Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

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      Ludwig Ganghofer
         Der Jäger von Fall
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Kapitel 7

Modei trat aus der Tür. Sie hatte die Arbeitsschürze abgelegt und eine weiße umgebunden; über dem Mieder trug sie eine kurze, offene Jacke. In der einen Hand hielt sie einen blauen Leinenrock, in der anderen ein altes Zigarrenkistchen, das angefüllt war mit allerlei Nähzeug.

„Was is denn?“, fragte der Jäger. „Willst dich gar noch zur Nahterei hocken? Siehst ja fast nix mehr.“

„A halbs Stündl tut’s es schon noch. Untertags hab ich kei’ Zeit.“ Modei setzte sich auf die Steinbank, nahm den blauen Rock übers Knie, stellte das Kistchen neben sich und unterzog einen langen, klaffenden Riss einer aufmerksamen Betrachtung. „Und ich möchte mei’ Sach allweil sauber beinand haben. Geh, setz dich her da! D’ Nahterei macht sich leichter, wann man a bissl plauscht dazu. Heut musst dich auch net so tummeln mit’m Fortgehn, heut hast an guten Heimweg, der Himmel is klar, und der Mond wird da sein, vor’s Nacht is.“

„Ich geh heut gar nimmer ummi in d’ Jagdhütten“, sagte Friedl, während er sich neben Modei auf die Bank niederließ.

„Wo gehst denn nacher hin?“

„Heim, nach Fall abi.“

„Morgen kommst aber wieder auffi?“

„Na! Von morgen an hab ich d’ Aufsicht im Rauchenberg, und an andrer Jagdghilf, wahrscheinlich der Hies, kommt auf vierzehn Täg in den Bezirk da.“

Modei hob das Gesicht. „Geh! Kommst nacher du vierzehn Täg lang gar nimmer da her?“

„Der Dienst halt! Was kannst da machen!“

Modei beugte sich seufzend über ihre Arbeit; achtsam schnitt sie mit einer plumpen Schere aus dem Rock an der Stelle des Risses ein großes Viereck heraus und säbelte ein ebenso geformtes, etwas größeres Stück aus einer alten, löcherigen Schürze, die schon öfters zu ähnlichen Reparaturen Stoff hatte hergeben müssen. Während sie das Leinenstück mit Stecknadeln über die Lücke des Rockes heftete, sprach sie vor sich hin: „Es is mir gar net recht, dass ich dich solang nimmer sehen soll. Ich hab mich ganz gwöhnt dran, dass d’ jeden Abend da bist.“

Dem Jäger fing das Herz zu hämmern an, und auf seinen Lippen lagen hundert Fragen; mit Gewalt zwang er sie zurück und heilt schweigend den Blick auf die emsigen Finger gerichtet, die in die Nadeln den blauen Faden zogen, einen Knopf an das Ende flochten und dann eifrig zu sticheln begannen. So guckte er lange zu. Dann sagte er: „D’ Nahterei muss a schwere Sach sein!“

„Können muss man’s halt.“

„Freilich, ja. Wann ich a Nadel einfadeln will, brauch ich allweil a halbe Stund dazu. So a Nadel, so a feine, is a Ludersteuferl!“ Weil Modei ein bisschen lachte, rückte er mutig näher. „Wann ich jetzt vierzehn Täg nimmer komm, tut’s dir auch wirklich a bissl ahnd nach mir?“

„Gwiss, Friedl! Du bist allweil gleich gut aufglegt und unterhaltsam. So bist gegen alle Leut. Aber es kommt mir so für, als wärst du’s gegen mich noch a bissl mehr wie zu die andern. Bist a guter Mensch!“

„Gut?“ Er lächelte. „Ich weiß schon, d’ Leut sagen so: A guter Mensch – und da meinen s’: A Rindvieh.“

„Geh! Na!“

„Aber glaub mir’s, Madl: ’s richtige Gutsein is grad so a schwere Arbet wie d’ Nahterei. Oft schon in der Nacht bin ich gsessen mit brennheiße Augen. Und hab gstritten mit’m Unmutsteufel in mir. Gut sein müssen, weil man net anders kann, dös is a Gwicht, an unkommods. Aber gut sein mögen und ’s Gutsein derzwingen, dös macht eim ’s Leben besser.“ Friedl stellte die Nähschachtel, die zwischen ihm und Modei stand, auf die andere Seite und rückte näher. „Wann ich gut bin, weiß ich allweil, warum.“

Ein kurzes Schweigen.

