Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

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      Ludwig Ganghofer
         Der Jäger von Fall
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Kapitel 6

Als die Sterne funkelten und der Nachtwind rauschend von den Felswänden hinunterfuhr isn finstere Tal, suchte Friedl mit kochendem Blut den Heimweg zur Jägerhütte. Schlaflos warf er sich die ganze Nacht auf seinem Heubett herum, tobenden Zorn in jedem Gedanken. Dass Blasi der von allen Jägern gehasste und gesuchte Neunnägel wäre, daran hatte er nie im Traum gedacht. Nun er es wusste, und alles andre dazu, vermeinte er kaum den Morgen erwarten zu können, um hinauszuziehen in den Bergwald und jeden frischen Fußtritt auf der Erde zu prüfen. Keiner ehrlichen Jägerkugel hielt er diesen Menschen wert! Fangen wollte er ihn, greifen und fesseln, wie man den Dieb fesselt, der zur Nacht in die Stille der Häuser bricht. Stoß für Stoß wollte er ihn vor sich hertreiben, den ganzen Weg bis zur Schwelle des Landgerichtes zu Tölz, auf offener Straße mitten durch Lenggries hindurch, um ihn der verdienten Schande preiszugeben.

Es dauerte lang, bis in Kopf und Seele des Jägers der erste Wutsturm sich ausgetobt hatte. Als er ruhiger wurde, kam gleich der Gedanke: Da muss man helfen! Modeis Bild, ihr Kummer, ihr zerbrochenes Leben stieg vor seinen Augen auf. Und wie er sich auch wehrte dagegen, er konnte es nicht hindern, dass neben dem Willen zur Hilfe auch Träume von kommendem Glück sich rührten in seinem Herzen. Wohl sprach er sich in der finsteren Nacht mit lauten Worten vor, wie grundschlecht das wäre: Bei allem Gram des armen Mädels an seine eigene Liebe, an sein eigenes Herz zu denken. Aber die heißen Wünsche, die er seit Jahren mit Gewalt in sich unterdrückt hatte – nur seiner Mutter gegenüber war ihm in einer schwachen, dürstenden Stunde das verschlossene Herz aufgesprungen – flammten nun gegen seinen Willen auf, wie ein von der Luft abgesperrtes Feuer im leisesten Windhauch auflodert, nachdem es mit halberstickter Glut die Pfosten und Balken dörrte. Da sah er sich schon zu Hause sitzen, in der kleinen, gemütlichen Stube, an der Seite des geliebten Weibes, erfreut und erheitert durch das drollige Lachen des Kindes. Das Kind! – Da fiel dem Jäger seine Mutter ein, die nach einem schweren, an Sorge und Mühsal reichen Leben streng über solche Dinge urteilte – und die Worte kamen ihm in den Sinn, die ihm die alte Frau zum Abschied auf der Türbrücke ins Ohr gesprochen hatte.

Und war es denn nicht das Kind des Verhassten? Nein, nein! Ihr Kind war es, ihr Kind allein! Das waren die gleichen dunklen, tiefen Augen, das war die Farbe ihres Haars, das war das gleiche Grübchen im Kinn, und aus dem Lallen des Kindes hörte er immer die linde Stimme der Mutter. Nur ein paar Mal hatte er das kleine liebe Ding gesehen und trug es schon in seinem Herzen wie sein eigen Fleisch und Blut. Nur die Leute, die Leute – und –

Aber war er selbst denn ohne Sünde, frei von jeder Schuld gegen Gott und Menschen? Er dachte an die Kirche und sah sich im Beichtstuhl auf den Knien liegen. Immer und alles hatte ihm der Pfarrer verziehen, dieser unfreundliche Herr, der die Jäger nicht leiden konnte, weil sie ihm kein Wildbret zum Präsent machten, wie es die Raubschützen taten. Und er, er sollte nicht vergessen und nicht verzeihen können, nicht einmal dieser Einzigen, an der sein Leben hing?

Dann wieder überlief ihn kalt der Gedanke, wozu er das alles dachte und hoffte? Wie sollte denn sie ihm gut werden können, da sie ihn schon verworfen hatte durch die Wahl eines anderen, freilich ohne zu wissen, was er in seinem Herzen für sie empfand. Und jetzt sollte sie ihm gut werden, jetzt, wo die Tränen um den andern noch auf ihren Wangen brannten? Gerade jetzt sollte sie Liebe empfinden können, da Liebe sie so grausam getäuscht und verraten hatte?

Es hielt ihn nicht länger auf dem schwülen Heubett. Er sprang auf und trat ins Freie. Die Kühle der Nacht tat ihm wohl, und er setzte sich draußen auf die Holzbank, um so den Morgen heranzuwachen. Über ihm blinkten die Sterne, in der schwarzen Runde rauschten die Bäume, und drunten auf dem Jagdsteig sang das Geplätscher des kleinen Wasserfalles. Ruhelos stritten in der Seele des Jägers die springenden Gedanken. Aber hell und laut in aller kämpfenden Qual sprach immer wieder die Stimme seiner Hoffnung.

