Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Der Jäger von Fall
            Titel
            Vorspiel
            Kapitel 1
            Kapitel 2
            Kapitel 3
            Kapitel 4
            Kapitel 5
            Kapitel 6
            Kapitel 7
            Kapitel 8
            Kapitel 9
            Kapitel 10
            Kapitel 11
            Kapitel 12

            Kapitel 13
            Kapitel 14
            Kapitel 15

Kapitel 4

Eine Weile war Stille. Draußen ein leises Klirren. Modei sprang auf. In die Stube trat ein hoch gewachsener, bildschöner Bursch und drehte auf er Schwelle lachend das Gesicht über die Schulter, um dem Jäger nachzuspähen. Nun sah er das Mädel an, misstrauisch und dennoch heiter. „Lang hab ich stehn müssen da draußen, in der Finstern und in der Kält.“

„Heut? Und kalt?“, sagte Modei tonlos.

„Schauern tut’s mich wie an Hund, und müd bin ich wie a Mühlesel!“ Er warf den Rucksack in den Winkel, Bergstock und Hut dazu, stieß mit dem Fuß die Tür ins Schloss, und während er zum Fenster ging und den Laden zuzog, lachte er: „Du hast freilich net Zeitlang ghabt. Was hast denn so Wichtigs verhandeln müssen mit dem jagerischen Windbeutel?“

Ein Zug von Zorn und Stolz legte sich über Modeis Stirn. Dennoch klang ihre Stimme ruhig. „Blasi? Meinst net, du hättst mir nach so langer Zeit an anders Grüßgott sagen müssen? Ich hätt mir denkt –“

„Ah, da schau!“, wurde sie von Blasi unterbrochen. „Wie ’s Maderl aufputzt is! Wo hast denn du den Buschen her? Leicht vom Jager? So was verbitt ich mir!“ Er riss ihr die Blumen vom Mieder und schleuderte sie ins Herdfeuer. „So! Jetzt möchte ich ebbes z’essen haben. Und bald!“

„D’ Hauptsach kommt bei dir allweil z’letzt!“, höhnte Lenzl, der mit aufgezogenen Beinen auf dem Herd hockte.

In Modeis Augen hatte etwas aufgeleuchtet wie hoffende Freude. „Blasi? Tust eisern?“ Wo Eifersucht brennt, ist immer noch Liebe.

Er hatte sich auf die Bank gesetzt und machte verdutzte Augen. „Ich? Und eisern? Geh, so ebbes Dumms!“ Das Wort war lachend gesagt und wirkte doch wie ein Messerstoß. Das schien er zu merken, wollte ein Pflaster legen und gab seiner Stimme einen Klang von Zärtlichkeit. „Du bist du. Ich weiß doch, was ich hab an dir. Und wann ebbes mein ghört, bin ich noch allweil sicher gwesen, dass mir kein andrer net drantappt.“

Modei blieb stumm. Ihr Bruder, der mit einem Scheit in die Kohlen stocherte, sah zu ihr hinüber und sagte gallig: „Schwester! A bissl gar viel tust dir gfallen lassen!“

„Du?“ Blasi erhob sich. „Fangst schon wieder zum hetzen an?“

„Sei halt du der Gscheider!“, sagte Modei mit erwürgtem Klang. „Vier Wochen lang hab ich dich nimmer gsehen. Und eini in d’ Hütten, und gleich muss der Unfried wieder da sein!“

„Hätt er net angfangt, der! Und was muss er denn allweil den Jager einizügeln in d’ Hütten?“

„Höi, höi!“, kicherte Lenzl. „Wann net eifern tust, da kann’s dir ja gleich sein, wer einikommt.“

„D’ Hütten kann ich ihm net verbieten“, sagte Modei müd, „er kommt halt, und a Hüttentür is allweil offen.“

„No ja, meintwegen!“, brummte Blasi. „Schau, dass ich ebbes z’essen krieg. Hungern tut mich, dass mir der Magen springt.“

Ein schrilles Lachen im Herdwinkel. „Gschwind, Schwester, tummel dich, der Herr Baron will’s haben. Hungern tut ihn, da muss er essen. Dürsten tut ihn, da muss er trinken. A fuierl mach auf, a warms! Und nacher spring eini ins Bett. So taugt’s ihm. Alle vier Wochen amal!“ Wieder das grelle Lachen. „Schwester! Du bist gnügsam!“

„Himmel Herrgott Sakrament noch amal –“ Wütend sprang Blasi auf den Alten zu.

