Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

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      Ludwig Ganghofer
         Der Jäger von Fall
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            Vorspiel
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            Kapitel 8
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Kapitel 5

Das Grau der ersten Dämmerung lag noch über den Bergen, als Benno am anderen Morgen von Friedl geweckt wurde. Rasch war er auf den Beinen und schüttelte das Heu von sich. Am Brunnen wusch er Gesicht und Hände.

Friedl war ihm vorausgegangen und fand an Modeis Hüttenstube die Tür schon offen. Als er mit freundlichem Gruß in den Kaser trat, sah er Lenzl und seine Schwester am Herd sitzen, auf dem schon ein Feuer flackerte.

„Was is denn, Modei? Hast du’s mit der Arbeit so nötig, dass du schon vor’m Tag auf die Füß bist?“

In Lenzls Augen hatte es wie Freude geblitzt, als er den Jäger eintreten sah. Er wollte aufspringen. Ein Blick der Schwester hielt ihn am Herde fest. Sie ging auf Friedl zu und reichte ihm die Hand. „Ich bin net schlafen gangen. Seit ein paar Tag is a Stückl Vieh net gut. Heut in der Nacht war’s schlecht mit ihm. Drum hab ich mich heut net niederlegen können.“

Friedl erschrak. Modei hatte nie viel Farbe gehabt; jetzt schien auch der letzte Tropfen Blut aus ihren Wangen verschwunden zu sein. Dazu lag die Müdigkeit einer in Schmerzen durchwachten Nacht in ihren bleichen Zügen. Einen Blick nur brauchte Friedl auf ihr abgehärmtes Gesicht zu werfen, um zu wissen, dass Modei, wenn auch keine Lüge, doch auch die Wahrheit nicht gesagt hatte. Was war geschehen? Es legte sich ihm bei dieser Frage wie eine eiserne Klammer um das Herz. Wusste er doch allzu gut, wer gestern noch gekommen war!

Modei hatte keine Ahnung, dass der Jäger ihr gehütetes Geheimnis kannte. Was Friedl nicht durch eigene Beobachtung erkundet hatte, erfuhr er aus dem für ihn immer mitteilsamen Mund des Alen, der ihn bei allen Sorgen um die Schwester zum Vertrauten gewählt hatte, gerade ihn, der am allerwenigsten dazu passte. Wie hatten Zorn und Eifersucht im Herzen des Jägers oft getobt bei allem, was er da hören musste! Seine tiefe, treue Neigung hatte immer wieder die Oberhand gewonnen über jedes erbitterte Gefühl.

Dieses Treue und Heiße lag auch jetzt in seinem Blick. Es war gut, dass Benno in die Hüttenstube trat. Sonst hätte Friedl wohl kaum die Frage zurückgehalten, die sich aus seinem gepressten Herzen herausdrängte.

Während Benno sich auf die Bank setzte, nahm Friedl seinen Platz auf dem Herdrand neben Lenzl. Modei ging ab und zu, um zu holen, was sie für Benno brauchte. Während sie still am Herd stand, um das Sieden des Wassers abzuwarten, plauderten Friedl und Lenzl von allerlei Dingen. Ob wohl am Tage, der schön zu werden versprach, das gute Wetter anhalten würde – dass ein baldiger Regen Not täte, weil das Quellwasser zu versiegen begänne – und von anderem mehr.

Dann trank Benno seinen Kaffee, lobte ihn redlich und machte Modei um ihrer Kochkunst willen Komplimente; schließlich bat er noch um ein Glas Wasser. Kaum war Modei zur Türe draußen, als Friedl schon einen stummen, bang fragenden Blick auf Lenzl warf. Der Alte flüsterte in Friedls Ohr: „Am Abend wart ich beim Heustadl auf dich.“

Ein paar Minuten später machte Benno sich mit dem Jäger auf den Weg. Als Friedl der Sennerin die Hand reichte, klang seine Stimme so warm und herzlich, dass das Mädel betroffen zu ihm aufsah.