Als nach Stunden die Sterne erloschen waren und über den Felshang die ersten falben Lichter nieder flossen, erhob sich Friedl. Eine bleierne Müdigkeit lag in seinen Gliedern. So matt und zerbrochen hatte er sich noch nie gefühlt, wenn er von der ersten Dämmerung bis in die sinkende Nacht umhergeklettert war in den unwegsamsten Steinwänden, oder wenn er den schwersten Hirsch auf dem Rücken hinunter getragen hatte nach Fall, um das Liefergeld zu verdienen. Langsam ging er den Steig hinunter bis zum Bach; dort legte er die Kleider ab und stellte sich unter den klatschenden Wasserfall, dessen Kälte ihn erfrische und die Kraft seiner Knochen wieder aufrüttelte.

In die Jagdhütte zurückgekehrt, brachte er Schlafstube und Küche in Ordnung; dann zog er aus, mit dem Hund an der Leine. Als er bei hellem Morgen die Lärchkoglalm erreichte, trat er in eine der Hütten und ließ sich eine Schüssel mit frischer Milch reichen. Halb trank er sie leer und stellte den Rest für Bürschl auf die Erde. Und weiter!

Still war es im Bergwald. Unter den Bäumen lag noch der Frühschatten, der Tau noch auf den moosigen Steinen.

Wie Balsam auf brennende Wunden, so legte sich die Bergwaldstille auf Friedls heiß erregtes Gemüt. Und als er nach diesem langen, einsamen Tag unter Modeis Türe trat und dem blassen Mädel zum Grüßgott die Hand reichte, waren die Bangnisse der verflossenen Nacht von seiner Stirn gewischt. Sein Auge blickte freundlich, sein Mund konnte lächeln.

Tag um Tag verging. Und Abend um Abend kam Friedl zur Grottenhütte und brachte entweder einen Strauß frischer Blumen oder einen absonderlichen Wurzelauswuchs zum Schmuck der Hüttenwand, oder sonst ein Ding, wie es die Aufmerksamkeit ihn suchen, der Zufall des Weges ihn finden ließ. Immer war er der gleiche, der gleich Freundliche. Nie kam ein Wort über seine Lippen, das Modei nur leise an die Vergangenheit erinnern oder in ihr die Ahnung hätte wecken können, dass Friedl um alles wusste. Heiter plauschend saß er am Herd und guckte zu, wie Modei still und ruhig ihre Arbeit tat, oder er lauschte den verworrenen Geschichten ihres Bruders, für den der Tag immer erst begann, wenn Friedl des Abends in die Hütte trat. War alles getan, was das Tagewerk der Sennerin erfordert, so saßen die drei oft stundenlang noch beisammen vor der Hüttentür. Da nahm dann Friedls Modeis Zither auf die Knie und sang von seinen kleinen Liedern eines, oder Modei spielte selbst einen Ländler, und Friedl plauderte dazu von der Zeit, da sie als Kinder auf den Straßen und Wiesen von Lenggries noch „Blindekuh“ und „Fangemanndl“ gespielt hatten. Er dachte auch daran, wie Modei in die Schule kam, während er schon in der letzten Klasse saß, und wie er sie oft vor den groben Späßen der anderen Schulbuben in Schutz genommen hatte. Davon aber schwatzte er nicht, er lächelte nur still vor sich hin, wen ihm das einfiel.

Diese wandellose Freundlichkeit des Jägers blieb auf Modei nicht ohne Wirkung. Stille Ruhe legte sich auf ihr Herz und Denken; von Tag zu Tag milderte sich die strenge Falte zwischen ihren Brauen; und gerne lächelte sie zu einer von Friedls lustigen Geschichten. Stark, entschlossen und besonnen, wie ihr Schicksal sie gebildet hatte, war sie in einem einzigen Schmerz mit allem Vergangenen und mit allen Klagen fertig geworden und dachte jetzt nur noch an eine Zukunft notwendiger, unermüdlicher Arbeit. Freilich lag das Gefühl der Einsamkeit wie ein drückender Stein auf ihrem Leben. Lenzl war über seine Jahre gealtert, zuzeiten recht griesgrämlich und für die Schwester mehr ein Gegenstand der Sorge als ein stützender Kamerad. Und das Kind, dem nun ihr ungeteiltes Herz gehörte und für das ihre Hände rastlos arbeiteten, war weit von ihr, war fern ihrer Zärtlichkeit und ihrem Liebesbedürfnis.