„Friedl?“

„Was?“

„Bist gut zu mir? Und weißt, warum?“

„Ja. Weil d’ es verdienst. Und weil ich mir denk, du kunnst a bissl Freundschäftlichkeit grad jetzt gut brauchen.“

Das Mädel hob die Augen. „Brauchen?“ Das hatte strengen, fast erregten Klang. „Warum?“

Friedl hätte viel darum gegeben, wenn er das unvorsichtige Wort wieder ungesprochen hätte machen können. Verlegen sah er in Modeis Augen. „No ja –“

„Du?“ Ihre Stimme zitterte. „Du weißt was?“

„Alles!“

„Von wem?“

„Augen hab ich ja selber. Und –“

„Der Lenzl? Gelt?“ In Zorn war Modei aufgesprungen. Wortlos kramte sie ihr Nähzeug zusammen. Als sie sah, dass ihr Friedl den Weg zur Tür vertrat, schob sie das Kistchen wieder auf die Bank, setzte sich und nähte schweigend weiter.

„Deswegen musst dich net alterieren!“, sagte Friedl und stellte die Schachtel fort. „Ich mein’ dir’s gut! Und bei mir is a heimlichs Wörtl aufghoben. Da brauchst dich net fürchten.“

„Früchten?“ Sie unterbrach die Arbeit nicht. „Ah na! ’s Fürchten hab ich verlernt. Glauben und Fürchten is allweil an Einzigs. Verliert man ’s Strumpfbandl, nacher rutscht der Strumpf halt auch. Die letzten Wochen haben fest grissen an mir. Den ganzen Tag so allein! Und alles allweil einiwürgen! Vielleicht is’s grad gut für mich, dass d’ alles weißt. Da hab ich doch wen, mit dem ich reden kann.“ Die Stimme erlosch ihr. Sie drehte das Gesicht auf die Seite, wollte einfädeln und fragte mit erwürgtem Laut: „Wo is denn d’ Schachtel schon wieder!“

Friedl machte einen flinken Griff. „Is schon da!“

Sie zog den Faden von der Spule und krümmte sich plötzlich tief hinunter, von lautlosem Schluchzen geschüttelt.

„Mar’ und Joseph!“ Erschrocken rüttelte Friedl sie an der Schulter, rückte näher, stieß die Schachtel fort und umschlang das Mädel. „Jesses, geh, so schaam dich doch a bissl! Hör auf, hör auf, ich kann’s net vertragen. Wann ich wem gut bin, kann ich’s net anschaun, dass er leiden muss!“ Er versuchte sie aufzurichten. „Komm, lass dich a bissl trucken legen!“ Schwer schnaufend, zerrte er sein Taschentuch heraus, trocknete ihre Wangen und fuhr sich auch flink über die eigenen Augen. „Geh, sei gscheid und nimm a bissl Verstand an! Schau, jetzt is halt amal alles a so, und da muss man sich einischicken wie der Fuchs in sein’ Bau.“

„Freilich, ja!“ Mit zitternden Händen begann sie die Arbeit wieder.

„Weißt, mit allem muss man fertig werden. Wann der Mensch net a bissl nachgeben kunnt, müsst er Tag und Nacht a Sauwut aufs Leben haben. Fest anschauen muss man halt die harten Sachen. Und hat man gsehen, wie s’ sind, nacher muss man sagen: In Gotts Namen, wie’s is, so muss man’s haben.“ Nachdenklich schwieg der Jäger eine Weile. „Freilich, wann’s einer so nimmt, da tut er gar oft ebbes, was ander Leut für an Unsinn halten. Aber z’erst muss ich mit mir zfrieden sein. Nacher kann’s gehen, wie’s mag. Drum schau, tu dich net kränken! A Madl wie du! Und einer wie der? Na! Der is gar net wert, dass d’ a Tröpfl Wasser fallen lasst um seintwegen.“

„Wegen dem, meinst?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wegen dem lauft mir ’s Brünndl nimmer über. In den hab ich einigschaut. Aber um mich allein geht’s net her. ’s Kindl halt!“ Modei beugte sich über die Arbeit. „So an arms Häuterl!“

„Arm? Und hat a Mutter wie du!“

„A Mutter is viel. Aber net alles. Tag und Nacht muss ich drüber nachdenken. So a Kindl! Und hat kei’ Schuld. Und is net gfragt worden, wie man’s eini gschutzt hat in d’ Welt. Und muss leiden drunter. So an Ungrechtigkeit sollt unser Herrgott net zulassen.“

Sinnend guckte Friedl hinauf zum glühenden Abendhimmel. „Den da droben, den hab ich schon oft ebbes gfragt. Aber gsagt hat er mir nie was. So a ganz Gscheider is allweil a Stader. Weil er ihm denkt: Wann ich ebbes sag, versteht mich ja doch keiner, da halt ich lieber ’s Maul! Aber weißt, bei der Stang is er allweil. Da brauchst ums Kindl kei’ Sorg net haben. So a Käferl so a liebaugets! Dös findt schon sein Dach, pass auf! Und a Madl wie du, gsund, sauber, fleißig, wirtschäftlich – wirst schon bald wieder an andern Schatz finden!“

„An andern?“ Sie lachte müd. „Wie der Anfang war, weiß ich. Was nachkommt, sagen d’ Leut, is allweil minder.“

Friedl schnaufte schwül. „Musst halt a bissl gnügsam sein! Und musst –“

„Lass gut sein!“ Ihr Nähzeug zusammenraffend, erhob sie sich.