Modei lief ihm den Weg ab. „Blasi! Um Gotts willen!“

Er wurde ruhig. „Hast recht!“ Und lachte. „Was willst denn von so eim Narren?“

Lenzls Augen funkelten. Er warf das Scheit auf die qualmenden Kohlen. „Narr? So? Narr? Für dich bin ich allweil noch gscheider, als dir lieb is.“

Modei, als sie den Burschen wehrend aus der Nähe des Bruders fortschob, fühlte, dass seine Kleider durchnässt waren wie nach schwerem Regen. Erschrocken sagte sie: „Jesus, Bub, du bist ja tropfnass am ganzen Leib! So zieh doch d’ Joppen aus und d’ Schuh! Und red a Wörtl! Es hat doch net gregnet. Wie kommst denn a so daher?“

Missmutig zerrte Blasi die Joppe herunter und begann auf der Bank die Schuhriemen zu lösen. „No ja – weil mich doch keiner net ausspionieren soll – wann ich auffikomm zu dir.“

„Von mir aus kannst dich anschaun lassen vor jedem.“ Sie stieg auf den Herd, um die nasse Joppe über die Stange zu hängen. „Dös wird nimmer offenbarer, als wie’s eh schon is.“

„Freilich, ja! Bei dir is schon a bissl ebbes an d’ Sonn kommen.“ Blasi lachte über seinen Spaß. „Deswegen muss unsereiner allweil an Aug auf sein’ Leumund haben. Da such ich mir gern an Weg aus, wo mir keiner begegnet. Heut hab ich mir denkt, ich steig durch ’s Grottenbachkamml auffi.“

„A sichers Platzl!“, höhnte der Alte im Herdwinkel. „Da därf kein Senn und kein Holzknecht einisteigen. Weil’s der beste Gamsstand is. Gelt ja?“

Mit rascher Bewegung wandte Modei das blasse Gesicht.

Der Zorn brannte in Blasis Augen. Ohne zu antworten, streifte er die Schuhe von den Füßen. „Hast keine Schlorpen, Madl? Ich kann net barfuss laufen.“

„Da hast die meinigen!“ Lenzl schleuderte die Pantoffel von seinen Füßen. „Du Prinz, du verzartelter!“

Noch immer schweigsam, Kummer und Sorge in den erweiterten Augen, stellte Modei hinter dem auflebenden Feuer die nassen Schuhe des Burschen zum Trocknen an die Wand. Sie wusch die Hände und begann den Teig zu einem Eierschmarren einzurühren.

In den klappernden Pantoffeln trat Blasi zum Herd und drehte sich vor dem Feuer hin und her, um trocken zu werden und sich zu wärmen. „No, und da bin ich halt so durchigstiegen durchs Klamml, wo ’s Wasser vom Grottenbach haushoch abifallt.“ Das erzählte er gemütlich und heiter. „Aber grad, wie ich ums Eck ummi will, da scheppert a Bergstecken. Weißt, der Hies war’s, der ander Jagdghilf. Füß muss er haben wie an Olifant. Auf a halbe Stund weit hörst ihn schon allweil. Bis de ramal an heimlichen Schützen derwischt, da spriungt noch leichter a Floh auf’n Kirchturm auffi.“ Ein munteres Lachen. „Ja, freilich, denk ich mir, du kommst mir lang schon z’spat! Und mach an Satz überm’ Bach und stell mich eini untern Fall, dass ’s Wasser wie a Dach über mich hergschossen is. Da drin is fein schön gwesen. Hinterm Wasser hat d’ Welt ausgschaut wie a buckleter Regenbogen. A gute Stund bin ich so gstanden und hab allweil gschaut. Und bin auf und davon, wie d’ Luft wieder sauber war.“ Er lachte wieder. „Und jetzt bin ich da, hab an damischen Hunger und krieg nix z’essen.“

„Musst halt Geduld haben an Schnaufer lang!“ Modeis Stimme hatte einen fremden Klang. „Oder’s nächste Mal musst an Fürreiter schicken, dass der Schmarren schon fertig auf der Bank steht, wann den Fuß einistellst in d’ Hütten.“

Verwundert sah Blasi auf und musterte das Mädel von oben bis unten, während er die Spitzen seines schwarzen Schnurrbarts drehte. Dass Modei ärgerlich wurde und diesem Ärger in Worten Luft machte, das war für ihn etwas Neues. Es erschien ihm so sonderbar, dass er nicht wusste, was er sagen sollte. Er behalf sich mit einem spöttischen Lächeln und folgte mit den Augen jeder Bewegung Modeis. Sie goss den Schmarrenteig in die eiserne Pfanne, in der das heiße Schmalz mit Gebrodel zischte.