Da empfand sie die freundliche Art und Weise Friedls wie einen starken und warmen Trost. Wenn er sich bei Anbruch der Nacht von der Bank erhob und dem Lenzl für den nächsten Abend das Wiederkommen versprach, hörte sie das gerne mit an. Und wenn er ging, und sie sah ihm nach, dann schlichen ihr unwillkürlich vergleichende Gedanken durch den Kopf. Aber das erregte in ihr auch wieder den Ekel über das Vergangene und den Unmut über alles in ihr selbst, was solch ein Vergangenes erlaubt und ermöglicht hatte. Und wenn sie zur Ruhe ging, lag sie oft lange Stunden noch schlaflos in ihrem Kreister und dachte zurück an alles Geschehene: Wie sie als junges Mädel, fast noch als Kind, auf die Alm heraufgezogen, wie sie sich so unglücklich, so von Gott und Menschen verlassen gefühlt hatte, und wie Blasi eines Abends, nach einem schweren Unwetter, zum ersten Mal in ihre Hütte getreten war und bei ihrem Anblick gestutzt und gelächelt hatte. Nicht der schmucke Bursch mit den blitzenden Augen, nicht seine zärtliche Wendung, nicht seine kosenden Liebesworte hatten sie zu der unseligen Neigung beredet. Ihre Verführer waren die Einsamkeit und die Liebessehnsucht ihres jungen Herzens gewesen. Und lange schon, bevor sie Blasis wahre Natur in ihrer üblen Hässlichkeit erkannte, hatte sie in Schmerz die Torheit des eigenen Herzens erkennen müssen. Hätte nur Friedl mit seinem wohlmeinenden Rat ihr in jener einsamen Zeit zur Seite gestanden! Dann wär’ es nicht so gekommen, alles wäre anders – und besser! Es war Modei seltsam zumut, als sie sich über diesem Gedanken ertappte; aber auch bei klarem Bewusstsein konnte sie ihm nicht unrecht geben. War Friedl nicht auch jetzt ihr guter Berater, wenn auch nur bei den kleinen Sorgen ihres Almhaushaltes? Und das wusste sie: Wenn sie jemals in ernster Sorge was zu fragen hätte, dann würde Friedl nur raten zu ihrem Besten.

So zehrte sie von seinem freundlichen Entgegenkommen, auch wenn er ihr ferne war. Und wenn sie selbst nicht an ihn dachte, plauderte Lenzl von ihm, immer wieder, mit einer Wärme und Anhänglichkeit, die Modei oft lächeln machte.

Kam der Abend und jammerte Lenzl, dass Friedl heute „so endslang“ ausbliebe, dann stellte sich Modei wohl unter die Hüttentür und blickte wartend hinunter nach dem Steig.

Wieder einmal ging es auf den Abend zu. Modei hatte ihre Arbeit früher als gewöhnlich beendet, und eben trug sie, vom Brunnen kommend, eine Butte mit Trinkwasser zur Hüttentür, als drunten auf dem Almsteig langsame, schwere Tritte klangen. Sie hielt inne und horchte. Friedl war das nicht, sie kannte seinen Schritt.

Aus der Tiefe tauchte die Gestalt eines älteren Mannes herauf; sein Gewand zeigte eine seltsame Mischung städtischer und bäurischer Tracht: Eine lange, blau und grün karierte Hose, die Lodenjoppe und die schweren Bergschuhe, auf dem Kopf eine alte Ulanenmütze mit großem Lederschild, hinter dem Rücken der Bergsack, in der rechten Hand ein Hakenstock von spanischem Rohr, und eine große blaue Brille auf der gebogenen Nase, die über struppigem Bartgewuschel glänzte wie ein nackter, im Abendschein erglühender Fels über dunklem Latschengestrüpp.

„Grüß dich Gott, Modei!“

„Jeh, der Doktermartl! Was suchst denn du heut noch bei mir daheroben?“

„Lass mich nur grad a bissl verschnaufen, nacher wird sich alles finden!“ Mit blauem Taschentuch den Schweiß von der Glatze trocknend, kam der Doktermarktl auf die Hütte zu und trat hinter Modei in die Stube.

Doktermartl? Vor langen Jahren, als er zu Dillingen bei den Ulanen gedient hatte, war er Gehilfe des Regimentsveterinärs gewesen. In die Heimat zurückgekehrt, versuchte er das in solcher Stellung errungene Wissen an den Pferden und Hunden von Lenggries und an den Kühne der umliegenden Almen. Er „dokterte“. Und diesen, frei von ihm, ohne Wissen und Zustimmung der Behörde gewählten und ausgeübten Beruf vereinigte der Volksmund mit seinem Vornamen zu dem Ehrentitel: Doktermartl.

Auf allen Almen zwischen Lenggries und Hinterriß war er bekannt und wenn auch kein ungern gesehener, doch ein ungern gerufener Gast. Auch auf der Grottenalm hatte er in den letzten vierzehn Tagen des öfteren vorgesprochen, um nach Modeis kranker Kuh zu sehen. Deshalb konnte er heut nicht kommen; die Patientin war schon wieder gesund, und eben klang der Ton ihrer Halsglocke von der Höhe her, während Lenzl die kleine Herde der Milchkühe einsammelt ein den Stall.

Martl erzählte der Sennerin, er käme von der Lärchkoglalm herüber, wo es mit ein paar Kühen wieder recht schlecht stünde, und da möchte er im Vorbeispringen nur ein paar Minuten in Modeis Hütte rasten.