„Aber Madl?“, fragte er verdutzt. „Was is denn?“

„D’ Nahterei heb ich auf. ’s Licht wird a bissl schwach. Und wann mir du d’ Schachtel allweil verräumst!“ Sie ging zur Tür und trat in die Hütte.

In Friedls Augen brannte die Sorge. Hatte er zuviel gesprochen? Hatte sie aus seinen Worten erraten, welches Dach und welchen anderen er meinte? Und warum ging sie so schnell davon? War es Verlegenheit? Oder eine verblümte Warnung vor dem Weitersprechen? „Herrgott, Herrgott, wann ich nur wüsst, wie ich dran bin!“ Und nun fortmüssen, für vierzehn Tage, und die Ungewissheit immer mit sich herumschleppen auf Schritt und Tritt, bei Rast und Arbeit, bei Tag und Traum!

Da klang mit flüsterndem Laut sein Name aus den Latschenbüschen, die neben der Hütte standen und im Abendwind ihre Nadelfahnen bewegten. Der Jäger wandte sich rasch und sah im Grün zwei funkelnde Augen. „Lenzl? Du? Was willst denn?“

„Kurasch, sag ich dir! Schenier dich net! Sag’s ihr grad aussi!“

„Kurasch?“ Ein bedrückter Atemzug. „Du hast leicht reden! Haushoch über a Wand abispringen? Da hätt ich Kurasch gnug. Aber da –“

Modei trat aus der Hütte, und Lenzl verschwand. Mit zwei blühenden Nelkenstöcken auf den Armen ging das Mädel zu der Scheiterbeuge neben der Hüttentür.

Beklommen fragte der Jäger: „Was machst denn da?“

„Meine Nagerln stell ich in d’ Nacht aussi. So a feine Nach tis gut für alles, was blüht.“

In Friedls Augen glänzte was Frohes auf. „Modei! Da hast a gescheidts Wörtl gsagt.“ Er machte ein paar flinke Schritte zu ihr hin, als wäre die erschütterte Hoffnung in ihm wieder fest und gläubig geworden. Zum Reden kam er nicht, weil vom Steig herauf zwei Stimmen sich hören ließen. Verdrossen murrte Friedl vor sich hin: „Wer kommt denn heut noch da auffi? Dass d’ Leut aber allweil kommen, wann man s’ net brauchen kann.“ Nun erkannte er die lachende Mannsstimme. „Dös is ja der Hies! Was will denn der da heroben? Heut schon!“

Im gleichen Augenblick tauchte der Jagdgehilf über die Steigstufen herauf und guckte fidel in die Tiefe hinunter. Da drunten quiekste die Stimme der noch unsichtbaren Punkl: „Geh, wart a bissl, Hieserl, wart a bissl!“

„Du narrete Urschl!“, kreischte Hies über den Steig hinunter. „Ich bin ja kein Doktern et. Ich kann dir net helfen.“ Als er sich kichernd wandte, sah er den Jäger, der auf ihn zukam. „Ah, da bist ja! Grüß dich, Friedl! Und gleich kannst heimgehn.“

„Gar so pressieren tut’s mir net! Wie kommst denn heut noch da auffi?“

„Bloß deintwegen. Weil morgen dein Dienst da heroben aus is, hab ich dir sagen wollen, du sollst heut oder morgen in aller Fruh heim und sollst dich net am End woanders verhalten. Morgen hat der Herr Dokter für uns Jager a kleins Scheibenschießen verarranschiert. Da därfst net fehlen. Eigens hat mich der Herr Dokter auffigschickt. Ich habe dich z’erst in der Jagdhütten suchen wollen, aber die Punkl hat mir gsagt, dass bei der Modei bist.“ Er dämpfte die Stimme zu leisem Geflüster: „Hast von der Sennerin ebbes erfahren können? Ob selbigs Mal einer bei ihr in der Hütten gwesen is?“

Friedl schüttelte stumm den Kopf. Dabei fuhr ihm das Blut ins Gesicht.