Da klang es dünn aus dem Herdwinkel: „Du, Blasi? Hast ebba d’ Joppen um die’ Büxen ummigwickelt? Oder hat ihr ’s Wasser an Schaden bracht?“

Blasi fuhr auf. „Geht’s dich was an, du verruckter Tuifi?“ Er warf einen scheuen Blick auf Modei. „Für was soll ich denn a Büxen bei mir ghabt haben?“ Seine Stimme bekam einen zärtlichen Schmeichelton. „Wann ich zu meim Schatzl auffisteig, da bring ich a warms Herzl mit. Sonst nix.“

„So?“, spottete Lenzl. „Meinst, ich hätt’s net gsehen, wie draußen dein’ Stutzen versteckt hast hinter’m Scheiterhaufen?“

Modei trat auf den Burschen zu und fragte ernst: „Blasi? Is dös wahr?“

„Ah was, woher denn!“ Blasi lachte. „Täuscht hat er sich im Zwielicht. Auf Ehr und Seligkeit.“

„Ja, glaub’s ihm wieder!“, klang es schrill über die Herdflamme. „Glaub’s ihm wieder! Wie d’ ihm allweil glaubt hast!“

„Geh, lass ihn reden, Schatzl!“ Kosend legte Blasi den Arm um das Mädel. „Schau lieber, dass dein Bub a Bröserl zum Schlucken kriegt, dös ihm Kraft macht. Geh, sei gscheid, und tu a bissl Pfeffer in’ Schmarren eini! Pfeffer macht Blut!“

„Na, Blasi!“ Ihre Stimme war schwer. „Mit so ebbes kommst mir heut net aus. Heut musst mir d’ Wahrheit sagen.“

Er rüttelte sie munter und scherzte: „Wie denn? Was denn? Warum denn? Duuuu, Weiberl, willst mir ebba heut a kleine Predigt halten? Mir scheint, an dir is a Kapuziner verloren gangen. Bloß der Bart hätt dir noch wachsen müssen. Jöises, jöises, und dreinschauen tust! Wie der Kaplan beim heiligen Grab! Ui jegerl! Da muss ich schon Reu und Leid machen.“ Er faltete auf kindliche Art die Hände. „Heilige, gütige Jungfrau Maria, bitt für mich!“

„Höi, Schwester“, warnte Lenzl, „heut hat er ebbes Heimlichs auf der Muck! Weil er sich gar so schmalzfreundlich aufspielt. Heut treibt er’s wie der Fuchs, der vor’m Hehndl seine lustigen Unschuldshupferln macht.“

Blasi wollte auffahren, bezwang sich und lachte gemütlich.

Schweigend sah ihn das Mädel an. Dann sagte sie unmutig über die Schulter: „Gib a Ruh, Lenzl! Es is schon wahr: Allweil tust hetzen!“

Im Herdwinkel ein leises Kichern.

Blasi atmete erleichtert auf. „Gelt, Schatzl, wir zwei für uns allein, wir täten soviel gut mitanand auskommen. Aber allweil muss sich der ander zwischeneini schieben. Und da kriegt der gute Hamur allweil wieder an Riss.“ Er ging zur Bank hinüber, gähnte melodisch und lümmelte sich nieder.

Eine Weile blieb Modei bei der Pfanne beschäftigt. Dann trat sie auf den Burschen zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Schau, Blasi“, ihre Stimme hatte warmen und herzlichen Klang, „dass diemal a bissl jagern gehst, dös weiß ich doch. Aber ich hab mir allweil denkt: Wann’s amal sein därf, dass d’ mich heiretst, und wann ich dein Weib bin – da wirst wohl a bissl hören auf mich, wann ich dir so ebbes ausreden muss in Güt –“

„Freilich, ja!“, nickte er belustigt. „Ich folg dir amal, wie ’s Vögerl der Vogelmutter!“

Sie musste lächeln über dieses drollige Wort. „Versprich net z’viel! Ich bin schon zfrieden mit der Halbscheid.“

Ein kurzes Auflachen neben der qualmenden Pfanne. „Schwester! Allweil sagen d’ Leut, dass d’ Welt a runde Kugel is.“

Sie drehte verwundert das Gesicht. „Dös wird schon wahr sein.“

„Na, Schwester!“ Galliger Zorn war in der Stimme des Alten. „D’ Welt is a schiecher, ecketer Kasten. Aber für deine Augen wird ’s Eckete allweil kugelrund.“