Dem Mädel erschien es wunderlich, dass man, um ein paar Minuten zu ruhen, einen Umweg von einer Stunde macht. Dazu kam noch, dass der Doktermartl ein bisschen konfus von fern liegenden Dingen zu schwatzen begann, das Gespräch wieder stocken ließ, verlegen wurde und von was anderem zu reden anhub. Modei trat vor den Alten hin und fragte kurzweg: „Martl, du willst was? Plag dich net lang mit Ausreden und sag’s grad aussi!“

„No also, ja, der Blasi schickt mich.“

Nicht eine Miene zuckte in dem Gesicht des Mädels. „Und?“

„Ja, gfragt is gleich, aber gsagt is so ebbes net so gschwind. Schau, du musst es ihm net verübeln, dass er mich in dö Sach hat einischauen lassen! Gwiss wahr, von mir erfahrt kein Sterbensmensch a Wörtl.“

„Meintwegen brauchst du ’s Reden net verhalten. Aber ich mein’, der Blasi müsst dir von eh a guts Wörtl geben haben, dass d’ über ihn nix rumredst.“

Martl zuckte schmunzelnd die Achseln. „Kann leicht sein auch. Also, gestern hab ich ihn drunt in Lenggries auf der Post troffen. Da hab ich ihm so ganz zufällig verzählt, dass ich heut auf d’ Lärchkoglalm auffi müsst, ja, und da hat er gmeint, ich kunnt am Heimweg wohl dös Katzensprüngl daher machen, um an dich a verschwiegene Botschaft –“ Martl stockte, weil Lenzl in die Stube trat.

„Kannst unscheniert weiterreden“, sagte Modei, „vor meim Bruder hab ich nix Heimlichs.“

„Mir kann’s recht sein!“, meinte der Doktermartl. „No und da hat mir halt nacher der Blasi d’ Hauptsach a bissl ausananderdeutscht. Du sollst net glauben, lasst er dir sagen, dass er auf sei’ Schuldigkeit vergessen tät. Weil’s halt amal sein muss, schau, da hat er gmeint, es wär doch besser, wann man in Fried und Güt ausanander käm. Du hast mit’m Kindl Sorgen und Kösten gnug, und da wär’s net mehr als billig von ihm, hat er gsagt, dass er dich entschädigen tät, weißt, und da hat er selber so an zweihundert Markln denkt.“

„So? Dös lasst er uns sagen? Der Lump!“, schrie Lenzl in galligem Zorn. „Was d’ Schwester tut, dös weiß ich net. Aber von mir kannst dem saubern Herrn sagen, dass ich mir ganz gut denken kann, woher ihn sein Gwissen druckt. Er war wohl schon beim Avakaten, der ihm gsagt hat, dass derselbig Wisch, den d’ Modei unterschrieben hat, niemals a grichtliche Gültigkeit haben kann. Und da kannst ihm ausrichten von mir –“

„Sei stad, Lenzl!“, unterbrach ihn die Schwester. Die Hände an der Schürze trocknend, ging sie auf den Doktermartl zu und sagte ruhig: „Ich kann mir gar net denken, wie der Blasi dazu kommt, an mich so a Botschaft ausrichten z’ lassen. Er hat’s ja schwarz auf weiß, dass er zu meim Kindl in keiner Verwandtschaft steht. Und ich setz den Fall, es wär anders, so hab ich’s selber schon lang vergessen. Wann’s auch grad kei’ Ewigkeit her is, dass ich mich mit’m Vergessen abgib – du als Dokter weißt ja selber am besten, dass gwisse Medizinen a bissl arg schnell wirken. Im übrigen kannst ihm sagen, dass ich kein Geld net brauch. Und wann ich eins brauchet, käm der Blasi lang nach’m letzten, von dem ich eins haben möchte. So, jetzt wären wir mit der Botschaft fertig. Jetzt kannst mir wieder verzählen, wie’s mit’m Vieh am Lärchkogel steht. Dös interessiert mich.“

Verdutzt guckte Martl in das ernste Gesicht des Mädels, ratlos, was er da erwidern sollte. Nach dem, was Blasi ihm mitgeteilt hatte, war er auf eine andere Wirkung seiner Botschaft gefasst gewesen. Den ganzen Weg über hatt er sich auf sanfte und kluge Trostworte besonnen, um sie bei einem heftigen und tränenreichen Auftritt lindernd zu verabreichen. Und nun! Schweigend saß er da, rückte verlegen die Brille und war herzlich froh, als Stimmen, die sich draußen näherten, ihm Veranlassung gaben, ins Freie zu treten. Lenzl folgte ihm, während Modei unter der Türe stehen blieb.

