimmer ausreden. Für jede Besorgnis hatte er eine Widerlegung in Bereitschaft, so dass seine Mutter schließlich das kleine Kittelchen und die gestrickten Schuhe des Kindes holte.

Noch war Franzerl nicht völlig angekleidet, als Friedl schon wegbereit vor dem Tische stand, Bergsack und Büchse hinter dem Rücken; den Bergstock musste er daheim lassen, um beide Arme zum Tragen des Kindes frei zu haben. Auch Bürschl, der freudig winselnd an Friedl hinauf sprang, wurde zu Stubenarrest verurteilt. „Wann ich ’s Kind hab, kann ich net auch auf den Hund noch aufpassen!“

Nun hob die Mutter selber das Kind auf den Arm ihres Buben und steckte ihm noch für den kühlen Abend ein seidenes Tuch in die Joppentasche. Und bei der Stubentür besprengte sie die beiden so ausgiebig mit Weihwasser, dass Franzerl vor diesem Getröpsel das Gesicht versteckte.

Friedl, um nicht am Wirtshaus vorüber zu müssen, machte einen Umweg, so dass er erst eine gute Wegstrecke hinter Fall auf den richtigen Fußpfad wieder einbog. Gemütlich wanderte er unter dem Schatten des Jungholzes dahin, immer mit dem Kinde schwatzend, dem er jede bunte Blume zeigte, die am Wege stand, und jeden schillernden Falter, der umhergaukelte in der sonnigen Luft. Als mit dem Weg auch die Hitze stieg, unter der das Kind schläfrig wurde, zog Friedl die Joppe aus und deckte sie zum Schutz gegen die Sonne über das Franzerl, dessen glühendes Gesicht an seiner Schulter ruhte. Vorsichtig machte er Schritt für Schritt, um den Schlummer des Kindes nicht zu stören.

Gegen zwei Uhr war die Alm erreicht. Von dem Rasenfleck, der hinter der Hütte im Schatten lag, hörte Friedl schwatzende Stimmen und Gelächter. Das vernahm er nicht gern, er hätte Modei lieber, wenigstens beim ersten Gruß, allein gefunden. Durch die offene Hüttentür sah er, dass Modei in der Almstube war. Als er zur Tür wollte, hörte er in der Stube auch die Stimme des alten Lenzl. Rasch duckte er sich hinter das aufgeklafterte Scheitholz, um zu warten, ob sich Lenzl nicht entfernen würde. Und da hörte er, was die beiden Geschwister da drinnen sprachen.

„Meinst net, heut kommt noch wer?“, fragte Lenzl.

„Die da draußen sind schon alle da“, klang Modeis Antwort, „wer soll denn sonst noch kommen?“

„Ich kunnt mir schon ein’ denken, der kommt.“

„Geh, du! Heut hat er ja dienstfrei und is beim Scheibenschießen.“

Dem Jäger in seinem Versteck begann das Herz zu hämmern; lauschend streckte er den Hals, um keinen Laut zu überhören.

„Was, Scheibenschießen?“, staunte Lenzl. „Wen meinst denn du?“ Ein spottendes Lachen. „Ich hab den alten Veri gmeint. Höi, Schwester, was bist denn auf amal so fuirig übers ganze Gsicht? Bis in Hals eini?“

Eine Weile blieb’s in der Sennstube mäuschenstill. Dann grollte Modei: „Lenzl, tu mich net plagen! So a Hitz, wie’s heut hat! Da wär’s kein Wunder, wann eim ’s Blut a bissl auffisteigt. Aber jetzt mach weiter und trag mir d’ Schüssel mit die Schucksen aussi! Die hungrigen Gäst müssen ebbes kriegen.“

Kichernd trat Lenzl aus der Tür und ging um die Hüttenecke, ohne den Jäger zu gewahren. Rasch erhob sich Friedl und sprang über die Stufen hinauf: „Grüß dich, Modei!“

„Jesus!“, klang es mit leisem Schrei vom Herd, und ein Teller klirrte. „Du bist da!“

„Ja! Und schau a bissl her, was ich mitbracht hab.“ Er zog die Joppe weg, die das Kind verhüllte, und Franzerl, aus dem Schlummer aufgeschreckt, guckte mit verschlafenen Augen in der Stube herum und auf die Mutter.