„Wie schaut’s denn aus im Revier?“

„Net schlecht.“

„Hast den Neunnägel noch amal gspürt?“

Es dauerte eine Weile, ehe Friedl mit kaum hörbarem Laut erwiderte: „Seit vierzehn Täg nimer.“

„Kann sein, dass er mir übern Weg läuft!“, knirschte der andere zwischen den Zähnen heraus. „Da gnad ihm unser Herrgott!“

„Hies –“ Rasch fasste Friedl den Arm des Kameraden und warf einen Sorgenblick zu Modei hinüber.

„Was?“

„Hieserl, Hieserl“, pfiff es atemlos aus der Steigtiefe herauf, „wo bist denn? Tu doch warten auf mich!“

Mit einer lustigen Grimasse kicherte Hies: „Dö Alte! Mar’ und Joseph! So hab ich meiner Lebtag noch net glacht.“

„Was hast denn mit ihr?“

„Haben? Naaaa Brüderl!“ Hies konnte kaum reden vor Lachen. „Gsund – gsund soll ich s’ machen! Ich! Und als medazinischen Taglohn hat s’ mir a Nachtmahl versprochen – derspringen müsst ich, wann ich alles fraß.“

Schnaufend kletterte Punkl über die Steigstufen herauf. „Da is er, da is er ja, Gott sei Lob und Dank!“ Sie grinste in aller Hoffnungsfreudigkeit ihrer leidenden Jungfernseele. „Komm, Hieserl, komm! Jetzt steigen wir gleich auffi mitanand zu meiner Hütten. Gleich zünd ich ’s Fuierl an. Und aufkochen tu ich für dich – so gut sollst es noch nie net ghabt haben.“

„Pressiert’s denn gar a so?“

„Was hast gsagt?“

„Ob heut noch gsund werden musst? Kannst net warten bis übermorgen?“

„Was hast gsagt?“

„Ob heut noch gsund werden musst? Kannst net warten bis übermorgen?“

„Was hast gsagt?“ Das Misstrauen der Schwerhörigen funkelte in Punkls Augen. „Tust mich ebba für an Narren halten? Bist auch so a falscher Jager?“

„Öha, Alte“, mahnte Friedl, „net auf d’ Jager schimpfen!“

Punkl drehte sich flink. „Was hat er gsagt?“

„Wann die noch lang so fragt“, lachte Hies, „da muss ich heut ohne Nachtmahl abschieben von der Alm.“

Unter wachsenden Ärger forschte die Alte: „Was hat er gsagt?“

Friedl schraubte die Stimme: „Dass ihm vor Hunger der Magen schreit.“

„Waaas sagen d’ Leut?“ Wütend schnappte Punkl nach Luft. „D’ Leut sollen sagen, was s’ mögen. Mei’ Gsundheit is a kostbars Gut. Wann ich sterben müsst, da machen mich d’ Leut nimmer lebendig. Naaa!“ Mit hohem Fistelton begann sie zu heulen. „Jiiiiii –“ Die Schürze vor die Augen hebend, klagte sie gegen die Hütte hinüber: „Ich sag dir’s, Modei, iiiijaaa, ganz recht hast ghabt! Und schau, deswegen bist gsund blieben. Aber – aber iiiiii –“ Der Storm ihrer Schmerzen ergoss sich in die blaue Schürze.

„Geh“, sagte Modei, halb erheitert und halb unwillig, „tuts doch dös gute alte Weiberl net so plagen!“

„Wann’s allweil falsch versteht!“, lachte Hies. „Zu der kannst Herrgott und Cherubin sagen – dö versteht allweil Mannsbild und Kindstauf.“

Punkl hob den gekränkten Zwiebelkopf aus der Schürze: „Waaaas hast gsagt?“

„Dass dir der Friedl a Ruh lassen soll!“, brüllte Hies der Alten ins Ohr. „Sonst hat er’s mit mir z’ tun. Dich mag ich, weißt!“

In Punkls verheulten Augen ging die Sonne der Freude auf und glänzte. „Bist a braver Mensch, du! Zu dir hab ich a Zutrauen. Komm, Hieserl, komm!“ Sie umklammerte seinen Arm. „Jetzt koch ich dir auf! An Äpfelschmarren und Dopfenknödel!“ Energisch zerrte sie den Lachenden gegen den Brunnen hin. „Heut sollst es gut haben.“

Unter grotesken Tanzbewegungen schnackelte Hies mit den Fingern und sang in den leuchtenden Abend hinaus:

„Geht’s auffi in Himi,
Geht’s abi in d’ Höll,
Es is mir alls einding,
Und sei’s, wie dr wöll!

Und holt mich der Tuifi,
Und sied ich und brenn,
Sei’ Großmutter kocht mir
An Äpfelschmarrenn!“

Auch Modei musste lachen.