Unwillig schalt sie zum Bruder hinüber: „Geh, fang net schon wieder an! Wie soll denn a Fried sein!“ Sie schien nach einem Wort zu suchen und fand es nicht, ging seufzend auf das Herdfeuer zu und warf mit dem eisernen Löffel die dampfende Speise in der Pfanne durcheinander. Lächelnd und mit klein gemachten Augen sah Blasi dem Mädel zu. Und Lenzl im Herdwinkel heilt die Knie mit den Armen umklammert, guckte in die züngelnden Flammen und fpiff mit leisem Gezwitscher einen Ländler vor sich hin. Die Nagelschuhe, die zum Trocknen and er Herdmauer standen, begannen in der Hitze fein zu rauchen. Da sagte Modei: „Ich hätt kein Wörtl net gredt. ’s Predigen magst net, dös weiß ich. Aber der Jager hat mir heut soviel Angst gmacht.“

Blasi wurde neugierig. „Was für einer?“

„Der Friedl.“

„Der? Ui jesses! Den fürcht ich bei der Nacht net, viel weniger am Tag. Bei dem wiegt ’s Herz an Zentner und der Verstand a Quentl. So a Millisuppen von eim Mannsbild!“

„Gib acht, du“, spottete Lenzl, „dass dir d’ Millisuppen net amal über d’ Nasen tröpfelt!“

Das überhörte Blasi. Lustig fragte er: „No, was hat er denn gsagt, der Jager?“

„Gredt hat er von eim. Aber so einer, wie der is, kannst doch du net sein! Dös kunnt ich net glauben.“ Sie ging auf den Verdutzten zu und strich ihm mit der Hand übers Haar. „Gelt, es macht dir halt a Freud, dass dir diemal a Spielhahnfederl oder a Gamsbartl abiholst?“

„No ja, freilich, weiter is nix dran.“

„Aber schau, kunnst ja doch amal mit’m Jager überzwerch graten. Jesus, Jesus, ich kann mir gar net denken, was ich anfanget, wann’s da an Unglück gäb.“

Immer heiterer wurde Blasi. „Ah was! Um mich brauchst kei’ Sorg net haben. Da käm’s halt drauf an, wer den flinkern Finger hat. Den gschwindern hab ich. Allweil. Und überall.“

„Blasi!“, stammelte Modei erbleichend. Mar’ und Joseph!“

Schnuppernd hob er die Nase und sagte sorgenvoll: „Du, mir scheint, der Schmarren brennt an.“

Wortlos nahm sie einen Teller aus der Schüsselrahme und ging zum Herd.

Lenzl kicherte und rief zu dem Burschen hinüber: „Du! Lass dir ’s kostspielige Leder net verbrennen! Deine Schuh fangen zum dämpfen an.“ Er griff nach einem der beiden Schuhe, die dunstend an der Mauer standen. „Aaaah! So ebbes von Schuhwerk! Wie a Fürst! Eiserne Greifer um und um! Dass er nur ja net ausrutscht! Und z’mittelst in der Sohlen hat er auch noch an Haufen Nägel drin!“ Immer kichernd, zählte er mit tippendem Finger: „Eins, zwei, drei, viere, fünfe, sechse, siebne, achte, neune!“ Die letzte Ziffer klang wie ein lustiger Schrei. Nun ein boshaftes Lachen. „Schwester? Merkst es bald, wie ecket die’ runde Welt is?“

Zu Tod erschrocken, riss Modei dem Bruder den Schuh aus der Hand, betrachtete ihn, griff nach dem andern, verglich die Sohlen, drehte das aschfarbene Gesicht gegen den Burschen hin und ließ die Schuhe zu Boden fallen.

Blasi war so verblüfft wie ein Kind vor dem ersten Gewitter. „Was hast denn auf amal?“ Langsam erhob er sich.

Die Hände der Sennerin zitterten, während sie die rauchende Speise aus der Pfanne auf den Teller schöpfte. „Blasi?“ Ihre Stimme war tonlos. „Hast schon amal ebbes von eim Wildschützen ghört, den d’ Jager den Neunnägel heißen?