Eine gute Stunde hatten die beiden Jäger zu steigen, bis sie den Grat des Berges erreichten. Droben machten sie Rast, um der aufgehenden Sonne zuzuschauen, wie sie erst mit zarten Farben die lang gezogenen Wolken säumte und dann mit leuchtendem Rot die felsigen Höhen übergoss. Dort unten auf weiter Alm lagen Punkls und Modeis Hütten, und in ferner Tiefe das kleine Tal von Fall, über dem noch die Nebel und Schatten des frühen Morgens schwebten.

Friedl nahm sein Fernrohr aus dem Rucksack und richtete das Glas auf eine der Hütten da drunten. Er sah die Sennerin – sie saß auf der Steinbank vor der Tür, hielt die Hände hinter dem Nacken verschlungen und lehnte den Kopf an die Hüttenwand, regungslos aufblickend zum lichten Morgenhimmel.

Benno musste zum Aufbruch mahnen. Der Jagdeifer zuckte ihm in allen Gliedern.

Während die beiden über den Grat hinaufstiegen, der die Landesgrenze zwischen Bayern und Tirol bildet, war Friedl wortkarg und zerstreut. Sonst, wenn Benno mit ihm ausgezogen, hatte Friedl ihn auf alles Sehenswerte aufmerksam gemacht, hatte ihm jede Wildfährte, jeden Wechsel und jeden Steig gezeigt. Heute war er schweigsam. Freilich verlor sich seine Zerstreutheit ein wenig, als sie in Wildnähe kamen; gesprächiger wurde er nicht, eher noch stiller; aber das war jetzt jene vorsichtige Stille des Jägers, die das Geräusch eines rollenden Kiesels scheut, das Knarren der Schuhe und das Klirren des Bergstockes.

Mühsam waren sie den steilen Pfad zur Höhe des Stierjoches empor geklettert. Von hier aus bis hinüber zum Torjoch zieht sich das Luderergewänd, dessen zerrissener Gurt gegen Fall in nackten steilen Felsen abfällt. Diese Wände sind im heißen Sommer ein Lieblingsaufenthalt der Gämsen, die vor der brennenden Sonnenhitze Kühlung finden auf den Schneeresten in den schattigen Klüften.

Langsam pirschten die beiden den Grat entlang, lautlos auf- und niedersteigend über seine Buckeln und Risse. Manchmal legten sie sich an gedeckten Stellen nieder auf die Erde und spähten über die Wände hinunter in die Gräben und Felslöcher. Da sahen sie bald ein größeres Rudel, bald wieder einzelne Gämsen auf den Sandreisen und Latschenhängen äsen. Wenn Friedl einen Bock erkannte, lagen sie auf langer Pass, ob sich das Wild nicht den Wänden und auf Schussweite nähern würde. Diese Hoffnung wurde immer getäuscht; es war noch früh am Tag, die Sonne brannte nicht allzu heiß, und so ästen die Gämsen zwischen den Latschen oder taten sich auf freiem Gehäng zur Ruhe nieder.

Benno begann verdrießlich zu werden, aber Friedl vertröstete ihn auf den heißeren Mittag.

Stunde um Stunde hatten sie mit Passen und Pirschen verbracht, als Friedl, der über eine Felswand hinuntergeblickt hatte, hastig zurückfuhr, sich auf die Erde warf und Benno zuwinkte, ein gleiches zu tun. Vorsichtig schoben sie den Kopf bis zu den Augen über die Felskante hinaus. „Sehen S’ ihn, Herr Doktor?“, flüsterte Friedl. Benno nickte; gleich auf den ersten Blick hatte er den Gamsbock erspäht, der am Fuß der Wand auf einem schmutzigen Schneefleck ruhte. Hastig griff Benno nach seiner Büchse; Friedl flüsterte: „Nur langsam! Lassen S’ Ihnen Zeit und verschnaufen S’ z’erst a bissl!“ Bennos Gesicht glühte vor Erregung, als er an seiner Büchsflinte den Hahn des Kugellaufes spannte. „Schauen S’ ihn nur recht schön sauber zamm“, mahnte Friedl, „am Platz muss er liegen bleiben. Wir haben kein’ Hund net bei uns.“

Da krachte der Schuss. Das Wild sprang auf, und in wilder Flucht ging’s dahin, ein Stück die Wand entlang, dann hinunter über Geröll und Latschen.