„A lustiger Zipfel!“, sagte Friedl. „Allweil einer von die Sonnseitigen!“

„Ja“, nickte Modei, „und die Gstanzeln, dö schüttelt er grad so aussi aus’m Ärmel.“

Hies wandte sich. „Da hast recht! Pass auf, bei deiner Hochzet sing ich, dass d’ Fenster scheppern!“

Wie von jäher Müdigkeit befallen, ließ Modei sich auf die Steintreppe hinsinken und sah ins Leere. „Bei meiner Hochzet!“

„No ja, warum denn net?“, scherzte Friedl in Sorge, während er sich auf eine der tieferen Stufen setzte. „Du wirst doch amal deine Hochzetgäst net ’s Gstanzelsingen verbieten?“

„Ich? Und heireten? – Bei mir is ausgheiret. Ich hab kein’ Glauben nimmer an d’ Mannsbilder.“

„Madl, da übertreibst wieder a bissl. Hast ja bloß an einzigen ausprobiert. Wann’s den Sonntag verregnet hat, kann d’ Woch noch allweil sechs schöne Täg haben.“

„Geh, du Narr, du guter!“ Modeis Brauen zogen sich hart zusammen. „Soll ich ebba ein’ um den andern durchkosten, bis ich den richtigen derwisch, in dem d’ Sonn scheint? Lass mir mei Ruh, sagt der Veri. In mein’ Kittel hat ’s Leben an Triangel einigrissen, der nimmer zum flicken is, net mit der besten Nahterei. Wer kauft, will ebbes kriegen, was ganz is. Es mag schon mich keiner nimmer.“

Friedl wurde bleich bis in die Lippen, und ohne Besinnen fuhr’s ihm heraus: „Ich nimm dich gleich.“

„Du?“ Modei hob das Gesicht. Dann lachte sie kurz und gezwungen.

„Was is jetzt da zum lachen?“, fragte er mit zerdrückter Stimme. „So a ganz Sonnscheiniger bin ich freilich net. Ich bin halt einer, wie s’ im Dutzend ausfallen. Aber an Antrag is allweil an Antrag. Da wirst wohl a Wörtl reden müssen.“

In die dämmernde Weite blickend, schüttelte sie stumm den Kopf.

Er musste sich räuspern, als wäre ihm eine Mücke in den Hals geflogen. Dann suchte er mühsam einen scherzenden Ton. „Ah na! Ah na! Gar so übers Knie reißen wir’s net ab. A bissl anschaun kann man’s allweil. Oder net?“

Noch immer schwieg sie.

Es hatte zu dämmern begonnen, und das letzte rötliche Zwielicht glänzte schon hinüber in den weißen Mondschein, der die Gratkanten der grauen Felswände in ein silbernes Zackenwerk verwandelte. Der Wind fuhr schärfer über das Almgehäng herunter, man hörte den Strahl des Brunnens plätschern, und die schwarz gewordenen Wedel der Latschen griffen wunderlich durcheinander wie plumpe Hände, die etwas zu haschen suchen, was sich nicht fangen lässt.

Scheu guckte Friedl zu Modei hinauf. Er konnte ihre Augen nimmer sehen, das Dunkel des Abends vertiefte noch den Schatten der gesenkten Wimpern. Hart Atme holend, nahm der Jäger den Hut herunter und kämmte mit schwerer Hand das Haar in die Stirn. „Wie a Prinzessin wirst es freilich net haben bei mir. Aber schlecht auch net. Mein Häusl hat Platz für uns Sechse.“

„Sechse? Wie zählst denn dass“

„No ja – du, dein Büberl, mei’ Mutter, dein Bruder, unser Kuh und ich. Und d’ Mutter hat ebbes gspart. Da legen wir uns a zweits Stückl Vieh zu. Un an noblen Ghalt hab ich auch. Dreihundert zwanzg Gulden. Und in fünf, sechs Jahr bin ich Forstwart. Geh, Madl, bsinn dich a bissl!“ Mahnend drückte er den Ellbogen an ihr Knie. „Schau, da brauchst dich nimmer plagen für fremde Leut, hast dein Heimatl, hast dein Büberl bei dir und kannst amal a richtigs Mannsbild aus ihm machen. Und wann ebbes nachkommt –“ Er lachte unbehilflich. „Dö kleine Waar wird sich schon vertragen mitanand.“

Sie beugte das Gesicht zwischen die Hände und presste die Ohren zu. „Hör auf! Hör auf!“

Er rückte eine Stufe höher und zog ihr die Arme herunter. „Geh, komm, lass reden mit dir! A bissl gut bist mir eh schon. Und ’s ander macht sich von selber. Und wann wir uns haben, und ich komm am Abend vom Berg heim, und du stehst unter der Haustür und lachst mich an –“