Er guckte missmutig drein. Dann lachte er. „Ah, geh, was redst denn jetzt da!“ Hastig griff er nach seinem Schuhwerk, ging zur Bank und schleuderte die Pantoffel von den Füßen. „Soll’s am End gar ich sein? Weil zufällig meine Sohlen mit neun Nägle bschlagen sind?“ Er schlüpfte flink in die Schuhe. „Dös macht der Schuster oft a so!“

„Ja, freilich, so a Schuster macht’s allweil wieder, wie er’s gwöhnt is.“ Modei stellte den Teller mit dem Schmarren auf die Bank. „Recht gut wird er heut net graten sein.“

„Macht nix!“ Blasi lachte. „Im Hunger schmeckt eim bald ebbes.“

„Schwester!“, schrillte die Stimme des Alten. „Hörst was er sagt? Da musst a bissl drüber nachdenken!“

Zerbrochen an allen Gliedern, fiel Modei auf die Herdmauer hin. „Wie mir jetzt ums Herz is, kann ich net sagen.“

„Und herzeigen tut er sich wie der Beste!“, höhnte Lenzl. „Einer, der gfallen muss! Was Weibsleut heißt, alle kann er haben.“

„Alle?“ Unter gierigem Schlingen lachte Blasi. „Ah na!“ Er zwinkerte zu dem Mädel hinüber. „Du bist mir die einzig. Du bist mein Glück und mei’ Freud!“

„Und den ganzen Sommer bist drei Mal dagwesen. Warum? Jetzt weiß ich’s, Blasi! Weil dir mei’ Hütten bei deine heimlichen Weg kommod zum Rasten is. Und ’s ander geht drein. Zum Zeitvertreib. Und weil dir im Hunger bald ebbes schmeckt. Gelt, ja?“

„Is ja net wahr!“ Er warf einen Bissen im Mund herum. „Sakra, a bissl gar schiech is er anbrennt. Da muss man ’s Maul zruckziehn von die Zähn. Sonst kunnt’s rußige Busserln geben.“ Hurtig löffelte er weiter.

Immer ins Feuer starrend, redete sie eintönig vor sich hin: „Wann ich mir denk: Wie gwesen bist! Amal! Vor ich mich rumplauschen hab lassen. Und wann ich mir fürsag: Wie d’ jetzt bist!“ Ein wehes Lachen.

„Allweil kann man net schmeicheln!“, tröstete er mit vollem Mund. „Sie zfrieden, bist mein lieber Schatz! Und der Tuifi soll mich holen, wenn ich’s net ehrlich mein’ –“

„Anlügen tut er dich!“, fuhr es schrillend aus dem Herdwinkel heraus. „Anlügen, dass blau wirst! Falsch is er bis in d’ Seel eini!“ Das Gesicht des Weißhaarigen erstarrte, und seine Augen wurden glasig. „Gradso wie der, so hat der Grubertoni allweil dreingschaut!“ Jäh sich aufstreckend, hob er die zuckenden Hände mit den krallig gespreizten Fingern gegen die berußte Decke hinauf. „Höia! Tanzboden? Wo bleibst denn? Rührst dich noch allweil net?“

„Du! Stadt bist!“ Blasi stieß den Teller fort. „Oder ich spring amal um mit dir, dass drandenkst deiner Lebtag!“

„Zu! Nur zu!“ Immer höher gellte die Stimme des Alten, den die Herdflamme mit roten Feuerlinien umzeichnete. „Für dich gibt’s auch noch an Tanzboden, der dich derschlagt! Wie’s den andern derschlagen hat. Allweil macht unser Herrgott sauber. Der Erdboden schamt sich deintwegen eh schon fünfazwanzg Jahr lang.“

„Sakerment und –“ Den Fluch zwischen den Zähnen zerknirschend, sprang Blasi au den Kreischenden zu. Der Alte machte einen Sprung gegen die Mitte der Stube. Da drückten ihn die Fäuste des Burschen zu Boden. „Blasi!“, schrie Modei. „Den Bruder lass aus!“ Ein wilder Wehschrei, und unter Fäusten weg sprang Lenzl zur Türe, riss sie auf und huschte kichernd hinaus in die Nacht.