Über den höheren Berghang kam die alte Punkl heruntergestiegen, mit Monika, ihrer Hüttennachbarin, einem drallen, runden Mädel, das lustig jodelte, wenn auch manchmal ein bisschen falsch. Lenzl schnitt dazu eine wehleidige Grimasse und schalt über den Hang hinauf: „Du! Hörst net auf, da droben! Dös fahrt eim ja wie a Stricknadel in d’ Ohrwascheln eini!“

„Geh, sei net so grantig!“, antwortete die gut gedrechselte Sennerin. „Mich freut halt ’s Leben. DA muss ich allweil dudeln.“

„Dös glaub ich, dass d’ heut gaggerst wie a Henn, wann s’ glegt hat. Meinst, ich hab’s net gesehen, wer heut in der Fruh aus deiner Hütten aussigschloffen is?“

Das Mädel lachte. „Verschaut hast dich!“

„Ja, lach nur, du!“ Lenzl wurde ernst. „Und wart drei Vierteljahr! Da fallt dir in die’ süße Musi a Tröpfl Essig eini.“

„Meintwegen! Jetzt bin ich noch allweil bei der Süßigkeit.“ Das Bein hebend, schrie Monika einen vergnügten Jauchzer in den schönen Abend hinaus.

Lenzl schüttelte den Kopf. „Da is eine wie die ander. Es wird halt so sein müssen. Sonst tät der Nachwuchs auslassen.“ Gleich einem Betrunkenen kreischte er ins Leere: „Du, Lisei, weißt es schon –“ Verstummend griff er wie ein Erwachender mit der Hand nach seiner Stirn und murmelte: „Jetzt glaub ich bald selber, dass ich a Narr bin.“

Bei der Stalltür sah der Doktermartl die gesund gewordene Blässin grasen. „No also“, rief er über die Schulter zur Modei hinüber, „gelt, ich hab dir’s gsagt: Dö macht sich wieder! Am Inkreisch hat’s ihr halt a bissl gfehlt. Dö hat beim Grasen ebbes Scharfs derwischt. So ebbes vertragt a jeder Magen net. Es ist mit’m meinigen grad so. Auf den muss ich aufpassen wie auf a kleins Kind. Bei der zehnten, zwölften Maß Bier macht er schon allweil Mannderln wie a derschrockener Kiniglhaas. Jaaa, Madl, wann sich die Blässin wieder amal überfrisst und a bissl schwermütig dreinschaut, nacher gibst ihr mein Trankl wieder und redst recht lustig mit ihr. Bei allem, was eim weh tut, Mensch oder Vieh, hat a fidels Gemüt a segensreiche Vereinflussung. Der Traurige stirbt allweil früher als wie der Lustige. Dös is a Naturgsetz.“ Er schnupfte.

Mit den Gedanken bei anderen Dingen, sagte Modei: „Weil mir nur grad dös Stückl Vieh wieder gsund is.“

„Nur nie verzagen!“ Martl hobelte mit dem blauen Taschentuch über die Nase hin und her. „Und allweil auf Gott vertrauen!“

„Freilich, ja! Und selber gut aufpassen.“

„Da kommt er am weitesten, der Mensch. Unser Herr Pfarr is voller Gottvertrauen. Aber wann er Hunger hat, verlasst er sich lieber auf sei’ Köchin.“

Müde lachend trat Modei in die Sennstube.

Hinter der Hütte droben, wo der Almbrunnen war, hatten Punkl und Monika ihre Wasserbutten niedergestellt. Da überholte sie ein knochiger Graukopf, dessen gedunsenes, von blauen Äderchen durchzogenes Gesicht die Diagnose auf chronischen Suff ermöglichte, ohne dass man medizinische Kenntnisse zu haben brauchte. Es war der alte Veri, der emeritierte Lenggrieser Nachtwächter, der in Monikas Hütte als Hüter eingestanden war. Auf dem Rücken trug er eine Kraxe, die mit dem Almgewinn der Woche beladen war. Der Alte musste an den zwei Weibsleuten beim Brunnen vorüber. Dabei ging es anscheinend ganz friedlich zu. Dennoch hörte man die Punkl kreischen: „Jesses, jesse, hörst net auf! Ich schrie, wann net aufhörst!“

„Lass mir lieber du mei’ Ruh!“, schimpfte Veri mit rauem Bierbass und wackelte über den Steig zur Hütte herunter.

„He, Mannderl, was is denn?“, rief ihm der Doktermartl entgegen. „Du wirst doch net auf die alte Punkl an Husarenangriff gmacht haben?“

„Ah!“ Ein Schwur empörter Verneinung lag in diesem kurzem Laut.

„Der is froh“, meinte Lenzl, „wann die Punkl ihm nix tut. Gelt, Veri?“

„Lass mir mei’ Ruh!“, knurrte der Alte und klapperte gegen den tieferen Steig hinüber.

„Musst abtragen?“, fragte Martl. „Oder reißt dich der Zug deines Hörzens wieder ins Wirtshaus abi?“

„Ah!“ Das klang wie ein hundertfaches Nein in einem einzigen Wort.

„Troffen hast es!“, nickte Lenzl. „Dem sein Schutzpatron is der heilige Fasselianus, der auf’m Nabelfleck a Spundloch hat.“

„Lass mir mei’ Ruh, du!“, gähnte Veri und tauchte über die Steigstufen hinunter.