Ruhig befreite sie ihre Hände. „Lass gut sein! Tu mich net plagen! Mach mir ’s Na-Sagen net gar so schwer. Und nimm Verstand an, Bub! Um deintwegen. Du verdienst a Bessere, als ich eine bin.“

„Jetzt bist aber stad!“, fuhr Friedl zornig auf. „Was ich gern hab, lass ich net beleidigen.“ Er rückte wieder eine Stufe höher, an Modeis Seite. „So sollt a verstandsams Weiberleut net daherreden! Eine, wie du bist? Was du für eine bist, dös weiß ich schon. Die Beste von alle bist mir. Dös is mir d’ Hauptsach. Und –“ Was er weiter noch sagen wollte, schien ihm schwer zu fallen. „Wann ebba an dös andre denkst – dass bei der Hochzet ’s Kranzl nimmer tragen därfst? Ui jöises! Da reden wir net davon. Dös! No ja, dazughören sollt’s freilich. Aber für an richtigen Menschen muss d’ Lieb noch ebbes anders sein. Und wann einer a Witib heiret? Is ebba dös net an ehrenvolle Sach? Und da kriegt er den Guglhupf auch net frisch vom Bäcken. Man muss net allweil so verdrahte Ansprüche machen im Leben.“

„Na, Friedl! Na, na, na! Es is kein Glück dabei.“ Sie schüttelte heftig den Kopf und rückte von ihm weg.

„Nix da! Erst recht is eins dabei. Komm her! Jetzt reden wir alles aus bis aufs letzte Schnürl!“ Er haschte ihre Hand. „Heut hab ich amal den richtigen Schritt, und jetzt lass ich nimmer aus.“

„Es hat kein’ Verstand! Lass gut sein!“, sagte sie gequält, während sie ihm ihre Hand zu entwinden suchte. „Jetzt bist halt a bissl verliebt –“

„A bissl? Oho? Mein gern Haben is net von gestern. Du selber kannst gar net zruckdenken an dö Zeit, wo ich dich schon mögen hab. Selbigs Mal in der Nacht, wie s’ dich von der Brandstatt weg in unser Stuben tragen haben – wie noch a kleins Kindl warst und ich noch a Büberl – selbigs Mal is mir’s in d’ Seel einigfallen. Und nimmer hat’s auslassen –“

Wieder schüttelte sie den Kopf. „Dös bildst dir halt jetzt so ein. A guter Mensch bist. Da schaust halt alles mit schöne Augen an. Und d’ Welt is dir kugelrund, wie der Lenzl sagt. Aber hint her wirst dir mit’m Ellbogen ’s Mäusl aussistoßen am schiechen Kasten. Der Ehstand bringt Sorgen, und Sorgen verdrießen den besten Sinn. Da kommt an unguts Stündl, und es fahrt dir an ungrechts Wörtl übers Züngl aussi – a Fürwurf wegen dem, was gwesen is – und so a Wörtl kunnt ich net vertragen. Und a Graben is da. Und keiner holt’s nimmer auffi.“ Sie erhob sich. „Na Friedl!“

„Wie, wart noch a bissl!“ Er haschte sie bei einer Rockfalte und sprach erregt an ihr hinauf: „An Fürwurf hören? Du? Von mir? Dein Büberl mag ich, als ob’s mein eigens wär. Und du? Geh, schau, ich kann mir’s doch denken, wie’s geschehen is, dass der Guglhupf a Zwibeben einbüßt hat. Ich bin doch auch kein Frischbachener nimmer. Was jung is, muss Purzelbäum machen. Oder man hätt mit zwanzg Jahr schon an krankhaften Zustand und ’s Alter im Blut. Der Mensch ist keine Heiliger. Seit der Adam ’s erstmal einibissen hat in’ süßen Apfel, hat’s ihm a jeder nachmachen müssen. Hörst, Madl! Müssen, sag ich – net: mögen. ’s Blut is a Knechtl, dös an fremden Herrn hat.“ Ein paar Sekunden schwieg er, wie in Erwartung einer Antwort. „Madl? Glaubst mir noch allweil net?“

Sie hob das Gesicht. Es war bleich im Licht des Mondes, der über die östlichen Berge herauf geschwommen war. Wie eine Gold funkelnde Scheibe hing er im Leeren und warf den Schatten der beiden Menschen lang und dunkle über die Steine.

Ohne ein Wort zu finden, zog Modei die Rockfalte aus der Faust des Jägers und ging zur Hüttentür.