Blasi stierte seine Hand an, von der Blut auf den Boden tröpfelte. „Da schau her! Bissen hat er mich.“

„Wart, ich hol dir a Tüchl!“

„Ah was! Dös braucht’s net. Bleib da! Weil der ander draußen is, muss ich ebbes reden mit dir.“ Er leckte mit der Zunge über die Wunde und wischte seien Hand an der Hose sauber. „So a Verruckter is wie a Kind. Dös beißt eini, wo’s ebbes derwischt.“

„So? Meinst?“ Modei ließ sich auf die Herdmauer hinfallen. „Hat dich unser Kindl schon amal bissen?“

Mit großen Augen sah er sie an. Was sie da gesagt hatte, ging ihm über den Verstand. „Wie? Was?“ Er lachte dumm. „Hat dich ebba der Lenzl schon angsteckt mit der Narretei?“

„No also, red! Verzähl a bissl ebbes – vom Kindl!“

„Was soll ich denn da verzählen?“ In Unbehagen rührte er die Schultern und leckte wieder an der roten Hand. „A Wochen a drei oder viere hab ich’s nimmer gsehen. Der Zufall hat’s halt amal so bracht.“

Modei hob den Kopf und suchte seine Augen. „Zufall? So? Und bist mit ihm beinander im gleichen Ort!“

„Aber geh, du Narrenhaserl!“ Blasi rückte an Modeis Seite und legte den Arm um ihre Schultern. „Jetzt lass amal gscheid mit dir reden!“

„Alles will ich mir sagen lassen. Aber dös –“

„No schau, wann ich allweil nach’m Kindl umfragen tät, da müssten doch d’ Leut amal draufkommen, dass ich an Grund hab dazu.“ Er fand einen Ton voll biederer Herzlichkeit. „Wie gern ich dich hab, dös weißt doch, gelt?“

Sie sagte zögernd: „Allweil muss ich dir wieder glauben.“

„So, schau“, meinte er mit vergnügtem Lachen, „nacher is doch eh alles gut.“

„Lang hast braucht, am Anfang, bis mir den Glauben eingredt hast. Aber nacher is er wie Eisen gwesen in mir.“

„Du bist halt eine! Söllene gibt’s net viel.“

„Und wie ich mit’m Kindl gangen bin, und du hast mir fürgredt, was für an Verdruss mit deim Vatern kriegen tätst –“

Er verdrehte die Augen. „Ui jöises! Der raucht kein’ guten.“

„Schau, da hab ich dir auch wieder glaubt. Und hab kein’ Vater angeben und hab gschwiegen bis zur heutigen Stund. Und wie unser Büberl da war, und wie mir gsagt hast, du kannst mir nix geben fürs Kindl, weil dein Vater jeden Kreuzer weiß, den d’ hast –“

„Du, dös is einer! D’ Hosensäck untersucht er mir alle Täg.“

„Da hab ich mich plagt und gschunden und hab verdient für uns alle.“

„Wahr is!“ Er nickte anerkennend. „Da kann man nix sagen. Die Beste bist! Von alle! Und dös wirst derleben, dass ich mich dankbar aufweisen tu – amal.“

Dank? Für was denn an Dank? Aber schau, was d’ jetzt wieder sagst –“ Nach kurzem Schweigen fragte sie in Qual: „Blasi? Tust denn dein Kindl gar net a bissl mögen?“

„No freilich, Schatzl!“ Er wurde zärtlicher als je. „Aber schau, du hast halt für söllene Sachen den richtigen Verstand net. Wie leicht kunnt ich mich da verraten. Was da für a Suppen aussikäm! Derschlagen tät mich der Vater. Schau, da heißt’s halt abwarten in Geduld, bis unser Zeit kommt. Stadt sein! Mäuserlstad! Und allweil a bisserl schlau! Wie schlaucher, so besser.“ Hurtig zog er seine Joppe von der Herdstange herunter. „Drum hab ich mir denkt, du kunntst a bissl mithelfen und kunntst mir ebbes z’lieb tun. Magst?“

„Gern, Blasi!“, sagte sie in Freude. „Fürs Kindl tu ich alles.“

„Gelt ja! Fürs Kindl!“ Er lachte. „Und a bissl für mich – dass ich mich net allweil vor’m Vater fürchten muss.“ Aus der Brusttasche seiner Joppe zog er einen Bleistift hervor und ein zusammengefaltetes Blatt Papier. „Da hab ich ebbes Schriftlichs mitbracht – jesses, jetzt is dös Luderspapierl auch ganz nass worden!“ Er schlug das Blatt auseinander und strich es auf seinen Knien glatt. „Macht nix, lesen kann man’s schon noch! Und gelt, Schatzl, dös tust mir z’lieb und tust dich da unterschreiben. Ich hab dir an gspitzten Bleistift mitbracht.“

„Ja, komm, dös haben wir gleich.“ Modei nahm das Blatt und begann zu lesen: „Erklärung. Ich Endesunterzeichente –“

Er lachte: „Geh weiter, dös brauchst dir gar net anschaun, bloß unterschreiben musst.“ Dazu ein Kuss auf Modeis Wange.