„Soll er halt saufen!“, philosophierte Martl. „Ebbes muss der Mensch allweil haben, was ihn freut. Dös is a Naturgsetz. ’s Kinderglachter hört auf und d’ Liebsnarretei fangt an. Hinter die süßen Seufzer kommt ’s Schwitzen bei der Arbet. D’ Arbet macht Durst, und so verfallst auf’n Suff. ’s Leben is allweil an Übergangl. Und allzeit brauchst a Weibsbild dazu. ’s Wiegenkitterl zieht dir d’ Mutter aus, ’s Hochzeiterhemmed spinnt dir dein Bräutl, und ins kalte Leichenfrackl hilft dir an alts Weib eini. Ohne Hilf kommt der Mensch net aus, und für a Mannsbild is d’ Vielweiberei a Naturgsetz.“

Vom Almbrunnen klang die Stimme der Monika: „Je, Doktermartl, du bist da!“

„Geh, komm abi, du runde Erfindung Gottes! Nach deine Küh hab ich mich schon umgschaut auf der Weid. Jetzt musst mir noch sagen, wie’s dir geht.“

„Net schlecht!“ Das Mädel hopfte über den buckligen Rasen herunter, wandte sich, höhlte die Hände um den Mund und rief zum Brunnen hinauf: „Höi! Punkl! Komm abi!“

Die Alte droben guckte. „Was hast gsagt?“

„Abi sollst kommen!“, grillte Monika im höchsten Diskant. „Der Martl is da.“

„Jessas, ja, gleich, bloß d’ Händ muss ich mir waschen.“

Lenzl gab den Ratschlag: „Da soll s’ ihr Gsicht auch gleich mitspülen, dass man ’s Häutl wieder amal sieht.“

„Bei mir macht s’ deswegen doch kei’ Eroberung!“, lachte der Doktermartl.

„Im Alter täts ös zwei grad zammpassen.“

„Was? Ich bin noch in die besten Jahr. Aber die Punkl is schon älter als wie der luthrische Glauben.“

„Du, da hast sparsam grechnet!“, kicherte Monika. „Die is schon älter, als Gott allmächtig is. Bei der Punkl wird d’ Nasen schon grau.“

Jetzt kam die Alte. „So, da bin ich. Grad freuen tut’s mich, dass da bist, Martl! Hab dich schon lang ebbes fragen wollen. Für an Menschen wirst wohl auch an Rat haben, wann auch bloß fürs Vieh gut bist.“

„Da bin ich grad der richtige für dich. No also, wo fehlt’s denn? Musst mir halt von deim Leiden a Bild machen.“

„Na, naaa –“ Errötend schüttelte Punkl den grauen Zwiebelkopf. „Auf Ehr und Seligkeit, bei mir is kein Mannsbild gwesen.“

Martl brüllte ihr ins Ohr: „Wo’s fehlt, hab ich gfragt.“

„Ah so? Ja, schau, mir is allweil so viel entrisch, net recht und net schlecht, ich weiß net, wie. Drucken und stechen tut’s mich, allweil tut’s a so wumseln in mir, und überall hab ich Kopfweh.“

„Was?“ Martl macht eine alles umfassende Handbewegung. „Überall?“

„Jaaa, grad da hab ich’s am allerärgsten.“

„Teifi, Teifi, Teifi! Bei dir findt halt ’s Kopfweh kein’ Kopf net, weißt, und verschlagt sich nach alle Windrichtungen.“ Der Almhippokrates zeigte ein ernstes Gesicht. „Dös is a bedenklicher Kasus.“

„Ah naa, Kaas hab ich heut kein’ gessen. Rahmnockerln hab ich mir gmacht.“

„Mar’ und Joseph! Rahmnockerln? In dem Zustand!“ Martl schüttelte sorgenvoll das Haupt. „O du arme Seel! Da wirst sterben müssen.“

Während die zwei anderen lachten, rundeten sich die Augen der Alten in wachsender Angst: „Herr jöises, jöises, jöises!“

Mit dem Kinn in der Hand, studierte Martl das Aussehen der Patientin und brüllte: „Wie! Streck amal dein Züngl aussi!“

Punkl tat es.

„Lang gnug wär’s!“

„Was hast gsagt?“ Nach dieser flinken Frage puffte die Alte gleich den krebsroten Lecker wieder heraus.

„Dein Pratzl tu her! Dass ich den Geblütschlag visatieren kann.“

„O heilige Maaarja!“, klagte Punkl. „Was meinst denn, dass mir fehlt?“

Er schrie ihr ins Ohr: „Jetzt drah dich um a bissl!“

Die Patientin begann obstinat zu werden. „Na, na, na, dös tu ich net. Hint aussi fehlt mir gar nix. Da bin ich gsund.“