Erschrocken sprang er auf, verstellte ihr den Weg und streckte die Hand. „Geh, schau – wie d’ bist, so bist mir recht, und so mag ich dich. Schlag ein! A feins Pratzl hab ich freilich net. Aber Verlass is drauf. Schlag ein!“

„Ich hab aufs Glück kein’ Glauben nimmer!“, sagte sie mit Überwindung. „Und dass ich dich bloß als Versorgung anschau, da bist mir z’ gut dazu.“ Sie wandte sich. „Reden wir nimmer davon.“ Den Arm vor die Stirn pressend, trat sie auf den Schwellbalken der Sennstube und wurde grau im schwarzen Geviert der Hüttentür.

Nach kurzem Schweigen murrte Friedl vor sich hin: „Da bin ich schön abgfahren!“ Seine Zähne knirschten. „Himmelherrgottsakra –“ Er griff nach Gewehr und Bergstock und wollte gehen. Da fiel ihm Bürschl ein – der Hund lag wohl wieder in der Hütte auf dem Lager, das ihm Modei mit alten Futtersäcken neben dem Herd zurechtgemacht hatte. Friedl pfiff, und da kam der Hund wie ein Pfeil aus der Tür gefahren, schüttelte die Ohren und bellte gegen den Mondschein. „Komm, Bürschl! Jetzt können wir heimtappen.“ Die Schritte des Jägers klapperten auf den Steinstufen.

Modei wandte das Gesicht. „Ohne Gruß willst fort? Bist mir jetzt harb?“

Es riss ihn herum. Dann trat er rasch zu ihr hin. „Madl? Is dir ebbes dran glegen, dass ich dir gut bleib?“

Sie sagte zögernd: „Als Kamerad – no freilich, ja.“

„Nacher musst mir an Gfallen tun.“

„Außer dem andern – alles, was d’ willst.“ Dabei reichte sie ihm die Hand.

„So gib dein Büberl zu meiner Mutter ins Haus.“

Es dauerte lang, bis sie sagen konnte: „In Gotts Namen!“

Friedl lachte wie ein Berauschter. „Ja? Handschlag! Und gnagelt und gsiegelt! Und morgen in aller Fruh, da renn ich abi nach Lenggries und hol mir’s Kindl auffi nach Fall. Und recht schön grüßen tu ich’s von dir. Gelt, ja? Und wie wär’s denn? Kunntst mir ja gleich a Bussl fürs Kindl mitgeben?“ Er umschlang sie.

Erschrocken wehrte sich das Mädel, konnte sich befreien und sprang in die Sennstube. „Ah na! Wer eh schon an Rausch hat, dem därf man nimmer einschenken.“

Wie eine schwarz und weiß gesprenkelte Säule stand Lenzl im Mondschein. Er lachte leise. „Gut hast anpackt, Friedl! Aber z’ fruh hast auslassen.“

„Macht nix! Morgen is auch wieder a Tag. Und wo ’s Kindl is, muss d’ Mutter nach. Der Doktermartl tät sagen: Dös is a Naturgsetz.“ Mit einem klingenden Jauchzer sprang der Jäger zum Steig hinüber. Und der tollende Schweißhund bellte, dass von den silbernen Felsen ein vielfaches Echo kam.

Lenzl stand unbeweglich in dem weißen Licht und raunte wie ein Träumender vor sich hin: „Jetzt glaub ich, dass ich gsunden tu. ’s Glück zeiht alles in d’ Höh. So viel licht und lustig is mir’s im Hirnkastl!“ Mit leisem Lachen ging er zum Steig hinüber und spähte in das Licht- und Schattengewirr der Tiefe.

Da drunten, wo sich der Pfad im Mondschein wie ein weißer Silberstreif durch den dunklen Rasen hinzog, klirrten die flinken Schuhe und der Bergstock des Jägers.

Es war eine weite Strecke bis hinunter ins Tal; nie noch war sie dem Jäger so kurz geworden wie heut. Aus der Erfüllung seiner Bitte lachte ihn die Hoffnung an mit freundlichem Gesicht, und frohe Gedanken wanderten mit ihm den stillen Weg.

Als Friedl das Tal erreichte, sah er die Fenster des Wirtshauses hell erleuchtet. Er hörte Gesang, Musik und Lachen. Von der Straße guckte er durch ein Fenster in die Stube. Da saß eine muntere Gesellschaft um einen langen Tisch versammelt: Der Förster mit seiner Frau, die Jagdgehilfen, Benno Harlander und der neu nach Fall versetzte, schwerbäuchige Grenzaufseher Niedergstöttner mit seinem ratzenkahlen Dampfnudelkopf, der jeden Einfall, den er hatte, mit flinker Sprudelzunge mehrmals wiederholte, wie nach dem mephistophelischen Rezept: „Du musst es drei Mal sagen!“ Vater Riesch hielt die Geige an das Kinn gedrückt, sein Ältester klimperte auf einer Gitarre, sein schmuckes Töchterchen, das „Wirtsanerl“, hobelte auf einer Mundharmonika, und der lachende Hies, der dem Gesundheitsverlangen der leidenden Punkl unmedizinisch entronnen war, hatte die Zither vor sich stehen und ließ die Saiten schnurren. Da drinnen feierten sie den Vorabend des Scheibenschießens.