„Auweh, Herr Dokter! Den haben S’ aber sauber gfehlt!“, brummte Friedl.

Benno schüttelte den Kopf. „Das ist nicht möglich! Der Bock ist getroffen, gut getroffen!“

„Wann Sie’s glauben! Steigen wir halt abi zum Schussplatz, damit S’ Ihnen überzeugen können.“

Wäre Friedl allein gewesen, er wäre gleich an Ort und Stelle hinunter gestiegen; Bennos Mut und Gewandtheit wollte er ohne Zwang nicht auf die Probe stellen. Sie schritten den Grat entlang einer Stelle zu, wo der Abstieg weniger mühsam und gefährlich war.

Als sie den Schneefleck erreichten, auf dem der Bock gelegen, untersuchte Friedl auf das genaueste die Lagerstatt und die Fährte, konnte aber weder ein abgeschossenes Haar entdecken noch eine Spur von Schweiß. „Schauen S’ selber, Herr Dokter! Nix is!“, brummte er. „Jetzt schamen S’ Ihnen aber! Der is daglegen – mit’m Hut hätt man ihn umwerfen können!“

Benno wollte nicht glauben, dass er einen so schlechten Schuss getan. Ärgerlich glitt sein Blick über Schnee und Geröll, und langsam stieg er am Fuß der Felswand den Weg entlang, den der Bock auf seiner Flucht genommen hatte. Plötzlich neigte er sich gegen einen vorspringenden Felsen und stieß einen Juhschrei aus. „Friedl! Da ist Schweiß! Ein Tropfen! Ganz frisch!“

Flink sprang der Jäger herbei und sah in halber Mannshöhe vom Boden einen roten Tropfen am Felsen hängen. „Was dös für a Schuss is, dös kann ich bei Gott net begreifen! Wann’s a Streifschuss auf der Seiten wär, hätten wir am Schnee ebbes finden müssen. Also müssen S’ ihn am Kreuz troffen haben. Sonst kunnt auch der Schweißtropfen net so weit in der Höh sein. Aber nacher wär der Bock am Platz blieben, oder ich hätt sehen müssen, dass ihm ebbes fehlt. Freilich, so a Bock hat oft a Leben, zaacher als a Katz. Sakra, sakra! Wie sollen wir jetzt den Bock finden?“

Da klang eine lachende Stimme über die Felswand herunter: „Friedl, was machst denn da?“ Ein braunes, bärtiges Gesicht neigte sich über den Absturz heraus.

„Jeh, Anderl! Grüß dich Gott! Wie kommst denn du daher?“, rief Friedl hinauf.

„Den Schuss hab ich ghört und bin drauf zugangen. Es kunnt ja sein, dass wer andrer gschossen hätt.“

„Wer ist das?“, fragte Benno.

„A Jagdgehilf von der Hinterriß, der Anderl!“, erwiderte Friedl. Dann rief er in die Höhe: „Hast dein’ Hund bei dir?“

„Ja!“

„Dös is gscheid! Da kannst uns an Gamsbock suchen helfen. A paar hundert Schritt weiter vorn is a guter Abstieg.“

„Ah was!“, klang es von droben. „Ich steig gleich da übers Wandl abi! Komm her, Bürschl!“ Das braune Gesicht dort oben verschwand. Dann kam die ganze Gestalt des Jägers an einem Felseinschnitt des Grates zum Vorschein. Erst warf er seinen Bergstock herab, der unten mit der Spitze tief in den Sand fuhr. Nun betrat er selbst den steilen Weg. Die Büchse über dem Rücken, und Brust und Wange eng angedrückt an die Felswand, so klomm er langsam herunter, mit den Füßen immer vorsichtig voranstastend nach einer Steinecke oder einer Wandschrunde; aus seinem Rucksack guckte dabei der weiß und schwarz gesprenkelte Kopf seines Hundes heraus, der den Hals reckte und unruhig in die Tiefe blinzelte.