„Umdrahn, sag ich! Der Dokter muss alls beaugenscheinigen.“ Martl wirbelte die Alte energisch herum und legte das Ohr an ihren Rücken, tief unten, wo er schon anfängt, anders zu heißen. Und während die Alte sich in steigendem Schreck bekreuzigte, staunte der Medikus: „Herrgottsakra, da drin rumpelt’s wie in der Kaffeemühl!“ Kopfschüttelnd richtete er sich auf. „Da kenn ich mich noch allweil net aus. Wärst a Kuh, so wüsst ich schon lang, wie ich dran bin mit dir. Aber ’s Menschliche hat seine Hakerln. Tu mir amal dein’ Zustand a noch bissl diffanieren!“

„Mein, es tut mich halt gar nix freuen!“, trenzte die Alte wie ein Kind, das nah am Weinen ist. „Bald tut’s mich frieren, bald muss ich schwitzen. Und allweil betrüben mich so gspaßige Traurigkeiten. Allweil tu ich ebbes mängeln und weiß net, was. Und so viel harte Nächt schickt mir der liebe Gott! Ich sag dir’s, Martl: Oft liegt’s mir wie a paar Zentner auf der Magengrub. Und allweil muss ich von die Mannsbilder träumen.“

„Ah sooooo?“ Weil die zwei andern lachten, zürnte der weise Mann: „Dös is fein gar nix zum Lustigsein! Dös is a gfahrlicher Zustand!“

„Jöises, jöises, jöises!“ Unter Tränen streckte Punkl die Zunge wieder heraus.

Da sagte Lenzl mit wunderlich schrillen Lauten: „Ich kunnt dir schon sagen, was dir fehlt! Hungerleiden is hart. Bloß ich kann’s. Die andern sterben dran.“ Seine Augen irrten, während er mit der Hand die Stirne rieb. „Was hab ich denn sagen wollen?“ Er sah die Alte an und konnte lachen.“

„Ös zwei! Geht’s a bissl auf d’ Seiten!“, befahl der Doktermartl. „Jetzt muss ich mit der Punkl medazinisch reden.“

„Ui jegerl!“ Kichernd zog Monika den Lenzl zum Stall hinüber. Und Punkl fragte in Angst: „Was is denn? Was is denn? Is dös ebbes Ansteckets? Oder muss ich ebba schon bald sterben?“

Martl wollte reden, blieb stumm und besann sich.

„Malefiz noch amal, wie mach ich denn jetzt dös?“

„Was hast gsagt?“

Er brüllte der Alten ins Ohr: „Mit dir lasst sich ’s Medazinische schwer verhandeln. Weil man schreien muss, dass d’ Leut alles hören.“

„Muss ich sterben?“, wimmerte Punkl. „Muss ich sterben?“

Ohne ihre Klage zu beachten, rief Martl zum Stall hinüber: „Ös zwei! Halts enk d’ Ohrwascheln a bissl zu!“ Gleich steckten die beiden ihre Zeigefinger als Stöpsel in die Ohren.

„Martele, liebs Martele, so sag mir doch um Gotts willen: Muss ich sterben?“

„Ah na! Du kannst hundert Jahr alt werden. Aber plagen wird’s dich noch bis an dein tugendhäftiges Lebensende. Dös is a Naturgsetz.“

Um der hundert Jahre willen wagte die Alte ein bisschen aufzuatmen. „Was hab ich denn nacher für a Leiden?“

Mit Löwenstimme verkündete der Isartaler Äskulap: „D’ Altjungfernkrankheit hast! Da hat sich ’s verhaltene Geblüt auf d’ Nerviatur gschlagen. Und dös wumselt und rumpelt a so in dir. Naturgesetz! Da kannst nix machen. D’ Unschuld is ebbes Schöns. Aber wann s’ gar z’ lang dauert, hat s’ ihre Mucken. Da säuerlt s’ in eim Menschen wie ’s Bier im überständigen Fassl!“

„Gelt, ja? Gelt, ja?“, pflichtete Punkl in heißem Eifer bei. „Oft schon hab ich mir denkt: Ich hätte net so fest bleiben sollen vor a zwanzg a dreißg Jahr. Jetzt hab ich den Schaden. Jöises, jöises! Aber da wird man ja doch um Gotts willen noch helfen können?“

„Bei dir?“ Nach kurzer Betrachtung der Patientin erklärte Martl entschiedne und im reinsten Hochdeutsch: „Nein!“ Dann rief er zum Stall hinüber: „So, ös zwei, kommts wieder her da!“

Nachdenklich kraute Punkl sich hinter den Ohren und murmelte vor sich hin: „Da muss ich mich a bissl umschaun – dass ich mei’ Gsundheit wieder find.“

„Grüß Gott beinander!“, klang die Stimme Friedls, der über den Hang des Steiges herauftauchte. Ihm voraus lief Bürschl, der winselnd in der Hüttenstube verschwand.

Von allen wurde Friedl begrüßt. „Schau, schau“, sagte Monika, als sie ihm die Hand reichte, „bist schon wieder da? Seit vierzehn Täg is ja der Modei ihr Hütten ’s reine Pirschhäusl! Da geht der Jager aus und ein wie der Pfarr in der Sakristei.“

„Sei net neidisch!“, fiel der Doktermartl ein. „Du wirst auch dein’ trosthaften Kapuziner haben!“

Lachend versetzte ihm das Mädel ein Puff und ging zum Brunnen.