Sie wehrte ihn lächelnd von sich ab. „Na, na, der Mensch muss allweil wissen, was er unterschreibt.“ Sie las mit halblauter Stimme: „Ich Endesunterzeichnete erkläre, dass der Bauerssohn Blasius Huisen mit meinem Kind, genannt Franzerl, gar nix zum schaffen hat, indem er der Vater nicht ist und auch nix zum zahlen hat.“ Die Hände, die das Blatt hielten, fielen ihr wie gelähmt in den Schoß. Stumm, mit ratlosen Augen sah sie ins Leere. Dann nickte sie vor sich hin. Wieder hob sie das Blatt vor die Augen. Beim Flackerschein des Kienlichtes tanzten die Buchstaben durch ihre Tränen. „Der Vater nicht ist – und auch nix zum zahlen hat.“

„Weißt, Herzerl, dös letzte, vom Zahlen, dös steht bloß a so da. Zum bedeuten hat dös nix. Drum geh, sei gscheid und tu mir den Gfallen!“ Blasi schob ihr sanft den Bleistift zwischen die Finger. „Schau, ich tu dir alles z’lieb, was d’ willst. Aber gelt, dös Papierl unterschreibst mir! Ja?“ Er atmete schwül und fuhr sich mit den Händen durch die schwarzkrausen Haare. So erwartungsvoll hing sein Blick an dem Gesicht des Mädels, dass er übersah, wie der Fensterladen sich um einen handbreiten Spalt öffnete, durch den ein funkelndes Aug in die Stube spähte.

Modei hob das entstellte Gesicht. „Blasi? Du willst heireten? Gelt? An andre!“

„Kreuz Teufel –“ Das Blut schoss ihm in die Stirn, und wütend trommelte er mit den Fingern auf die Knie. „No ja, meintwegen – amal muss ich’s allweil sagen!“ Er schlüpfte in seine Joppe. „A bissl nässelen tut s’ noch allweil. In Gottsnamen, muss ich’s halt derleiden.“

Modei stand auf und wischte mit der Schürze über das Blatt, als wären Tränen draufgefallen. Sie wollte zur Bank hinüber. Von einer Schwäche befallen, klammerte sie sich an eine Kreistersäule.

„Was is denn?“, fragte Blasi verdutzt.

„Nix! – An mein Kind hab ich denkt.“

„Allweil kommst mit söllene Wörtln, die gar net herpassen.“ Blasi trat auf sie zu und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Jetzt sei a bissl gscheid und nimm’s net gar a so schiech!“ Modei, zusammenschauernd, zog die Schulter von seiner Hand weg. „Es muss amal sein“, sprach Blasi weiter, „mein Vater hat’s ausgmacht. Ich kann net anders. Fürs Kind sorg ich schon. Auf Ehr und Seligkeit! Wann mir der Vater amal übergeben hat, bin ich der Herr. Da kann der Alte sagen, was er mag. Aber jetzt hat er halt den Leitstrang noch allweil in der Hand. Und ich muss ducken. Dös kannst doch net verlangen, dass ich mich mit Vater und Mutter verfeind.“

„Da hast recht, dös wär z’viel verlangt.“ Sie ging zum Herd und stieß ein paar Scheite ins Feuer. Die Flamme prasselte und wuchs.

„No also, schau! Da kannst mir jetzt grad amal dei’ Lieb beweisen. Gelt, bist gscheid und unterschreibst? Und tust mir noch den letzten Gfallen.“

„Den letzten, ja!“ Das sagte sie ruhig. Dann legte sie das Blatt auf die Randsteine des Herdes, netzte an den Lippen die Bleistiftspitze an und setzte zum Schreiben an.

„Schwester! Tu’s net!“, klang durch das Fenster die Stimme ihres Bruders.