Als Anderl unten anlangte, schüttelte er Bennos und Friedls Hand und zog den Bergstock aus dem Sande. „Geh, sei so gut und nimm mir den Bürschl aus’m Rucksack!“ Friedl fasste den Hund an der Nackenhaut und zog ihn lachend an die Luft. „Is dir a bissl grausig z’mut worden, Bürscherl?“ Er setzte den Hund auf die Erde und klopfte ihm schmeichelnd den Rücken; es war ein schönes, zierliches Tier; freudig winselnd, sprang es an Friedl hinauf und schmiegte den Kopf an seinen Schenkel; man sah es dem Hunde an, wie wohl ihm die Liebkosung tat. „Du, dein Bürschl hat’s aber gern, wann einer gut mit ihm is! Mir scheint, der kriegt bei dir mehr Schläg als z’essen!“

„Da kannst recht haben! Mit Jagdhund und Weiberleut is auf d’ Läng kein Auskommen, wann s’ einer net durchhaut alle Täg.“

„Geh, mich dauert er, der arme Kerl! Schau, da hätt er an mir an bessern Herrn!“

„Kannst ihn gleich haben, wann d’ ihn magst! Vierzg Markln, und der Handle is fertig.“

„Gilt schon!“, rief Friedl und streckte dem Jäger die Hand hin.

„Und ich zahle die vierzig Mark“, fiel Benno ein, „wenn er den Bock findet. Kann er was, der Hund?“

Beleidigt fuhr Anderl auf. „A meiniger Hund? Ob der ebbes kann? Der versteht mehr von der Jagerei als wir alle drei mitanand. Da können S’ an zweiten suchen, Herr! Aber wissen S’, ich bin so a vergrimmts Luder, ich muss mich mit dem Hund schon ärgern, wann er nach einer Fliegen schnappt. Drum is besser, ich gib ihn weg. Ich tät ihn noch amal in der Wut derschlagen. Da wär doch schad drum.“

„Gelt, Bürscherl, wir zwei kennen uns schon!“, schmeichelte Friedl, während er dem Hund die Leine um den Hals legte. Längst hatte Bürschl der Gamsfährte zugewindet, und als ihn Friedl an die Felswand führte, senkte der Hund die Nase, zog die Leine straff und spürte über das Geröll hin. Benno und Anderl stiegen hinter Friedl her, und je weiter sie die Fährte den Berg hinunter verfolgten, um so häufiger und stärker wurden die Schweißspuren, um so hitziger wurde der Hund. Endlich hielten sie vor einem wirr verwachsenen Latschendickicht, das ein weiteres Vordringen der Jäger unmöglich machte. Friedl ordnete an, dass Anderl zur Felswand zurück steigen, Benno aber den bequemeren Weg einschlagen, das Dickicht von unten umgehen und sich dort auf einer Lichtung aufstellen sollte, die er ihm genau bezeichnete. Es dauerte eine geraume Weile, bis Friedl den Pfiff hörte, der ihm Bennos Eintreffen auf seinem Platz anzeigte. Fiebernd und winselnd hatte Bürschl an der Leine gezogen, und als er nun gelöst wurde, sprang er mit langen Sätzen in das Dickicht. Kaum eine Minute war verflossen, als der Hund schon Laut gab; dann polterten Steine, Äste knackten, ein paar Mal sah Friedl den Kopf des Gamsbockes im Sprung über die schwankenden Zweige herauftauchen; dazwischen klang das helle Geläut des Hundes; jetzt krachte drunten, wo Benno stand, ein Schuss, und über die Felswand rollte das Echo her. Nun war alles still. Dann hörte Friedl das Läuten des Hundes weit da drüben, wo unter hohen Fichten die weißen Holzwände der neuen Jagdhütte herüberblickten.