Bürschl, der von seinem früheren Herrn her alle Wirtshäuser weitum im Lande kannte, wollte der offenen Tür zulaufen. Friedl rief ihn zurück. Er hatte keine Lust, den fidelen Rummel mitzumachen. Sonst war ihm lustige Gesellschaft immer willkommen. Heut trieb es ihn heim – weil er noch ein Wort mit der Mutter zu reden hatte. Als er die Haustür öffnete, tat er einen schwülen Atemzug. In der Stube, durch deren Fenster nur noch dünn ein Strahl des Mondes fiel, stellte Friedl den Bergstock in eine Ecke, hängte Rucksack und Gewehr an das Zapfenbrett, schob die Schuhe unter den Ofen und richtete mit einem alten Wettermantel dem Hund eine Liegestatt. Dann ging er zur Kammertür und öffnete sie um einen schmalen Spalt. „Mutter, schlafst schon?“

„Na, Bub!“, klang aus dem Dunkel die Stimme der alten Frau. „Wie soll ich denn schlafen, wann ich weiß, mein Bub kommt heim? Aber niederglegt hab ich mich halt a bissl, weil ich gar soviel müd war.“

„Schau, Mutter, du machst dir z’ viel Arbet!“ Friedl trat in die Kammer und setzte sich auf den Rand des Bettes, dessen weiße Leinwand in der Dunkelheit schimmerte. „Es is schon wahr!“ Er suchte die Hände der Mutter. „Unser kleins Hauswesen kunntst mit weniger Müh grad so sauber imstand halten. Und schau, Mutter, du bist alt und musst dir a bissl Ruh vergunnen.“

„Ah, geh weiter! Ich müsst ja sterben, wann ich net arbeiten durft von der Fruh bis auf d’ Nacht.“

„Ja, ja, schon – aber jetzt kriegen wir von morgen an noch a Dritts in unser Haus.“

Die Bäuerin richtete sich auf. „Was? Ja wen denn?“

„Der Modei ihr Büberl.“

„Jesses! Friedl!“

Sanft drückte er mit beiden Händen die Mutter auf das Kissen zurück und fing zu erzählen an, die ganze lange Geschichte der verwichenen vierzehn Tage bis zu Modeis letztem Wort. Schweigend lauschte die alte Frau. Und sie schwieg auch noch, als Friedl schon lang geendet hatte. „Mutter?“, brach der Jäger endlich mit leiser Stimme das Schweigen. „Hast jetzt gar kein Wörtl für mich?“

„Bub – du weißt, wie ich über söllene Sachen denk. Ich will dir heut net weiter fürreden, was ich oft und oft schon zu dir gsagt hab. Aber ich bin allweil a verstandsames Weiberleut gwesen, dös sich mit allem hat abfinden können, was an ausgmachte Sach war. Du musst ja ’s Madl besser kennen als ich. Unter allem, was ich von ihr ghört hab, hat mir dös am besten gfallen, dass ’s Madl heut net gleich an verliebten Purzelbaum gmacht hat. Aber wie mir scheint, wird dös Na blad a richtigs Ja werden. So kann ich nur hoffen, dass sich ’s Madl nach allem, was geschehen is, deiner wert halt in Ehren. Tag und Nacht will ich zu unserem Herrgott beten, dass er dir alles zum besten ausanander kletzelt. Was hat schließlich der Mensch auf der Welt, wann er Glück, Ruh und Fried net hat im Herzen und im Haus? Dös soll dir unser lieber Himmelvater halt geben! Nacher bin ich mit allem einverstanden. So! Und jetzt geh schlafen, Bub! Und morgen bringst mir halt unser Kindl! Gut Nacht!“

„Du liebs Mutterl du! Gut Nacht!“ Friedl drückte in seiner lachenden Freude die Hände der Mutter so ausgiebig, dass die alte Frau einen Wehlaut ausstieß und ärgerlich murrte: „Hörst net auf! Du narreter Schüppel! Meinst denn, ich hab Pratzen wie a Holzknecht?“

„Mar’ und Joseph!“, stotterte Friedl erschrocken. „Hab ich denn gar so narret druckt?“

„An Schwachen hätt’s umgworfen. Gut, dass ich im Bett glegen bin!“

„Jesses, jesses!“ Und auf den Zehen schlich Friedl aus der Kammer, während er immer die Hände schlenkerte, als könnte er den gefährlichen Überschuss an Kraft aus sich heraus werfen.

Leise zog er hinter sich die Tür ins Schloss.

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