„Franzerl!“, schrie Modei in Freude, sprang auf Friedl zu, riss das Kind an ihre Burst, und während sie ihm das Gesicht mit Küssen überströmte, sprudelte ihr Jubel heraus: „Mein Franzerl! Franzerl! Liebs Schatzl, wie geht’s dir denn? An Ewigkeit hab ich dich nimmer gsehen! Engerl! Und wie schön bist worden! Schau nur, Friedl! Dös liebe, nette, süße kleine Gsichterl! Dö Äugerln! Dös Göscherl! Du mein liebs, liebs Kinderl du!“

Der Sturm dieser Zärtlichkeit war nicht nach Franzerls Geschmack. Das Kind schnitt ein Pfännlein. Und Friedl mahnte: „Geh, pflag’s net so! ’s Kindl is müd und verschlafen. Drei Stund am Weg! Und so a Hitz dazu!“

„Ja, Herzerl!“, flüsterte Modei. „Komm, jetzt mach ich dir recht a schöns Betterl. Da kannst nacher schlafen! Und wachst wieder auf, nacher sing ich dir Liederln, gelt, mein Herzl, mein liebs.“ Ihr Blick suchte in der Stube. „Daherinn mag ich’s net schlafen legen, der Herd macht soviel heiß, und alle Augenblick springt wer eini!“ Sie trat auf den Kreister zu, zog eine Decke und das Kissen vom Heu, ging in die Kammer und richtete auf dem Kühlen Backsteinboden dem Kind eine Schlummerstatt.

Friedl hatte Gewehr und Rucksack auf die Bank vor der Hütte gelegt. Nun kam er und lehnte sich an den Pfosten der Kammertür. „Weißt, ’s Kindl hat am Herweg schon a bissl gschlafen. Aber beim Steigen hat’s halt die richtig Ruh net ghabt und is allweil wieder aufgwacht. So a guts Kindl! Ich kann dir gar net sagen, was für a bravs Kindl dös is. Die ganze Mutter halt! Und drunt beim Kreuz, da hat’s a bissl zum weinen angfangt. Da hab ich mich mit ihm in Schatten einig hockt und hab ihm Blümerln bracht. Und den Kuckuck hab ich nachgmacht, ja. Und an Spielhahn, wie er falzt. Da war’s nacher gleich wieder zfrieden. Und pappelt hat’s, als ob wir schon hundert Jahr gut Freund wären mitanand. Und in d’ Haar und in Bart hat’s mi eini griffen mit die kleinen Handerln und hat mich beutelt, als ob’s a Schulmeister wär. Und bei der Nasen hat’s mich packt, und allweil hat’s mich Atti gheißen, Atti, Atti –“

„Net so laut!“, mahnte Modei. „Es schlaft schon ein!“

„Ja, und denk dir“, sprach Friedl flüsternd weiter, „dö Freud, dö d’ Mutter ghabt hat, wie ich’s bracht hab in der Fruh! Und wie mir eingfallen is, dass ich ’s Kindl auffitragen möchte zu dir, hat d’ Mutter gstritten und hätt’s am liebsten gar nimmer herlassen!“

Auf den Zehenspitzen trat Modei aus der Kammer und schloss mit leiser Vorsicht die Tür. „Dös freut mich von deiner Mutter. Jetzt wird s’ mir mein Büberl aber doch a paar Tag lang lassen müssen!“

„Na na, Modei! Am Tag tut’s es schon daheroben. Aber bei der Nacht is d’ Luft a bissl scharf für so a kleins Dingerl. Bis um fünfe müssen wir wieder durch. Da komm ich grad noch vor’m Schatten heim.“

„Geh“, schmollte Modei, „jetzt hab ich mich schon soviel gfreut!“

„Sei gscheid, Madl! Weißt, jetzt hab ich ’s Büberl, jetzt muss ich auch sorgen dafür.“

Mit frohem Lächeln sah Modei zu ihm au fund fasste seine Hand: „Schau, in der Freud hab ich ganz vergessen, dass ich dir a Vergeltsgott sag.“

„Geh, was fallt dir denn ein!“

„Soviel Plag hast dir aufgladen! Den weiten Weg! Und so a Kindl hat a Gwicht!“

Friedl lachte. „Ja, der Arm is mir a paar Mal eingschlafen. Wann ich aber denkt hab, wie viel Freud als d’ haben wirst, da hat mir d’ Muschkelatur gleich wieder pariert.“

Ein heißes Leuchten war in ihren Augen. „Friedl – soll’s ausschauen, wie’s mag – ich muss dir a Bussl geben!“ Sie schlang den Arm um seinen Hals und drückte einen herzhaften Kuss auf seinen Mund.

„No also!“ Er presste sie in Freude an sich. „Gut bist mir eh! Jetzt brauchst bloß noch ja sagen, und wir zwei sind Brautleut!“

„Hörst net auf!“ Lachend entwand sie sich ihm, schob ihn hurtig zur Hüttentür hinaus und sprang zum Herd, auf dem die Kochende Milch mit Zischen überlief.

Draußen in der Sonne griff der Jäger mit den Fäusten in die Luft. „Jetzt hab ich mein Glück! Jetzt hab ich’s! Und auslassen tu ich’s nimmer!“

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1 Vater. ^

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