„Zum Teufel noch amal!“ Friedl sprang, die Büchse in der Hand, hinunter zu Benno. „Was is denn, Herr Dokter?“

„Da vorn ist der Bock heraus! Benno deutete mit dem Bergstock die Richtung an. „Gefehlt hab ich ihn nicht, doch muss ich in der Flucht zu kurz geschossen haben.“

Friedl legte die hohle Hand hinter das Ohr und lauschte. „Der Hund gibt Standlaut. Herr Dokter, den Bock kriegen wir! Drunt am Wasser steht er. Da muss er arg krank sein. Flink, Herr Dokter!“

„Aber der Anderl?“

„Der findt uns schon!“ Friedl warf die Büchse über die Schulter und sprang der Richtung zu, aus der von Zeit zu Zeit der Standlaut des Hundes klang. Und Benno folgte.

Als sie die Jagdhütte erreichten, standen sie wieder still und horchten. „Drunt am Steig muss er sein! Dort hör ich den Hund!“, sagte Friedl, und ihm voraus sprang Benno über die Stufen hinunter, die von der Hütte zum Steige führten. Je näher er dem Laut gebenden Hunde kam, umso hastiger rannte er den schmalen Pfad entlang. Nun bog er um eine Felsecke, und da bannte die Überraschung seinen Fuß.

Zu einem dumpfen Winkel zusammenlaufend, stiegen da zwei Feldwände in Stufen und Platten hoch hinauf; überall wucherte ein gelbgrünes Moos, das dickbuschig in allen Winkeln saß, wie ein glatter Teppich die Flächen überzog oder in langen Fäden niederhing über Vorsprünge und Kanten; aus allen Fugen und Rissen quoll ein milchweißes Wasser, tropfte in zahllosen Perlen über Stein und Moos, von Platte zu Platte, und sammelte sich zu kleinen Bächen, die plätschernd und sprühend von Stufe zu Stufe sprangen und sich zu einem kleinen Fall vereinigten, von dem aus ein leichter Nebel wieder aufwärts stäubte gegen die Wände. Dunkle Lastschenbüsche und saftgrüne Almrosensträucher umrahmten dieses Bild, überleuchtet von der Nachmittagssonne, die einen feinen Farbenbogen durch die aufsteigenden Wassernebel spannte und die fallenden Tropfen funkeln, glühen und blitzen machte wie Diamanten. Dazu noch diese seltsame Staffage: Auf einer der untern Stufen Bürschl, am ganzen Leibe nass und glatt wie eine Wassermaus, mit den Vorderfüßen gegen die Wand gestellt, aufbellend zu dem Gamsbock, der hoch über ihm mit eng gestellten Läufen auf einer vorspringenden Felsplatte stand und mit starren Lichtern auf den kläffenden Hund herunteräugte.

Es war ein Bild, das auch den glühendsten Jagdeifer beschwichtigen konnte. Doch als der Bock eine Bewegung machte, wie um einen Fluchtweg auszuspähen, riss Benno flink die Büchse in Anschlag. Da fasste ihn Friedl am Arm: „Net schießen, Herr Dokter, es braucht’s nimmer.“

Noch hatte der Jäger nicht ausgesprochen, als der Bock da droben schwer und müde den Hals neigte; jetzt brachen ihm die Läufe ein, und er stürzte über die Felsplatten herunter, bis vor Bennos Füße.

„Da haben S’ ihn!“, lachte Friedl und rückte den Hut. Dann pfiff er dem Hund, strich ihm mit der Hand das Wasser vom Leib und tätschelte ihm unter schmeichelndem Lob die fiebernden Flanken. Freudig erregt und mit heißem Jägerstolz betrachtete Benno das erbeutete Wild und dachte sich dabei in seiner Studierstube schon die Stelle aus, die er nach seiner Rückkehr in die Stadt mit dem schönen schwarzen Krickl des Bockes schmücken wollte.