Der Jäger stieg zur Hüttentür hinauf. Als er an Lenzl vorbeikam, fragte er leise: „Wie geht’s ihr denn?“

„Gut!“, flüsterte Lenzl, während Friedl Gewehr und Bergstock neben der Tür an die Hüttenwand lehnte. „Modei, geh, komm aussi, es is wer da!“

„Ja“, klang die Stimme der Sennerin aus der Hütte, „der Bürschl hat sein’ Herrn schon bei mir angmeldt.“ Modei trat unter die Tür und reichte dem Jäger die Hand. „Grüß dich Gott! Wie geht’s dir denn?“

Friedl lachte mit heißem Gesicht. „Gut geht’s mir, jetzt schon gar!“

„Bist gestern auf d’ Nacht gut heimkommen?“

„Gwiss auch noch! Wirst dich doch net gsorgt haben um mich?“

„Mein, weil’s gar so finster war, wie d’ fort bist. Aber jetzt musst mich schon a paar Minuten verentschuldigen, bis ich drin vollends zammgräumt hab. Schau, hast ja derweil Gsellschaft da.“ Modei nickte ihm lächelnd zu und kehrte in die Hütte zurück.

„Lass dich net aufhalten!“, rief ihr Friedl nach. „Z’erst d’ Arbeit und nacher ’s Vergnügen, sagt der Herr Pfarr, wann er von der Kirch ins Wirtshaus geht.“ Er trat zu den andern.

„Soooo!“, sagte eben der Doktermartl nach einer ausgiebigen Prise seines Schnupftabaks. „Jetzt hab ich klare Augen für’n Heimweg.“

„Aber! Martl! Du wirst doch net gehen, grad weil ich komm?“

„Ah na! Mit dir bin ich allweil gern beinand, du Seelenräuber!“ Freundlich betrachtete Martl den Jäger. „Aber es tut schon baldzwielichtln, der Heimweg is weit, und müd bin ich. Der Diskurs mit die vielen Rindviecher hat a geistige Abspannung bei mir veranlasst. Ja, mein Lieber! ’s Doktern! Dös is an aufreibende Arbet. D’ Viecher mach ich gsund, und ich selber geh drauf dabei. No also, pfüe Gott mitanand!“

Da erwachte die alte Punkl aus ihrer kummervollen Gedankenarbeit. Sie schien einen hoffnungsreichen Einfall zu haben. „Hö! Martl! Wart noch a bissl! Zu dir hab ich a Zutrauen.“

„Mar’ und Joseph!“ In drolligem Entsetzen flüchtete Martl über den Steig hinunter. „Bloß jetzt kein Naturgsetz!“

„Jöises, jöises, so lass dir doch a bissl Zeit. Ich muss dich medazinisch noch ebbes fragen.“ Die Alte zappelte unter hoffnungsfreudigem Grinsen hinter dem Verschwundenen her. Und vom Brunnen rief lustig die Monika herunter: „Du, Viechdokter! Jetzt brauchst an guten Schutzengel. Sonst passiert dir ebbes!“

Verwundert fragte Friedl: „Was hat denn die Alte?“

Lenzl zuckte die Achseln. „Gsund möchte s’ halt sein.“

„Was hat s# denn für a Krankheit?“

„Die gleiche wie du. Bloß a bissl anders.“

„Geh, du Narr du!“ Der Jäger lachte. „Ich? Und krank? Ah na! Gsund bin ich allweil.“

„Grad von der Gsundheit kommen die ärgsten Leiden.“

„Aber Lenzl! Hat’s dich heut schon wieder?“

Leise lachte der Alte. „Wie gscheider einer wird, umso leichter glauben die andern, dass er a Narr is.“ Er spähte zur Hüttentür hinüber. „Lus auf, ich weiß dir was Neus.“ Unter hetzendem Geflüster erzählte er von der Botschaft, die Blasi durch den Doktermartl hatte ausrichten lassen.

In Erregung lauschte Firedl und hörte mit Freude, wie Modei den Botengänger abgefertigt hatte. Zögernd fragte er: „Hat d’ Schwester gweint?“

„Net an einzigs Zahrl!“ In Lenzls Augen brannte eine wilde Freude. „Es macht sich, Friedl, es macht sich! Und alle miteinander halten wir Stuhlfest, du und d’ Schwester, und ich und ’s Lisei. Und Balken spreißen wir eini untern Tanzboden. Und nachher –“ Sein verstörter Blick suchte im Leeren. „Was hab ich denn sagen wollen? Steh ich schon lang bei dir vor der Hütten da? Es kommt mir so für, als tät’s hundert Jahr her sein, derzeit wir gredt haben mitanand!“ Den Kopf schüttelnd, ging er davon und murmelte: „Gspaßig, was unserm Herrgott für Sachen einfallen!“ Müd, wie ein an allen Gliedern Zerbrochener, stieg er gegen den Berghang hinauf, über den schon die ersten Schatten des Abends fielen.

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