Wütend ballte Blasi die Fäuste. „Allweil der wieder!“

Modei wandte das Gesicht zum Fenster, strich mit dem Arm das Haar aus der Stirne, senkte den Kopf und schrieb mit fester Hand unter die letzte Zeile ihren Namen: Maria Meier. Tief atmend, richtete sie sich auf und reichte dem Burschen das Blatt und den Bleistift. „Da! Nimm!“

Hastig griff Blasi zu. Die Freude glänzte in seinen Augen, als er das Blatt sorgsam zusammenfaltete und in die Joppentasche steckte. „Vergelts Gott, Schatzl! Du bist halt die Richtige! Dub ist die einzig, die mir gfallt. Und wann ich jetzt auch die ander haben muss –“ Lachend umschlang er sie. „Zwischen uns zwei kann’s allweil so bleiben, wie’s war!“

Da stieß ihn Modei mit den Fäusten vor die Brust, dass er taumelte. „Pfui Teufel!“ Aller Zorn und Ekel, den sie fühlte, war im Klang dieser beiden Worte. Dann konnte sie ruhig sagen: „Zwei lange Jahr hast braucht, bis ich dich mögen hab. Und mit zwei kurze Wort hast es fertig bracht, dass d’ mir zwider bist bis in d’ Seel einie!“ Ihre Stimme wurde hart. „Schau, dass d’ aussikommst! Mir graust!“

Blasi lachte. „so, so? No, mir kann’s recht sein! Da brauch ich mir grad kein’ Fürwurf machen.“ Er setzt eden Hut auf, griff nach Bergstock und Rucksack, und als er auf der Schwelle stand, rief er spöttisch über die Schulter. „Pfüe Gott, du! An andersmal!“ Pfeifend ging er davon.

Und Lenzl erschien in der Tür. „Schwester? Hörst es? Pfüe Gott sagt er.“

Unbeweglich stand Modei am Herd und sah in die Flamme. „Gott? – Gott? – Allweil sagen s’: Gott! ’s erste und ’s letzte Wörtl: Grüß Gott! Und: Pfüe Gott! Und zwischendrei und hintnach is alles a Grausen.“ Sie lachte leise. „Ob unser Herrgott weiß, was für schauderhafte Sachen sein heiliger Nam bei die Menschenleut einrahmen muss?“ Auf die Herdmauer hinfallend, griff sie nach einem Scheit, mit dem sie die glühenden Kohlen aus der Asche schob und gegen die klein gewordene Flamme hinhäufelte.

Von der Schwelle schrie Lenzl in die Nacht hinaus: „Gelt, du! Vergiss dein’ versteckten Hinterlader net!“

Unbeweglich antwortete Blasis Stimme: „Wart, du Täpp! Wir zwei wachsen noch zamm.“

„Du und ich? Ah na! Wann der Tuifi dich amal beim Gnack derwischt, hat er kei’ Zeit mehr für an andern. Da hat er Arbeit gnug mit dir allein!“

Draußen ein fideler Juhschrei und ein vergnügtes Gedudel, das sich entfernte.

In der Hütte begann das niedergebrannte Kienlicht müd zu flackern.

Lenzl ging auf die Schwester zu, beugte sich zu ihr hinunter und sagte mit einem plumpen Versuch, zu scherzen: „Um so ein’ musst dich net kränken. Den schlechten Nusskern speit einer aus und sucht sich an süßen. Sei froh, dass d’ a Witib bist! Jetzt nimmst dir an andern.“

Sie schob ihn mit dem Ellbogen von sich. „Geh schlafen! Jeds Wörtl is mir wie a Nadel im Ohr.“

Lenzl schlurfte zum Kreister hinüber. Auf halbem Wege blieb er stehen. „Hab gmeint, ich müsst a bissl Spaßetteln machen. Jetzt merk ich: Dös war ebbes Gscheids. Is einer gwöhnt ans Zwieschichtige, so derleidt er’s in der Einschicht nimmer. Da kunntst ebba durften müssen an Seel und Blut. Wann ’s Viecherl Hunger hat, muss ’s Viecherl Futter kriegen. Bloß ich kann ’s Hungerleiden. Ich muss warten, allweil warten –“

In der Nachtferne ein dumpfes Rollen und Gerassel.

Das Gesicht des Weißhaarigen erstarrte. „Hörst es?“ Seine Stimme war schrill und knabenhaft dünn. „Du? Hörst es?“

Ohne aufzublicken, sagte Modei. „Steiner sind gangen in der Wand.“

„Hörst es? Der Tanzboden rumpelt. Der lauft ihm nach. Dem kommt er net aus.“ Ein grelles Lachen. „Hörst es? Alle hat’s derschlagen. Den Grubertoni! Und ’s Lisei – mein Lisei –“ Mit einem Kichern, das sich wie ein Kinderweinen anhörte, kletterte Lenzl über die Scheiterbeige zum Kreister hinauf und wühlte sich ins Heu.

Die Kienfackel erlosch.

Modei hob den Kopf, sah verloren in den rötlichen Zwieschein der Sennstube, ließ das Holzscheit fallen und presste das Gesicht in die Hände.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.