Friedl verschränkte dem Bock die Läufe und schwang ihn auf den Rücken. „Feist is er!“ Dann stieg er mit Benno zur Jagdhütte hinauf. Es war das ein aus Baumstämmen erbautes Häuschen, das den Dienst tuenden Jägern bei Nacht und Unwetter Herberge bot; das Innere war in zwei Räume geteilt, von denen der eine als Küche, der andere als Schlafstube diente.

Als die beiden zur Hütte kamen, legten sie Jagdzeug und Joppe ab, und während sich Benno vor der Hütte behaglich auf eine Holzbank streckte, schickte sich Friedl an, den Bock aufzubrechen. Da fand er auch Bennos erste Kugel, die zwischen den Schultern eingedrungen und im Brustknochen stecken geblieben war. Er hatte seine rote Arbeit noch nicht vollendet, als Anderl eintraf, der nun gerechtermaßen den seltsamen Schuss, die „Güte“ des Bockes und seine schönen Krickeln bestaunte. Friedl hängte das ausgeweidete Wild an einen Holznagel der Hüttenwand und schürte in der Herdstube ein Feuer an. Anderl holte Wasser von einer nahen Quelle, und bald schmorte und brodelte es in zwei eisernen Pfannen: Die Leber des erlegten Wildes für die Jäger, die Lunge für den Hund. Während Friedl gewissenhaft das werdende Mahl überwachte, saß Anderl auf einer Herdecke und rauchte aus seiner kurzen Porzellanpfeife einen Tabak von zweifelhaftem Wohlgeruch. Dabei erzählte er von seinen Jagderlebnissen in der Hinterriß, erzählte, dass ein paar Fälle von Wildseuche vorgekommen wären, dass man den Jagdherrn für einige Wochen erwarte, und dass Pater Philippus, der Seelsorger von Hinterriß, einen neuen Kräuterschnaps erfunden hätte, der ganz vorzüglich munde, besonders nüchtern genommen des Morgens, mittags vor und nach dem Essen, und abends beim Schlafengehen. „Und wachst in der Nacht a bissl auf, da schmeckt er am besten. So a Schnapserl! Wer’s net kennt, der weiß net, was dös is! Ich sag dir’s, Friedl, es wär der Müh wert, dass d’ blad amal hinter kämst in d’ Riß, um dir vom Pater Philippus so a Glasl einschenken z’lassen!“

„Ich lauf doch wegen eim Glasl Schnaps net bis in d’ Hinterriß. Da möchte der Förstner a schöns Gsicht machen, wann ich um Urlaub zum Schnapsen einkäm.“

„So such dir an andern Fürwand! Vielleicht gehst deim verehrten Freund und Spezi auf d’ Hochzeit?“

„Hochzeit? Wer macht denn Hochzeit?“

„Weißt denn du nix davon, dass der Huisenblasi in sechs Wochen dem Grenzbauern von Hinterriß sein Madl heiret, die Margaret?“

Friedl erschrak. Er dachte an Modei und an alles Leid, das diese Nachricht ausschütten musste über ihr Leben. Er sah sie wieder, wie sie am Morgen vor ihm gestanden, bleich und stumm. Nun wusste er zu deuten, was am verwichenen Abend in Modeis Hütte geschehen war. Er sprang vom Herd auf. Ihm war, als müsste er hinausstürmen zur Tür, hinüber zu der einsamen Hütte.

Anderl guckte verdutzt an ihm hinauf. „Bub, was hast denn auf amal?“

Schweigend ließ sich Friedl auf die Herdbank nieder und hob den Hund zu sich herauf, der aufmerksam die beiden Töpfe beäugt hatte, aus denen der Dampf sich empor kräuselte zur Hüttendecke. Friedl streichelte dem Hund die glänzende Stirn, und als Bürschl unter dem Behagen dieser Liebkosung sich an ihm hinaufstreckte, drückte der Jäger sein Gesicht an den Kopf des Tieres.

Anderl lachte. „Du wirst den Hund bald verzogen haben! Aber über den Hisenblasi, scheint’s, is net gut reden mit dir? Hast schon recht! Wenn man auch in der letzten Zeit nix mehr ghört hat – lassen hat er ’s Wildern deswegen doch net. Da könnts ös in Fall enk gratalieren zu seiner Hochzeit. D’ Margaretl is a Scharfe. Dö hat Haar auf die Zähn und wird ihm ’s Wildern schon austreiben.“

Friedl nickte, ließ den Hund zu Boden springen und rief Benno zur Mahlzeit in die Hütte.

Während die drei den bescheidenen Jägerschmaus hielten, erging sich Benno in lustigen Vermutungen, ob der bedauernswerte Gamsbock sich am Morgen wohl gedacht hätte, dass er noch vor dem Abend mit Leber und Nieren den Heißhunger seiner Mörder stillen müsste.

Bei Friedl war es freilich nicht weit her mit dem Heißhunger. Dafür ließen es sich Benno und Anderl umso besser schmecken.

Sie kamen dann überein, dass Anderl Benno auf dem Heimweg begleiten und den erlegten Bock nach Fall hinunter tragen sollte, weil Friedl, wie er vorgab, seinen Aufsichtsposten nicht verlassen durfte. Für Anderl machte es keinen Unterschied, ob er über die Berge oder durch das Tal nach Hause wanderte. Er ging umso lieber auf den Vorschlag ein, als dabei ein gutes Trinkgeld für ihn herausschaute und er sich überdies wegen der vierzig Mark für den Hund nicht auf ein späteres Zusammentreffen mit Benno vertrösten musste. Vergnügt lud er den schweren Bock auf seinen Rücken. Friedl sperrte die Hüttentür ab und folgte den beiden. Wo vom talwärts führenden Pfad der Steig zu Modeis Hütte abzweigte, bot er ihnen die Hand zum Abschied. Dann schritten Anderl und Benno weiter. Friedl blieb zurück und lockte mit schmeichelnden Worten den Hund. Bürschl drehte den Kopf, schüttelte die Ohren und surrte, als Anderl an einer Biegung des Weges verschwand, in langen Sätzen den Steig hinunter.

„Bürschl! Bürschl! Da komm her!“, lockte Friedl. Der Hund wollte nicht hören. Anderl scheuchte ihn mit Steinwürfen zurück. Bürschl war nicht zur Umkehr zu bewegen. Auch als ihm Anderl unter einem zornigen Fluch mit dem Bergstock einen derben Hieb versetzte, sprang er winselnd nur ein bisschen auf die Seite und wäre seinem groben Herrn wieder nachgelaufen, wenn ihn Friedl nicht gefangen und an die Leine gelegt hätte, um den Zerrenden mit sich fortzuführen.

„Hundsviecher und Weiberleut, da kehr ich d’ Hand net um.“ So hörte Friedl noch die Stimme Anderls von einer Serpentine des Steiges heraufklingen. „Schmeichelst ihnen und tust ihnen alles z’leib, da haben s’ den Kopf voller Mucken und sind allweil dabei beim Ausgrasen. Dem, der s’ plagt und schlagt, dem hängen s’ an wie Kletten, und grad Arbeit hast, wann so ebbes Unkommods abschütteln willst.“

Beim Klang dieser Worte regte sich in Friedl ein Gefühl der Bitterkeit. „Da muss mannet grad a Weiberleut oder a Hundsviech sein. Was Treu heißt, scheint mir, is allweil ebbes Unkommods für die andern.“ Er beugte sich zu dem winselnden Hund hinunter und streichelte ihm den Rücken, auf dem die gesträubten Haare noch die Stelle des empfangenen Schlages kennzeichneten. Tief atmend richtete er sich auf und stieg, die sinkende Sonne hinter dem Rücken, mit raschen Schritten der Richtung von Modeis Heustadel zu, wo ihn Lenzl schon seit Stunden ungeduldig erwartete.

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